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Full text of "Vierteljahrsschrift Für Gerichtliche Medizin Und Öffentliches Sanitätswesen ( 2. F.= N. F.) 38.1883"

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UMIVERSITY OF IOWA 



gerichtliche Medicin 


und 

öffentliches Sanitätswesen. 


Unter Mitwirkung der Königl. wissenschaftlichen Deputation 
für das Medicinalwesen im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten 


hcrausgegeben 


Dr. Hermann Eulenberg, 

tieh. Ober-Medicinal- and Vortragendem Rath im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichte- and Mediclnal-Angelegenheiten. 


Neue Folge. XXXVIII. Band. 


BERLIN, 1883. 

VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD. 

NW. 68. UNTER DEN LINDEN. 


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UNIVERSUM OF IOWA 



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UMIVERSITY OF IOWA 










I 4 u 3 J 


3+0 ■US' 

Vu - 



Inhalt 



Seite 

i. Geriohtliohe Medioin.1—111. 193—287 

1. Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. Vom Wirklichen Staats¬ 

rath und Ritter Dr. C.,v. Dicberg, Medicinal-Inspector des Gouver¬ 
nements Minsk in Russland. 1 

2. Gerichtsärztliche Beobachtungen von Dr. Ernst Hankel, Bezirksarzt 

in Glauchau. .. 15 

3. Medicinisch-forensische Erfahrungen von Medicinalrath Professor Dr. 

H. Fischer in Breslau. 27 

4. Ueber die als Neuroparalysc, Nervenschlag, Shock bezeichnete Todes- 

art vom gerichtsärztlichen Standpunkte. Von Dr. A. Wem ich, Uni- 
versitätsdocent und Bezirksphysikns in Berlin. (Schluss.) . 33 

5. War der Arbeiter M. in Folge dererlittenen Kopfverletzung gestorben? 

Mit dem Superarbitriuiri des Medicinal-Collegiumä fcu D. mitgetheilt 
vom Sanitatsrath Dt. Merneiy KSnigl. Kreis-Physiküs in Preuss. 


Stargard. , . . . . . V i"‘. . . . ’J . . . . . 58 

6. Gerichtlioh-medicinische, easuistische Mittheilungen von Reg.-Rath 

Professor Maschka. ... 71 

7. Gerichtsärztliche Fälle. Mitgetheilt vom Kreisphysikus Dr. Fielitz 

in Querfurt. ..■ . 82 

8. Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. Von 

Dr. Wilhelm Hauser. .... .... 93 

9. Sieben Gutachten über krankhafte Geisteszustände von Prof. Dr. 

C. Lim an. . *. ’. \ . . . . '. . . . . . . ; . : . . .... . 193 

10. Eifersucht oder Geisteskrankheit? * Motivirtes Gutachten von Dr. 

v. Ludwiger, Director der Prov.-Irrertänstalt zu Plagwitz.238 

11. Zum 20Öjahrigen Jubiläum der Lungenprobe. Von Prof. Dr. Blu- 

menstok in Krakau. V . . .* ■.252 

12. Medicinisch-forensische Erfahrungen von Medicinalrath Professor Dr. 

H. Fischer in Breslau. (Schluss.).270 

13. Zur Casuistik des Strangulations-Todes. Vom Kreisphysikus Dr. Falk 

in Berlin.279 

14. Zwei Fälle von strafrechtlicher Unzurechnungsfähigkeit der Epileptiker. 

Mitgetheilt von Dr. T. Frey er in Massow, stellvertretendem Kreis¬ 
physikus des Kreises Naugard.281 


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IV 


Inhalt. 


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• I.*Di&eiraionen •tfud UVsacBen* der *Lustseuchev 


Seite 

-351 


. . 112—166. 288- 
’L ustseucheverbrei tu n g in B udapcst. 

Auf At&tistisV^ dargestellt von Dr. Emil Jurkiny, 

äratJicböfe'X^n^ionsarfjÜTfcten am St. Rocbus9pital zu Budapest . . 112 

2. Aphorismen zur. d£s preussischen Hebammenwesens, einschliess¬ 

lich fciine/; Kritik* 'des Won »Herrn Geheimrath Professor Dr. Litzraann 
in Kiel 1878 bearbeiteten officiellen Lehrbuchs. Von Dr. Wachs, 
Director der Provinzial-Hebammen-Lehranstalt zu Wittenberg, Krcis- 
physikus und Geh. Sanitatsrath.123 

3. Beitrage zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. Von 

Bezirksarzt Dr. W. Hesse in Schwarzenberg.134 

4. Ein einfaches Tonnensystem mit Ventilation. Mittheilung von Dr. 

Kruse in Norderney.155 

5. Ueber Torfstreu. Von Alexander Müller .153 

6. Zur Aetiologie der Lungenentzündung. Ein Wort der Abwehr vom 

Oberstabsarzt Dr. Köhnhorn in Wesel.. . 162 

7. Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gute zu Hohburg (Reg.-Bez. Leipzig) 

während der Jahre 1874—1879. Ein Beitrag zur Aetiologie des Abdo¬ 
minaltyphus von Mcdicinalrath Dr. Butter, ärztl. Mitglied der Kgl. 
Kreish. zu Zwickau i. S. (Mit einer Skizze.).288 

8. Statistischer Bericht über die Wirksamkeit und die Erfolge des Impf- 
Instituts für animale Yaccination im Jahre 1882 (18. Jahrgang). Von 

Dr. med. Piss in, pr. Arzte zu Berlin.300 

9. Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. Von Dr. med. Albert 

Riese 11, prakt. Arzt in Echte.30S 

10. Aphorismen zur Reform des preussischen Hebammenwesens, einschliess¬ 
lich einer Kritik des von Herrn Geheimrath Professor Dr. Litzmann 
in Kiel 1878 bearbeiteten officiellen Lehrbuchs. Von Dr. Wachs, 
Director der Provinzial-Hebammen-Lehranstalt zu Wittenberg. (Schluss.) 319 

11. Das Kreiskrankenhaus, eine humane Nothwendigkeit. Von Sanitatsrath 

Dr. Rupprecht in Hettstädt. . ..329 

12. Studie zur Bevölkerungs-Statistik. Von W. Zuelzcr in Berlin. . . 337 

III. Verschiedene Mittheilungen . 167—192. 352—387 

IV. Literatur . 388-395 

V. Amtliche Verfügungen . 395—398 

Preis-Ausschreiben der allgemeinen Deutschen Ausstellung auf dem Ge¬ 
biete der Hygiene und des Rettungswesens.399 

X. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 400 
Berichtigung. Von Prof. Blumenstok.400 


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I. Gerichtliche Medicin. 


1 . 

Beitrag zur Lehre von Tode durch Erfrieren. 

Vom 

Wirklichen Staatsrath and Ritter Dr. C. v. Dleberg, 

Medicinul-Inspector des Gouvernements Minsk in Russland. 


Es ist auffallend, wie trotz der kürzlich erschienenen neuen Hand¬ 
bücher der gerichtlichen Medicin, der Tod durch Erfrieren stiefmütter¬ 
lich behandelt wird, und wie wir selbst beim vielerfahrenen Casper 
keinen einzigen Fall mit sicherer Diagnose auf Erfrieren an einem 
Erwachsenen aufgezählt finden. Ohne Zweifel sind die Temperatur¬ 
verhältnisse Deutschlands nicht dazu angethan, um häufig den Tod 
durch Erfrieren zur Beobachtung zu bringen, und das mag wol auch 
die Ursache sein, weshalb man bis jetzt sich noch immer nicht hat 
über die nächste Todesursache bei Erfrorenen einigen können. — 

Anders stehen die Verhältnisse in Russland, wo alljährlich, be¬ 
sonders in den mehr nördlichen Gegenden, eine bedeutende Zahl von 
den Secirten sich als an Frost zu Grunde gegangen erweisen, und wo 
häufig der positive Nachweis des Todes durch Erfrieren durch die 
Umstände leicht gemacht wird. 

Ferner trägt das in Russland herrschende Gesetz (Reichsgesetz¬ 
buch Bd. XIII. §. 1738. No. 4) — »jeder Todte, der mit oder ohne 
Zeichen von Verletzung aufgefunden wird, unterliegt der gerichtlichen 
Section“ — viel dazu bei, dass auch unzweifelhaft Erfrorene zur 
Section kommen, und an diesen Leichen namentlich wird es dem 
Secirenden leicht, die charakteristischen Erscheinungen des Todes 
durch Erfrieren festzustellen. — 

Im Jahre 1864 in meinen »100 gerichtliche Sectionen“*) wies 
ich an 10 genau beobachteten Fällen nach, dass zu den wichtigsten 
Erscheinungen bei dem Tode durch Erfrieren die grosse Ueberfüllung 


*) Casper’s Vierteljahrsschrift Bd. XXV. 2. 1864. 

Viert«Ijfthrssclir. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 1. 


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2 


t)r. C. v. Dieberg, 


des Herzens in allen seinen Theilen mit einem dunklen flüssigen Blute, 
in dem sich zuweilen sparsame, lockere Gerinnsel befinden, gehört. 

Seitdem sind 18 Jahre verflossen. Anfänglich nach dem Erschei¬ 
nen meiner obengenannten Arbeit war es mir möglich, die gericht¬ 
lichen Sectionen in der Art fortzusetzen, wie ich es in meiner Arbeit, 
„Das Gewicht des Körpers und seiner einzelnen Organe. Aufgenom¬ 
men in hundert gerichtlichen Sectionen“,') angegeben habe, d. h. ich 
wog jeden zu secirenden Cadaver, jedes Organ desselben besonders und 
auch das im Herzen enthaltene Quantum Blut und führte darüber 
genau Buch. Später wurde ich zum Medicinal-Inspector eines ganzen 
Gouvernements ernannt, und als solcher hatte ich nicht mehr selbst 
zu seciren, sondern musste, nachdem die Sections-Berichte aller Aerzte 
des Gouvernements in die Gouvernements-MedicinalVerwaltung zur 
Revision eingesandt waren, dieselben mit meinem Gehülfen zusammen 
durchsehen und entweder eine Bestätigung des Gutachtens oder ein 
Superarbitrium abgeben. 

Als Stadtarzt zu Kasan hatte ich noch Gelegenheit, etwa weitere 
200 Sectionen zu machen, von denen es mir möglich war, in 137 
Fällen genaue Gewichtsbestimmungen des Cadavers und der einzelnen 
Organe aufzunehraen. 

Als Medicinal-Inspector hatte ich jährlich durchschnittlich 170 
Sections-Berichte zu revidiren, und unserem Klima gemäss kommt 
dann auch in jedem Winter eine bedeutende Anzahl von Sections- 
Berichten Erfrorener zur Durchsicht. 

Unter den 137 selbst verrichteten und genau beobachteten Fällen 
hatte ich Gelegenheit, ferner 21 Mal den Tod durch Erfrieren zu beob¬ 
achten, also mit den im ersten Hundert aufgezähltcn 10 Erfrorenen 
erstreckt sich mein Material auf 31 Fälle. In allen diesen hundert 
früheren und 137 späteren Sectionen bin ich genau so verfahren, wie 
ich es früher in meinen „das Gewicht des Körpers und seiner ein¬ 
zelnen Organe“ angegeben habe, d. h. ich habe bei der Section immer 
zuerst die Brusthöhle eröffnet und nach Hinwegnahme der vorderen 
Brustwand und Eröffnung des Herzbeutels habe ich sämmtliche grossen 
Gefässe des Herzens unterbunden, um später eine genaue Bestimmung 
des Blutinhalts des Herzens machen zu können, und dann bin ich erst 
in der Section weiter fortgefahren. 

Die von mir gemachten Sectionen an Erfrorenen sind folgende. 


*) Casper’s Vierteljahrsschrift Bd. XXV. 1. 18G4. 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 


3 






Blutgehalt 

No, 

U C 

■s-s 

bp § 

Name des 
Secirten. 

Nähere den Tod begleitende Umstände. 

' 

des 

Herzens. 


«w 



Kilogrm. 


18G1. 




1. 

15. 

Bürger 

War am 14. Decbr. 1861 auf einer freien Fläche, ziem- 

0,26 


XII. 

Kusnezow. 

lieh abseits von bewohnten Häusern hart gefroren ira 
Schnee gefunden worden. Es herrschte damals eine 
strenge Kälte mit Wind. 



2. 

30. 

Unbekann- 

War am 29. Decbr. 1S61 auf freier Fläche hinter der 

0,354 


XII. 

ter Mann. 

Stadt bei strenger Kälte gefroren aufgefunden worden. 


1862. 




3. 

18.1 

Tatar 

War eines Morgens leicht bekleidet auf der Strasse 

0,298 



Gabit Ha- 

hart gefroren gefunden worden. An dem Morgen war 



litow. 

—12° R. Kälte. 


4. 

1. III. 

Gewesener 

Der Mann war am Sonnabend von Hause gegangen 

0,14 



Leibeige- 

und am nächsten Donnerstag etwa 2 Werst von der 



ner Fedo- 

Stadt im Schnee steif gefroren gefunden worden. Tem- 




row. 

peratur um —10° R. herum. 


5. 

5. X. 

Unbekann- 

War am 4. October früh Morgens ausserhalb der Stadt 

0,26 



ter Mann. 

auf der Landstrasse nicht weit von einem Kabak (Bräunt- 




weinskneipe) leicht gekleidet, ganz in Schmutz gewühlt, 
erfroren gefunden worden. Am Morgen früh war —2°R. 





und cs wehte ein sehr scharfer Nordwind. 


G. 

l.XI. 

Soldat 

Loginow. 

War am 31. October früh am Ufer des Flusses Ka- 
sanka nur mit einem Hemde und Unterhosen bekleidet 

0,273 



und barfuss todt im Schnee erfroren gefunden worden. 
Zu der Zeit zeigte das Thermometer —3°R. und es 






war ein starkes Schneewehen. 


7. 

3.XII. 

Unbekann¬ 

Bei —16°R. im Freien vor der Stadt erfroren ge¬ 

0,29 



ter Mann. 

funden worden. 


1863. 




8 

28 11. 

Bauer 

War am 25. Februar ganz ausserhalb der Stadt, ab¬ 

0,328 



Martinow. 

seits von dem Wege in sein Dorf, steif gefroren ge¬ 
funden worden. Zu der Zeit war ein starkes Schnee¬ 
gestöber mit Wind bei —15°R. 


9. 

27.111 

Tatar 

War am Morgen den 26. März auf der Strasse er¬ 

0,209 



Nasir Hai¬ 

froren gefunden worden. Altes Subjcct, mager und 




bulin. 

schlecht bekleidet, ein notorischer Trinker. In der 
Nacht war eine ziemliche Kälte, denn am Morgen um 

9 Uhr war noch das ganze Erdreich gefroren. 


10. 

9. IX 

Unbekann¬ 

War am 8. September Morgens ausserhalb der Stadt 

0,145 



ter Mann. 

in einem Sumpf todt gefunden worden. Die ganze Be¬ 
kleidung war vollständig durchnässt. Es war eine Tem¬ 
peratur von +4°R. und heftiger Wind. Der Mann war 

Beim Heraus¬ 
nehmen des 
Herzens floss 
aber aus einer 




ohne Zweifel betrunken beim Nachhausegehen in den 
Sumpf geratben und dann vollständig durchnässt liegen 
geblieben und, wenn auch bei + 4°R, durch den hefti¬ 
gen Wind an Erfrieren zu Grunde gegangen. 

schlecht an¬ 
gelegten Li¬ 
gatur ziem), 
viel Blut aus. 

11. 

7. XI. 

Unbekann¬ 

War in einer Grube ausserhalb der Stadt leicht ge¬ 

0.217 



ter Mann. 

kleidet am 5. November bei ziemlicher Kälte erfroren 
gefunden worden. 



1 * 


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4 


l)r. C. v. Üieberg, 


No. 

Tag der 
Section. 

Name des 
Secirten. 

Nähere den Tod begleitende Umstände. 

Blutgehalt 

des 

Herzens. 

Kilogrm. 

12. 

26. XI 

Ein alter 
Bettler. 

War am 25. November früh auf der Strasse erfroren 
gefunden worden. Er war sehr schlecht, nur mit Lum¬ 
pen bekleidet. Es war eine ziemliche Kälte. 

0,426 

13. 

27. XI 

Bürger 

Grotschew. 

War am 15. November von Hause gegangen und nicht 
wiedergekehrt und am 26. November ausserhalb der 
Stadt auf einer Fläche steif gefroren aufgefunden wor¬ 
den. Während der ganzen Zeit herrschte eine Kälte 
zwischen —12 und —15°R. 

0,234 

14. 

3. XII. 

Bürger 

Krupni- 

kow. 

War am 2. December bei —12°R. auf dem Eise des 
Sees Kaban unweit der Stadt erfroren gefunden worden. 
Der See Kaban ist so gelegen, dass er sich zwischen 
zwei Stadttheile der Stadt Kasan hineinschiebt, und im 
Winter der Weg über das Eis die Entfernung des einen 
Stadttheils von dem andern bedeutend abkürzt. 

0,23 

15. 

17. 

XII. 

Unbekann¬ 
tes Weib. 

War ausserhalb der Stadt am 16. December erfroren, 
von Schnee bedeckt gefunden worden. 

0,17 

16. 

19. 

XII. 

Bauer 

Makarow. 

War am 18. December auf dem Eise des Sees Kaban 
erfroren gefunden worden. 

0,2 

17. 

31. 

XII. 

Unbekann¬ 
tes Weib. 

War am 30. December auf der freien Fläche ausser¬ 
halb der Stadt erfroren im Schnee gefunden worden. 

0,234 

18. 

1864. 
4. I. 

Unbekann¬ 
ter Mann. 

War auf dem Eise des Sees Kaban am 3. Januar 
sehr leicht bekleidet gefunden worden. 

0,247 

19. 

18.1. 

Büigerin 

Demidowa. 

War am 17. Januar auf dem Eise des Sees Kaban 
erfroren gefunden worden. 

0,192 

20. 

13.11 

Bürger 

Trenin. 

War am 12. Februar am Ufer des Flusses Kasanka 
ziemlich entfernt von allen Wohnhäusern im Schnee 
erfroren gefunden worden. 

0,107 

21. 

21. III 

Bürgerin 

Gorsche- 

War am 19. März bei 0°R. im Rinnstein mit ganz 
nassen Kleidern todt gefunden worden. 

0,511 



nina. 

Summa 

5,325 




Durchschnittszahl 

0,253 


An keinem der hier aufgezählten Cadaver war irgend eine Ver¬ 
letzung oder irgend eine pathologische Veränderung innerer Organe 
bemerkt worden, welchen man den Tod hätte zuschreiben können, 
sondern wir hatten es in allen Fällen mit Leuten zu thun, die, wenn 
sic dem Frost nicht ausgesetzt gewesen wären, gewiss fortgelebt hätten. 

Ohne Zweifel waren viele der Secirten in einem betrunkenen Zu¬ 
stande der Einwirkung der Kälte erlegen; doch behaupte ich, dass in 
allen diesen Fällen die Kälte das eigentliche todtbringende Agens war. 

Betrachten wir die verzeichnete Quantität des im Herzen aufge- 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 


5 


fundenen Blutes, so wird in No. 20 das geringste Quantum mit 0,107 
und in No. 21 das grösste Quantum mit 0,511 verzeichnet. Bilden 
wir uns aus allen 21 aufgezählten Fällen eine Durchschnittszahl, so 
erhalten wir dieselbe als 0,253. 

Nehmen wir noch die 10 Fälle aus dem ersten im Jahre 1864 
veröffentlichten Hundert hinzu, so bekommen wir für alle 31 Todesfälle 
durch Erfrieren als Durchschnittszahl 0,293 Kgrm. Blut im Herzen. 

Um einen Vergleich zu haben, wie gross die Quantität des Blutes 
im Herzen bei anderen Todesarten ist, so habe ich verschiedene Durch¬ 
schnittszahlen zusammengestellt, um zu zeigen, dass bei keiner anderen 
plötzlichen Todesart constant ein so grosses Quantum Blut im Herzen 
angetroffen wird wie beim Tode durch Erfrieren. 

Zuerst habe ich alle die Fälle zusammengestellt, in welchen der 
Tod in Folge von Alkoholvergiftung erfolgt ist. Leicht ist der Ein¬ 
wand, dass alle oder der grösste Theil der hier aufgezählten Secirten 
erst an Alkoholvergiftung zu Grunde gingen und dann erst als Leiche 
gefroren waren, und da liegt es mir eben daran zu beweisen, dass 
bei dem Tode durch Alkoholvergiftung nie eine so grosse Quantität 
Blut im Herzen angetroffen wird wie bei dem Tode durch Frost. 

Wenn ich aus dem ersten Hundert und aus den späteren 137 
verzeichneten Fällen alle die zusammenstelle, in welchen der Tod ohne 
Zweifel durch Alkoholvergiftung erfolgte, also wo die Menschen schwer 
betrunken nach Hause kamen und nach einiger Zeit todt in ihrem 
Bett gefunden wurden, so habe ich im Ganzen solcher zweifellosen 
Fälle 45 aufgefunden, und erhalte als Durchschnittszahl für den Tod 
durch Alkoholvergiftung das Blutquantum im Herzen 0,072. Ver¬ 
zeichnet stehen bei mir unter diesen viele Fälle, in welchen das Herz 
ganz leer gefunden wurde, und als Maximum finde ich in einem ein¬ 
zigen Falle 0,2 notirt. Wir sehen also, dass dem Tode durch Alkohol¬ 
vergiftung die Durchschnittszahl 0,072 zukommt, während dem Tode 
durch Erfrieren 0,293, mehr als das Vierfache. Hieraus muss man 
also wol schliesscn, dass in den 31 aufgezählten Fällen der Tod 
wirklich durch Einfluss der Kälte erfolgte und nicht durch Alkohol¬ 
vergiftung. 

Um nun auch einen Vergleich anstellen zu können über das Vcr- 
hältniss des Blutgehalts im Herzen bei andern Todesarten, habe ich 
auch hier mir eine Durchschnittszahl gebildet und habe die verschie¬ 
densten plötzlichen Todesarien wie Erhängte, Ertrunkene, Vergiftete, 
Verletzte etc. zusaramengelegt und erhalte als Durchschnittszahl von 


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6 


Dr. C. v. Dieberg, 

70 Fällen 0,074, als Minimum in einigen Fällen z. B. von Ertrunkenen 
ein ganz leeres Herz, als Maximum bei einem Erhängten 0,21. — Wir 
sehen also, auch in diesen Fällen ist die Durchschnittszahl 0,074 nur 
wenig entfernt von der beim Tode durch Alkoholvergiftung ge¬ 
fundenen 0,072. 

Aus allem diesen ist deutlich zu ersehen, dass bei dem Tode 
durch Erfrieren die Quantität des im Herzen enthaltenen Blutes um 
so mehr die Quantität bei anderen Todesarten übertrifft, wenn 
man nur bei der Section darauf aufmerksam wird. Noch früher 
als ich die Wägungen der Cadaver und deren Organe vornahm, war 
mir bei den von mir verrichteten mehreren Hunderten von gericht¬ 
lichen Sectionen die grosse im Herzen enthaltene Quantität Blut bei 
Erfrorenen aufgefallen, und hauptsächlich um durch Zahlen zu be¬ 
weisen, dass diese Quantität Blut im Herzen bei Erfrorenen so sehr 
prävalirt über die bei allen anderen Todesarten, wurde ich veranlasst, 
die Wägungen der Cadaver vorzunehmen. Da es nun bei der Section 
öfters vorkam, dass bei der Eröffnung des Herzens das Blut ausfloss, 
ohne dass man im Stande war, sich über die Quantität desselben ein 
deutliches Bild zu verschaffen, so beschloss ich jedesmal, das Herz 
mit allen seinen grösseren Gefässen zu unterbinden und, aus dem 
Cadaver genommen, mit dem Blute zu wägen. Hatte ich nun so das 
Herz mit dem Blute gewogen, so wurde das Herz auf einem Teller 
geöffnet, das Blut auf demselben aufgefangen und dann das Herz ab¬ 
gewaschen, untersucht und dann wieder gewogen. Die Differenz 
gab dann das Quantum des im Herzen enthaltenen Blutes an. Auf 
diese Art war es mir möglich, immer genau das ßlutquantum des 
Herzens zu finden und durch Zahlen nachzuweisen, dass beim Tode 
durch Erfrieren sich immer eine so grosse Quantität Blut im Herzen 
vorfindet, wie es bei keiner anderen gewaltsamen Todesart so constant 
beobachtet wird. 

Giebt es von dieser Beobachtung keine Ausnahmen? Allerdings 
giebt es solche, doch beziehen sich dieselben alle auf den Tod aus 
inneren Ursachen, also Tod in Folge von Krankheit. 

Nach dem oben angeführten Gesetze heisst es weiter: No. 5. Eine 
gcrichtlich-raedicinische Leichenöffnung ist erforderlich — „wenn ein 
anscheinend gesunder Mensch plötzlich aus unbekannter Ursache 
stirbt“ — etc. 

Dieser Satz wird von der Polizei in Russland so aufgefasst, dass 
jeder, auch noch so lange kranke Mensch, wenn er nicht nach recht- 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 


7 


gläubigem Gebrauch vor dem Tode das Abendmahl erhalten hat, als 
plötzlich Gestorbener angesehen und der gerichtlichen Section unter¬ 
worfen wird. Hieraus folgt, dass ich häufig an nach längerer Krank¬ 
heit Gestorbenen, die selbst oder deren Anverwandten es vor dem Tode 
versäumt hatten, nach dem Priester zu senden, gezwungen war, eine 
Legal-Section zu machen, und dass sich bei mir unter der Rubrik 
„plötzlich Gestorbene“ Sectionen verzeichnet finden, die an in Folge 
von Pneumonie, Lungenödem, Typhus, Hirnschlagfluss, ja selbst von 
Tuberkulose etc. Verstorbenen gemacht worden sind. 

Am reichlichsten vertreten sind bei mir die Sectionen an Pneu- 
raonikern und hauptsächlich fallen diese Fälle auf den März und April 
des Jahres 1863 und 1864. Meistens betrafen diese Pneumonien alte 
Säufer, die trotz ihrer Krankheit weiter tranken und dann bald im 
Schnapsladen, bald zu Hause, bald bei der Arbeit plötzlich zusamraen- 
brachen. ln allen diesen Fällen fand ich bei der Section bald graue, 
bald rothe Hepatisation einer oder beider Lungen, und das sind die 
Fälle, die auch meistens ein ziemlich grosses Blutquantum im Herzen 
aufwiesen. Solcher Fälle habe ich 12 verzeichnet. Das geringste auf¬ 
gezeichnete Blutquantum im Herzen war 0,097, das grösste 0,272. 
Aus allen 12 Fällen erhalte ich eine Durchschnittszahl von 0,169, 
die allerdings ziemlich gross ist, doch noch lange nicht die Durch¬ 
schnittszahl 0,293 des Blutquantums im Herzen der Erfrorenen 
erreicht. 

In einem Falle von Lungentuberkulose mit Unwegsamkeit beider 
Lungen durch massenhafte Ablagerung von Tuberkeln in denselben, 
der auch als plötzlicher Tod zur Section kam, weil der Priester nicht 
rechtzeitig geholt worden war, fand ich 0,225 Blut im Herzen. 

Ferner findet man noch ein grosses Quantum Blut im Herzen 
solcher Secirten, die plötzlich an einer Herzlähmung sterben, und das 
sind gerade die Fälle, in welchen wir allerdings ein ebenso grosses 
Quantum Blut im Herzen vorfinden wie bei Erfrorenen. Zwei solcher 
Fälle habe ich beobachtet bei Typhösen, die gerade in der Acrae der 
Krankheit an Herzlähmung gestorben waren, einmal mit 0,167, das 
andere Mal mit 0,333 Blut im Herzen, und dann habe ich noch drei 
Fälle verzeichnet, in denen der Tod plötzlich durch Herzlähmung er¬ 
folgte. In allen diesen drei Fällen wurde bei der Section Herzklappen¬ 
fehler nachgewiesen und eine starke Ueberfüllung des Herzens mit 
Blut. In einem Falle fand ich 0,23, im zweiten Falle 0,255 und im 
dritten Falle gar 0,532 Blut im Herzen. Endlich sind noch drei 


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8 


Dr. G. v. Dieberg, 


Fälle zu beachten, bei denen ich auch ziemlich viel Blut im Herzen 
fand. Bei allen diesen dreien zeigte sich bei der Section eine exquisite 
Gehirnhyperämie. In einem Falle nach einer Opium-Vergiftung fand 
ich 0,269 Blut im Herzen, in zwei Fällen bei Gehirnhyperämie mit 
Bluterguss im Schädel erwies sich 0,341 und 0,242 Blut im Herzen. 

Wir sehen also, dass unter 237 secirten und gewogenen Cadavern 
nur in 21 Fällen, die alle, mit Ausnahme des Falles der Vergiftung 
durch Opium, krankhaften Zuständen zukommen, das Blutquantum 
im Herzen nahe kam dem beim Tode durch Erfrieren. 

Nachdem ich nach allem dem gezeigt habe, dass wir in allen 
Fällen ohne Ausnahme beim Tode durch Erfrieren ein stark mit Blut 
überfülltes Herz vorfinden, und dass in keiner anderen plötzlichen, 
gewaltsamen Todesart so grosse Quantitäten Blut im Herzen ange¬ 
troffen werden, kann ich nicht unterlassen zu behaupten, dass diese 
grosse Quantität Blut im Herzen ein ganz charakteristisches Zeichen 
für den Tod durch Erfrieren ist. Würde ich demnach einen Cadaver 
steif gefroren bei herrschender Kälte antreffen und erwies es sich bei 
der Section, dass keine Verletzungen und keine pathologischen Ver¬ 
änderungen in den Organen vorhanden sind, und ich fände ein sehr 
stark in allen Theilen mit Blut überfülltes Herz, in welchem sich 
auch einige lockere Gerinnsel vorfänden, so würde ich nicht anstehen 
zu behaupten, dass dieser Mensch noch lebend der Kälte ausgesetzt 
war, also den Tod durch Erfrieren gestorben ist. Fände ich umge¬ 
kehrt einen gefrorenen Leichnam, bei dem sich das Herz bei der 
Section als leer erweist, so würde ich nicht umhin können zu sagen, 
dieser Mensch war schon todt, als er dem Frost ausgesetzt wurde, 
und ich würde mich bemühen, die eigentliche Todesursache aufzufinden. 

Dass diese Ueberfüllung des Herzens mit Blut bei Leichen Er¬ 
frorener auch von Anderen beobachtet worden ist, ist bekannt; so 
hebt Ogston hervor, dass er in 13 von ihm verrichteten Sectionen 
von Leichen Erfrorener bei jeder eine ungewöhnliche Masse von Blut 
in beiden Hälften des Herzens und in den dazu gehörigen grösseren 
Blutgefässen angetroffen habe. Also in allen Fällen eine ungewöhn¬ 
liche Masse Blut in beiden Hälften des Herzens. 

Hilty 1 ) führt einen Fall von Tod durch Erfrieren an, in wel¬ 
chem er Ueberfüllung des Herzens in allen seinen Theilen mit dunklem, 
carmoisinrothem Blute, das flüssig erschien und nur wenige lockere 
Gerinnsel enthielt, antraf. 

') Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin vou Casper. 1865. III. 1. 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 


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Samson v. Himmelstiern giebt an, dass er bei Erfrorenen 
häufiger als an anderen Leichen eine Blutüberfüllung beider Herz¬ 
hälften und der Aorta gefunden habe. Wenn Samson v. Him¬ 
melstiern nicht in allen Fällen eine Ueberfüllung des Herzens mit 
Blut gefunden hat, so wage ich das einer nicht hinlänglich genauen 
Beobachtung zuzuschreiben. 

Ich selbst bin Schüler von Samson v. Himmelstiern gewesen 
und kenne seine ruhige, objective Beobachtungsgabe; ich weiss aber 
auch, dass die Legalsectioncn in Dorpat immer von jungen Studenten 
gemacht werden, von denen jeder meist zum ersten Male an den Secir- 
tisch tritt. Dass bei diesen Sectionen, von ungeübten jungen Leuten 
vollführt, nur zu häufig das Herz angeschnitten wurde, ist mir aus 
eigener Erfahrung bekannt, und dass dann das Blutquantum des 
Herzens nicht zur rechten Cognition kam, ist auch verständlich. — 
Ich selbst erinnere mich noch recht gut, wie ich erst dann mit Be¬ 
stimmtheit auf die Blutüberfüllung des Herzens beim Tode durch 
Erfrieren hinwies, als ich mit der grössten Consequenz die Unterbin¬ 
dung sämmtlicher Herzgefasse vornahra und so ein Ausfliessen des 
Blutes aus dem Herzen verhinderte. Auch Samson v. Himmelstiern 
führt an, dass in drei noch nicht vollkommen aufgethauten Leichen 
das Blut in grossen schwarzen Klumpen gefroren gefunden wurde und 
zwar in beiden Herzhälften. — Also in Fällen, wo ein Abfliessen des 
Blutes nicht möglich war, wurde es auch von Samson v. Him¬ 
melstiern ganz so gefunden, wie ich es angegeben habe. 

Wie bekannt ist das Blut bei Erfrorenen nach dem Aufthaucn 
flüssig und enthält nur wenige lockere Gerinnsel; wenn also bei der 
Section das stark überfüllte Herz von seinen Gefässen getrennt wird, 
dann beim Herausnehmen aufgehoben und dann die Aorta durch¬ 
schnitten wird, so muss der grösste Theil des Blutes sich theils in 
die Brusthöhle ergiessen, theils durch das Aufheben und Herausnehmen 
des Herzens in die Aorta übertreten, und wir erhalten kein klares 
Bild von dem Blutquantum des Herzens. 

Dies wage ich noch durch Folgendes zu beweisen. Blosfeld 
hat bis zum Jahre 1864 circa 25 Jahre lang an der Universität Kasan 
gerichtliche Medicin vorgetragen, und hat in dieser Zeit, wenn man 
seine Organostathmologie *) als Mass zu Grunde legt, gegen 1000 Legal- 
sectionon gemacht. Die nördliche Lage und der rauhe Winter der Stadt 


*) Henke’s Zeitschrift der Staatsarzneikunde. 1864. Heft III. 


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Dr. C. v. Dieberg, 


Kasan haben ihm alljährlich ein reichliches Quantum Erfrorener auf 
den Secirtisch geliefert, und doch hat er bis zum Jahre 1860 nichts 
über den Tod durch Erfrieren veröffentlicht. 

Im Jahre 1856 kam ich nach Kasan und als dortiger Stadt- oder 
Polizeiarzt musste ich nun alle Legalsectionen verrichten und zwar, 
mit Ausnahme der Ferien, gemeinschaftlich mit dem Professor der 
gerichtlichen Medicin ßlosfeid, welcher an den von mir gelieferten 
Cadavern mit den Studenten seine praktischen Uebungen anstellte. 
Erst als ich im September 1858 die Cadaver, deren Organe und den 
Blutgehalt des Herzens zu wägen anfing und Blosfeld sowohl wie 
mir die constante Blutüberfüllung der Herzen Erfrorener auffiel, erst 
dann erfolgte im Jahre 1860 seine erste Veröffentlichung über diesen 
Gegenstand: „Die gerichtsärzÜiche Auffassung der Todesursachen, be¬ 
sonders über den Tod durch Erfrieren in Beziehung zu seinen Bedin¬ 
gungen und Ursachen.“') 

Wir sehen also, dass ein alter erfahrener Professor der gericht¬ 
lichen Medicin, trotz der grossen Zahl der von ihm verrichteten ge¬ 
richtlichen Sectionen, doch erst durch mein Verfahren des Wägens der 
Cadaver und der Unterbindung der Herzgcfässe und genauen Bestim¬ 
mung des Blutquantums im Herzen zu dem bestimmten Ausspruch 
kam, dass die Todesursache bei Erfrorenen Herzlähmung sei. 

Hierauf und auf meine ganz constante Beobachtung basirend, wage 
ich den Ausspruch zu thun, dass beim Tode durch Erfrieren immer 
eine grosse Quantität Blut im Herzen angetroffen wird, und wenn das 
nicht beobachtet worden ist, so ist es eben übersehen worden. — 

Was nun die Frage betrifft, wie der Tod durch Kälte zu Stande 
kommt, so glaube ich aussprechen zu müssen: nach rein physikali¬ 
schen Gesetzen. 

Nach dem Gesetze, dass Kälte die Körper zusammenzieht, erfolgt 
auch eine Contraciion der Gewebe und der Gefässe, und zwar je stärker 
die Kälte auf einen Körper einwirkt, eine desto grössere Zusammen¬ 
ziehung der Gefässe erfolgt. Je oberflächlicher die Gefässe liegen, 
desto mehr sind sie der Kälte ausgesetzt, desto mehr werden dieselben 
verengt, und diese Verengung schreitet bei längerer Einwirkung der 
Kälte auch zum Centrum, d. h. zum Herzen vorwärts. Das Herz müht 
sich ab, das Blut in die verengten Gefässe zu treiben, und je grösser 
die Contraction der Gefässe durch die Kälte ist, um so weniger Blut 


') Henkc’s Zeitschrift der Staatsarzneikunde. 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 

wird aus dem Herzen getrieben, während die Lungen noch arbeiten 
und dem Herzen Blut zutreiben, bis endlich eine grosse Masse Blut 
im Herzen angesammelt ist und dann ein Stillstehen des Herzens und 
Tod durch Herzlähmung erfolgt. 

Hiermit, d. h. mit dem Zurücktreten des Blutes aus den peri¬ 
pheren Gefässen nach dem Centrum zu, stimmt auch das Weisswerden 
von Körperthcilcn überein, die besonders der Kälte ausgesetzt sind, 
wie wir es hier in jedem strengen Winter an erfrorenen Wangen und 
Nasen sehen. Sobald irgend ein Vorübergehender an seinem vis-ä-vis 
eine solche weissc Stelle im Gesicht bemerkt, so hält er ihn sofort an 
und durch Reiben mit Schnee wird wieder ein Zuströmen des Blutes 
zu dieser Stelle und dadurch eine Röthung derselben bewirkt. Ge¬ 
schieht aber dieses Reiben nicht zur rechten Zeit, so wird diese weisse 
Stelle später gangränös und stösst sich ab. 

Ob bei dem Tode durch Erfrieren eine Veränderung der Blut¬ 
körperchen durch Kälte erfolgt, ob ein Mangel an Ausscheidung der 
Kohlensäure aus dem Blute die Ursache des Todes ist, alles das lasse 
ich bei Seite, als für den praktischen Gerichtsarzt unverwerthbar, und 
halte mich an die starke Ueberfüllung des Herzens mit Blut, welche 
bei jeder Section leicht zu constatiren ist und stets aufgefunden wer¬ 
den kann, wenn nur gehörig darauf geachtet wird. 

Mit dieser meiner rein physikalischen Anschauung über den Tod 
durch Erfrieren stimmen auch die Erscheinungen überein, welche an 
Lebenden beobachtet wurden, die ungewöhnlich hohen Graden von 
Kälte ausgesetzt waren. Wrangel 1 ) schreibt über seine Nordpol- 
Expedition von Sibirien aus, dass während seines Aufenthalts in 
Werchojansk, als das Thermometer —53°C. zeigte, dort und in der 
ganzen Umgegend eine Art epidemischen Katarrhfiebers herrschte, 
das Jeden ergriff und sich in Brustbeklemmung, Ohrensausen, Kopf¬ 
schmerzen u. s. w. äusserte, und hebt unter diesen Beschwerden be¬ 
sonders die Brustbeklemmung als am meisten peinigend und schmerz¬ 
haft hervor. Und ich glaube, diese Brustbeklemmung hauptsächlich 
der durch Kälte erschwerten Blutcirculation und dem mit Blut über¬ 
füllten Herzen zuschreiben zu müssen. 

Nach allem dem muss ich mich demnach dahin entscheiden, dass 
beim Tode durch Erfrieren die nächste Todesursache immer die 


') Wrangel’» Reise nach Sibirien. Aus dem Russischen. Berlin, 1840. 


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Dr. C. v. Dieberg, 


immense Ueberfüllnng des Herzens mit Blut in allen seinen Theilen 
ist, also Tod durch Herzlähmung. 

Hiernach ist es eigentümlich zu lesen, wenn Dr. Lesser den 
Tod durch Erfrieren auch zu den Todesarten durch Erstickung zählt, 
und zwar nicht vom physiologischen Standpunkte aus, sondern vom 
anatomischen. 

Will man die Sache so auffassen, wie sie Hofmann 1 ) in' seinem 
Lehrbuche S. 450 an führt, dass durch Sistirung der sogenannten 
„inneren Athmung“ der Tod durch Erstickung erfolgt, d. h. dass 
hier keine Behinderung des Zutritts der Luft zu den Lungen zu regi- 
striren ist, sondern dass der Zutritt des Blutes zu den Lungen fehlt 
und daher in den Lungen kein Austausch der Gase, keine Auf¬ 
nahme von Sauerstoff in’s Blut erfolgt und folglich das letztere nicht 
ernährungsfähig ist, wohin auch der Tod durch Erfrieren zu zählen ist 
als Tod durch Erstickung bei Herzlähmung, so kann man dagegen 
wol nichts einwenden. 

Will man aber vom anatomischen Standpunkte aus zum Tode 
durch Erstickung, d. h. also Tod durch Verhinderung von Zutritt 
athembarer Luft zu den Lungen, den Tod durch Erfrieren zählen, so 
kann ich mich damit durchaus nicht einverständig erklären, sondern 
muss lebhaft dagegen opponircn. Dr. Lesser 2 ) schreibt: „ich bin 
nicht im Stande, die Leichen, resp. die Organe eines durch Verschluss 
von Nase und Mund mittels weicher Körper Erstickten von denen eines 
Erfrorenen, eines an Sonnenstich etc. Verstorbenen zu unterscheiden.“ 
Als Zeichen der Erstickung werden folgende bekannte Erscheinungen 
aufgezählt: „die flüssige Beschaffenheit des Blutes, die dunkle Farbe 
desselben, die strotzende Anfüllung der grossen (venösen) Gefässe 
und des rechten Herzens, die Lungenhyperämie, sowie die Hyper- 
ämieen der übrigen Organe, ferner auch die punktförmigen Blutungen 
in den serösen Häuten der Brust- und Bauchhöhle und in den 
Schleimhäuten.“ 

Von allen diesen Erscheinungen ist fast keine einzige zutreffend 
beim Tode durch Erfrieren. — „Die flüssige Beschaffenheit des Blutes“ 
wird beim Tode durch Erfrieren nie in dem Grade angetroffen wie 
beim Tode durch Erstickung, und alle Beobachter sind darin einig, 


*) Lehrbuch der gerichtlichen Medicin von Prof. E. Ho fman n. 2. Aufl. 1881. 
*) Vierteljahrsschr. der gerichtl. Medicin von Dr. II. Eulenberg. Bd. XXXII. 
Heft 2. S. 222. 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 


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dass beim Tode durch Erfrieren fast immer lockere Gerinnsel im Blute, 
namentlich im Herzen, angetroffen werden, was beim Tode durch Er¬ 
stickung nie vorkommt. „Die dunkle Farbe des Blutes Erstickter“, 
namentlich die dunkele kirschrothe Farbe, kommt nicht dem Blute 
Erfrorener zu. Wird die Farbe des Blutes Erfrorener auch von einigen 
Beobachtern als dunkel beschrieben, so sind wieder Andere wie Ogston 
und Blosfeld, die die auffallend hellrothe, arterielle Farbe des Blutes 
bei Erfrorenen hervorheben. Bei den Sectionen Erfrorener ist mir 
nicht die besonders helle Färbung des Blutes aufgefallen, aber doch 
ist die dunkle Färbung des Blutes Erfrorener wol von der dunklen 
Färbung des Blutes Erstickter zu unterscheiden, und der erfahrene 
Gerichtsarzt lernt diese Farbennüancen bald unterscheiden. Den Er¬ 
stickten kommt die mehr dunkel-kirschrothe Färbung des Blutes zu, 
während bei den Erfrorenen eine mehr carmoisiurothe Färbung des 
Blutes angetroffen wird, und zwar nie in so dunklen Nüancirungen 
wie bei dem Tode durch Erstickung. 

„Die strotzenden Anfüllungen der grossen (venösen) Gefässe und 
des rechten Herzens.“ Diese Erscheinungen in Bezug auf die grossen 
venösen Gefässe führt kein Beobachter an, und ich habe dieselben 
in keinem einzigen Falle bei Erfrorenen augetroffen. Was nun das 
Herz betrifft, so kommt nie eine Ueberfüllung des rechten Herzens für 
sich allein vor, sondern immer eine Ueberfüllung des ganzen Herzens 
in allen seinen Theilen, was wieder beim Tode durch Erstickung 
nicht vorkommt. 

„Die Lungenhypcrämieen“ gehören durchaus nicht zu den bestän¬ 
digen Erscheinungen des Todes durch Erfrieren, während sie beim 
Tode durch Erstickung immer in exquisiter Weise beobachtet worden 
sind. Wenn auch Krajewski und Samson v. Himraelsticrn die 
Lungenhyperämie als häufige Erscheinung beim Tode durch Erfrieren 
aufzählen, so fanden Blosfeld und Ogston, dass die Lungen in 
reinen Fällen nicht eben blutreich waren. Nach meiner Erfahrung 
glaube ich die Sache so auffassen zu können, dass, wenn ein stark 
Betrunkener durch Frost zu Grunde ging, sich als Complication, 
d. h. als Zeichen der Trunkenheit, die Lungenhyperämie vorfand; 
wenn aber der gesunde, nicht trunkene Mensch dem Froste erlag, wie 
es bei uns nicht gerade selten bei Frost und starkem anhaltendem 
Schneegestöber mit Wind vorkommt, so sind die Lungen nicht nur 
nicht hyperämisch, sondern sogar blutarm, zusammengefalleu und 
zeigen die eigentümlichen deutlich zinnoberroten Flecken von 1 bis 


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Dr. C. v. Dieberg, 


2, selten 3 Zoll Durchmesser, die besonders an den Rändern und Ein¬ 
kerbungen der Lungen zu treffen sind. 

Was ich von der Lungenhyperämie gesagt habe, glaube ich auch 
auf die „Hyperämie des Gehirns“ beziehen zu können. Erlag, der 
betrunkene Mensch der Kälte, so finden wir bei der Section Hyper¬ 
ämie des Gehirns, doch nicht in hohem Grade; in anderen Fällen ist 
das nicht beobachtet worden. 

Was nun die „Hypcrämieen der inneren Organe, wie Leber, Milz 
und Nieren“ betrifft, so habe ich dieselben durchaus nicht constant 
angetroffen, und bald war das eine, bald das andere, bald mehrere 
Organe blutreich, bald fand ich das Blutquantum in denselben durch¬ 
aus nicht grösser als gewöhnlich, und ich wage daher aus meinen 
Beobachtungen hierüber keinen bestimmten Schluss zu ziehen. 

Was nun endlich die „punktförmigen Blutungen in den serösen 
und Schleimhäuten der Brust- und Bauchhöhle“ betrifft, so werden 
dieselben von keinem Beobachter angeführt und ich habe dieselben 
niemals beim Tode durch Erfrieren angetroffen, was eben auch ver¬ 
ständlich ist, da beim Tode durch Erfrieren zu keiner Zeit eine be¬ 
hinderte Athmung vorkommt. 

Nach dem hier Aufgezählten muss ich mich dahin aussprechen, 
dass die anatomischen Erscheinungen bei Erstickung und Erfrierung 
nichts mit einander gemein haben, und es ist mir gänzlich unerklär¬ 
lich, wie Dr. Lesser behaupten kann, dass die anatomischen Erschei¬ 
nungen dieser beiden Todesarten sich von einander nicht unterscheiden 
lassen. Mir scheint es im Gegentheil, dass die anatomischen Erschei¬ 
nungen dieser Todesarten sich gleichsam entgegenstehen; denn beim 
Tode durch Erfrieren ist die Athmung bis. zum letzten Augenblick 
frei, daher Biosfeld die Lungen bei Erfrierenden als ultimum vivens 
im Gegensatz zum Herzen als primum moriens bezeichnet hat, wäh¬ 
rend beim Tode durch Erstickung gerade das Entgegengesetzte vor- 
komrat. 

Dass ich bei allem dem nur den anatomischen Standpunkt im 
Auge habe, ist verständlich, da nur dieser für den praktischen Ge¬ 
richtsarzt massgebend ist, und er nur nach den Erscheinungen, die 
ihm das secirende Messer aufgewiesen hat, seine Meinung ausspre¬ 
chen kann. 

Nachdem ich nun an 31 genau beobachteten Fällen von Erfrorenen 
durch Zahlen nachgewiesen habe, dass in allen Fällen ohne Ausnahme 
immer eine ungewöhnlich starke Ueberfüllung des Herzens in allen 


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Beitrag zur Lehre vom Tode durch Erfrieren. 

seinen Theilen mit Blut beobachtet wird, glaube ich diese Leichen¬ 
erscheinung als- ganz charakteristisch für den Tod durch Erfrieren 
ansehen zu können, und beanspruche, dass für den Tod durch Er¬ 
frieren als nächste Todesursache nicht Erstickung, sondern Herzläh¬ 
mung angesehen werden soll. 

Nach der Einnahme meiner jetzigen Stellung als Mcdicinal- 
Inspector eines Gouvernements machte ich die mir unterstellten Ge¬ 
richtsärzte auf diese meine Beobachtung beim Tode durch Erfrieren 
aufmerksam, und ersuchte dieselben, bei den Sectionen von Erfrorenen 
genau auf die Blutüberfüllung des Herzens zu achten. 

Alljährlich kommen durchschnittlich 170 Sections-Berichte, von 
denen immer mehrere vom Tode durch Erfrieren handeln, zur Revision 
in die Gouvernements-MedicinalVerwaltung, und hierbei ist mir noch 
kein Fall von unzweifelhaftem Erfrieren vorgekoramcn, in dem diese 
Ueberfüllung des Herzens mit Blut nicht beobachtet worden ist. 

Es ist also meine Beobachtung über die Ueberfüllung des Herzens 
mit Blut bei Erfrorenen auch von dieser Seite bestätigt worden, und 
ich bin fest überzeugt, dass wenn nur hinfort genau auf diese Erschei¬ 
nung geachtet werden wird, namentlich wenn man eine Unterbindung 
der Herzgefässe vor der Herausnahme des Herzens machen wird, meine 
Beobachtung sich auch anderweit bestätigen wird; denn Zahlen pflegen 
in solchen Fällen doch wol genaue Resultate zu liefern, namentlich 
wenn dieselben in 31 genau beobachteten Fällen keine einzige Aus¬ 
nahme zuliessen. 


2 . 

Gerichtsärztliche Beobachtangen 

von 

Dr. Ernst Hankel, 

Bezirksamt in Glauchau. 


1. Vergiftung durch einmaligen Genuss von Alkohol. 

Fälle, in denen der Tod kurz nach einmaligem Genuss von Alkohol 
eintritt, ohne dass die betreffende Person sich schon früher an den 
Alkohol gewöhnt hat, pflegen nicht häufig zu sein, und ich glaubte 
daher, dass der folgende Fall allgemeines Interesse haben dürfte. 


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Br. E. Hankel, 


Geschichtserzählung. 

Das 5jährige Mädchen Z., welches vollkommen gesund' war und Alkohol 
früher nicht genossen hatte, trank am 6. April a. c. Nachmittags aus einer im 
Strassengraben liegenden Flasche, welche mit sehr starkem Nordhäuser (etwa 
30 pCt.) gefüllt war, eine bedeutende Qualität, wenigstens 0,1 Liter, wahr¬ 
scheinlich aber 0,2 Liter. 

Die Z. stürzte sofort nach dem Trinken hin und war bewusstlos. Sie wurde 
in das Haus getragen und erst in das Bett, später auf das Sopha gelegt. Hier 
brach sie 3 bis 4 mal. Man gab ihr Essigwasser. 

Um 11 Uhr legten sich die Eltern, trotzdem das Kind noch immer bewusst¬ 
los war und sich nicht bewegte, zu Bett, und um 4 Uhr Morgens wurde die 
Mutter durch das Schreien eines anderen Kindes aufgeweckt. Zu dieser Zeit fiel 
ihr das starke Röcheln des Kindes auf, worauf sie demselben Selterswasser gab. 
Die ersten Portionen wurden wieder ausgebrochen, dann aber wurde es vertragen. 

Das Röcheln besserte sich nicht; auch kehrte das Bewusstsein und die Be¬ 
wegung nicht wieder, und an demselben Abend (den 7. April) 3 / 4 10 Uhr starb 
das Kind, nachdem es unmittelbar vor seinem Tode noch einmal freier um sich 
gesehen, aber nicht gesprochen hatte. — 

Ein Arzt war bei der ganzen Sache nicht zugezogen worden. 

Die am 10. April Nachmittags vorgenoramene gerichtliche Sectio n 
ergab: 

A. Aeussere Besichtigung. 

1) Der Leichnam weiblichen Geschlechts ist 105 Ctm. lang und im Allge¬ 
meinen gut genährt. — 2) Es ist mässig starke Todtenstarre vorhanden, und 
der Unterleib ist stark grün gefärbt. 

3) Auf dem Rücken finden sich sehr zahlreiche (auf der vorderen Körper¬ 
hälfte nur auf dem Oberschenkel) cor.fluirende rothe Flecken, welche bei ge¬ 
machten Einschnitten als Todtenflecken sich ergeben. 

•4) Der Körper ist völlig frei von äusseren Verletzungen und die natürlichen 
Oeffnungen sind frei von fremden Körpern. Geruch von Spiritus ist am Leichnam 
nicht wahrzunehmen. — 5) Der Kopf ist mit reichlichen, 30 Ctm. langen 
blonden Haaren bedeckt. — 6) Die Augen sind sehr tief eingesunken, die 
Pupillen gleich weit und mittelweit und die Augäpfel weich, die Augenlider fest 
geschlossen. — 7) Die Nase ist völlig normal und ihre Schleimhaut nicht ge- 
röthet. — 8) Der Mund ist geschlossen, schwer zu öffnen; die Zunge liegt hinter 
den Zähnen, ist etwas geschwollen, weiss belegt und sieht auffällig blass aus, 
während die Lippen normal geröthet sind. — 9) Auf den beiden Backen, etwa 
in deren Mitte, finden sich einige Andeutungen von braunrothen, sehr undeut¬ 
lichen Flecken (altes abgeheiltes Ekzem). — 10) Der Hals ist ein klein wenig 
kurz, die Drüsen sind nicht geschwollen. — 11) Die Brust und der Leib sind 
ohne Abnormitäten. 

12) Die Haut der innern Seite beider Hände ist dunkelblauroth gefärbt, 
besonders ist diese Färbung an den Fingerspitzen zu bemerken. Auf den Hand¬ 
rücken sind nur die letzten Glieder der Finger in dieser Weise gefärbt und be¬ 
sonders die Nägel. 


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Gerichtsärztliche Beobachtungen. 


17 


13) Die Beine sind beiderseits völlig normal und die oben gedachte Fär¬ 
bung findet sich nur an den Fusssohlen, aber hier in viel schwächerem Grade 
und die Nägel sind kaum schwach blauroth gefärbt. 

B. Innere Besichtigung. 

I. Die Kopfhöhle. 14) NachZurückschlagung der weichen Bedeckungon 
zeigt sich die Schädeldecke völlig normal, fest und etwas, aber nicht übermässig 
stark bluterfüllt. — 15) Die grossen Blutleiter sind mit mässig reichlichen, 
hellgelben Blutgerinnseln erfüllt. — 16) Die harte Hirnhaut zeigt ebenfalls 
einen nur mässig reichlichen Blulreichthum. 

17) Dagegen sind die Gefdsse der weichen Hirnhaut, namentlich in den 
hinteren Theilen, sehr stark mit Blut erfüllt. 

18) Nach Entfernung des Gebeines zeigt sich der hintere Querblutleiter 
stark mit dunkelblaurothem, z. Th. geronnenem Blute gefüllt. — 19) Die weiche 
Hirnhaut ist vom Gehirn leicht abziehbar und zeigt nirgends eine Verdickung 
oder Ausschwitzung. 

20) Die Gehirnsubstanz ist in allen ihren Theilen sehr stark blutreich, so 
dass dieselbe auf der Schnittfläche ein fast röthliches Aussehen und sehr zahl¬ 
reiche Blutpunkte zeigt. 

21) Die graue Substanz ist ziemlich stark gefärbt und sieht fast reh¬ 
farben aus. 

22) Die eben gedachten Erscheinungen der Blutüberfüllung zeigt das 
kleine Gehirn noch stärker. 

23) Die Hirnhöhlen sind nur mit wenig Wasser gefüllt und völlig normal. 

24) Im ganzen Gehirn, welches in lauter kleine Stückchen geschnitten 
wurde, findet sich keine Spur einer Entzündung oder sonstigen Abnormität. 

II. Die Brusthöhle. 25) Das Zwerchfell steht beiderseits im 3. Inter- 
costalraum. 

26) Die Gefässe des Halses, besonders die Jugularvenen sind stark mit 
Blut erfüllt, und in der Halsgrube blutet es beim Freilegen der Kippen. 

27) Beide Lungen sind völlig frei. Die rechte Lunge füllt die Brusthöhle 
völlig aus, während die linke ein klein wenig zurückgezogen ist. — 28) In der 
linken Brusthöhle finden sich etwa zwei, in der rechten ein Esslöffel wässrig¬ 
blutige Flüssigkeit. — 29) Das Brustfell ist beiderseits völlig normal, nur findet 
sich an dem unteren linken Lappen eine Anzahl höchstens stecknadelkopfgrosser 
Luftbläschen, unmittelbar unter dem Brustfell. — 30) Das Lungengewebe des 
rechten oberen und mittleren Lappens zeigt sich emphysematos hellroth, nur in 
den hinteren Theilen ein klein wenig dunkler gefärbt, und ist überall stark luft¬ 
haltig. Bei Druck auf die Schnittfläche entleert sich eine kleine Menge schaumig¬ 
blutiger Flüssigkeit. — 31) Das Gewebe des unteren Lappens ist wesentlich 
fester als normal, schwarzroth gefärbt, und beim Durchschneiden entleert sich 
eine sehr bedeutende Menge wässrig-schaumiger blutiger Flüssigkeit. Stellen¬ 
weise ist das Gewebe noch fester, dunkler und entleert bei Druck nur eine ge¬ 
ringe Menge schwärzlicher, nicht deutlich lufthaltiger Flüssigkeit. — 32) Der 
linke obere Lappen ist etwas dunkler als der rechte, und beim Einschneidon 
entleert sich eine ziemliche Menge rother schaumig-wässriger Flüssigkeit. — 
33) Der untere linke Lappen ist auf der Schnittfläche dunkelblauroth und an 

Vierteljshrmhr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 1. g 


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18 


Dr. E. Hankel, 


vielen, linsen- und darüber grossen, z. Th. zusammenlaufenden Stellen schwarz¬ 
blau gefärbt. Diese letztgedachten Stellen sind fest und beim Einschneiden ent¬ 
leert sich dunkelschwarzrothe Flüssigkeit, aber nur wenig Luft. Auch das übrige 
Gewebe ist fester als normal und entleert grosse Mengen wässrig-schaumiger, 
dunkelrother Flüssigkeit. — 34) Die Schleimhaut der Luftwege ist überall hell- 
roth gefärbt und mit mässig reichlicher, wässrig-schaumiger Flüssigkeit erfüllt. 

— 35) Im Herzbeutel findet sich ein Theelöffel wässrige Flüssigkeit. — 36) Das 
Herz ist normal gross und zeigt in den Vorhöfen und in den Herzkammern reich¬ 
liche hellgelbe Blutgerinnsel. Auch in der Pulmonalarterie und der Aorta finden 
sich ebensolche Gerinnsel. Die Kranzadern des Herzens sind ziemlich stark mit 
Blut erfüllt. — 37) Die Herzsubstanz und die Klappen sind ohne Abnormität. 

— 38) Die Speiseröhre ist völlig normal, leer, ihre Schleimhaut nicht ge- 
röthet. — 39) Die Schleimhaut der Trachea und des Kehlkopfs ist hellroth ge¬ 
färbt und mit mässig reichlicher, wässrig-schaumiger Flüssigkeit bedeckt. — 
40) Die Zunge ist geschwollen, ihr Gewebe blass, aber normal; die hinteren 
Papillen stark ausgeprägt. 

III. Die Bauchhöhle. 41) Die Leber ist bedeutend vergrössert und zwar 
12 Clm. lang, und der linke Lappen geht 12 Ctm. nach links. — 42) Die 
Galle ist dunkelbraun gefärbt. 

43) Das Gewebe der Leber ist auffällig blass und die Farbe der Schnitt¬ 
fläche ist der der grauen Gehirnsubstanz dieses Leichnams nicht unähnlich, aber 
die Leber ist doch noch etwas dunkler gefärbt. Die Schnittfläche ist völlig glatt, 
wenig blutreich und das Aussehen ist fettig. Beim Durchschneiden hat man 
einen deutlichen Fettbeschlag auf dem Messer. 

44) Die Milz ist völlig normal und nicht vergrössert. — 45) Im Becken 
der rechten Niere und etwas schwächer in dem der linken findet sich etwas Eiter, 
sonst sind die Nieren völlig normal. 

46) In der Harnblase findet sich wenigstens */ 3 Liter klare Flüssigkeit, 
welche aber nicht nach Spiritus riecht. 

47) Der Magen enthält nur sehr wenig wässrige Flüssigkeit, seine Schleim¬ 
haut im Allgemeinen blass, aber stellenweise sind Gefässe baumartig stärker 
als normal mit Blut gefüllt. Von dem Bauchfell aus gesehen sind die Gefässe 
des Magens ziemlich stark blutreich. 

48) Der Zwölffingerdarm und der obere Theil des Dünndarms ist mit 
gelbem, mässig reichlichem Speisebrei gefüllt; seine Schleimhaut ist blass. 
Weiter unten wird der Speisebrei grüner und noch weiter unten kothig. wäh¬ 
rend die Schleimhaut immer normal bleibt. — 49) Der Dickdarm ist mit reich¬ 
lichem, blassem Speisebrei gefüllt; die Schleimhaut normal. — 50) Die Ge- 
schlechtstheile sind normal. 

Das vorläufige Gutachten lautete: 

„Das Kind ist an Blutüberfüllung des Gehirns, hervor¬ 
gerufen durch übermässigen Alkoholgenuss, gestor¬ 
ben.“ 

Das bis dahin völlig gesunde Kind war nach Genuss von Spiritus 
sofort bewusstlos geworden, nicht wieder zum Bewusstsein gekommen 


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öericlitsärztliche Beobachtungen. 


19 


und 30 Stunden nach dem Branntweingenuss gestorben. Es kann mit 
Bestimmtheit behauptet werden, dass das Kind an den Folgen und 
lediglich durch den Branntweingenuss gestorben sei, denn nicht nur 
die Erscheinungen während des Lebens, sondern auch die bei der 
Section gefundenen Resultate entsprechen den Folgen einer acuten 
Alkoholvergiftung. 

Das Kind war sofort nach dem Alkoholgcnuss bewusstlos, erbrach 
spontan und nach dem Einflössen von Selterswasser, fing später an 
zu röcheln und nur unmittelbar vor seinem Tode sah es noch einmal 
freier um sich, ohne jedoch zu sprechen oder sich wesentlich zu 
bewegen. 

Aber auch die Section allein berechtigte zu dem Schlüsse, dass der 
Tod lediglich in Folge des reichlichen Spiritusgenusses eingetreten ist. 

Zwar konnte weder bei der Besichtigung, noch bei der Section, 
insbesondere nicht beim Ocffnen des Magens und der Gedärme irgend 
welcher Spiritus- oder Fuselgeruch wahrgenommen werden. Das Kind 
hatte aber noch 30 Stunden gelebt und die Leiche bereits 64 Stunden 
gelegen, und der Spiritus bezw. das in ihm enthaltene Fuselöl kann 
sich während dieser Zeit recht wol verflüchtigt, bezw. zersetzt haben. 
Eine chemische Untersuchung dürfte auch kaum irgend welche Resul¬ 
tate geliefert haben. 

In dem von Casper, in dessen Handbuch 5. Auflage No. 301, 
beschriebenen ähnlichen Falle, wo aber das Kind nur noch 19 Stunden 
gelebt halte, wurden in Stücken verschiedener Theile des Körpers 
0,5 Grm. Alkohol nachgewiesen, also eine Quantität, welche viel zu 
gering ist, um irgend eine Folgerung daraus zu ziehen. 

Für die Alkoholvergiftung sprach aber bei der Seclion vor Allem 
der ausserordentliche Blutreichthum des Gehirns. Die ganze Schnitt¬ 
fläche war schwach röthlich gefärbt und zeigte zahlreiche Blutpunkte, 
uud die graue Substanz hatte ein fast rehfarbenes Aussehen, was im 
kleinen Gehirn noch deutlicher zu sehen war. Auch waren die Gc- 
fässe der Pia matcr besonders in den hinteren Thcilen stark injicirt, 
während die harte Hirnhaut und die Schädeldecke keine auffällige 
Hyperämie zeigten. Die Jugularvencn waren stark gefüllt. 

Eine solche Hyperämie muss nach Genuss grösserer Mengen Alko¬ 
hols eintreten, und wenn diese auch durch andere Ursachen (z. B. Ver¬ 
giftungen, durch Opium, Moschus, Insolation) bedingt sein könnte, so 
beweist ihr Vorhandensein bei der gleichzeitigen fettigen Degeneration 

2 * 


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t)r. E. Hankel, 


2ö 

der Leber, dass der Tod in Folge des Alkoholgenusses eingetreten ist, 
denn bei einer Opium- od<^r Moschusvergiftung, einer Insolation oder 
Hyperämie aus irgend einem anderen Grunde würde die Leber nicht 
gleichzeitig verfettet sein. 

Die Leber, welche ganz auffällig vergrössert war, hatte ein blasses, 
grauliches, gleich massiges Ansehen, fast wie die graue Hirnsubstanz 
dieses Falles, war nur wenig bluthaltig und beim Durchschneiden war 
das Messer fettig beschlagen. Sie hatte nicht das gelbe fettige An¬ 
sehen, wie man sie bei Phosphorvergiftung findet, sondern sie sah 
schmutziggrau aus, wie man sie bei Potatoren häufig findet. 

Casper konnte in dem schon erwähnten Falle die Verfettung 
der Leber nur mikroskopisch feststellen; in diesem Falle war dieselbe 
am Beschlag der Messerklinge deutlich zu sehen; freilich hatte das 
von Casper erwähnte Kind kürzere Zeit gelebt als die Z. 

Ein Grund anzunehmen, dass diese Verfettung schon früher be¬ 
standen habe, liegt aber, da das Kind früher keinen Alkohol ge¬ 
trunken hat, absolut nicht vor. 

Weiter ist die auffällig starke Füllung der Harnblase zu be¬ 
merken. Auch glaubt man, dass die starke Ausbildung der Todten- 
fiecken und die blaue Färbung der Hohlhände, sowie der letzten 
Phalanx des Handrückens und der Nägel die Diagnose einer acuten 
Alkoholvergiftung, wenn auch nicht gerade sichern, doch wenigstens 
etwas unterstützen können. 

Im Darmcanal fanden sich keine charakteristischen Erscheinungen, 
denn die stellenweise vorhandene Hyperämie der Schleimhaut kann 
als charakteristisch wol kaum bezeichnet werden. 

Das vorhandene Lungenödem und die in den beiden unteren 
Lappen beginnende Pneumonie, denn als solche müssen die Befunde 
der Section der Lungen angesehen werden, können bei einer acuten 
Alkoholvergiftung als etwas Auffälliges nicht bezeichnet werden, denn 
Lungenentzündungen sind nichts Seltenes bei Alkoholvergiftungen. 

In diesem Falle war zwar keine eigentliche Lungenentzündung 
vorhanden, sondern es war nur eine sehr starke Blutüberfüllung der 
Gefässe und stellenweise Exsudationen zu bemerken, ein Verhalten, 
welches einer Lungenentzündung bei einem Kinde, die nur 30 Stunden 
gedauert haben kann, vollständig entspricht. 

Aber auch das Lungenödem war bei der starken Hirnhyperämie 
von vornherein zu erwarten und musste um so leichter auftreten, als 
die beiden unteren Lappen für die Luft schwer zugänglich waren. 


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Gerichtsärztliche Beobachtungen. 


21 


Durch die Anstrengung beim Athmen erklären sich auch die sehr 
unbedeutenden Luftblasen unter dem Brustfell. 

Es kann daher behauptet werden, 

dass der Tod im vorliegenden Falle eingetreten ist durch 
die starke Hirnhyperämie, und dass schon aus der Section 
allein, aber auch aus dem Verlaufe der Krankheit hervor¬ 
geht, dass das Kind an den Folgen einer acuten Alkohol¬ 
vergiftung gestorben ist. 

Da das Kind den Branntwein aus eigenem Antriebe getrunken 
hatte und dem Besitzer der Branntweinflasche keine Fahrlässigkeit 
vorgeworfen werden konnte, so wurde das Verfahren eingestellt. 


2. Der geistige Zustand dreier Epileptiker, nachdem die Krämpfe 
seit Jahren aufgehört haben. 

In der Correctionsanstalt zu Hohnstein in Sachsen, an welcher 
ich früher thätig war, sind in einem Jahre drei Menschen vorgekom¬ 
men, welche zu gewissen Zeiten Wuthanfälle bekamen, die nach einigen 
Tagen, seltener Wochen wieder aufhörten. 

Diese Leute, welche sich für gewöhnlich der Hausordnung fügten, 
waren während dieser Anfälle grob, ungezogen, in hohem Grade wider¬ 
setzlich, begingen die gröbsten Verstösse gegen die Hausordnung, und 
zwar thaten sie dies so oft hinter einander, dass bei jedem Anstalts¬ 
beamten die Frage rege wurde, ob diese Leute zurechnungsfähig seien 
oder nicht. War der aufgeregte Zustand vorüber, so verhielten sie 
sich wieder ruhig, fügten sich der Hausordnung, zeigten aber doch 
immer noch einen eigenthümlichen, durchaus nicht normalen geistigen 
Zustand, der für jeden der Kranken ein besonderer war. 

So lange dieser aufgeregte Zustand dauerte, war mit den Kranken 
nur sehr schwer zu verkehren. Man erhielt keine verständigen Ant¬ 
worten, und der Kranke liess sich auf kem Gespräch ein, sondern 
raisonnirte in der ungezogensten Weise darüber, wie schändlich und 
niederträchtig er behandelt würde, und versicherte, dass keine Macht 
der Erde seinen Starrsinn brechen werde. 


Da auch die ärztlichen Besuche die. Kranken, .immer sehr auf- 
regten, so mussten sie etwas kurz und v^rhäitaissmässjg kblfccn .ge¬ 
macht werden. . 

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Waren die Kranken wieder ruhig geworden, solfatter«'sie ent- 



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Qrigirra ' fn 

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22 


Dr. E. Handel. 


schieden einige, wenn auch vielleicht nicht ganz vollkommene Erinne¬ 
rung an ihren aufgeregten Zustand; sie baten dann um Verzeihung, 
versprachen zu folgen und fügten sich der Hausordnung. 

Zum Thcil kamen diese Anfälle ganz spontan, zum Theil wurden 
sie durch das Versagen eines Wunsches, z. B. zu einer anderen Arbeit 
zu kommen oder beurlaubt zu werden, hervorgerufen. Der geistige 
Zustand jedes Einzelnen war ausser der Zeit der Anfälle ein besonderer, 
je nach dem ihm sonst innewohnenden Charakter. Es war aber auf¬ 
fällig, dass sich bei einem dieser Leute während einer früheren 
Detention in der Anstalt sehr heftige, fast täglich wiederkehrende 
epileptische Krämpfe gezeigt hatten, während der zweite, obgleich er 
keine Narben an der Zunge hatte, bei seiner Einlieferung angab, er 
habe bis vor 3 Jahren sehr heftige epileptische Krämpfe gehabt. 

Es reiht sich hieran ein dritter, sehr ähnlicher Fall, welcher 
allerdings selbst nur an Schwindelanfälleu, welche jedoch ebenfalls 
in den letzten Jahren aufgehört hatten, gelitten, aber eine epileptische 
Mutter hatte. Ich glaube, dass aus den folgenden Krankengeschichten 
die Zusammengehörigkeit dieser drei Fälle und namentlich die Zu¬ 
gehörigkeit des dritten Falles zu den beiden ersten hervorgeht. Waren 
auch bei dem dritten keine eigentlichen epileptischen Anfälle vor¬ 
handen, so müssen doch die Schwindelanfälle, obgleich der Kranke 
angab, dass völlige Bewusstlosigkeit dabei nicht eingetreten sei, als 
epileptoide Zustände angesehen werden. 

Keiner dieser Correctionäre hat während der jetzt zu besprechen¬ 
den Detention Krämpfe oder auch nur epileptoide Anfälle gehabt, 
und ich glaube gerade annehmen zu dürfen, dass das Aufgehörthaben 
der Krämpfe im Zusammenhänge mit diesen Wuthanfällen steht und 
dass statt des sonst aufgetretenen Krampfanfalles ein Wuthanfall 
auftritt. 

Es zeigte sich das Auftreten in so renitenter und brutaler Weise 
nur bei diesen drei Correctionärcn, welche sich gleichsam von selbst 
zusammenstelltcn und deren Auftreten wesentlich von dem der übrigen 
Detenirtcn ab wich. 

In der Anstalt kam sonst kein Fall von so grober Renitenz vor, 
und die immerhin vorkomraenden Fälle von Widersetzlichkeit, Unge¬ 


zogenheit und llfiUahunQ. der Anstaltsbeamten waren nicht in solcher 

C: v !?w : /.\ : 

••••*•••* ‘Dfe* drei..Fälle waren folgende: 

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Gerichtsärztliche Beobachtungen. 


23 


1) R., von Jugend auf verwahrlost und in Folge der Epilepsie etwas 
stumpfsinnig, wurde bereits in ziemlich früher Jugend einmal wegen eines Dieb¬ 
stahls mit Gefängniss und wiederholt wegen Landstreichens und Betteins mit 
Haft bestraft. Am 22. Februar 1872 wurde er, 21 Jahr alt, zum ersten Mal 
in die Correctionsanstalt eingeliefert und betrug sich während seiner damaligen 
Detentionszeit tadellos. Er hatte damals sehr heftige, fast täglich 
wiederkehrende, ärztlich constatirte epileptische Anfälle. Sei¬ 
ner Angabe nach wurde er I874*das letzte Mal von Krämpfen be¬ 
fallen, und von dieser Zeit beginnen seine Wuthanfälle. 

Am 3. Juli 1876 von Neuem wegen eines Diebstahls verhaftet, versuchte 
er, als er zum Transport in ein anderes Gefängniss einem Polizeidiener über¬ 
geben werden sollte, sich loszureissen. schlug den Polizeidiener, sagte: von dem 
Hunde lasse ich mich nicht fortschaffen, und machte solchen Lärm, dass er in 
das Gefängniss zurückgeführt werden musste. Seine Wuth legte sich dort bald 
und der Transport ging nachher ohne Schwierigkeit vor sich. 

Wegen dieser Widersetzlichkeit und des Diebstahls wurde er für 6 Monate 
in die Zwickauer Gefangenanstalt gebracht. Hier wurden weder Krämpfe, noch 
Widersetzlichkeiten beobachtet; doch hatte der Anstaltsgeistliche Zweifel an 
seiner Zurechnungsfähigkeit. 

Am 5. Juli 1877 kam R. zum zweiten Mal in die Correctionsanstalt, nach¬ 
dem er vorher öfters wegen Betteins und Landstreichens bestraft worden war. 
Krämpfe wurden auch hier nicht beobachtet. Er machte gleich nach seiner Ein¬ 
lieferung ein albernes Begnadigungsgesuch, welches wiederum Zweifel an seiner 
geistigen Gesundheit aufkommon liess, arbeitete aber dann fleissig und ordent¬ 
lich auf Aussenstationen. Eine leichte Verletzung am Fusse, welche er sich 
dabei zugezogen hatte und weshalb er auf die Krankenstation kam, gab mir 
Gelegenheit, ihn genauer zu beobachten. R. machte dabei den Eindruck eines 
scheuen, ängstlichen Menschen, der geistig nur wenig entwickelt war, doch 
konnte damals nicht daran gedacht werden, denselben für unzurechnungsfähig 
zu erklären, wenn man auch seine Zurechnungsfähigkeit als eine verminderte 
ansehen und ihn überhaupt für stark organisch belastet halten musste. 

Am 22. November 1877 entwich er ohne jede besondere Veranlassung 
und wurde bereits nach 5 Stunden in einer Nachbarstadt, wo er sich in der 
Gefangenkleidung ganz frei herumtrieb, arretirt. Als er am folgenden Tage 
zurückgeführt werden sollte, schlug er mit der Faust nach dem Aufseher, er¬ 
klärte, nicht mit ihm gehen, sondern ihn umbringen zu wollen. Er wurde aber 
doch zurückgebracht, und die Bedrohungen gegen die Aufseher nahmen derart 
zu, dass er, um weileren Gefahren für die Aufseher vorzubeugen, angeschlossen 
werden musste. — Am nächsten Tage war R. ruhig und arbeitete im Anfang in 
Isolirhaft, dann mit den Andern zusammen ruhig und fleissig, und es wurde 
nichts Nachtheiliges über ihn bekannt. 

Am 15. Mai 1878 weigerte er sich ohne jeden Grund spazieren zu gehen, 
und wurde wieder in ähnlicher Weise widersetzlich. In die Zelle gebracht 
schimpfte er über Alles, sang und tobte, bis er nach 4*8 Stunden*pfötsHdl völlig 
ruhig und bescheiden wurde. * ”• »' i 

Während der Zeit der Aufregung war mit R. schwer z t u verkehre?} denn 


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24 


Dr. E. Hanke], 


er wurde bei jedem Besuche derart unruhig und aufgeregt, dass sich genauere 
Untersuchungen über seine geistige Zurechnungsfähigkeit nicht anstellen Hessen. 

Seitdem war nichts Nachtheiliges über ihn vorgekommon. 

2) B-, schon als 16jähriger Mensch und seitdem 28 mal wegen Betteins 
und Landstreichens, auch einmal wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt be¬ 
straft, war früher epileptisch. Die Anfälle sind aber seit drei Jahren nicht 
wiedergekommen. 

B. war ein geschickter Steinsetzer *und arbeitete ruhig und willig, beschäf¬ 
tigte sich aber mit dem Perpetuum mobile, welches er erfunden zu haben glaubte 
und von dem er verschiedene Stücke aus Brod formte. 

Er wurde am 19. Januar 1877 aufgenommen, war am 6. Juli ungezogen 
gegen einen Aufseher, wurde aber doch am 6. August beurlaubt. Am 27. Decbr. 
desselben Jahres musste er jedoch wegen fortgesetzten Landstreichens wieder 
eingezogen werden. Nach seiner Rückkehr arbeitete er wieder ruhig bis zum 
30. März, wo er zum zweiten Mal gegen einen Aufseher ungezogen wurde. Am 
5. Juli wurde er wegen Treibens unpassender Scherze zu Arrest gebracht; bei 
seiner Vorführung am 5. spricht er alberne Sachen, z. B. er wolle mit den 
Kunden, die ihm nachstellten, schon fertig werden, lacht dann und spricht 
weiter von seinen Empfindungen. Als ich ihn besuchte, antwortete er fast nicht, 
klagte über Kopfweh und raisonnirte ohne Unterbrechung über die niederträch¬ 
tige Behandlung. Er blieb die nächsten Tage isolirt. 

Am 8. Juli wurde er wieder ungezogen gegen die Aufseher und bedrohte 
dieselben. Bei der Vernehmung darüber wurde er derartig aufgeregt, heftig und 
frech, dass er wieder in Arrest gebracht werden musste. Am Abend hatte sich 
noch nichts geändert; er tobte und schrie im Arrest wie am 5ten. Am nächsten 
Morgen war er ruhig und vernünftig, blieb noch bis zum 12. Juli isolirt, von 
welcher Zeit an er wieder fleissig als Steinsetzer in der Anstalt arbeitete. 



3) F. gab an, bis 1866 Schwindelanfälle gehabt zu haben; es sei ihm 
drehend geworden und er sei umgefallen, wenn er sich nicht habe anhalten 
können, doch habe er das Bewusstsein dabei niemals vollständig verloren. Seine 
Mutter war epileptisch und beide Eitern waren wegen Diebstahls bestraft worden. 
Er selbst wurde wegen Diebstahls im Rückfall 1866 zu */ 2 Jahr Arbeitshaus 
(Zwickau) verurtheilt, und gab schon dort durch grobe Aeusserungen und Wider¬ 
setzlichkeit zweimal und zwar innerhalb 8 Tagen Ursache zur Bestrafung. Sonst 
ist derselbe während dieser ersten Detention nicht bestraft worden. 

Noch in demselben Jahre wurde er wegen eines neuen Diebstahls zu einem 
Jahre Zuchthaus (Waldheim) verurtheilt. Dort arbeitete er die ersten 5 Wochen 
gut, dann aber folgte Anzeige auf Anzeige, und zwar zuerst wegen eines Brot¬ 
diebstahls. dann wegen einer Widersetzlichkeit, und innerhalb 5 Wochen wurden 
7 Anzeigen wegen des letztgedachten Vergehens gegen ihn gemacht. Dann war 
er wieder ruhig und arbeiteie fleissig. Nachdem er aber am 21. April 1867 
eine abschlägige Antwort auf sein Gnadengesuch erhalten hatte, fing F. von 
Neuem an, hij höchste* •Cftadtf rögitent und widersetzlich zu werden und kam in 
;* »1*6• fygÄfi *6 liiaj zirtt Be^ryiing»* Später kamen im August und November neue 

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Gerichtsärzliche Beobachtungen. 25 

Correctionsanstalt. Hier wurde in gleicher Weise wie im Zuchthause bemerkt, 
dass F. zwar im Allgemeinen ein roher, störrischer und gewalttätiger Mensch 
war, dass er aber ab und zu Anfälle von Wuth und Aufregung halte, welche 
längere Zeit andauerten. Der erste dieser Anfälle begann am 23. December 1868 
und dauerte 4 Tage, später kamen noch einige Widersetzlichkeiten vor, aber im 
Ganzen war F. ruhig, ordentlich und fleissig. Nachdem er zweimal beurlaubt 
und wieder eingezogen war und während der dazwischen liegenden Detentions- 
zeit sich nur zweimal und nur vorübergehend renitent und widersetzlich gezeigt 
hatte, wurde er am 7. Mai 1872 wieder sehr renitent und beruhigte sich erst 
am 19. Mai wieder. 

Von der Correctionsanstalt wurde er wegen eines auf Urlaub begangenen 
schweren Diebstahls am 16. Juli 1872 an das Zuchthaus abgeliefert. Bereits 
im August sind aber 5 Strafanzeigen über ihn gemacht worden, so dass Zweifel 
an seiner geistigen Gesundheit auftraten. F. kam zuerst auf die Krankenstation 
und später in eine Irrenanstalt (Colditz). Von letzterem Orte wurde er am 
22. August 1873 wieder in das Zuchthaus „von der beginnenden Seelen¬ 
störung, wie sie im Zuchthause beobachtet wurde, geheilt“ zurückgeliefert. 

Ende September und Anfang October war F. wieder in hohem Grade un¬ 
gezogen und widersetzlich. Er schimpfte und bedrohte die Aufseher, riss die 
Dielen in seiner Zelle auf u. s. w., so dass er, um weiteren Gewaltthätigkeiten 
vorzubeugen, angeschlossen werden musste. 

Anfang December kam er wieder solcher Wuthausbrüche wegen auf die 
Krankenstation. 

Vom Zuchthause am 12. Januar 1875 in die Correctionsanstalt zurück¬ 
geliefert, betrug er sich tadellos bis zu seiner im Mai desselben Jahres erfolgten 
Entlassung. 

Am 16. Februar 1877 wurde F., nachdem er inzwischen ein Jahr in einer 
Anhalt’schen Strafanstalt verbüsst hatte, von Neuem in die Correctionsanstalt 
gebracht. Nachdem er sich dreimal, aber nur vorübergehend widersetzlich ge¬ 
zeigt hatte, verweigerte er am 10. October die Arbeit. Darüber vernommen, 
wurde er in solcher Weise renitent und ungezogen, dass er angeschlossen wer¬ 
den musste. Er bedrohte die Aufseher, zerbrach die Möbel in der Zelle u. s. w. 

Am 23. October war er wieder ruhig und fleissig bis zum 27. November, 
wo er an einem Tage zweimal widersetzlich war. Von dieser Zeit an arbeitete 
er ruhig und fleissig bis zum 4. März 1878, wo er beurlaubt und am 11. April 
desselben Jahres behufs seiner Auswanderung nach Amerika entlassen wurde. 

Diese drei Fälle haben folgendes Gemeinsame: Zuerst beginnt der 
Wuthanfall plötzlich mit heftigem Schimpfen, Raisonniren, einer ausser¬ 
ordentlichen Widersetzlichkeit und Bedrohung der Aufsichtsbeamten. 

Sodann steigert sich, vielleicht in Folge der Bestrafungen, die 
Widersetzlichkeit mehr und mehr, so dass, um weiteren Gewaltthätig¬ 
keiten vorzubeugen, der Erste und Dritte angeschlossen werden musste. 

Der Erste hatte bei seiner früheren Detention heftige, oft täglich 
wiederkehrende Krampfanfälle, welche ärztlicherseits als epileptische 


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Dr. E. Hankel. 


constatirt wurden. Es ist dabei auffällig, dass er bei der ersten 
Detention keine Gelegenheit zur Bestrafung gegeben hat und seine 
Wuthanfälle erst auftraten, nachdem die Krämpfe aufhörten. 

Der Zweite gab gleich bei seiner Einlieferung an, bis vor drei 
Jahren an sehr heftigen Krämpfen gelitten zu haben. Im Allgemeinen 
hat dieser einen auffällig gutmüthigen Charakter, aber trotzdem kamen 
die Wuthanfälle, wenn auch in etwas schwächerer Weise, zum A usbruch. 

Der Dritte, welcher der ganzen Sache nach hierher gehört, hat 
allerdings keine Krämpfe, sondern blos Schwindelanfälle gehabt, aber 
auch diese hatten vor seiner Detentionszeit aufgehört. 

Aehnliche Wuthanfälle kamen übrigens auch bei einigen Epilep¬ 
tikern, welche ab und zu noch Krampfanfälle hatten, vor, und nach¬ 
dem der Wuthanfall einige Stunden gedauert hatte, begannen meist 
Krämpfe, so dass dadurch die ganze Sache beendet wurde. Unter 
Anderm warf ein Epileptiker einem Facturwärter einen Topf an den 
Kopf und war bei der darauf folgenden Vernehmung ebenso wider¬ 
setzlich, wie die oben besprochenen Correctionäre, so dass er in Arrest 
gebracht werden musste, wo nach zwei Stunden klare epileptische 
Krämpfe ausbrachen. 

Die Aehnlichkeit dieses Vorganges mit dem Betragen der Erst¬ 
genannten ist unverkennbar, und es machte immer den Eindruck, als 
ob ein solcher epileptoider Zustand vorhanden wäre. Erinnerung an 
das Vorhergegangene hatten die Kranken aber, und es war daher die 
Frage, ob dieselben während dieser Wuthanfälle zurechnungsfähig ge¬ 
wesen seien, eine schwierige. 

Ich beantwortete diese Frage dahin, dass sic zwar nicht völlig 
unzurechnungsfähig gewesen seien, zu dieser Zeit aber mehr als sonst 
unter dem Einflüsse der Epilepsie gestanden hätten, und zu jener Zeit 
schwer organisch belastet, gerade während dieser Anfälle milder zu 
beurtheilen seien. 

Dieser Begutachtung entsprechend bestrafte sie die Anstalts- 
direction wesentlich leichter, als wenn ihre volle Zurechnungsfähig¬ 
keit angenommen worden wäre. 

Die intervallären Symptome waren wesentlich verschieden; denn 
während der Erste entschieden schwach und stumpfsinnig, langsam, 
ruhig, träge und im Arbeiten ziemlich ungeschickt ist, beschäftigt 
sich der Zweite, ein sonst sehr harmloser und gutmüthiger Mensch, 
ein geschickter Steinsetzer, mit der Erfindung eines Perpetuum mobile. 


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Gcrichtsärztliche Beobachtungen. 


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Der Dritte, ein geschickter Cigarrenarbeiter, ist ein verschlossener, 
gewalttätiger Mensch, welcher sich seit 1866 bei Weitem die meiste 
Zeit in Straf- und Correctionsanstalten befunden hat. 

Die geschilderten Zustände beweisen die Zugehörigkeit des Dritten 
zu den beiden Ersten, und ich bin der Ueberzeugung, dass die Wuth¬ 
ausbrüche Anfälle epileptischer Natur gewesen sind. 


3. 

Medieinisch - forensische Erfahrungen 

TOD 

Mcdicinalrath Professor Dr. 11« Fischer in Breslau. 

I. 

Das gerichtliche Obductionsprotokoll bei dem münd¬ 
lichen Gerichtsverfahren. 

Bei dem mündlichen Verfahren, wie es zur Zeit von unseren 
Gerichten streng geübt wird, kommt das Obductionsprotokoll nicht 
mehr, wie früher, mit der Anklage im Termine zur amtlichen Ver¬ 
lesung, es wird vielmehr den Gerichtsärzten — meist zum Schlüsse 
der Verhandlung — vom Präsidenten des Gerichtshofes aufgegeben, 
über die wichtigsten Befunde in demselben und die daraus für die 
forensische Beurtheilung des Falles zu ziehenden Schlüsse einen mög¬ 
lichst kurzen und verständlichen Bericht zu erstatten. Die Gerichts¬ 
ärzte sind dabei nicht an den Wortlaut und die Ordnung des Obduc- 
tionsprotokolls, wie sich dasselbe in den Acten befindet, gebunden; 
sie pflegen vielmehr in freier Rede und meist auch ganz aus dem 
Gedächtnisse die Befunde, welche sie für wichtig halten, so weit zu 
schildern, dass ihr Endurtheil daraus motivirt werden kann, und 
Alles, was ihnen unwesentlich scheint, unbeanstandet fortzulassen. 
Niemals werden die Aussagen, welche die Gerichtsärzte über die Be¬ 
funde bei der Section machen, mit den Acten verglichen, der Gerichts¬ 
hof nimmt dieselben, weil eidlich bekräftigt, als ein treues Abbild 
der Obductionsverhandlungen unbeanstandet hin. Die Richter haben 
sich eben gewöhnt, nur auf das Schlussurtheil zu achten und die 


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28 


Dr. H. Fischer, 


Motivirung desselben durch die anatomischen Befunde als ausserhalb 
ihres Kreises liegend weniger zu berücksichtigen. 

Es hängt somit zur Zeit ganz von der Tüchtigkeit, der Uebung 
und Einsicht, von der Gewissenhaftigkeit, dem guten Willen und be¬ 
sonders von der Zuverlässigkeit des Gedächtnisses des gerichtlichen 
Sachverständigen ab, dass das Bild, welches die gerichtliche Obduction 
darbot, möglichst klar und in allen Zügen genau, ohne Zuthaten und 
Abzüge, auch ohne Hinzufügung besonderer Lichter und Schatten, in 
nüchterner, ruhiger, verständlicher Darstellung dem hohen Gerichts¬ 
höfe vorgeführt wird. Wir wollen gern und mit Freuden zugeben, 
dass die grösste Zahl unserer Gerichtsärzte diese schwere Aufgabe 
mit besonderem Geschick und hervorragender Sachkenntniss zu lösen 
pflegt, und weisen von vornherein die Annahme der Möglichkeit 
weit von uns ab, dass ein Arzt etwas eidlich bekräftige vor dem 
Gericht, was er nicht momeutan für die volle Wahrheit hält; den¬ 
noch wollte uns die Praxis, wie sie heute in foro geübt wird, einem 
so hochwichtigen Actenstücke gegenüber, als welches das Obductions- 
protokoll zu betrachten ist, mit wachsender forensischer Erfahrung 
immer gefährlicher erscheinen. Es bilden ja die Ergebnisse der ge¬ 
richtlichen Obduction und ihre technische Beurtheilung Grundlage und 
Stütze einer grossen Zahl der peinlichsten Anklagen, und daher sollte 
jede Möglichkeit, an ihnen zu deuteln oder zu rütteln, wissentlich 
oder unbewusst etwas fortzulassen oder hinzuzufügen, von vornherein 
ausgeschlossen sein. Jeder Sachverständige weiss, wie schwer es ist, 
die Ergebnisse einer Leichenschau, also pathologisch-anatomische Be¬ 
funde, dem Laien wissenschaftlich genau und doch leicht verständlich 
nach Gedächtnissbildern darzustellen und die Schlüsse, welche 
daraus für die medicinisch-forensische Beurtheilung eines Falles folgen, 
kurz, nüchtern, überzeugend und im Angesichte eines grossen Zuhörer¬ 
kreises und der peinlichen Umstände eines Hochgerichts ruhig in 
freier Rede zu gestalten. Das Gedächtniss ist trügerisch, der Geist 
befangen und die freie Rede auch hervorragenden Geistern, wie 
viele Beispiele zeigen, oft versagt oder dürftig gewährt. Es kommt 
aber gerade bei dem mündlichen Gerichtsverfahren darauf besonders 
an, dass der Gerichtsarzt im entscheidenden Momente das ganze 
sachlich wichtige Material des verhandelten Falles in sicherem und 
ruhigem geistigen Besitz und für dasselbe jeder Zeit den treffenden, 
fasslichen, kurzen Ausdruck zur Verfügung hat. Die Section ist der 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


29 


Zeit der gerichtlichen Verhandlung meist schon so lange vorangegangen, 
dass sich ihre Bilder und Eindrücke unter den folgenden neuen ver¬ 
wischt und getrübt haben, und das Studium des Obductionsprotokolles 
vor dem Termin, welches oft im Bewusstsein, dass man noch genau 
im geistigen Besitz der aufgedeckten Befunde sei, nicht sehr gründ¬ 
lich gemacht wird, ruft auch nicht alle Daten desselben wieder richtig 
und sicher in’s Gedächtniss. 

Jeder Arzt, der die leidige Pflicht hat, mit mehreren Collegen 
in foro zusammen aufzutreten, wird es daher erfahren haben, wie oft 
die Form, in welcher dem Gerichtshöfe der Sectionsbefund von den 
Aerzten dargestellt wird, verfehlt und ungeeignet erscheint; der 
jüngere Arzt ist verlegen, wortkarg, unbehülflieh im Ausdruck, er 
überstürzt die anzuführenden Daten, confundirt die verschiedenen Be¬ 
funde und reisst die zusammengehörigen auseinander etc. etc., der 
ältere, erfahrene Physikus liebt es dagegen, seine Aussage mit breiten 
anatomischen und medicinischen Schilderungen, mit gelehrten Aus¬ 
drücken, philosophischen Phrasen und poetischen Wendungen zu 
schmücken und erfreut sich einer weit ausholenden, populären Beredt- 
samkeit. Des Einen Rede können die Geschworenen und Richter 
weder folgen, noch verstehen, des Andern Vortrag wird ihnen zu lang 
und ermüdend; das Rechte zu treffen, kurz und doch verständlich, 
nüchtern und doch fesselnd zu sprechen vor dem Gerichtshöfe ist eben 
ausserordentlich schwer. Auch dem Inhalte nach fällt das Expose 
über die Sectionsbcfunde und die Motivirung des Gutachtens oft sehr 
dürftig aus: das Gedächtniss versagt, die Disposition der Rede wird 
durchbrochen, wichtige Theile des Obductionsprotokolles werden ganz 
übergangen oder nur leicht mit dem Saum der Rede gestreift, un¬ 
wichtige breit dargestellt und in den Vordergrund gedrängt, Wieder¬ 
holungen jagen einander etc. Aber selbst dem Gerichtsarzte, welcher 
die Form der Rede beherrscht und ihren Inhalt ruhiger erwägt, wird 
es im Eifer und Flusse des Vortrages im Hinblick auf das zu ver¬ 
tretende Gutachten passiren, dass er die Sectionsbefunde so darstellt, 
wie sie zu seinem Schlussurtheil stimmen; er wird ohne irgend einen 
Dolus hier etwas fortlassen, dort etwas hinzuthun, hier im Bilde die 
Farben etwas dicker auftragen, dort nur leicht mit dem Pinsel darüber 
hinfahren, um dasselbe möglichst durchsichtig, klar und verständlich 
zu machen. Es ist eben sehr schwer, nüchtern und streng bei der 
Wahrheit zu bleiben, wenn man mit Eifer und Ehrgefühl eine lieb 


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30 


Br. H. Fischer, 


gewordene Idee vertritt. Der Gerichtshof erhält aber unter allen 
diesen Umständen eine unzureichende oder falsche, eine zu fein zurecht¬ 
gelegte oder ganz unklare Auskunft über die Sectionsbefunde und 
kann das Gutachten des Arztes nicht controliren. Daher kommt es, 
dass die Mitglieder des Gerichtshofes heut zu Tage meist noch so 
viele Fragen an die Sachverständigen haben, wenn die Vorträge der¬ 
selben beendet sind, oder dass sich die Sachverständigen selbst immer 
wieder zum Wort melden müssen zu nachträglichen Ergänzungen und 
Erklärungen, und dass auf Anfragen des Staatsanwalts oder des Ver¬ 
teidigers oft erst die wesentlichsten Punkte und die wichtigsten 
Fragen zur Sprache gebracht werden. 

Man könnte uns hier einwenden, dass durch die obligatorische 
Vernehmung zweier Sachverständigen die eben geschilderte Gefahr be¬ 
seitigt oder doch wenigstens unschädlich gemacht wird. Es ist gewiss 
eine nicht genug zu preisende Einrichtung, dass stets auch ein zweiter 
Gerichtsarzt gehört werden muss. Ein tüchtiger Kreiswundarzt kann 
das vom Physikus Vergessene nachholen und Manches richtig stellen 
und einschränken, was letzterer gesagt hat. Wenn er es stets thäte, 
so wäre dafür gesorgt, dass die Wahrheit immer ungeschmälert und 
ungefärbt zu Tage treten könnte. In der Mehrzahl der Fälle aber 
setzt der Kreiswundarzt voraus, dass sein College die Anschauungen, 
die auch er bei der Section gewonnen hat, gut vertreten wird; er 
scheut auch dem befreundeten Collegen gegenüber ein kleinliches Ver¬ 
bessern und Bemängeln, und hält sich, da er die Section gemacht, 
das Obductionsprotokoll milgczcichnet hat, auch für verpflichtet, das 
Gutachten ebenso zu vertreten und aufrecht zu erhalten, wie es ab¬ 
gefasst ist. Der Kreiswundarzt stimmt daher den Ausführungen des 
Kreisphysikus meist mit wenigen Worten bei. Beide haben sich in 
die ausgesprochene Idee hineingelebt und stehen daher für einen Mann. 

Das frühere Verfahren schloss alle diese Fehlerquellen und Ge¬ 
fahren aus. Das nach bestimmten Regeln und in gesicherter Ordnung, 
nach ruhiger Beobachtung und in verständlicher Sprache im Beisein 
des Richters und im Angesichte der beschriebenen Organe der Leiche 
von den Obducenten verfasste Protokoll wurde bei der Anklage wört¬ 
lich verlesen und in den wesentlichsten Punkten von den gerichtlichen 
Sachverständigen wörtlich citirt, somit dem hohen Gerichtshöfe ein 
klares, verständliches, einheitliches Bild des Befundes vorgeführt, so 
dass er sich nun selbst ein Urtheil über die Richtigkeit der von den 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


31 


Gerichtsärzten gezogenen Schlüsse bilden konnte. Dem ganzen Gerichts¬ 
verfahren blieb die sichere Grundlage in den unumstösslichen That- 
sachen, wie sie die Section ergeben hatte, gewahrt. 

Ich habe in Vorstehendem nicht theoretische Befürchtungen aus¬ 
gesprochen, oder Gespenster an die Wand gemalt, bin vielmehr durch 
Erfahrungen in foro gedrängt, diese Angelegenheit, welche ja etwas 
peinlicher und delicater Natur ist, hier zur Sprache zu bringen. 

In einem Falle, den ich erst in jüngster Zeit erlebt habe, wurde 
von einem Sachverständigen vor dem Schwurgericht ein wichtiger 
Obductionsbefund wesentlich anders dargestellt, als er im Obductions- 
protokoll stand. Er passte so zu dem Bilde, das sich der Herr 
College, ein sehr erfahrener Gerichtsarzt, von dem Vorgänge bei der 
Verletzung und von ihren Folgen zurecht gelegt hatte. Als Vertreter 
des von dieser Ansicht in einigen Punkten abweichenden Gutachtens 
des Medicinal-Collegii machte ich den Gerichtshof auf den Irrthum 
des Herrn Sachverständigen aufmerksam und bat um Verlesung des 
entsprechenden Passus des Obductionsprotokolls. Der Präsident des 
Geschworenengerichts hatte gegen diesen meinen Antrag Bedenken 
und ersuchte mich, mich nur an das zu halten, was der Sachver¬ 
ständige gesagt habe. Nur mit Mühe setzte ich es schliesslich mit 
Hülfe der Staatsanwaltschaft durch, dass der Passus des Obductions¬ 
protokolls, welcher für unsere Auffassung wichtig erschien, verlesen 
und richtig gestellt wurde. Der betreffende Gcrichtsarzt blieb aber 
doch bei seiner Ansicht und entgegnete, dass bei der Abfassung des 
Protokolls ein Irrthum vorgefallen sein müsse; er erinnere sich ganz 
genau, dass die Blutinfiltration am Darm so gewesen sei, wie er sie 
mündlich geschildert habe, nicht wie sie im Protokoll stehe. Der 
Kreiswundarzt aber hielt die Fassung des Protokolls aufrecht und so 
wurde dem geschriebenen Wort sein Recht bewahrt. 

In einem anderen Falle, zu dem ich als Sachverständiger von 
der Vertheidigung laudirt war, wurden die Befunde einer Pneumonie 
von den Sachverständigen bei ihrem Referate über die Section als 
ganz unwesentlich übergangen, weil dieselben zu dem Gutachten, das 
sie abgeben wollten, nicht passten. Da ich aber durch ein ein¬ 
gehendes Studium der Acten die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass 
Denata an den Folgen einer Pneumonie und nicht an denen einer 
sechs Wochen vor dem Tode erlittenen Züchtigung gestorben war, 
weil ich in dem Obductionsprotokoll, welches mir die Vertheidigung 


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32 


£>r. H. Fisehet*. 


in Abschrift zugestellt hatte, eine sehr gute Beschreibung einer 
katarrhalischen Entzündung einer ganzen Lunge fand, und auch die 
actenmassigen, freilich etwas unvollständigen Aussagen des behandeln¬ 
den Arztes dafür sprachen, dass Denata an einer typhösen Pneumonie 
gelitten hatte, welche mit der Züchtigung in keinem ursächlichen 
Zusammenhänge stand, so machte ich den Gerichtshof auf den Irr- 
thum der Sachverständigen aufmerksam, erhielt aber auch hier von 
letzteren die Antwort, dass zwischen der Beschreibung eines Befundes 
und dem Befunde selbst ein grosser Unterschied sei, und dass man 
sich genau erinnere, das pathologisch-anatomische Bild einer Lungen¬ 
entzündung bei der Section nicht so deutlich und ausgesprochen wahr¬ 
genommen zu haben, wie es sich in dem Protokolle finde. Wie sollte 
das möglich sein? Der Irrthum lag sicherlich nicht in dem Proto¬ 
kolle, sondern im Gedächtnisse des Obducenten. Hätte die Vertei¬ 
digung denselben nicht bemerkt, so wäre vielleicht ein Mann un¬ 
schuldig verurteilt worden. Ich brauche wol kaum hervorzuheben, 
wie schwer die Rechtspflege durch solche Vorkommnisse gefährdet 
und das Ansehen der Gerichtsärzte geschädigt werden kann. — 

Ich hoffe, mit diesen Zeilen nicht missverstanden zu werden. Sie 
sollten weder tadeln, noch verletzende Kritik üben, vielmehr einem 
mehr und mehr einreissenden Missbrauch von verhängnissvoller Bedeu¬ 
tung entgegentreten; sie werden ihren Zweck voll und ganz erfüllt 
haben, wenn sie die Gerichtsärzte ver pfl ichten, die Befunde 
des Obductionsprotokolls, trotz mündlichen Verfahrens, 
wörtlich nach den Acten vorzulesen, damit über dieselben nie 
ein Zweifel sein kann, und sich in der Beurteilung des Falles streng 
an das geschriebene Wort, nicht an trügerische Gedächtnissbilder 
zu halten. 

(Schluss folgt.) 


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5. 


lieber die als Nenroparalyse, Nerveaschlag, Shoek bezeiehaete 
Todesart vom gerichtsarztlichen Standpunkte. 

Von 

Dr. A. Wernlch, 

Unlversitätsdocent und Bezirksphysikus in Berlin. 


(Schluss.) 

II. Die Einengung des Gebietes der neuroparalytischen 
Todesarten durch Ausbildung der anatomischen Differen¬ 
tial-Diagnostik 

verspricht dagegen nach den seit etwa zwei Jahrzehnten deutlich er¬ 
kennbaren erfreulichen Fortschritten zu einer immer grösseren Sicher¬ 
heit in Bezug auf die Zulässigkeit jener Todesarten in foro zu führen. 

Es beruhen solche Fortschritte, wie wol Niemand mehr verkennt, 
auf den wesentlich veränderten Anforderungen, welche seit Anfang der 
60ger Jahre an die Vollständigkeit und Genauigkeit der gerichtsärzt¬ 
lichen Obductionsprotokolle gestellt werden. So lange man mit Vor¬ 
aussetzungen dessen, was man zu suchen hatte, an anatomische Unter¬ 
suchungen ging, so lange die klinische Anamnese über den Gang der 
Obduction entschied, und der Satz Geltung besass, dass gerichtliche 
Leichenöffnungen ihrem Princip nach unterschieden wären von patholo¬ 
gischen, sc. zu wissenschaftlichen Zwecken unternommenen Sectionen'), 
achtete man in der That auch bei gewaltsamen Todesarten vorwiegend 
auf das, was man zu finden sich gedacht hatte. Wie bei so manchem 
anderen a priori construirten Zusammenhänge hat auch dem Nerven¬ 
schlage gegenüber die wesentlichste Aufgabe der inductivcn Forschungs¬ 
methode darin bestanden, dass sie dazu zwang, alle Organe und ein¬ 
zelnen Theile der Leiche genau zu untersuchen und eine voraussetzungs¬ 
lose, ausführliche und für alle, auch erst nachträglich sich heraus¬ 
stellenden Anhaltspunkte benutzbare Beschreibung auch für Obductions¬ 
protokolle als unerlässlich zu betrachten. 

Eine revisioneile Uebersicht des mittels dieser Methode bereits 
Geleisteten wird ihrerseits allerdings nicht umhin können, in deductivcr 


*) Virchow, Lit.-Verz. No. 4, p. 535. 

Vleneljaliraschr. f. ger. Med. K. F XXXVIII. 1. 


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34 


Dr. A. Wernich. 


Weise bestimmte Kategorien zu Ausgangspunkten der Betrachtung zu 
nehmen und die früher muthmasslich am häufigsten unter den uns 
beschäftigenden vielsagenden Benennungen im Dunkeln gelassenen Zu¬ 
sammenhänge gewaltsamer Todesarten nach einer gewissen Eintheilung 
zu besprechen. 

A. Traumatischer Shock und Zugehöriges. — Nicht ohne 
Absicht stellen wir die in so erfreulichem Umfange von chirurgischer 
Seite herrührenden diagnostischen Beiträge an die Spitze dieser Be¬ 
trachtung. Die den Verletzungen lebenswichtiger Organe, den 
Verlusten ganzer Glieder, den umfangreichen Zermalmungen von Kno¬ 
chen und Weichtheilen folgenden Todesfälle ereignen sich bekanntlich 
sehr häufig unter den klinischen Erscheinungen des traumatischen 
Shocks. Doch fordern sie eine Auslassung über die neuroparalytische 
Todesart in foro um so seltener heraus, je zulänglicher die Verletzung 
durch Art und Umfang nach allgemeiner Annahme an sich das Ab¬ 
leben erklärt. Was die Mitwirkung des Blutverlustes hierbei an¬ 
langt, der neuerdings ungleich seltener auch bei den bedeutendsten 
Operationen als bei Verletzungen in Frage kommt, so dürfte bei einiger- 
massen hohen Graden desselben, in denen Haut und Schleimhäute das 
charakteristische wachsbleiche Ansehen haben, in denen jedes Organ 
als blutleer imponirt und die Möglichkeit einer blossen Ungleichheit 
in der Blutvertheilung nirgend durch eine Blutanhäufung eine Stütze 
erhält, nur selten oder wol kaum noch auf Shock zurückgegriffen 
werden dürfen. Besonders zu berücksichtigen ist hier bei den einem 
operativen Eingriff Erlegenen das Lebensalter. „Man beobachtet“, sagt 
v. Nussbaum 1 ), „dass alte Leute eine Operation gut überstehen, 
freut sich ein paar Tage über ihr gutes Befinden, — nicht ein übler 
Zufall tritt ein, nichts zerfällt, die Wunde ist nicht septisch, keinerlei 
Klage wird vernommen. Und doch sinkt plötzlich die Temperatur auf 
34—35°, hört der Puls auf und kommt ein tödtlicher Collaps. Auch 
hier sprach man von einem neuroparalvtischen Zustande, vom Shock 
des Eingriffes, welchen eben der geschwächte Organismus nicht mehr 
ertragen konnte. Ich zweifle aber keinen Augenblick, dass dieser 
Tod von dem, wenn auch nur geringen Blutverluste erzeugt ist, wel¬ 
cher bei der Operation stattfand.“ — Verfasser ist in der Lage, für 
solche Widersprüche zwischen der Geringfügigkeit des sichtbaren Blut¬ 
verlustes und dem unter Shockerscheinungen erfolgenden, aber doch 


') Lit.-Verz. No. 23. 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nervenschlag. Shock bezeichnete Todesart. 35 


auf Blutleere beruhenden Exitus Beobachtungen zu besitzen, die er an 
Japanern gemacht hat. Speciell in der sommerlichen Jahreszeit, wäh¬ 
rend welcher ihre Ernährung und ihre Stoffersatzkraft nur auf mini¬ 
male Anforderungen eingerichtet zu sein scheint, erlagen anscheinend 
gesunde Individuen, an welchen ein nach unseren Begriffen sehr gering¬ 
fügiger, mit einigem Blutverlust verbundener Eingriff auszuführen war, 
demselben zuweilen unter den unerklärlichen Erscheinungen des plötz¬ 
lichen Collapses. Die Sectionen dieser Fälle erhoben jedoch (ganz 
ähnlich wie bei den Individuen hohen Alters) eine — bei der Dunkel¬ 
farbigkeit der Betreffenden eben ausser Vermuthung gebliebene Blut¬ 
leere über jeden Zweifel. 

Nach Erschütterungen und Quetschungen gewisser Körper¬ 
regionen wird klinisch sehr häufig Shock beobachtet, so nach Quet¬ 
schungen des Thorax, des Unterleibes, der Hoden, der Finger; nach 
Luxationen der letzteren. Da hier wol ausnahmslos äussere Spuren 
noch an der Leiche auf den stattgehabten Vorgang hinweisen, so wird 
es von der Würdigung des Einzelbefundes abhängig zu machen sein, 
ob der Obducent eine solche Verletzung für sich oder nur in Verbin¬ 
dung mit einem angenommenen Shock als ausreichende Todesursache 
erklären kann. Eine eigenartige Stellung scheinen in dieser Kategorie 
die Fälle einzunehmen, an welchen die erst vor wenigen Jahren er¬ 
fundene Operation der Nervendehnung unglücklich endete. Dem 
Verfasser ist eine — noch nicht publicirte — Beobachtung bekannt, 
welche bei Lebzeiten schlechterdings keine andere Erklärung als durch 
hinzugetretenen Shock zuliess. Bei der Scetion wurde indess ein gänz¬ 
lich unerwartetes materielles Substrat, nämlich eine nicht unbeträcht¬ 
liche Menge frischen Eiters an der Gehirnbasis aufgefunden. Ob dieser 
Befund möglicherweise direkt mit dem Eingriff (der Plexus brachialis 
war gedehnt worden) in Beziehung zu bringen ist, darüber fehlt es 
bis jetzt bei der noch relativen Seltenheit der jedenfalls recht ein¬ 
greifenden Operation an controlirenden Beobachtungen. 

Eine, wie mir scheint, etwas schiefe Logik hat das Auftreten von 
Shock in unmittelbare Beziehungen zu der groben Mechanik der 
Verletzungen gebracht. „Je stumpfer der Winkel ist“, heisst es bei 
Fischer 1 ), „in dem der fremde Körper einen menschlichen Körper- 
theil trifft, je breiter seine auffallende Fläche, um so leichter kommt 
es zu schweren Shockerscheinungen. Prellschüsse von mächtigen 


') Lit.-Verz. No. 17, p. 77. 


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3* 


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36 


t)r. A. Wernich, 


Bombensplittern und Kanonenkugeln, Hiebe mit dem Kolben, Stiche 
mit dem Bayonnett erschüttern ganz anders Körper und Gemüth der 
Kämpfenden als perforirende Flintenkugeln oder ein gut durch gezogener 
Hieb mit dem scharfen Säbel. Besonders sind Contusionen der Knochen 
häufig von Shockerscheinungen begleitet.“ Annehmbarer als solche 
unvermittelten Bemerkungen sind die Ansichten, welche Redard') 
über den durch Geschosse bedingten Shock gehend gemacht hat. Er 
fand, dass die nervösen Erschütterungen in nachweisbaren Störungen 
des vasomotorischen Nervensystems zum Ausdruck kommen, und fand 
ferner den Grad der letzteren um so heftiger, je grösser das ver¬ 
letzende Geschoss war. — Dass auch in diesen Fällen, selbst wenn 
die Zeichen bedeutenderer Blutverluste fehlen, sich bei der Obduction 
Anhaltspunkte für die Tödtlichkeit der Verletzungen ergeben werden, 
darüber besteht wol keine Discussion. 

Ingleichen hält Verfasser für überflüssig, in eine solche einzu¬ 
treten, wenn Folgendes behauptet wird: „Es sterben zuweilen Patienten, 
denen man grosse Hernien, besonders ganz frisch ‘eingeklemmte 
Umbilical- und Ventralhernien durch eine anscheinend recht glückliche 
Taxis reponirt hat, ganz plötzlich unter ausgeprägten Shockerschei¬ 
nungen, ohne dass man bei der Section eine Verletzung der 
Därme oder sonst eine wesentliche Abnormität in der Bauchhöhle 
findet.“ 2 ) Dergleichen allgemeine Behauptungen sollten auf einige 
wenige Fälle hin nicht ausgesprochen werden, da eine Negation irgend 
welcher Befunde beim Austritt von Darmtheilen schon an und für 
sich einen Widerspruch enthält. 

In Operationsfällcn, nach welchen nicht unmittelbar ein Collaps 
beobachtet wird, sondern für einige Zeit Erholung und zweifelloses 
Wohlbefinden eintritt, nimmt v. Nussbaum acute Sepsis an und 
bringt für die Erklärung des besonders nach Operationen innerhalb 
des Peritoneums oft höchst rapiden und dem Bilde des Shocks klinisch 
ganz analogen Verlaufs die Experimente Wcgner's über die ungemein 
grosse Resorptionskraft der Peritonealhöhle in Erinnerung. Es ist 
wol kaum anzunehmen, dass eine vorschriftsmässige gerichtliche Ob¬ 
duction über das „Wie“ gerade dieses Pseudoshocks Zweifel lassen 
könnte. — Ebensowenig dürften die nach Eisenbahn-, Maschinen- und 
ähnlichen schweren Verletzungen der Knochen (besonders nach com- 

•) Li t.-Vera. No. *21. 

*) Fischer, Lit.-Vcrz. No. 17, p. 77. 


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Uebcr die als Neuroparalyse, Nerven.schlag. Sliock Gezeichnete Todesart. 3 7 


plicirten Unterschenkelfracturen) unter dem Bilde des Shocks ein¬ 
tretenden Fettembolien der geschärften Aufmerksamkeit entgehen, 
welche man ihnen seit dem Erscheinen darauf bezüglicher Arbeiten 
von chirurgischer, pathologisch-anatomischer und gerichtsärztlicher Seite 
gewidmet hat *). Bei derartigen Knochenzermalmungen wird die Mark¬ 
höhle der Röhrenknochen zertrümmert, das Fett des Markes durch die 
grösseren in diesem verlaufenden Gefässc und durch die klaffenden 
Knochenvenen in den Kreislauf aufgenommen, so dass es in die Lungen- 
capillarcn gelangt und hier durch seine Färbung und auffallende Lage¬ 
rung, besonders bei multiplem Vorkommen, der anatomischen Recog- 
noscirung leicht zugänglich ist 2 ). 

Auch von den Embolien durch Gefässthrombenfragmente 
lässt sich auf der einen Seite behaupten, dass ihr Vorhandensein einem 
aufmerksamen Obducenten unmöglich entgehen kann, und auf der 
anderen, dass ihr Studium und ihre Erkenntniss von dem entscheidend¬ 
sten Einfluss auf die Einschränkung des Shockgebietes gewesen ist. 
Die früher mit so grosser Sicherheit durch Nervenschlag erklärten 
plötzlichen Todesfälle im Wochenbett sind einer anatomischen 
Auffassung, soweit dies überhaupt nur möglich ist, zugänglich, sobald 
(wie es in nicht allzu grosser Seltenheit der Fall ist) grössere Aeste 
der Pulmonalarterie oder gar der Stamm durch einen Embolus ver¬ 
stopft gefunden werden. 

Schwerer sind bei sonst zweifelhaften puerperalen Zuständen Auf¬ 
schlüsse über das zuweilen beobachtete Eindringen von Luft in 
die offenstehenden Venen des Uterus, welches ebenfalls den 
Tod auf dem Wege des Shocks herbeiführt, von anatomischer und 
gerichtsärztlicher Seite zu geben, da Fäulnisserscheinungen den Cha¬ 
rakter des etwaigen Befundes an Luftblasen in Frage stellen können 3 ). 
Die durch Verblutungen bedingten angeblichen Shocktodesfälle des 
Puerperiums subsumiren sich für einen forensischen Nachweis den 
sonstigen auf extreme Anämie zurüekzuführenden Fällen. — 

Die vielfach von chirurgischen Autoren an die Erörterung des 
traumatischen Shocks angereihte Discussion über die Stellung des 
Chloroforms zur Erzeugung oder Verhütung von Shock gehört 


*) Klargestellt wurde der Zusammenhang der Fettembolie zuerst durch 
v. Recklinghausen (F. Busch, Ueber Fettembolie. Virchow’s Archiv. 
Bd. XXXV. p. 321; — Lit.-Verz. No. 28). 

s ) Vgl. v. Nussbaum, Lit.-Verz. No. 23. 

3 ) Vgl. Winckel, Lit.-Verz. No. 31, p. 284 ff. 


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38 


Dr. A. Wern ich, 


sichtlich nicht in dieses Capitel, sondern in das von den Shockzufällcn 
nach der Einverleibung von Giften. — Dagegen dürfte seinem Wesen 
nach der Shock bei Blitzschlag als ein traumatisch veranlasster 
aufzufassen sein. Wenigstens ist bis jetzt eine Entscheidung darüber 
nicht möglich gewesen, ob die am Körper zuweilen sichtbar bleibenden 
Blitzspuren durch Verbrennung oder durch Contusion entstehen, oder 
ob sie als locale, durch elektrische Gefässlähmung bewirkte Erytheme 
aufzufassen sind. Jedoch sind auch Zerschmetterungen der Scluidel- 
und anderer Knochen durch den Schlag in mehreren gut beobachteten 
Fällen beglaubigt. Ob neben diesen nicht constanten Verletzungen die 
inneren Obductionsbefunde häufiger sich als positive — intramenin- 
geale und cerebrale Extravasate, Zerreissungen der Hirnsubstanz, Blut¬ 
austritte in den Lungen oder im Netz —, oder als negative heraus¬ 
steilen, scheint noch nicht festzustchen. Rasche Fäulniss der vom 
Blitze Erschlagenen wird zwar schon von Scneca hervorgehoben, aber 
am ungezwungensten wol durch Mitwirkung der die häufigsten Gewitter 
bringenden Jahreszeit erklärt. Mehrere Beobachter sprechen von auf¬ 
fallend schnellem Eintreten der Todtcnstarre, einzelne auch von einer 
besonderen „kataleptischen Muskelstarre“, welche letztere indess sicher 
in der Mehrzahl der Fälle fehlt. Das Verhalten des Blutes zeigt nach 
E. Hofmann ') nichts Charakteristisches. Zuweilen deuteten Blutungen 
aus einem oder beiden Ohren auch an den Leichen der Erschlagenen 
auf eine Betheiligung des Schädelinhaltes hin. 

B. Nervenschlag bei Erfrierung, Verbrennung, Insola¬ 
tion. — Verfasser hat sich in dieser Arbeit mehrere Male veranlasst 
gesehen, die den pathologisch-anatomischen Daten gar zu wenig Beach¬ 
tung schenkende Darstellungsweise Fischer's als wenig fruchtbringend 
zu kennzeichnen. Sehr scharf spricht sich dieselbe u. a. auch aus in 
dem Satze: „Auch bei dem nach umfangreichen und tiefen Verbren¬ 
nungen und Erfrierungen jäh eintretenden Tode ist der Shock unzweifel¬ 
haft in erster Linie anzuklagen“, 2 ) — und nirgend so wie bei diesen 
Läsionen hatte diese grosse Concession an den Shock vor zehn Jahren 
auch noch eine gewisse Berechtigung. 

Denn der Sectionsbefund Erfrorener ergiebt auch nach dem 
heutigen Stande der Forschungen im Allgemeinen nichts Charakte¬ 
ristisches. Die erstarrte oder die festgefrorene Beschaffenheit der 

•) Lit.-Verz. No. 32, p. 289. 

2 ) Lit.-Verz. No. 17, p. 77. 


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Uebor die als Neuroparaly.se, Nervensclilag, Shock bezeichnet Todesart. 39 

Leiche beweist keineswegs, dass ihr Inhaber erfroren sei. Ein Aus¬ 
einandergewichensein der Schädelnähte, wie es Krajewski mehrmals 
bei Erfrorenen fand, kann durch die Ausdehnung des stark wasser¬ 
haltigen gefrierenden Gehirns als Leichenerscheinung und auf rein phy¬ 
sikalischem Wege zu Stande kommen. Hellrothe Todtenflecken, wie sie 
von Ogston, ßlumenstok u. A. als charakteristisch für den Erfrie¬ 
rungstod angegeben wurden, sind dies keineswegs, denn sie kommen 
auch an anderen Leichen zur Beobachtung, wenn man sie z. B. in 
Eiskellern aufbewahrt. Versuche von E. Hofmann 1 ) sprechen dafür, 
dass dieser Erscheinung eine Oxydation des Haemoglobins der Todten¬ 
flecken zu Grunde liegt, und dass diese Oxydation in vielen Fällen erst 
beim Aufthauen der gefrorenen Leichen — durch die damit verbundene 
reichlichere Sauerstoffzufuhr und Durchfeuchtung der Haut — zu Stande 
kommt. Auch die hellrothe Farbe des Blutes in den inneren Orga¬ 
nen (von Biosfeld, Ogston und de Crechio hervorgehoben, von 
Samson-Hiramelstiern als nicht constant bezeichnet) dürfte auf die 
gleichen Ursachen und Vorgänge, also auf mit der Todesart nicht in 
Verbindung stehende zurückzuführen sein. 

Dass die Blutkörperchen in eigentümlicher Weise durch Kälte 
innerhalb der Gefässe zerfallen, „desorganisirt werden, ein tieferes 
Colorit bekommen“, hatPouchet gefunden 2 ). Doch treten dieselben 
Veränderungen auch am Leichenblute ein und noch eingreifendere beim 
Wiederaufthauen, so dass auch diese Thatsache sich differential-dia¬ 
gnostisch nicht verwerten lässt. Hyperämien der inneren Organe 
werden meistens gefunden und würden, wenn auch nicht für diese 
Todesart allein charakteristisch, sich doch wenigstens gegen blossen 
nervösen Shock anführeu lassen. Meistens hat man sich jedoch zur 
Constatirung des Erfrierungstodes an die Ermittelung der äusseren 
Umstände des Todesfalles (Feststellung der thermoraetrischen Aussen- 
verhältnisse, des Fundortes, der Bekleidungsverhältnisse, der Consti¬ 
tution der Leiche) gehalten, und wo diesen ein anscheinend negatives 
Obductionscrgebniss gegenüberstand, sich vielfach mit der Annahme 
des Nervenschlages begnügt. Auch von der Entdeckung Naunyn’s, 
dass das lackfarbene Blut Erfrorener exquisit giftige Eigenschaften 
besitze 3 ), konnte man forensisch wenig Gebrauch machen, da noch 


') Lit.-Verz. No. 38. 
ä ) Lit.-Verz. No. 36, p. 606. 

3 ) Nach der Angabe bei Jastrowitz, Lit.-Verz. No. 42, p. 30. 


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40 


Dr. A. Wern ich, 


nicht feststeht, ob nicht das in Leichen gefrorene Blut diese Eigen¬ 
schaften thcilt. l ) 

Ob man sich dagegen hinsichtlich der Verbrennung überhaupt 
noch zur Heranziehung des Shocks wird entschliessen dürfen, scheint 
nach den neuesten Entwicklungsphasen der Verbrennungsfrage doch 
mindestens zweifelhaft. Ausgehend von den sehr dürftigen Anhalts¬ 
punkten, wie wir sic noch Ende der 60ger Jahre besassen, hatte 
schon Wertheim 2 ) sich die Frage gestellt: Werden die zelligcn Blut- 
bestandtheilc durch Verbrennung und Verbrühung des Hautorgans ge¬ 
ändert? — und diese Frage bejaht. Fon fick unternahm nun 1875—76 
eine grössere Reihe von Verbrühungsversuchen an Hunden, welche in 
ziemlicher Anzahl letal endeten und Folgendes ergaben: „In allen 
Fällen intensiverer Verbrennung war bereits wenige Minuten darnach 
eine schwere Veränderung des Blutes zu constatiren, indem sich 
seine rothen Zellen durch eine Art von Zerbröckelungs- oder Zer- 
fliessungsvorgang in eine Anzahl kleiner gefärbter Partikel auflösen. 
Diese Fragmente verschwinden im Laufe einer ihrer ursprünglichen 
Menge entsprechenden Reihe von Stunden, indess nicht ohne schwere 
Störungen an verschiedenen, fern von einander gelegenen Organen 
hervorgerufen zu haben. Am augenfälligsten werden die Nieren in 
Mitleidenschaft gezogen, indem durch sie ein guter Theil des nun ge- 
wissermassen frei im Blute circulirenden Hämoglobins nach Aussen 
geführt wird. Es kann dies aber, wenigstens in schwereren Fällen 
nicht geschehen, ohne ihr Parenchym in einen sehr schweren Ent¬ 
zündungszustand zu versetzen, welcher sich im Auftreten von 
eigenthümlich gefärbten Cylindern, in ausgedehnten Verstopfungen der 
Harncanälchen, in Verfettung der Drüsenepithelien äussert. Ein anderer 
Theil der geschilderten Fragmente dagegen bleibt vorerst noch inner¬ 
halb des Organismus: er verschwindet in die Pulpa der Milz und 
des Knochenmarks hinein, indem er von deren contractilen Zellen 
aufgenommen wird, um wahrscheinlich in deren Leib eine allmälige 
Rückbildung zu erfahren. Dieser Uebertritt in die genannten caver- 
nösen Gewebe giebt sich schon für das blosse Auge in einer auf¬ 
fallenden Vergrösserung des Organs, sowie in einer vermehrten Röthung 
und Succulenz der Durchschnitte kund.“ 3 ) 

Der Zweifel, ob diese interessanten Aufschlüsse auch forensischen 


') cf. die Abhandlung von v. Dieberg. Anm. d. Redaction. 
5 ) S. Lil-Verz. No. 37. 

*) Fonfick, Lit.-Verz. No. 39, p. 259. 


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Ueber die als Nenroparalyse. Nevvenschlag. Sliock bezeicbnete Todesart. 41 


Werth erlangen würden, ob der Nierenbefund sich auch beim Menschen 
als diagnostisch brauchbar Herausstellen würde, wurde zuerst durch 
Ponfick selbst gehoben, der bei einem IG 1 Stunde nach erfolgter 
Verbrennung seoirtcn Falle eine deutliche und charakteristische 
Verbrennungsnephritis fand: .Der Urin, welcher von einem eigon- 
thümlich penetranten Geruch war und sauer reagirte, enthielt breite, 
theils hyaline, theils mit Epithel bedeckte Cylinder, letztere zum Theil 
in fettigkörnigem Zerfall. Die Nieren waren blutreich und ihre Gor- 
ticalis fleckweise durch massige Verfettung der Harncanalepithelien 
getrübt-'). — Nicht nur durch ihre Beziehungen zu den Hundeexperi¬ 
menten erhält diese positive Beobachtung ein erhöhtes Gewicht, son¬ 
dern auch durch umfangreiche, gleichsinnige Beobachtungen und Ver¬ 
suche von Lesser 2 ). welche im Wesentlichen lediglich als Wieder¬ 
holungen und Bestätigungen der Resultate Ponfick's aufzufassen sind 3 ). 

Es scheint uns nach diesen Bemerkungen über die Gewinnung 
palpablcr Zeichen für den Hitzetod eine von Sonnenburg hinsicht¬ 
lich desselben geltend gemachte Theorie 4 ) von unserem Standpunkte 
aus nur einer kurzen Erwägung zu bedürfen. Ihren Ausgangspunkt 
von dem uns schon bekannt gewordenen Satze nehmend: Jeder über¬ 
mässige sensible Reiz, ob traumatisch oder anderweitig bedingt, be¬ 
wirkt als Folge der rcflectorischen Reizung des Rückenmarks zuerst 
Verengerung der Gcfässe; dann weiter bauend: Dieser Reizung folgt 
sehr schnell auf reflectorischem Wege eine Lähmung der vasomoto¬ 
rischen Nerven, deren Ausdruck eine allgemeine Erschlaffung der 
Gefässe ist; die Lähmung ist aufzufassen als durch Ueberreizung ent¬ 
standene Erschlaffung; und endlich auf die .Herabsetzung des Gefäss- 
tonus“, die .kolossale Abnahme des Blutdrucks“ und die „Energie¬ 
losigkeit der Herzaction“ sich stützend, — lehnt sich diese Theorie 
so nahe an die Fischers über den traumatischen Sliock an, dass 
sie hinsichtlich des Shocks nach Verbrennungen nicht einer nochmali¬ 
gen Durchprüfung bedarf und hinsichtlich des pathologisch-anatomischen 
Wcrthes weit hinter der von Ponfick aufgefundenen charakteristischen 
Veränderung zurückbleibt. 


1 ) Mitgetheilt bei Jastrowitz, Lit.-Verz. No 42, p 33. 

2 ) Lit.-Verz. No. 40, p. 248 ff. 

3 ) Diese von uns gewählte Darstellung des Herganges wird durch den von 
L csser provocirten Prioritätsstreit im Cbl. f. d. ined. Wissensch. (Lit.-Verz. No. 41) 
nicht altcrirt. 

4 ) Lit.-Verz. No. 27, p. 24. 


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Dr. A. Wem ich, 


Pneumonien, Pleuritiden, Meningitiden und Darmverän¬ 
derungen (starke Injeetion der Darmgefässe, Blutergüsse, Geschwüre) 
sind, wenn auch inconstant und nicht die Verbrennung an sich cha- 
rakterisircnd, doch häufig genug nach derselben beobachtet, um neben 
der Verbrennungsnephritis einen rein negativen oder ungenügenden 
Leichenbefund immer seltener zu machen und dem „Verbrennungs- 
shock“ sein altes Recht Schritt für Schritt abzudrängen. — Die auf 
Grund einiger merkwürdigen Fälle von Gü ns bürg geltend gemachte 
Anschauung, dass bei tödtlichcn Verbrennungen, nach denen sich der 
ganze Dünndarm von Russpartikelchen geschwärzt fand, eine Resorp¬ 
tion durch die Haut und mittels der Gefässe vorausgesetzt werden 
müsse, bedarf noch der Bestätigung'). 

Für die recht seltenen und interessanten Fälle, in welchen durch 
Einwirkung mässig erhöhter Temperaturen unter dem Bilde 
des Nervenschlages Exitus lethalis beobachtet worden ist, haben 
Eulenberg und Vohl eine auf materieller Basis fussende Interpre¬ 
tation gegeben. So theilte 1874 Speck einen derartigen Fall mit, 
in welchem ein contractes 14jähriges Mädchen in eine frische Schaf¬ 
haut gewickelt, mit frischgebackenen und heissen Broden in einer 
gewissen Entfernung umstellt wurde und so, mit Decken zugedeckt, 
eine Nacht lang belassen werden sollte. Sie war indess schon nach 
3 Stunden todt. Ausser sehr entwickelten Fäulnisserscheinungen er¬ 
gab die Obduction keinen Anhalt. Der Autor 2 ) erklärte den Tod durch 
Behinderung der Wärmeabgabe, welche letztere durch die Lungen¬ 
function allein — auch bei Erhöhung derselben — nicht vor sich 
gehen konnte. Eulenberg verweist dagegen für die Klarstellung auf 
seine Untersuchungen, wonach eine um mehrere Grade gesteigerte 
Blutwärme nothwendig eine vermehrte Ausdehnung der Blutgase (und 
zwar für jeden Grad Celsius über 39,5° eine Vermehrung der Aus¬ 
dehnung um 0,242 Volumprocente) bewirkt 3 ). Eine solche vermehrte 
Spannung der Blutgase übe eine hemmende Wirkung auf die Herz- 
thätigkeit in jedem Falle aus; komme es aber, wie in jenem Falle, 
zum Austreten der Blutgase, so sei Paralyse des Herzens und des 
Gehirns die nothwendige Folge. — Bei der Entscheidung über die 


') Besprochen von Jaslrowitz, Lit.-Verz. No. 42, p 30. 

2 ) Speck, Lit.-Verz. No. 43. 

3 ) VJS. für ger. Med. und öff. San.-Wesen Bd. XXL und Ref. im raed. Jahresber- 
1874, I. p. 571; Orig.-Arb. Vircb. Arch. XLIL p. 161—203. 


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Feber die als Neuropnralyse. Nervenschlag. Shock bezeichnete Todesart. 43 


Todesart rein aus den Obductionsresultaten wird natürlich der Nach¬ 
weis schon im Lehen mit dem Blute gemischter Gasblasen der Fäulniss 
gegenüber auf dieselben Schwierigkeiten stossen, welche wir schon auf 
S. 37 andeuleten. — 

Hitzschlag. Obgleich sich nach moderneren Anschauungen einem 
anderen Zusammenhänge unterordnend, reiht sich doch gerade den eben 
berührten plötzlichen Todesfällen nach „Verhütung ohne Verbrennung- 4 
der Hitzschlag durch eine natürliche Ideenverbindung an. Auch sein 
Mechanismus ist noch nicht allzulange so klar gelegt, dass man nicht 
der Supposition eines intercurrirenden Nervensehlages dringend bedurft 
hätte. Wie streitig jedoch auch noch heute die Aufeinanderfolge der 
einzelnen Hitzschlagsymptome im Leben sei, so besitzen wir doch in 
den Sectionsbefunden, wie sie von Arndt, Köster, Siedamgrotzky, 
Ullmann u. A. analvsirt und mit einander verglichen worden sind, 
genügende Anhalte, um der Vorstellung des blossen Shocks keinen 
allzu bedeutenden Antheil hierbei einzuräumen. Die fast durchgehend 
notirten Befunde neuerer Sectionen: starke Venenfüllung der Sinus¬ 
apparate, der Meningen und der Hirnsubstanz selbst, das daneben oft 
genug betonte Vorkommen seröser Flüssigkeit, die blauschwarze Fär¬ 
bung und die Oedemspuren an den Lungen, die Blutbefunde am Herzen, 
die nicht seltenen degenerativen Veränderungen der Herzmusculatur'), 
— sie dürfen wol zu denjenigen Zeichen in der Leiche gerechnet wer¬ 
den, welche nach älterer Untersuchungsmethode der Aufmerksamkeit 
entschlüpften oder nach älterer Auffassung den Tod nicht auf ge¬ 
nügend greifbare Weise erklärten. Gleichzeitig verweisen sie uns je¬ 
doch in ihrem Totaleindruck auf die Aehnlichkeit mit den Befunden 
beim Erstickungstode, so dass es sich empfiehlt, die Erörterung des 
Zweifels, ob die Symptome der ungenügenden Blutdecarboni- 
sation als den Tod ausreichend erklärende anzusehen sind, an die 
Besprechung des Erstickungstodes anzusehliessen. 

C. Nervenschlag bei Intoxicationen und Infectionen. — 
Bei den sehr ungenügenden Kenntnissen, welche wir noch immer über 
die eigentliche Wirkungsweise der meisten sogenannten Nervengifte 
besitzen, kann es kaum befremden, wenn von vielen über den Shock 
handelnden Autoren auch Gifte unter seinen Ursachen mit aufgeführt 


') Nach den im „Jahresbericht 44 regelmässig erscheinenden Zusammenstel¬ 
lungen über das Capitol „Hitzschlag“ von A. Hirsch: Acute Infectionskrankheiten 
(Anfang des H. Bandes). 


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Dr. A. Wern ich, 


werden. So behauptet Jordan 1 ): „Certain poisons (and poisons ad- 
mittedly rank among the causes of shock) such as the Upas 
poison and the cyanide of potassium 2 ), if injectcd into the blood act 
directly on the musctilar fibre of the lieart, and impairing its power 
of contractilitv, give rise to those numerous secondary ctfects of shock, 
which depend of an impcrfect or arrested supply of arterial blood.“ 
„This dass of poisons is the exaet opposite of that dass, which, as 
in the easc of woorara poison. aets on the nervös onlv — the aetion 
being first on the filaments of distribution, and then on the larger 
thrunks.“ 

Es lässt sich gewiss nicht bestreiten, dass die Vorstellung des 
Nervenschlages bei Thierexperimenten mit gewissen Giften (wir halten 
die Jordanische Aufzählung noch einer bedeutenden Vervollständigung 
fähig) in überzeugendem Grade erweckt wird. Doch scheint es völlig 
unrathsam, dem noch nicht einmal in besonderem Umfange zutreffenden 
physiologischen Vergleich zu Liebe nun die Erscheinungen des Shooks 
bei Blausäure, Nicotin, Upasgift, verschiedenen Gasvergiftungen etc. 
in diese revisionclle Besprechung zu ziehen. Denn nicht die Frage 
behandeln wir, ob die Tödtungswcise eines sogenannten Nervengiftes 
mit dem vermutheten Hergange der Neuroparalyse Achnlichkeit hat, 
sondern die, wie oft wir mit den Hülfsmittein der modernen 
Jjeichendurchforschung den Shock ausschliessen können. So 
präeisirt sich den Giften gegenüber das forensische Problem in der 
Weise, dass, nachdem das reguläre Fortschreiten der Section eine ge¬ 
wisse Dürftigkeit der Befunde bei einem plötzlich Verstorbenen er¬ 
kennen lässt, jedenfalls der Mageninhalt und entsprechende Organ- 
theile in vorgeschriebener Weise für die Untersuchung auf Gifte reser- 
virt werden. Die toxikologische Diagnostik aber hat zur Shock frage 
gar keine Beziehungen mehr. Hat der Chemiker ein positives Urtheil 
über das Vorhandensein eines der stärkeren und zu Vergiftungen be¬ 
liebten Gifte abgegeben, so fällt durch den rein qualitativen Nach¬ 
weis in den meisten Fällen die Annahme eines noch concurrirenden 
Nervenschlages eo ipso fort; war das Resultat der chemischen Unter¬ 
suchung aber negativ, so hat es wenig praktischen Werth, ob man 
sich, nach auch in den übrigen Stücken ergebnissloser Obduction, bei 


') Lit.-V.Tz. No. 16, p. 74. 

-) Also Cyankalium und nicht, wie Fischer in seiner Wiedergabe anführt, 
„Blausäure“ meint Jordan. 


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Ueber die als Keuroparalyse, Kervenschlag, Sliock bezeichncte Todesart. 45 


dem einfachen Nervenschlage oder bei einem durch ein nicht nach¬ 
weisbares Gift verursachten beruhigen muss. — Nur die mit tödt- 
licher Nervenparalyse endigenden Chloroform Vergiftungen nehmen 
eine Sonderstellung ein. Von der einen Seite — und zwar auffälliger 
Weise seit einigen Jahren in der englischen Literatur — wird dem 
Chloroform eine direkte Betheiligung an der Shock-Statistik der chi¬ 
rurgischen Kliniken beigemessen, von anderer Seite ist man geneigt, 
alle betreffenden Unglücksfälle den operativen Eingriffen an sich zu¬ 
zuschreiben und vindicirt dem Chloroform sogar das Verdienst, durch 
seine Anwendung — in specie weil durch dieselbe der shockirende 
Eindruck auf die Empfindungsnerven ausgeschlossen wird — wesent¬ 
lich zur Verminderung der Fälle von tödtlichem Shoek beigetragen 
zu haben. Dass es jedoch unzulässig sei, bereits in Shock gerathenc 
Verletzte, Verwundete oder vom Shock bereits einmal bedrohte, in 
Operation befindliche Personen in Chloroformnarkose zu versetzen, 
wird ziemlich übereinstimmend aufrecht erhalten. 

Wenn es zutrifft, dass bei einem Durchschnitt von 1 plötzlichen 
Todesfall auf 3500 Chloroformnarkosen sich zuweilen eine solche 
Häufung derselben geltend macht, dass eine Vcrhältnisszahl von 1:525 
ermittelt wurde 1 ), so dürften unter sonst dazu auffordernden Um¬ 
ständen richterliche Entscheidungen über die Frage, „ob traumatischer 
Shock nach der Operation, ob Chloroformvergiftung?“ — in nicht 
allzu geringer Häufigkeit provocirt werden und müssten sich ver¬ 
kommenden Falls auf die differentialdiagnostischen Merkmale stützen 
können. Die Schwierigkeit, solche zu einem verwerthbaren gericht¬ 
lichen Gutachten zusammenzustellen, liegt weniger in der Mangel¬ 
haftigkeit der positiven postmortalen Vergiftungssymptome des Chlo¬ 
roforms (Chloroformgeruch, exquisite Todtenstarre, Dunkelflüssigkeit 
des Blutes, Gcfässinjection an den Dünndärmen, — daneben Zucker¬ 
harn, Lungenhyperämie als inconstant), — sondern es liegt, diese 
Schwierigkeit wiederum offenbar in dem Mangel wirklicher Normen 
für die Beurtheilung der Tödtlichkeit von Operationstraumen. Detail¬ 
untersuchung und Zuhülfenahme der Anamnese vermögen hier nur bis 
zu einem gewissen Grade unterstützend einzutreten. 

Infectionen. — In Bezug auf wenige Krankheitsgruppen hat 
die Methode, vollständige Scctionen zu machen, eine grössere Um¬ 
wandlung der medicinischen Anschauungen erzeugt, als bei den acute- 

l ) Lit.-Verz. No. 4S, p. 7. 


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Br. A. Wernich, 


sten und verderblichsten Infectionskrankheiten. Als es noch galt, die 
«Sedes morbi“ an dem dafür in Aussicht genommenen Organ oder 
Körpcrtheil zu demonstriren, waren es häufig gerade diese, die Pocken-, 
Sepsis-, Cholera-, Pest-Todesfälle, bei denen das aphoristisch eon- 
struirle Substrat einer durch Vorurtheilc missleiteten, überwiegend nur 
makroskopirenden Leichenuntersuchung schlechthin unauffindlich blieb. 
Es etablirte sich die Lehre von dem Shoc-k durch „Jnfectio acu- 
tissima“, und es entstand die Behauptung, dass bei einer solchen — 
und zwar neben den schon genannten Krankheiten auch beim Typhus und 
bei de'n „syncopalen“ Malariaformcn — anatomische Läsionen gar nicht 
Zeit hätten sich auszubilden, dass solche erkennbaren Veränderungen 
vielmehr lediglich den Fällen mit langsamer und milderer Infection 
zugehörten. Gegen diese Auffassungen im Allgemeinen anzukämpfen, 
darf glücklicherweise schon heute als ein Anachronismus gelten; aber 
das Eingeständniss zu machen, dass wir auch noch jetzt bei den in 
Rede stehenden Gelegenheiten nach einer Causa sufficiens oft ver¬ 
geblich suchen, kann uns an dieser Stelle nicht erspart werden. 
Nicht nur fehlen uns für feinere Vergleiche „normaler“ und „nicht 
normaler“, aber eben nicht grob veränderter lebenswichtiger Organe 
vielfach die Grundlagen, sondern noch viel mehr liegen die Methoden 
zum Nachweise der die Infectionen bedingenden Materien in den ersten 
Anfängen fest. Spricht also heute wol kaum noch Jemand vom 
„Shock bei Pocken, bei Typhus und Cholera“, so genügt doch für 
viele plötzliche Todesfälle im Beginn des Scharlach und in der 
Reconvalescenz von Diphtherie das bei den bezüglichen Obduc- 
.tionen Aufgefundene unserem Erklärungsbedürfniss keineswegs. — Es 
leuchtet ein, dass auch noch bei anscheinend klarliegendem Befunde 
einer acuten Infectionskrankheit Misslichkeiten für die forensische 
Beurtheilung entstehen müssen, wenn verbrecherische Mitwirkungen 
Dritter einen Befund erzeugen können, der mit dem einer gerade 
epidemisirenden Krankheit eine grosse Achnlichkeit hat, wie Virchow 
dies für die Arsenikvergiftung und die Cholera nachwies. Doch liegt 
es ausser unserem Thema, alle ähnlichen, einen shockartigen Ausgang 
zeigenden Combinationen zu erschöpfen, und nur hinsichtlich der plötz¬ 
lichen Collapse im Verlauf der Diphtherie glauben wir der jüngst 
gegebenen Aufschlüsse hier Erwähnung thun zu sollen. 

Hier schien es des Zugeständnisses an ein „Non liquet“ oder an 
den Shock um so mehr zu bedürfen, als auch die Hinweise auf Vagus¬ 
lähmungen einen materiellen Anhalt nicht bieten können, und als die 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nervenschlag, Shock bezeichnete Todesart. 47 


bisherigen Errungenschaften der parasitären oder Pilztheorien für die 
Diphtherien dazu wenig im Stande schienen. Klebs kennt nun aber 
nach neuerer Mittheilung nicht nur die zur Erklärung der Diphthcrie- 
zufalle herangezogenen eigenartigen Herzverfettungen und die von 
Früheren beschriebenen sichtbaren Rückbildungs- und Regenerations¬ 
vorgänge an den Nerven, sondern auch einen von ihm genauer be¬ 
schriebenen „mykotischen Lungencollaps“, dem er die Bedeu¬ 
tung einer nachweisbaren anatomischen Grundlage beilegt 1 ). Inwieweit 
diesen noch wenig bestätigten Anweisungen auch vom forensischen 
Standpunkte ein differentialdiagnostischer Werth wird zugeschrieben 
werden können, stellen wir einstweilen als offene Frage hin. 

D. Der ne uroparalytische Tod bei Erstickungs vor- 
gängen. 

a) Erhängen und Erwürgen. — Bei den Sectionen der nicht 
durch Flüssigkeit Erstickten findet sich so häufig eine starke Blut- 
anfüllung der Lungen (und — wie man irrthümlich annahm — auch 
des Gehirns) vor, dass man diesen Befunden, denen man als Lungen- 
und Gehirn-Blutschlag ohnehin eine ganz besondere Wichtigkeit, ja 
eine überwiegende Selbständigkeit zuzuerkennen geneigt war, auch 
einen wesentlichen Anthcil beim Zustandekommen des Erstickungs¬ 
todes nicht vorenthalten zu sollen glaubte. Als die Erkenntniss, dass 
beim Ersticken der Mangel athembarer Luft, die ausbleibende 
Arterialisirung des Blutes, also der Sauerstoffmangel, resp. der Kohlen¬ 
säureüberschuss im Blute als eigentliche Ursache der Lähmung der 
Respirations- und Circulationscentren zu gelten habe, durch immer 
beweiskräftigere Experimente begründet wurde, arrangirte man unter 
dem Vortritt Casper’s das Verhältniss so, dass man jenem Sach¬ 
verhalte nothgedrungen die Bedeutung der primären, aber entfernteren 
Ursache, dem Hirn- und Lun.gen-Blutschlage aber die Rolle der näheren 
oder letzten Todesursache zuerkannte. 

Wo nun die Blutanhäufung in der Thorax- und Schädelhöhle, wie 
cs hinsichtlich der letzteren oft genug der Fall war, nicht gefunden 
werden konnte, kam man mit der Causa proxima in nicht geringe 
Verlegenheit und musste sich aus Consequenz zur Annahme eines der 
Blutveränderung unmittelbar folgenden und die Ausbildung der klassi¬ 
schen Blutanhäufung verhindernden Nervenschlages, der von Casper 
für diesen Zusammenhang xar* e^oxrjv so benannten „Neuroparalyse“ 

*) Klebs, Lit.-Verz. No. 50. p. 170. 


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Dr. A. Wern ich. 


entschliessen. Hätte hiermit nur ausgedrückt sein sollen, dass durch 
die Veränderung der Blutbeschaffenheit eine Lähmung der nervösen 
Centra herbeigeführt wird, so hätte es sich bei dieser „Neuropara- 
lysc der Erstickung- um nichts mehr gehandelt, als um einen harm¬ 
losen Pleonasmus. Die schematische Ausbildung der gerichtsärztlichen 
Zeichenlehre nach französischen Mustern bedurfte jedoch des neuro- 
paralytischen Todes in viel weitergreifender Weise und hat die Klar¬ 
stellung dieser Verhältnisse sehr erschwert. 

Mit grosser Regelmässigkeit finden sich bei Erstickten folgende 
greifbare Symptome vor: eine dunkle Färbung und durchweg 
flüssige Beschaffenheit des Blutes, wie wir beide Eigenschaften 
als durch den Abschluss des atmosphärischen Sauerstoffes vom Blute 
direkt bedingt ansehen; demnächst eine eigenthümliche Vertheilung 
und stellenweise Anhäufung des so beschaffenen Blutes in den 
verschiedenen Körperregionen. Nach einer Zusammenstellung von 71 
Erstickungsfällen zeigte sich entschieden vermehrter Blutgehalt: 


im Herzen und den grossen Gefässon in 91,4 pCt., 
in den Lungen - 94,3 - 

Injection der Trachealschleimhaut - 92,9 - 

Blutreichthum der Nieren - 76,0 - 

- Serosa der Genitalien - 70,0 - 

- Leber - 64,7 - 

- Sinus durae matris - 60,5 - 

- Dura maler selbst - 53,0 - 


Zunächst zeigte sich dann die Serosa des Dünndarms mit 40,8, — 
die Schleimhäute der Lippen bei 39,5, — der Conjunctivcn bei 31 pCt. 
blutreich. Nun erst folgt die Injection der Kehlkopfschleimhaut bei 
28,1 pCt. und schliesslich vermehrter Blutreiehthuni der Pia roater 
bei 26,7 pCt., der Milz bei 21,1 und des Gehirns bei 19,7 pCt. 
der beobachteten Fälle ’). 

Skrzeczka, dem wir diese Zusammenstellung verdanken, hat 
nicht verfehlt, den 5,7 pCt., bei welchen der vermehrte Blutgehalt 
der Lungen nicht vorhanden war, seine besondere Aufmerksamkeit 
zuzuwenden, und gelangte zu der Anschauung, dass diese Organe dann 
mehr oder weniger blutarm angetroffen wurden, wenn im Moment der 
Erstickung der positive Respirationsdruck den negativen überwogen 
hatte. „Dieser Fall ist selten, kommt aber regelmässig vor, wo die 


*) Lit.-Vens. No. 53, p. 23G. 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nemnschlag, Shock bezeicbnete Todesart. 49 


Erstickung durch Verschluss der • Athemwege im Augenblick der tief¬ 
sten Inspiration erfolgte“ '). Auch diese Erklärung erscheint vielleicht 
auf den ersten Blick angreifbar durch jene Bedenken, welche man 
sich immer hinsichtlich der Urtheile aus dem cadaverösen Blutgehalt : 
in Erinnerung zu halten hat: eine postmortale Blutanhäufung kann 
nichts über ihr Wesen als bei Lebzeiten entstandene Blutstauung 
oder als erst im Leichnam auf rein mechanischem Wege erzeugte 
aussagen. Bei alledem wird indess eine auf unbeanstandete Experi¬ 
mente gegründete Erklärung so seltener Ausnahmen für die Verhält¬ 
nisse in den Lungen wol ihren Werth behalten. 

Weit weniger bedürfen einer solchen Erklärung die procentari¬ 
schen Gegensätze für die Blutvertheilungsverhältnisse des Schädel¬ 
inhaltes. Denn selbst die Ueberfüllung der Hirnhautsinus fehlt fast 
ebenso häufig, wie sie vorhanden ist, und bei einer Blutfülle des 
Gehirns selbst in nur 19,7 pCt. der Fälle würde Casper heute die 
„Neuroparalyse“ (und dann doch wol in dem Sinne einer durch die 
Qualität des Blutes erzeugten) als Regel, den „Gehirnblutschlag“ aber 
sicher als Ausnahme anerkennen müssen. 

So dürfte man zur Zeit in der That einerseits den Worten 
Skrzeczka’s beipflichten, zu welchen Casper im Jahre 1863 ein 
Fragezeichen setzte: „Das Fehlen der Lungenhyperämie in (einigen) 
Leichen Erstickter führte zur fälschlichen Annahme des neuropara- 
lytischen Erstickungstodes“ 2 ); — auf der anderen Seite aber auch die 
von Falk 3 ) hierzu vorgeschlagene Ergänzung acceptiren: „Der häufige 
Befund der Lungenhyperämie verleitete zur irrigen Annahme des Er¬ 
stickungstodes durch Lungen- und Hirnhyperämie.“ — 

Mit ganz besonderer Regelmässigkeit kommen die soeben für die 
Erklärung des Erstickungstodes geltend gemachten Befunde beim Tode 
durch Strangulation vor. Das Herz und die grossen Veuenstämme 
der Brust und des Unterleibes werden ebenso wie die Lungen mit 
wenigen Ausnahmen sehr blutreich gefunden, ebenso die Nieren. 
Ausserdem aber wird beim Erhängungs- und Erdrosselungstode Blut¬ 
anhäufung am Kopf in grosser Häufigkeit constatirt, und zwar in der 
Vertheilung, dass sie schon an den weichen Schädelbedeckungen oft, 
annähernd immer aber an der harten Hirnhaut hervortritt. Lippen, 


*) Lit.-Verz. No. 52, p. 69. 

*) Ebendaselbst p. 70. 

*) Lit.-Verz. No. 62, p. 60. 

Vierteljahrsscür. f. gor. Med, N. F. XX Will. 1, 4 


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Dr. A. Wernich, 


Conjunctiven, die Haut am Halse sind gleichfalls viel häufiger blut¬ 
reich als bei den anderen Arten des Erstickungstodes. Das Gehirn 
selbst und die Pia mater treten aber auch hier auf den Antheil von 
36,3 pCt. an dieser venösen Hyperämie zurück. Nimmt man hierzu 
den sehr regelmässigen Befund partiellen Emphysems an den Lungen 
Erhängter, welche der Oberfläche desselben ein ungleiches, gebuckeltes 
Aussehen giebt; erinnert man sich an die — wenn auch zuweilen 
zum Zweck der Irreleitung künstlich erzeugten — Fingerzeige, die 
von der Strangulationsmarke abzuleiten sind, nimmt man aber vor 
Allem die chemische Verdorbenheit des Blutes durch Ab¬ 
haltung des Sauerstoffs als mit dem Weiterleben unvereinbar an, 
so begreift es sich, dass ein Mangel an entscheidenden forensischen 
Zeichen bei den Erstickungen ohne Flüssigkeit relativ seltener beklagt 
wurde, und dass die Supposition des neuroparalytischen Todes, wenn 
auch als unvermeidlich angesehen, doch bei ihm weniger oft behauptet 
und weit weniger hartnäckig vertheidigt wurde, als bei dem 

b) Ertrinken. — Von Laien hört man zunächst nicht selten die 
Ansicht aussprechen, dass ein in’s Wasser gelangter Mensch hier vom 
Schlage getroffen und daran ungewöhnlich schnell verstorben sei. 
Wenn z. B. anerkannt tüchtige Schwimmer in wenig tiefes Wasser ge- 
rathen, untergehen und, sei es nach nochmaligem Auftauchen, sei es 
sofort und ohne noch einmal lebend gesehen zu werden, ihr Leben 
einbüssten; wenn ein Verunglückter nach wenigen Minuten dem Wasser 
entrissen werden und doch nicht wieder belebt werden konnte, — so 
scheint es selbst physiologisch zulässig, an einen schnelleren Prozess, 
als man sich gemeinhin die todtbringende Sauerstoffverminderung des 
Blutes denkt, zu appelliren. Wir haben aber gar keine Anhaltspunkte 
dafür, in welchem Zustande der mehr oder weniger unvollständigen 
Arterialisirung sich das Blut des in’s Wasser Gelangenden gerade 
befindet. Diesen Umstand aus den Augen lassend, die charakteristi¬ 
schen Merkmale des Erstickungsblutes für zu gering ansehend, mit 
einem bestimmten Vorurtheil über die Vertheiluug des Blutes operirend 
— konnte man sehr wol, wenn die letztere nicht dem Schema ent¬ 
sprach, mit Casper zu einer vierfachen Todesart beim Ertrin¬ 
ken kommen; man liess die Ertrunkenen gestorben sein: durch Hirn¬ 
hyperämie, durch Hyperämie der Brustorgane, durch Hirnapoplexie 
und Lungenapoplexie vereint, und wenn die Voraussetzungen sich an 
keiner von beiden Gefässprovinzen verwirklicht zeigten, an Neuro- 
paralyse. 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nerrenschlag. Shocb bezeichnete Todesart. 51 


Zur Lösung der entstandenen Schwierigkeit sind von den so zahl¬ 
reichen Forschern, welche sich mit diesem Thema beschäftigt haben, 
verschiedene Wege gewählt worden. So suchten die Einen auf expe¬ 
rimentellem Wege der successiven Entstehung, resp. der Reihenfolge 
der sich an unter Flüssigkeiten gebrachten Thieren darstellenden 
Athmungsunterdrückung und abnormen Athmung näher zu treten, so 
P. Bert, Löffler, Maschka, Bergeron und Montano, F. Falk, 
E. Hofmann; Andere wie Cerardini, Liman untersuchten speciell 
die Vorgänge des Eindringens der Flüssigkeit in die natürlichen Oeff- 
nungen; noch Andere unternahmen kritische Revisionen der dem Er¬ 
trunkenen als solchen zugehörigen Leichenbefunde, so Mücke, Kanzler, 
Casper, Blumenstok, — nicht zu gedenken vieler älterer Autoren, 
welche über die Zusammenhänge blos speculirten. — 

Die uns jedenfalls in hervorragender Weise interessirende Leichen¬ 
diagnostik des Ertrinkungstodes umfasst 1) Befunde, die allen Arten 
des Erstickungstodes zukommen, — 2) Befunde, die durch das Er¬ 
sticken in Flüssigkeiten besonders bedingt werden, — 3) Befunde, 
die lediglich Folgen des Aufenthaltes in der betreffenden Flüssig¬ 
keit sind. Für die erste Gruppe dürfen wir uns auf das S. 48 Aus¬ 
einandergesetzte beziehen; für die dritte, da wir nicht speciell über 
den Ertrinkungstod zu schreiben haben, auf eine blosse Erinnerung 
an die Kälte der Wasserleichen, die Auswässerungs- und Quellungs¬ 
erscheinungen an der Epidermis, an die Faul nisserscheinungen und die 
Zerstörungen durch Maceration beschränken. 

Hinsichtlich des Punktes 2 nun kennen wir nur einen Befund, 
der richtig und mit Vorsicht verwerthet als ein dem Ertrinkungs¬ 
tode specifisch zukommender angesehen werden kann: den Nach¬ 
weis eingedrungener Ertränkungsflüssigkeit in den Luftwegen, im Magen 
und beziehungsweise auch in den Paukenhöhlen. Da aber die termi¬ 
nalen, d. h. dem Tode nicht lange vorausgehenden Athembewegungen 
es sind, welche die Aspiration der Flüssigkeit in die Luftwege in er¬ 
giebigerem Masse zur Folge haben, da auch der Schluckmechanismus 
durch den Willen verschiedener Individuen verschieden lange ausser 
Thätigkeit gehalten werden kann, begreift es sich, dass unter den 
meisten Umständen beträchtliche Mengen der umgebenden Flüssig¬ 
keit in den Lungen und im Magen vorgefunden werden müssten. 
Werden aber kleinere Mengen anscheinend fremdartiger Flüssigkeit 
daselbst nun wirklich gefunden, so entsteht für thatsächlich heterogene 
Fluida (Abtrittsflüssigkeiten, Meconium enthaltendes Fruchtwasser etc.) 

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Dr. A. Wern ich. 


nur die Coraplication, ob dieselben in so kleinen Mengen nicht künst¬ 
lich hineinprakticirt sein können, — eine Frage, mit welcher sich 
besonders eingehend Liman beschäftigt hat'). Handelt es sich in- 
dess, wie doch gewöhnlich, um Wasser, so dürfte es kleinen Mengen 
gegenüber wol kaum ein Mittel geben, dieselben von serösen Abson¬ 
derungen zu unterscheiden. — Im Kehlkopf und in der Luftröhre 
findet sich eingedrungenes Wasser entweder als nicht ganz klare 
Flüssigkeit, die namentlich beim Druck auf die Lungen aus der Tiefe 
heraufsteigt, oder als weisslicher oder schwachröthlicher Schaum von 
feinblasiger Beschaffenheit, der nur, wenn in einigermassen bedeutenderer 
Menge vorfindlich, ein bemerkenswerthes Zeichen bildet. 

Die Lungen bieten das Bild exquisit ödematöser Lungen dar; 
sie fallen nach Eröffnung des Thorax nicht oder doch in kaum be¬ 
merkbarer Weise zusammen, erscheinen wie gedunsen oder aufgeblasen 
(Hypervolumen der Lungen, ballonnirte Lungen), was davon her¬ 
rührt, dass die Lungenluft wegen des Abschlusses der Bronchial¬ 
ausgänge durch Flüssigkeit nicht entweichen konnte. Sie fühlen sich 
in den hinteren Partieen teigig an und entleeren auf der Schnittfläche 
reichliches schaumiges Serum. 

Die Mengen an Ertränkungsflüssigkeit, welche der in’s Wasser 
Gerathene meistens schon in den ersten Stadien der Dyspnoe durch 
Schlingbewegungen in seinen Magen befördert, variiren so sehr, dass 
man den Magen zuweilen von Wasser schwappend, zuweilen mit kaum 
erkennbaren Mengen von Flüssigkeit gefüllt vorfindet Obgleich ander¬ 
weitiger Inhalt — besonders Speiseinhalt — ihre Resultate sehr beein¬ 
trächtigen oder ganz unbrauchbar machen kann, ist doch auch bei 
Flüssigkeiten, welche gewöhnlich als specifische nicht bezeichnet wer¬ 
den, jedesmal die mikroskopische Untersuchung vorzunehmen. 
Eine Ausnahme bilden die Fälle, bei deren Section der Ertrinkungstod 
nach und nach unwahrscheinlicher wird. Beruhigte nach früherer An¬ 
schauung der Obducent sich hier beim Shock, so hat er nach neuerer 
an Vergiftung zu denken, und den Magen, den Vorschriften des 
Regulativs entsprechend, unterbunden und in toto aus der Leiche des 
angeblich Ertrunkenen zu entfernen. 

Die gewiss durch die Erfahrung zu begründende Verrauthung, dass 
ein anscheinend neuroparalysirter, d. h. eines grossen Th eiles der im 
gemeinen Verlaufe des Herganges sich entwickelnden Spuren ent- 


') Li U- Ve» vs. No. 61. 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nervenschlag, Sliock bezeichnete Todesart. 53 

behrender, im Wasser gefundener Leichnam zu Giftuntersuchungen an¬ 
regen muss, liefert jedoch nicht die einzige der nothwendig zu er¬ 
wägenden Complicationen. Auf der einen Seite drängt sich die Bevor¬ 
zugung des Ertrinkungstodes durch Selbstmörder in den Vordergrund, 
auf der anderen leiten die zahlreichen Verletzungen, Kampfspuren etc., 
welche Ertränkte nebenbei haben können, oder auch die Beschädi¬ 
gungen, denen Wasserleichen so vielfach ausgesetzt sind, die Aufmerk¬ 
samkeit ab. Die Abweisung, resp. Zulassung der neuroparalytischen 
Todesart bei aus dem Wasser Gezogenen ist aus diesen Gründen noch 
heute eine der verwickeltsten forensischen Aufgaben. 

Wir wagen die vorkommenden Möglichkeiten je nach der Sicher¬ 
heit des Urtheils, welches die gerichtsärztliche Forschung über die 
Todesart der im Wasser todt Aufgefundenen gewinnen kann, in vier 
Gruppen einzutheilen: 

1. Ein sicheres Urtheil über den Ertrinkungstod wird ge- 
äussert werden können, wenn 

a) der Sectionsbefund neben der durchgehend dunklen und 
flüssigen Beschaffenheit des Blutes und der Anhäufung 
desselben in den grossen Venen und in einer Reihe innerer Or¬ 
gane reichliche Ertränkungsflüssigkeit im Magen und in 
den Luftwegen, sowie das charakteristische Hypervolumen der 
Lungen nachweist, und zwar besonders dann, 

wenn gar keine sonstigen pathologischen Veränderungen 
oder Verletzungen auffindbar sind. 

Aber auch noch dann, wenn 

nur solche Veränderungen sich finden, die sichtlich durch Fort¬ 
bewegung und Aufenthalt im oder durch das Herausziehen 
aus dem Wasser entstanden sind; — oder 

nur solche Verletzungen, die den begleitenden Umständen nach 
durch den Sturz in’s Wasser erklärt werden müssen. 

ß) Nach gegensätzlicher Richtung ist ein sicheres Urtheil 
abzugeben, wenn neben einer durch Krankheitsprozesse oder durch 
Verletzung bewirkten Zerstörung lebenswichtiger Organe oder neben 
einem den Tod erklärenden Vergiftungsbefunde sich gar keines der 
oberen namhaft gemachten Zeichen des Ertrinkungstodes an einer 
Wasserleiche vorfindet. 

2. Dagegen ist ohne Kenntniss der Vorvorgänge das Urtheil auf 
die einfache Angabe: „Denatus hat seinen Tod im Wasser gefunden“, — 


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Dr. A. Wernich, 


mit Vermeidung jedes Eingehens auf das „Wie“ dieser Todesart zu 
beschränken, wenn neben allen Ertrinkungssymptomen 

a ) Zeichen bedeutender innerer Krankheiten besonders 
neueren Datums gefunden werden, oder 

ß ) Verletzungen, die nach allgemeinem Urtheil den Tod zur 
Folge haben, — oder 

y) geringere Verletzungen, die aber auf eine Misshand¬ 
lung, einen Mordversuch oder auf einen Kampf hindeuten, ge¬ 
funden werden, oder wenn 

d) der Verdacht auf Vergiftung nicht ausgeschlossen wer¬ 
den kann. 

3. Selbst ein Urtheil darüber, ob der aus dem Wasser Gezogene 
in demselben seinen Tod gefunden habe, muss bei Abgabe des 
vorläufigen Gutachtens und ohne Kenntniss vorangegangener Ereignisse 
zurückgehalten werden, wenn sich neben den soeben unter a —d 
namhaft gemachten Befunden entweder nur eine dunkle und flüssige 
Beschaffenheit des Blutes nebst unregelmässiger Anhäufung desselben 
(Erstickungszeichen) oder nur geringe Mengen der vorgeblichen 
Ertränkungsflüssigkeit in den ersten Verdauungs- und Luftwegen (Zei¬ 
chen des Aufenthaltes in jener Flüssigkeit) vorfinden lassen. 

4. Endlich muss es dem blossen Sectionsbefunde gegenüber als 
unausführbar bezeichnet werden, vom gerichtsärztlichen Standpunkte 
die von Jemandem aufgestellte Annahme eines Nervenschlages 
zu widerlegen, wenn an einem im Wasser aufgefundenen Individuum 
sich weder dunkle und flüssige Beschaffenheit des Blutes oder venöse 
Anhäufungen desselben, noch reichlichere Ertränkungsflüssigkeit in 
einem der zugänglichen Körperräume, noch ballonirte Beschaffenheit 
der Lungen, — aber auch keine Spuren von Krankheiten, keine 
Verletzungen, keine Spuren oder Reste irgend eines Giftes, son¬ 
dern nur durch den Aufenthalt etc. im Wasser bedingte Veränderungen 
auffinden lassen. — 

Wir haben noch mit einem Worte dem Verdacht zu begegnen, 
als seien die Aufschlüsse, welche man bei plötzlichen Todesfällen durch 
das Auffinden geplatzter innerer Aneurysmen oder durch Verän¬ 
derungen am Herzen: endokarditische, myokarditische, Klappen¬ 
fehler, Wheakened heart und Cor adiposum, erhalten hat, uns durch 
einen Flüchtigkeitsfehler entgangen. Dass der oft so gänzlich uner¬ 
wartete Tod in solchen Fällen der, nicht durch eine Section unter- 


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Uober die als Neuroparalyse, Nervenschlag, Shock bezeichnete Todesart. 55 


stützten klinischen Auffassung oft schwere Verlegenheiten bereitet 
hat und bereiten wird, ist sicher. Auch dass Gerichtsärzte verschie¬ 
dener Auffassung sein können über die Dignität des Befundes, leugnen 
wir ebenso wenig ab, als dass es zu einer guten Präparation und einer 
absolut brauchbaren Beschreibung der erwähnten Befunde einer gewissen 
individuellen Ausbildung und Geschicklichkeit bedarf. Dafür aber, dass 
den Shock eliminirende Befunde von solcher Greifbarkeit über¬ 
haupt in den Protokollen erwähnt werden, ist durch die einfachen 
Vorschriften des Regulativs gesorgt. Ihrer in einer auf den Fort¬ 
schritt der forensischen Diagnostik gerichteten Erörterung noch in 
besonders ausführlicher Weise zu gedenken, erschien daher nicht 
angezeigt. 

Die Ergebnisse der vorstehenden Untersuchung lassen 
sich zusammenfassen wie folgt: 

I. Das Wesen der als Neuroparalyse, Nervenschlag, Shock etc. 
bczeichneten Todesart wird weder durch die sonstigen Synonyma oder 
umschreibenden Definitionen, noch durch die bis jetzt gewonnenen 
physiologischen Anschauungen über die Hirnerschütterung, die Reflex- 
hemmungen und -Lähmungen, den Einfluss der Abkühlung oder durch 
den Vergleich mit den vasomotorischen Effecten des Klopfversuches 
(reflectorische Herzlähmung) erklärt. 

II. Dagegen hat die Gewinnung eines zuverlässigen Materials zur 
Bereicherung der pathologisch-anatomischen Differentialdiagnostik all- 
mälig eine bedeutende Einschränkung des früher den neuroparalytischen 
Todesarten zugestandenen Gebietes bewirkt, und zwar sowohl in Bezug 
auf den traumatischen Shock, als in Bezug auf den plötzlichen Tod 
nach heftigen Temperatureinflüssen, Intoxicationen, Infectionen und 
Erstickungsvorgängen. 

in. Nach blosser Erhebung des Obductionsbefundes bleibt trotz¬ 
dem eine grosse Reihe forensischer Fälle noch dunkel genug, um ein 
Urtheil über Zulassung oder Zurückweisung des neuroparalytischen 
Todes nur unter sorgfältiger Zuhülfenahme der anamnestischen Daten 
zu ermöglichen. 


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Dr. A. Wernich, 


Literatur. *) 


Allgemeines und Physiologisches. 

1) Landois, Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Wien und Leipzig. 
Urban & Schwarzenberg, p. 707, 730. — 2) Casper, Ueber gerichtliche Ob- 
ductionen. Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin. 2 ) Bd. XXV. 
1864. p. 27. — 3) Hofmann, E. (Wien), Die forensisch wichtigslen Leichen¬ 
erscheinungen. Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin und öffentliches Sani¬ 
tätswesen. 3 ) Bd. XXIV.—XXVI. 1876. 1877. 1. —2. H. — 4) Virchow, 
Die pathologische Anatomie und die gerichtliche Medicin. Deutsche Klinik 1859. 
Abgedruckt in: „Gesammelte Abhandlungen zur öffentl. Medicin und Seuchen¬ 
lehre.“ Bd. II. p. 553. — 5) F. Goltz (Strassburg), Vagus und Herz. Archiv 
für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin 4 ). Bd. XXVI. 
p. 1. — 6) F. Goltz, Ueber den Tonus der Gefässe und seine Bedeutung für 
die Blutbewegung. Virch. Arch. Bd.XXIX. p.394. — 7) H. Fischer (Breslau), 
Ueber die Commotio cerebri. Volkmann’s Sammlung klinischer Vorträge, *) No. 27. 

— 8) Blumenstok, „Gehirnerschütterung“, Artikel in Eulenburg’s Realency- 
klopädie der gesammten Heilkunde, Bd. V. p. 589. — 9) Feinberg, Ueber 
Redexlähmungen. Berliner klinische Wochenschrift, 1871. No. 41—45. — 
10) Virchow, Verkalkung abgestorbener Gehirnzellen. Virch. Arch. Bd. L. 
p. 304. — 11) Kohts, 0., Ueber den Einfluss des Schreckens beim Bombar¬ 
dement von Strassburg auf die Entstehung von Krankheiten. Berl. klin. Woch. 
1873. No. 24—27. — 12) F. Falk, Aus der Gerichtspraxis; Fall von Herz¬ 
lähmung bei Beischlaf. Friedreich’s Blätter, 1875. H. 3. — 13) Walther, 
(Dorpat), Zur Lehre von den Gesetzen und Erscheinungen der Abkühlung des 
thierischen Körpers. Centralblatt für die medicinischen Wissenschaften, (Original- 
Mittheilung), 1866. p. 257. — 14) G. Wegner (Stettin), Chirurgische Bemer¬ 
kungen über die Peritonealhöhle mit besonderer Berücksichtigung der Ovario- 
tomie. Archiv für klinische Chirurgie, Bd. XX. p. 51. 

Traumatischer Shock und Zugehöriges. 

15) A. Bardeleben, Lehrbuch der Chirurgie. 8. Aufl. Bd. I. p. 703—705. 

— 16) Furneaux Jordan, On shock after surgical operations and injuries. 
British medical Journal, 1867. p. 73, 136, 164, 192, 219, 257, 281. — 
17) H. Fischer, Ueber den Shok. (sic!) Klin. Vortr. No. 10. — 18) Lister, 
Railway spine. Brit. med. Journ. Novbr. 13. — 19) H. Fischer, Shok bei 


*) Die vom Verfasser durchgesehenen bezüglichen Abschnitte älterer chirur¬ 
gischer und gerichtsärztlicher Lehrbücher und die ihm zugänglich gewesenen, 
nicht verwerthbaren, rein klinischen Mittheilungen englischer und amerikani¬ 
scher Zeitschriften sind in dieses Verzeichniss nicht aufgenommen. 

*) Abkürzung: Casp. VJS. 

*) Abkürzung: Eulenb. VJS. 

4 ) Abkürzung: Virch. Arch. 

5 ) Abkürzung: Klin. Vortr. 


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Ueber die als Neuroparalyse, Nervenschlag, Shock bezeichnete Todesart. 57 


der Operation eines Sarkoms des Unterkiefers. Berl. klin. Woch. 1871. No. 24. 

— 20) F. Falk, Zur Lehre vom Shok. (sic!) Berl. klin. Woch. 1875. No. 8. 
p. 104. — 21) Redard, De l’abaissement de temperature dans les grands 
traumatismes par armes ä feu. Archives generales de medecine, 1872. Janv. — 
22) Blum, Albert, Du shock traumatique. Ebendas. 1876. Janv. p. 5—26. 

— 23) v. Nussbaum, Ueber den Shok (sic!) grosser Verletzungen und Opera¬ 

tionen nebst Mittheilungen über Ovariotomie. Bayr. ärztl. Intelligenzblatt, 1877. 
No. 11. p. 289. — 24) Hunter, On treatment of shock. Philadelphia medical 
Record, 1879. Febr. 15. — 25) Maschka, Gerichtsärztliche Mittheilung; 
Stoss in die Magengegend, plötzlicher Tod. Eulenb. VJS. Bd. XXX. 1879. 
April, p. 231. — 26) Seifriz, P., Ein Beitrag zur Kenntniss von Railway 
spine. Dissertation. Berlin, 1880. — 27) Schneider, M., Der Shock ins¬ 
besondere nach Exarliculatio femoris. Dissertation. Berlin, 1880. — 28) F. 
Busch, Ueber Fettembolie. Virch. Arch. Bd. XXXV. p. 321. — 29) Bütt¬ 
ner, A., Ueber Thrombose und Embolie. Dissertation. Berlin, 1873. — 
30) P. Gueterbock, Ueber Todesfälle durch Embolien, nach anscheinend 
leichten Verletzungen. Eulenb. VJS. 1875. April. — 31) F. Winckel 

(Dresden), Die Pathologie und Therapie des Wochenbettes. Berlin, 1866. 
p. 284—288. — 32) E. Hofmann, „Blitzschlag“, Artikel in Eulenburg’s 
Realencyklopädie der gesammten Heilkunde. Bd. II. p. 287. — 33) H. Noth¬ 
nagel, Zur Lehre von den Wirkungen des Blitzes auf den thierischen Körper. 
Virch. Arch. LXXX. p. 327. 

Nervenschlag bei heftigen Temperatureinwirknngen. 

34) Höche, Der Tod durch Erfrieren und seine Erklärung. Casp. VJS. 
IX. 1868. p. 44. — 35) Ogston, Leichenbefund nach dem Erfrierungstode. 
Eulenb. VJS. I. p. 149. — 36) Pouchet, Experiments of congelation. Referat 
in Medical times and gazette. 1865. II. p. 606. — 37) Wertheim, Ueber 
Erfrierung. Wiener medicinische Wochenschrift, 1870. No. 19—23. — 
38) E. Hofmann, „Erfrieren“. Artikel in Eulenburg’s Realencyklopädie der 
ges. Heilk. Bd. V. p. 51. — 39) E. Ponfick, Ueber Verbrennung. Tageblatt 
der L. (Münchener) Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, p. 259. 

— 40) Lesser (Leipzig), Ueber die Todesursachen nach Verbrennungen. 
Virch. Arch. LXX1X. p. 248. — 41) Ponfick c/a Lesser, Ueber die Todes¬ 
ursachen nach Verbrennungen. Centralbl. f. d. med. Wissensch. 1880, No. 11, 
13, 15. — 42) Jastrowitz, Ueber den Tod durch Verbrennung vom gerichts¬ 
ärztlichen Standpunkte. Eulenb. VJS. 1880. Jan. p. 1. — 43) Speck, Tod 
durch mässig erhöhte Temperatur. Eulenb. VJS. 1874. 2. H. — 44) R. Leu, 
Ueber Ursachen und Wesen des Hitzschlages. Dissertation. Berlin, 1878. 

Nervenschlag bei Intoxicationen und Infectionen. 

45) Husemann, „Blausäure“. Artikel in Eulenburg’s Realencyklopädie 
der ges. Heilk. Bd. II. p. 227. —r 46), E. Wegner, Die Wirkungen der Blau¬ 
säure. Dissertation. Berlin, 1880. — 47) W. Koch (Dorpat), Ueber das Chlo¬ 
roform und seine Anwendung in der Chirurgie. Klin. Vortr. No. 80. — 48) J. 
Gading, Ueber den Chloroformtod, seine Ursachen und Leichenerscheinungen. 
Dissertation. Berlin, 1879. — 49) Henoch, Plötzliche Todesfälle nach Diph¬ 
therie. Berl. klin. Woch. 1873. No. 18. p.213. -— 50) Klebs, „Diphtheriiis“, 


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Dr. A. Wernich. 


Artikel in Eulenburg’s Realencyklopädie der ges. Heilk. — 51) P. Guttmann. 
Zur Kenntniss der Vaguslähmung beim Menschen. Virch. Arch. Bd. LIX, 
Separatabdruck. 

Neuroparalyse bei verschiedenen Erstickungsarten. 

52) C. Skrzeczka, Ueber die Lungenhyperämie bei Erstickten. Casp. VJS. 
Bd. XXIV. (1863) p. 25. — 53) C. Skrzeczka, Zur Lehre vom Erstickungs¬ 
tode. Eulenb. VJS. VIII. p. 187. — 54) Rheder, Ueber die subpleuralen 
Ekchymosen beim Erstickungstode. Eulenb. VJS. Bd. XXXII. H. 2. p. 236. — 
55) Maschka, Gerichtsärztliche Mittheilungen; Natürlicher Tod oder Mord 
durch Erstickung. Eulenb. VJS. Bd. XXXIII. H. 2. p. 209. — 56) R. Reh¬ 
mann, Erdrosselt. Eulenb. VJS. Bd. XXXIV. H. 1. p. 35. 

57) Löffler, Der Tod durch Ertrinken. Henke’s Vierteljahrsschrift für 
die Staatsarzneikunde, 1844. Bd. XXVII. p. 1—50. — 58) Kanzler, Der 
Tod durch Ertrinken. Casp. VJS. 1862. Bd. XXI. p. 193. — 59) Mücke, 
Zur Physiologie des Ertrinkungstodes. Deutsche Klinik, 1863. No. 25 — 26. — 
60) Simeons, Beitrag zur Entscheidung der Frage, ob Menschen, die todt im 
Wasser gefunden wurden, in demselben und durch dasselbe ihren Tod gefunden 
haben. Casp. VJS. Bd. III. (1853) p.289. — 61) Liman, Ertrinkungsflüssig¬ 
keit in Luftwegen und Magen als Kriterium des Ertrinkungstodes. Casp. VJS. 
Bd. XXI. (1862) p. 193. — 62) F. Falk, Ueber den Tod im Wasser. Virch. 
Arch. Bd. XLVII. p. 39 — Fortsetzung p. 256. — 63) Perl, Zur Casuistik 
des Ertrinkungstodes. Eulenb. VJS. XXVI. H. 2. p. 281. — 64) Kratter, 
Mittheilungen aus dem Institut für Staatsarzneikunde in Graz. Friedreich’s Blät¬ 
ter, 1877. No. 1. — 65) E. Hofmann, „Ertrinken“. Artikel in Eulenburg’s 
Realencyklopädie der ges. Heilk. Bd. V. p. 85. 


5. 

War der Arbeiter H. in Folge der erlittenen Kopfverletzung 

gestorben? 

Mit dem Superarbitrium des Medicinal-Collegiums zu D. 

mitgetheilt vom 
Sanitätsrath Dr. Rlerner, 

Kunigl. Kreis-Fhysiktig in preuss. Stargnrd. 


Geschichtserzählung. 

Am 25. Juni c. Abends 10 Uhr trat der Arbeiter M. auf dem 
Gute W. zu dem im Hausflur des Gutsgebäudes sitzenden Mädchen 
B. G., eine Unterhaltung anknüpfend. Diese wie das gleichzeitige 
Bellen des Hundes des M. störten den in der Nähe jenes Hausflurs 
wohnenden Wirth B., der dem M. Ruhe gebot. Darauf entspann sich 


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Dr. Merner. 


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ein scharfer Wortwechsel zwischen Beiden, in dem Worte wie „Laus¬ 
angel“, „Esel“ gegenseitig fiel. 

Der B. holte, aufgeregt, aus seinem Zimmer einen Stock mit 
einer eisernen Schaufel am unteren Ende desselben, von der Dicke 
eines */a—1 Zoll, lief dem inzwischen von dem Orte des Zankes 
75 Schritt entfernten M. nach, hieb mit jenem Instrumente auf den 
Letzteren ein. Der Stock zersprang in zwei Stücke, die der B. 
hinterher verbrannt hat. 

M. hat darauf sich hingesetzt, ist mit Blut bedeckt umgefallen, 
besinnungslos geworden und erst zu sich gekommen, als B. Jenem 
Wasser über den Kopf gegossen hat. 

Gegen 11 Uhr Nachts kam die inzwischen von einer Besuchsreise 
heimkehrende Gutsherrin zurück, welcher der M. das ihm zugefügte 
Leid klagte. Sofort wurde er auf deren Veranlassung zu Wagen nach 
dem zunächst wohnenden Arzte Dr. P. gesandt, der den Verwundeten 
verband, die Wunde selbst aber als eine leichte Verletzung erkannte. 

Ara 26. Juni c. hat der Verletzte zu Bett gelegen, über seine 
schmerzhafte Kopfwunde Klage führend. Ara 27. Juni c. hat er das 
Bett verlassen und bereits am 28. desselben Monats Gartenarbeiten 
verrichtet, noch immer über Schmerzen in der Kopfwunde klagend. 

Auch am 29. Juni c. war der M. früh aufgestanden, in den Garten 
zur Arbeit gegangen, und um X / 2 1 Uhr früh dort plötzlich umgefallen, 
um nicht mehr aufzustehen. Er war zur Stelle eine Leiche. 

Die hierauf verfügte gerichtliche Section ergab folgende Haupt¬ 
resultate. 

A. Aeussere Besichtigung. 

1) Der männliche, monströs aufgetriebene Leichnam hat eine Länge von 
158 Ctm.; derselbe ist bis auf die unteren Extremitäten grünfaul, sowohl an 
seiner vorderen als hinteren Fläche. Das Alter des Mannes kann nicht mehr we¬ 
gen der Monstrosität des grünfaulen Gesichts angegeben werden. — 2) Nur die 
unteren Extremitäten haben an ihrer Streckseite eine schwach bräunliche Farbe 
mit dazwischen liegenden, dunkel braunrothen verbreiteten Flecken, die einge¬ 
schnitten kein frei angesammcltes Blut im Unterhautzellgewebe offenbaren. An 
der Beugeseite der unteren Extremitäten befinden sich vielfache Blasen mit 
violettfarbenem, flüssigem Inhalt. Diese Blasen haben eine Grösse von einem 
10 Pfennig- bis zu einem 5 Markstück. Beim Druck der unteren Extremitäten 
hört man ein Knistern unter der Haut. — 3) Im Uebrigen ist die Farbe des 
Gesichts, des Halses, des Genicks, des ganzen Kumpfes, der Schultern, der Arme 
sehr intensiv grünfaul. Die Oberhaut des Brustkastens ist an vielen Stellen 
blasenartig hervorgetrieben, bei deren Einschneiden stinkendes Gas sich ent¬ 
wickelt; andere hinwiederum enthalten eine violette stinkende Flüssigkeit. Wo 


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60 


Dr. Merner. 


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diese Blasen sich nicht zeigen, findet man die Oberhaut gekraust oder abgelöst, 
in Fetzen herabhängend. Diese der Oberhaut entblössten Stellen haben eine 
zum Theil schmutzig braune, feuchte, glänzende, zum Thoil grüne Farbe. Die 
ganze Rückenlläche des Rumpfes entbehrt der Oberhaut, die ebenfalls fetzen- 
artig herabhängt; der Grund dieser Stellen ist feucht, grünlich. — 5) Die 
dunkeln, mit Maden besetzten vollen Haare haben eine Länge von 9 Ctm. — 
6) In der Höhe des linken Scheitelbeins sind die Haare in einer Breite von 
,3 Ctm., in einer Länge von 9 Ctm. abrasirt. In der Mitte dieser Stelle befindet 
sich eine 4 Ctm. lange, in der Mitte derselben 1'/ 2 Ctm. klaffende, 
glattrandige Zusammenhangstrennung der grün aussehenden Kopfhaut, parallel 
mit der Pfeilnaht verlaufend. Diese Zusammenhangstrennung der Kopfhaut 
zeigt einen schmutzig braunrothen, feuchten Grund. — 7) Die grüne Stirnhaut 
ist aufgetrieben, lässt beim Fingerdruck ein knisterndes Geräusch vernehmen. 

— 8) Die grünen Augenlider sind ballonartig aufgetrieben; beim Schnitt ent¬ 
weicht stinkendes Gas. Augäpfel schmutzig bräunlich, Hornhaut faltig, Regen¬ 
bogenhaut als solche nicht mehr zu erkennen. Die grüne Nase bildet einen auf¬ 
gedunsenen Klumpen, der beim Einschnitt ebenfalls ein knisterndes Geräusch 
vernehmen lässt; aus den Schnittflächen fliesst eine grünlich bräunliche Jauche. 

— 9) Ebenso verhalten sich die grünfaule Ober- und Unterlippe, die weit von 
einander wulstig hervorragen. — 11) In den Nasenöffnungen viele Maden. — 
12) Die grünen aufgetriebenen Ohrmuscheln stehen weit vom Kopfe weg, sind 
mit grünen Blasen bedeckt, aus denen eingeschnitten stinkendes Gas sich ent¬ 
leert. Ohröffnungen leer. — 13) Hals ebenfalls grün, monströs aufgetrieben, 
mit eben solchen Blasen. Knistern unter Fingerdruck. — 14) Brustkorb ebenso. 

— 15) Die grüne Bauchwaud sehr stark aufgetrieben. — 16) Ruthe blasen¬ 
artig aufgetrieben, so dass sie straff aufsteht. Beim Einschnitt entweicht stinken¬ 
des Gas. Der glatte, ballonartig aufgetriebene Hodensack hat die Grösse des 
Kopfes eines halbjährigen Kindes, der eingeschnitten unter Entweichen von 
stinkendem Gase zusammenfällt. — 18) Die Haut der Finger ist so gelöst, dass 
man selbige wie einen Handschuhfinger leicht abziehen kann. — 19) Verletzun¬ 
gen ausser der am Kopfe constatirten sind nicht wahrzunehmen. 

B. Innere Besichtigung. 

I. Kopfhöhle. 20) Die nach vorn und hinten zurückgeschlagene Kopf¬ 
haut ist an der inneren Fläche feucht, schmutzig braun, lässt eine jauchig-braune 
Flüssigkeit auf ihr erblicken. Blutgefässe als solche nicht mehr zu erkennen. — 
22) Der abgenommene Schädeltheil enthält an keiner Stelle desselben eine Ver¬ 
letzung. Die innere Fläche desselben ganz blass, ohne eine Spur eines Blut¬ 
gefässes. Die Dicke des Schädeldaches beträgt i / 2 Ctm., die Schnittfläche ganz 
bläss. Auch die Beinhaut dieses Schädeltheiles, die sich leicht ablösen lässt, ist 
unverletzt. — 23) Die äussere wie innere Fläche der harten Hirnhaut ist blass. 

— 24) Im hinteren Theil des Längsblutleiters eine 1 Theolöffel voll betragende 
schmierig-schwärzliche Flüssigkeit. — 25) Beim Lösen der harten Hirnhaut 
fliesst das Gehirn als eine röthlich-graue, breiige Substanz aus. — 26) Die 
harte Hirnhaut der Schädelgrundfläche ist ganz blass und sehr leicht von der 
Schädelgrundfläche abzulösen, welche letztere vollständig unverletzt erscheint. 


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Zweifelhafte Todesursache nach erlittener Kopfverletzung. 


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II. Brust- und Bauchhöhle. 27) Aus der eröffneten Bauchhöhle 
quellen die Gedärme stark hervor unter zischendem Entweichen von überaus 
stinkendem Gase. Die grünlichen Gedärme sind stark lufthaltig, so dass sie den 
ganzen Bauchraum bedecken und von der Leber nichts sehen lassen. — 28) Das 
Zwerchfell steht auf beiden Seiten in der Höhe der 6. Rippe. 

a) Brusthöhle. 29) Das Brustbein wird vorschriftsmässig entfernt. Das¬ 
selbe zeigt unterhalb des Handgriffs im Mittelstück des Körpers zwischen dem 
ersten und zweiten Knorpelansatze der entsprechenden Rippe eine runde, aus¬ 
gehöhlte Vertiefung von 3 Ctm. Länge und Breite und 2 Ctm. Tiefe. Der 
Grund dieser Vertiefung ist graugrün, rauh anzufühlen. 

Die beiden Lungen sind nicht sichtbar, indem sie von dem 
überaus stark mit einer schwappenden Flüssigkeit angefüllten 
Herzbeutel vollständig bedeckt sind, dessen äussere wie innere 
Wand schmutzig bräunlich aussieht. Der aufgeschnittene Herz¬ 
beutel lässt 600 Grm. dünnes, schwärzliches Blut, in dem sich 
schwärzliche geronnene Blutklumpen in der Grösse eines Esslöffels 
herausschöpfen lassen. 

30) Der obere Mittelfellraum enthält ein klumpiges Faserstoffgerinn¬ 
sel von 10 Ctm. Länge, 6 Ctm. Breite, 5 Ctm. Dicke in einem schmutzig 
braunrothen Sacke, der bei näherer Untersuchung sich als den zu 
einem Sack erweiterten Aortenbogen zu erkennen giebt. Nachdem 
das grauröthliche, ziemlich feste Faserstoffgerinnsel leicht herausgelöst werden 
konnte, trat der entsprechend ausgedehnte Sack des Aortenbogens zusammen¬ 
gefallen klar zu Tage, aus dem man durch ein 3 Ctm. langes, 1 Ctm. weit 
klaffendes Loch in der hintern Wand des Herzbeutels in den Herz¬ 
beutel selbst hineingelangen konnte. Die Ränder dieses Schlitzes sind 
unregelmässig. Die Wandungen des Sackes hier sehr dünn, während die des 
übrigen Sackes kartenblattdick sich zeigen. Der Grund des Sackes selbst ist 
schmutzig braunroth. 

31) Das schmutzig braunrothe, glatte Herz hat eine Länge von 
12 Ctm., eine Breite von 11 Ctm., Muskelfleisch welk. Die linken 
Herzhöhlen leer, die Wandung derselben im Durchmesser 2 Ctm., 
schmutzig braunroth; die Höhlen des rechten Herzens leer, die 
Dickenwandung misst 5 Mm., Muskellleisch schmutzig braunroth. 

Aortenmündung so weit, dass man mit 3 Fingern durchgehen 
kann. Der Eingang in die Pulmonalis so weit, dass man fast auch 
mit 3 Fingern hineingehen kann. 

Die Atrioventricular-Klappen schliessen auf Wassereinguss nicht. Kranz- 
gefässe leer. > 

32) Die rechte wie linke zusammengefallene, grünschwärzliche Lunge, 
deren Oberfläche mit haselnussgrossen Luftblasen besetzt ist, lässt aus ddn 
Durchschnittsflächen einen schmierigen, grünschwärzlichen Brei bei nur einiger- 
massen ausgeführtem Drucke hervortreten. 

33) In jedem der beiden Brustfellsäcke eine dünne, schwärzliche Flüssig¬ 
keit von ca. 100 Grm. 

37) Halsgefässe leer. — 38) Speiseröhre missfarbig, so weich, dass sie 


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Dr. Merner, 


unter den Fingern zerdrückt werden kann. — 39) Kehlkopf und Luftröhre leer, 
Schleimhaut schmutzig, tief braunroth. 

b) Bauchhöhle. 40) Die schwärzliche Milz ist so matsch, dass beim 
Einschnitt derselben die Pulpa als ein schmieriger, schwärzlicher Brei erscheint. 
Sie hat eine Länge von 12 Ctm., eine Breite von 9 Ctm., eine Dicke von 5 Ctm. 
— 42) Die linke Niere, deren Kapsel leicht abziehbar ist, zeigt auf der Durch¬ 
schnittsfläche die Pyramiden nicht mehr abgegrenzt, wol aber ist die ganze 
Fläche mit einer braunrothen, schmierigen Flüssigkeit bedeckt; sie hatte eine 
Länge von 12 Ctm., eine Breite von 6 Ctm., eine Dicke von 4 Ctm. — 43) Die 
rechte Niere verhält sich ebenso. — 44) Netz grünlich. — 45) Die grünliche 
Harnblase leer. — 48) Mastdarm braun-grünlich. — 49) Säimntliche Dünn¬ 
därme blass mit grünlich verbreiteten Flecken. — 50) Der schmutzig braunrothe 
Magen ist leer, Schleimhaut glatt, schmierig, von schmutzig rother Farbe. — 
53) Die glatte, ziemlich feste, dunkelbraunrothe Leber hat eine Länge von 
27 Ctm., eine Breite von 19 Ctm., eine Dicke von 8 Ctm. Auf den Durch¬ 
schnittsflächen eine schmutzig braunrothe, schmierige Flüssigkeit. Leberläpp¬ 
chen nicht mehr kenntlich. — 55) Gekröse grünlich. — 56) Untere Hohl¬ 
ader leer. 

57) Es wird noch nachgetragen, dass in der Bauchhöhle sich kein fremder 
Inhalt befand. 

Nach geschlossener Obduction geben die Sachverständigen ihr 
vorläufiges Gutachten dahin ab: 

1) dass der Tod des Denatus in Folge einer sackartigen Erweite¬ 
rung des Aortenbogens, Riss desselben und Eintritt von über¬ 
mässigem Blut in den Herzbeutel entstanden ist; 

2) dass dieser Tod nach dem Ergebniss der Section nicht durch 
die Schuld eines Dritten erfolgt ist. 

Auf Befragen des Herrn Untersuchungsrichters, „ob ein ursäch¬ 
licher Zusammenhang zwischen der am Kopfe des Denatus Vorgefun¬ 
denen Wunde und dem Tode desselben sich feststellen lässt“, ant¬ 
worten die Sachverständigen: 

3) dass die Kopfverletzung an sich eine leichte gewesen, und dass 
bei der weit vorgeschrittenen Verwesung der Leiche überhaupt 
nicht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Verletzung 
und dem Tode des Denatus nachzuweisen gewesen ist. 

Unter dem 29. v. Mts. hat der Untersuchungsrichter uns noch die 
Frage vorgelegt, ob: 

4) selbst wenn die Obducenten bei dem motivirten Gutachten zu 
demselben Resultat kommen sollten, wie zum Obductions-Pro¬ 
tokoll, nämlich dahin, anzunehmen, dass ein direkter ursäch¬ 
licher Zusammenhang zwischen der am Kopfe des Denatus Vor¬ 
gefundenen Wunde und dem Tode desselben sich nicht fest- 


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Zweifelhafte Todesursache nach erlittener Kopfverletzung. 


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stellen lässt, doch geneigtest sich darüber noch za äussern, 
„ob nicht bei der Schwächlichkeit und inneren Krankheit des 
Denatus nach dem in Folge der Verwundung eingetretenen Blut¬ 
verlust, resp. Wundfieber der Tod des Denatus durch die er¬ 
haltene Wunde beschleunigt worden ist, und daher doch noch 
wenigstens ein indirekter ursächlicher Zusammenhang zwischen 
der Wunde am Kopfe des Denatus und dessen Tode sich fest¬ 
stellen liesse.“ 

Gutachten. 

1) Der Tod des Denatus ist in Folge einer sackartigen 
Erweiterung des Aortenbogens, Riss desselben wie des 
Herzbeutels, und Eintritt von übermässigem Blute in 
den Herzbeutel entstanden. 

Trotz der im hohen Grade vorgeschrittenen Verwesungserschei¬ 
nungen (Prot. 1—3, 5—20, 24, 25, 27, 37—40, 42, 44, 45, 48—50, 
53, 55, 56) der Leiche hat die Section derselben den unurastösslichen 
Beweis geliefert, dass der Bluterguss in den Herzbeutel und in die 
Brustfellsäcke (Prot. 29, 33) nur im Leben des M. erfolgt sein konnte. 
Im Tode hört jede Blutcirculation durch das Stillstehen der die Blut¬ 
wellen treibenden Herzthätigkeit auf. Es konnte demnach nach dem 
Tode des M. eine so enorme Blutmenge von 600 Grm. in den Herz¬ 
beutel und je 100 Grm. in jeden Brustfellsack (Prot. 29, 33) nicht 
gelangen. 

Die Ursache des Eintritts jener Blutmengen in die genannten 
Höhlen liegt in dem 3 Ctm. langen, 1 Ctm. breiten Riss auf der 
hinteren Seite des Herzbeutels, die mit der entsprechenden Wand des 
erweiterten Aortenbogens (Aneurysma circumscriptura) im Laufe der 
Zeit durch eine sogenannte adhäsive Entzündung sich verschmolzen. 

Dass dieser Riss der sackartigen Erweiterung des Aortenbogens 
in den Herzbeutel hinein auch nur im Leben des M. entstanden sein 
konnte, bedarf keines weiteren Beweises. Durch jene floss die ge¬ 
nannte Blutmenge in die betreffenden Höhlen, von der wir schon oben 
nachgewiesen, dass sie Product vitaler Reaction gewesen sein musste. 

Der Sack des Aortenbogens (Aneurysma) aber ist durch einen 
krankhaften Prozess des genannten Gefässes lange vor dem Absterben 
des M. allmälig entstanden. Gemeinhin entstehen solche Veränderungen 
durch chronische Entzündungen der inneren Haut der betreffenden 
Arterie mit Auflockerung und Durchfeuchtung derselben, an der die 


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Dr. Merner. 


anderen Häute der Aorta participiren. Die Elasticität der letzteren 
muss durch die organische Veränderung ihrer Substanz leiden, der 
vom Herzen stets kommende Blutdruck findet keinen normalen Wider¬ 
stand. Die Aortenwandung wird auf diese Weise, in ihrem Gefüge 
durch den in ihr vorgegangenen krankhaften Prozess weicher ge¬ 
worden, sich in dem Masse widernatürlich ausdehnen, als der Blut¬ 
druck vom Herzen her nicht von ihr regelrecht compensirt werden 
kann. Eine Folge davon wird eine allmälig entstehende sackartige 
Erweiterung jener krankhaften Aortenwandung sein müssen, wie in 
diesem Falle geschehen. Es giebt indessen auch andere Ursachen 
der Entstehung jenes Sackes, den wir fernerhin der Kürze wegen mit 
dem technischen Ausdrucke „Aneurysma“ benennen wollen, die für 
unseren Fall insofern gleichgültig sind, als sie an der Leiche nicht 
gefunden, wie die Fettentartung oder Verkalkung der inneren 
Wand des Aortenbogens. 

Von der Constatirung einer Fettentartung derselben konnte bei 
dieser so stark verwesten Leiche nicht die Rede sein, und eine Ver¬ 
kalkung schloss sich dadurch aus, dass die Wände des Aneurysma 
nach Herausnahme des colossalen Faserstoifgerinnsels von 10 Ctm. 
Länge, 6 Ctm. Breite, 5 Ctm. Dicke zusammcugefallen liegen blieben 
(Prot. 30). 

Das Factum aber des lange Zeit, vielleicht Jahre lang bestan¬ 
denen, allmälig immer durch den stets ein wirkenden Blutdruck vom 
Herzen aus sich nothwendig vergrössemden Aneurysma musste mit 
der Zeit die Wandung desselben immer mehr nicht allein bis zum 
Uebermass anspannen, sondern auch dieselbe immer dünner machen. 
Schon hatte diese Wandung überhaupt die Kartenblattdicke erreicht, 
während die Stelle des Risses sich, verklebt mit der entsprechenden 
Herzbeutelwand, noch dünner zeigte (Prot. 30). 

Bei solcher pathologisch-anatomischen Beschaffenheit des ge¬ 
nannten Organes musste demnach der Moment eintreten, dass der 
Blutdruck vom Herzen aus stärker als die Resistenz jener Aneurysma¬ 
wand war. Die nothwendige Folge war, dass letztere zerreissen musste. 
Das Blut strömte nun frei in den mit jenem Riss geöffneten Herz¬ 
beutel und zunächst auch in die Brusthöhlen. 

Der Tod musste nun augenblicklich erfolgen, da das plötzlich 
mit 600 Grm. Blut umspülte, resp. bedrückte Herz nicht mehr functio- 
niren konnte (Herzlähmung). 

Die Zeugenaussage, dass der M. plötzlich bei der Gartenarbeit 


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Zweifelhafte Todesursache nach erlittener Kopfverletzung. 


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umgefallen und todt liegen geblieben ist, stimmt daher mit der Erfah¬ 
rung und gemachten Erörterung vollständig. Die Vertiefung der Innen¬ 
seite des Brustbeins (Prot. 29) ist der Ausdruck für den an letzter 
Stelle vielleicht Jahre lang ausgeübten Druck, sowie des Anschlagens 
des Aneurysmasackes mit jeder Pulswelle vom Herzen aus. Das 
Gutta cavat lapidcm bildet hier ein Analogon. Der graugrüne Grund 
dieser Vertiefung (Usur) ist das Product der Verwesung (Prot. 29). 

Die krankhaften Veränderungen des Herzens (Prot. 31) sind als 
Folgen jenes Aneurysmas anzusehen. Das Herz hatte seine regelrechte 
Form mit der einer fast kugeligen vertauscht; es ,war erweitert. 
Ebenso ist die Nichtschlussfähigkeit der Atrioventricularklappen als 
Folge jenes Aneurysmas und Erweiterung des betreffenden Herzventri¬ 
kels anzusehen (Prot. 31). 

Die Weite der Aortenmündung (Prot. 31) deutet darauf hin, dass 
der pathologisch-anatomische Prozess in dem Aortenbogen sich auch 
tiefer bis zur Mündung dieses Gefässes herabzog. 

Im Leben muss der M. in Folge des constatirten Leichenbefundes 
an Kurzathraigkeit, an asthmatischen krampfhaften Erscheinungen ge¬ 
litten haben, da die Nerven Vagus und Recurrens durch jenen Sack 
gereizt und gezerrt wurden. Seine Leistungsfähigkeit in der Arbeit 
konnte daher eine nur sehr eingeschränkte sein. 

2) Nach dem Sectionsergebniss liegt nicht die Schuld 
eines Dritten an dem Tode des M. vor. 

Wir haben vorhin auseinanderzusetzen uns bemüht, dass der M. 
lange vor seinem Ableben an einer organischen Erkrankung des 
Aortenbogens und in Folge davon an einem Herzleiden gelitten, und 
dass insbesondere nach der Natur des, ersteren Leidens der Moment 
allmälig eintrcten musste, in dem er plötzlich umsank und als Leiche 
liegen blieb, wie es auch geschehen. 

Es hat sich also ein naturgemässer Hergang in diesem Falle ab¬ 
gespielt, bei dem Niemand die Schuld trägt. 

Damit ist die ad 2 von uns am Sectionstage gegebene Erklä¬ 
rung erledigt. 

Aber der am 25. Juni zwischen dem M. und dem Wirth B. zur 
Nachtstunde entstandene Streit, der mit einem */ s —1 Zoll dicken, 
mit einer eisernen Schaufel beschlagenen Stock geführte Hieb seitens 
des letzteren auf den Kopf des M. hat an der Leiche des M. in der 
Mitte der Höhe des linken Scheitelbeines eine 4 Ctra. lange, glatt- 

Vierte ljaliT8»chr. f. ger. Mcri. N. F. XXXVIII. 1. J 


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Dr. Merner, 


randige, grün aussehende Zusammenhangstrennung, mit der Pfeilnaht 
parallel verlaufend, zu Wege gebracht, die aber nur in der Mitte der¬ 
selben iy 2 Ctm. lang klaffend sich zeigte. Der Grund dieser Ver¬ 
letzung war feucht, schmutzig braunroth (Prot. 6), d. h. die Umgebung 
dieser Wunde wie deren Beschaffenheit zeigte bedeutende Verwesungs¬ 
erscheinungen, die an sich das Urtheil, ob überhaupt im Leben ent¬ 
standen, verdunkeln müssten, wenn nicht durch Zeugenaussagen und 
den behandelnden Arzt actenmässig bestätigt wäre, dass der M. sie 
in der That kurz vor seinem Tode erhalten. 

Gehen wir aber auf das actenmässig festgestellte Attentat auf 
den M. erörternd ein, so steht fest, dass der M. nach erhaltenem 
Stockschlage auf den Kopf umsank, liegen blieb und erst hinterher 
zu sich kam, nachdem der Attentäter ihn mit Wasser begossen hatte. 

Nach 10 Uhr Nachts war dies geschehen. Schon um 11 Uhr 
derselben Nacht war der M. im Stande, seiner von einer Besuchsreise 
heimkehrenden Gutsherrin von dem ihm widerfahrenen Unrecht am 
Wagen derselben zu erzählen. Er konnte also schon ganz kurze Zeit 
nach der erhaltenen Verletzung aus dem Stalle zu der vor dem Guts¬ 
hause vorgefahrenen Herrin gehen und sein Leid klagen. 

Dass aber die Kopfverletzung des M. nur eine leichte gewesen 
sein musste, geht schon aus dieser genannten Thatsache genügend 
hervor, obschon der auf ihn geführte Schlag ein ihn augenblicklich 
betäubender gewesen ist, bei dem sogar der Stock in zwei Stücke 
zersprang. Sofort zum Arzte nach P. gesandt, was auch nicht mög¬ 
lich gewesen wäre, wenn eine Gehirnerschütterung oder eine tiefere 
Verletzung des Schädels, der Gehirnhäute, des Gehirnes selbst statt¬ 
gehabt, findet jener eine wenig blutende Wunde, die er als eine 
leichto kennzeichnen muss, verbindet sie und schickt ihn heim. 

Schon am dritten Tage, also am 27. Juni, ist der M. ausserhalb 
des Bettes, und bereits am 28. Juni arbeitet er schon im Garten. 
Auch am 29. Juni früh ist er im Garten beschäftigt, da sinkt er 
plötzlich um und ist todt. 

Dieser Hergang nach der blutigen Affaire vom 25. Juni bis zum 
29 d. M , der Todesstunde des M, zeigt, dass letzterer nur einen Tag 
bettlägerig war, dass er aber hinterher seiner gewohnten Thätigkeit 
sich hingeben konnte. Daraus muss folgen, dass er körperlich zur 
Arbeit sich aulgelegt fühlte, dass also jene Verletzung ausser einem 
Schmerzgefühle in derselben ihn gar nicht weiter genirte. 

Der bei dem Attentat in zwei Stücke gesprungene Stock kann 


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Zweifelhafte Todesursache nach erlittener Kopfverletzung. 


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in diesem Falle die Wuchtigkeit des Hiebes nicht beweisen. Einmal 
spricht die thatsächliche Wirkung dieses — (Kopfwunde) — nicht 
dafür, zweitens muss der Stock in seinem Gefüge zu den spröden 
Holzarten gehört haben. Es ist bedauerlich, dass die Holzstücke der 
Beschuldigte hinterher verbrannt hat; sie würden ohne Zweifel für 
ihn in der Beurtheilung des nicht wuchtig geführten Schlages auf den 
Kopf des M. sprechen. 

Eine Kopfverletzung aber, wie sie der Dr. P. gleich nach der 
blutigen Attaque in jener Nacht als eine leichte erkannt hat, kommt 
jedem Arzte nach Schlägereien, Raufereien der gewöhnlichen Leute 
hundertfach zur Behandlung. Solche Wunden heilen unter einfachem 
Verbände ohne allen bleibenden Nachtheil. Dass solche den Tod aber 
des Betreffenden auch nur indirekt bewerkstelligten, ist im grossen 
Ganzen etwas Ungewöhnliches, höchst selten Erlebtes. Jedenfalls 
aber müssten sich hinterher bei solchen Fällen Krankheitserschei¬ 
nungen besonderer Art zeigen, die hier absolut fehlten. Der M. hat 
ja schon einen Tag nach der Verletzung zwei volle Tage gearbeitet, 
und das vermag doch kein schwer Kranker. 

Nun kommt dazu, dass trotz der Verwesungserscheinungen in und 
um die Wunde die Beinhaut des Schädels wie dieser selbst unverletzt 
gefunden sind (Prot 22). War nun auch das Gehirn durch Zersetzung 
zum Brei umgewandelt (Prot. 25), so kann doch hinterher geschlossen 
werden, dass das Gehirn keine Schädigung in seinem organischen Zu¬ 
sammenhänge erlitten haben konnte. Der M. vermochte ja hinterher 
zu gehen, zu sprechen, zu arbeiten u. s. w. 

Somit müssen wir die Kopfverletzung des M. nicht nur als eine 
leichte, sondern auch für seine Gesundheit resp. Leben als eine 
bedeutungslose erklären. 

Hiernach erledigt sich die ad 3 und ad 4 von dem Herrn Unter¬ 
suchungsrichter vorgelegte Frage von selbst, fügen aber rücksichtlich 
ad 4 beantwortend noch hinzu, dass der Blutverlust des M. aus der 
Wunde nach dem Ausspruche des Zeugen Dr. P. ein unbedeutender 
gewesen, und dass für ein hinterheriges Wundfieber, weder die 
Acten Aufklärung, noch sein Verhalten hinterher zu dieser Annahme 
irgendwie berechtigen. 

Ebensowenig können wir uns über die Schwächlichkeit des 
M. äussern, da wir im Leben denselben nicht gekannt und die 
Leiche in ihrem hohen Verwesungsgrade diese Frage nicht beant¬ 
worten lässt. 

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Dr. Merner, 


Nach alle dem geben wir unser Gutachten dahin ab: 

1) Der Tod des M. ist in Folge einer sackartigen Erweiterung des 
Aortenbogens, Riss desselben wie des Herzbeutels und Eintritt 
von übermässigem Blute in den Herzbeutel entstanden (Herz¬ 
lähmung). 

2) Diese Herzlähmung durch den bezeichneten Riss ist ohne Schuld 
eines Dritten zu Stande gekommen. 

3) Die Kopfverletzung des M. steht ausser allem nachweislichen 
Zusammenhänge mit dem Tode des M. 


Die Staatsanwaltschaft hielt daran fest, dass der Tod des M. 
durch die ihm beigebrachten Kopfverletzungen entstanden sei, und 
provocirte daher ein Superarbitrium des Medicinal-Collegiums der 
Provinz, das folgenderweise abgegeben wurde. 

Superarbitrium des Modicinal-Collegiums zu D. 

Auf Grund des uns vorliegenden Acten-Materials geben wir unser 
Gutachten dahin ab: 

1) Der Tod des Denatus ist durch Herzlähmung erfolgt. 

2) Diese Herzlähraung ist durch einen, den Herzbeutel ausfüllenden 
Bluterguss zu Stande gekommen, der so massig war, dass er 
die Herzthätigkeit in kürzester Zeit aufheben, gleichsam er¬ 
drücken musste. 

3) Die Section hat keinen Anhalt dafür ergeben, dass der Tod des 
Denatus durch die Schuld eines Andern eingetreten sei. Die¬ 
selbe lässt namentlich keinen ursächlichen, auch nicht einen 
indirekt ursächlichen Zusammenhang zwischen der constatirten 
Kopfverletzung und dem erfolgten Tode des Denatus nach- 
weisen. 

Gründe. 

Im vorliegenden Falle kann ärztlicherseits eine Meinungsverschie¬ 
denheit über die Todesursache des M. nicht Platz greifen. 

Die Section hat in dem gefundenen Riss des Aorten-Aneurysraas 
eine absolut tödtliche Läsion nachgewiesen, die durch ihre Beschaffen¬ 
heit dem Leben des M. in jäher Form ein Ende machte. Die seit 
langer Zeit erkrankten, durch den Herzdruck ad raaximum ausge¬ 
dehnten, verdünnten Arterienhäute leisteten nicht länger Widerstand, 
so erfolgte Berstung derselben und der Erguss in den Herzbeutel, der 


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Zweifelhafte Todesursache nach erlittener Kopfverletzung'. 


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jede weitere Action des Herzens beendete und plötzlichen Tod zur 
Folge hatte. 

Wir haben uns deshalb hier nur noch mit den vom Unter¬ 
suchungsrichter gestellten Fragen zu beschäftigen: 

1) ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der am Kopfe des 
Denatus Vorgefundenen Wunde mit dem Tode desselben sich fest¬ 
stellen lasse; 

2) ob nicht, wenn ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwi¬ 
schen der Kopfwunde und dem Tode des Denatus nicht nachweisbar 
sei, bei der Schwächlichkeit und inneren Krankheit des Denatus nach 
dem in Folge der Verwundung eingetretenen Blutverlust, resp. Wund¬ 
fieber, der Tod des Denatus durch die erhaltene Wunde beschleunigt 
worden sei, und daher doch noch wenigstens ein indirekter, ursäch¬ 
licher Zusammenhang zwischen der Wunde am Kopfe des Denatus und 
dessen Tode sich feststellen lasse. — 

Wie wir durch die Aussagen der B. G. und des B. erfahren, soll 
M., nachdem er von B. den Schlag auf den Kopf bekommen, sich 
hingesetzt, dann umgefallen und besinnungslos geworden und erst 
wieder zu sich gekommen sein, nachdem ihm B. Wasser über den 
Kopf gegossen hatte. Ob derselbe wirklich besinnungslos gewesen sei, 
ist unsicher. Wir erfahren, dass er nach kaum 3 / x Stunden seiner 
Herrin sein Loid klagt, dass er so wenig sich krank fühlt, dass er 
einen Wagen besteigt, um nach P. zu fahren. Hier findet der ihn 
verbindende Arzt sein Allgemeinbefinden nicht gestört; die Wunde, 
die 3—4 Ctm. lang ist, hat anscheinend wenig geblutet, dieselbe 
durchdringt die Kopfhaut, lässt tiefere Verletzungen nicht wahrnehraen 
und macht dem Arzte den Eindruck einer leichten Körperverletzung. 
Schon am 27. Juni war M. ausserhalb des Bettes, am 28. Juni arbeitete 
er aus freiem Antriebe bereits im Garten. Auch am 29. Juni ist er 
früh Morgens im Garten beschäftigt, da sinkt er plötzlich um und ist 
todt. M. ist demnach nach der erlittenen Verletzung nur einen Tag 
bettlägerig gewesen, hat schon am 28. Juni aus freiem Antriebe sich 
im Garten arbeitend beschäftigt. Wir hören, dass er an diesem Tage 
auf Befragen zwar aussagte, dass ihm die Kopfwunde Schmerzen ver¬ 
ursache, dass er sonst aber keinerlei Krankheitserscheinungen zeigte, 
kurz dass er den Eindruck eines leicht Verletzten machte, wie ihn 
nicht nur der bald nach der Verletzung consultirte Arzt, sondern auch 
der ihn später beobachtende Besitzer N. taxirte. Dazu kommt, dass 


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l)r. Meiner. 


uns der Sectionsbefund ausser der Hautwunde keine irgendwie erheb¬ 
liche Läsion des Kopfes zeigt. Die Beinhaut, das Schädeldach, die 
harte Hirnhaut zeigen keine Spur einer gewaltsamen Einwirkung. 
Das Gehirn ist zwar derart durch Fäulniss verändert, dass dasselbe 
als eine röthlich-graue, breiige Substanz ausfliesst und deshalb einer 
genaueren anatomischen Untersuchung und Beurtheilung nicht zugäng¬ 
lich ist, immerhin aber haben wir keine Veranlassung, in demselben 
tiefere pathologische Veränderungen vorauszusetzen, da M. intra vitam 
kein Symptom zeigte, was uns zur Annahme einer solchen berech¬ 
tigte; kurz wir müssen nach dem vorliegenden Acten-Material die 
Kopfverletzung des Denatus als eine leichte erklären, die auf den 
Tod desselben von keinerlei Einfluss war. 

Indem wir zuletzt noch ausdrücklich aussprechen, dass die 
Schwächlichkeit des M. und der bei der Verwundung vorgekomraene 
geringe Blutverlust nur geeignet waren, den Riss des Aneurysmas 
hinauszuschieben, weil diese Momente gerade den Herzdruck herab¬ 
zusetzen angethan waren, müssen wir uns in Beziehung aüf etwa vor¬ 
handen gewesenes Wundfieber und dessen schädlichen Einfluss dahin 
äussern, dass das vorliegende Acten-Material die Annahme nicht zu 
rechtfertigen vermag, dass M. an Wundfieber gelitten habe. 

Nach alle dem geben wir unser Gutachten dahin ab: 

1) Denatus ist an Herzlähmung verstorben. 

2) Die Herzlähmung ist durch Bluterguss in den Herzbeutel erfolgt. 

3) Die Section hat keinen Anhalt dafür ergeben, dass der Tod 
des Denatus durch die Schuld eines Andern bewirkt sei; die¬ 
selbe lässt namentlich keinen ursächlichen, auch nicht einen 
indirekt ursächlichen Zusammenhang zwischen der constatirten 
Kopfverletzung und dem erfolgten Tode des Denatus nach- 
weisen. 

Königliches Medicinul-Collegium. 


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6 . 


Gerichtlich-medicinischf, casaistische Mittheilnngen 

• von 

Reg.-Rath Professor Manch kA. 


L Verdacht eines Mordes durch Erdrosselaag. — Abweichendes 

Obergatachten. 

Josef C., Fabrikarbeiter, ein sonst wohlerhaltener Mann, war 
durch mehrere Jahre mit Anna C. verheirathet. Diese letztere war 
zufolge mehrfacher Zeugenaussagen schon lange Zeit dem Trünke im 
höchsten Grade ergeben, so zwar, dass sie fast keinen Tag nüchtern 
war, oftmals im trunkenen Zustande auf der Gasse liegend und sich 
herumwälzend angetroffen wurde und nach Hause geführt oder selbst 
getragen werden musste; nicht selten war sie auch in solchem Zu¬ 
stande von den Wachtleuten des Ortes arretirt und auf die Wachtstube 
im Gemeindehause gebracht worden, wo sie ihren Rausch ausschlief. 
Dabei vernachlässigte sie die ganze Haushaltung, verkaufte, was ihr 
unter die Hände kam, um nur ihrem Hange zum Trünke zu fröhnen. 
— Zu bemerken ist hierbei, dass sie, wenn sie im trunkenen Zustande 
nach Hause kam, sich gewöhnlich in den Keller begab und da¬ 
selbst auf Stroh liegend ihren Rausch ausschlief. — Keine Ermah¬ 
nungen, keine Vorstellungen, keine Strafen fruchteten, um sie ihrer 
Trunksucht zu entwöhnen; immer ergab sie sich von Neuem der¬ 
selben. — Dass der Gatte über dieses Verhalten seiner Frau unge¬ 
halten war, ist selbstverständlich; oft beklagte er sich, dass sie ihn 
ganz ruinire, und soll sich auch geäussert haben, es wäre ein Glück 
für ihn, wenn sie sterben würde. 

Auch am 15. April 1882 Vormittags wurde Anna C. betrunken 
auf der Strasse gefunden und auf die Wachtstube gebracht, wo sie 
sich sehr ungeberdig benommen haben soll. — Am Abend desselben 
Tages (15. April) kam sie, nachdem sie wieder nüchtern geworden 
war, in die Wohnung der Zeugin V., erzählte derselben unter Anderm, 
dass sie auf der Wachtstube geschlagen, mit einem um den Hals ge¬ 
legten Riemen gedrosselt worden sei, und wies auf ihren Hals hin, 
an welchem die Zeugin V., zufolge ihrer Aussage, wirklich eine bläu¬ 
liche, schmerzhafte Furche und einige kleine streifenförmige Haut¬ 
aufschürfungen bemerkte. 


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72 


Dr. Masclika, 


Am 16. und am Vormittag des 17. April wurde Anna C. aber¬ 
mals auf der Gasse betrunken gefunden und war namentlich am 
Morgen des 17. April so trunken, dass sie von einigen Personen 
gegen 11 Uhr Vormittags nach Hause geführt werden musste, wo sie 
sich wie gewöhnlich im Keller niederlegte. — Am Nachmittage des 
17. April stand sie auf, verkaufte ein Tuch und wurde gegen 5V 2 Uhr 
abermals derartig betrunken gefunden, dass sie wieder zu Hause ge¬ 
führt werden musste, wobei sie kaum zu stehen und zu gehen ver¬ 
mochte, und sich sodann im Keller niederlegte. — Ueber die weiteren 
Ereignisse bis zu ihrer Auffindung als Leiche ist nichts bekannt und 
wissen die Zeugen nichts hierüber anzugeben; nur bemerkten dieselben, 
dass Anna C. zu der Zeit, als sie das letzte Mal (5V 2 Uhr) nach 
Hause geführt wurde, wol ein Tuch in gewöhnlicher Weise um den 
Kopf gebunden hatte, am Halse jedoch kein Tuch trug. 

Der Gatte Josef C. gab an, dass er am 17. April gegen 8 Uhr 
aus der Arbeit zurück gekommen sei und sich, nachdem er ira Wirths- 
hause einige Gläser Bier getrunken hatte, in die Wohnstube begab, 
wo er sein Weib nicht vorfand. Kaum dass er dort angelangt war, 
sei seine Schwägerin F. zu ihm ins Zimmer gekommen und theilte 
ihm während des Gespräches mit, dass Anna C. am heutigen Tage 
abermals total betrunken gewesen sei, worüber Josef C. in Klagen 
ausbrach. — Nach einiger Zeit bemerkte F., es wäre doch gut nach¬ 
zusehen, was die Frau mache, und sie begaben sich Beide, wol 
wissend, dass dieselbe gewöhnlich im Keller zu liegen pflege, gegen 
10 Uhr Abends mit einem Lichte in den Keller. Als sie in denselben 
eintraten, fanden sie die Anna C. auf der rechten Körperseite auf 
dem Stroh liegend, jedoch bereits todt. Sie liefen hinauf, riefen 
einige Nachbarsleute, welche sogleich mit ihnen wieder hinunter gingen 
und sich von dem Tode der Anna C. überzeugten. — Der gleichfalls 
herbeigerufene Wundarzt W. fand die Leiche bekleidet, am Körper 
mehrere Wunden und um den Hals ein Tuch dreimal umge¬ 
schlungen, fest zusammengezogen und vorn am Kehlkopf geknotet, 
während sich am Kopfe kein Tuch vorfand. — 

Nach gemachter Anzeige wurde am 19. April in R. von den 
Doctoren V. und S. die gerichtliche Obduction vorgenommen. Bei 
derselben fand man: 

Die Leiche einer 45jährigen, kleinen, schwächlich gebauten Frauensperson, 
das Gesicht sowie die Hautdecken am übrigen Körper, mit Ausnahme von Todten- 
tlecken am Kücken, blass; den Mund geschlossen, die Spitze der Zunge zwischen 
den Kiefern etwas vorragend. 


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Gerichtlieh-medicinische. casuistische Mitlheilungon. 


Von Verletzungen fand man: 

1) am rechten Stirnhöcker eine 2 Ctm. lange, granulirende, oberflächliche 
Hautwunde; 

2) am linken Stirnhöcker eine 1 Ctm. lange, mit einer Kruste bedeckte, 
oberflächliche Hautwunde; 

3) am linken Jochbogon, sowie am Kinn je eine erbsengrosse Hautaufschür¬ 
fung mit geringer Blutaustretung, ohne Verletzung der Knochen; 

4) in der Gegend beider Schulterblätter, an der vorderen Seite der Kniee, 
sowie an der linken Hüfte einige unbedeutende, theils rundliche, theils 
streifenförmige, oberflächliche Hautaufschürfungen. 

Befund am Halse. Um den Hals war dasselbe Tuch, welches sie früher 
am Kopfe gehabt hatte, dreimal so fest umgeschlungen, dass man kaum mit dem 
Finger unter dasselbe dringen konnte, es war am Nacken gekreuzt und vorn, 
dem Kehlkopfe entsprechend, in einen einfachen Knoten gebunden. 

Nach Abnahme des Tuches fand man mehrere querverlaufende Fur¬ 
chen, denen entsprechend die Haut nicht entfärbt war, nebstdem vorn am Halse 
mehrere oberflächliche, schief gegen die linke Seite verlaufende Hautaufschür¬ 
fungen. — An der rechten Halsseite sah man eine weiche, 2 Ctm. lange, 
V 2 Ctm. breite, blassbläuliche Furche und V2 Ctm. darunter eine längliche 
Furche, welche bis zum Nacken verlief; links befanden sich 2 schwache, läng¬ 
liche, blassbläulicho Streifen, von denen der obere 4, der untere 6 Ctm. lang 
war. Am Nacken eine 6 Ctm. lange, '/ a Ctm. breite, theils blasse, theils röth- 
liche Furche. Eine anderweitige Verletzung ausser den oben angegebenen wurde 
nicht vorgefunden. 

Die Schädeldecken, sowie die Schädelknochen nicht verletzt, die Hirnhäute 
blutreich, die Gehirnwindungen abgeplattet, zwischen denselben seröse Flüssig¬ 
keit, das Gehirn blutreich, in den Gehirnhöhlen viel Serum, in den Blutleitern 
viel dunkles Blut. 

Unter den Hautdecken am Halse keine Blutunterlaufung, Zungenbein und 
Kehlkopf nicht verletzt, in den Drosselvenen viel Blut, die Schilddrüse ver- 
grössert, die Schleimhaut des Kehlkopfes und der Luftröhre dunkel geröthet. 
Beide Lungen an der Brustwand angeheftot. die Substanz derselben blutreich, 
im oberen Lappen der linken Lunge eine hühnereigrosse indurirte Stelle; das 
Herz von normaler Grösse, die Herzmusculatur dunkelbraun, in den Herzkammern 
wenig Blut. Die Leber vergrössert, die Oberfläche glatt, gelblich rothbraun, 
die Substanz fest, lichtbraun, blutreich. Im Magen ein gelblicher, dicker Speise¬ 
brei, die Schleimhaut glatt, dunkelroth, sonst normal. Darmcanal normal. Milz 
11 Ctm. lang, 7 Ctm. breit, blutreich. Die Nieren von normaler Structur, mässig 
bluthaltig. Gebärmutter leer. 

Die Obducenten gaben das Gutachten ab: 
dass Anna C. an Erstickung in Folge des Erdrosselns ge¬ 
storben sei, — dass ein Selbstmord nicht angenommen werden 
könne, und dass es somit keinem Zweifel unterliege, dass die 
Betreffende von einer anderen Person erdrosselt wurde, 
wofür ihrer Ansicht nach die feste Zusammenziehung des um 


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74 


Dr. Masclika, 


den Hals geschlungenen Tuches und die als Zeichen eines statt¬ 
gefundenen Kampfes aufzufassenden frischen Hautaufschürfungen 
an den verschiedenen Körperstellen sprechen. 

Auf Grundlage dieses Gutachtens wurde Josef C. als des Mordes 
verdächtig in Haft genommen; bei den Einvernahmen stellte er eine 
jede ausgeübte Gewaltthätigkeit gänzlich in Abrede und blieb bei der 
früher erwähnten Angabe. — Wegen Wichtigkeit des Falles wurde 
ein Obergutachten abverlangt. 

Gutachten. 

1) Die an der Stirne Vorgefundenen unbedeutenden Haut¬ 
wunden (1, 2) lassen zufolge ihrer Beschaffenheit (Granulation, be¬ 
ginnende Vernarbung) darauf schliessen, dass sie mindestens einige 
Tage vor dem Tode entstanden sind. Dieselben sind leichte Ver¬ 
letzungen, konnten durch einen Fall entstanden sein und stehen mit 
dem Tode bestimmt in keinem Zusammenhänge. 

2) Die Hautaufschürfungen am Kinn, den Schultern, den 
Knieen und der Hüfte (3, 4) sind wegen ihrer Geringfügigkeit sowohl 
einzeln als zusammengenommen als eine leichte Verletzung aufzu- 
fassen, welche mit dem Tode gleichfalls in keinem Zusammenhänge 
stehen. — Dieselben können zufolge ihrer Lage nicht als Zeichen 
einer geleisteten Gegenwehr betrachtet werden, sondern sind unzweifel¬ 
haft durch das wiederholte Niederstürzen im trunkenen Zustande be¬ 
dingt worden. 

3) Was des Todes Veranlassung der Anna C. anbelangt, so 
muss Nachstehendes bemerkt werden: 

a) Anna C. war zufolge der einstimmigen Zeugenaussagen in 
hohem Grade dem Trünke ergeben, und wurde auch noch am 15., 
16. und 17. April und zwar an letzterem Tage auch noch um 5 l / 2 Uhr 
Nachmittags so betrunken gesehen, dass sie kaum zu stehen und 
gehen vermochte. — In dieser Beziehung muss nun bemerkt werden, 
dass bei derartigen dem Trünke ergebenen Individuen der Erfahrung 
zufolge nicht selten der Tod auch auf natürlichem Wege plötzlich 
eintritt, und dass man sodann bei der Obduction in der Regel die¬ 
selben Erscheinungen findet, wie sie auch beim Erstickungstode wahr¬ 
genommen werden und wie sie auch bei der Anna C. beobachtet 
wurden. 

b) Nun geben aber die Aerzte Dr. V. und M. an, sie hätten 
bei der Anna C. ein Tuch dreifach um den Hals fest geschlungen 


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Gericlitlich-medicinische, casuistische Mittheilungen. 


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und vorn geknotet gefunden und schliessen, dass dieses fest umgelegte 
Tuch das Athmen gehindert und die Erstickung veranlasst habe. 

Ob nun dieses Tuch wirklich so fest um den Hals geschlungen 
war, dass es die Erstickung bedingte, kann der Gefertigte nicht be¬ 
stimmen, da er die Leiche selbst nicht gesehen hat, doch kann der¬ 
selbe nicht umhin zu bemerken, dass die Furche am Halse, auf 
welche die Obducenten so grossen Werth legen, in dieser Beziehung 
nicht als ein sicheres Beweismittel der starken Zusammenschnürung 
gelten dürfte, da die Zeugin V. ausdrücklich angiebt, sie habe schon 
am 15. April, also 2 Tage vor dem Tode der C., eine den ganzen 
Hals derselben umkreisende schmerzhafte Furche bemerkt, welche die 
C. von einer nicht näher bezeichneten Misshandlung mit einem Riemen 
herleitete. 

c) Wird nun aber angenommen, dass dieses Tuch wirklich den 
Hals so fest zusammenschnürte, wie es die Aerzte angaben, dann war 
dasselbe allerdings im Stande, in Folge der Compression der Luft¬ 
wege das Athmen zu hindern und eine Erstickung herbeizuführen, und 
es müsste in diesem Falle auch angenommen werden, dass Anna C. 
in Folge dieser Zusammenschnürung an Erstickung gestorben ist, 
womit auch die Erscheinungen an der Leiche, nämlich die flüssige Be¬ 
schaffenheit des Blutes, die Blutüberfüllung der Hirnhäute und Drossel¬ 
venen, der Blutreichthum der Lungen etc., im Einklänge stehen. 

d) Frägt man nun nach der Art und Weise, wie diese Zusammen¬ 
schnürung des Tuches zu Stande gekommen sein konnte, so sind drei 
Möglichkeiten denkbar, und zwar: 

1) konnte das Tuch von einer anderen Person absichtlich zusam¬ 
mengeschnürt, Anna C. somit von einem Andern erdrosselt wor¬ 
den sein, oder 

2) es hat sich Anna C. in selbstmörderischer Absicht selbst 
auf diese Weise erdrosselt, oder 

3) das Tuch wurde zufällig und ohne besondere Absicht in dieser 
Art um den Hals gelegt und hat durch eigenthüraliche, später 
zu erörternde Umstände die Veranlassung zur Erstickung ab¬ 
gegeben. 

Was nun den 1. Fall, nämlich die Erdrosselung durch eine andere 
Person und im gegebenen Falle durch Josef C. anbelangt, so erscheint 
diese nach genauer Erwägung aller Umstände sehr unwahrschein¬ 
lich und zwar aus folgenden Gründen: 


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Dr. Masclika. 


a) War das Tuch dreimal um den Hals geschlungen und ge¬ 
kreuzt, ein Vorgang, der von einer anderen Person schwer und un¬ 
bequem auszuführen ist, längere Zeit zur Ausführung braucht und, 
wie es die Erfahrung zeigt, von Mördern in der Regel nicht unter¬ 
nommen wird, indem diese, um den Act möglichst schnell auszuführen, 
das Strangwerkzeug gewöhnlich nur einmal, selten zweimal um den 
Hals zu schlingen pflegen, was auch vollkommen genügt und sogar 
die feste Zusammenziehung wesentlich erleichtert. 

b) Lag der Knoten des Tuches vorn am Kehlkopfe, was gleich¬ 
falls beim Morde nicht vorzukommen pflegt, weil es viel leichter und 
bequemer ist, den Knoten entweder rückwärts oder seitwärts zu 
knüpfen, wie es auch in der That bei derartigen Tödtungen in der 
Regel beobachtet wird. 

c) Wird bei durch andere Personen ausgeführten Erdrosselungen 
gewöhnlich eine grössere Kraft angewendet, wodurch dann Blut- 
austretungen unter den Hautdecken, ja selbst Brüche des Kehlkopfes 
bedingt werden, von denen aber im gegenwärtigen Falle nicht die 
geringste Spur vorhanden war. 

d) Wurde weder an Josef C., noch an Anna C. ein Zeichen einer 
geleisteten Gegenwehr vorgefunden, während es andererseits doch nicht 
wol anzunehmen ist, dass dieselbe sich hätte ohne Kampf und Wider¬ 
stand überwältigen und erdrosseln lassen. 

e) Gegen Mord dürfte endlich auch noch der Umstand sprechen, 
dass das strangulirende Tuch auch an der Leiche noch in demselben 
fest zusamraengcschnürten Zustande vorgefunden wurde, während es 
doch dem Thäter ein Leichtes gewesen wäre, nach ausgeführtera Morde 
dasselbe zu entfernen und auf diese Art ein Beweismittel bei Seite 
zu schaffen. — 

Aus diesen angeführten Gründen erscheint, wie bereits erwähnt, 
die durch eine andere Person ausgeführte Erdrosselung der Anna C. 
mindestens sehr unwahrscheinlich. 

Was den zweiten Fall, nämlich eine Selbsterdrosselung be¬ 
trifft, so wurden derartige Fälle der Erfahrung zufolge nicht gar so 
selten beobachtet, und es lassen das dreimalige Umlegen des Tuches 
um den Hals, die Knüpfung desselben vom am Kehlkopfe, bei Ab¬ 
wesenheit eines jeden Zeichens geleisteter Gegenwehr, ferner die Trunk¬ 
sucht der Anna C. überhaupt und der kurz vorhergegangene trunkene 
Zustand die Möglichkeit eines Selbstmordes zu. 

Es lässt sich aber nach den geschilderten Umständen auch die 


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Möglichkeit des dritten Falles, nämlich einer zufälligen Er¬ 
drosselung durchaus nicht ausschliessen, ja dieselbe erscheint im 
Gegentheil sehr wol möglich. — Es ist nämlich denkbar, dass sich 
Anna C. (da früher an dem Halse derselben kein Tuch bemerkt wor¬ 
den war) während des trunkenen Zustandes das Tuch um den Hals 
umband und zufällig etwas fester knüpfte. — Während des andauernden 
Alcoholismus konnten nun sehr leicht in Folge der mit dem letzteren 
verbundenen Kreislaufsslörungen und Blutveränderungen erschwerte 
Athembewegungen bei gleichzeitig vorhandener Störung des Bewusst¬ 
seins eingetreten sein. Die Weichtheile des Halses konnten ferner in 
Folge des auf sie einwirkenden Druckes durch das Tuch etwas an¬ 
schwellen, dadurch die Compression von selbst zunehmen und endlich 
so stark werden, dass sie Erstickung bedingte, was um so leichter 
möglich war, als zufolge des Obductionsprotokolls die Schilddrüse 
vergrössert war. — Derartige Fälle sind bereits beobachtet worden, 
und es ist die Möglichkeit der auf diese Art erfolgten Erstickung 
nicht nur nicht auszuschliessen, sondern sogar annehmbar. 

Fasst man nun alle erwähnten Umstände noch einmal zusammen, 
so ergiebt sich: 

1) dass eine Erdrosselung durch eine andere Person aus den an¬ 
gegebenen Gründen unwahrscheinlich ist; 

2) dass ein Selbstmord möglich erscheint; 

3) dass eine Erstickung durch eine zufällige, in Folge der An¬ 
schwellung der Weichtheile immer mehr und mehr zunehmende 
Compression des Halses durch das etwas fester angelegt ge¬ 
wesene Halstuch nicht ausgeschlossen werden kann und im 
Gegentheil sehr leicht möglich erscheint. 


2. Yermuthete Erwürgung. — Unrichtige Dentnng gewöhnlicher Leichen¬ 
hypostasen. — Natürlicher Tod. 

Am 18. Novbr. 188. fand Dr. F. an der Leiche der am 16. Novbr. 
verstorbenen Magdalena R., welche im Bette lag, einige Blutunter¬ 
laufungen und Hautaufschürfungen, weshalb er die Ansicht aussprach, 
dass es sich um eine gewaltsame Todesart handeln dürfte. 

In Folge der von ihm erstatteten Anzeige und des Gerüchtes, 
dass die Verstorbene von ihrem Sohne erwürgt worden sei, wurde 
die Obduction angeordnet und am 20. November vorgenomraen. Bei 
derselben fand man: 


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Dr. Maschka, 


1) Die Haut des oberen rechten Augenlides, der rechten Stirngegend 
und der rechten Wange röthlich blau gefärbt, und nach gemachten Einschnitten 
punktförmige Austritte einer blutigen Flüssigkeit. 

2) Sowohl auf der linken als rechten Halsseite knapp oberhalb der Schlüssel¬ 
beine, sodann unterhalb des Kinnes und dem Kehlkopfe entsprechend war die 
Haut an einzelnen kleinen Stellen schmutzig blau gefärbt, sonst jedoch nicht 
das geringste Zeichen einer Hautaufschürfung oder sonstigen mechanischen Ein¬ 
wirkung bemerkbar. Nach gemachten Einschnitten war ein Blutaustritt in das 
Unterhautzellgewebe nicht nachweisbar, sondern die unterliegenden Weichtheile 
gleichmässig schmutzig roth gefärbt. 

3) ln der oberen Brustbeingegend, sowie an der rechten Brust sah man 
schmutzig blaue Hautstellen, unterhalb welcher gleichfalls punktförmige Blut¬ 
austritte vorkamen. 

4) Am Schulterende des rechten Schlüsselbeines, an der rechten Brust und 
links vom Schwertfortsatze des Brustbeines kleine vertrocknete Hautaufschürfun¬ 
gen ohne Blutaustritt. 

5) In der rechten Bauchgegend die Oberhaut tlieils zu Blasen erhoben, 
theils abgelöst und mit blau gefärbten Stellen durchsetzt, welche eingeschnitten 
gleichfalls punktförmige Blutaustritte wahrnehmen Hessen; ähnliche bläu¬ 
liche Hautstellen kamen auch am rechten Ellenbogengelenk, an der äusseren 
Seite der rechten unteren Extremität, sowie am Rücken und am Gesässe vor. 

Unter der Kopfhaut fand man am Hinterhaupte und dem rechten Seiten¬ 
wandbeine einon kleinen Blutaustritt; die Schädelknochen waren unverletzt, die 
Gefässe der harten Hirnhaut stark mit Blut gefüllt, die inneren Hirnhäute ge¬ 
trübt und verdickt, am Durchschnitte der rechten Hälfte des Gross¬ 
hirnes war ein bedeutendes, kinderfaustgrosses Blutextravasat 
wahrnehmbar, die Substanz des kleinen Gehirns breiig erweicht. — Die untere 
Züngenfläche, sowie die Schleimhaut des Kehlkopfes erscheinen an der rechten 
Seite dunkelroth gefärbt; in der Luftröhre eine schaumige Flüssigkeit; die Hals¬ 
gebilde, Zungenbein, Kehlkopf, Luftröhre nicht verletzt. Die Lungen an den 
Spitzen von Tuberkeln durchsetzt, die Substanz derselben dunkelblau, von 
schaumigem Serum durchlränkt; das Herz normal, die Milz erweicht, nach An¬ 
gabe der Obducenten in einen Detritus verwandelt; die übrigen Unterleibs¬ 
organe normal. 

Die Gerichtsärzte gaben ihr Gutachten dahin ab, „dass zufolge 
der wahrgenommenen Erscheinungen ein Druck auf den Kehlkopf 
und gleichzeitig ein festes Andrücken der ganzen rechten 
Körperhälfte an irgend einen Gegenstand stattgefunden haben 
müsse, welcher Druck hinreichte, den Tod durch Respirationshem¬ 
mung zu bewirken und das Extravasat im Gehirn zu bedingen. Nach¬ 
dem jedoch noch andere pathologische Prozesse vorgefunden wurden, 
nämlich Erweichung des kleinen Gehirns, Detritus der Milz, Tuber¬ 
kulose der Lungen, welche gleichfalls an und für sich den Tod be¬ 
dingen konnten, so lasse cs sich schwer entscheiden, ob der Tod nur 


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Gerichtlich-medicinisclie, casuistische Miltheilungen. 


79 


die Folge der Gewalttätigkeit, oder durch die erwähnten chronischen 
Krankheitsprozesse bedingt gewesen sei, jedenfalls sei aber der Tod 
durch beide Factoren beschleunigt worden.“ — Sie sprachen sich 
ferner dahin aus, „dass ein Selbstmord nicht denkbar sei und dass 
Spuren einer Gegenwehr nicht vorgefunden wurden.“ 

Aus den eingeleiteten Erhebungen ergab es sich, dass Magdalena R. 
mit ihrem Sohne, sowie mit der Schwiegertochter nicht im besten Ein¬ 
verständnisse lebte, dass es zwischen ihnen öfter selbst zu Thätlich- 
keiten gekommen sei, und dass wegen solcher die Schwiegertochter 
im Jahre 1874 zu einer Geldstrafe von 5 Fl. verurtheilt worden war. 

Am 15. November war zufolge der Zeugenaussagen Magdalena R. 
bei ihrer Tochter in D. auf Besuch, am 16. November ging dieselbe 
nach der Aussage zweier Zeugen um 8 Uhr Morgens nach D., um zu 
betteln, und kehrte gegen 10 Uhr Morgens zurück. — An demselben 
Tage um 4 Uhr Nachmittags kam der Sohn Thomas R. zum Gemeinde¬ 
vorsteher und zeigte ihm an, dass seine Mutter gestorben sei. — 
Bei seiner Einvernahme gab der letztere an, dass sowohl er als seine 
Frau schon seit vielen Jahren mit der Mutter nicht in gutem Ein¬ 
verständnisse lebten; vor einem Jahre sei die letztere geisteskrank 
gewesen und durch 12 Wochen im Prager Krankenhause behandelt 
worden; in der letzten Zeit sei sie nicht krank gewesen und fort¬ 
während herumgegangen, meistens um zu betteln. — Derselbe gab 
ferner in Uebereinstimmung mit seiner Frau an, dass die letztere am 
16. November um 10 Uhr Vormittags in die Scheuer gekommen und 
ihm mitgetheilt habe, dass die Mutter schnarche und fest schlafe. 

Gegen 2 Uhr Nachmittags hörten sie ihrer Angabe zufolge in 
der Stube, wo die Mutter lag, einen Schlag, als ob etwas auf don 
Fussboden gefallen wäre, und als sie hineineilten, fanden sie die 
Mutter bereits todt neben dem Bette auf dem Fussboden liegend. — 
Es muss ferner noch bemerkt werden, dass Thomas R., nachdem sich 
das Gerücht verbreitet hatte, er habe seine Mutter getödtet, selbst 
um eine strenge gerichtliche Untersuchung der Angelegenheit ansuchte. 

Die Tochter der Magdalena R. und eine andere Zeugin sahen die 
Leiche der letzteren erst am 2. Tage nach dem Absterben; dieselbe 
lag noch immer im Bette und zwar auf der rechten Seite, 
das Gesicht ruhte auf der rechten Hand. — 

Nachdem das Gutachten, welches nach gepflogenen Erhebungen 
neuerlich von den Obducenten abgefordert wurde, unbestimmt und un¬ 
deutlich war, so wurde die Abgabe eines Obergutachtens angesucht. 


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80 


Dr. Maschka, 


Gutachten. 

Aus dem, leider etwas mangelhaften, Obductionsprotokolle, sowie 
aus den diesbezüglichen Erhebungen geht hervor, dass die den Tod 
der Magdalena ß. veranlassende Ursache in einer Blutaustretung 
in die rechte Grosshirnhemisphäre zu suchen ist, welche aus¬ 
gedehnt war und daher ungezwungen als Todesursache angenommen 
werden kann, und zwar um so mehr, als, wie bewiesen werden soll, 
einerseits kein Anzeichen irgend einer von einem Zweiten ausgeübten 
Gewaltthätigkeit sich nachweisen lässt, andererseits aber die von den 
Obducenten angeführten Krankheitssymptome, wie die Tuberkulose der 
Lungenspitzen, theils nicht die unmittelbare Todesursache abgeben 
können, theils, wie die beschriebene Erweichung des Kleinhirns und 
ein nicht näher definirter, angeblicher Detritus der Milz, gewiss auf 
Leichen- resp. Fäulnisserscheinungen zurückgeführt werden müssen, auf 
welche übrigens auch die Blasenbildung in der Bauchgegend und die 
schmutzig bläuliche Verfärbung der Haut an verschiedenen Stellen des 
Körpers hinweist. 

Bezüglich dieser Apoplexie, welche sich als die unmittelbare Ur¬ 
sache des Todes der Magdalena R. nach objectiver Prüfung des Sections- 
protokolles darstellt, behaupten die Gerichtsärzte, dieselbe sei durch 
Würgen am Halse herbeigeführt worden; indess entspricht diese Be¬ 
hauptung keineswegs den beim Tode durch Erwürgen vorkommenden 
Befunden und zwar um so weniger, als der Tod durch Erwürgen in 
diesem Falle sich keineswegs erweisen lässt. 

Die Obducenten stützen ihre Behauptung zuvörderst namentlich 
auf die im Gesicht, am Halse, der rechten Brust und die äussere 
Fläche der rechtsseitigen Extremitäten wahrgenommene bläulich rothe 
Färbung der Haut und die nach gemachten Einschnitten daselbst 
vorhandenen punktförmigen Austritte einer blutigen Flüssigkeit, so¬ 
wie auch auf die dunkelrothe Färbung der Schleimhaut des Kehl¬ 
kopfes. 

Erwägt man nun genauer diese angeblichen Sugillationen, so 
ergiebt sich: 

1) Der gewiss auffallende Umstand, dass die bläulich rothe Fär¬ 
bung der Hautdecken, sowie jene der Kehlkopfschleirahaut vorzugs¬ 
weise an der rechten Körperhälfte Vorkommen und dass man bei 
gemachten Einschnitten nur punktförmige Austretungen einer bluti¬ 
gen Flüssigkeit, aber kein wirkliches Blutextravasat vorfand. — Da 


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Gerichtlich-medicinische, casuistische Mittheilungen. 


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non an diesen Stellen alle Zeichen einer Gewalttätigkeit (Wunden, 
Fingereindrücke etc.) gänzlich fehlten, — da das geschilderte Bild 
dieser Hautentfarbungen vollkommen jenem entspricht, welches bei 
Leichenhypostasen (Todtenflecken) vorkommt, — da ferner zufolge 
der Zeugenaussagen die Leiche der R. durch längere Zeit im Bette 
auf der rechten Körperhälfte gelegen war und sich somit die 
postmortalen Blutsenkungen gerade an diesen Stellen am leichtesten 
entwickeln konnten, so lässt es sich mit Bestimmtheit annehmen, 
dass diese erwähnte auffallende Färbung der Haut an der 
rechten Körperhälfte nur eine Leichenerscheinung war und 
mit dem Tode in gar keinem Zusammenhänge steht. 

2) Was die stellenweise schmutzig blaue Färbung der Haut 
am Halse anbelangt, so muss erwähnt werden, dass ausser derselben 
weder eine Hautaufschürfung, noch trockene bräunliche Flecken, noch 
sonst eines jener Zeichen vorkam, wie solche beim Erwürgen durch 
Druck mit den Fingern oder beim Erdrosseln durch Zusammenziehen 
eines strangulirenden Werkzeuges gewöhnlich vorgefunden werden. — 
Nachdem ferner auch unter der Haut weder eine Blutaustretung, noch 
eine Verletzung der Halsgebilde vorgefunden und nur eine gleich- 
mässige, schmutzig rothe Färbung wahrgenommen und auch sonst am 
ganzen Körper kein Zeichen einer geleisteten Gegenwehr bemerkt 
wurde, so lässt es sich mit vollem Grunde annehmen, dass ein 
Erwürgen oder Erdrosseln der Magdalena R. nicht statt¬ 
gefunden hat und dass die erwähnte bläuliche Färbung nur durch 
die Fäulniss bedingt war, und zwar um so mehr, als die Blasen¬ 
bildung am Unterleibe, die Erweichung des kleinen Gehirns und der 
Milz auf ein Vorgeschrittensein derselben hindeuten, und die Röthung 
der Kehlkopfschleimhaut nur auf die rechte Seite beschränkt war und 
nach den früher angedeuteten Umständen ebenfalls nur als eine Leichen¬ 
hypostase aufgefasst werden kann. 

3) Die Blutunterlaufungen unter den Schädeldecken wa¬ 
ren geringfügig, mit keiner Verletzung der Schädeldecken verbunden, 
somit zu unbedeutend, als dass sie als die Folge einer absichtlich 
ausgeübten Gewalttätigkeit und als die Ursache des Blutaustrittes 
im Gehirn betrachtet werden könnten, und es könnten dieselben ganz 
wol entstanden sein, als Magdalena R. nach bereits vorhandenem 
apoplectischem Anfalle in den letzten Lebensmomenten zufällig aus 
dem Bette stürzte. 

Vierteljahrsschr. f. gcr. Med. N. F XXXVIII. /• 


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Dr. Maschka. 


Nach Erwägung aller dieser Umstände lässt es sich mit vollem 
Grunde annehmen, dass der Tod der Magdalena R. auf natür¬ 
liche Art und Weise, unbeeinflusst durch irgend eine Gewalt¬ 
tätigkeit, durch einen wahrscheinlich durch Erkrankung der Blut¬ 
gefässe bedingten Blutaustritt in die rechte Grosshirnhälfte erfolgte. 


7. 

Gerichtsärztliche Fälle. 

Mitgetheilt vom 

Kreisphysikus Dr. Fielitz in Querfurt. 


L Fahrlässige Tödtung eines Kindes durch Verwechslung von 
Morphium mit Calomel. 

Das in der Strafsache wider den Apothekergehülfen 0. S. zu M. 
unter dem 25. h. erforderte motivirte Gutachten beehre ich mich 
unter Beifügung der übersandten Acten hiermit zu erstatten. 

Geschichtserzählung. 

Das am 3. November 1878 geborene Kind des Arbeiters K. zu Z., 
Wilhelmine Emma, erkrankte am 2. April und wurde am 4. ej. der 
Behandlung des Arztes Herrn Dr. Sch. in M. übergeben, welcher eine 
Luftröhrenentzündung annahm und am Nachmittag desselben Tages 
4 Caloroelpulver verschrieb und zwar nach der Formel Calom. 0,1 
Sach. alb. 1,0 auf jedes Pulver mit der Weisung, am Abend ein 
halbes und andern Tages drei halbe Pulver zu geben. Sofort nach 
dem Einnehmen des halben Pulvers verschlimmerte sich der Zustand 
des Kindes bedenklich. Während vorher nur kurzer Athem und ein¬ 
zelne Zuckungen aufgefallen waren, fand jetzt der alsbald (V 4 10 Uhr) 
herbeigeholte Arzt das Kind auf den Armen der Mutter „mit bleichem 
Gesicht, vollständig geschlossenen Augen, offenbar schwer krank. Die 
Pupillen waren ziemlich klein, die Lippen zuckten convulsivisch und 
waren blassbläulich, aus dem Munde quollen einzelne Speichelbläs¬ 
chen. Der Athem war unregelmässig und röchelnd, der Puls sehr 
klein und aussetzend. Das Kind reagirte auf kein Zurufen, war un¬ 
empfindlich gegen stärkere Reize, überhaupt soporös im höchsten 
Grade. Die Mutter erzählte, dieser Zustand sei ungefähr V*9 Uhr 
eingetreten, nachdem sie dem Kinde um 8 Uhr ein halbes Pulver ein- 


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Dr. Fielitz. 


83 


gegeben habe.“ Der Arzt dachte bei dieser Sachlage sofort an eine 
Vergiftung durch ein Narcoticura. Er kostete eins der verschriebenen 
Pulver und fand statt des süsslichen Geschmacks einen bittern. Dieser 
Umstand, sowie der, dass auf der Rückseite des betreffenden 
Receptblattes Morphiumtropfen für die Grossmutter des Kindes ver¬ 
schrieben waren (Morph, mur. 0,12 Aq. amygd. 15,0 D. S. 3mal tägl. 
15 Tropfen zu nehmen), brachten den Herrn Dr. Sch. auf die Ver- 
muthung, dass eine Verwechslung des Calorael mit Morphium statt¬ 
gefunden habe. Das Glas mit den Tropfen war noch gar nicht ge¬ 
öffnet worden, also musste die giftige Substanz in den Arzneipulvern 
zu suchen sein. 

Der Arzt stellte nun alle in solchem Falle nur möglichen 
Rettungsversuche an, zuletzt unter Beistand des Apothekenbesitzers 
Herrn H., welcher die Pulver durch den Geschmack auch als Mor¬ 
phiumpulver zu erkennen glaubte. Kurz nach 2 Uhr ist das Kind 
gestorben, nachdem um 1V 2 Uhr die Zeichen der Herzlähmung sich 
einstellten, die Haut kühl und feucht, der Athem immer unregel¬ 
mässiger wurde und der Puls nicht mehr zu fühlen war. 

Auf die geschehene Anzeige wurde der Apothekergehülfe S. ver¬ 
haftet, welcher die Medicamente verabreicht hatte. In der Apotheke 
waren Verreibungen sowohl von Calomel, als von Morphium mit 
Zucker (1:10) vorräthig. Beide hatte der Gehülfe zum Gebrauch 
bereit gestellt, als er mitten in der Arbeit gestört wurde. Auf diese 
Weise ist das unglückliche Versehen erklärt worden. — 

Die von dem Unterzeichneten im Verein mit dem commiss. Kreis¬ 
wundarzt Herrn Dr. H. vorgenommene gerichtliche Obduction ergab 
im Wesentlichen Folgendes (am 7. April c.). 

A. Aeussere Besichtigung. 

1) Die weibliche Kindesleiche ist 82 Ctm. lang. Die Hautfarbe ist im 
Allgemeinen blassgelb, die Bauchdecken, besonders an der linken Seite, grün 
gefärbt. Im Uebrigen finden sich weit ausgedehnte Strecken der äussern Haut 
hellroth gefärbt, welche eingeschnitten sich als Todtenflecken erweisen. Beson¬ 
ders hat der ganze Rücken, ebenso die Hinterfliiche der Beine diese Farbe. — 
2) In den natürlichen OefTnungen des Körpers befinden sich keine fremden Körper. 
Der Mund ist geschlossen, die Zunge ist zwischen den Kiefern eingeklemmt. Der 
After steht weit offen. — 3) Leichenstarre ist nur an den Extremitäten in ge¬ 
ringem Grade vorhanden. — 5) Der Kopf ist von gewöhnlicher Bildung und 
Grösse, mit bis zu 8 Ctm. langen, hellblonden Haaren dicht besetzt, welche sich 
bei leisem Zuge in grossen Büscheln entfernen lassen. — 7) Aus der Nase fliesst 
eine hellbräunliche, schaumige Flüssigkeit aus. 

6 * 


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Dr. Fielitz, 


B. Innere Besichtigung. 

I. Eröffnung der Bauchhöhle. 12) Bei der vorschriftsmässigen Er¬ 
öffnung der Bauchhöhle wird ein säuerlicher Geruch wahrgenommen. — 18) Die 
Milz ist röthlichblau gefärbt, fühlt sich weich an. Ihre Grösse beträgt 9, 5 und 
2 Ctm. Die Kapsel ist nicht verdickt, auf Durchschnitten kann man das blasse 
Gewebe deutlich unterscheiden. — 19) Die linke Niere ist 9 Ctm. lang, 4 , / 2 
breit, 3 hoch. Ihre Fettgewebskapsel ist dünn. Die Niere fühlt sich derb an. 
Die Kapsel ist leicht abziehbar. Die Farbe ist äusserlich sowohl, wie auf Durch¬ 
schnitten röthlichbraun. Die Mark- und Rindensubstanz hebt sich deutlich von 
einander ab. Die Nierenkelche sind blassröthlich. — 20) Die rechte Niere ver¬ 
hält sich wie die linke, ist nur auf ihrem Durchschnitte noch etwas blasser. 

21) Die Harnblase überragt um 3 Ctm. die Symphyse. Ihre äussere Haut 
ist blassgelblich, ebenso die innere. Sie ist mit ca. 60 Grm. eines trüben, gelb¬ 
lichen, sauer reagirenden Urins gefüllt. Der letztere wird in einem reinen Gefäss 
aufgefangen, welches verschlossen und mit A bezeichnet wird. 

25) Der Magen ist zusammengefallen, seine äussere Oberfläche grünlich¬ 
gelb gefärbt. Er enthält ca. 3 Grm. einer trüben, chocoladenfarbenen, sauer 
reagirenden und nach Moschus riechenden Flüssigkeit. Dieselbe wird in ein 
reines Gefäss geschüttet. Der innern Magenwand haftet zäher, gelblicher, durch¬ 
sichtiger Schleim an, welcher sich leicht entfernen lässt. 

26) Die Schleimhaut des Magens ist bläulichgrün gefärbt und sehr weich. 
Die feinsten Gefässe der innern Magenwand lassen sich, besonders an der klei¬ 
nen Krümmung, deutlich erkennen. Ein freier Blutaustritt auf oder in das Ge¬ 
webe lässt sich durch Einschnitte nicht nachweisen. Der Magen wird nunmehr 
in dasselbe Gefäss gelegt, in welchem sich der Mageninhalt befindet; dieses 
Gefäss wird verschlossen und versiegelt und mit B. bezeichnet. 

28) Die Leber ist 19 Ctm. breit, 11 Ctm. dick, der grosse Lappen 13, 
der kleine 11 Ctm. hoch. Sie ist äusserlich glänzend, von blaurother Farbe und 
fühlt sich derb an. Bei Einschnitten tritt reichliches, dünnflüssiges, kirschrothes 
Blut aus den Gefässen aus. Das Gewebe des Organs ist röthlichblau. Beim 
Darüberstreichen mit dem Messer zeigt letzteres fettigen Beschlag. 

33) Die grossen Gefässe des Unterleibes sind ziemlich prall mit dünnflüssi¬ 
gem, kirschrothem Blute gefüllt. 

II. Eröffnung der Kopfhöhle. 36) Der Längsblutleiter ist mit dunkel- 
rothem, flüssigem Blute massig gefüllt. — 37) Die innere Oberfläche der harten 
Hirnhaut erscheint gelblich weiss, feucht glänzend. Die äussere Oberfläche der 
weichen Hirnhaut lässt die feinsten Verzweigungen der Blutgefässe erkennen. 
Die Venen sind strangartig und mit dunklem, flüssigem Blute gefüllt. — 38) Im 
Schädelgrunde ist kein fremder Inhalt vorhanden. Die harte Hirnhaut daselbst 
verhält sich wie die des Schädeldaches. Die Querblutleiter sind mit dunklem, 
theerartigem Blute prall gefüllt. — 39) Die weiche Hirnhaut der Grundfläche 
verhält sich in ihrem Aussehen, auch bezüglich der Füllung der Arterien und 
Venen, wie die der Oberfläche. Sie zerreisst ebenso wie an der Oberfläche leicht 
beim Abziehen. Die Basalarterien sind leer. — 40) An der Gehirnoberfläche 
entstehen beim Abziehen der weichen Hirnhaut Substanzverluste. Die sämmt- 
lichen Hirnkammern sind leer. — 41) Bei Durchschnitten sowohl der Gebirn- 


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Gerichtsärzliche Fälle. 


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halbkugeln wie der grossen Ganglien zeigt sich nirgends ein Blutaustritt. Es 
treten sehr spärliche Blutpunkte auf den Durchschnittsflächen aus. Die Rinden¬ 
substanz ist blassgrau, die Marksubstanz weiss. 

III. Eröffnung der Brusthöhle. 45) Der Herzbeutel ist äusserlich 
glänzend, bläulich weiss. Er enthält ungefähr einen halben Esslöffel einer trüben, 
gelblichen Flüssigkeit. — 46) Das Herz fühlt sich weich an. Seine Grösse ent¬ 
spricht ungefähr der der kindlichen Faust. Die Kranzvenen sind stark gefüllt. — 
47) Die rechte Herzkammer ist mit dunkelkirschrothem, flüssigem Blute massig 
gefüllt, ebenso der rechte Vorhof. Die linke Herzkammer enthält nur Spuren 
ähnlichen Blutes. Die Vorkammer-Kammermündungen sind für eine Fingerspitze 
durchgängig. — 49) Die grossen Venen des Halses enthalten ziemlich viel 
dunkles, theerartiges Blut. Die Halsschlagadern sind leer. 

Das Herz wird in ein reines Gefäss gelegt, letzteres zugebunden und mit 
C bezeichnet. 

50) Die linke Lunge ist 11 Ctm. lang, 8 Ctm. breit und 3 Ctm. dick. 
Ihre äussere Oberfläche ist bläulich roth; sie fühlt sich schwammig an. Bei 
Durchschnitten tritt wenig schaumiges Blut aus. In den gröberen Verzweigungen 
der Luftröhre findet sich eine geringe Menge gelblich röthlicher, schleimiger 
Flüssigkeit. Die Schleimhaut der Luftröhrenäste ist überall bläulich weiss, 
nirgends ein Blutaustritt erkennbar. — 51) Das Lungengewebe ist überall 
lufthaltig. Die Bronchialdrüsen sind nicht geschwollen. — 52) Die rechte 
Lunge verhält sich in jeder Beziehung wie die linke. — 53) Das Rippenfell ist 
überall weisslich glänzend, zeigt keine Ekchymosen. — 54) Der Kehlkopf ist 
leer, seine Schleimhaut blass. — 55) Die Zunge ist blassroth, die Mandeln nicht 
vergrössert. Die Innenfläche der Speiseröhre ist blass, ohne Inhalt. 

Die Speiseröhre wird nachträglich noch in das mit B bezeichnete Gefäss 
aufgenommen. 

56) Die Luftröhre ist leer. Ihre Schleimhaut ist weich und zeigt eine ver¬ 
schwommene Röthe. 


Das vorläufige Gutachten lautete nach Schluss der Obduction: 
„Aus dem Leichenbefunde vermögen wir die Todesursache nicht 
festzustellen. Wir behalten uns ein motivirtes Gutachten vor, 
sobald die ausführliche Krankengeschichte und das Resultat der 
chemischen Untersuchung vorliegt.“ 

Die letztere wurde demgemäss vorgenommen und ergab, dass in 
jedem der untersuchten Arzneipulver eine Menge salzsauren Morphins 
enthalten, welche ungefähr der doppelten Maximaldosis (0,06) für 
Erwachsene entsprach. In den untersuchten Leichentheilen wurden 
nur in dem Magen und Mageninhalte minimale Spuren von Morphin 
constatirt. 

Gutachten. 

Es ist durch Zeugenaussagen und durch die chemische Unter¬ 
suchung festgestellt, dass dem K.’schen Kinde am 4. April Abends 
ein halbes Arzneipulver eingegeben wurde, welches ca. 3 Centigrm. 


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Dr. Fielitz, 


Morphium enthalten hat. Die sofort beobachteten Erscheinungen ent¬ 
sprachen genau dem Bilde, welches ein kindliches Individuum bei 
einer narkotischen Vergiftung bietet. Massgebend ist vor Allem, dass 
das Kind bis zu seinem 5—6 Stunden nach Einverleibung des Mor¬ 
phiums erfolgten Tode von einem Sachverständigen beobachtet wurde. 
Es ist ferner unzweifelhaft constatirt, dass der Mageninhalt bei der 
Section Morphium enthielt. Wenn dies auch minimale, unwägbare 
Mengen waren, so ist der Befund dennoch entscheidend, zumal nicht 
ausser Acht gelassen werden darf, dass die Bestandtheile der Opiate 
im Allgemeinen denen unserer Nahrungsmittel gleichkommen und in 
Folge dessen schnell und mitunter vollständig resorbirt werden, so 
dass die chemische Untersuchung in der Leiche sehr wol ein negatives 
Resultat geben kann. — Es spricht diese bekannte Thatsache dafür, 
dass auch in dem vorliegenden Falle der grösste Theil des einge¬ 
gebenen Morphiums in die kindlichen Säfte übergegangen war, da das 
Leben durch die Bemühungen des Arztes noch verhältnissmässig lange 
erhalten blieb. 

Unzweifelhaft ist somit ohne Weiteres, dass das K.’sche Kind an 
einer Vergiftung mit Morphium gestorben ist. Denn wenn ohne 
Krankengeschichte und chemische Untersuchung, allein aus dem Ob- 
ductionsbefunde, die Todesursache nicht erhellte, weil letzterer nur 
negative Resultate bot, so sind diese nunmehr gerade von Wichtig¬ 
keit, weil sie die Annahme ausschliessen, das Kind möchte trotz des 
Morphiumgenusses an irgend einer davon unabhängigen Krankheit ge¬ 
storben sein. Die Kleine litt, wie auch Herr Dr. Sch. annahm, an 
einer leichten Luftröhrenentzündung (Obd.-Prot. 50), welche keines¬ 
falls den Tod zur Folge gehabt hat. Die geringe Hyperämie in der 
Kopfhöhle (Obd.-Prot. 36—41) kann auch nicht als selbständige 
Krankheit den letalen Ausgang bedingt haben. Wol aber hat die 
Obduction eine Reihe von Veränderungen ergeben, welche jetzt einen 
entschiedenen Werth beanspruchen können. 

Die Symptome einer Morphiumvergiftung in der Leiche sind wenig 
prägnant und meistens nur — wie in unserm Falle — zu verwerthen, 
wenn sie das Resultat der chemischen Untersuchung stützen sollen, 
während sie selbständig fast bedeutungslos erscheinen müssen. Ver¬ 
minderte Todtenstarre (Obd.-Prot. 3), beschleunigte Verwesung (docu- 
mentirt durch das Lockersitzen der Kopfhaare, Obd.-Prot. 5), dazu die 
überall constatirte flüssige, dunkele, auch theerartige (Obd.-Prot. 38, 49) 
Beschaffenheit des Blutes sind Befunde, wie sie bei einer Vergiftung 


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Gerichtsärztliche Fälle. 


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durch Morphium häufig, resp. gewöhnlich gemacht werden. Im Uebri- 
gen spricht auch der Umstand, dass aus der Obduction nicht einmal 
mit Bestimmtheit zu ersehen, welches eigentlich die direkte Todes¬ 
ursache (Herzlähmung) gewesen sei, entschieden für die Einwirkung 
eines neurotischen Giftes. 

In Erwägung aller dieser Thatsachen, besonders mit Berücksich¬ 
tigung des Krankheitsverlaufes, des Sectionsbefundes in Verbindung 
mit dem Resultat der chemischen Untersuchung gebe ich mein defini¬ 
tives Gutachten dahin ab: 

dass die Wilhelraine Emma K. zu Z. in Folge einer Vergif¬ 
tung mit Morphium verstorben ist. 

Die Richtigkeit dieses Gutachtens versichere ich aratseidlich 
hiermit. 

Querfurt, den 28. April 1881. 

Der Königliche Kreis-Physikus. 

Dr. Fielitz.*) 


2. Hat die Hebamme M. zu L, indem sie selbständig Wendung and 
Extraction eines Zwillingskindes voraahm, instractions-, resp. kunst¬ 
widrig gebandelt? 

Der Königl. Staatsanwaltschaft zu N. beehre ich mich, das unter 
dem 20. h. in der Untersuchungssache gegen die Hebamme M. zu L. 
erforderte Gutachten unter Rücksendung der Acten ergebenst zu er¬ 
statten. 

Geschichtserzählung. 

Am 5. Febr. c. Abends 10 Uhr wurde die Hebamme M. zu der Frau des 
Ortsrichters M. in H. gerufen, um derselben bei der bevorstehenden Entbindung 
Beistand zu leisten, nachdem sie dies bereits neunmal vorher gethan hatte. Am 
6. Febr. früh 3 Uhr traten die Geburtswehen ein, um 6 Uhr ging das Frucht¬ 
wasser ab und um i / i S Uhr wurde ein lebendes Kind geboren. Die Frau M. 
wusste nun, dass noch ein zweites Kind vorhanden war, sie konnte aber die 
Lage nicht erkennen, „weil es zu hoch stand.“ Gegen 10 Uhr früh traten 
wieder die ersten schwachen Wehen ein. Die Hebamme verordnete nun ein 
homöopathisches, Wehen erzeugendes Pulver, welohes nach ihrer Angabe 
aber keinen Erfolg hatte. Etwa V 2 12 Uhr stellten sich stärkere Wehen ein. 
Jetzt konnte die Hebamme bei näherer Untersuchung nicht entscheiden, „ob das 
Kind eine Knie- oder Ellenbogenlage habe.“ So sagt sie wenigstens bei ihrer 


•) Der Angeklagte wurde unter Annahme mildernder Umstände zu 3 Monaten 
Gefängniss verurtheilt. 


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Dr. Fielitz, 


Vernehmung am 6. h. aus. während der Ortsrichter M. am 18. h. bekundet, die 
Hebamme hätte gegen seine Mutter und Schwester geäussert, „das Aermchen 
des Kindes sei immer nach vorn gekommen, sie hätte es immer zurückdrängen 
müssen.“ Nachmittags (am 6. h.) V4I Uhr bemerkte die Hebamme, dass das 
zweite Kind in einer Schulterlage stand. Sie entschied sich zur Wendung und 
führte dieselbe so aus, dass sie „mit der rechten Hand am Kreuzbeine in die 
Höhe ging und das Kind, am Steissbeine anfassend, durch das Becken und die 
Scheide herauszog.“ Dieses Kind war todt. Die Nachgeburt folgte um 2 Uhr. 

Am 9. Febr. traf die Hebamme die Wöchnerin krank an: dieselbe hatte 
Hitze und Durchfall. Der Ehemann liess erst am 10. Febr. früh 7 Uhr einen 
Arzt holen. Dieser, der Herr Dr. H. aus L., erklärte sofort, dass wenig Hoffnung 
vorhanden sei. Nachmittags 3 Uhr kam er wieder und beförderte Reste der 
Nachgeburt und massenhafte Blutgerinnsel aus der Gebärmutter der Frau Orts¬ 
richter M., worauf das Fieber von 41 °C. auf 40° herabging. An demselben 
Abend 11 Uhr ist die Wöchnerin gestorben. 

Gutachten. 


Bei der Begutachtung des Falles werden wir uns an das Lehr¬ 
buch der Hebamme M. zu halten haben. Letztere besitzt nur das 
„Preussische Hebammen-Buch vom Jahre 1850.“ Dasselbe ist nach 
den heutigen Begriffen und Verhältnissen so veraltet, dass es aller¬ 
dings auffallend erscheinen muss, wenn die Hebamme M. von den 
wichtigsten Aenderungen, welche nicht erst das Lehrbuch von 1878, 
sondern schon das von 1866 brachte, keine Ahnung zu haben scheint. 
Denn es darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass in den regel¬ 
mässigen Nachprüfungen der Bezirkshebammen der Kreisphysikus 
gerade auf solche Verhältnisse hinzuweisen pflegt, und dass ausser¬ 
dem nach dem Min.-Erlass vom 20. April 1878 jede Hebamme ver¬ 
pflichtet ist, sich das neue Lehrbuch — event. auf eigene Kosten — 
zu beschaffen. 

Ich glaube demnach, den vorliegenden Fall nach dem im Besitz 
der M. befindlichen Lehrbuche beurtheilen, dabei aber die betreffenden 
Unterschiede gegen die jetzt gültigen Bestimmungen hervorheben zu 
müssen. 

Als am 6. Febr. früh V 4 8 Uhr das erste Kind der Frau Orts¬ 
richter M. geboren war, wusste die Hebamme, dass noch ein zweites 
vorhanden sei. Die Lage konnte sie nicht erkennen, „weil es noch 
zu hoch stand.“ Daraus muss ich folgern, dass die M. nur innerlich 
untersucht hat, während sie weiss, dass bestimmte Anzeichen bei der 
äussern Untersuchung auf eine Querlage hindeuten (§. 377 des Lehr¬ 
buchs von 1850). Auch musste ihr gerade der Umstand, dass sio 
bei der innern Untersuchung keinen vorliegenden Thcil fühlte, die 


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Gerichtsärztliche Fälle. 


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Vermuthang nahe legen, es möchte sich um eine Querlage handeln. 
Jedenfalls aber konnte sie sich nach Eintritt der ersten Wehen, also 
nach 10 Uhr, überzeugen, dass kein Kindestheil vorlag, also eine 
Querlage bestehen musste. Daraus musste sie zweierlei folgern: ein¬ 
mal, dass das zweite Kind nur durch Kunsthülfe geboren werden 
konnte, und zweitens, dass die langsamen Wehen nicht ungünstig, 
sondern im Gegentheil sehr passend für Mutter und Kind waren. Das 
Lehrbuch der M. sagt im §.378: „hier (bei Querlagen) giebt es keine 
andere Hülfe, als Kunsthülfe.“ Und ferner: „Auch hier ist es wieder 
eine sehr wohlthätige Einrichtung der Natur, dass die Wehen nur von 
langsamer Wirkung sind.“ 

Wenn nun auch angenommen werden könnte, die Hebamme hätte 
um 10 Uhr noch gar nicht geahnt, dass eine Querlage bestände, so 
war es doch ganz verkehrt, irgend ein Wehen beschleunigendes Mittel 
anzuwenden. Und wollte die Hebamme das thun, so wusste sie, dass 
nach §. 571 ihres Lehrbuchs nur Zimmettropfen gestattet waren. Statt 
dessen verordnet sie ein homöopathisches Mittel und macht sich somit 
einer Ueberschreitung ihrer Befugniss schuldig. Dabei ist es ganz 
gleichgültig, ob das Mittel gewirkt hat oder nicht. Auch lässt sich 
das nicht entscheiden, zumal ja die Wehen später stärker waren. 

Etwa '/ 2 12 Uhr konnte die Hebamme noch nicht entscheiden, 
„ob das zweite Kind eine Knie- oder Ellenbogenlage habe.“ Sie 
wusste aber nun wenigstens, dass die bestehende Lage eine regel¬ 
widrige war und dass bei vorliegendem Ellenbogen mit dem Blasen¬ 
sprung, der jedenfalls um y 2 12 Uhr noch nicht erfolgt war, eine Hand 
vorfallen könnte, ein Umstand, der für Mutter und Kind sehr gefähr¬ 
lich sein kann. Jetzt durfte die M. nicht warten, bis sie ihrer Sache 
sicher war, sondern musste einen Arzt verlangen nach dem in ihrem 
Lehrbuche §. 355 ausgesprochenen Grundsätze: „Wie überall bei ob¬ 
waltendem Zweifel, muss die Hebamme auch hier, zumal wenn sie 
Bedenken trägt, ob sie einen Geburtshelfer fordern soll oder nicht, 
einstweilen, bis zur Lösung des Zweifels, stets das schlimmste und 
nie das beste Verhältniss annehraen; ein Grundsatz, der hier ein- für 
allemal bemerkt wird. Ein überflüssiger Geburtshelfer ist nie ein so 
grosses Uebel, als ein zur rechten Zeit versäumter.“ Und §. 443 Abs. 2 
sagt: „Landhebammen haben doppelt Ursache, die Lage des Kindes 
bereits in dem zweiten Geburtszeitraume zu erforschen, und entdecken 
sie durch die erschlafften Eihäute, dass der Geburtshelfer nöthig ist, 
so haben sie denselben sofort zufen zu lassen.“ 


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Dr. Fielitz, 


Ausserordentlich wichtig zur ferneren Beurtheilurig der Sachlage 
wäre es, zu wissen, wann und wie die Blase gesprungen ist. Jeden¬ 
falls war sie nicht mehr unversehrt, als die M. um l / 4 1 Uhr eine 
Schulterlage diagnosticirte. Sie bestreitet den Vorfall eines Armes, 
während sie desselben gegen Zeugen ausdrücklich Erwähnung thut. 
Sie behauptet nun, gar keine Veranlassung, geschweige denn eine 
Pflicht zur Herbeiholung eines Arztes gehabt zu haben, und fügt 
hinzu, dass ein Arzt nicht rechtzeitig zu bekommen gewesen sei. Das 
letztere muss ohne Weiteres für nicht stichhaltig erklärt werden, denn 
bei der geringen Entfernung des Ortes von L. (% Stunde), dem Wohn¬ 
sitz zweier Aerzte, brauchten bis zur Ankunft eines solchen nicht 
mehrere Stunden zu vergehen. 

Was nun die Frage anlangt, ob unter den % 1 Uhr eingetretenen 
Umständen die M. zur Vornahme der Wendung befugt war, so diffe- 
riren die verschiedenen Lehrbücher sehr erheblich. Am deutlichsten 
spricht sich das neueste Lehrbuch (1878) aus, indem es sagt (§. 297): 
»Die Hebamme darf nur ausnahmsweise wenden 1) bei Mehrgebärenden 
mit weitem Becken, wenn beim Blasensprung der Muttermund völlig 
erweitert und ärztliche Hülfe voraussichtlich nicht unter zwei 
Stunden zu erlangen ist.“ — Das Lehrbuch von 1866 bestimmt 
§. 462B: »Die Hebamme darf nur wenden: 1) bei Mehrgebärenden 
mit weitem Becken; 2) wenn unter solchen Verhältnissen ein Arzt 
nicht zu haben und das Wasser noch nicht lange abgeflossen ist.“ 
Und §. 463: „Trotzdem muss zu jeder Wendung der Arzt gerufen 
werden.“ — Am undeutlichsten sind die Bestimmungen im Lehrbuche 
der M. von 1850. §. 383 sagt: „Die Frage, ob die Kunsthülfe besser 
durch die Hebamme oder durch den Geburtshelfer geleistet werde, 
muss man nach §. 381 und 382 entscheiden.“ §. 381 besagt nun, 
dass nur bei vorhandener Blutung die Geburt des zweiten Kindes 
beschleunigt werden darf, warnt vor künstlicher Erregung von 
Wehen und vorzeitigem Blasensprung, und resumirt am Schluss: „Ist 
daher Blutung vorhanden, so ist es höchst wünschenswert, dass die 
Geburt beschleunigt werde.“ Im §. 382 Abs. 5 heisst es: „Legt 
sich das Kind mit jedem andern Theile (ausser Kopf, Fuss, Steiss), 
z. B. der Schulter etc. auf den Beckeneingang, so ist die Wendung 
auf die Füsse immer wenigstens einfach nöthig (als Lageverbesse¬ 
rungsmittel), zuweilen auch doppelt nöthig (als Geburtsbeschleuni¬ 
gungsmittel), wenn zugleich Blutung vorhanden ist.“ Dazu setzt § 383 
noch: „Die Kunsthülfe bei einem zweiten Zwillingskinde ist viel leichter, 


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Gerichtsärztliche Fälle. 


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als bei einem einfachen Kinde, und nirgendwo hat man weniger Ur¬ 
sache, die Hindernisse zu befürchten, welche sonst die Vollendung der 
Fussgeburt durch die Hebamme unzulässig machen, als bei einem Kinde, 
dem bereits ein anderes soeben vorhergegangen ist. Wäre daher der 
Geburtshelfer nicht sehr nahe oder sehr bald zu erlangen, so ist 
es keine Frage, dass dieses ganz und gar ein Fall für die Hebamme 
ist.“ — Diese Bestimmungen sind so wenig präcis, dass im vorlie¬ 
genden Falle die Hebamme sich wol für berechtigt halten konnte, 
zur Wendung zu schreiten, wenn sie, wie ich nicht annehmen 
kann, erst '/ 4 1 Uhr die Querlage erkannt hatte. Denn die Wendung 
war „einfach nöthig“ — als Lage verbesserungsmittel —, und darüber, 
ob der Arzt „sehr bald“ zu erlangen war, kann man sehr verschie¬ 
dener Ansicht sein, weil eben der Begriff „sehr bald“ ein unbestimmter 
ist. Mehr Anhalt hätte der M. Abs. 2 in §. 441 geben können, wo 
es heisst: „Die Hebamme hat Ursache, die Wendung zu unterlassen, 
wenn a) ein Geburtshelfer in der Nähe, oder wenn b) aus dem Zeit¬ 
verluste keine Gefahr zu besorgen ist.“ Letzteres war hier nicht 
der Fall. 

Jedenfalls hat die M. gewusst, dass sie vor der Entbindung ver¬ 
pflichtet war, nach einem Arzte zu senden, denn sie sagt selbst zu 
Zeugen: „diesmal ging es schlecht, wir hätten eigentlich einen Doctor 
haben müssen.“ — 

Das zweite Kind kam todt zur Welt, nach Ansicht der Heb¬ 
amme M., „weil sich die Nachgeburt vorzeitig gelöst hatte.“ Dafür 
liegt aber kein Beweis vor, im Gegentheil lässt sich behaupten, dass 
sich die Nachgeburt nicht vorzeitig gelöst hat, weil sonst eine Blutung 
eingetreten wäre. Und hätte diese stattgefunden, so würde die M. sie 
anführen, schon um den triftigsten Grund zum eigenmächtigen Handeln 
Vorbringen zu können. Ich nehme vielmehr an, dass das Kind bei 
dem Herausbefördern aus den Geburtstheilen abgestorben ist. Es lebte 
noch kurz vorher, und sehr häufig folgt auch das zweite Kind bei einer 
Mehrgebärenden mit weitem Becken nicht schnell genug mit dem Kopfe, 
besonders wenn der betreffende Operateur nicht Ueberlegung und Ge¬ 
schick genug besitzt, um denselben im günstigsten Durchmesser durch 
das Becken zu leiten. 

Nach dem Lehrbuche der M. hätte dieselbe, wenn sie wenden 
musste, so Vorgehen sollen: Zunächst musste sie die nöthigen Vor¬ 
kehrungen zur Wendung treffen (§. 446 ihres Lehrbuches), vor Allem 
für Entleerung der Urinblase und des Mastdarmes, sowie für Her- 


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Dr. Fielitz, 


Stellung eines ordentlichen Wendungslagers sorgen; auch war sie aus¬ 
drücklich verpflichtet, die Angehörigen vorher auf die Gefahr für das 
Kind aufmerksam zu machen. Dann musste ein oder besser beide 
Füsse des Kindes aufgesucht, herabgezogen und event. angeschlungen 
werden. Sowie das geschehen war, musste die M. mit weiteren Mani¬ 
pulationen einhalten, insbesondere war sie nach §. 455 ihres Lehr¬ 
buches verpflichtet, die fernere Entwicklung des Kindes durch die 
Wehenkraft abzuwarten, da die Wendung nur einfach nöthig war als 
Lageverbesserungsmittel. Ein Grund, die Geburt zu beschleunigen, 
lag durchaus nicht vor, soviel aus den Acten ersichtlich ist. 

Die Hebamme M. hat sich aber ganz anders verhalten. Sie ist 
zur Wendung geschritten, ohne den betreffenden Ehemann auf die 
Gefahren aufmerksam zu machen, ja ohne nur dafür zu sorgen, dass 
sie noch eine Person zu etwa nöthigen Hülfsleistungen bei sich hatte. 
Von Vorbereitungen ist nicht die Rede in ihrer Aussage und die Aus¬ 
führung der Operation selbst ist eine kunstwidrige. „Sie fasste das 
Kind am Steissbeinc und zog es durch das Becken und die Mutter¬ 
scheide heraus.“ Damit will sie wol sagen, dass sie in eine oder 
beide Schenkel beugen gefasst, also die Wendung auf den Steiss und 
nicht auf die Füsse gemacht hat. Dann hätte sie doppelte Ursache 
gehabt, die weitere Entwicklung abzuwarten, weil ihr bekannt sein 
musste, dass eine Extraction am Steiss häufig sehr schwierig werden 
kann, und ihr Lehrbuch ausdrücklich vorschreibt, dass auf einen oder 
beide Füsse gewendet werden muss. — 

Demnach gebe ich mein Gutachten dahin ab: 

1) Die Hebamme M. hat instructionswidrig gehandelt, 

a) indem sie der Frau Ortsrichter M. am 6. Febr. c. ein inneres 
Mittel verordnete, welches ihr nicht gestattet war; 

b) indem sie unterliess, um V 2 12 Uhr, nachdem sie eine regel¬ 
widrige Kindeslage annehmen musste, welche nur durch Kunst¬ 
hülfe zu corrigiren war, die Herbeiholung eines Geburtshelfers 
zu verlangen; 

c) endlich indem sie auf die Wendung des Kindes auch noch 
die Extraction desselben folgen liess. 

2) Sie hat kunstwidrig gehandelt, 

a) indem sie ein Wehen erzeugendes Mittel verordnete, wo das¬ 
selbe durchaus nicht angewendet werden durfte; 

b) indem sie die Wendung auf den Steiss statt auf einen oder 
beide Füsse vornahm. 


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Gerichtsärztliche Fälle. 


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Schliesslich bemerke ich noch ausdrücklich, dass das zweite Kind 
höchst wahrscheinlich während der Wendung gestorben ist. 

Der Frage, ob das Versehen der Hebamme M. die Krankheit, 
resp. den Tod der Frau Ortsrichter M. zur Folge gehabt hat, glaube 
ich nicht näher treten zu müssen. Denn einmal bin ich dazu von der 
Königl. Staatsanwaltschaft nicht aufgefordert, und zweitens sind die 
Zeugenaussagen höchst mangelhaft, so dass ich ergebenst anheim stelle, 
mich zu einem event. weiteren Verhöre der Hebamme M. sowohl, wie 
der Zeugen vorzuladen. 

Die Richtigkeit meines Gutachtens versichere ich amtseidlich. 

Querfurt, den 31. März 1880. 

Der Königliche Kreis-Physikus. 

Dr. Fiel Uz.*) 


8 . 

Der §. 224 des 0. St.-G.-B. vom gerichtsarztlichen 

Standpunkte. 

Von 

Dr. Wilhelm Hauser. 


Unter den zahlreichen Rechtsfällen, deren Schlichtung die Mitwirkung des 
Gerichtsarztes als Sachverständigen erfordert, bilden die Körperverletzungen 
weitaus die ganz eminente Mehrzahl. Nicht nur die alljährliche Erfahrung jedes 
vielbeschäftigten Gerichtsarztes wird dieses bestätigen können, sondern auch 
statistische Belege zeigen in überzeugender Weise dasselbe: Von 6289 in 
Oesterreich im Jahre 1876 wegen der verschiedensten Verbrechen erfolgten 
Verurtheilungen waren nach Hofmann (Lehrb. d. ger. Med. 2. Aufl. p. 4) 
4792 wegen * schwerer körperlicher Beschädigung“ ergangen, ein Zahlenver- 
hältniss, das sich nach derselben Quelle in allen übrigen Jahren praeter propter 
gleich bleibt. 

Fassen wir die Aufgabe des Gerichtsarztes in dieser seine Thätigkeit so 
vielfach beanspruchenden Geschäftssphäre nach demselben Autor (1. c. p. 255) 
kurz dahin zusammen, dass wir sagen, der Gerichtsarzt hat bei allen Körper¬ 
verletzungen, die ihm zur Begutachtung vorgelegt werden, 

1) das Werkzeug zu bestimmen, mit welchem die betreffende Verletzung bei¬ 
gebracht wurde, und 

2) die gesetzte Verletzung im Sinne des Strafgesetzes, resp. der Strafprozess¬ 
ordnung zu qualificiren, 


*) Die Hebamme M. wurde nicht unter Anklage gestellt. 


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Dr. W. Hauser. 


so wird uns hier vor Allem noch der weitere Satz verständlich, dass die gericht¬ 
liche Medicin nicht einfach „angewandte Medicin“ ist, dass für den Gerichtsarzt 
allgemein medicinische Bildung nicht genügt, dass ihm vielmehr ausser der An¬ 
wendung seiner allgemein medicinischen Kenntnisse in foro noch das volle Ver- 
ständniss des Zweckes obliegt, zu welchem er dieselben verwenden soll; mit 
andern Worten: Kenntniss des Strafgesetzes und der Strafprozessordnung sind 
wesentliche Erfordernisse der gerichtsärztlichen Ausbildung, weil in ihnen ge- 
wissermassen die bestimmtesten Anhaltspunkte enthalten sind, nach welchen der 
medicinisch-technische Sachverständige in seinem Gutachten dem Richter eine 
überzeugende klinische Darstellung (Friedberg) des Falles zu geben hat. 

Diese, das eigentliche medicinische Gebiet in so breitem Umfang tangirenden 
Anhaltspunkte dürften indessen sicherlich nur dann sowohl für den Richter, als 
namentlich auch für den Gerichtsarzt als verwerthbar erscheinen, wenn dieselben 
inhaltlich und formell den allgemeinen medicinischen Anschauungen conform 
sind, und jedenfalls darf und muss der Gerichtsarzt verlangen, dass die vom 
Gesetzgeber einmal gegebenen und angenommenen Normen seinem allgemein 
ärztlichen Wissen nicht widersprechen, dass sie vielmehr in möglichst klarer und 
unzweideutiger Weise eine bestimmte Antwort auf die richterliche Fragestellung 
zulassen, sollen dieselben nicht, wie es leider noch bis heute zu oft vorgekom¬ 
men sein mag, zu den verschiedensten Widersprüchen, Meinungen und Auf¬ 
fassungen nicht nur von Seiten der Richter, sondern auch der einzelnen Sach¬ 
verständigen unter sich, und gewiss weder zur Hebung des Ansehens der Gerichts¬ 
ärzte, noch auch zur Förderung der Sache der Rechtsprechung an sich, führen. 

Aus diesem Grunde dürfte es wol als angezeigt erscheinen, vom gerichts¬ 
ärztlichen Standpunkte aus auf Fehler und Mängel jener Gesetzesparagraphen 
aufmerksam zu machen, deren Interpretation so vielfache, ja wol die meisten 
Schwierigkeiten dem medicinischen Sachverständigen in foro bereiten, jener 
Paragraphen, die von der Unterscheidung und Würdigung der verschiedenen 
Arten von Körperverletzungen handeln. 

Unter diesen aber ist der am meisten umstrittene, wenn auch im Vergleich 
zur frühem Strafgesetzgebung durch Kürze und Bündigkeit sich immerhin aus- 
zeichnende Paragraph jener, der die sogenannten schweren, nicht tödtlichen 
Körperverletzungen aufzählt; der bekannte §. 224, und eine kurze Kritik des¬ 
selben vom gerichtsärztlichen Standpunkte aus dürfte um so augezeigter erschei¬ 
nen, als sich wol erwarten lässt, dass die Herren Fachgenossen durch sie Ge¬ 
legenheit erhalten, ihre gewiss reichen Erfahrungen, sowie ihre wahrscheinlich 
nicht immer übereinstimmenden Ansichten über die praktische Brauchbarkeit 
dieses den Gerichtsarzt so vielfach beschäftigenden Paragraphen des D. St.-G.-B. 
mitzutheilen. — 

Es ist gewiss nicht zu verkennen, dass die vom neuen deutschen Strafgesetz 
angenommene Unterscheidung und Eintheilung der Körperverletzungen einen 
eminenten Vorzug vor den frühem, dieselbe Sache betreffenden Gesetzespara¬ 
graphen darin besitzt, dass sie die alte Eintheilung in „leichte, erhebliche und 
schwere“, oder nach ähnlichen unterscheidenden Benennungen, fallen liess, und 
an Stelle der jeglicher subjectiven Auffassung freien Spielraum gewährenden 
Bestimmungen einfach alle jene Verletzungen in ihrem §. 224 namentlich auf- 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 95 


führt, welche sie als schwere im Gegensatz zu allen übrigen entweder leichten 
oder tödtlichen aufgefasst wissen will. 

Der Vortheil dieses gesetzgeberischen Verfahrens liegt viel zu sehr auf der 
Hand, als dass es zu dessen detaillirten Schilderung weiterer Worte bedürfte; 
wenn wir aber dennoch auch in der neuen Fassung dieses die sogenannten 
schweren Körperverletzungen aufzählenden Paragraphen das Ideal gesetzgebe¬ 
rischer Leistung nicht zu erblicken vermögen, so geschieht dieses, abgesehen 
von dem vom ärztlichen Standpunkte aus nicht zu billigenden Princip, die 
Schwere einer Körperverletzung nur nach deren Folgen zu beurtheilen, abge¬ 
sehen von diesem Princip, aus doppelten Gründen, und zwar: 

1) deshalb, weil die im §. 224 des D. St.-G.-B. aufgeführten schweren 
Folgen von Körperverletzungen offenbar die Zahl der nach ärztlichem Dafürhalten 
sowohl, als auch nach gerichtsärztlioher Erfahrung unter diesen Paragraphen noch 
zu subsumirenden schweren Folgen von Körperverletzungen nicht erreicht, und 

2) weil die in §. 224 aufgezählten Kategorien von Folgen schwerer Körper¬ 
verletzungen durch ihre meist zu knappe, unbestimmte Form des Ausdrucks noch 
viel zu viel zu Zweideutigkeiten und Meinungsdifferenzen nicht nur unter den 
Gerichtsärzten, sondern auch unter den Juristen Veranlassung geben. 

Es mag dem Gesetzgeber die alleinige Anwendung des Princips, dass nur 
die aus einer Verletzung resultirenden Folgen für die Gesundheit des Beschädigten 
die Verletzung an sich qualificire. bei Abfassung des §. 224 tauglich erschienen 
sein und zwar aus praktischen Gründen; für den Arzt aber und ebenso in vielen 
Fällen für das allgemeine Rechtsbewusstsein muss die alleinige Anwendung 
dieses Princips mindestens für nicht genügend erscheinen, da die aus der Ver- 
werthung dieses Grundsatzes sich entwickelnde Definition von schwerer Körper¬ 
verletzung der im ärztlichen Bewusstsein haftenden eben durchaus nicht ent¬ 
spricht. 

Niemand kann doch bestreiten, dass der Begriff „schwere Körperverletzung“ 
an und für sich existirt und nicht erst seine Existenzberechtigung durch die von 
hundertfachen Nebenumständen abhängigen und bedingten Folgen erhält. Eine 
Kopfwunde z. B. mit Impression des Schädeldachs, eine penetrirende Bauch¬ 
wunde wird sicherlich jeder Arzt als schwere Verletzung an sich anerkennen, 
gleichviel ob der Verletzte als Folge derselben einen der im §. 224 aufgezählten 
gesundheitlichen Nachtheile davon trägt, oder ob er, vielleicht allein nur Dank 
günstiger Behandlung und Pflege, vollständig geheilt wird. Durch den einen 
oder den andern dieser Ausgänge wird doch die Verletzung an sich weder un¬ 
bedeutender, noch schwerer, aber auch die Grösse des die Verletzung verur¬ 
sachenden Verbrechens wird dadurch, wenigstens nach dem „beschränkten Unter- 
thanenverstand“ der Nichtjuristen, nicht wesentlich alterirt. 

Doch weil es bei näherem Eingehen auf diesen Punkt schwierig sein dürfte, 
die ärztliche und richterliche Beurtheilungscompetenz auch nur annähernd genau 
abzugrenzen, so mag es vielleicht besser sein, wenn wir unsere Kritik hierüber 
nicht weiter fortsetzen, sondern, die Verantwortung für diesen wunden Fleck 
allein dem Gesetzgeber überlassend, uns nur an die beiden angeführten Gründe 
halten, deretwegen hauptsächlich der Gerichtsarzt, sich hier auf unbestrittenerem 
Boden bewegend, den §. 224 für verbesserungsbedürftig halten muss. Derselbe 
lautet bekanntlich: 


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Dr. W. Hauser, 


„Hat die Körperverletzung zur Folge, dass der Verletzte ein wichtiges 
Glied des Körpers, das Sehvermögen auf einem oder beiden Augen, das 
Gehör, die Sprache oder die Zeugungsfähigkeit verliert, oder in erheb¬ 
licher Weise dauernd entstellt wird, oder in Siechthum, Lähmung oder 
Geisteskrankheit verfällt, so etc.“ 

Diese hier aufgezählten Folgen von Körperverletzungen bedingen also allein 
die Qualification derselben zu schweren. 

Nun frage ich, ist nicht vielleicht Jeder, der über eine grössere Reihe von 
Jahren gerichtsärztlicher Praxis verfügt, im Stande, die Rubriken des §. 224 
mit bestem Wissen und Gewissen und durch eigene Erlebnisse zu vermehren? 
Von den von Liman in dessen Lehrbuch der gerichtlichen Medicin zu diesem 
Betreffe angeführten Fällen möchte ich nur beispielsweise auf No. 130 aufmerk¬ 
sam machen, ein Fall, in welchem in Folge eines Kniescheibenbruchs der Ver¬ 
letzte sein Bein weder selbständig mehr strecken, nooh biegen konnte und sich 
mühsam an einem Stock weiterschleppen musste; oder auf Fall 132, wo in 
Folge einer penetrirenden Bauchwunde Anlöthung des Darmrohrs an die Bauch¬ 
wandung und hieraus für den Verletzten die beständige Gefahr resultirte, an 
innerer Incarceration zu Grunde zu gehen; Fälle, die sicherlich leicht vielfach 
vermehrt aufgeführt werden könnten, in denen nach ärztlichen Begriffen gewiss 
schwere Folgen aus der Verletzung hervorgingen, die man aber mit bestem 
Wissen und Willen nicht leicht unter irgend eine der Rubriken des §. 224 zu 
bringen im Stande sein dürfte. 

Es deckt sich also der aus der Fassung dieses Paragraphen hervorgehende 
Begriff der schweren Körperverletzung nicht mit dem im ärztlichen Bewusstsein 
vorhandenen, und es wäre daher eine Revision dieses Paragraphen nach den eben 
entwickelten Motiven sicherlich am Platze. 

Worin im Einzelnen eine solche ergänzende Verbesserung des §. 224 be¬ 
stehen müsste, dieses näher auszuführen dürfte uns indessen zu lange aufhalten, 
und ich will mich daher darauf beschränken, nur auf allgemeine Gesichts¬ 
punkte aufmerksam zu machen, von denen aus eine solche Verbesserung sich 
hauptsächlich empfehlen würde. Während nämlich in §. 224 hauptsächlich die 
üblen Folgen von Verletzugen der Extremitäten und der wichtigsten Sinnes¬ 
organe betont und bervorgehoben sind, fehlen merkwürdigerweise die Folgen 
von Verletzungen des Rumpfes, wenn man nicht etwa die der Geschlechtsorgane 
darunter rechnen will, vollständig, namentlich aber jene, welche wie Hernien, 
Uterusvorfälle, pleuritische Verwachsungen etc. einerseits als Folgen nur leichter 
Körperbeschädigungen sicherlich nicht aufgefasst werden können, andererseits 
aber ebensowenig etwa Siechlhum oder einen unter §. 224 aufgeführten Folge¬ 
zustand enthalten. Was diese und ähnliche Verletzungen hauptsächlich zu nicht 
leichten, sondern schweren macht, ist gemeinschaftlich der Umstand, dass die¬ 
selben den Verletzten entweder unter das Damokles-Schwert stets drohender 
Lebensgefahr stellen oder wenigstens ihn des ungestörten Genusses der Lebens¬ 
freude, vielleicht auch der vollen Möglichkeit des unverkürzten Erwerbs berauben, 
ihm das Leben vergällen etc., Zustände, die unter einem passenden Sammel¬ 
namen zusammenzufassen und gleichwerthig dann mit den Begriffen von Siech¬ 
thum, Lähmung etc. unter §. 224 zu subsumiren doch sicherlich nicht unmöglich, 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 97 


für die Sache der gerichtsärztlichen Thätigkeit aber, sowie für die des allge¬ 
meinen Rechtsbewnsstseins von grossem Belang sein dürfte. 

Als zweiten Grund, warum der Gerichtsarzt die Fassung des §. 224 be¬ 
mängeln müsse, führte ich an, „dass die in diesem Paragraphen aufgeführten 
Folgen schwerer Körperverletzungen durch ihre meist zu knappe, unbestimmte 
Form des Ausdrucks noch zu vielerlei Zweideutigkeiten und Meinungsdifferenzen 
nicht nur unter den sachverständigen Aerzten, sondern auch unter den Juristen 
Veranlassung geben.“ 

Zur Begründung dieses wichtigsten Punktes ist es nöthig, in eine nähere 
Betrachtung der einzelnen Kriterien dieses Paragraphen einzugehen, und be¬ 
ginnen wir daher mit der Kritik des ersten Passus. 

1) des Verlustes eines wichtigen Gliedes des Körpers. 

Verlust bedeutet nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch offenbar soviel 
als gänzliches Abhandenkommen, Verlorengehen der körperlichen Existenz; Ver¬ 
lust eines Gliedes wäre also unbestreitbar beispielsweise der Verlust eines Fusses 
in Folge einer nach einer Verletzung nothwendig gewordenen Amputation. 

Ist aber der durch die Verletzung blos unbrauchbar gewordene Fuss nicht 
etwa auch als verloren zu betrachten? 

Schwarze in seinem Commentar zum D. St.-G.-B. (II. Aufl. p. 500), 
ebenso Oppenhoff (Das Strafges. für d. D. R. IV. Aufl. p. 386) sagen Ja! 
Denn nach ihnen ist Verlust auch da anzunehmen, „wo (Schwarze) ein Glied 
ohne Trennung desselben von dem Körper seiner Thätigkeit völlig beraubt ist.“ 

Der gerade entgegengesetzten Ansicht ist Gejer (Gerichlssaal 1874. 
Hft. 4). So die Juristen. Von unseren bedeutendsten Gerichtsärzten lassen 
Liman, Skrzeczka (Bemerkungen zu §. 224 des D. St.-G.-B. Viertelj. f. ger. 
Med. XVII. 1872. p. 249), Hofmann, Maschka in ihren Lehrbüchern diese 
Frage insofern offen, als sie, ohne sich bestimmt etwa für die Unhaltbarkeit der 
Ansicht Gey er’s auszusprechen, dem Gerichtsarzt für den speciellen Fall den 
Rath geben, dem Richter womöglich plausibel zu machen, dass die Gesundheits¬ 
beschädigung ziemlich gleichbedeutend sei, ob der Verletzte ein unbrauchbar 
gewordenes Glied völlig verloren habe oder noch besitze. Der Schwerpunkt liegt 
also auch nach diesen Autoren einfach in dem Begriff „unbrauchbar werden“. 

So haben wir Controversen und Begriffsunsicherheit schon bei dem ersten 
Wort. — 

Was ist ferner Glied? Sind unter dieser Bezeichnung blos Arme, Beine, 
Hände und Füsse zu verstehen, oder auch die Finger und Zehen, sowie deren 
Phalangen. 

Skrzeczka lässt auch die Finger und Zehen als Glieder gelten, nicht 
aber die Phalangen, weil diese keine Glieder wären, sondern blos Theile der¬ 
selben, während Andere, beispielsweise der Verfasser des neuen österreichischen 
Strafgesetzbuchsentwurfs in §. 236 desselben, sowie Geyer nach seinem Ver¬ 
besserungsvorschlag für diesen Passus (1. c.), die Finger und Zehen nicht als 
Glieder, wenigstens nicht als wichtige betrachtet wissen wollen. 

Also auch über diesen Begriff herrscht keine Einstimmigkeit der Ansicht. 
Noch mehr aber wachsen die Schwierigkeiten bei der Interpretation des Wortes 
„wichtig“. 

Vierteljalirsschr. f. g,-r. Med. N. F. XXXVIII. I. 7 


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Dr. W. Hauser, 


Offenbar der dehnbarste aller Begriffe dieses Passus wird derselbe eine uni 
so verschiedenere Auslegung finden, je verschiedener der Standpunkt sein wird, 
von welchem aus seine Interpretation versucht wird. Dieser aber ist bei Juristen 
und Gerichtsäraten heute ein total verschiedener: Während Schwarze und 
Oppenhof (1. c.) erklären, der Begriff „Wichtig“ sei nach allgemein inedicini- 
schen Ansichten, nicht etwa nach Gewerbe, Stand oder sonstigen persönlichen 
Verhältnissen des Verletzten zu entscheiden, protestiren, und gewiss mit Recht, 
unsere hervorragendsten Gerichtsärzte gegen diesen zu exclusiven Standpunkt 
(Liman, Handb. d. ger. Med. p. 305; Skrzeczka. 1. c. p. 251 etc.). 

In Bezug auf was, möchte ich fragen, kann wol ein Glied des Körpers 
wichtig sein? und die im Allgemeinen wol richtige Antwort wird sein: Entweder 
in Bezug auf das Leben oder in Bezug auf den Genuss des Lebens, d. h. in 
Bezug auf Fortkommen, Erwerb etc. Ein Drittes giebt es wol kaum. 

Nun dürfte wol quoad vitam, um mich klinisch auszudrücken, weder Hand 
noch Fuss, noch Arm noch Bein eine absolute Wichtigkeit beanspruchen, quoad 
functionem aber ist „wichtig“ doch nur ein sehr relativer Begriff. Denn, wollten 
wir auch zur Wahrung des juristischen Standpunktes von der Annahme einer 
sogenannten allgemein-medicinischen Wichtigkeit eines Gliedes, zugeben, dass 
für jeden Menschen oben genannte ^Glieder“ xar iSorfv eine gewisse Wichtig¬ 
keit in gleichem Masse besitzen, so wird man doch auch nicht bestreiten können, 
dass diese sogenannte allgemeine medicinische Wichtigkeit ihre eigentliche wahre 
Bedeutung im einzelnen Falle erst erhält durch die specielle Functionsfähigkeit, 
zu welcher ein solches Glied vor der Verletzung bestimmt und ausgebildet war; 
mit anderen Worten, wir Gerichtsärzto vermögen den engherzigen Standpunkt 
der Juristen nicht zu theilen, sondern müssen erklären, dass der Begriff „wich¬ 
tiges Glied“ erst vom individuell verschiedenen Standpunkte, d. h. nach Stand, 
Beruf etc. beurtheilt, seine wahre und praktisch einzig richtige Bedeutung erhält. 

Für den professionellen Clavier- oder Violinspieler dürfte beispielsweise der 
eine oder andere Finger, für den Akrobaten sogar der Verlust von Fusszehen 
oder deren Theilglieder dieselbe Wichtigkeit besitzen, wie für den Handwerker, 
den Tagelöhner- der Verlust einer Hand, und für den gewöhnlichen Arbeiter 
dürfte hinwiederum es sicherlich nicht minder schwer sein, den Verlust des ein¬ 
zigen Daumens zu ertragen, wie für einen müssig gehenden Rentier den Verlust 
des ganzen Armes. 

Wenn aber so wie hier nicht nur der ganze Wortlaut einer gesetzlichen 
Bestimmung, sondern so zu sagen jedes einzelne Wort derselben zu so verschie¬ 
denen Deutungen und Auffassungen Veranlassung geben kann, so fehlt derselben 
eben die Grundbedingung zur Erreichung der gesetzgeberischen Intention, die, 
möglich präcis und klar zu sein, und es wird uns nicht wundern, dass nicht nur 
wir Gerichtsärate, sondern auch Juristen das Mangelhafte dieser Schöpfung fühlen 
und anerkennen. Ein Beweis hierfür liegt darin, dass schon der oben erwähnte 
Commentator Geyer wirkliche Verbesserungsvorschlngo zu diesem Passus macht, 
und ebenso der neue österreichische Strafgesetzbuchentwurf, der doch im Uebri- 
gen die meisten Bestimmungen des D. St.-G.-B. — oft fast wörtlich — nach¬ 
ahmt. hier einen Theil wenigstens der aus diesem Passus sich ergebenden Schwie¬ 
rigkeiten dadurch zu vermeiden sucht, dass er statt des Ausdrucks „wichtiges 
Glied“ die namentliche Aufzählung derselben enthält. 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 99 


Und in der That dürfte es nicht allzu schwierig sein, etwa nach dem Vor¬ 
schläge Geyer’s eine bessere, bestimmtere Ausdrucksweise für die Bezeichnung 
„Verlust eines wichtigen Gliedes“ zu substituiren; indessen möchte ich erst 
später, bei der Erörterung des ferneren Passus des §. 224 „Verfall in Lähmung“ 
darauf zurückkommen. 

Als zweite Kategorie von Folgen schwerer Körperverletzung führt §.224 
an den 

2) Verlust des Sehvermögens auf einem oder beiden Augen, so¬ 
wie den Verlust des Gehörs. 

So sehr auch die gegenwärtige präcisere Fassung dieses Passus gegenüber 
dem Verschwommenen und Unsichern, das in den Bezeichnungen „Schwächung 
des Gesichts“ und ähnlichen lag, zu begrüssen ist, so hat sich doch auch hier 
der Begriff von „Verlust des Sehvermögens“ als ein absolut scharf umgrenzter 
gezeigt, und zwar giebt zu der auch dieser Fassung anhängenden Unsicherheit 
hauptsächlich Anlass der Mangel jeglicher Bezeichnung dafür, ob „Verlust des 
Sehvermögens“ gleichzunehmen sei mit „völliger Erblindung“. In letzter Weise 
fasst wenigstens Schwarze (1. c.) diesen Begriff auf, indem er ausdrücklich 
erklärt: „Blosse Schwächung oder Beschränkung der Sehkraft falle unter §. 223.“ 

Mit dieser Beschränkung wäre allerdings der Begriff von Verlust des Seh¬ 
vermögens ein fest umgrenzter, wenn diese Auffassung in ihrer praktischen Durch¬ 
führung nur nicht viel zu rigoros wäre. DenD, was ist Sehvermögen? Offenbar 
doch nicht allein die Fähigkeit, Licht von Dunkel zu unterscheiden, sondern viel¬ 
mehr vor Allem das Vermögen, körperlich zu sehen, d. h. die einzelnen Objekte 
nach ihrer Quantität und Qualität zu unterscheiden. Nun giebt es aber bekannt¬ 
lich Zustände von eigentlich blosser Beschränkung des Sehvermögens, die in der 
That zwar so schlimm sind wie völlige Erblindung, ja unter Umständen noch 
schlimmer, die aber, theoretisch genommen, doch keinen Verlust des Sehver¬ 
mögens nach obiger Schwarze’scher Auffassung repräsentiren, da diese unter 
dem genannten Begriff blos den Verlust des sogenannten qualitativen Seh¬ 
vermögens, also völlige Erblindung betrachtet. Diese Ansicht in’s Praktische 
übersetzt dürfte beispielsweise eine nahezu vollständige Hornhauttrübung, welche 
sogenannte qualitative Lichtempfindung noch zulässt, blos als Folge leichter 
Körperverletzung erscheinen lassen, während doch offenbar das damit behaftete 
Auge für den praktischen Gebrauch so gut wie erblindet ist; ein Stich in's Auge 
mit consecutiver Linsenluxation wäre eine leichte Verletzung, da der Ver¬ 
letzte bekanntlich auch ohne Accommodationsfähigkeit qualitative Lichtempfin- 
dung besitzt. 

Eine Theorie mit solchen Consequenzen ist aber doch sicherlich nicht nur 
ungerecht, sondern auch für den Verletzten gewiss hart und grausam und des¬ 
halb auch das allgemeine Rechtsbewusstsein schädigend, und ich glaube daher, 
wir Gerichtsärzte müssen, sowie jeder Laie es schon thun wird, unter Verlust 
des Sehvermögens nicht nur den der qualitativen, sondern auch den der quanti¬ 
tativen Sehkraft verstehen, obgleich der Verlust ersterer allein völlige Erblindung 
bedeutet. Zwar dürfte es wol in den meisten Fällen nicht allzu schwer sein, den 
Richter für diese letztere Auffassung zu gewinnen, und der Rath unserer nam¬ 
haftesten Gerichtsärzte geht ja eben dahin, unbeirrt durch die Schwarze’sche 

7* 


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Dr. W. Hauser, 


Interpretation dem Richter womöglich klar zu machen, dass auch ein mit etwas 
qualitativem Sehvermögen noch ausgerüstetes Auge für den Verletzten quoad 
functionem eben als ein verlorenes zu betrachten sei. 

Aber auch dann, wenn man etwa die rigorose Auffassung der Juristen als 
die allein gültige hinnehmen wollte, so läge doch dieser Begriff in dem Wortlaut 
„Verlust des Sehvermögens“ sicherlich nicht so unbestreitbar, dass nicht auch 
für eine mildere Interpretation noch Raum bliebe. Will man daher den Begriff 
„Verlust des Sehvermögens“ in unangreifbarerer Fassung feststellen, so liegt 
doch gewiss nichts näher, als denselben einfach in seine physiologischen Be¬ 
standteile zu zerlegen und darnach statt „Verlust des Sehvermögens“ zu setzen 
entweder nach der strengen Schwarze’schen Auffassung einfach „völlige Er¬ 
blindung“, oder nach der mildern „Verlust des qualitativen oder quantitativen 
Sehvermögens“. 

Jeder Gerichlsarzt wird ja gewiss in der Lage sein, dem Richter diese etwa 
unverständlichen medicinischen Termini technici zu zergliedern. — 

Während nun auf der einen Seite dem Gesetzgeber der Verlust des Seh¬ 
vermögens auf einem Auge schon genügte, um die betreffende Verletzung als 
eine schwere dem §. 224 zu subsumiren, fasste er ohne weitere Begründung das 
Gehör als Sinn auf und verlangte Taubheit auf beiden Ohren als Postulat zur 
Einreihung der ursächlichen Verletzung unter §. 224. 

Warum? mit welchem Recht? ist mir wenigstens nicht ersichtlich, und 
weder die juristischen Commentatoren des Strafgesetzes motiviren irgendwie 
dieses Verfahren, noch geben unsere heutigen Handbücher der gerichtlichen 
Medicin irgend einen physiologischen oder praktischen Grund hierfür an. 

Der alte Streit, wer der Unglücklichere ist, der Blinde oder der Taube, ist 
sicherlich dadurch nicht entschieden worden, und ebensowenig hat gewiss der 
Gesetzgeber hierdurch dem Halb-, d. h. auf einem Auge Blinden die Palme 
grösserer Dulderschaft vor dem Halb-, d. h. auf einem Ohr Tauben reichen 
wollen. Wenn dieses aber wirklich seine Absicht war, so geschah es mit Un¬ 
recht. da vom physiologisch-ärztlichen Standpunkte aus bekanntlich, unbeschadet 
der Wheatstone’schen Theorie vom körperlichen Sehen, ein Vicariiren des 
einen Auges für das andere noch leichter erklärlich ist, als das des einen Ohres 
für das andere. 

Es ist daher diese gesetzgeberische Geringschätzung des Gehörsinns gegen¬ 
über dem Gesiebtsinn vom physiologischen Gesichtspunkte aus nicht zu ver¬ 
stehen, und eine gleichmässige Behandlung beider, auch vom praktischen Stand¬ 
punkte aus gleichwertiger Sinne wäre sicherlich am Platze. 

Ferner hätte eine nähere Bezeichnung dafür, ob unter Verlust des Gehörs 
vollständige Taubheit zu verstehen ist, oder ob eine hochgradige Schwächung 
der Hörfähigkeit schon genügt, um als schwere Körperverletzung ersterer gleich¬ 
gestellt zu werden, auch hier, wie bei der Definition des Begriffs „Verlust des 
Sehvermögens“, den leicht entstehenden Zweifeln und Schwierigkeiten der Be¬ 
handlung im einzelnen Falle gewiss vielfach vorgebeugt. 

3) Der Verlust der Sprache 

wird als drittes Kriterium schwerer Körperverletzung von §. 224 aufgeführt. 
Einstimmig wird hier unter Sprache, und zwar sowohl von Seiten der Juristen 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 101 

— Schwarze, Geyer, Oppenhoff u. A. — als der Gerichtsärzte, nur die 
Fähigkeit verstanden, vermittels articulirter Töne seinen Gedanken Ausdruck zu 
verleihen, Sprache also nicht gleichwerthig mit Stimme angesehen, und dem¬ 
gemäss alle jene verschiedenen Modificationen von meist chronischen Erkrankun¬ 
gen der lautbildenden Organe, wie Heiserkeit und ähnlichen Leiden, nicht als 
unter §. 224 gehörend betrachtet, obgleich es fast rigoros erscheinen muss, eine 
Körperverletzung blos als leichte zu beurtheilen, in Folge deren beispielsweise 
Sänger, Redner, Lehrer etc. zugleich mit dem musikalischen Gehalt ihrer Stimme 
die nährende Hand verloren. 

Von diesem, indessen nicht näher zu erörternden Punkte abgesehen er¬ 
scheint im Uebrigen dieser Passus des §. 224 inhaltlich und formell in ziemlich 
unanfechtbare Form gekleidet, und nur die eine Frage giebt nach ziemlich all¬ 
gemeiner gerichtsärztlichen Uebereinstiramung zu berechtigten Zweifeln Anlass, 
ob unter Verlust der Sprache bleibendes Sprachunvermögen zu verstehen, oder 
ob auch ein derartiger blos längere Zeit dauernder Zustand unter §. 224 zu 
rechnen sei. 

Bei der anerkannten Schwierigkeit, ja in vielen Fällen der Unmöglichkeit 
einer einigermassen sichern Prognosestellung nämlich, gleichviel ob dieses Leiden 
im Centrum des Gehirns, den nervösen Leitungsbahnen oder in den lautbildenden 
Organen seinen Sitz habe, muss es für den gerichtsärztlichen Praktiker von ent¬ 
schiedenem Werthe sein, zu wissen, ob der Sinn des Gesetzes die eine oder die 
andere Annahme bezüglich der Dauer des Leidens verlangt; ob eine Sprach¬ 
störung von einigen Monaten, beispielsweise nach einer traumatischen Him- 
hämorrhagie, schon genügt, um den Erfordernissen des §. 224 zu entsprechen, 
oder ob dieselbe für das ganze Leben dauern müsse. 

Da nun einerseits dieser letztere Zustand in seiner Dauer sich nie mit voller 
Sicherheit, der erstere aber wenigstens mit grosser Wahrscheinlichkeit sich pro- 
gnosticiren lässt, so schiene es mir der Natur der Sache am meisten zu entspre¬ 
chen, wenn man unter dem, dem §. 224 entsprechenden Sprachverlust auch den 
zu verstehen hätte, der nach längerer Zeit wieder in Genesung übergeht, da es 
sonst für den Gerichtsarzt wol in den meisten Fällen einfach unmöglich wäre, 
irgend eine momentan vorhandene Sprachstörung unter §. 224 zu subsumiren. 

Es dürfte sich daher zur fernem Vermeidung von Unsicherheit, von zweifel¬ 
haften Auffassungen und MeinungsdilTerenzen hier sicher empfehlen, den ein¬ 
fachen Wortlaut „Verlust der Sprache“ nach der einen oder andern Seite hin 
durch Beifügung der Attribute „bleibend“ oder blos „länger dauernd“ zu er¬ 
gänzen, und die letztere Ergänzung dürfte wol aus den oben angeführten Gründen 
nach meiner unmassgeblichen Ansicht wenigstens die passendste sein. 

4) Der Verlust der Zeugungsfähigkeit 
bildet die vierte Kategorie schwerer Verletzungsfolgen, die der Gesetzgeber unter 
§. 224 einreihte. 

Sehen wir ab von der sprachlichen Uncorrectheit, den Begriff Zeugung 
auch auf die Potestas concipiendi des Weibes auszudehnen, so finden wir das 
Mangelhafte dieses Passus darin, dass eben nicht Alles, was wir zur Vervoll¬ 
ständigung der weiblichen Fortpflanzungsfähigkeit ansehen müssen, in dem Begriff 
Zeugungsfähigkeit enthalten ist. Denn, ohne der sprachlichen Logik gewisser- 


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102 


Dr. W. Hauser, 


massen Gewalt anzuthun, wird doch Niemand unter diesen Begriff auch den 
zweiten Theil weiblicher Leistung beim Portpflanzungsgeschäft subsumiren kön¬ 
nen, die Potestas pareundi, die Gebiirfähigkeit des Weibes, und sicherlich dürfte 
wol der Gerichtsarzt nicht immer so wenig am Wortlaut klebende Juristen als 
Richter vor sich haben, wie Casper in dem von Li man in seinem Lehrbuch 
angeführten Falle, in dem bekanntlich nicht die Conceptionsfähigkeit, wol aber 
in hohem Grade die Gebärfähigkeit in Folge Verletzung des Dammes und der 
Scheide vernichtet war, und welchen die Richter willig auf Antrag Casper’s 
unter den Passus „Verlust der Zeugungsfähigkeit“ des §. 224 subsumirten. 

Mit Reoht spricht daher der neue österreichische Strafgesetzentwurf in sei¬ 
nem §. 236 nicht von Verlust der Zeugungsfähigkeit, sondern von dem der Fort¬ 
pflanzungsfähigkeit, und eine Herübernahme dieses Ausdrucks in unser deutsches 
Strafgesetz entspräche sicherlich in hohem Grade sowohl der sprachlichen Correct- 
heit als dem praktischen Bedürfniss. — 

Während bei den bisher betrachteten, sowie den später noch folgenden 
Kriterien schwerer Körperverletzung der §. 224 das entscheidende Moment in 
realen greifbaren körperlichen Beschädigungen sucht, ist dieses in dem fol¬ 
genden Passus, der 

5) dauernden erheblichen Entstellung 
ein rein ästhetisches, und seine Beurtheilung ist darum nicht mehr rein auf dem 
Besitz medicinischer Kenntnisse beruhend. Der Begriff von Entstellung sowohl, 
als die Bedeutung von „erheblich“ wird wol immer auf vollständig subjectiver 
Werthschätzung basiren, die weder die Definitionen Liman’s und Skrzeczka’s, 
noch die von Geyer oder gar die von Emmert irgendwie fester zu umgrenzen 
im Stande sein werden. 

Während Li man nämlich unter „erheblicher Entstellung“ eine unheilbare 
Formveränderung eines Körpertheils versteht, die einen widrigen und unange¬ 
nehmen Eindruck macht, erblickt Geyer eine solche schon in jeder bedeutenden 
Gestaltveränderung eines mehr in die Augen fallenden Körpertheils, Emmert 
dagegen verlangt blos eine Formveränderung überhaupt, die nicht auf dem Ver¬ 
lust eines Körpertheils beruht (Friedreich’s Blätter für ger. Med. 1874). 

Da, wie ich vorhin erwähnte, die Werthschätzung des rein Aesthetischen 
bei einem solchen Falle ebensogut Sache eines jeden gebildeten Laien ist, also 
Sache dos Richters wie des sachverständigen Arztes, so interessirt in diesem 
ganzen Passus Letzteren, als allein in seine Berufssphäre einschlagend, einzig 
das Wort „dauernd“, und es entsteht so die wichtige Frage, deren Beantwortung 
hauptsächlich und allein ärztliche Kenntnisse verlangt: Muss eine erhebliche Ent¬ 
stellung blos länger dauern, d. h. ist dieselbe auch da anzunehmen, wo mit der 
Zeit eine Besserung derselben zu erwarten, oder wo durch einen etwaigen opera¬ 
tiven Eingriff die Entstellung zu entfernen ist? 

Lim an verlangt in seiner Definition eine unheilbare Entstellung, d. h. 
dauernd ist bei ihm so viel als bis zum Tode dauernd, ständig, lebenslänglich, 
und ich glaube sicherlich mit Recht; denn abgesehen davon, dass das Wort Ent¬ 
stellung an sich nicht etwa wie die Bezeichnung einer chronischen Erkrankung, 
einen fortschreitenden, sondern einen stationären Zustand bedeutet, lehrt bekannt¬ 
lich die Erfahrung, dass gerade in den wirklich erheblichen Fällen ein Aufhören 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 103 


dieses Zustandes von selbst, mit Ausnahme etwa von heilbaren Hautausschlägen, 
nicht wol denkbar, der Erfolg der sogenannten plastischen Operationen, die etwa 
für die Heilung der Entstellung in Frage kommen könnten, immerhin auch heute 
noch ein ziemlich prekärer ist. 

Bei der also thatsächlich bestehenden Unheilbarkeic fast sämmtlicher, wirk¬ 
lich erheblichen Entstellungen hielte ich es daher für besser, wenn das Wort 
„dauernd“ durch „unheilbar“ ersetzt würde, um nicht etwa die Versuchung auf- 
kommen zu lassen, jede kleinere Wundnarbe, die bekanntlich bei jungen Indivi¬ 
duen nahezu vollständig wieder verschwinden können, oder einzelne nicht sehr 
tief gehende Blatternarben, die bei Kindern mit deren Wachsthum sich ebenfalls 
meist wieder verlieren, etwa auf Andringen um die Schönheit ihrer Kinder ängst¬ 
lich besorgter Eltern, gleich als schwere Verletzungsfolgen unter §. 224 als 
„dauernde erhebliche Entstellung“ subsumiren zu müssen. 

Eine weitere, zu Zweifeln gewiss leicht Veranlassung gebende Frage scheint 
mir noch der Erörterung werth zu sein, obgleich deren Beantwortung nicht rein 
medicinischer Natur ist, die nämlich, ob dauernde erhebliche Entstellung auch 
dann dem Sinne des §. 224 entsprechend vorhanden ist, wenn die in Frage 
stehende unästhetische, d. h. entstellende Form Veränderung äusserlich nicht 
sichtbar, von der gewöhnlichen Kleidung bedeckt wird. 

Geyer verneint diese Frage, da nach seiner Definition von „erheblicher 
Entstellung“ der betreffende in seiner Gestalt auf bedeutende Weise veränderte 
Körpertheil nothwendig in’s Auge fallen muss. 

Diesem verneinenden Standpunkte gegenüber dürfte indessen doch die Be¬ 
merkung nicht überflüssig sein, dass sich unschwer ein Fall denken lässt, in wel¬ 
chem auch eine bedeutende Gestaltsvoränderung eines nicht in die Augen fallen¬ 
den Körpertheils für don Verletzten von den schlimmsten socialen Folgen be¬ 
gleitet ist. Bekanntlich giebt ja eine erst nach eingegangener Ehe entdeckte 
ekelerregende, also widrige Körpereigenschaft des einen Theils einen sehr trifti¬ 
gen Ehescheidungsgrund ab, und es ist ja nicht undenkbar, dass eine solche 
folgenschwere Entstellung in einer vorhergegangenen Verletzung ihren Ursprung 
hat, mithin die Möglichkeit nicht ausschliesst, die Frage anregen zu iäüssen, ob 
diese Entstellung nicht auch unter §. 224 zu fallen habe, obgleich der entstellte 
Körpertheil nicht in die Augen fällt. 

Ausserdem aber hat doch sicherlich jeder Mensch Anspruch auf Werth¬ 
schätzung seiner von der Natur ihm gegebenen Formvollendung, und es ist daher 
eine an sich widrige Entstellung gewiss schon für den Besitzer allein eine 
Schmälerung seiner Freude am Dasein, gleichviel ob er dieselbe durch seine 
Kleider den Augen der Welt entziehen kann oder nicht. 

Aus diesen Gründen vermag ich daher -den Standpunkt der juristischen 
Commentatoren dieses Passus, Geyer und Herbst (Gerichtssaal 1874. Hft. 4), 
nicht zu theilen, wenn diese empfehlen, das betreffende verletzte Individuum im 
bekleideten und nicht im nackten Zustande zu beurtheilen, und ich hielte es 
daher für richtiger und zweckentsprechender, wenn zur völligen Sicherstellung 
des Begriffs der „dauernden erheblichen Entstellung“ ausser dem Theilbegriff 
„Unheilbar“ noch die Worte „sowohl äusserlich sichtbarer als unsichtbarer 
Körpertheile“ beigefügt würden. 

Die Definition Emmert’s schliesslich, die ich oben erwähnte, müssen wir 


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104 


Dr. W. Hauser, 


schon aus dem einfachen Grunde als unbrauchbar zurückweisen, weil einerseits 
der Verlust von wichtigen Körpertheilen im Gesicht, wie von Nase, Ohren etc., 
gerade die auffälligsten und erheblichsten Entstellungen in sich schliesst, und 
weil wir auf der andern Seite genannte Körperlheile weder al« Glieder im Sinne 
des Passus 1 des §. 224 betrachten können, noch der Begriff von Verstümme¬ 
lung, unter welchen der Verlust derselben sonst zu rechnen wäre, überhaupt 
mehr in unserm Strafgesetz vorhanden ist. — 

Wol zu den meisten Missverständnissen, Zweifeln und Meinnngsdifferenzen. 
und deshalb zu den begründetsten Bemängelungen giebt die letzte Kategorie von 
Folgen schwerer Körperverletzungen Veranlassung. 

6) Der Verfall in Siechthum, Lähmung oder Geisteskrankheit. 

Wir wollen es versuchen, von diesen drei hochwichtigen Punkten jeden 
einzeln in seiner Bedeutung zu betrachten, und beginnen daher mit 

a) dem Verfall in Siechthum. 

Was ist Siechthum? „Eine dauernde, unheilbare, allgemeine Störung der 
körperlichen oder auch der geistigen Gesundheit, welche den Beschädigten er¬ 
schöpft, dauernd krank, schwach und ganz oder grösstentheils geschäftsunfähig 
macht.“ So die Definition Li man's und fast gleich auch die von Skrzeczka, 
während der Jurist Geyer aus dieser Begriffsbestimmung zunächst die Störung 
der geistigen Gesundheit gestrichen haben möchte, das königl. sächsische Medi- 
cinalcollegium aber, welches Siechthum jeden „länger andauernden, chronischen 
Krankheitszustand“ nennt (Blumenstok, Lehre von den Verletzungen in ge¬ 
richtsärztlicher Beziehung, in Maschka’s Hdb. d. ger. Med. p. 144), den Begriff 
„unheilbar“ wenigstens nicht ausdrücklich beibehält, die königl. preuss. wissen¬ 
schaftliche Deputation endlich denselben vollständig entfernt, indem sie (Viertelj. 
f. ger. Med. N. F. XXVII. p. 385) in dem Begriff Siechthum den der Unheilbar- 
keit nicht begründet findet, „da man auch von einer Genesung des Menschen 
nach langem Siechthum spreche.“ 

Schon aus dieser Differenz der Ansichten über die richtige Begriffsdefinition 
von „Siechthum“ lässt sich auf die erhebliche Mangelhaftigkeit des betreffenden 
Ausdrucks schlossen, und zwar sind es bei eingehender Betrachtung zunächst 
hauptsächlich zwei Punkte, die unsere Kritik herausfordern: Der erste derselben 
liegt in dem Fehlen jeglicher Bezeichnung dafür, ob unter „Siechthum“ blos 
etwa das körperliche, oder auch das geistige Siechthum zu verstehen sei. 

Geyer geht bei seiner Forderung, den Begriff „geistiges Siechthum“ aus 
der Liman’schen Definition zu streichen, offenbar von der Ansicht aus, dass 
diese Art Siechthum unter den Passus „Verfall in Geisteskrankheit“ falle, dass 
hiermit durch die Liman’sche Begriffsbestimmung eine Art von Pleonasmus in 
den §. 224 hineingetragen würde. 

Dem ist offenbar nicht so! Denn, ist es auch möglich, frage ich, jeden 
geistigen Defectzustand, jede durch eine Körperverletzung entstehende geistige 
Imbecillität als „Verfall in Geisteskrankheit“ zu bezeichnen? Ich glaube, kaum! 
Ich kenne z. B. einen noch jungen Mann, der in Folge eines Suicidiumsversuchs 
durch einen in das Gehirn eingedrungenen Revolverschuss eine ziemliche Menge 
Hirnsubstanz verlor und unleugbar hiervon eine solche Einbusse an Intelligenz, 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 105 


namentlich aber an Gedächtniss davontrug, dass dieser geistige Defect Jedem, 
der den Mann vorher kannte, auffallen muss. Diesen geistigen Schwächezustand 
kann ich wol als „geistiges Siechthum“ bezeichnen, den jungen Mann aber für 
geisteskrank zu erklären, könnte ich wol vom rein wissenschaftlichen Stand¬ 
punkte aus verantworten, Laien aber, beispielsweise Geschworenen gegenüber 
diesen Standpunkt mit Erfolg zu vertreten, dürfte wahrscheinlich sehr schwer, 
vielleicht unmöglich sein. 

Ich halte es daher für einen praktischen Fehler, der grauen Theorie zu 
Liebe den Sonderbegriff von »geistigem Siechthum“ aufzugeben, ja es muss uns 
der Mangel einer ausdrücklichen entsprechenden Bezeichnung hierfür an der 
richtigen Stelle, weil zu den erwähnten Meinungsdifferenzen führend, als eine 
Lücke in dem betreffenden Passus erscheinen. 

Den zweiten die gerichtsärztliche Kritik herausfordernden Punkt finden wir 
in der Liman’schen Definition des Begriffs Siechthum, in der Bezeichnung des¬ 
selben als einer »unheilbaren Krankheit“. 

Lassen wir einmal, um die Sache vom praktischen Gesichtspunkte aus an¬ 
zufassen, diese Begriffsbestimmung gelten, was würde für den einzelnen Fall 
daraus folgern? Einfach die Thatsache, dass es für den gerichtsärztlichen Sach¬ 
verständigen in manchen Fällen wenigstens unmöglich wäre, das Vorhandensein 
von Siechthum im Einzelfalle ausser allem Zweifel zu constatiren. Oder sollte es 
auch dem geübtesten Diagnostiker stets gelingen, jeden unheilbaren Fall gleich 
von vornherein als solchen zu constatiren? Ich glaube, kaum! Diese Schwierig¬ 
keit wäre aber für alle Fälle gehoben, wenn man auch jede länger dauernde 
Allgemeinerkrankung, auch die mit noch bestehender Aussicht auf Genesung, als 
unter den Begriff »Siechthum“ fallend bezeichnen wollte, obwohl dann aller¬ 
dings die weitere Frage entsteht, für die keine sichere Antwort möglich ist, wie 
lange diese Allgemeinerkrankung dauern müsse, um zur Rubricirung unter den 
Begriff „Siechthum* des §. 224 geeignet zu sein. Dem wissenschaftlichen Er¬ 
messen des ernst prüfenden Gerichtsarztes müsste es freilich anheim gestellt wer¬ 
den, in dieser Lage den richtigen Mittelweg einzuhalten und ihn zu vertheidigen 
vielleicht trotz und gegen etwaige sophistische Deduciionen eines findigen Advo¬ 
katen, der diese ganze Frage mit der bekannten Geschichte von dem Rossschweife 
vergleichen und etwa behaupten könnte, gleich wie dort ein Haar den Ross¬ 
schweif, so mache hier schliesslich ein Krankheitstag das Siechthum aus; immer¬ 
hin erscheint mir diese Eventualität als ein geringeres Uebel, als wenn zur defi¬ 
nitiven Beantwortung der an den Sachverständigen gestellten Frage, ob Siech¬ 
thum vorhanden sei oder nicht, einfach erst das Lebensende des Verletzten ab¬ 
gewartet werden müsste. 

Ich würde demnach eine wesentliche Verbesserung dieses Passus darin 
sehen, wenn statt „Verfall in Siechthum“ „Verfall in länger dauerndes Siech¬ 
thum“ gesetzt würde. — 

Wo möglich noch unbestimmter als der Begriff Siechthum zeigt sich uns 
der des 

b) Verfalls in Lähmung. 

Fragen wir auch hier zuerst, was ist Lähmung, und sehen uns hierauf die 
vom Physiologen sowohl, als vom gerichtsärztlichen Praktiker gegebene Antwort 
an, so wird uns die volle Berechtigung dieser Frage klar werden. 


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Dr. W. Hausor, 


„Lähmung ist der Verlust der Contractililät der Muskeln in Folge von 
Innervationsstörungen, die entweder centralen oder peripheren Ursprungs sein 
können“, so etwa der Physiologe. 

„Lähmung ist die Unfähigkeit, einen bestimmten Bewegungsapparat des 
Körpers zu denjenigen Bewegungen zu gebrauchen, für welche er von Natur ein¬ 
gerichtet ist.“ So die Berliner wissenschaftliche Deputation aus Anlass der 
Begutachtung eines Falles, in welchem nach einem Stich in den Oberarm und 
consecutiver Phlegmone Unbrauchbarkeit des betreffenden Armes eingetreten 
war, und dieselbe fügt ausdrücklich dieser Definition noch bei: „sie habe die 
Bezeichnung Lähmung gerade deshalb vorgeschlagen, um die Störung einer 
wichtigen Function im Bewegungsapparat des Körpers auszudrücken.“ (Viertelj. 
für ger. Med. 1872. XVI.) 

Skrzeczka in seiner oben citirten Arbeit acceptirt nicht nur diese Defini¬ 
tion, sondern hält sie sogar für absolut nothwendig, soll nicht nach seiner An¬ 
sicht gegen den Zweck des §. 224 verstossen werden, in solchen Fällen nämlich, 
in welchen nach seiner Meinung mit Lähmungszuständen gleichwerthige Fälle 
sonst nicht unter die schweren Körperverletzungen gerechnet werden könnten. 

Man wird nun nicht verkennen können, dass diese letztere Bestimmung des 
Begriffs „Lähmung“ eine weit über die Grenzen hinausgehende ist, welche der 
Arzt, der Physiologe, von seinem rein wissenschaftlichen Standpunkte aus ziehen 
muss; nicht nur aber dieses, auch eine völlig unzureichende ist sie trotzdem, wie 
wir gleich sehen werden. Denn, ist Lähmung gleichbedeutend mit dem Unver¬ 
mögen, einen bestimmten Bewegungsapparat zu dessen physiologischen Functio¬ 
nen zu gebrauchen, so werden wir mit Fug und Recht alle möglichen Zustände 
von Anchylosen, Contracturen etc. unter diesen Begriff bringen, die eigentlich mit 
dem wirklichen Zustand einer Lähmung nichts zu thun haben; auf der andern 
Seite aber können dann wirkliche Lähmungen, weil sie eben nicht einen Bewe¬ 
gungsapparat im eigentlichen Sinne des Wortes getroffen haben, nicht mehr als 
solche betrachtet und gleichwerthig geschätzt werden, da beispielsweise Läh¬ 
mungen der Blase oder des Mastdarms keine Functionsunfähigkeit eines Bewe¬ 
gungsapparats involviren. 

Skrzeczka hat offenbar diesen schwachen Punkt seiner Definition gefühlt, 
dem er dadurch abzuhelfen sucht, dass er Lähmung von Blase und Mastdarm 
für den Passus „Verfall in Siechthum“, die einzelner Augenmuskeln für den 
Begriff „dauernde erhebliche Entstellung“ gewissermassen rettet, dass er über¬ 
haupt alle Lähmungszustände obiger Art unter eines der übrigen Kriterien des 
§. 224 unterzubringen sucht. Hat er damit auch seinen Zweck erreicht, die 
praktische Verwendbarkeit des Begriffs Lähmung in §. 224 gewissermassen 
unter Dach zu bringen, so geschah dieses eben — und anders ist es nicht mög¬ 
lich — offenbar vielfach auf Kosten der sprachlichen und sachlichen Logik unter 
Aufopferung des anfangs von uns als erstes Postulat aufgestellten Grundsatzes, 
auch in der gerichtlichen Medicin die Begriffe nur so zu nehmen, wie sie das 
allgemeine medicinische Wissen giebt, nicht wie die gerichtliche Praxis sie zu 
brauchen glaubt Nach dem ebenso bekannten, als verpönten Grundsätze, dass 
der Zweck die Mittel heiligt, und füglich mit demselben Recht, das die königl. 
preussische wissenschaftliche Deputation für sich in Anspruch nahm, dürfte wol 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 107 


auch jede andere autoritative Behörde noch andere, ebenso heterogene Dinge 
unter den Begriff „Lähmung“ subsumiren. 

Mit Recht hat daher eine bayerische Aerztekammer (Friedreich’s Blätter 
f. ger. Med. 1872. p. 394) den Antrag gestellt, es möge von Seiten Bayerns 
beim Bundesrath dahin gewirkt werden, dass eine Interpretation des §. 224 mit 
Gesetzeskraft angestrebt werde, da man keinen Arzt zwingen könne, immer 
gleicher Ansicht mit der königl. preuss. wissenschaftlichen Deputation zu sein. 

Aber auch dann, wenn wir den Begriff „Verfall in Lähmung“ im Sinne der 
Berliner wissenschaftlichen Deputation acceptiren, bleiben dem Gerichtsarzt noch 
eine Menge von Zweifel und Fragen nicht erspart, deren Lösung und Beant¬ 
wortung sicherlich im gegebenen Falle nicht geringe Verlegenheit bereiten kann: 
Einmal nämlich ist in dem Passus keinerlei Andeutung dafür enthalten, welche 
Bewegungsapparate im Sinne Skrzeozka’s functionsunfähig sein müssen, um 
dem Gesetze zu genügen, ob beispielsweise blos Para- oder Hemiplegien als 
solche Zustände aufgefasst werden könnten, oder ob Lähmung einer Hand, eines 
Fingers, einer einzelnen Muskelgruppe etc. ebenfalls Lähmung im Sinne des 
§.224 bedeuten; dann fehlt jeglicher Anhaltspunkt dafür, um zu bestimmen, 
wie lange eine bestehende Lähmung, d. h. eine durch eine Verletzung gesetzte 
Functionsunfähigkeit eines Bewegungsapparats dauern müsse, um das Kriterium 
einer unter §. 224 fallenden Körperverletzung zu besitzen, ob diese sogenannte 
Lähmung etwa unheilbar sein müsse, oder ob auch schon eine kurz vorüber¬ 
gehende als schwere Verletzungsfolge zu betrachten sein. 

Diese beiden Sätze werde ich in Folgendem durch einige Beispiele in Form 
von gewiss discutirbaren Fragen illustriren! 

Genügt eine einfache Facialis-Lähmung. oder eine Lähmung wie die der 
Extensoren in Folge von Bleivergiftung, oder die Anchylose eines Fingergelenks, 
um den betreffenden Verletzungsfall unter §. 224 zu rubriciren, oder verlangt 
man hierzu vollständige Lähmung der obern Extremität, oder gar eine vollstän¬ 
dige Para- oder Hemiplegie? 

Wollen wir ferner eine in Folge Blutaustritts in’s Gehirn erfolgte, nach 
einem Monat aber etwa wieder geheilte Hemiplegie im Sinne des §. 224 auf¬ 
fassen, oder müsste diese hierzu dauernd unheilbar sein? 

Solcherlei, gewiss nicht so leicht zu beantwortende Fragen dürften sich in 
mannigfachster Form und Gestalt erheben, für die aus der Fassung des Wort¬ 
lauts allein der §. 224 kaum eine auch nur einigermassen unbestreitbar sichere 
Antwort geben lässt. 

Allerdings wird ein gesunder Sinn und eine auf reicher Erfahrung be¬ 
ruhende Anschauung in jedem fraglichen Falle den Gerichtsarzt die richtige Mitte 
einhalten lassen: derselbe wird nach meinem Dafürhalten sich ebenso sehr hüten, 
jede vorübergehende Steifigkeit eines Fingers als Folge einer unter §. 224 zu 
rechnenden schweren Verletzung zu erklären, wie er andererseits nicht anstehen 
wird, eine nach den individuellen Verhältnissen des Verletzten hochwichtige 
Berufsstörung, hervorgehend aus Functionsstörungen eines Bewegungsapparats 
oder einer Reihe von Bewegungsmechanismen, auch dann als Lähmung im Sinne 
der Berliner wissenschaftlichen Deputation anzuerkennen, wenn er die Möglich¬ 
keit einer Heilung in unbestimmter Zeit nicht ausschliessen kann. 


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Dr. W. Hauser, 

Auch mit dem Begriff von Lähmung möchte ich daher den des „Unheil¬ 
baren“ nicht verbinden, und zwar aus demselben Grunde, aus welchem ich den 
Begriff des Siechthums blos als einen länger dauernden Zustand bezeichnet wissen 
wollte, weil es einfach auch für den geübtesten Diagnostiker unmöglich ist, in 
jedem Falle mit Sicherheit die traurige Prognose der Unheilbarkeit zu stellen. 

Gehen wir nach diesen Erörterungen noch einmal auf die am Anfang der¬ 
selben gestellte Frage, was ist Lähmung? zurück und acceptiren wir als richtige 
Antwort auf dieselbe die Definition der Borliner wissenschaftlichen Deputation; 
machen wir uns noch einmal klar, dass, was die genannte autoritative Behörde 
selbst sagt, es einfach bei Abfassung dieses Passus in den Intentionen der Gesetz¬ 
geber lag, mit der Bezeichnung Lähmung alle möglichen Functionsstörungen der 
Bewegungsapparate des Körpers zusammenzufassen, so wird es keines allzu 
grossen Scharfsinns mehr bedürfen, um einzusehen, dass der Passus „Verfall in 
Lähmung“ der auch juristischerseits allgemein acceptirten Definition nach nichts 
anders ausdrückt, als was auch schon der erste Passus des §. 224, „Verlust eines 
wichtigen Gliedes“, bereits enthält, da, wie wir schon oben sahen und worauf 
wir hier zurückzukommen versprachen, ebenfalls nach Auffassung der juristischen 
Commentatoren unter Verlust von wichtigen Gliedern nicht nur deren wirkliches 
Verlorengehen zu verstehen ist, sondern auch deren Functionsunfähigkeit. 

Was bleibt uns dann noch einerseits, frage ich, für die Bedeutung des 
Begriffs Lähmung übrig, nachdem Skrzeczka auf der andern Seite die Läh¬ 
mung aller Muskeln, die nicht eigentlich die Function von Bewegungsapparaten, 
resp. die Bewegungsfähigkeit der sogenannten wichtigen Glieder bedingen, für 
andere Kategorien des §. 224, wie wir oben sahen, weggenommen hat? Antwort: 
Nichts mehr; sogar das Symptomenbild einer Para- oder Hemiplegie würde hier¬ 
nach theils für den Passus „Verlust eines wichtigen Gliedes“, theils für den, 
„Verfall in Siechthum“, eventuell noch den der „dauernden erheblichen Ent¬ 
stellung“ sehr füglich in Anspruch genommen werden können. 

Erscheint somit der Inhalt des einen Passus nach der klar ausgesprochenen 
gesetzgeberischen Intention völlig adäquat dem des andern, was liegt dann näher, 
als zur Vermeidung dieses offenbaren Pleonasmus, zur Verhütung von unrich¬ 
tigen Auffassungen, die beiden zusammen in eine Form zu bringen, welche dem 
Inhalt beider mehr entspricht, als jede, einzeln genommen, ihrem Theilinhalt? 

Wir haben oben bei der Betrachtung des Passus „Verlust eines wichtigen 
Gliedes“ darauf hingewiesen, dass das Uncorrecte dieses so viele Zweifel herauf¬ 
beschwörenden Ausdrucks nicht nur die Gerichtsärzte, sondern auch die Juristen 
durchfühlen, indem der neue österreichische Strafgesetzentwurf sowohl denselben 
ganz fallen lässt, als auch namhafte juristische Commentatoren des D. St.-G.-B. 
für eine klarere Fassung desselben plaidiren. Während der erwähnte Straf¬ 
gesetzentwurf durch seinen supponirten Wortlaut: „Verlust eines Armes, einer 
Hand, eines Beines, eines Fusses“ blos den verschiedenen Controversen über 
die zweifelhafte Frage, was ein Glied sei und welches Glied als ein wichtiges 
zu betrachten ist, aus dem Wege geht, sucht Geyer (1. c.) auch die durch 
die verschiedene Interpretationsfähigkeit des Begriffs „Verlust“ entstehenden 
Schwierigkeiten dadurch zu vermeiden, dass er vorschlägt, dem ganzen Passus 
die Form zu geben: „Wenn ein Arm, eine Hand, ein Bein oder ein Fuss für 
immer unbrauchbar wird.“ 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom geiichtsärztlichen Standpunkte. 109 


Liegt in der That schon in der namhaften Aufzählung der bestimmten 
Glieder des Körpers, deren Verlust eine schwere Körperverletzung voraussetzt, 
ein erfreulicher Fortschritt gegenüber der allgemeinen und unbestimmten Fassung 
des betreffenden Passus des §. 224, so ist entschieden der Geyer’sche Verbesse¬ 
rungsvorschlag noch mehr zu begrüssen, nicht nur, weil er uns der Controversen 
über den Begriff „Verlust“ überhebt, sondern namentlich auch deshalb, weil er 
alle wesentlichen Bestimmungen und Kriterien jener Definition des Begriffs 
„Verfall in Lähmung“ enthält, welche die Berliner wissenschaftliche Depu¬ 
tation und mit ihr sämmtliche juristische Commentatoren demselben beilegen, 
weil er, mit anderen Worten, den Passus „Verfall in Lähmung“ geradezu un- 
nöthig macht. 

Denn Arm, Hand, Bein, Fuss, was sind sie anders als jene Bewegungs¬ 
apparate, deren unbrauchbarer Zustand nach der oben angeführten Definition 
Lähmung bedeutet? 

Schliesslich aber haben wir noch weiter klar zu machen versucht, dass bei 
der Beurtheilung des Begriffs „wichtiges Glied“ wir nicht von dem engherzigen 
Standpunkte Schwarze’s und Anderer ausgehend das „Wichtig“ vom rein 
medicinischen Standpunkte aus beurtheilen dürfen — einen solchen im Sinne 
der Juristen rein medicinischen Standpunkt giebt es eben nicht —, sondern 
dass wir auf die individuellen Verhältnisse des Verletzten Rücksicht nehmend 
die Schwere der Beschädigung, die Wichtigkeit des verletzten Gliedes taxiren 
müssen, und dass unter dieser Voraussetzung die Ausschliessung von Fingern, 
Zehen, Phalangen etc. von dem Begriff „wichtigesGlied“ einfach nicht möglich ist. 

Uebersetzen wir diesen letztem theoretischen Schluss in’s Praktische, so 
kann uns aber auch der Geyer’sche Verbesserungsvorschlag nicht genügen; 
wir werden denselben vielmehr in dem eben erörterten Sinne dahin ergänzen 
müssen, dass wir etwa vorschlagen zu setzen: „Wenn ein Arm, eine Hand, ein 
Bein oder Fuss, oder ein zum Lebenserwerb dringend nothwendiges Theilglied 
derselben verloren geht oder für immer unbrauchbar wird.“ 

Legen wir in diesen Begriff von „unbrauchbar werden“ den jeglicher 
Functionsunfähigkeit hinein, was immer die letztere auch für einen Untergrund 
haben mag, dann kann der Gerichtsarzt ohne mögliche Anfechtung seitens seines 
Gewissens oder eines etwa anders gesinnten Richters sowohl jegliche Art von 
wirklicher Lähmung, als auch jeden nur lähmungsartigen Zustand, wie den der 
Anchylose, der Contractur, unter den so verbesserten ersten Passus des §. 224 
subsumiren, und gewiss würden die vielen bei der alten, d. h. jetzigen Fassung 
möglichen Begriffsunsicherheiten und Meinungsdifferenzen seltener werden, wenn 
nicht ganz verschwinden. 

Und um auch einem letzten, vielleicht noch möglichen Einwand gegen einen 
solchen Verbesserungsvorschlag zu begegnen, dem mämlich, dass eben, streng 
genommen, im Begriff „Unbrauchbar werden“ der des Verlustes eigentlich wieder 
nicht enthalten sei, hielte ich es für gerathen. diesen letztem zu Gunsten grösserer 
Unanfechtbarkeit des ganzen Passus, wenn auch auf Kosten der Kürze, als coor- 
dinirten Begriff dem erstem noch beizusetzen, und meine definitive Verbesserung 
und Ergänzung des ersten Passus des §. 224, welcher auch den Begriff „Läh¬ 
mung“ in sich schlösse, würde demnach heissen: 


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Dr. W. Hauser, 


„Hat die Verletzung zur Folge, dass der Verletzte Arm, Hand, Bein, 
Fuss, oder ein zum Lebenserwerb dringend nothwendiges Theilglied der¬ 
selben verliert oder nicht mehr gebrauchen kann.“ 

Und nun noch ein Wort über das letzte Criterium des §. 224: 
c) den Verfall in Geisteskrankheit. 

W r as wir vorhin an den Bezeichnungen „Verfall in Siechthum und Läh¬ 
mung“ zu tadeln hatten, das Fehlen jeglicher nähern Bestimmung über die 
nothwendige Dauer dieser Zustände, derselbe Umstand muss uns hier als ein 
grosser Vorzug erscheinen. 

Eine Geisteskrankheit, und sei sie auch von noch so kurzer Dauer, ist 
gewiss immer ein grosses Uebel, hauptsächlich aber deshalb, weil sie nie eine 
absolut sicher gute Prognose zulässt, und weil die Constatirung der vollständigen 
Heilung bekanntlich nie ausser allem Zweifel möglich ist. 

Es wäre demnach diese letzte Kategorie von Folgen schwerer Körperver¬ 
letzung die einzige, deren Wortlaut zu keiner Unsicherheit wesentliche Veran¬ 
lassung geben dürfte, die einzige, die deshalb die befriedigende Anerkennung 
der Juristen sowohl, als auch unserer gerichtsärztlichen Autoren sich erworben 
und erhalten hat. — 

Zum Schlüsse gebe ich in übersichtlicher Weise ein kurzes Resumö über 
das Wesentliche meines Referates. 

Es war meine Absicht, im Grossen und Ganzen klar zu legen, was ich von 
Anfang an auszusprechen mir erlaubte, dass wir Gerichtsärzte von unserm Stand¬ 
punkte aus trotz der unverkennbaren Vorzüge der Eintheilung und Behandlung 
der Körperverletzungen überhaupt durch das deutsche Strafgesetzbuch, dass wir, 
sage ich, trotzdem speciell mit der Fassung des §. 224 desselben nicht einver¬ 
standen, nicht zufrieden sein können, und zwar weder seiner allgemeinen Tendenz 
nach, noch auch, und zwar ganz besonders, wegen der zu knappen, zu unbe¬ 
stimmten, zu zweideutigen Fassung in seinen speciellen Criterien. 

Wenn man das Unbestimmte, das Schwankende, das Verschwommene dieser 
Einzelbestimmungen, hauptsächlich aber dann die Willkürlichkeit, sowie das dem 
ärztlichen Wissen oft geradezu Widerstrebende der Definitionen, die Widersprüche 
in den Commentationen sowohl von Seiten der Juristen, als der Gerichtsärzte 
selbst bedenkt, wird man nicht zu weit gehen, wenn man behauptet, dass Vieles 
wenn nicht gerade faul, so doch verbesserungsbedürftig sein muss in §. 224, 
und man wird sich der Ansicht nicht verschliessen können, dass jene oben er¬ 
wähnte bayerische Aerzlekammer, als sie von Seiten ihrer Regierung das Er¬ 
streben einer Interpretation des §. 224 mit Gesetzeskraft verlangte, nicht etwa 
allein aus angeborener bayerisch-patriotischer Oppositionslust so gehandelt habe, 
sondern vielmehr sehr im Interesse des ganzen Standes der Gericlitsärzte, im 
Interesse der Sache unserer Wissenschaft und des Reehts. 

Auch wir, glaube ich, können bei sorgsamer Erwägung aller Nachtheile, 
die die Fassung dieses Paragraphen unleugbar mit sich bringt, nicht umhin, das 
Bedürfniss einer Hebung dieser Missslände anzuerkennen, und es entsteht daher 
für uns die Frage, worin soll diese anzustrebende Besserung bestehen ? 

Ich glaube, dass es zunächst zwei Wege sind, auf denen wir die Beseitigung 


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Der §. 224 des D. St.-G.-B. vom gerichtsärztlichen Standpunkte. 111 


besagter Uebelstände erstreben könnten; der eine wäre der, dass wir nach dem 
Vorgänge unserer bayerischen Collegen eine Interpretation des ganzen Paragraphen 
mit Gesetzeskraft verlangten, damit man wenigstens, und zwar Richter sowohl 
als Gerichtsärzte, festere Anhaltspunkte hätte, an denen man sich bei der Noth- 
wendigkeit der Anwendung der dunkeln Bestimmungen des Paragraphen halten 
könnte. Eine Interpretation eines Gesetzes mit Gesetzeskraft scheint mir indessen 
eine eigene Sache zu sein, und heisst offenbar nichts anders, als auf einem Um¬ 
wege ein an sich unpraktisches Gesetz corrigiren, ein Umweg, der sich jedoch 
vielleicht aus nicht sehr fern liegenden praktischen Gründen noch am leichtesten 
betreten Hesse, aber immerhin ein Umweg. Der gerade uns zum Ziele führende 
Weg wäre der, die ganze Fassung des §. 224 so umzuändern, dass namentlich 
an Stelle der vieldeutigen, dunkeln, abstrakten Begriffe mehr fassliche, greif¬ 
bare, concrote Benennungen für erstere geschaffen, dass bestehende Lücken aus¬ 
gefüllt und vorhandene Pleonasmen entfernt werden. 

Wenn ich daher im Folgenden mir erlaube, als nächstes praktisches Er¬ 
gebnis dieser meiner theoretischen Betrachtungen, zur Erreichung des genannten 
Zieles auf dem direkten geraden Wege wandelnd, eine bessere, sprachlich und 
inhaltlich correktere Fassung des §. 224 vorzuschlagen, so bitte ich, dieselbe als 
meine unmassgebliche Meinung, als das Produkt einer kleinen und bescheidenen 
theoretischen Studie hinnehmen und beurtheilen zu wollen. Dieselbe hätte etwa 
zu lauten: 

„Hat die Verletzung zur Folge, dass der Verletzte einen Arm, eine Hand, 
ein Bein, einen Fuss, oder ein zum Lebenserwerb dringend nothwendiges 
Theilglied derselben verliert oder nicht mehr gebrauchen kann, dass er 
der quantitativen oder qualitativen Sehkraft auf einem oder beiden Augen, 
des Gehörs auf einem oder beiden Ohren, der Sprache, der Fortpflanzungs¬ 
fähigkeit dauernd beraubt oder in erheblicher Weise an äusserlich sicht¬ 
baren oder unsichtbaren Theilen des Körpers unheilbar entstellt wird, 
oder in länger anhaltendes geistiges oder körperliches Siechthum oder in 
Geisteskrankheit verfällt, so etc.“ 

Die Rechtfertigung und nähere Begründung der Einzelheiten dieser vorge¬ 
schlagenen Fassung dürfte wol zur Genüge in den vorstehenden Erörterungen 
enthalten sein; über manches Einzelne wird sich streiten lassen, ich werde aber 
mich befriedigt fühlen und glaube meinen Zweck erreicht zu haben, wenn mit 
mir wenigstens das Bedürfniss dringender Abhülfe der einzelnen Mängel des 
§. 224 des D. St.-G.-B. anerkannt wird. 


Anmerkung. Da mir die Redaction Gelegenheit gegeben hat, Einsicht in 
die vorstehende Abhandlung zu nehmen, so erlaube ich mir hinsichtlich meines 
citirten Aufsatzes über §. 224 des St.-G.-B. darauf aufmerksam zu machen, dass 
im Eingänge desselben ausdrücklich hervorgehoben wird, wie es nicht meine Ab¬ 
sicht war, eine Kritik des gedachten §. 224 zu geben, sondern vielmehr „darzu¬ 
legen, wie man als Gerichtsarzt mit den neuen Bestimmungen, wie sie einmal 
sind, bei Abfassung von Gutachten über Körperverletzungen m. E. am besten 
operiren wird, um dem Sinne des Gesetzes gerecht zu werden.“ Skrzeczka. 


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II. Oeffentliches Sanitätswesen. 


1 . 

Dimensionen ud Ursachen der Lustseucheverbreitnng in 

Budapest. *) 

Auf statistische Daten begründet dargestellt 
ron 

Dr. Emil Jurbiny, 

ärztlichem Dire^tionsadjuncten am 8t. Rochusspital zu Budapest 


Gegenwärtige Abhandlung bezweckt auf Grund der mir zur Verfügung 
gestellten Daten zu untersuchen, in welchem Masse die Lustseuche 
sich in den letzten 10 Jahren in Budapest verbreitet habe und welche 
die Ursachen dieser Verbreitung seien. Während wir, Dank der in 
immer weiteren Kreisen sich Anerkennung erringenden medicinischen 
Statistik, bereits von dem Stande der acut infectiösen Krankheiten, 
deren Morbiditäts- und Mortalitätsverhältnissen, genaue Kenntniss er¬ 
halten, bleiben wir über die Verbreitung, das Steigen oder Fallen 
der Lustseuche noch immer im Unklaren. Die Wichtigkeit des Erfor- 
schens der Dimensionen der Lustseuche hervorhebend, meint Oesterlen 
eben von dieser Krankheit, dass „die Verbreitung und Intensität 
derVenerie im Allgemeinen immer dem Grade socialer und 
materieller wie sittlicher Nothstände parallel gehen“, wozu 
noch hinzuzufügen wäre, dass sie den Grad der gelockerten polizei¬ 
lichen Massregeln kundgeben. 


ln Budapest herrscht das Bordellsystem. Die Prostitution ausübenden 
Dirnen werden behördlich inscribirt, dürfen ihr Gewerbe nur in behördlich con- 
cessionirten Bordellen ausüben, werden wöchentlich zweimal ärztlich untersucht, 
jedoch darf die Zahl der Bordelle das halbe Hundert nicht übersteigen und je 
ein Bordell darf mehr als 12 Dirnen nicht, aufnehmen. Die Zahl der 10—12 
Dirnen aufnehmenden Bordelle ist ungleich geringer gegenüber der Zahl der 
3—5 Dirnen enthaltenden, so dass durchschnittlich auf je ein Bordell 4—5 
Dirnen entfallen. Dieser Umstand hat folgende Uebelstände im Gefolge: es 
wuchert die Zahl der ausserhalb Bordellhäusern ihr Gewerbe treibenden, daher 


•) Vorgetragen im kön. ung. Verein der Acrzte, am 1. April 18S2. 


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Original fro-rn 

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Dimensionen und Ursachen der Lustseucheverbreitung in Budapest. 113 

ärztlicher Controle sich entziehenden und nicht conscribirten Lustdirnen in 
grossem Masse, ebenso die der behördlich nicht concessionirten Bordelle, von 
deren Existenz die Polizei wol Kenntniss besitzt, deren Bewohnerinnen aber 
trotzdem der ärztlichen Untersuchung nicht unterzogen werden; in noch grösse¬ 
rem Masse greift um sich die Prostitution in Schänken, Schlupfwinkeln, Kneipen, 
Privatwohntfngen. Bei Feststellung der Anzahl der Bordelle und der inscri- 
birten Dirnen nahm man eben nicht Rücksicht auf die stets zunehmende Bevöl- 
kerungszahl. 

Ich bestrebte mich 1) die Intensität und die Zunahme der Lustseuche wäh¬ 
rend der letzten 10 Jahre, und 2) jene Factoren zu ermitteln, welche mit Be¬ 
rücksichtigung der oben erwähnten Verhältnisse dem Umsichgreifen der Lustseuche 
Vorschub leisten. — Der Vorgang, den ich hierbei beobachtete, war folgender: 

a) Ich ermittelte die Zahl der in den letzten 10 Jahren in den beiden 
öffentlichen (St. Rochus- und Johannes-) Spitälern und in den grösseren Privat- 
Heilanstaltcn (Israeliten-, Barmherzigen-, Armen-Kinderspital, Faludi- und Köwer- 
sche Kinderheilanstalt) zur Beobachtung gelangten venerischen Individuen, und 
bekam auf diese Weise die zum Mindesten beim dritten Theile der Bevölkerung 
herrschende Morbidität der Lustseuche. Und da jede Infectionskrankheit, indem 
sie fruchtbaren Boden findet in den niederen Volksklassen, zugleich auch die 
besseren (nämlich nicht das Spitalcontingent bildenden) Klassen gefährdet, und 
da gewöhnlich die die ersterwähnten Volksklassen berührenden energischen Mass- 
regeln das Uebel im Keime ersticken, so glaube ich, dass wir eben bei Forschung 
des Verbreitungsgrades der Lustseuche zu richtigen Schlüssen gelangen können, 
wenn wir die Daten der Heilanstalten in Betracht ziehen und unsere Folgerungen 
auf dieselben basirend darstellen. Ich war bestrebt, conforme Daten zu gewinnen, 
damit von keiner Seite gegen die Richtigkeit der Schlüsse Einwand erhoben 
werden kann. 

b) Ich trachtete die Zahl der venerischen Weiber in zwei grosse Categorien 
zu stellen, in die eine stellte ich die in behördlich concessionirten Bordellen Er¬ 
krankten, in die andere die ausserhalb dieser Erkrankten. 

c) In der überwiegend grösseren Zahl der Fälle wies ich das Vorkommen 
der 3 Hauptarten der Lustseuche nach, nämlich die blennorrhöischen, weich 
schankrösen und syphilitischen Affectionen. 

d) Ich ermittelte die Zahl der behördlich concessionirten Bordellhäuser und 
der behördlich concessionirten Lustdirnen. 

e) Durch Ermittelung des Morbiditätsprocents der Lustseuche im Garnison¬ 
spital No. 16 bekam ich das Verhältnis der bei Soldaten herrschenden Lustseuche. 

f) Ich nahm Rücksicht auf die Zahl und das Anwachsen der Bevölkerung, 
sowie auf die jeweilige Zahl der Eheschliessungen. 

Auf Grund dieser Zahlen berechnete ich: 

1) um wie viel Procent steigt oder fallt die Zahl der an Lustseuche Lei¬ 
denden im Vergleiche zu dem Vorjahre, a) bei Männern, b) bei Weibern und 
c) bei beiden zusammen, 

2) das in Procentsätzen ausgedrückte Steigen oder Fallen der an Lust¬ 
seuche Erkrankten im Vergleiche mit dem am güivstigst erscheinenden Jahre 1875, 
a) bei Männern, b) bei Weibern und c) bei beiden zusammen, 

Vierte IJahriuclir. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. I. 8 


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114 


Dr. E. Jurkiny, 


3) in welchem Verhältnisse die Venerie der Kinder zunimmt, 

4) wie gross die Znnahme bei Soldaten ist, 

5) wie gross die procentuelle Zunahme im Vergleiche zur procentuellen 
Zunahme der Bevölkerung ist, 

6) wie viele venerische Erkrankungen auf je 1000 Einwohner fallen, 

7) die Dimensionen der constitutioneilen Syphilis für jedes Jahr einzeln 
berechnet, 

8) die procentuelle Zunahme der constitutionellen Syphilis im Vergleiche 
zu 1873, a) bei Männern, b) bei Weibern und c) bei beiden Geschlechtern zu- 
sammengenommen, 

9) wie viele Erkrankungen an Lustseuche auf ein Bordell kommen, 

10) in welchen Verhältnissen die Zahl der ausserhalb der Bordelle erkrank¬ 
ten Dirnen steigt, 

11) wie viel venerische Erkrankungen der Männer auf je 100 nicht inscri- 
birte Dirnen entfallen, 

12) inwiefern die Verbreitung der Lustseuche durch die Zahl der Ehe¬ 
schliessungen beeinflusst wird. — 

Die diese Fragen beantwortenden Zahlen finden wir auf den folgenden 
Tabellen zusammengestellt (Tabelle I. — IV.). 

In der 1., 2., 3., 4. und 5. Rubrik sehen wir die Zahl der im Rochus-, 
Johannesspital, im Spital der barmherzigen Brüder und im Israelitenspital be¬ 
handelten venerischen Männer, aus welcher ersichtlich ist. dass die kleinste Zahl 
— 1277 — dem Jahre 1875, die grösste — 2739 — dem Jahre 1881 zufallt. 
(Während der letzten 10 Jahre wurden zusammen 19279 venerische Männer 
behandelt.) 

In den Rubriken 6. 7, 8, 9 ist die Zahl der im Rochus-, Johannes- und 
Israelitenspital behandelten venerischen Weiber verzeichnet; die kleinste Zahl 
fällt auf das Jahr 1873 (nämlich 1356), die grösste auf 1879 (nämlich 2076). 
In 10 Jahren wurden zusammen 17792 venerische Weiber behandelt. 

In der 10. Rubrik finden wir die Gesammtzahl der in obigen Spitälern be¬ 
handelten venerischen Männer und Weiber, und hier erscheint das Jahr 1875 
als das günstigste, indem 2806 venerische Kranke behandelt wurden, das Jahr 
1881 als das ungünstigste, indem 4643 Kranke in Behandlung standen. In 
10 Jahren wurden zusammen 37071 venerische Kranke behandelt. 

Aus den Rubriken 11—20 geht hervor, dass die Zahl der in dem Armen¬ 
kinderspital, in der Faludi’schen und Köver’schen Kinderheilanstalt behandelten 
venerischen Kinder im Jahre 1873 die kleinste war (189), im Jahre 1880 die 
grösste (308). In 10 Jahren wurden daselbst zusammen 2351 venerische 
Kinder behandelt. 

In der 21. Rubrik finden wir die Zahl der den Gegenstand dieses Ausweises 
bildenden sämmllichen Venerischen verzeichnet, aus welcher ersichtlich ist, dass 
im Jahre 1875 die günstigsten Verhältnisse obwalteten, indem zusammen 2999 
venerische Kranke, im Jahre 1881 die ungünstigsten Verhältnisse zu constatiren 
sind, indem 4935 venerische Kranke nachgewiesen werden. Auch zeigt dieselbe 
Rubrik, dass die Lustseuche seit 1875 constant zunimmt. In 10 Jahren wurden 
39422 an Lustseuche Erkrankte behandelt. 


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Tabelle 


Dimensionen und Ursachen der Lustseucheverbreitung in Budapest. 115 


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Anzahl der venerischen 
Männer im: 

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1988 

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Jahr. 

1872. 

1873. 

1874. 

1875. 
1S76. 

1877. 

1878. 
187 9. 
1880. 
1881. 

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UMIVERSITY OF IOWA 






































116 


Dr E. Jurkiny, 


1872. 

1873. 

1874. 

1875. 

187G. 

1877. 

1878. 

1879. 

1880. 

1881. 

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405 

357 

229 

398 

590 

672 

601 

785 

798 

Blennorrhoe bei 
Männern. 

Die Ausweise des Rochus- und Israelitenspitals 
ergeben: 


481 

364 

389 

327 

348 

475 

657 

607 

738 

Ulcus molle bei 
Männern. 

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Syph. constit. bei 
Männern. 


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648 

782 

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754 

633 

746 

Blennorrhoe bei 
Weibern. 

25. 26. 27. 

314 

436 

454 

659 

445 

480 

631 

654 

457 

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Ulcus molle bei 
Weibern. 

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Syph. constit. bei 
Weibern. 

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Blennorrhoe bei¬ 
der Geschlechter. 

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795 

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793 

955 

1288 

1261 

1195 

Ulcus molle bei¬ 
der Geschlechter. 

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Syph. constit. bei¬ 
der Geschlechter. 

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Bordelldirnen. 

Venerische Wei¬ 
ber waren: 

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793 

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1332 

1352 

1355 

1335 

1238 

1276 

Andere. 

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67 

67 

54 

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49 

50 

Anzahl der behördlich con- 
cessionirten Bordelle. 

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Anzahl der behördlich con- 
scribirten Dirnen. 

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18,13 - 
16,39 - 
24,86 - 
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14,26 - 
17,06 - 

Wie viel pCt. der Kranken 
waren im Garnisonspital 

No. 16 venerisch? 

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UNIVERSUM OF IOWA 


Tabelle II. 




Tabelle III. 


Dimensionen und Ursachen der Lustseucheverbreitung in Budapest. 117 


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22,61 pCt. 
27,03 - 
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97,70 - 
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129,32 - 


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32,49 pCt. 
42,00 - 
10,03 - 
39,77 - 
103,30 - 
95,53 - 
89,58 - 
110,78 - 

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13,46 pCt. 
13,46 - 
34,00 - 
55,21 - 
92,59 - 
116,16 - 
151,51 - 
146,12 - 

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21,66 pCt. 
28,08 - 
30,81 - 
25,09 - 
27,87 - 
30,99 - 
30,64 - 
31,93 - 
32,14 - 

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+ 46,36 - 
+ 67,58 - 
+ 80,03 - 
+ 111,26 - 
+ 114,48 - 

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1 1 | + + + + + + 

Jahr. 

1872 

1873. 

1874. 

1875. 

1876. 

1877. 

1878. 

1879. 

1880. 

1881. 


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UMIVERSITY OF IOWA 




118 


Dr. E. Jurkiny, 


Tabelle IV. 


Jahr. 

46. 

47. 

48. 

49. 

50. 

51. 

52. 

53. 

1 

54. 

55. 

Wie viel vener. Erkrankungen fallen 
auf je ein Bordell? 

Auf je 1000 Einwohner entfallen 
vener. Spitalskranke: 

Einwohnerzahl. 

Wie gross hätte die Zahl der vener. 
Spitalskranken sein sollen, seit 1875, 
berechnet nach den Verhältnissen 
der Einwohnerzunahrae? 

Und wie gross war diese Zahl in 
Wirklichkeit? 

Also um wie viel pCt. grosser,? 

Venerie der Kinder im Vergleiche 
zu 1875? 

Auf je 100 Erkrankungen nicht con- 
scribirter Dirnen enfallen venerische 
Männererkrankungen ? 

Um wie viel pCt. nahm zu die Zahl 
der nicht conscribirten vener. Dirnen 
seit 1875? 

Anzahl der Eheschliessungen. 

1872. 

, _ . 

12,5 

2965S7 

__ 

___ 

_ 

-f“ 8,28 pCt. 

159,3 

_ 

— 

1873. 

— 

10,3 

304806 

— 

— 

— 

+ 2,07 - 

201,7 

— 

— 

1874. 

7,23 

10,1 

313025 

— 

— 

— 

+ 5,49 - 

128,9 

— 

2525 

1875. 

8,73 

9,3 

321244 

2999 

2999 

— 

-f- 0,00 “ 

119,2 

0,00 

2429 

1876. 

6,46 

10,8 

329463 

3086 

3557 

15,2 pCt. 

+36,26 - 

114,4 

+ 24,95 pCt. 

2412 

1877. 

7,32 

11,7 

337682 

3173 

3943 

24,2 - 

+19,16 - 

138,3 

+ 26,62 - 

2295 

1878. 

13,11 

12,8 

345901 

3260 

4444 

36,3 - 

+25,02 - 

157,9 

+27,11 - 

2374 

1879. 

14,82 

12,9 

354120 

3347 

[4598 

37,4 - 

+ 15.54 - 

164,6 

+25,18 - 

2822 

1880. 

14,07 

13,6 

362339 

3434 

4934 

43,6 - 

+59,5S - 

217,9 

+ 16,13 - 

2894 

1881. 

12,56 

13,3 

370767 

1 

3521 

4935 

40,1 - 

+51,29 - 

214,6 

+ 19,69 - 

3145 


Die Rubriken 22—30 stellen auf Grund der Ausweise des Rochus- und 
Israelitenspitals dar, in welchen Verhältnissen die drei Hauptformen der Lust¬ 
seuche. nämlich die Blennorrhoe, der weiche Schanker und die constitutioneile 
Syphilis auftraten. Wir ersehen daraus, dass die Zahl der mit Blennorrhoe affi- 
cirten Männer seit 1875 in ständiger Zunahme ist, da im Jahre 1875 nur 229, 
im Jahre 1881 schon 798 blennorrhoische Männer behandelt wurden. Die Zahl 
der mit Ulcus molle behafteten Männer betrug im Jahre 1876 327, im Jahre 
1881 723; die Zahl der an Syphilis leidenden Männer war im Jahre 1873 
297, im Jahre 1881 731. 

Die Zahl der blennorrhöischen Weiber war im Jahre 1875 542, im Jahre 
1878 864 und im Jahre 1881 746. Die Zahl der mit Ulcus molle behafteten 
Weiber betrug im Jahre 1873 314, im Jahre 1876 659 und im Jahre 1881 
457. An Syphilis litten im Jahre 1873 269 und im Jahre 1881 567. 

Die Gesannntzahl der Blennorrhoe beiderGesohlechter betrug im Jahre 1875 
771 und im Jahre 1881 1544. die der weich Schankrösen im Jahre 1873 795, 
im Jahre 1879 1288 und im Jahre 1881 1195; schliesslich war die Zahl der 
Syphilitischen im Jahre 1873 566 und im Jahre 1881 1298. 


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Dimensionen und Ursachen der Lustseucbeverbreitung in Budapest. 119 


Die 31. und 32. Rubrik giebt uns darüber Aufschluss, wie viele von den 
in der 9. Rubrik angegebenen venerischen Weibern Bordellen angehörten und 
wie viele ausserhalb derselben erkrankten. Besonders möge beachtet werden, 
dass die meisten Erkrankungen bei Bordelldirnen im Jahre 1378, 1879, 1880 
und 1881 vorkamen und dass seit 1878 die Zahl der Erkrankungen bei nicht 
inscribirten Dirnen in Abnahme begriffen ist. 

Nach Angabe der 33. Rubrik ist seit 1873 die Zahl der behördlich con- 
cessionirten Bordelle von 64 auf 50 gesunken. Die Zahl der behördlich inscri¬ 
birten Dirnen ist (s. Rubrik 34) seit 1876 in steter Abnahme, von 298 auf 241. 

Rubrik 35 legt dar, dass im Budapester Garnisonspital No. 16 die veneri¬ 
schen Krankheiten im Jahre 1872 9,65 pCt. der gesammten Erkrankungen be¬ 
trugen, im Jahre 1881 hingegen schon 17.06 pCt. waren. (Die 24,86 pCt. im 
Jahre 1878 sind auf Rechnung der bosnischen Occupation zu schreiben.) 

Die 36. Rubrik vergleicht die jährliche procentuelle Zunahme der an Lust¬ 
seuche erkrankten Männer zum Vorjahre. Hier sehen wir, dass mit jedem Jahre 
die Zahl der venerischen Männer um 1—22 pCt. stieg. 

Rubrik 37 zeigt uns. um wie viel Procent die Erkrankungen an Lustsenchp 
bei Männern in den einzelnen Jahren, mit dem günstigsten Jahre 1875 ver¬ 
glichen, zugenommen haben. Und aus dieser sehr instructiven Rubrik ersehen 
wir, dass während im Jahre 1876 um 19,73 pCt. mehr venerische Männer in 
Behandlung standen, steigt dieses Procent im Vergleiche zu 1875 rasch, um im 
Jahre 1881 um 114,48 pCt. mehr venerische Männer verzeichnen zu können 
als im Jahre 1875. 

In der Rubrik 38 finden wir die Zahl der venerischen Weiber zum Vor¬ 
jahre verglichen, und hier sehen wir die besondere Erscheinung, dass die Zahl 
derjenigen venerischen Weiber, die das Spital aufsuchten, in den letzten 2 Jahren 
abgenommen hat. 

Rubrik 39 bezeugt, dass die Zahl der venerischen Weiber, zum Jahre 1875 
verglichen, sich im Steigen befindet, jedoch nicht in dem Masse, als wir dies in 
Rubrik 37 bei Männern gesehen haben. 

Rubrik 40 stellt uns die jährliche procentuelle Zu- oder Abnahme der 
venerischen Individuen dar, im Vergleiche zum vergangenen Jahre; Rubrik 41 
hinwieder das Verhältniss zum Jahre 1875. Aus denselben geht hervor, dass 
die Zahl der im Jahre 1881 behandelten venerischen Individuen die Zahl der im 
Jahre 1875 Behandelten um 65.47 pCt. überstieg. 

Nach den Angaben der Rubriken 42, 43, 44, 45 litten von den venerisch 
Erkrankten des Rochus- und Israelitenspitals im Jahre 1873 21,66 pCt., im 
Jahre 1880 hingegen schon 31,14 pCt. an constitutioneller Syphilis. Ferner 
ersehen wir, dass die Zahl der syphilitischen Männer in stetem und erschrecken¬ 
dem Masse im Steigen begriffen ist; denn während im Jahre 1874 die Zahl der 
syphilitischen Männer die des Jahres 1873 nur um 13,46 pCt. überstieg, finden 
wir im Jahre 1877 diesen Procentsatz schon mit 55,21 pCt., im Jahre 1878 
mit 92,59 pCt., im Jahre 1879 mit 116,16 pCt., im Jahre 1880 mit 151,51 
pCt. und im Jahre 1881 mit 146,16 pCt. grösser, als im erwähnten Jahre 1875. 
— Fast in ähnlichem Masse finden wir die Verbreitung der constitutioneilen Sy¬ 
philis bei Weibern; im Jahre 1874 war die Zahl derselben um 32,49 pCt., aber 
schon im Jahre 1878 um 103,30 pCt., im Jahre 1879 um 95,50 pCt. ; im 


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120 


Dr. E. Jurk i ny. 


Jahre 1880 um 89.58 pCt., im Jahre 1881 um 110,78 pCt. grösser, als im 
Jahre 1873. 

Und wenn wir die Zahlen der 45. Rubrik in Anbetracht ziehen, gelangen 
wir zu der traurigen Erfahrung, dass die Zahl der an constitutioneller Syphilis 
leidenden Individuen seit 1873 in ausserordentlichem Masse constant zunimmt, 
so dass, während im Jahre 1874 die Zahl der Syphilitischen um 22,61 pCt. 
grösser erscheint, dieselbe Zahl im Jahre 1881 schon um 129,32 pCt. grösser ist. 

Nach Rubrik 46 fällt im Jahre 1874 auf je ein Prostitutionshaus 7,23 pCt., 
im Jahre 1879 schon 14,82 pCc., im Jahre 1881 12,56 pCt. der venerischen 
Erkrankungsfälle. Diese Abnahme seit 1879 ist der in Rubrik 34 dargestellten 
Abnahme der conscribirten Prostitution zuzuschreiben. 

Rubrik 47 zeigt, dass auf je 1000 Einwohner der Hauptstadt jährlich 
9,3—13,6 venerische Spitalskranke entfallen. Auch hier finden wir, dass dieser 
Quotient seit 1875 constant steigt. 

Rubrik 48 zeigt uns die jährliche Zahl der Bevölkerung seit dem Jahre 
1872, mit Berücksichtigung der jährlich 2,9 pCt. ausmachenden Bevölkerungs¬ 
zunahme. 

Rubrik 49 berechnet, wie gross die Zahl der an Lustseuche erkrankten 
Individuen hätte sein sollen im Verhältnisse zu der in Rubrik 48 festgestellten 
Bevölkerungszunahme vom Jahre 1875, als dem günstigst erscheinenden Jahre 
ausgehend, während die 50. Rubrik darstellt, wie gross die Zahl der Venerischen 
de facto war. 

Rubrik 51 zeigt, um wie viel Procenle die wirkliche Zahl der venerischen 
Kranken diejenige Zahl übersteigt, welche von der Bevölkerungszunahme bedingt 
worden wäre. 

Rubrik 52, welche die Verbreitung der Venerie bei Kindern behandelt, be¬ 
zeugt, dass dieselbe auch bei Kindern beträchtliche Verbreitung findet, denn im 
Jahre 1876 übersteigt sie um 36,26 pCt., im Jahre 1881 um 51,29 pCt., im 
Jahre 1880 um 59.58 pCt. den Stand des Jahres 1875. 

Rubrik 53, welche die Frage beantwortet, „wie viele Erkrankungen bei 
Männern fallen auf je 100 ausserhalb der Bordelle erkrankten und zur Behandlung 
gelangten Dirnen“, bezeugt, dass im Jahre 1874, 1875 und 1876 auf je 100 
nicht Bordellen angehörige Dirnen 114—128 Männererkrankungen entfallen, 
während im Jahre 1878. 1879, 1880 und 1881 177—217 venerische Männer 
das Spital aufsuchten, je 100 „Nichtbordelldirnen“ gegenüber. 

In der Rubrik 54 finden wir die Schwankung der Zahl der venerischen 
„Nichtbordelldirnen“ im Vergleiche mit 1875. So finden wir, dass diese Zahl 
seit 1878 in stetem Abnehmen begriffen ist. 

Schliesslich erfahren wir aus den Angaben der 55. Rubrik, dass die Zahl 
der Eheschliessungen seit 1879 stets zunimmt. — 

Wenn wir sämmtliche hier gegebene Zahlen einer eingehenden Kritik unter¬ 
ziehen, so lassen sich folgende Thatsachen constatiren: 

1. Die Lustseuche nimmt in Budapest seit 1875 constant grössere Dimen¬ 
sionen an. 

2. Ist die ungleiche grosse Zunahme der Lustseuche bei Männern auf¬ 
fallend. 


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Dimensionen und Ursachen der Lustseucheverbreitung in Budapest. 121 

3. Ist die Zunahme der Lustseuche bei Weibern scheinbar in gar keinem 
Verhältnisse zu der Lustseuche bei Männern; seit 1879 werden alljährlich immer 
weniger venerische Weiber in Behandlung genommen. 

4. Auch bei Kindern bemerken wir eine bedeutende Zunahme der Lust¬ 
seuche seit 1875. 

5. Auch unter den Soldaten kann von Jahr zu Jahr eine Zunahme der 
Lustseuche constatirt werden. 

6. So wie bei den acut infectiösen Krankheiten die Häufigkeit der Sterbe- 
fälle, so kann auch bei der Lustseuche die Häufigkeit der constitutionellen Sy¬ 
philis als Gradmesser der Intensität dieser Krankheit betrachtet werden. Und 
so sehen wir, dass im Jahre 1881 bereits ein Dritttheil der an Luslseuche Er¬ 
krankten an constitutioneller Syphilis leidet! dass im Jahre 1881 um 129,32 
pCt. mehr an constitutioneller Syphilis Leidende behandelt wurden als im Jahre 
,1875, dass also seit 10 Jahren — blos die in den Spitälern behandelten Vene¬ 
rischen in Betracht gezogen — beiläufig 12000 Individuen an dieser, die Ge¬ 
sellschaft in jeder Beziehung schädigenden Krankheit leiden! Und wenn diese 
Krankheit in den bisherigen Dimensionen um sich greifen würde und ihrer Ver¬ 
breitung baldigst kein Einhalt geboten wird, so stehen wir nicht gar fern von 
dem Zeitpunkte, wo ein bedeutender Theil der Bevölkerung diesem verheerenden 
Uebel zum Opfer gefallen sein wird. 

7. Die Zahl der behördlich concessionirten Bordelle ist in sieter Abnahme 
und mit ihr die Zahl der nicht behördlich conscribirten und der geheim prosti- 
tuirten Dirnen beträgt hingegen mehrere Tausende und ist in steter Zunahme. 

8. In den Jahren 1875—1877 entfallen auf je ein Bordoll 6—8 vene¬ 
rische Erkrankungen, seit 1878 schon 12 —15! Diese Zahl bestätigt wol, dass 
die behördlich angeordneten ärztlichen Untersuchungen und die Zuweisungen in 
Spitäler mit gehöriger Strenge vorgenommen werden; bezeugt aber auch anderer¬ 
seits, dass die Bordelldirnen seit den letzten 4 Jahren häufiger als ehedem der 
Ansteckung ausgesetzt sind, aus welchem Umstande geschlossen werden kann, 
dass die Lustseuche unter Männern besseren Standes (welche Bordelle aufsuchen) 
in grossem Masse grassirt. 

9. Wir finden, während in den Jahren 1874—1876 auf je 100 Nicht¬ 
bordelldirnen 114—128 inficirte Männer entfallen, im Jahre 1880 schon 217, 
im Jahre 1881 214. Auch beobachten wir den Umstand, dass seit 1875, 
während die Lustseuche in den oben erwähnten riesigen Dimensionen sich ver¬ 
breitet, die Zahl dor Nichtbordelldirnen im Jahre 1880 —1881 nur um 16 und 
19 pCt. grösser war als im Jahre 1875. — Sprechen diese Zahlen etwa für 
bessere Sanitäts- und Moralitätsverhältnisse der geheim Prostituirten (d. h. nicht 
Conscribirten)? Keinesfalls! Diese Zahlen lassen uns zu dem Schlüsse gelangen, 
dass die im Geheimen, in Privatwohnungen, in nicht concessionirten Bordellen etc. 
Prostitution treibenden Dirnen fortwährend häufiger inficiren, ohne dass sie zur 
rechten Zeit in das Spital kämen. Und in eben diesem Umstande finde ich die 
wirkliche Ursache der Verbreitung der Syphilis. Denn während die Bordelldirne 
schon im Beginn ihrer Erkrankung allsogleich dem Spital zugewiesen wird, sucht 
die Geheimprostituirte nur'dann Hülfe im Krankenhause, wenn sie es zu thun 
genöthigt ist, entweder weil sie polizeilich verhaftet und krank befunden in’s 
Spital geschickt wird, oder weil ihr Uebel bereits derart zugenommen hat, dass 


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122 


Dr. E. Juikiny, 


sie ihrer gewohnten Beschäftigung nicht nachkommen kann. In diese Kategorie 
gehören die der Venus vulgivaga, die Privatdirnen, die Kellnerinnen, die Blumen¬ 
mädchen, die hausirenden Mädchen, die vagirenden Dienstboten und Stuben¬ 
mädchen etc. etc. 

10. Die in Spitälern gesammelten Erfahrungen bestätigen lebhaft meine 
Behauptung, dass die Verbreiter der Lustseuche die nicht Bordollen angehörenden 
venerischen Dirnen sind. — Solche Dirnen kommen mit den hartnäckigsten, ver- 
nachlässigsten Formen der Lustseuche nur nach mehrwöchentlichem, ja nach 
mehrmonatlichem Bestände der Krankheit in’s Spital. Wer weiss, wie viel Männer 
durch sie bereits inficirt wurden? 

11. Die Verbreitungszahl der Lustseuche steht in geradem Verhältniss zur 
Zahl der Eheschliessungen. Die meisten Ehen wurden — im Vergleiche mit den 
früheren Jahren — im Jahre 1879, 1880 und 1881 geschlossen und eben in 
diesen Jahren finden wir die meisten venerischen Erkrankungen. Diese That- 
sache spricht ebenfalls für die Zunahme der Venerie. — 

Indem ich auf diese Weise mich bestrebte, den mir zu Gebote stehenden 
Stoff nach jeder Richiung hin zu beleuchten und zusammenzustellen und die 
Factoren der Verbreitung der Lustseuche zu erforschen, so gelangen wir zu der 
Ueberzeugung, dass die Weiterverbreitung der Lustseuche nur durch energische 
und umsichtliche polizeiliche Massregeln gehemmt werden kann. Solche Mass- 
regeln wären: den liderlichen Dirnen die Prostitution ausserhalb behördlich con- 
cessionirter Bordelle strengstens zu verbieten, beziehungsweise solche Dirnen 
behördlich einzuschreiben; die Prostitution in Kaffeehäusern, in Kaffeeschänken 
und unter dem Scheine irgend eines Gewerbes zu verbieten; vagirende Dirnen 
festzunehmen, diese sowie die grosse Anzahl der vagirenden Dienstboten in die 
Heimathsbehörde abzuschieben, alle diese Dirnen aber im Falle einer venerischen 
Erkrankung sofort im Spitale unterzubringen; denn die Zahl der venerischen 
Erkrankungen unter männlichen Individuen wird nur in dem Falle geringer, 
wenn sämmtliche prostituirte Dirnen im Falle venerischer Erkrankung sobald als 
möglich in Pflege gebracht werden. 

Wie beträchtlich der materielle Schaden des Staates eben in Folge der 
intensiven Verbreitung der Lustseuche ist, beweist der annähernde Calcul, dass 
während dieser 10 Jahre die Verpflegungskosten der in Budapest behandelten 
Venerischen (pro Individuum durchschnittlich nur 25 Gulden genommen) beinahe 
eine Million Gulden betragen. Diese Summe belastet die Staatskasse allein, da 
die Verpflegungsgebühren der an Lustseuche Leidenden weder vom Arbeitsgeber, 
noch von der Heimathsbehörde bestritten werden. 

Die Ueberfiillung der hauptstädtischen Spitäler in den letzten Jahren wurde 
grösstentheiIs durch die grosse Zahl der Venerischen verursacht. 

Zum Schluss dürfen wir nicht den materiellen Schaden ausser Acht lassen, 
den der Staat, sowie Einzelne dadurch erleiden, dass übrigens kräftige und 
arbeitsfähige Individuen an Lustseuche und deren Folgen siechend, für längere 
Zeit arbeitsunfähig und zum dritten Theil der Fälle eine gesunde und kräftige 
Generation zu erzeugen unfähig sein werden. — 

Diese Abhandlung constatirte grösstentheils Thatsachen, welche wir Alle 
wol ahnten, welche jedoch nur dann überzeugende Kraft besitzen, wenn sie auf 


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Dimensionen und Ursachen der Lustseucheverbreitung in Budapest. 123 


sicherer Zahlengrundlage basiren. Ich glaube, dass die gelieferten Daten ein 
möglichst treues Bild der in Budapest herrschenden Lustseuche geben; es wäre 
sehr wünschenswert!), wenn in grösseren Städten oder Bezirken ebenfalls in 
dieser Richtung Untersuchungen angestellt würden, denn die Syphilis fordert 
zahlreich Opfer, besonders dort, wo die strenge behördliche Ueberwachung der 
Prostitution nicht eingeführt ist. Denn „unberechenbar ist der Schaden“, sagt 
Prof. Fodor, „welchen unsere hinfälligen Sanitätsverhältnisse uns zufügen. 
Das fortwährende Siechthum untergräbt die Lebenskraft des Volkes, kachectische 
Väter und Mütter zeugen eine gebrechliche Generation, welche immer tiefer sinkt 
in ihrer physischen Kraft. * 


2 . 

Aphorismen zur Reform des prenssischen Hebammenwesens, ein¬ 
schliesslich einer Kritik des von Herrn Heheimrath Professor 
Dr. Litzmann in Kiel 1878 bearbeiteten offieiellen Lehrbuchs. 

Von 

Dr. Wachs, 

Director der Provlnzlal-Hebammen-Lehranstalt zu Wittenberg, 

Kreisphysikus und Geh. 8anit&tsrath. 


(Fortsetzung.) 

II. Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuchs. 

Indem wir an eine Beurtheilung des Hebammen - Lehrbuchs 
herantreten, unterlassen wir nicht, ausdrücklich vorauszuschicken, 
dass es für uns Gewissenssache ist, eigene abweichende Ansichten und, 
wie wir meinen, zum Theil wolbegründete Ausstellungen mit mög¬ 
lichster Objectivität und lediglich in sachlichem Interesse offen dar¬ 
zulegen. 

In erster Linie ist hervorzuheben, dass in diesem Lehrbuche das 
antiseptische Verfahren *) auch für den Wirkungskreis der Hebammen 
ganz besonders in’s Auge gefasst und bei der zu gleicher Zeit aufs 
Strengste vorgeschriebenen sonstigen Reinlichkeit gewiss zur Vermin¬ 
derung der Erkrankungen von Schwangeren, Gebärenden und Wöchne¬ 
rinnen wesentlich das Seinige beitragen wird. Nach den staunens- 
werthen Erfolgen der antiseptischen Prophylaxe und Behandlung auf 


*) Entschieden zu streng urtheilt in der Deutsch, medic. Wochenschrift, 1882. 
S. 30, Herr Dr. Brennecke, wenn er sich den Ausspruch erlaubt, „unser prcussi- 
sches Hebammcn-Lebrbuch ist antiseptisch weder warm noch kalt.“ 


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124 


Dr. Wachs, 


dem chirurgischen Gebiet konnte freilich, sollte anders der wissen¬ 
schaftliche Standpunkt der heutigen Medicin dem Hebammenberufe 
nicht verloren gehen, bei der Neubearbeitung eines preussischen Heb- 
ammen-Lehrbuchs diese segensreiche Methode nicht unbeachtet blei¬ 
ben, wennschon solche unzweifelhaft nach und nach noch mannigfache 
Wandlungen und Vereinfachung durch fernere reiche Erfahrungen er¬ 
leiden dürfte 1 ). Trotzdem ist diese Berücksichtigung der Antisepsis 
seitens des neuen Lehrbuchs als eine verdienstvolle Seite desselben 
anzuerkennen. 

Die weitere Beurtheilung seines Inhaltes erstreckt sich auf eine 
Prüfung folgender Kapitel: der Schreibweise des Lehrbuchs, der ein¬ 
leitenden anthropologischen Skizze, der Illustrationen, der Grössen¬ 
bestimmungen und der Lehre von der Wendung, sowie vom fehlerhaften 
Becken. Auf Grund dieser speciellen Prüfungen werden wir unser 
Gesammturtheil abgeben, dem wir nur noch'eine Anzahl vereinzelter 
kritischer Bemerkungen des besseren Verständnisses halber voranzu¬ 
stellen gedenken. 

a) Die Schreibweise. 

Abgesehen von dem Umstande, dass die ganze Diction des Lehr¬ 
buchs nur als eine äusserst nüchterne bezeichnet werden kann, be¬ 
rührt den Fachkenner schon bei der ersten Durchsicht sehr unange¬ 
nehm die Wiederholung gewisser Ausdrücke. 

Einen sprechenden Beleg für solchen Tadel liefert der störende häufige Ge¬ 
branch der Worte „muss“ und „müssen“. So ist auf Seite 107 (Z. 6) zu lesen: 
„vom 2. bis 3. Tage muss die Hebamme täglich für Leibesöffcung sorgen“, 
(Z. 9) „beim Stuhlgang muss sich die Wöchnerin einer Bettschüssel bedienen“, 
(Z. 10) „und muss sich auch des Pressens enthalten“, (Z. 12) „so muss ein Arzt 
herbeigerufen werden“, (Z. 14) „wo möglich bis zum Ende der zweiten muss die 
Wöchnerin etc. im Bett zubringen“, (Z. 17) „wenn in dieser Zeit ihr Bett ge¬ 
macht werden muss“, (Z. IS) „so darf sie nicht aufstehen, sondern muss aus 
dem Bett etc. getragen werden“. (Z. 19) „Ebenso muss das Kämmen der Haare 
im Liegen geschehen“ und (Z. 32) „wo derselbe (der Schlaf) mangelt, muss 


l ) Yergl. in dieser beschränkenden Beziehung die sachkundige Forderung 
von dem eben erwähnten Kritiker in seinem „Beitrage zur praktischen Lö¬ 
sung der Puerperalfieberfrage“, Berliner klin. Wochenschrift 26. 1881. S. 368: 
„Die prophylaktischen Massnahmen haben sich auf das geburtshülfliche Personal 
und auf die Umgebung der Kreissenden resp. Wöchnerin zu beschränken; mit 
dem Genitaltractus der Kreissenden resp. Wöchnerin selbst haben 
sie — strengste Reinlichkeit selbstverständlich vorausgesetzt — a priori nichts 
zu thun.“ 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lchrbuchs. 


125 


unbedingt die Hülfe des Arztes gesucht werden.“ Auf S. 180 steht ferner des¬ 
gleichen (Z. 5): „einer jeden Schwangeren mit engem Becken muss sie ernst¬ 
lich anrathen“. (Z. 10) „bei der Geburt muss der Arzt immer gerufen werden“, 
(Z. 14) „muss die Hebamme einen Arzt herbeirufen lassen“, (Z. 25, 26 und 
27 hintereinander) „die Hebamme muss daher die Frau sogleich sich nieder¬ 
legen lassen, sie selbst muss bei der inneren Untersuchung mit grosser Behut¬ 
samkeit zu Werke gehen; sie muss der Gebärenden jedes Drängen und Pressen 
untersagen“, (Z. 32) „im Uebrigen muss man sich möglichst nach der Bequem¬ 
lichkeit der Kreissenden richten“ und (Z. 35) „dabei muss die Hebamme beob¬ 
achten etc.“ 

Das Wort: „Muss“ kommt demnach so häufig vor, als ob dadurch das Les¬ 
sin g’scheWort: „KeinMensch muss müssen“ inMisscredit gebracht werden sollte. 

ln ähnlicher Weise stört auch der vielfache Gebrauch von „soll“ und 
„sollen“. Diese Worte finden sich, um nur einen Beleg zu liefern, allein in den 
von Seite 301 bis 310 gedruckten Instructionsparagraphen nicht weniger als 
36 Male vor, was sich doch bei einer nur einigermassen aufmerksamen Ueber- 
arbeitung gar wol hätte vermeiden lassen. 

Es knüpft sich hieran noch ein anderer Umstand, der sich vorwaltend 
auf die Kedaction des Buches bezieht. Es ist dies der Mangel des für die Heb¬ 
ammen unbedingt r.othwendig sittlich und ethischen Elements. 

Bei diesem Hinweise verwahren wir uns übrigens von vornherein gegen 
jeden Verdacht auf Sentimalität oder Frömmelei, und erklären ausdrücklich, dass 
eine etwaige religiöse Förderung der Schülerinnen keineswegs zur Aufgabe der 
Unterrichtsanstalt gehört, sondern der letztgenannten vor Allem die allseitige 
tüchtige Ausbildung ihrer Pflegebefohlenen für den zukünftigen Beruf obliegt. 
Doch verlangt ein rein psychologischer Factor unabweislich, dass in einem blos 
der Unterweisung von Frauen dienenden Lehrbuche auch bis zu einem gewissen 
Grade eine ethische Seite zur Geltung kommt, da die weibliche Individualität an 
sich in jedem Lebensverhältnisse nach der Gemüthsseite hin angeregt und ge¬ 
fesselt zu werden verlangt. Solche Gesichtspunkte, dass der ernste Beruf einer 
Hebamme, um ihn bei seinen vielen Mühen und Opfern wie mässigem Lohne 
freudig für alle Zeit auszuüben, auf ernster und sittlich-religiöser Basis beruhen 
müsse, hat schon der frühere Verfasser des preisgekrönten preussischen Heb¬ 
ammen-Lehrbuchs, Joseph Hermann Schmidt, in höchst dankenswerther 
Weise in’s Auge gefasst. Wenn man am Schlüsse der Einleitung zu seinem 
1839 zum ersten Male erschienenen Lehrbuche die den Schülerinnen erlheilte 
Mahnung liest, ja erst nochmals bezüglich der Wahl ihrer zukünftigen, arbeits¬ 
reichen Lebensbahn ernstlich mit sich zu Rathe zu gehen, wenn man die humane 
Aufforderung beachtet, welche die Heiligkeit des Eides betrifft und die bei Un¬ 
glücksfällen und dem Selbstmörder gegenüber an die ganze Denk- und Hand¬ 
lungsweise der späteren Hebammen gestellt, ja mit welchen warmen Worten am 
Schlüsse des Buches die opferwilligste Ausübung des Amtes an’s Herz gelegt 
wird; so kann man sich, unterstützt von den ganz übereinstimmenden Erfahrun¬ 
gen, die man in jedem Lehrcursus zu machen reiche Gelegenheit hat, durchaus 
nicht der Ueberzeugung verschliessen, dass solche Ansprache mit Mass und am 
rechten Orte eingeflochten, nicht blos wohlthuend berührt, sondern ein wesent- 


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126 


Dr. Wachs, 


liches Substrat des gesammten Unterrichtes und somit auch den diesem dienen¬ 
den Leitfaden abgiebt. Der Herr Herausgeber ist aber leider auch nicht an¬ 
nähernd diesem Vorbilde nacbgefolgt. 

b) Der Bau und die Verrichtungen des menschlichen 

Körpers. 

Wenn es zunächst Anerkennung verdient, dass überhaupt dieses 
Kapitel als Einleitung für das Fachwissen einer Hebammenschülerin 
im Lehrbuche Aufnahme gefunden hat, so entzieht es sich doch nicht 
dem Vorwurfe, dass die Vorführung der Lehre vom menschlichen 
Körper in der gewählten Form nicht geeignet ist, den Schülerinnen 
ein für ihre Zwecke klares Wissen zu gewähren. 

Der methodische Gang des Unterrichts verlangt mit Recht, dass jeder Theil 
erklärt ist, ehe er im Zusammenhänge mit anderen Theilen erwähnt wird. S. 2 
heisst es: „die Enden der Knochen haben einen Ueberzug von Knorpel.“ Was 
aber Knorpel ist, bleibt unberührt, obschon S. 9 vom Kreuzbein berichtet wird, 
dass es mit den anstossenden Knochen durch Gelenkflächen mittels „Knorpel 
und Bänder“ befestigt sei, während die für Gesichts- und Kopfseitenlagen noth- 
wendige selbständige Knorpelbildung der unteren Nasenhälfte und des äusseren 
Ohres keine Erwähnung findet. Die Beschreibung des Gerippes, insoweit Kennt- 
niss desselben namentlich für die Unterscheidung der verschiedenen Kindeslagen, 
z. B. von Arm und Fuss geboten ist, lässt Vieles zu wünschen übrig. Es fehlt 
sowohl die Erwähnung der scharfen Kante des Schienbeines, als der Hinweis auf 
die nahen Knöchel und die Ferse, auf den anatomisch schmalen Bau des Mittel- 
fusses im Gegensatz zum breiten der Mittelhand und auf die von den Zehen ab¬ 
weichende Grösse, Gestalt und Beweglichkeit der Finger, ebenso auf die geringe 
Beweglichkeit der grossen Zehe im Gegensatz zu dem vom 2. Finger fast recht¬ 
winklig abstehenden Daumen. 

Bei der Lehre vom Kreisläufe des Blutes erregt die Erwähnung der Bildung 
von Sauerstoff und Kohlenstoff gerechtes Bedenken, da sich die Schülerin keine 
Idee von solchen chemischen Verbindungen machen kann. Diese chemischen 
Belehrungen gehören durchaus nicht in ein ilebammenbuch. Wenn weiter 
S. 6 einfach gesagt wird, dass aus den Nahrungsmitteln der „Milchsaft“ ent¬ 
steht, so ist die an sich schon häufig vorkommende Verwechslung kaum zu ver¬ 
meiden, in dem fraglichen Saft diejenige Flüssigkeit zu suchen, welche sich in 
die Milch der Brüste umwandelt. 

Die vorliegende rudimentäre Skizze vom menschlichen Körper 
würde weit übersichtlicher ausgefallen sein, wenn vom Herrn Heraus¬ 
geber nach dem Vorbilde der anthropologischen Excurse in den Lehr¬ 
büchern von Nägele, Hoefft, Birnbaum, Grenser, Plath etc., 
zuerst eine kurze Uebersicht der wichtigeren anatomischen Grund- 
bestandtheile geliefert, dann das Gerippe als Grundlage des ganzen 
Körpers mit allen denjenigen Einzelheiten, welche im Hebammen- 


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Kritik des preussischen Hcbammen-Lehrbuchs. 


127 


berufe von Bedeutung sind, und unter gleicher Rücksichtnahme die 
am und im Gerippe liegenden Weichtheile geschildert wären. Daran 
hätte sich dann die Lehre von der Ernährung, der Blutbereitung, der 
Athmung, den Absonderungen, der Nervenfunction und den geschlecht¬ 
lichen Verrichtungen nebst kurzen Bemerkungen über den Scheintod, 
das Sterben und den Tod zweckentsprechend anreihen müssen. 

c) Die Abbildungen. 

Every nrt is best tnught by cxainple. 

J o it n s o n. 

Das jetzige Hebammenbuch von 1878 hat die reichen Abbildun¬ 
gen des früheren Schmidt’schen und Kanzow’schen (dort 31 resp. 
29, hier 11 angehängte Tafeln) weggelassen und, ohne dass der Vor¬ 
bericht sich des Näheren über die Motive ausspricht — denn es heisst 
in demselben blos: von der Commission sei die Auswahl und Anzahl 
der dem Buche beizugebenden Abbildungen festgestellt — einige 
wenige Holzschnitte zwischen dem Text aufgenoromen. 

Wir legen aber auf bildliche Darstellungen zur Erläuterung des im 
Buche Gelehrten für durchschnittlich blos massig vorgebildete Schüle¬ 
rinnen einen ganz besonderen Werth. Jede Lehrtochter ist ebenso 
gut auf den Anschauungsunterricht verwiesen, wie in der Volksschule 
der Elementarschüler, welcher aller Erfahrung zufolge daraus den er¬ 
klecklichsten Nutzen zieht, indem zweckmässige, zwischen den Text 
der Fibeln und Lehrbücher vertheilte Abbildungen den jedesmaligen 
Inhalt dem Verständniss näher bringen. Sind nun zwar auch bei 
dem Unterrichte in der Hebammenanstalt eine Anzahl praktischer 
Hülfsmittel vorhanden, wie schematische Zeichnungen an der Wand¬ 
tafel, plastische Nachbildungen, Präparate, Phantomübungen und Ent¬ 
bindungen, welche den Vortrag in geeigneter Weise der Schülerin er¬ 
läutern; so hat diese letztere doch schon, wenn sie nach den Unter¬ 
richtsstunden das Vorgetragene repetiren und dem Gedächtniss fest 
einprägen will, nicht gleich jene Zeichnungen, Präparate, Sch wangereu, 
Kreissenden etc. zur Hand. Wohl aber erleichtern ihr passend ausge¬ 
wählte und durchaus naturgetreue Abbildungen im Lehrbuche diese 
Aufgabe ganz wesentlich. Aber auch, wenn man von diesen schon 
während der Dauer des Lehrcursus auf der Hand liegenden Vortheilen 
absieht, sind Illustrationen des Textes, sei es, dass man sie zwischen 
denselben vertheilt oder auf Tafeln dem Lehrbuche anhängt, noch aus 
einem anderen, nicht weniger bedeutungsvollen Grunde nothwendig. 
Das Hebammen-Lehrbuch hat ja eine doppelte Bestimmung. Es 


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, 

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128 


Dr. Wachs. 


soll zunächst der Schülerin als Leitfaden beim Unterrichte, sodann 
ihr aber auch ira späteren, durchschnittlich dreissigjährigen Zeit¬ 
räume der Berufsübung als zuverlässige Richtschnur für ihr ganzes 
Handeln dienen. So lange es aber einer Hebamme obliegt, bei ge¬ 
wissen gefahrvollen Ereignissen die Wendung zu vollziehen, die Nach¬ 
geburt zu entfernen und die wichtigeren Beckendifformitäten zu er¬ 
kennen, um den richtigen Zeitpunkt zur Herbeirufung ärztlichen Bei¬ 
standes und wol auch zur Einleitung der künstlichen Frühgeburt 
nicht zu übersehen, muss sie auch fortwährend das Bild der regel¬ 
widrigen Kindeslagen und Beckenformen, das anomale Verhalten der 
Nabelschnur, sowie des Mutterkuchens und noch vieler anderen ab¬ 
weichenden Zustände stets im Geiste vor sich sehen. Dies wird ihr 
aber im späteren Berufsleben, zumal wenn die Praxis blüht, nur 
dann möglich sein, wenn sich gute bildliche Darstellungen von allen 
diesen Regelwidrigkeiten und den erforderlichen Encheiresen im Lehr¬ 
buche vorfinden, durch deren Anschauung sie sich schnell das oft 
längst im Gedächtniss Verblasste wieder zu vergegenwärtigen vermag. 
Eine ganze Anzahl der neueren Lehrbücher haben gerade diesem 
Desiderate durch zahlreiche beigefügte Erläuterungstafeln in höherem 
oder geringerem Masse Rechnung zu tragen gesucht. Der Ausspruch 
Seneca’s: „Longum est iter per praecepta, breve et efficax per exempla“ 
dürfte wol kaum anderswo eine berechtigtere Anwendung finden als 
bei der vorliegenden wichtigen Frage. 

Auch die alltägliche Erfahrung während des Unterrichts liefert 
uns den sprechenden Beleg für die Richtigkeit dieser Forderung. 
Unter den Schülerinnen der hiesigen Anstalt giebts fast immer ein¬ 
zelne, welche das Schmidt’sche Hebammenbuch, das vielleicht vor 
Jahren der Mutter in die Hände gegeben war, gleich von hause mit¬ 
bringen und in diesem nun ihren Mitschülerinnen die Abbildungen 
der verschiedenen Kindeslagen, des regelwidrigen Beckens etc. vorzu¬ 
zeigen nicht verfehlen. Einstimmig wird stets dem lebhaftesten Be¬ 
dauern Ausdruck gegeben, dass diese willkommenen bildlichen Hülfs- 
mittel im jetzigen Lehrbuche nicht geboten sind. Ja, wenn die an¬ 
deren Schülerinnen aus der in die Mitte des Lehrcursus fallenden 
kurzen Ferienzeit zurückkoramen, sind meist mehrere Exemplare des 
früheren Lehrbuches blos wegen der darin befindlichen lehrreichen 
A bbildungen entweder antiquarisch angekauft oder durch Geld und 
und gute Worte aus der Heimath beschafft. 

Dass das preussische Hebamraen-Lehrbuch nur so wenige und karg- 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuchs. 


129 


liehe Abbildungen enthält und somit vor Allen nach der Seite hin 
seine Aufgabe verfehlt, auch für die spätere langjährige Berufsübung 
der sichere Wegweiser bei jedem Zweifel zu bleiben, ist eine die radi- 
calste Remedur verlangende Schattenseite. 

d) Die Grössenbestimmungen. 

Das neue Lehrbuch hat häufig Grössenmasse acceptirt, welche 
zunächst deshalb zu ernstem Bedenken Anlass geben, als sie in 
Folge ihrer vielfach schwankenden Begrenzungen beim Einlernen dem 
Gedächtnisse der Schülerinnen nicht den mindesten Anhalt gewähren 
und daher rein mechanisch eingeprägt werden müssen. Zunächst 
wenden wir uns den einflussreichen Durchmessern des kleinen Beckens 
zu und erinnern uns gleichzeitig, dass die Wissenschaft auch die 
Beckenmasse blos als Durchschnittsgrössen aufgefasst wissen will, 
da solche ja nur das statistische Ergebniss aus der Messung von 
hundert oder tausend Becken repräsentiren. Der Herr Verfasser 
bestimmt aber die üblichen Durchmesser im Beckeneingange zu 11, 
12 und 13y 2 Ctm. Die Lernende wird somit veranlasst, sich den 
geraden Durchmesser als 11 Ctm. gross, dann jeden der beiden 
schrägen um 1 Ctm. grösser und den queren noch um l'/ 2 Ctm. über 
das letztere Mass hinausgehend zu denken. Da aber im Lehrbuche 
bei den der grösseren Menge von Massangaben ohnehin oft ein Spiel¬ 
raum von V*—V 4 Ctm. gelassen wird, so wäre es doch für die Schü¬ 
lerin weit fasslicher, wenn gelehrt würde, dass der gerade Durch¬ 
messer im Beckeneingange 11 Ctm. beträgt, die schrägen nicht 1, 
sondern 1V 4 Ctm. grösser ausfielen, also sich auf 12 V* Ctm. beliefen 
und, um die Länge des Querdurchmessers zu behalten, dem letztge¬ 
nannten Werthe abermals 17 4 Ctra. zugesetzt werden müssten, so dass 
sonach die Grösse des queren 13'/ 2 Ctm. beträgt. Diese anschei¬ 
nende Umständlichkeit verhütet jede Unsicherheit, da l l / 4 Ctm. Plus 
für die schrägen, und dann nochmals dasselbe Plus für die Grösse 
des queren leichter im Gedächtniss bleibt, als wenn einmal 1 Ctm. 
und dann nochmals lV 2 Ctm. hinzukommen. 

Für die Beckenhöhle, „wo sie am weitesten ist“, wird der gerade 
Durchmesser zu 12 bis 13'/ 2 und der quere zu 11 bis ll'/ 2 Ctm. 
festgestellt. Diese schwankenden Bestimmungen möchten allenfalls 
gelehrt gelten, in praxi sind sie jedoch überflüssig und selbst störend. 
Viel besser ist es, für den geraden Durchmesser der Beckenweite 12y 4 , 
und für den queren 11 Ctm. festzuhalten. Denn diese Grössenbestim- 

Yicrtcljalirsschr. f. gor. Mod. X. F. XXXVIII. 1. f) 

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130 


Dr. Wachs, 


mungen hat die Schülerin bereits im Beckeneingange kennen gelernt, 
und braucht sich solche nunmehr blos für andere Richtungen gültig, 
d. h. nicht mehr, wie im Eingänge, für „schräg“ und „gerade“, son¬ 
dern (für die Beckenweite) für „gerade“ und „quer“ zu denken, 
welche örtliche Abänderung sich ohnehin durch eine kurze Demon¬ 
stration am Becken schnell und leicht zum Verständniss bringen lässt. 

Die in den früheren preussischen und ausländischen Lehrbüchern 
mit angeführten schrägen Durchmesser der Beckenweite sind, was nur 
zu billigen ist, in Wegfall gekommen. Mit Rücksicht auf die spätere 
Beschreibung der Drehungen des Kindeskopfes bei seinem Durchtritte 
durch den Beckencanal hätte indessen der Hinweis nicht unterbleiben 
sollen, dass in der Beckenweite die schrägen Richtungen, welche nach¬ 
giebige Endpunkte nach vorn und hinten besitzen, doch noch den ent¬ 
sprechenden queren und geraden Durchmesser an Grösse um etwas 
überträfen. 

Auch „im unteren engeren Theile des Beckens“, welche nicht zu¬ 
treffende Benennung durch die herkömmliche der „Beckenenge“ ersetzt 
werden muss, ist der gerade zu 11 bis 11V 2 > und der quere zu 
10'/ 2 Ctm. angeführt, so dass die Schülerin gezwungen wird, sich blos 
für diesen einen Beckendurchschnitt abermals 3 Grössenbestimmungen 
zu merken. Dies ist aber ein reiner Gedächtnissballast. Es empfiehlt 
sich daher ungleich mehr, die beiden Durchmesser der Beckenenge 
nebst den beiden des Ausganges für den Anfang des Unterrichts auf 
11 Ctm. zu bestimmen und dann nur hinzuzufügen, dass sich in der 
Beckenenge die Zahl 11 für deren Querdurchmesser durch’s Herein¬ 
ragen der Sitzstacheln, was den Schülerinnen schon bei oberfläch¬ 
lichster Betrachtung des Beckencanales aufgefallen sein muss, auf 10 
verringere, während der gerade Durchmesser des Ausganges dadurch, 
dass der austretende Kindeskopf in der Regel das bewegliche Steiss- 
bein zurückdränge, um 2 Ctm. zunehraen könne. 

Ebenso wird die Schülerin in einer nicht übersichtlichen Weise über die Höhe 
des Beckens belehrt. Hinten, heisst es, betrage diese 13 l / 2 , seitlich 9 '/ 2 und 
vorn 4 Ctm. Es spielt aber V 2 bis 1 Ctm. bei der Angabe der Höhe des Becken¬ 
gürtels in der Praxis ebenfalls keine Rolle. Der leichteren Auffassung halber ver¬ 
dienen daher die Masse 13, 10 und 4 Ctm. für hintere, seitliche und vordere 
Beckenhöhe den unbedingten Vorzug, da diese Zahlen dem Lehrer gestatten, die 
Schülerin darauf hinzuweisen, dass sie, wenn von ihr einmal die Höhe der hin¬ 
teren Beckenwand zu 13 Ctm. eingelernt ist, nur 3 Ctm. abzuziehen braucht, 
um mit 10 Ctm. die seitliche Höhe des Beckens im Gedächtniss zu behalten, und 
hiervon wieder das Doppelte jener subtrahirten 3 Ctm., also 6 Ctm., abziehen 


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Kritik des preussischen Hebatnmon-Lehrbuchs. 


131 


muss, um sich ein für allemal die vordere Beckenhöhe von 4Ctm, einzuprägen. Hat 
doch die ganze Höhenbestimmung des kleinen Beckens für die Schülerin einzig 
und allein den Zweck, ihr klar zu machen, dass der Beckenring nicht überall 
gleich hoch, sondern hinten mehr als dreimal und seitlich mehr als zweimal so 
hoch ist, als vorn. 

Eine ähnliche, nicht weniger misszubilligende Unsicherheit der¬ 
artiger Bestimmungen tritt §. 42, S. 27 zu Tage, wo die Entwick¬ 
lung der Frucht in den einzelnen Schwangerschaftsmonaten be¬ 
sprochen wird. 

Wir stellen ohne Rücksichtnahme auf den so wichtigen Ausbildungsgrad der 
einzelnen Fruchttheile, indem wir blos die Länge und das Gewicht in’s Auge 
fassen, nach den Angaben des Lehrbuchs folgende Tabelle zusammen: 


Entwicklung der Frucht in den einzelnen Schwangerschafts¬ 
monaten nach Länge und Gewicht. 


Monat. 

Körperlänge. 

Körpergewicht. 

1. 

2. 

durchschnittlich 2'/*—3 Ctm. 

' 

3. 

etwa 8 Ctm. 

— 

4. 

durchschnittlich 11—12 Ctm. 

— 

5. 

25—30 Ctm. 

— 

6. 

32—35 - 

etwa 700—1000 Grm. 

7. 

etwa 38—40 Ctm. 

1200-1500 Grm. 

S. 

durchschnittlich 41—42 Ctm. 

1600—1800 - 

9. 

ungefähr 44 Ctm. 

1900—2000 - 

10. 

Anfang: ungefähr 46 Ctm. 

2000—2500 - 

Ende: durchschnittl. 48—54 Ctm. 

gegen 3000—3500 Grm. 


Zählen wir die 29 in der Tabelle vorhandenen Zahlenangaben mit den 4 
„durchschnittlich“, 3 „etwa“, 2 „ungefähr“ und 1 „gegen“ zusammen, so for¬ 
dert das Lehrbuch, dass sich die Schülerin 39 Längen- und Gewichtsbesümmun- 
gen merken soll, eine Anzahl, welche sie ebensowenig, als ihr Lehrer, dauernd 
zu behalten vermag. Diese Anforderung ist aber und zumal in solcher Form, eine 
sachlich durchaus unnütze. Es erscheint vielmehr für die zukünftige, praktische 
Hebamme vollkommen ausreichend, wenn sie bezüglich der in Rede stehenden 
Länge sicher weiss, dass das Wachsthum während der ersten ö. Schwanger¬ 
schaftsmonate in jedem derselben gegen den ihm vorhergehenden ein äusserst 
beträchtliches ist, dagegen in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft das Wachs¬ 
thum der Frucht in jedem einzelnen Monat viel mässiger vorschreitet, zu¬ 
mal da die Hebamme selbst vom Richter gewiss nur ganz selten nach dem 
einzelnen Fruchtmonate gefragt werden wird, und jener meist schon durch die 
Erklärung zufrieden gestellt sein dürfte, dass eine vorgelegte Frucht dem ersten, 
zweiten oder dritten Drittel der Schwangerschaftsdauer angehört. Erwägt man 

9* 


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132 


Dr. Wachs, 


ferner, dass sich ein Plus oder Minus im Längenwachsthuine der Frucht von eini¬ 
gen Centimetern und in der Gewichtszunahme von ein paar hundert Gramm ohne 
jedwede Bedeutung erweist; so verdient folgende treffliche Tabelle zunächst für 
die Bestimmung der Fruchtlänge in den einzelnen Schwangerschaftsmonaten den 
Vorzug. Sie passt nicht nur ganz besonders für die Ceniiineterrechnung, sondern 
übertrifft an Einfachheit weit die Bestimmungen des Lehrbuchs, welche in der 
That nur eine höchst überflüssige Belästigung des Gedächtnisses veranlassen, 
überragt aber auch noch die schon bessere, von Casper angegebene Rechnungs¬ 
weise. Gedachte einfachere Tabelle beruht auf der Veröffentlichung einer hier¬ 
hergehörigen Zusammenstellung, welche in dieser Zeitschrift 1877, Bd. 25, 
S. 396 erschien. Hiernach beträgt die Länge der Frucht: 


am 

Ende des 1. 

Monats 1X1= 1 Ctm. 

- 

- - 2. 

- 2X2= 4 - 

- 

- - 3. 

3X3= 9 - 

- 

- - 4. 

- 4 X 4 = 16 - 

- 

- - 5. 

5 X 5 = 25 - 

- 

- - 6. 

6 X 5 = 30 - 

- 

- - 7. 

7 X 5 = 35 - 

- 

- - 8. 

. 8 X 5 = 40 - 

- 

- - 9. 

- 9 X 5 = 45 - 

- 

- - 10. 

- 10 X 5 = 50 - 


Vorstehende Zahlenreihe stellt in ihrer ersten Hälfte eine geometrische, in 
der zweiten eine arithmetische Progression dar und ergiebt folgendes Gesetz: die 
Länge der Frucht erhält man in Centimetern, wenn man für die ersten 5 Monate 
die Zahl des Monats mit sich selbst, und in der zweiten Hälfte der Schwanger¬ 
schaft den einzelnen Monat mit 5 multfplicirt. Umgekehrt erhält man aus der 
durch Messung gefundenen Fruchtlänge, wenn diese über 25 Ctm. beträgt, den 
Frucbtmonat, indem man jene mit 5 dividirt. Beträgt dagegen die Fruchtlänge 
weniger als 25 Ctm., so sucht man diejenige Zahl, welche mit sich selbst mul- 
tiplicirt annähernd die Fruchtlänge giebt, oder wissenschaftlich ausgedrückt: bei 
einer Fruchtlänge von unter 25 Ctm. zieht man aus der fraglichen Zahl die 
Quadratwurzel, welche identisch ist mit dem Monate, dem die Frucht angehört. 
So umständlich dieses Verfahren auf den ersten Blick erscheinen mag, so praktisch 
schnell lässt es sich anwenden, da die auf diesem Wege gewonnenen Resultate 
mnemotechnisch für die Schülerin leicht aufzufassen sind, um so mehr, als die 
umständlichen 25 Längenangaben des Lehrbuchs sich dabei auf 10 reduciren. 

Desgleichen ist das Gewicht der Frucht, welches ohnehin blos in der 
zweiten Schwangerschaftshälfte Beachtung verdient, für die letzten fünf Monate 
leicht durch folgende Proportion aufzufassen, wobei nur der letzte Monat insofern 
besondere Beachtung verdient, als bei ihm nicht blos die durchschnittliche Zu¬ 
nahme von 400 Grm., sondern gleich von 1000 Grm. stattfindet: 

im 6. Monat 800 Grm. 

- 7. - 1200 - 

- 8. - 1600 - 

- 9. - 2000 - 

- 10. - 3000 - 


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Kritik des prcussischen Hebammen-Lehrbuchs. 


133 


Die in ihrem Detail weder von Schülerinnen noch Lehrern festzuhaltenden 
39 Bestimmungen des Lehrbuchs vermindern sich daher nach obigen tabellari¬ 
schen Zusammenstellungen auf 10 Längenmasse und unter Beachtung dos Um¬ 
standes, dass im 10. Monat das Gewicht von 2000 Grm. des neunten nicht blos 
um 400 Grm., also auf 2400 Grm., sondern gleich um das Drittehalbfache 
dieser Summe, also auf 3000Grm. vorschreitet, auf 7 Gewichtsangaben. Kurzum 
es sind in Summa statt 39 blos 17 Grössen zu merken. Ausdrücklich fordern 
wir für jedes zukünftige Hebammen-Lehrbuch die Einführung dieser ebenso ein¬ 
fachen, als wie die Erfahrung uns gelehrt, ausreichenden und fasslichen Berech¬ 
nungsweise, zumal wenn noch erläuternd bemerkt wird, dass die Längenmasse 
in der ersten Schwangerschaftshälfte etwas grösser, als sie in der That sind, in 
der Tabelle ausfallen. 

Minutiöse, für die Schülerinnen nicht geeignete Angaben finden sich 
bei der Lehre über die Nabelschnur im §. 41. Man erfährt dort, dass diese im 
Anfang sehr kurz ist und allmälig an Länge zunimmt, dass sie am reifen 
Kinde durchschnittlich 50 bis 54 Ctm. lang, öfters auch viel länger 
oder kürzer ist. Es entstehen häufig begrenzte Geschwülste, sehr selten ist 
die Nabelschnur zu einem wahren Knoten verschlungen. Die Eintrittsstelle der 
Nabelschnur in den Mutterkuchen liegt gewöhnlich in der Mitte des Mutter¬ 
kuchens, öfters aber auch in der Nähe des Randes. Ausnahmsweise heftet sich 
die Nabelschnur in einiger Entfernung von letzterem an die Zottenhaut (?) an etc. 
Bei der Geburt werden die Eihäute mit dem Mutterkuchen und der Nabelschnur i n 
der Regel erst nach dem Kinde ausgestossen. Es muss als eine sehr wenig 
pädagogische Zumuthung zurückgewiesen werden, dass einer Hebammenschülerin 
solche durch „allmälig, durchschnittlich, selten, öfters, in der 
Regel, ausnahmsweise etc. so mannigfach modificirte und dadarch sogar 
sich ab und zu widersprechende Lehren vorgetragen werden. 

Wäre es nicht viel empfehlenswerther, sich bei der Besprechung 
der Nabelschnur damit zu begnügen, dass sie schwach gewunden, 
50 Ctm. (die Kindeslänge) lang und 1 Ctm. dick sei, in der Nähe 
der Mutterkuchenmitte entspringe und nach der Geburt des Kindes 
mit dem Mutterkuchen und den Eihäuten austrete? Abweichungen 
von der geschilderten Beschaffenheit und zwar ohne die störenden 
Detailolauseln gehören überhaupt noch nicht in diesen Paragraphen, 
sondern erst in den viel späteren Abschnitt vom regelwidrigen 
Geburtsverlaufe, wo die Schülerin die von der Nabelschnur aus¬ 
gehenden Störungen zu begreifen im Stande ist, nachdem sie hier be¬ 
reits ein getreues Bild vom durchgehends naturgemässen Baue 
und Verhalten des Nabelstranges erlangt hat. 

(Schluss folgt.) 


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3. 


Beiträge zur Methodik wohnungs hygienischer Untersuchungen. 

Von 

Bezirksamt Dr. W. Hesse in Schwarzenberg. 


Einer von befreundeter und beachtenswerter Seite an mich ergangenen 
Aufforderung, die Beschreibung meines Verfahrens zur Bestimmung der Kohlen¬ 
säure in der Luft unter Berücksichtigung der neuerdings in dasselbe eingeführten 
Verbesserungen und Erweiterungen umzuarbeiten und im Zusammenhänge zu 
veröffentlichen, komme ich um so unbedenklicher nach, als inzwischen die 
Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit desselben auch von anderen und kompetenten 
Beobachtern hinlänglich erkannt ist. 

Mein Wunsch, bei dieser Gelegenheit sämmtliche von mir angegebenen und 
zusammengehörigen wohnungshygienischen Methoden in einem und demselben 
Hefte dieser Vierteljahrsschrift zusammengefasst zu sehen, ist dadurch nicht 
vollkommen in Erfüllung gegangen, dass meine Arbeit über die Bestimmung des 
Gehaltes der Wände an freiem Wasser bereits in einem früheren Hefte zum Ab¬ 
druck gebracht wurde. 

Die leichte und schnelle Ausführbarkeit der Untersuchungen lässt mich 
hoffen, dass mit Hülfe meiner Methoden jeder praktische Arzt und wer sonst sich 
für den Gegenstand intcressirt, den Beziehungen zwischen gewissen Wohnungs¬ 
verhältnissen und der Gesundheit der Menschen ohne besondere Opfer an Zeit 
und Geld nachzugehen im Stande sein wird. 

Als nicht im Plane dieser Arbeit liegend unterlasse ich es, der von mir 
selbst gewonnenen Ergebnisse an dieser Stelle zu gedenken. 

I. Bestimmung der Kohlensäure in der Luft 

Die Pettenkofer’sche Methode (Absorption der Kohlensäure durch ein in 
Wasser gelöstes Hydroxyd eines Alkali-Erdmetalls und Titrirung mittelst Oxal¬ 
säurelösung) lässt sich, wie ich bereits früher ’) gezeigt habe, derart abändern, 
dass zur Bestimmung der Kohlensäure in der Luft sehr kleine Luftmengen ge¬ 
nügen. Diese Thatsache gewährte zunächst zwei grosse Vortheile: erstens eine 
so handliche Herstellung des Apparates, dass derselbe von einer Person bequem 
von einem Orte zum andern getragen werden kann, und zweitens eine so wesent¬ 
liche Vereinfachung und Beschleunigung der Kohlensäurebestimmung, dass die 
letztere ausserordentlich bequem auszuführen, sowie deren Technik leicht zu er¬ 
werben ist, und die Untersuchung an Ort und Stelle ohne Assistenz vorgenommen 
weniger als eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. 

') Vergl. meine Aufsätze in der Zeitschrift für Biologie, Bd. 13 und 14; 
Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Bd. 10; und Vierteljahrsschrift 
für geriehtl. Medicin und üffentl. Sanitätswesen, N. F. Bd. XXX. u. folg. 


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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


135 


Selbstverständlich erforderte das neue Verfahren die sorgfältigste Ausschal¬ 
tung aller möglichen Fehlerquellen, insbesondere die Abhaltung jeden unbeab¬ 
sichtigten Kohlensäurezutritts zu dem Apparate. Die Erfüllung dieser Forderung 
gelang in der That so vollständig, dass, wie die angestellten Controlversuche er¬ 
geben haben, die Zuverlässigkeit des Verfahrens eine vollkommene ist. Es liefert 
nämlich die Untersuchung verschieden grosser Volume ein und derselben Luft 
übereinstimmende Ergebnisse, die sich wieder mit den nach Pettenkofer’s 
Methode gewonnenen decken. Vor Allem aber hat Herr Bergrath Prof. CI. 
Winkler 1 ) in Freiberg die Zuverlässigkeit des Verfahrens vornehmlich durch 
den Nachweis unwiderleglich festgestellt, dass dem Apparate zugeführte be¬ 
kannte Kohlensäuremengen mit der grössten Genauigkeit wiedergefunden werden. 
Damit fallen die von Flügge 2 ) gegen das Verfahren erhobenen principiellen 
Bedenken und Einwürfe. 

Da der Werth jeder Untersuchung durch eine Controle wesentlich erhöht 
wird, empfiehlt es sich in der Praxis, stets 2 verschieden grosse Volume der zu 
untersuchenden Luft gleichzeitig auf ihren Kohlensäuregehalt zu prüfen; stimmen 
die Ergebnisse überein, so ist man sicher, genau gearbeitet zu haben. Von der 
Grösse einer etwa auftretenden Differenz und von der nöthigen oder gewünschten 
Genauigkeit wird es abhängen, ob der Versuch zu wiederholen und das Resultat 
richtig zu stellen ist; jedenfalls steht es fest, dass solche Differenzen nicht dem 
Verfahren, sondern dem Experimentator zur Last zu legen sind. 


*) Derselbe schrieb mir am 9. Juli v. J.: 

„Zunächst stellte ich mir eine Lösung von chemisch reinem kohlensaurem 
Natron her, von der 1 ccm genau 0,1 ccm Kohlensäure entsprach. Von dieser 
wurde ein gewisses- Volumen in einem Kolben mit verdünnter Schwefelsäure zer¬ 
setzt und die freigemachte Kohlensäure sodann durch Erwärmen und vermittels 
eines durcbgeleiteten Luftstroms ausgetrieben. Zuletzt wurde längere Zeit schwach 
gekocht, so dass sämmtliche Kohlensäure in die Barytwasservorlagen übertrat. 
Sämmtliche Gefdsse waren vorher mit kohlensäurefreier Luft ausgespült worden. 
Die Messungen wurden mit genau getheilten Normalbüretten mit Schwimmern vor¬ 
genommen; die Ablesungen erfolgten mit der Lupe. Da die Abmessung der dün¬ 
nen Lösung des kohlensauren Natons mit grösster Genauigkeit vorgenommen wer¬ 
den konnte und die Gasaustreibung eine vollkommene war, so musste das Ver¬ 


fahren richtige Resultate geben. 

Angewendet. 

Ich erhielt: 

Gefunden. 

Differenz. 

ccm* Procente. 

1 . 

5,000 

5,050 

0,050 

1,000 + 

2. 

3,749 

3,750 

0,001 

0,027 + 

3. 

7,404 

7,400 

0,004 

0,054 — 

4. 

0,543 

0,543 

0,000 

0,000 

Ich führe den Versuch No. 

1 mit auf, 

obwohl ich 

an seiner Genauigkeit 

zweifle; es war 

eben der erste. 

Dagegen beweisen die 

drei letzten Versuche 


schlagend, dass Ihre Methode ausgezeichnet ist, u. s. w.“ 

Herrn Prof. Winkler fühle ich mich für das warme Interesse an meiner 
Arbeit zu grösstem Danke verpflichtet. 

2 ) Flügge, Lehrbuch der hygienischen Untcrsuchuugsmethodcn, S. 143. 


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136 


Dr. W. Hesse, 


Im Nachstehenden gebe ich die Beschreibung des Verfahrens, der Vor- 
sichismassregeln, deren Anwendung es erfordert, wie einer Anzahl anderer Ver¬ 
einfachungen und Vortheile, und zwar, um Ungeübten die Herstellung des 
Apparates wie die Ausführung der Untersuchung zu erleichtern, in möglichst 
eingehender Weise. 

1. Apparat. 

A. Reserve-Flüssigkeiten. 

1) Ein mehrere Liter fassender Glasballon mit starkem Barytwasser. 

Herstellung: Auf 1000 Theile destillirtes Wasser kommen 17 Theile Baryt¬ 
hydrat •) und 1 Theil Bariumchlorid 2 ). 10 ccm dieser Lösung entsprechen 

(sättigen) ungefähr 12 ccm der unter 3) gedachten starken Oxalsäurelösung. 

2) Ein ebenfalls mehrere Liter fassender Glassballon mit schwachem Baryt¬ 
wasser. 

Herstellung: 1 Theil des eben erwähnten starken Barytwassers wird mit 
9 Theilen destillirten Wassers verdünnt. 10 g dieser Lösung entsprechen etwa 
12 ccm der später zu beschreibenden schwachen Oxalsäurelösung. 

3) Eine Ballon starke Oxalsäurelösung. 

Herstellung: Auf 1 Liter destillirten Wassers kommen 5,6325 g 3 ) reinste, 
krystallisirte, trockene Oxalsäure. 1 ccm dieser Lösung entspricht genau 
1 ccm C0 2 . • 

4) Eine Flasche mit Phenolphtaleinlösung. 

Herstellung: 2 g Phenolphtalein 4 ) werden in 100 ccm Alkohol gelöst. 

Die Barytwasserballons werden mit Gummipfropfen verschlossen, können 
aber der Bequemlichkeit halber und zur Vermeidung von Luft-(Kohlensäure-) 
Zutritt mit Hebervorrichtung und Vorlage versehen werden, wie solche an der 
Barytwasserilasche des transportablen Apparats näher sollen beschrieben werden. 


*) Das von mir verwendete Barythydrat stammt aus der Fabrik von Gehe & Co. 
in Dresden. 

*) Der Bariurachloridzusatz soll den störenden Einfluss in der zu titrirendcn 
Flüssigkeit etwa vorhandenen Alkali’s verhüten. 

3 ) Pettenkofer empfahl eine Oxalsäurelösung von 2,8636 g auf 1 Lit.destil¬ 
lirtes Wasser, von der 1 ccm genau so viol Alkali neutralisirt, wie 1 mgr C0 t . 
Oxs. (Acq. 63) und C0 4 (Aeq. 22) verbinden sich mit Baryt zu gleichen Aequi- 
valenten; demnach muss eine Oxalsäurelösung, von der 1 ccm = 1 mgr CO*, in 

63 

1 ccm —r- = 2,8636 mgr Oxs. enthalten, oder im Liter 2,8636 g. Da der Kohlen- 
ZZ 

Säuregehalt jedoch in Volum-Promille ausgedrückt zu werden pflegt, ziehe ich zur 
Ersparung der Umrechnung der mgr in ccm vor, gleich eine Oxalsäurelösung her¬ 
zustellen, von der 1 ccm = 1 ccm C0 2 . Da 1 ccm CO, = 1,9666 mgr, müssen 
zu 1 Lit. dest. Wasser 2,8636.1,9666 = 5,6325 g Oxs. kommen, um die gewünschte 
Oxalsäurelösung zu geben. Diese Lösung hält sich in Folge ihrer Concentration 
sehr gut. 

4 ) Dasselbe ertheilt farblosen alkalischen Flüssigkeiten eine schönrothe Fär¬ 
bung, welche beim geringsten Ueberschuss von Säure sofort verschwindet. Es 


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Beitrage zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


137 


B. Der transportable Apparat 1 ). 

Er soll das zu etwa 1.5 Kohlensäurehestimmungen nöthige Material auf- 
nehmer., und erhält erfahrungsgemäss am geeignetsten folgende Zusammen¬ 
stellung: 

1) 5 starkwandige, konische (Erlenmeyer’sche) Kochflaschen von etwa 
«/„ V 4 , l / 9 t Vi2 u °d Vj« Lit. Inhalt mit gut passenden, doppelt durchbohrten 
Gummipfropfen. Jede der ersten 4 Flaschen wird an der Stelle geaicht, bis za 
welcher der ihr zugehörige Pfropf eindringt. 

Man wiegt zu diesem Behnfe erst die trockene Flasche, fällt sie dann bis 
zur Aichungsmarke mit destillirtem Wasser von Zimmertemperatur und zieht von 
dem Gewichte der gefüllten das Gewicht der trockenen Flasche ab; die Aichungs¬ 
marke, sowie das erhaltene Volum werden sofort mit Schreibdiamant auf der 
Flasche fixirt. 

Am besten wählt man Gummipfropfen, die fest auf der Flasche sitzen, wenn 
sie etwa zur Hälfte in den Flaschenhals eindringen, zur andern Hälfte ihn über¬ 
ragen; die Durchbohrungen derselben müssen so weit sein, dass sie die Spitzen 
der zur Barytwasserzugabe und zum Titriren verwendeten Büretten bequem 
durchlassen. 

Zu jedem Pfropf der ersten 4 Kolben gehören 2 in die Durchbohrungen 
passende Glasstöpsel von 3—5 cm Länge, die oben eine knopfartige Verbreite 
rang besitzen und unten gut abgerundet sind. 

2) 2 starkwandige Büretten von ca. 13 ccm Inhalt, in Zehntel- Cubikcenti- 
meter getheilt, mit Glashahn und 7—10 cm lang ausgezogener Glasspitze, deren 
eine (für das Barytwasser) oben mit einem Gummipfröpfchen and an der Spitze 
mit einem Gummihütchen verschlossen ist. 

3) Eine etwa 300 ccm fassende Flasche mit schwachem, durch einige 
Tropfen der Phenolphtaleinlösung gefärbten Barytwasser J ). 

Behufs Verhinderung des Zutritts kohlensäarehaltiger Luft (Constanterhal- 


eignet sich besser als Rosolsäure zum Index, weil es sich dem Lichte gegenüber 
so indifferent verhält, dass ein gefärbtes Barytwasser viele Wochen lang unverändert 
brauchbar bleibt, und weil es — wenn überhaupt — in viel geringerem Grade als 
Rosolsäure die störende Eigenschaft besitzt, nach dem durch Oxalsäurezusatz be¬ 
wirkten einmaligen Verschwiuden der Rothfärbung dieselbe in der titrirten Flüssig¬ 
keit nachträglich wieder hervortreten zu lassen. 

Schering’s grüne Apotheke in Berlin liefert 10 g des Farbstoffes für 3 Mk. 

*) Herr E. Keller in Schwarzenberg (Sachsen) liefert den ganzen Apparat 
in einem geschmackvoll ausgestatteten Lederetui, in welchem noch Behältnisse für 
Instrumente zu anderweiten hygienischen Untersuchungen, als Thermometer (als 
Psychrometer zu verwenden), bez. Wolpert’s Hygrometer, Aneroid-Barometer, zu¬ 
sammenlegbarer mit Stellfedern versehener 2 Metermassstab, Mörtelflaschen, vor¬ 
handen sind. Das Etui ist etwa 13 cm hoch, 24 cm breit, 38 cm lang, und wiegt 
vollständig gefüllt ungefähr 4 ‘/ 4 k. 

4 ) Die Färbung der ganzen Flüssigkeit bietet vor der Färbung jeder einzelnen 
Probe unter anderen auch den Vortheil, dass die Reaction des Farbstoffes gleich¬ 
gültig ist. 


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138 


Dr. W. Hesse, 


tung des Titers) ist diese Flasche 
(Fig. 1, a) in besonderer Weise 
armirt. In die eine Durchboh¬ 
rung ihres doppeltdurchbohrten 
Gummipfropfes kommt ein Glas¬ 
rohr, das bis auf den Boden der 
Flasche reicht und über den 
Pfropf und Flaschenrand weg¬ 
gebogen ist; an dem umgeboge¬ 
nen Ende (b) wird ein */* m 
langes Gummirohr (c) befestigt, 
welches man mit einem Quetsch¬ 
hahn versieht und bei Nichtge¬ 
brauch miteinemGlasstöpselver- 
schliesst. In die andere Durchboh¬ 
rung des Gummipfropfes kommt 
ein kurzes rechtwinklig geboge¬ 
nes Glasrohr, dessen eine Hälfte 
nur den Pfropf durchdringt und 
an dessen anderes Ende (d) ein 
mit einem Quetschhahn versehe¬ 
nes, etwa 20 cm langes Gummi¬ 
rohr (e) gesteckt wird. An dieses 
Gummirohr kommt ein sich in 
2 Schenkel (Y- oder T-förmig) 
theilendes Glasrohr; an den ei¬ 
nen Schenkel dieses Glasrohres 
wird ein ungefähr 5 /« m langes 
Gummirohr (f) angebracht, das an seinem anderen Ende ein Ansatzstück (g) 
trägt; letzteres besteht aus einem rechtwinklig gebogenen, stärkeren Glasrohre, 
an dem wieder ein kurzes Stück starken Gummirohres sitzt, welches zur Auf¬ 
nahme der Bürette dient, bei Nichtgebrauch aber durch einen dicken Glas¬ 
stöpsel verschlossen wird; der andere Schenkel des Glasrohrs ist vermittels eines 
etwa 20 cm langen Gummirohres (h) mit einer Vorlage (i) in Verbindung ge¬ 
bracht, welche die Kohlensäure der atmosphärischen Luft, die an Stelle der 
aus der Barytwasserflasche ausfliessenden Flüssigkeit eindringt, absorbiren und 
somit das Barytwasser (den Titer) unverändert erhalten soll ‘). 

*) Diese Vorlage wird so angefertigt, dass man eine etwa Vs Lit. fassende 
Glasflasche mit Birasteinstückcben anfüllt, die mit concentrirter Kalilauge ge¬ 
tränkt sind. (Man glüht die etwa linsengrossen Bimstcinstückchen, schüttet sie 
noch heiss in concentrirte Kalilauge, lässt sic darin einige Zeit liegen, bringt sie 
hierauf in einen Porcellansieb, um die überschüssige Kalilauge abtropfen zu lassen, 
und verwahrt sie dann luftdicht.) Die Flasche wird mit einem doppcltdurchbohrten 
Gummipfropf verschlossen, dessen eine Durchbohrung mit einem bis auf den Boden 
des Gefdsses reichenden und über dem Pfropfen rechtwinklig abgebogenen Glas¬ 
röhre versehen ist. Die andere Durchbohrung wird mit einem Glasstöpsel ver- 

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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


139 


4) *) 4 Lit. schwache Oxalsäurelösung. Dieselbe wird aus der starken Oxal¬ 
säurelösung nach Bedarf hergestellt, am einfachsten so, dass man in eine auf 
250 ccm geaichte Flasche 25 ccm der starken Oxalsäurelösung giebt, und dann 
bis zur Marke deslillirtes Wasser zufügt. 1 ccm dieser Lösung entspricht dann 
genau 0,1 ccm Kohlensäure '), 

5) Ein Thermometer. 

6) Ein kleines (Taschen-Aneroid-) Barometer. 

7) Ein kleines Fläschchen Phenolphtaleinlösung. 

8) V 8 Lit. destillirtes Wasser. 

2. Das Verfahren bei der Kohlensäurebestimmung. 

Nach Bereitlegung des zur Untersuchung nöthigen Apparates werden die 2 
zu benutzenden geaichtcn Kolben mit der Luft des Raumes gefüllt; dies ge¬ 
schieht entweder so, dass man dieselben bis zum Rande mit Wasser, das zweck¬ 
mässig annähernd die Temperatur des Raumes besitzt, füllt und in dem Raume 
wieder entleert, oder so, dass man ein weites Gummirohr bis auf den Boden des 
Gefässes bringt und durch dieses ungefähr den sechsfachen Inhalt desselben mit 
dem Munde absaugt. Nun spült man die Kolben mit zuvor ausgekochtem destil- 
lirten Wasser, lässt das Spülwasser möglichst vollständig ablaufen, versieht die 
Kolben mit ihren Gummipfropfen, und wartet, bis sie die Temperatur des Raumes 
angenommen haben; selbstverständlich hat man zu verhüten, dass etwa Athem- 
luft in die Flaschen direkt gelangt, und dass (z. B. durch die Hand des Experi¬ 
mentators) eine unbeabsichtigte Erwärmung der Kolben eintritt. 

Bei der nun folgenden Barytwasserzugabe verfährt man nachstehender- 
massen: 

Nach Entfernung des Quetschhahnes am Gummirohre (Fig. 1, e), der Glas¬ 
stöpsel an der Vorlage (i), dem Gummirohre (c) und dem Ansatzstücke (g), sowie 
des Gummipfröpfchens und Schutzhütchens an der (Barytwasser-) Bürette wird 
letztere einerseits mit dem an der Barytwasserflasche befindlichen Ansatzstücke (g) 
andererseits (die Spitze) mit dem zuvor durch Ansaugen mit Barytwasser ge¬ 
füllten Gummirohre (c) in Verbindung gebracht, und, indem man den Quetsch¬ 
hahn am Gummirohr (c) offen hält, durch einfaches Senken unter den Flüssig¬ 
keitsspiegel mit Barytwasser gefüllt 2 ). 

Ist dies geschehen, so schliesst man den Glashahn der Bürette sowie den 
Quetschhahn am Gummirohre (c), entfernt die Bürette vom Gummirohre (c), ver¬ 


stopft. Es ist zweckmässig, zwischen Bimsteine und Pfropf eine dichte Schicht 
Glaswolle einzuschalten. 

*) Die schwache Lösung hält sich nicht lange, und muss daher in der Regel 
jedesmal vor Beginn einer Untersuchungsreihe frisch bereitet werden. Die dadurch 
verursachte Mühwaltung ist so gering, dass ich bisher keine Veranlassung ge¬ 
funden habe, die Oxalsäure durch Schwefelsäure zu ersetzen. — Dieser Ersatz ist 
nach einer dankenswerthen Mittheilung des Herrn Bergrath Prof. Winkler in 
Freiberg unmöglich, da, wie er sich überzeugt bat, Mineralsäuren sehr leicht zer¬ 
setzend auf den kohlensaurcn Baryt einwirken. 

*) Nötigenfalls lässt man durch Heben und Senken der Bürette das Baryt¬ 
wasser wiederholt hin und wieder fliessen. 


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140 


Dr. W. Hesse, 



Fif?. 2 . 


sieht letzteres wieder mit seinem Glasstöpsel, stellt die Flüssigkeit in der Bürette 
auf Null ein, fuhrt die Bürettenspitze durch die eine Durchbohrung des Gummi¬ 
stöpsels des einen (grösseren) Kolbens (Fig. 2) und lässt genau 10 ccm Baryt¬ 
wasser hineinfliessen, während man nötigenfalls den Ueberdruck im Innern des 
Kolbens durch Lüftung des 2. Glasstöpsels aufhebt. Hierauf entfernt man die 
Bürette wieder, — ersetzt sie sofort durch einen Glasstöpsel, verfährt mit dem 
anderen (kleineren) Kolben gerade so, und versieht zuletzt die Bürettenspitze wieder 
mit ihrem Schutzhütchen. 

Der weiteren Behandlung des Kolbeninhalts geht die Bestimmung des Titers 
voraus, welche ergeben soll, wieviel Cubikcentimeter Oxalsäurelösung dazu ge¬ 
hören, um 10 ccm verdünntes Barytwasser zu neutralisiren. 

Da die Lösungen so hergestellt wurden, dass es hierzu ungefähr 12 ccm 
Oxalsäurelösung bedarf, giebt man zunächst in das '/, 6 Lit.-Kölbchen aus der bis 
zum Nullstrich gefüllten und durch den Gummipfropf gesteckten 2. (Oxalsäure-) 
Bürette etwa 11 ccm (jedenfalls et\*as weniger, als zur Neutralisation von 10 ccm 
Barytwasser gehört) schwache Oxalsäurelösung, entfernt die Bürette mitsammt 
dem Gummipfropf, lagert sie so, dass von ihrer Spitze nichts in Verlust gehen 


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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


141 


kann, giebt nun aus der wie zuvor beschrieben gefüllten Barytwasserbürette 
10 ccm Barytwasser mitten in die im Kölbchen befindliche Oxalsäurelösung hin¬ 
ein (wobei sich gegen das Ende der Zugabe die Flüssigkeit röthen muss), steckt 
wieder die Oxalsäurebürette auf das Kölbchen, und giebt nun tropfenweise, lang¬ 
sam und unter stetem sanften Bewegen des Kölbcheninhalts Oxalsäurelösung zu, 
bis die Flüssigkeit völlig entfärbt erscheint, was durch einen einzigen Tropfen 
deutlich markirt wird. 

Da sich in Folge der wirksamen Abhaltung der Kohlensäure der Luft von 
dem Apparate der Titer völlig gleichmässig erhält, hat eine Wiederholung der 


Titerstellung r.ur noch eine controlirende 
Bedeutung; sie empfiehlt sich insbeson¬ 
dere dann, wenn die Berechnung die er¬ 
wartete Uebereinstimmung in den Resul¬ 
taten zweier gleichzeitig der Untersuchung 
unterworfenen Volume vermissen lässt. 

Ist die in den Untersuchungskolben 
enthaltene Kohlensäure durch das zuge¬ 
fügte Barytwasser völlig absorbirt, was 
durch vorsichtiges Umherspülen der Flüs¬ 
sigkeit an der inneren Wandung des Ge- 
fässes wesentlich beschleunigt wird, so 
schreitet man zur Titrirung: 

Man ersetzt einen Glasstöpsel des 
den einen (kleinen) Kolben verschliessen- 
den Gummipfropfen durch die bis zum 
Nullstrich mit schwacher Oxalsäurelösung 
gefüllte Bürette (Fig. 3), und lässt unter 
sanftem Schwenken des Kolbens tropfen¬ 
weise die Lösung in die durch kohlen¬ 
sauren Baryt getrübte '), röthlich gefärbte 
Flüssigkeit so lange auslliessen, bis die 
rothe Färbung verschwunden ist, indem 
man wiederum eventuell den Ausfluss 
durch Lüftung des anderen Glasstöpsels 
regulirt. Nun spült man die Flüssigkeit 
nochmals an der Innenwand des Kolbens 
herum, um die ihr noch anhaftenden 
Barytwassertheilchen aufzunehmen, wobei 
sich in der Regel die Flüssigkeit wieder 
leicht röthet. Mit der Zugabe von noch 
1 oder 2 Tropfen Oxalsäurelösung ver- 




Fig. 3. 


*) Die Unhaltbarkeit des Flügge’schen Einwurfes (1. c.) gegen die Statt¬ 
haftigkeit des Titrirens in die durch kohlensaurcn Baryt getrübte Flüssigkeit habe 
ich bereits in der Vierteljahrsschrift für gerichtl. Medicin etc. N. F. XXXIV. 2. 
dargethan. 


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142 


Dr. W. Hesse, 


schwindet diese Röthung wieder, und die Reaction ist beendet'). Man notirt 
den Verbrauch an Oxalsäurelösung und verfährt mit dem 2. Kolben genau so. 
Die Kolben werden ausgespült, bezw. ausgebürstet, und sind sofort wieder ver¬ 
wendbar. 

Vor dem Verpacken des Apparates schliesst man alle Schläuche und Oeff- 
nungen wieder ab. — 

Von dem muthmasslich zu erwartenden Kohlensäuregehalte der zu prüfen¬ 
den Luft wird die Auswahl der Kolben im einzelnen Falle abhängen. Es kommt 
darauf an, dass einerseits nicht nur das zugefügte Barytwasser alle im Kolben 
enthaltene Kohlensäure aufzunehmen vermag, sondern auch seinem Sättigungs¬ 
punkte sich nicht allzu sehr nähert, und dass andererseits der Verbrauch an 
Oxalsäurelösung ein so grosser ist, dass 1 Tropfen mehr oder weniger davon dem 
Barytwasser zugefügt, das Untersuchungsergebniss nicht mehr nachlheilig zu be¬ 
einflussen im Stande ist. Hieraus ergiebt sich schon, dass man sich um so 
grösserer Luftvolume zu bedienen hat, je niedriger der Kohlensäuregehalt der 
Luft ist. 

Eine Betrachtung der Leistungsfähigkeit des Apparates lehrt, dass, wenn 
der Titer = 12 gefunden wurde (d. h. 10 ccm Barytwasser 12 ccm Oxalsäure¬ 
lösung zu ihrer Neutralisation bedürfen) mit 

( 1 1 Luft bis zu 1,2 ccm) Kohlensäure, 

V 2 .... 2,4 - 

V 4 - - - - 4,8 - 

V 8 - - - - 9,6 - 

i/ . ..144.. 

/t2 14,* 

nachgewiesen werden können, dass also den gewöhnlichen Vorkommnissen voll¬ 
ständig Rechnung zu tragen ist. 

Sollte es sich bei der Untersuchung heraussteilen, dass die einem Kolben 
zugefügte Barytwassermenge zu gering war, so kann man sich leicht dadurch 
helfen, dass man dieselbe nachträglich (z. B. um abermals 10 ccm) vermehrt. 

Einen sehr raschen Aufschluss hierüber gewährt — nebenbei bemerkt — 
die vorläufige Prüfung eines sehr kleinen Luftvolumens (z.B. des s / l2 Lit.-Kolbens) 
die sich auch empfiehlt, wenn man sich unter allen Umständen, insbesondere bei 
relativ hohen Kohlensäuregehalten, des \ 2 und '/ 4 Lit.-Kolbens bedienen will. 
Man kann dann nämlich sehr schnell berechnen, wie grosse Barytwassermengen 
im betreffenden Falle den Kolben einzuverleiben sind. — Unter gewissen Um¬ 
ständen, und zwar, wo von vornherein das Vorhandensein hoher Kohlensäure¬ 
gehalte zu gewärtigen steht, wie z. B. bei Untersuchungen in unventilirten über- 


*) Es empfiehlt sich geradezu, unmittelbar vor dem Titriren das Barytwasser 
nochmals am Kolbeninnern herumzuspülen, damit an letzterem Flüssigkeitstheil- 
chen haften bleiben. Man darf dann bei dem Oxalsäurezusatz um so sorgloser 
verfahren, je grösser der Kolben ist. Gicbt man zunächst so viel Oxalsäure¬ 
lösung zu, bis der flüssige Kolbeninhalt abzüglich des an der Gefässwand haftenden 
entfärbt ist, und spült nun die letztere sorgfältig ab, so lässt sioh die zur Besei¬ 
tigung der neuerdings aufgetretenen Rothfärbung noch nöthige kleine Menge Oxal¬ 
säure sehr genau abmessen. 


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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


143 


füllten Schulstuben und sonstigen Localen, in Bergwerken, bei Boden- und 
Athemluftuntersuchungen, ist es vorteilhaft, sich anstatt der schwachen Lösun¬ 
gen der starken zu bedienen. Es entspricht dann nur 1 ccm Oxalsäurelösung 
1 ccm Kohlensäure, während der Gang der Untersuchung genau.derselbe bleibt. 

Es bedarf wol nur der Erwähnung, dass die mit der Luft eines Baumes ge¬ 
füllten Kolben durchaus nicht sofort weiter behandelt werden müssen, sondern 
dies ebensogut im Laboratorium geschehen kann; diesfalls hat man nur darauf 
zu achten, dass letzteres nicht kühler ist, als der Baum, dem die Luftproben 
entstammten, und dessen Temperatur die Kolben angenommen hatten *). Unter 
Umständen thut man gut, die Kolben vor oder während ihrer Füllung durch 
frisches (Brunnen-) Wasser abzukühlen. 


3. Die Berechnung des Kohlensäuregehalts. 

War, um bei einem bestimmten Beispiele zu bleiben, der Titer 12,0 ge¬ 
funden worden, und ergab sich, ‘dass ein Kolben von 234 ccm Inhalt, dem 
10 ccm Barytwasser zugefügt wurden, nach Absorption der Kohlensäure der in 
ihm enthaltenen Luft nur noch einer Zugabe von 7,8 ccm Oxalsäurelösung zur 
Neutralisation (Entfärbung) seines flüssigen Inhaltes bedurfte, so waren in dem 
Beispiele: 

12,0 

~ 7,8 

4,2 ccm Oxalsäurelösung 

weniger verbraucht worden, welche 0,42 ccm Kohlensäure, die zur Bildung von 
kohlensaurem Baryt verwendet wurden, entsprechen. Da für die dem Kolben 
zugefügten 10 ccm Barytwasser 10 ccm Luft entwichen, enthielten demnach 
(234—10): 

224 ccm Luft 0,42 ccm Kohlensäure, 

1 - - 0,42 - 

~224~ - 
420 

1000 - - — - - = 1,9 ccm Kohlensäure; 

224 

die Luft enthielt also 1,9 p. M. Kohlensäure. Es erübrigt nur noch zu berech¬ 
nen, wie gross sich der Kohlensäuregehalt herausgestellt hätte, wenn die Unter¬ 
suchung bei 0° C. und 760 mm Quecksilberdruck vorgenommen worden wäre. 
Diese Beduction macht sich behufs Vergleichung der von anderen Beobachtern, 
an anderen Orten und unter anderen Verhältnissen gewonnenen Besultate noth- 
wendig; sie hat gemäss den nachstehenden, kurz zusammengefassten Grundsätzen 
zu erfolgen: 

Da der Ausdehnungscoefficient für Gase für jeden Grad Cels. = 0,003665 
ist, werden 

aus v ccm Luft bei einer Temperaturerhöhung von 0 auf t° C. = 

v (1-j-0,003665 t) ccm, 

*) Selbstverständlich hat man in einem solchen Falle bei Redüction des Volums 
(s. Berechnung des Kohlensäuregchalts) Temperatur und Barometerstand im Labo¬ 
ratorium zu Grunde zu legen. 


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144 


Dr. W. Hesse, 


und umgekehrt: 

aus v(l -J-0,003665 t) ccm Luft bei einer Temperaturverminderung 

von t auf 0°C. = v ccm. 


.v(l +0,003665 t)’ 

VV _ V 

v °.v (1+ 0,0036651) 1 H- 0,003665 t * 

Da ferner die Volume sich umgekehrt wie die auf ihnen lastenden Drucke 
verhalten, also v : v, = b : b,, wobei v das angewandte, v t das auf 760 mm 
Quecksilberdruck reducirte Volum, b den abgelesenen, b t den am Meeresspiegel 
vorhandenen (7 60 mm) Barometerstand ausdriickt, so ergiebt sich: 

_ vb _ vb 

Vl — b, “ W' 

Setzt man in diese Gleichung den vorhin für die Temperaturreduction ge- 
gefundenen Werth r 0 ein, so erhält man für das auf 0° und 760 mm reducirte 
Volumen: 

v _ vb 

?01 — 1 + 0,0036651 “ 760(1 + 0,003665 t) * 

760 

Angenommen, dass in unserem Beispiele die Temperatur 21° C. und der 
Barometerstand 723 mm betrug, so ergiebt sich für das der Untersuchung unter¬ 
worfene Volumen (224 ccm): 

224.723 jo« 

V °‘ 760(1+0,003665.21) 

und für den Kohlensäuregehalt im reducirten Liter die Gleichung: 

198 : 0,42 = 1000 : x; x = 2,1, 

d. h. der Kohlensäuregehalt im reducirten Luftvolum betrug 2,1 pro mille. 

Diese Berechnung wird durch eine bei Fr. Vieweg & Sohn in Braunschweig 
erschienenen Tabelle 1 ) ausserordentlich erleichtert; in derselben findet sich für 
jeden beliebigen Temperaturgrad und Barometerstand diejenige Zahl (und deren 
Logarithmus) fertig ausgerechnet, mit welcher der im unreducirten Liter gefun¬ 
dene Kohlensäuregehalt zu multipliciren ist, um sofort den entsprechenden 
Kohlensäuregehalt im reducirten Liter zu erhalten; selbstverständlich kann auch 
diese einfache Berechnung unter Benutzung von Logarithmen noch erheblich ab¬ 
gekürzt werden. 

War in unserem Beispiel der Kohlensäuregehalt im reducirten Liter 1.9 ccm, 
so findet sich in der Tabelle da, wo sich die Zahlen für 21° C. und 723 mm 
schneiden, die Zahl 1.13.., und berechnet sich demnach der Kohlensäuregehalt 
im reducirten Liter auf 1,9.1,13.. = 2,1 ccm. 

Da die Beigabe einer ähnlichen Tabelle hierorts unthunlich ist, habe ich 
mich darauf beschränkt, die auf S. 149 befindliche, äusserst abgekürzte Tafel für 
solche Fälle anzufügen, in denen es auf die grösste Genauigkeit nicht ankommt. 

In dieser Tafel sucht man zunächst links die abgelesene Temperatur auf, 
sieht auf derselben Zeile nach rechts zu, in welcher Columne der abgelesene 


*) Tabellen zur Reduction eines Gasvolumens etc. nach Dr. W. Hesse. 1879. 


Digitized b', 


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Beiträge zur Methodik der wohnungshygienisohen Untersuchungen. 145 

Barometerstand enthalten ist. und findet über dieser die Zahl, mit welcher der im 
unreducirten Liter gefundene Kohlensäuregehalt zu multipliciren ist. In unserem 
Beispiele ist der Barometerstand (723 mm) rechts neben 21° C. in der zweiten 
Columne (zwischen 712—770) enthalten und steht über dieser Columne die 
Zahl 1,1; der Kohlensäuregehalt im reducirten Liter ist demnach 1.9 . 1.1 = 
2,1 ccm. — 



Fig. 4. 


Es ist wol zweifellos, dass das beschriebene Verfahren sich zur Anstellung 
von Massenversuchen vorzüglich eignet, und mit geringen Abänderungen mannig¬ 
facher Erweiterungen fähig ist. So lässt es sich auf die Bestimmung des Kohlon- 
säuregehalts der Bodenluft (Gräberluft) ebenso einfach als sicher übertragen; 
man hat dem transportablen Apparate nur das Bodenrohr, einige Meter Gummi¬ 
rohr und einige Glasröhrchen hinzuzufiigen. Die Yersuchsanordnung hierbei ist 
folgende (s. Fig. 4): 

Man treibt das Bodenrohr in das Erdreich, verbindet es vermittelst eines 
Gummirohrs mit den geaichten Kolben, und zwar mit dem bis auf den Boden 
des grösseren Kolbens reichenden Glasrohre, und saugt vermittels einer Gas¬ 
pumpe (oder einer Gummispritze), die mit dem kurzen Glasrohr des kleineren 
Kolbens durch ein Gummirohr verbunden ist, ungefähr 6mal so viel Grundluft 
an, als das Yolum des grösseren Kolbens beträgt. 

Vlertcljnhmehr. f. ger. Mod. N. F. XXXVUI. I. IQ 


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146 


Dr. W. Hesse, 


Nun ersetzt man nach einander die Glasröhre d, c, b und a durch Glas¬ 
stöpsel, und verfährt genau wie vorbeschrieben. Störungen durch Temperatur¬ 
unterschiede vermeidet man auf die Weise, dass man nach dem Durchsaugen der 
Grundluft die Flaschen so lange in offener Verbindung mit dem Bodenrohr stehen 
lässt, bis sie die Temperatur der umgebenden Luft angenommen haben, und sie 
dann sofort oder umer Berücksichtigung der früher erwähnten Vorsichtsmass- 
regeln im Laboratorium oder anderorts weiter behandelt. 

Ferner dürften von dem Verfahren Aufschlüsse über den Kohlensäuregehalt 
der Athemluft zu erwarten sein, z. B. über den Kohlensäuregehalt der Ausath- 
mungsluft in verschiedenen Lebensaltern, bei den verschiedenen Geschlechtern, 
zu verschiedenen Tageszeiten, in verschiedenen Temperaturen, bei Arbeit und 
Ruhe, bei verschiedenen anderen Körperzuständen, bei Krankheiten u. s. w. 

Der transportable Apparat wäre für diesen Fall nur um eine Vorrichtung 
nach Art eines Ziehharmonikakastens von etwa 6—7 1 Inhalt, 2 Gummischläuche 
und Quetschhähne zu vermehren (s. Fig. 5). 



4 


G& Fig. fi. 

Die Technik wäre die, dass man in den ausgespannt gehaltenen Kasten 
bei a etwa 40 Lit. Luft liineinathmete, die bei b wieder heraustreten, dabei den 
Kasten aber vollständig mit Athemluft füllen. Um nun die Kolben c und d mit 
der Athemluft zu füllen, wären nur, nachdem a verschlossen und die Kolben 
mit b in Verbindung gebracht worden sind, die Kastenwände einander bis 
zur gegenseitigen Berührung zu nähern. Hierauf wird das Gummirohr g mit 
einem Glasstöpsel geschlossen, und weiter genau wie bei Grundluftuntersuchungen 
verfahren. 


IL Verfahren zur quantitativen Staubbestinunung. 

Bei meinen Untersuchungen über das Gewicht des in der Luft von Arbeits¬ 
und Wohnräumen enthaltenen Staubes hat sich das folgende Verfahren bewährt: 
Vermittelst eines Tropfenaspirators (s. Fig. 6, a) wird die zu untersuchende Luft 
durch ein mit Baumwolle gefülltes Glasröhrchen (b) gesaugt, dabei die aspirirte 
Luftmenge durch eine zwischen den Tropfenaspirator und das Glasröhrchen ein¬ 
geschaltete Gasuhr (c) gemessen. Der in der Baumw’olle vollständig zurück¬ 
gehaltene Staub wird durch Wägung bestimmt. 

Eine kurze Beschreibung des Apparates, der Versuchsanordnung und der zu 
beobachtenden Vorsichtsmassregeln dürfte nicht überflüssig sein. 

Der Tropfenaspirator wird an einer senkrechten Fläche befestigt, und durch 
einen über ihm befindlichen etwa 5 Lit. Wasser fassenden Ballon gespeist. 


Digitizeit by 


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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


147 



Fig. 6. 


Das aus ihm abfliessende Wasser wird in einem untergestellten Ballon von dem¬ 
selben Inhalt aufgefangen. Der leer gewordene obere Ballon wird nach Beidarf 
durch den unteren gefüllten ersetzt. Den Wasserzutluss zum Aspirator regulirt 
ein Glashahn oder stellbarer Quetschhahn. 

Der durch ein Gummirohr mit der Ausgangsöffnung der Gasuhr verbundene 
von mir benutzte Aspirator saugt bei richtiger Stellung des Glashahns etwa 
10 mal soviel Luft durch den Apparat, als ihm Wasser zugeführt wird. 

Wenn auf diese Weise innerhalb 12 Stunden nur etwa 100 Lit. Luft durch 
die Watte geleitet werden können, dauert ein Versuch zwar in der Hegel 
einige Tage, doch erfordert er äusserst wenig Aufmerksamkeit und Mühwaltung 
(zweimaliger Ballonwechsel) und liefert vor allem gute Durchschnittswerthe. 

Die Glasröbrchen, sog. Spectralrohre (s. Fig. 7), die ich verwende, sind 
SV? cm, incl. der gut eingeschlifTenen Glasstöpsel 10 cm lang, besitzen 1 cm 
lichten Durchmesser und sind incl. Stöpsel 6—8 g schwer. Jedes derselben 
füllt man zur einen Hälfte mit entfetteter Baumwolle (Wundwatte) (a) , während 
die andere OefTnung nur mit einem kleinen Wattebausche (b) versehen wird. 

10 * 


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148 


Dr. W. Hesse, 


Die Baumwolle muss ziemlich locker 
gestopft und so weit hinter die Oeffnun- 
gen des Glasröhrchens geschoben wer¬ 
den , als die Glasstöpsel in dasselbe 
eindringen. 

Fig. i. Das so armirte Röhrchen wird nun 

offen einige Tage über Schwefelsäure im 
Exsiccator aufbewahrt. Nachdem es völlig lufttrocken geworden, wird es heraus 
genommen, sofort mit seinen Glasstöpseln verschlossen ubd gewogen. Vor dem 
Beginn des Versuchs entfernt man die Glasstöpsel, und verbindet das Röhrchen 
vermittelst Gummirohres mit der Eingangsöffnung der Gasuhr, wobei es in hori¬ 
zontaler Lage so befestigt werden muss, dass unbeabsichtigter Weise etwas weder 
hineingelangen, noch herausfallen kann. 

Die Aspiration wird so lange fortgesetzt, bis die im Glasröhre befindliche 
Watte wägbare Mengen von Staub aufgenommen hat, was erfahrungsgemäss dann 
statt hat, wenn die Watte stark verunreinigt erscheint. Nach Beendigung des 
Versuches wird das Glasrohr von der Gasuhr abgenommen, indem man sein freies 
Ende nach oben richtet. In derselben Lage wird das kleine Wattebäusclicben, 
welches zugleich controlirt, ob auch kein Staub die Baumwolle passirt hat, vor¬ 
sichtig mit einer Nadel herausgezogen und vorn hineingesteckt, um den vor der 
Baumwolle im Glasrohre liegenden Staub zu sammeln und zu fixiren. Nach Ent¬ 
fernung der für der. Transport eingesetzten Glasstöpsel wird das Röhrchen wieder 
einige Tage in den Exsiccator gelegt, nach erfolgtem Trocknen aus diesem her¬ 
ausgenommen, schnell mit den Stöpseln versehen und gewogen. 


Beispiele: 



Untersuchungs¬ 

raum. 

Versuchs¬ 

dauer. 

Luft¬ 

menge. 

l 

Gewichts¬ 

zunahme. 

g 

Gewicht 
d. Staubes 
in 1 cbm 
Luft. 

g 

Bemerkungen. 

1 . 

Hadersaal in einer 
Papierfabrik. 

einige 

Tage. 

708 

0,0162 

0,0229 

14 Tische, 

28 Arbeiter. 

2. 

Wohn- u. Kinder¬ 
stube. 

nahezu 

2 Wochen. 

1124 

0,00195 

0,0016 

1—2 Erw. u. 

4—5 Kinder. 

3. 

Putzraum in einer 
Eisengiesserei. 

9 Tage. 

993 

0,0997 

0,10 

15—20 Ar¬ 
beiter. 


(Während der Arbeitspausen, bez. Nachts wurde nicht aspirirt.) 

Die Herstellung mikroskopischer Präparate aus dem in der Watte enthalte¬ 
nen Staube unterliegt keinen Schwierigkeiten; unter Umständen dürfte es sich 
empfehlen, Schiessbaumwolle anstatt gewöhnlicher entfetteter Watte zu verwen¬ 
den. Die Frage, ob und in welchem Umfange das Verfahren sich zugleich zu 
Zwecken weiterer Untersuchung der mit in die Watte gelangten pflanzlichen 
Keime modificiren lässt, harrt noch der Beantwortung. — 



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Beiträge zur Methodik der wohnungshygienischen Untersuchungen. 149 


Zum Schlüsse spreche ich meinem verehrten Freunde, Herrn Hüttenmeister 
Bischoff in Niederpfannenstiel für die vielfachen Förderungen meiner Arbeiten, 
insbesondere die Lieferung der im Texte enthaltenen Zeichnungen meinen herz¬ 
lichsten Dank aus. 


Multiplikatoren: 



1,2 

U 

1,0 


1,2 

1,1 

1,0 

Temp. 

Barometerstände 

mm. 

Temp. 

Barometerstände 

mm. 

°c. 




°c. 




30 

680—733 

734—770 


13 

680—692 

693—758 

759-770 

29 

680—731 

732—770 


12 

680—689 

690—755 

756—770 

28 

6S0-721 

729—770 


11 

680-687 

688—753 

754—770 

27 

680—726 

727—770 


10 

680—685 

686—751 

752—770 

26 

680—723 

724—770 


9 

680-682 

683—748 

749—770 

25 

680-721 

722—770 


8 

6S0 

681—745 

746—770 

24 

680—719 

720—770 


7 


680-742 

743—770 

23 

680-716 

717—770 


6 


680-739 

740—770 

22 

680-714 

715—770 


5 


680—737 

738—770 

21 

680—711 

712—770 


4 


680—734 

735—770 

20 

680-709 

710—770 


3 


680—731 

732—770 

19 

6S0—706 

707—770 


2 


680—729 

730—770 

18 

680—704 

705—770 


1 


680—726 

727—770 

17 

680-702 

703—768 

769—770 

0 


680-723 

724—770 

16 

680—699 

700-766 

767—770 

—1 


680—721 

722—770 

15 

680—697 

698—763 

764—770 

—2 


680—718 

719—770 

14 

680-694 

695-760 

761—770 



1 



Anhang. 


Zur Vervollständigung der zur Untersuchung des Wohnungsklimas aufge¬ 
führten Mittel füge ich mit freundlicher Bewilligung des Herrn Prof. Mohn in 
Stockholm die in seinem Werke: „Grundzüge der Meteorologie etc.“ enthaltene 
Psychrometertabelle an, und gestatte mir, den die Untersuchung und die Be¬ 
nutzung der Tabelle erläuternden Text hier wiederzugeben: 

„Das Psychrometer besteht aus 2 Thermometern von gleicher Construction, 
welche neben einander, mit einem Zwischenraum von etwa 1 Decimeter, aufge¬ 
stellt sind. Das eine Thermometer dient nur zur Bestimmung der Lufttemperatur, 
und heisst das trockene Thermometer. Die Kugel des anderen, dos feuchten 
Thermometers ist mit einer einfachen Lage eines dünnen Zeugstoffes, welcher 
leicht Wasser aufsaugt, überzogen. Während der Beobachtung ist dieselbe nass 
oder mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Wenn das Wasser oder Eis auf der 
Kugel des feuchten Thermometers verdunstet, wird eine gewisse Wärmemenge 
gebunden. Diese wird dem Thermometer entzogen, und in Folge davon sinkt das 
feuchte Thormometer unter die Temperatur der Luft. So lange die Verdunstung 


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150 


Dr. W. Hesse, 


auf der nassen Kugel fortgeht, ist also das feuchte Thermometer einem bestän¬ 
digen Wärmeverlust ausgesetzt. Zu gleicher Zeit erhält dasselbe aber auch 
Wärme aus der Luft zugeführt, und das Ergebniss dieser beiden entgegen¬ 
gesetzten Vorgänge wird darin bestehen, dass das Thermometer nach einiger 
Zeit zu sinken aufhört und auf einer Temperatur stehen bleibt, welche niedriger 
ist, als diejenige, die das trockene Instrument angiebt. Je trockener die Luft 
ist, je weniger Wasserdämpfe sie enthält, und je höher die Temperatur, welche 
in der Luft herrscht, desto schneller wird die Verdunstung auf der nassen Kugel 
von statten gehen; desto mehr Wärme wird das feuchte Thermometer in gleicher 
Zeit abgeben, und desto tiefer wird es unter dem trockenen sich einstellen, oder, 
mit anderen Worten, je trockener die Luft ist, desto grösser ist die Differenz 
zwischen den Angaben des trockenen und des feuchten Thermometers. Bei voll¬ 
gesättigter Luft wird gar keine Verdunstung eintreten, und somit das feuchte 
Thermometer, dem ja nun auch keine Wärme entzogen wird, mit dem trockenen 
auf gleicher Höhe stehen. Mit Hülfe darauf eingerichteter Tabellen, welche nach 
Versuchen und Rechnungen entworfen sind, kann man aus den Angaben der 
beiden Thermometer mit der grössten Leichtigkeit den Druck der Dämpfe und die 
relative Feuchtigkeit vermitteln. Man berechnet zuerst den Unterschied zwischen 
den Angaben beider Thermometer. Zeigt das trockene über 0°, und das feuchte 
unter 0°, so muss man natürlich in diesem Fall die Grade addiren, um die Diffe¬ 
renz zu finden. In der ersten verticalen Spalte, welche die Ueberschrift „Feuchtes 
Thermometer“ trägt, sucht man nun die horizontale Reihe auf, welche mit dem 
abgelesenen Stande des feuchten Thermometers anfängt. In dieser Horizontal¬ 
reihe sucht man ferner die Zahl, welche in der verticalen Spalte steht, welche 
die berechnete Differenz zwischen den Ablesungen der beiden Thermometer zur 
Ueberschrift hat. Diese Zahl ist die gesuchte Grösse. Ist die Differenz der beiden 
Thermometer und die Temperatur des feuchten nicht in ganzen Graden auszu¬ 
drücken , so kann man durch eine einfache Proportionsrechnung die gesuchte 
Zahl finden. In den Tabellen ist auch noch der Thaupunkt angegeben. Die hier 
folgenden Beispiele werden am einfachsten den Gebrauch der Tabellen erläutern. 


Beispiel. 


Trockenes Thermometer 

20", 0 

12®,5 

6°,0 

5®,2 

5®,2 

Feuchtes 

15°,ü 

10®,5 

5°, 5 | 

4®,7 

5®,2 

Differenz. 

5°,0 

2®,0 

0®,5 

0®,5 

0®,0 

Dunstdruck .... 

9,7 mm 

8,3 mm 

6,5 mm 

6,1 mm 

6,6 mm 

Relative Feuchtigkeit . 

55 pCt. 

77 pCt. 

93 pCt. 

92 pCt. 

100 pCt. 

Thaupunkt .... 

10®,8 

8®,5 

4®,9 

4®,0 

5®,2 


Trockenes Thermometer 

5®,2 

2®,4 

2",3 

-5®,5 

—20®,0 

Feuchtes 

3®,5 

0°,7 

—0°,7 

-8®,2 

—20®,6 

Differenz. 

1®,7 

r,7 

3",0 

2®,7 

0®,6 

Dunstdruck .... 

4,9 mm 

3,8 mm 

2,8 mm 

1,0 mm 

0,6 mm 

Relative Feuchtigkeit . 

74 pCt. 

70 pCt. 

52 pCt. 

34 pCt. 

61 pCt. 

Thaupunkt .... 

0°,9 

-2°,5 

-6»,4 

—18®,9 

—24®,5.“ 


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Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 151 

Indem ich bezüglich der Herrichtung, Aufstellung und Ablesung des Psy¬ 
chrometers auf Mohn’s Beschreibung verweise, erwähne ich nur, dass ich mich 
gewöhnlicher, mit einem Normalthermometer verglichener, von —20 bis -f- 50° C. 
in ganze Grade getheilter cylindrischer Thermometer bediene, und djese nach 
Eintauchen der Kugel des „nassen Thermometers“ in destillirtes Wasser ohne 
besondere Vorrichtung zum Aufhängen geeignet lagere. In der Schätzung der 
Bruchtheile der Grade lässt sich binnen Kurzem eine grosse Sicherheit und eine 
für hygienische Zwecke hinreichende Genauigkeit erreichen. 


Psychrometertafel. 


Feuch¬ 

tes 

Tberm. 


0° 

Differenz der 

1 

beiden 

1° 

Tkcrmorc 

icter: 

2® 


Dunst- 

Rel. 

Thau- 

Dunst- 

Rel. 

Thau- 

Dunst- 

Rel. 

Thau- 


druck. 

Feucht. 

punkt. 

druck. 

Feucht. 

punkt. 

druck. 

Feucht. 

punkt. 

°c. 

mm 

pCt. 

°c. 

mm 

pCt. 

°c. 

mm 

pCt. 

«c. 

30 

31.5 

100 

30.0 

30.9 

93 

29.6 

30.3 

86 

29.3 

29 

29.8 

100 

29.0 

29.2 

92 

28.6 

28.5 

85 

2S3 

2S 

28.1 

100 

28 0 

27 5 

92 

27.6 

26 9 

85 

27.2 

27 

26.5 

100 

27.0 

25.9 

92 

26.6 

253 

85 

26.2 

2G 

25.0 

100 

26.0 

24.4 

92 

25.6 

23.7 

85 

25.1 

25 

23.5 

100 

25.0 

22 9 

92 

24.6 

22.3 

84 

24.1 

24 

22.2 

100 

240 

21.fi 

92 

23.5 

21.0 

84 

23.0 

23 

20.9 

100 

23.0 

20.3 

91 

22.5 

19.7 

S3 

22.0 

22 

19.7 

100 

22.0 

19.0 

91 

21,5 

18.4 

83 

20.9 

21 

18.5 

100 

21.0 

17.9 

91 

20.4 

17.3 

83 

19.9 

20 

17.4 

100 

20.0 

16.S 

91 

19.4 

16.2 

82 

18.8 

19 

16.4 

100 

19.0 

15.7 

91 

184 

15.1 

82 

17.8 

18 

15.4 

100 

18.0 

148 

90 

17.4 

14.1 

81 

16.7 

IS 

14.4 

100 ! 

1S.0 

13.8 

90 

16.3 

13.2 

81 

15.6 

16 

135 

100 

16.0 

12.9 

90 

15 3 

12 3 

80 

14.5 

15 

12.7 

100 

15.0 

12.1 

89 

14.2 

11.5 

80 

13.4 

14 

11.9 

100 

14.0 

11.3 

89 

132 

10.7 

79 

12.3 

13 

11.2 

100 

13.0 

10.6 

89 

12.1 

10.0 

78 

11.2 

12 

10.5 

100 

120 

9.9 

88 

11.1 

9.3 

78 

10.1 

11 

9.8 

100 

11.0 

9.2 

88 

10.0 

8.6 

77 

9.0 

10 

92 

100 

10.0 

8.6 

87 

9.0 

8.0 

76 

7.9 

9 

8.6 

100 

90 

80 

86 

7.9 

7.4 

75 

6.8 

8 

8.0 

100 

8.0 

7.4 

86 

6.9 

6.8 

74 

5.6 

7 

7.5 

100 

7.0 

6.9 

86 

5.8 

6.3 

73 

4.5 

6 

7.0 

100 

6.0 

6.4 

85 

4.7 

5.8 

72 

3.3 

5 

6.5 

100 

5.0 

5.9 

85 

3,6 

5.3 

71 

2.1 

4 

6.1 

100 

4.0 

5.5 

84 

2.5 

4.9 

70 

0.9 

3 

5.7 

100 

3.9 

5.1 

83 

1.5 

4.5 

69 

-0.3 

2 

5.3 

100 

20 

4 7 

83 

0.3 

4.1 

67 

—1.5 

1 

4.9 

100 

1.0 

4.4 

82 

-0 7 

3.8 

66 

—2.7 

0 

4.6 

100 

0.0 

4.0 

81 

— 1.8 

34 

64 

-3.9 


Digitized by 


Gck igle 


Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



152 


Dr. VY. Hesse. 


Feuch¬ 

tes 

Tberm. 

° c . 


0° 

Differ 

enz der beiden Therraon 

ieter : 

2® 


Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht. 

pCt . 

Thau- 

punkt. 

° c . 

Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht. 

pCt. 

Thau- 

punkt 

° c . 

Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht. 

pCt , 

Thau- 

punlct. 

°c. 

— 0 

4.6 

100 

— 0.0 

4.1 

82 

— 1.7 

35 

67 

- 3.5 

— 1 

43 

100 

— 1 0 

3.7 

81 

— 2.8 

3.2 

65 

— 4.6 

— 2 

4.0 

100 

— 2.0 

3.4 

80 

— 3 8 

2.9 

63 

— 5.9 

- 8 

3.7 

100 

— 3 0 

3.1 

79 

— 5.0 

2.6 

61 

— 7.3 

— 4 

3.4 

. 100 

— 4.0 

2.9 

78 

— 6.1 

- 2.3 

59 

— 8.6 

— 5 

3.1 

100 

— 5.0 

2.6 

77 

— 7.3 

2.1 

57 

— 9.9 

— 6 

2.9 

100 

— 60 

2.4 

76 

- 8.4 

1.9 

55 

— 11.4 

— 7 

2.7 

100 

— 7.0 

2.2 

74 

— 9.6 

1.6 

52 

—13.0 

- 8 

2.5 

100 

— SO 

1.9 

73 

— 10.9 

14 

49 

—14.7 

— 9 

2.3 

100 

— 9.0 

1.7 

71 

—12.2 

1.2 

46 

—16.5 

—10 

2.1 

100 

—10.0 

1.6 

69 

—13.6 

1 0 

42 

— 1 S .5 

-11 

1.9 

100 

-11.0 

1.4 

67 

— 14.9 

0.9 

39 

-20.4 

—12 

1.8 

100 

—12.0 

1.3 

65 

-16.2 

0.7 

35 

—22.6 

-13 

1.6 

100 

— 13.0 

1.1 

63 

—17.7 

0.6 

31 

—24.8 

— 14 

1.5 

100 

—14.0 

1.0 

61 

—19.0 

0.5 

27 

—27.5 

—15 

1.4 

100 

—15.0 

0.9 

58 

—20.6 

0.4 

22 

—30.3 

— 16 

1.3 

100 

— 160 

0.8 

55 

—22.1 

0.3 

16 

—33.9 

—17 

1.2 

100 

— 17.0 

0.7 

52 

—23.7 

0.2 

11 


— IS 

1.1 

100 

—18.0 

0.6 

4S 

-25.4 

0.1 

4 


— 19 

1.0 

100 

— 19.0 

0.5 

45 

—27.3 




—20 

0.9 

100 

—20.0 

0.4 

40 

-29.2 




—21 

0.8 

100 

—21.0 

0.3 

36 

—31.2 




—22 

0.8 

100 

-22.0 

0.3 

31 

-33.5 




-23 

0.7 

100 

—23.0 

0.2 

25 





—24 

0.6 

100 

-24.0 

0.1 

19 





—25 

0.6 

100 

—25.0 

0.1 

12 





—26 

0.5 

100 

- 26 0 







—27 

05 

100 

-27.0 







— 2S 

0.5 

100 

—28.0 







—29 

0.4 

i 100 

—29.0 







—30 

0.4 

1 100 

—30.0 








Digitized by 


Gck igle 


Original frnm 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



Beiträge zur Methodik wohnungshygienischer Untersuchungen. 


153 


Feuch- 

tes 


3 " 

Differ 

enz der beiden Thermom 

1 4 . | 

icter: 

5 " 


Therm. 

Dunst- 

Bel. 

Thau- 

Dunst- 

Rel. 

Thau- 

Dunst- 

Rel. 

Thau- 


druck. 

Feucht. 

punkt. 

druck. 

Feucht. 

punkt. 

druck. 

Feucht. 

punkt. 

®c. 

mm 

pCt. 

°c. 

mm 

pCt. 

°c. 

mm 

pCt. 

°c. 

30 

29.7 

79 

28,9 







29 

27.9 

79 

27.9 

27.3 

73 

27.5 




28 

26.2 

79 

26.8 

25.6 

72 

26.4 

25 0 

67 

26.0 

27 

24.6 

78 

25.8 

24.0 

72 

25.3 

234 

66 

! 24.9 

26 

23.1 

78 

24.7 

22.5 

71 

24.2 

21.9 

65 

23 8 

25 

21.7 

77 

23,6 

21.1 

71 

23.1 

20.5 

65 

22.7 

24 

20.3 

77 

22.6 

19.7 

70 

22.0 

19.1 

64 

21.5 

23 

19.0 

76 

21.5 

18.4 

69 

20.9 

17.8 

63 

' 20.4 

22 

17.8 

76 

20.4 

17.2 

69 

19.8 

16 6 

63 

19.2 

21 

16.7 

75 

19.3 

16.0 

GS 

18.7 

15.4 

62 

18.1 

20 

15.6 

74 

18.2 

14.9 

67 

176 

14.3 

61 

160 

19 

14.5 

74 

17.1 

13.9 

66 

16.5 

13.3 

60 

15.7 

18 

13.5 

73 

16.0 

12.9 

66 

15.2 

12.3 

59 

14.5 

17 

12.6 

72 

14.9 

12.0 

65 

14.1 

11.4 

58 

13 3 

16 

11.7 

72 

13.7 

11.1 

64 

12 9 

10.5 

57 

12.1 

15 

10.9 

71 

12.6 

10.3 

63 

11.7 

9,7 

55 

10.S 

14 

10.1 

70 

11.4 

9.5 

62 

10.5 

8.9 

54 

95 

13 

9.3 

69 

10.3 

8.7 

61 

9.3 

8.1 

53 

8.2 

12 

8.6 

68 

9.1 

8.0 

59 

8 0 

7.4 

52 

6.9 

11 

8.0 

67 

7.9 

7.4 

58 

6.8 

6.8 

50 

5.5 

10 

7.4 

66 

6.7 

6.8 

57 

5.5 

6.2 

48 

4.1 

9 

6.8 

65 

5.5 

6.2 

55 

4.1 

5.6 

47 

2.7 

8 

6.2 

63 

4.2 

5.6 

54 

2.8 

5.0 

45 

1.2 

7 

5.7 

62 

3.0 

5.1 

52 

1.5 

4.5 

43 

— 0.3 

6 

5.2 

61 

1.7 

4.6 

50 

0.0 

4.0 

41 

— 1.9 

5 

4.7 

59 

0.4 

4.1 

48 

— 1.4 

3.5 

39 

— 3.4 

4 

4.3 

57 

— 0.9 

3.7 

46 

- 2.8 

3.1 

36 

— 5.1 

3 

3.9 

56 

— 22 

3.3 

44 

— 4.3 

2.7 

34 

— 6.8 

2 

3.5 

54 

— 3.5 

2.9 

42 

— 5.9 

2.3 

31 

— 8.7 

1 

3.2 

52 

— 4.9 

26 

39 

— 7.5 

2.0 

28 

- 10.7 

0 

2.8 

50 

— 6.3 

2.2 

36 

— 9.2 

1.6 

25 

— 13.0 

— 0 

3.0 

53 

— 5.5 

2.5 

40 

— 7.8 

2.0 

30 

— 10.5 

— 1 

2.7 

51 

— 6.9 

2.2 

38 

— 9.5 

1.6 

27 

—12 9 

— 2 

2.4 

4S 

— 8.4 

1.9 

35 

— 11.4 

1.3 

23 

—15.5 

- 3 

2.1 

45 

— 9.9 

1.6 

32 

— 13.5 

1.0 

19 

— 18.4 

— 4 

1.8 

43 

— 11.6 

1.3 

28 

— 15.8 

0.8 

15 

- 21.7 

— 5 

1.6 

40 

- 13.5 

1.0 

24 

— 18.5 




— 6 

1.3 

36 

— 15.5 

0.8 

20 

— 21.4 




— 7 

1.1 

32 

— 17.7 

0.6 

16 

— 25.0 




— 8 

0.9 

28 

— 20.2 

0.4 

11 

— 29.8 




— 9 

0.7 

24 

— 23.1 

0.2 

6 





—10 

0.5 

20 

- 26.4 







—11 

0.4 

15 

— 30.3 







— 12 

0.2 

10 

— 35.0 







—13 

0.1 

4 





1 




Digitized by 


Gck 'gle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 










154 


Dr. W. Hesse, 


Feuch¬ 

tes 

Therm. 

°c. 


6 » 

Diffc: 

renz der beiden 

7" 

Thermon 

ieter: 

8 ° 


Dunst¬ 

druck. 

mm 

Eel. 

Feucht 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°C. 

Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°c. 

Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°c. 

27 

22.8 

61 

24.4 







26 

21.3 

60 

23.3 

20 6 

55 

22.8 




25 

19.8 

59 

22.1 

19.2 

54 

21.6 

18,6 

50 

21.1 

24 

1S.5 

59 

21.0 

17.9 

53 

20.4 

17.2 

49 

19.9 

23 

172 

58 

19.8 

16.6 

53 

19.2 

160 

48 

18.6 

22 

16.0 

57 

186 

15.4 

52 

ISO 

14.7 

47 

17.3 

21 

14.8 

5G 

17.5 

14.2 

51 

16 7 

13.6 

46 

16.0 

20 

13.7 

55 

16.2 

13.1 

49 

15 5 

12.5 

44 

14.7 

19 

12.7 

54 

14.9 

12.1 

4S 

14.2 

11 4 

43 

13 4 

18 

11.7 

53 

137 

11.1 

47 

12.9 

105 

42 

12.0 

17 

10.8 

52 

12.5 

10.1 

46 

11 5 

9 5 

40 

10.6 

16 

9.9 

50 

11.1 

9.3 

44 

10.2 

8.7 

39 

9.2 

15 

9.1 

49 

9.8 

8.4 

43 

SS 

7.8 

37 

7.7 

14 

83 

47 

8.4 

i 

7.7 

41 

7.3 

7.0 

36 

6.1 

13 

7.5 

46 

7.1 

6.9 | 

40 

5.8 

6 3 

34 

4.5 

12 

6.8 

44 

56 

6.2 

38 

4 3 

5.6 

32 

2.8 

11 

62 

43 

4.1 

5.6 

36 

2.7 

5.0 

30 

1.0 

10 

55 

41 

2.6 

4.9 

34 

1.0 

4.3 

28 

— 0.8 

9 

5.0 

39 

1.1 

4.4 

32 

— 0.7 

3.8 

26 

— 2.7 

8 

4.4 

37 

— 0.6 

38 

30 

- 2.5 

3.2 

24 

— 4.7 

7 

3.9 

35 

- 22 

33 

28 

— 4.4 

2.7 

21 

— 6.9 

6 

34 

33 

— 4.0 

2 8 

25 

— 6.4 

2.2 

18 

— 9.3 

5 

2.9 

30 

- 5.8 

2.3 | 

22 

— 8.6 

1.7 

16 

—12.2 

4 

25 

28 

— 7.7 

1.9 

19 

—11.0 

1.3 

i 

i 13 

—15.7 

3 

2.1 

25 

- 9.8 

1.5 

16 

—13.9 

0.9 

9 

—20.0 

2 

1.7 

22 

—12.3 

1.1 

13 

—17.5 

0.5 

6 

—26.2 

1 

1.4 

18 

—15.1 

0.8 

10 

-21.8 

0.2 

2 


0 

1.0 

15 

-185 

0.4 

6 

—28.0 




—0 

1.4 

20 

—15 1 

0.9 

12 





—1 

1.1 

17 

—17.5 







—2 

0.8 

13 

—21.5 








Digitized by 


Gck igle 


Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



Beitrüge zur Methodik wohnungshygicnischer Untersuchungen 


I DO 


Feuch¬ 

tes 

Therra. 

°c. 


9° 

Differenz der beiden 

I 10° 

Thermom 

icter: 

11 ® 


Dunst- 

druck. 

mm 

Bai. 

Feucht. 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°c. 

Dunst¬ 

druck. 

mm 

Rel. 

Feucht 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°c. 

Dunst¬ 

druck. 

mra 

Rel. 

Feucht. 

pCt. 

Thau- 

punkt. 

°c. 

24 

16 6 

44 

39.3 







23 

15.3 

43 

18.0 

14 7 

39 

17.3 




22 

14.1 

42 

16 7 

13.5 

38 

16.0 

12.9 

34 

15.2 

21 

13.0 

41 

15 3 

124 

37 

146 

11.7 

33 

13.8 

20 

11.9 

40 

139 

11.3 

36 

13.1 

10 6 

32 

12.3 

19 

108 

39 

12.5 

10.2 

34 

11.6 

9.6 

30 

10.7 

18 

9.8 

37 

11.1 

9.2 

33 

10.1 

8.6 

29 

9.1 

17 

89 

36 

96 

83 

31 

85 

77 

27 

74 

16 

89 

34 

8.1 

7.4 

30 

6.9 

6.8 

26 

5 6 

15 

7.2 

33 

6.5 

6.6 

28 

5.2 

6.9 

24 

3.8 

14 

6.4 

31 

48 

58 

26 

3.4 

5.2 

22 

1.8 

13 

5.7 

29 

3.0 

5.1 

25 

1.4 

45 

20 

— 03 

12 

5.0 

27 

1.2 

4.4 

22 

— 0.6 

38 

18 

— 2 5 

11 

4.4 

25 

— 0.7 

3.7 

20 

— 2.7 

3.1 

16 

— 50 

10 

3.7 

23 

— 2.S 

3.1 

18 

— 50 

2.5 

14 

— 7.7 

9 

3.2 

20 

— 4.9 

2.5 

16 

— 7.6 

1.9 

11 

—109 

8 

2.6 

18 

— 7.3 

2.0 

13 

—105 

1.4 

9 

—14.9 

7 

2.1 

15 

-100 

1.5 

10 

—14.2 

09 

6 

-20.4 

G 

1.6 

13 

—13.2 

1.0 

7 

—18.9 

0.4 

3 

—29.2 

5 

1 1 

10 

—17.4 

05 

4 

—26.0 





4. 

Ein einfaches Toanensystem mit Ventilatien. 

Mittheilung von 

Dr. Kruse in Norderney. 


Das Heidelberger Tonnensystem hat sich an den verschiedenen 
Orten, an welchen es eingeführt wurde, so sehr allen Anforderungen 
entsprechend erwiesen, dass es überflüssig erscheinen könnte, mit 
einem anderen System hervorzutreten. Es ist auch nicht meine Ab¬ 
sicht, das unten zu beschreibende System als eine Verbesserung des 
von Heidelberg ausgegangenen darzustellen. Allein, gleichwie wir 
hier in Norderney auf Schwierigkeiten gestossen sind, als wir die 


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15G 


Dr. Kruse, 


Heidelberger Tonuenabfuhr einführen wollten, so möchte es auch an¬ 
dere Orte geben, in denen ähnliche, vor allem finanzielle Hindernisse 
der Verbesserung der sanitären Verhältnisse entgegen stehen, und die 
von einem einfacheren und dadurch wohlfeileren Verfahren, wie dem 
unsrigen, Gebrauch machen könnten. Die Hauptsache ist nicht das 
eine oder andere System, sondern die Reinhaltung des Bodens und 
der Luft von Fäulnissproducten. 

Die sog. Delfter Tonne erfüllt, nur den ersten Zweck, die Rein¬ 
haltung des Bodens. Die Verunreinigung der Hausluft wird, wie man 
sich leicht überzeugen kann, durch dieselbe nicht verhindert. Und 
doch ist diese, wenn auch geringe Beimischung von Fäulnissproducten 
zu der Athemluft sicherlich von nicht geringerer Bedeutung als die 
Verunreinigung des Bodens. Nicht immer braucht sich die erstcre 
Schädlichkeit durch das Auftreten bestimmter Krankheitsformen zu 
erkennen zu geben; in den meisten Fällen werden sich die Folgen 
der unreinen Athemluft nur in einer verschlechterten Körperernäh¬ 
rung zeigen. 

Die sanitären Verhältnisse von Norderney sind durchaus nicht 
ungünstig. Krankheiten, als deren Grund man Verunreinigung von 
Boden und Luft durch Fäulnissproducte annehmen könnte, sind selten; 
Typhus z. B. kommt nur in vereinzelten Fällen vor. Allein unsere 
Aborteinrichtungen, wenn sie auch in den letzten Jahren erheblich 
gebessert wurden, entsprechen noch nicht den modernen Anforderun¬ 
gen. Und ausserdem hat ein Kurort von der Bedeutung der Insel 
Norderney in noch höherem Grade als andere Coramunen die Ver¬ 
pflichtung, für musterhafte Einrichtungen Sorge zu tragen. Wer einen 
Kurort besucht, um seine Gesundheit wieder zu erlangen, muss, so¬ 
weit cs irgend möglich ist, davor gesichert sein, dass sein Befinden 
durch örtliche Einflüsse geschädigt werde. Das Heidelberger Tonnen¬ 
system, welches schon versuchsweise im hiesigen Conversationshausc 
eingeführt ist, war auch zur obligatorischen Einführung für sämmt- 
liche Häuser von Norderney vorgeschlagen. Indessen zeigte es sich, 
dass die Kosten dieser Neuerung die Gemeinde in zu hohem Grade 
belasten würden. Die Einwohner sind durchgehends wenig wohlhabend 
und das rasche Wachsthum des Orts erfordert eine Reihe von anderen 
kostspieligen neuen Einrichtungen. 

Diese Erwägungen führten dazu, ein Tonnenabfuhrsystem vorzu¬ 
schlagen, welches mit möglichst geringem Kostenaufwand doch die 
Sicherheit vor Verunreinigung des Bodens und der Hausluft verbindet. 


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Ein einfaches Tonnensystem mit Ventilation. 


157 


Dasselbe ist von dem Architekten Herrn Richard Henkel in Nor¬ 
derney eonstruirt und zwar in folgender Weise: 



Flg. 1. Fig. 2. 


Die Tonne T steht unter einem Abortsitz, dessen 
Sitzplatte B beweglich ist, so dass sie aufgeklappt und 
an die Hinterwand des Abortsraums angelehnt werden 
kann. Auch die vordere Wand des Kastens V ist be¬ 
weglich, lässt sich wie eine Thür nach einer Seite 
öffnen und macht dadurch den Tonnenraum auch von 
vorn her vollständig zugängig. 

Mit der Sitzplatte B ist der obere Rand des trichter¬ 
förmigen Beckens A starr verbunden; der untere Rand 
desj schräg nach unten und hinten verlaufenden Trich¬ 
ters läuft in einem breiten, platten Ringe F aus, mit 
welchem das Becken auf der unterhalb desselben auf¬ 
gestellten Tonne aufruht. Während der Benutzung bildet 
also das Becken zugleich den Deckel der Tonne. 



Fig. 3. Grundriss des Beckens. 


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158 


Dr. Kruse. 


Zum Zweck der Ventilation ist an das Becken das Rohr a angegossen und 
über die Ventilmündung des letzteren bei ai ein ltohrstück b gestülpt. Dieses 
letztere lässt sich teleskopartig in dem Rohr C verschieben. 

Will man die Tonne wechseln, so schiebt man mittels der Handhaben o 
das Rohrstück b in die Höhe und dreht dann dasselbe ein wenig um seine Axe. 
Zur besseren Führung beim Einschieben und zum Feststellen des Rohres b, wenn 
dasselbe in der Höhe erhalten werden soll, hat das Rohr c zwei sich gegenüber¬ 
stehende Nuthen a, in welche zwei Stifte S des Rohres b fassen. Die Stifte 
laufen bei einer geringen Drehung des Rohres b in die horizontale^ Nuthen ß und 
halten damit das Rohr b in seiner Lage fest. Dass das Rohr 'b im Innern des 
Rohres c hinaufgeschoben wird, geschieht aus dem Grunde, um die Verbreitung 
von Gasen zwischen die beiden Rohrwär.do hindurch nach aussen zu verhindern. 

Ist das Rohrslück b hinaufgeschobon und festgestellt, so wird die Sitz¬ 
klappe B mit dem daran befestigten Becken A und dem Rohrstück a in die Höhe 
gehoben, die vordere thürartige Wand des Behälters weit geöffnet, ein bereit 
stehender Deckel auf die Tonne gelegt, mit zwei Flügelschrauben befestigt, die 
Tonne an ihren Handhaben herausgenommen und durch eine andere Tonne er¬ 
setzt. Die ganze einfache Procedur ist in zwei Minuten auszuführen. 

Das Ventilationsrohr muss bis über den Dachfirst verlängert werden. Von 
r aus kann dasselbe aus beliebigem Material, Thon, Zink, gemauerten Schloten 
hergestellt werden. Das Becken mit den ersten Rohrstücken wird entweder aus 
emaillirtem Gusseisen oder emaillirtem Eisenblech verfertigt. 

Wo die örtlichen Verhältnisse es ermöglichen, führt man das Ventilations¬ 
rohr so, dass es dem Küchenkamin anliegt 1 ). Da der Küchenschornstein gewöhn¬ 
lich während des ganzen Jahres vom Morgen bis zum Abend benutzt wird, so 
wird durch ihn auch die Luft im Ventilationsrohr erwärmt und verdünnt. Das 
obere Ende des Ventilationsrohres wird, um ein Herunterdrücken der abzuführen¬ 
den Gase sicher zu verhindern, mit einem Wolpert’schen Sauger (S) versehen. 

Die Tonne fasst ungefähr 50 Liter; sie hat eine Höhe von 50 Gtm., das 
Becken ist 30 Ctm. hoch. Um eine Unterkellerung des Closetsitzes zu vermeiden, 
ist vor dem thürartigen Vorbreit eine fortnehmbare Stufe von 20 Ctm. Höhe an¬ 
gebracht, während die Tonne um 15 Ctm. tiefer, als der Closetboden gestellt 
ist. Das Sitzbrett liegt 45 Ctm. über der Stufe und ist somit die Hohe von 
20 —|— 15 -f- 45 = 50 (Tonne) und 30 (Becken) ausgeglichen. Wo es angeht, 
lässt man die Stufe fort und setzt die Tonne 35 Ctm. tiefer als den Closetboden. 

Die Tonne wird in einem Untersatz aus Gusseisen oder einem Lattenkränz 
oder ähnlichem aufgestellt, um ihr beim Wechseln stets dieselbe Lage zu geben. 

Die Tonnen mit ihrem Inhalt sollen nach dem reichlich 2 1 / 2 Kilom. vom 
Orte entfernten, von der Gemeinde erworbenen Dünenterrain gebracht, dort ent¬ 
leert und gereinigt werden. Der Inhalt wird dort landwirtschaftlich verwerthet 
werden. 


’) Diese Einrichtung ist absolut notwendig, wenn das Ventilationsrohr eine 
constante Wirkung ausüben soll; wo sie nicht durchführbar ist, muss dio Luft 
im Ventilationsrohr künstlich erwärmt werden. Anm. d. Red. - 


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Ein einfaches Tonnensystem mit Ventilation. 


159 


Der Hauptunterschied zwischen dem Heidelberger Tonnensystem 
und dem unserigen liegt in dem bei letzterem fehlenden Siphon. Bei 
unserer Einrichtung wird die Tonne direkt ventilirt, bei der Heidel¬ 
berger die den Siphon füllende, den Zugang zum Tonnenraum ab¬ 
schliessende Excrementenraenge, für den Effect sicherlich kein Unter¬ 
schied zu Ungunsten unserer Tonnen. Allein das Weglassen des 
Siphons und des Fallrohrs macht unsere Vorrichtung nicht nur an 
sich wohlfeiler, sondern es wird dadurch auch möglich gemacht, un¬ 
sere Tonne in jedem vorhandenen Abortsraume ohne bauliche Verän¬ 
derungen aufzustellen, während die Unterbringung der Heidelberger 
Tonne mit Siphon fast überall nicht unbedeutende bauliche Verände¬ 
rungen in den Abortsräumen verursacht. 

Ein weiterer Vorzug unserer Tonnen besteht darin, dass jedes 
Verstopfen ausgeschlossen ist, wie es beim Siphon doch nicht selten 
vorkommt. 

Mehrere zur Probe hergestellte Tonneneinrichtungen nach dem 
oben beschriebenen Muster sind in einem Anbau des Norderneyer 
Conversationshauses aufgestellt und fungiren in durchaus befriedigen¬ 
der Weise. 

Dennoch würde der Verfasser den Collegen dankbar sein, wenn 
sie die dargestellte Vorrichtung einer kritischen Beleuchtung unter¬ 
ziehen wollten, damit derselbe etwaige Vorschläge vor der allgemeinen 
Einführung in unserem Orte noch benutzen könnte. Ich glaube diese 
Bitte auch im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege aussprechen 
zu dürfen. Denn gleichwie jeder praktische Fortschritt an einer 
Stelle dem ganzen Gebiete zu Gute kommt, so ist jeder Fehlschlag 
auch wieder ein Hinderniss für die weitere Verwirklichung sanitärer 
Grundsätze. 


5. 

(Jeher Torfstreu. 

Von 

Alexander SKlller. 


Seit Menschengedenken ist Torf benutzt worden, um den Dünger von den 
Haussieren, wie auch Fäcalien damit handlich zu machen, beziehentlich zu des- 
odorisiren. Nichts destoweniger muss die Torfstreufabrication, wie sie sich auf 
den nordwestdeutschen Mooren entwickelt hat und jetzt von der Speculation nach 
allen Seiten hin getragen wird, als eine ganz neue Industrie betrachtet werden, 


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ICO 


Dr. Alex. Müller, 


welche «aus einem früher unbenutzten und sogar lästigen Rohmaterial ein neues 
Erzeugniss für neue Verwendungen hervorbringt. Der erfreuliche Umschwung ist 
der Heranziehung der Maschinentechnik in Verbindung mit kaufmännisch geleite¬ 
tem Be- und Vertrieb zu verdanken. 

Früher benutzte man für besagte Zwecke hauptsächlich den durch Humifi- 
cirung mehr oder weniger erdig gewordenen Torf, entweder als Abfälle von 
Brenntorf oder auch speciell zu dem Ende ausgegrabene Modererde, theilweise 
nicht einmal ordentlich ausgetrocknet. Das Rohmaterial für die heutige Torfstreu 
besteht aus dem Fasertorf, manchen Orts Weisstorf oder Moostorf genannt, einem 
Material, mit welchem man früher gar nichts anzufangen wusste. Als Brenntorf 
hat der Fasertorf gar keinen Werth; als Streu unter Rindvieh vertheilte und 
mischte er sich nicht mit den Excrementen, sondern kam in Klumpen und 
Schollen auf den Acker, wo er allmälig wieder ausbleichte und viele Jahre der 
Humificirung trotzte. Wollte man ein Moor cultiviren, so blieb nichts anderes 
übrig, als die obere aus Fasertorf bestehende Schicht durch wiederholtes Brennen 
zu vernichten. 

Die neue Industrie hebt das sonst nutzlose und beschwerliche Rohmaterial 
in Form von ausgestochenen Torfziegeln ab, lässt diese, allmälig in höhere Pyra^ 
miden aufgeschichtet, an der Luft austrocknen, fährt sie auf Schienengeleisen zu 
einer mit Dampf getriebenen Zerkleinerungsmaschine, welche an einen Woll- 
krempel oder Wolf erinnert, trennt die Masse durch Sieben in einen pulverigen 
und einen faserigen Theil und presst beiderlei zuletzt mittels einer Art Heupresse 
in Ballen von der Grösse und Schwere (2—3 Cir.) der überseeischen Baum¬ 
wollenballen und bewirkt dadurch, dass die Torfstreu nicht nur ohne Emballage 
versendbar, sondern auch specifisch so schwer wird, dass das erlaubte Ladungs¬ 
gewicht der Eisenbahnwaggons zur vollen Ausnutzung gelangt. 

Das gewonnene Torfpulver dient hauptsächlich zur Beschickung der Torf¬ 
streuclosets, welche im Princip mit den Moule’schen Erdclosets übereinstimmen, 
vor letzteren aber den unbedingten Vorzug in allen Städten haben, da das Torf¬ 
pulver ein vielfach grösseres Aufsauge- und Desinfectionsvermögen als Garten¬ 
erde besitzt, für Erreichung des Zweckes also nur in sehr geringem Gewichtsver- 
hältniss zugesetzt zu werdep braucht. Die automatisch wirkenden Torfstreuclosets 
von Bischleb und Kleuker in Braunschweig haben bereits zahlreiche Lieb¬ 
haber gefunden. Die faserige Torfstreu benutzt man theils zur Desinfection der 
Latrinengruben, deren Boden man nach vollständiger Räumung damit ein paar Zoll 
hoch bedeckt; bei allmäliger Anfüllung der Gruben kann man zeitweilig entweder 
mit der faserigen oder pulverigen Torfstreu desinficiren. 

Die hauptsächlichste Anwendung findet die faserige Torfstreu in den Pferde- 
und Kuhställen; sie übertrilft das beste Streustroh in der Aufsaugekraft für 
Flüssigkeit (indem sie bis 900 pCt. Harn aufsaugt) um das Doppelte, und noch 
mehr in Bezug auf Ammoniakbindung und Desinfectionskraft. Wegen letzterer 
Eigenschaft hat die Torfstreu bereits in die Krankenhäuser als Verbandmittel 
Eingang gefunden. 

Zweifelsohne wird die faserige Torfstreu immer mel;r zur Verpackung leicht 
zerbrechlicher Gegenstände statt Heu, Heckerling, Sägemehl u. s. w. angewendet 
werden; namentlich möchte sie sich für Eiertransport bewähren. Sie erscheint 


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Ueber Torfstreu. 


161 


ferner brauchbar für Matratzen, z. B. auf Auswandererschiffen und als Filter- 
material in verschiedenen Industrien. 

Die landwirtschaftliche Benutzung der Torfstreu wird sich vornehmlich 
nach den Strohpreisen richten. Die Gegenden mit Ueberfluss an Stroh werden 
sich von der Torfstreu ziemlich fern halten, je besser aber das Stroh durch Ver- 
fütterung mit Kraftfutter und industriellen Abfällen (Schlempe, Schnitzel u. s. w.) 
oder durch industrielle Verarbeitung auf Pappe u. s. w. sich verwerthen lässt, 
um so gesuchter wird die Torfstreu sein. Dass der zerfaserte und gepulverte 
Fasertorf nach völliger Durchtränkung mit Excrementen der Humiücirung im 
Ackerboden bald anheimfällt, ist nicht zu bezweifeln und ist dann der eigentliche 
Dungwerth des Torfs nur wenig geringer als der des gewöhnlichen Streustrohes. 

Um aus Fäcalien, welche durch Torfstreu aufgesogen sind, einen trocknen 
Streudünger zu machen, der mit Supcrphosphat und Kalisalz gemischt, vortreffliche 
Dienste zur Kopfdüngung oder bei der Drillcultur und dem Hackfruchtbau leistet, 
empfehle ich ein einfaches Holzgestell in Form eines 2 M. langen, 2 M. hohen 
und a /j M. weiten Kastens, dessen Seitenwände aus jalousieartig gestellten, von 
aussen und oben nach innen und unten gerichteten Brettern bestehen, so dass 
der ganze Behälter aus übereinander gestellten viereckigen Trichtern mit ange¬ 
messenem Abstand zusammengesetzt ist. Füllt man dieses Gestell mit der feuchten 
Dungmasse und hält durch passende Bedachung den Regen davon ab, so trocknet 
der Inhalt im Sommer bei der grossen Berührung mit der Luft binnen wenigen Tagen 
aus. Man zieht dann unten etwa die Hälfte ab und füllt oben frische Masse auf; 
wenn nöthig, befördert man das Nachrutsclien durch seitliches Einstechen. Die 
Torfstreufabrication hat ihre Wiege bei Gifhorn an der Lehrte-Stendaler Eisen¬ 
bahn ; gegenwärtig arbeiten daselbst 3 Fabriken. Nach dem grossen Aufschwung 



Fig. X. Flg. 2. 

Trockengestell mit Jalousiewanden für Torfstreu-Poudretto und Andere grobpnWerige Gegenstände. 

*/jo natüri. Grosse. 

Vicrteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 1. 

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162 


Dr. Alex. Müller. 


der neuen Industrie im vergangenen Jahre, der besonders duroh die hohen Stroh* 
preise bedingt war, entstehen allenthalben neue Torfstreufabriken, und werden 
dieselben nicht verfehlen, dem an Torfmooren überreichen nordwestlichen Deutsch¬ 
land eine ergiebige Einnahmequelle zu eröffnen. Es wird aber nicht lange dauern, 
so werden auch andere Theile von Deutschland ihre Terfstreufabriken bekommen. 
Passendes Rohmaterial ist an zahlreichen Orten vorhanden, in Flussniederungen, 
wie auf flachen Gebirgsrücken. Wenngleich die Staatsregierung den Eisenbahn¬ 
transport in entgegenkommendster Weise erleichtert, so vertheuert doch auch der 
niedrigste Tarif bei einiger Entfernung die an sich sehr billige Torfstrou ganz 
unverhältnissmässig. 


6 . 

Zar Aetielegie der Laageaeatr&Hdaag. 

Ein Wort der Abwehr 
vom 

Oberstabsarzt Dr. Kahliltorn in Wesel. 


v. Kranz veröffentlichte im Juliheft 1882 ( ) dieser Vierteljahrsschrift einen 
Aufsatz: „Ein Beitrag zur Aetiologie der Lungenentzündung“, welcher, wenn 
die in demselben aufgestellten Behauptungen und Folgerungen zutreffend wären, 
meine im vorigen Jahre über dasselbe Thema veröffentlichte Arbeit in ein höchst 
zweifelhaftes Licht setzen müsste. Ich suchte in meiner damaligen Arbeit Be¬ 
weisgründe vorzuführen dafür, dass die croupöse Pneumonie zu den Infections- 
krankheiten gehöre. Zu diesem Zwecke hatte ich auch eine Zusammenstellung 
der in den letzten Jahren (1873—1880) in der Garnison Wesel vorgekommenen 
croupösen Lungenentzündungen gemacht und das höchst bemerkenswerthe Resul¬ 
tat gefunden, dass die Pneumonien grösstentheils in localen Epidemien oder herd¬ 
weise aufgetreten waren. Obwohl ich viele Ursachen, welche bisher als Erzeuger 
der croupösen Pneumonie galten, mit Entschiedenheit zurückweisen konnte, so 
musste ich doch zum Schlüsse gestehen, dass ich die eigentliche Ursache der 
Pneumonie, das Inficiens derselben, nicht kenne und deshalb bis jetzt ausser 
Stande sei, das epidemische Auftreten dieser Krankheit zu erklären, v. Kranz 
behauptet nun aber, dass für die Epidemie von Lungenentzündungen im Jahre 


') Da ich im verflossenen Sommer mehrere Monate ausserhalb der Garnison 
war, so ist mir der Aufsatz erst jetzt zu Gesicht gekommen. Daher die ver¬ 
spätete Entgegnung. 


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Dr. Köhnhorn. 


H»3 

1875 in der Garnison Wesel die Ursachen ganz klar vorlägen. Wenn dies zu- 
trifft, so ist Jeder berechtigt za fragen, warum es mir denn nicht gelungen ist, 
die so offenkundig zu Tage liegenden Ursachen der Epidemie im Jahre 1875 auf¬ 
zufinden und warum ich nichts darüber mitgetheilt habe. Man wird ferner mit 
Recht schlossen, dass die Anhäufung der Pneumonien in den übrigen Jahren 
vielleicht dieselbe oder eine ähnliche, leicht festzustellende Ursache gehabt 
hätten, ich dieselben nur nicht gefunden habe. 

Ich sehe mich deswegen zu meiner Rechtfertigung und im Interesse der 
Sache genölhigt, auf die erwähnte Veröffentlichung zu entgegnen. 

v. Kranz sagt: „Betrachten wir hiernach das im April 1875 gefallene 
Regenminimum, so wird es klar (?), dass hier die ersten Ursachen der Epidemie 
liegen. Mit dem Tage, an welchem der erste reichliche Regen fiel (20 Cubikzoll), 
mit dem 7. Mai 1875, ist die Epidemie unter den Soldaten wie abgeschnitten. 
Vom 2. Mai, an welchem Tage auch bereits 10 Cubikzoll Regen gefallen waren, 
bis zum 8. desselben Monats, gingen noch 4 Lungenentzündungen zu, von da ab 
bis zum 25. Mai keine mehr.“ Das klingt sehr überzeugt und fast überzeugend, 
namentlich, wenn man die vorhergehenden Auseinandersetzungen gelesen hat, 
wie zahlreich Krankheit erzeugende Sporen, Pilze u. s. w. in der Luft herura- 
schwirren, die sich grösstentheils aus dem Erdreich entwickelt haben, aber durch 
Regen niedergeschlagen werden. In diesen Mittheilungen, die eine Aeissige Zu¬ 
sammenstellung eines Theiles des hierher gehörigen und bekannten Materials 
sind, war mir der folgende Satz höchst auffällig, welcher vielleicht die Erklärung 
der grossen Differenz der beiderseitigen Ansichten giebt. „Nach der heutigen 
Auffassung“, heisst es dort, „sind es nun gerade niedrige organische Wesen aus 
der Classe der Schimmel- und Spaltpilze mit ihren Sporen, einerlei, ob die Ur¬ 
sachen oder letzten Producte von Bodenzersetzungen und Verwesungsprocesson, 
welche die Infectionskrankheiten, auch die Lungenentzündungen (?), ent¬ 
stehen machen.“ 

v. Kranz betrachtet es hier als feststehend, dass die Pneumonie eine Infec- 
tionskrankheit ist, während ich bisher der Meinung war, dies sei noch eine wissen¬ 
schaftliche Streitfrage. Aber nicht blos der Charakter der Krankheit ist ihm be¬ 
kannt , sondern auoh das Inficienz der Pneumonie ist bei ihm schon festgestellt; 
es ist ein organisches Wesen aus der Classe der Schimmel- oder Spaltpilze. Wie 
schade, dass wir nichts Näheres erfahren, wie der Pneumoniepilz beschaffen ist. 
— Die Entdeckung des Tuberkelbacillus von Koch hat allgemein freudige Auf¬ 
regung in der ärztlichen Welt hervorgerufen, der Jubel über die Auffindung des 
Pneümoniepilzes dürfte kaum geringer sein. Hoffen wir, dass diese Freude uns 
bald zu Theil wird. — Nach v. Kranz hat sich nun im Jahre 1875 in Folgo 
des Regenmangels der Pneumoniepilz in der Garnison Wesel derartig aus dem 
warmen und austrocknenden Erdboden entwickelt, dass das Entstehen der Epi¬ 
demie vollständig klar ist. — Ich will nicht auf das bis jetzt für mich, wenig¬ 
stens in Bezug auf Pneumonie, noch hypothetische Pilzgebiet folgen, sondern nur 
einfach mein Bedenken äussern gegen die Behauptung, dass die Epidemie der 
Lungenentzündung im Jahre 1875 durch Regenmangel entstanden sei. Da 
v. Kranz in jenem Jahre selbst in Wesel war, wie wir aus seiner Veröffent¬ 
lichung ersehen und die genauesten Beobachtungen angestellt hat, so wird es 

11 * 

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164 


Br. Köhnhorn. 


ihm auch wol nicht unbekannt sein, dass Wesel weder durch eine immense Aus¬ 
dehnung, noch durch eine eigenthümliche Lagerung zu Berg und Thal so gestellt, 
dass es in der einen Hälfte der Stadt ein Vierteljahr hindurch trocken und dürr 
ist, während es im anderen Stadttheil fleissig regnet! Von Wesel ist ja bekannt, 
dass es unter dem besonderen Schutze des Jupiter pluvius steht, der ganz gleich- 
massig über ganz Wesel sein Scepter schwingt und dasselbe so reichlich mit sei¬ 
nem Regen übergiesst, dass es wol verdiente, epidemiefrei zu sein, wie dies nach 
v. Kranz’s Angabe das niederschlagreiche Holstein ist *). — Wenn nun aber in 
ganz Wesel und auf allen Kasernen der gleiche Regenmangel herrschte, warum 
tritt nur auf der Kaserne 4 eine Epidemie von Lungenentzündung auf und nicht 
auch auf den anderen? — Soll auf die Austrocknung des Bodens Gewicht gelegt 
werden, so sollte man doch erwarten, dass auf den höher gelegenen Kasernen 
(Heuberger Kaserne, grosse und kleine Reiter-Kaserne) die Pneumonien zuerst 
und am stärksten aufgetreten seien. 

Die Bodenwärme betreffend, so sagt der Verfasser selbst, dass dieselbe wol 
meilenweit dieselbe gewesen sei. Warum sollte sie denn nun gerade auf der Ka¬ 
serne 4 Pneumonien hervorrufen? 

Was das Exerciren auf der Esplanade, das Marschiren auf staubigen 
Chausseen angeht, so habe ich diesen Punkt schon in meiner früheren Arbeit 
gewürdigt. Die Marschübungen auf staubigen Wegen und Chausseen sind für 
die ganze Garnison gleich. Das Exerciren auf der Esplanade kann deshalb nicht 
besohuldigt werden, weil andere Truppen, welche eben dort exercirten, aber in 
anderen Kasernen wohnten, verschont blieben, während in anderen Jahren in an¬ 
deren Kasernen Pneumonieherde auftraten, deren Bewohner nie auf der Espla¬ 
nade exercirten. 

Wir müssen demnach immer und immer wieder fragen, warum rief der 
Regenmangel, die Austrocknung des Bodens, die erhöhte Bodenwärme im Jahre 
1875 nur in Kaserne 4 eine Pneumonie hervor und nicht auch in den anderen 
Kasernen ? 

„Erkläre mir, Graf Oerindur, 

Diesen Zwiespalt der Natur. - 

Der Verfasser legt ein besonderes Gewicht darauf, dass die Epidemie mit 
dem ersten reichlichen Regen wie abgeschnitten sei! Wir müssen gestehen, dass 
wir bei näherer Betrachtung diesen Abschnitt nicht sehr scharf finden. Zunächst 
ist es doch wol als ein Wagestück zu bezeichnen, in ätiologischer Beziehung den 
Anfang und den Schluss einer Epidemie feslzustellen, wenn man über die Incu- 
bationszeit nicht genügende Kenntniss hat. Wir wissen, dass bei mehreren Infec- 
tionskrankheiten die Incubationszeit von 10, 14, 20 Tagen und noch länger be¬ 
steht. Nehmen wir nun einmal an, — es sei auch uns eine Hypothese gestattet 
— dies Pneumonieinficiens habe eine Incubationszeit von 10 Tagen, dann war 
die Pneumonieepidemie in hiesiger Garnison im Jahre 1875, von der, wie 


*) Nach der eben veröffentlichten Schrift von Carl Schröder (Zur Statistik 
der croupösen Pneumonie. Kiel 1882.) scheinen die croupösen Pneumonien iri Kiel 
nicht gerade selten zu sein, da sie 8,6 pCt. der poliklinischen Erkrankungen 
ausmachen. 


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Zur Aetiologie der Lungenentzündung. 


165 


v. Kranz berichtet, der letzte Fall am 8. Mai vorkam, ätiologisch schon am 
29. April erloschen. Der Regen war dann nicht mehr nölhig! — Sollte nun 
ein Regenguss auf die Entwickelung der Pneumonie einwirken, so würde man 
doch wol annehmen, dass dies schon der Regen am 2. Mai gethan habe, der 
10 Cubikzoll brachte, aber nein, nach v. Kranz gehören 20 Cubikzoll dazu, 
wenn ein Regen epidemieerlöschend sein soll — eine Aufstellung, die gewiss 
neu und überraschend ist. 

Die Epidemie von Lungenentzündung verlief im Jahre 1875 gerade so wie 
in den anderen vorhergehenden und nachfolgenden Jahren, mit einzelnen Fällen 
beginnend, dann an Häufigkeit zunehmend, dann wieder allmälig abnehmend und 
mit einzelnen Fällen schliessend. Wenn nun während der Pneumonie Regen¬ 
mangel bestand und gegen Ende der Pneumonie Regen eintrat, so tritt zunächst 
die Frage auf, stehen diese beiden Begebenheiten in ursächlichem Zusammen¬ 
hänge oder ist die Coincidenz des Regenmangels mit dem Auftreten der Pneu¬ 
monie nur eine zufällige. Ist ersteres der Fall, dann muss sich dies auch in den 
Beobachtungen der anderen Jahre zeigen. Trifft dies aber nicht zu, dann würde 
man doch wol zu der Annahme gezwungen sein, dass das Zusammentreffen ein 
zufälliges gewesen sei. Man würde demnach eino Schlussfolgerung, die trotzdem 
das Entstehen der Pneumonie von dem Regenmangel abhängig machen wollte 
(der Reger, trat ein — die Pneumonie hörte auf), für eine Conclusio post hoc, 
ergo propter hoc erklären müssen. Ich füge hier eine Tabelle bei über die acht 
Jahre, worüber ich früher berichtet habe. Dieselbe enthält für jeden Monat den 
Zugang der Pneumonien und die gefallene Regenmenge. Der vorurtheilsfreie 
Leser mag dann selbst urtheilen; ich mache namentlich auf das Jahr 1876 und 
1880 aufmerksam. 

Zum Schlüsse möchte ich im Interesse der Sache Folgendes erwähnen. Bei 
allen Krankheiten, die herdweise oder in localen, begrenzten Epidemien auftreten, 
liegt es doch nahe, nach einer rein örtlichen Schädlichkeit zu forschen. Das sind 
wir schon gewohnt bei Wechselfieber, Typhus und manchen anderen Infections- 
krankheiten. Warum thun wir nicht ein Gleiches bei der Pneumonie, wenn wir 
sehen, dass diese Krankheit ebenfalls in localen Epidemien aufiritt. Statt dessen 
werden lange Temperatur-Beobachtungen gemacht, die Windrichtungen ver¬ 
zeichnet, die fallende Regenmenge notirt, die Bodenwärme aufgeschrieben u.s. w., 
lauter atmosphärisch und tellurische Erscheinungen, die sich gewöhnlich ln einem 
halben Welttheile oder doch wenigstens über eine grosse Länderstrecke gleich 
bleiben. Wie will man in solchen weit verbreiteten Naturgängen die locale Ur¬ 
sache einer localen Krankheitsanhäufung finden? 

Ich bin der Meinung, wenn wir bei der croupösen Pneumonie an Ort und 
Stelle nach einer Ursache forschen, so werden wir eher zum Ziele kommen. In 
meiner früheren Arbeit habe ich schon erwähnt, dass die Pneumonie mit dem 
Wechselfieber ätiologisch vielleicht in naher Verbindung stehe und dass es auf¬ 
fallend war, dass Pneumonie und Wechselfieber in den niedrigst gelegenen Ka¬ 
sernen am häufigsten waren. 


Tabelle 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 



166 


Dr. Köhnhorn 


1873. 

1874. 

1875. 

1876. 

1877. 

1878. 

1879. 

1880. 


337 

351 

58 

450 

424 

151 

119 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fass. 

Januar. 

OO Cr« ! *0 -4 >b» *0 1 

Zugang an Pneumonien. 

122 

77 

322 

493 

67 

180 

150 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

Februar. 


Zugang an Pneumonien. 

269 

87 

602 

302 

320 

95 

191 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

März. 

OO A O) tO ^ O U> 09 

Zugang an Pneumonien. 

158 

16 

128 

278 

143 

356 

154 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

April. 

5 

2 

18 

9 

1 

3 

1 

10 

Zugang an Pneumonien. 

278 

217 

212 

274 

796 

192 

30 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

äs 

p 


Zugang an Pneumonien. 

497 

429 

121 

300 

291 

455 

562 

Regenmenge iu Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

Juni. 

*-* 

Zugang an Pneumonien. 

134 

556 

296 

497 

356 

589 

277 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
agf einen Qu.-Fuss. 

«H 

c 

OS ** 1 1 1 OS to 

Zugang an Pneumonien. 

] 

208 

404 

443 

692 

551 

305 

195 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

August. 

Cn (S 1 1 bO ~ 

Zugang an Pneumonien. 

370 

328 

521 

163 

280 

292 

260 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

Septbr. 

IO n- K> | i— | 

Zugang an Pneumonien. 

299 

433 

254 

345 

31S 

232 

713 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

October. 

| »-* H-» | m OS W W 

Zugang an Pneumonien. 

163 5 

257 - 

559 1 

281 2 

400 2 

288 - 

293 1 

513 8 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

Novbr. 

Zugang an Pneumonieu. j 

-1 K) 05 ^ KO W - 

CCOSKJtOO-^ — O 
— W O 1 05 4^ 05 •- C 

Regenmenge in Cub.-Zoll 
auf einen Qu.-Fuss. 

ö 

8 

IO O* 4* rfk 4* 05 

Zugang an Pneumonieu. j •* j 


cs*. 

er 

cd 


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3 

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3 

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3 

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3 

3 

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3 

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3 

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3 

CD 

3 

3 

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3 

3’ 

3 


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Original ftom 

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Tabelle 



III. Verschiedene Mittheilungen. 


Me öffentliche Sehntipeekenlmpfang in England pra 1878. Von Sanitätsrath 
Dr. Ebertz in Weilburg. 

Aus den dem General-Impf-Bericht beigegebenen Tabellen geht hervor, 
dass von 891,743 im Jahre 1878 geborenen Kindern mehr als 85 pCt. mit Er¬ 
folg geimpft worden sind. Ungefähr 10 pCt. starben vor der Impfung. Ein sehr 
kleiner Theil (0,005 pCt.) war von den Pocken befallen worden, ohne geimpft 
zu sein. Annähernd 0,01 pCt. waren dreimal ohne Erfolg geimpft worden. Mit 
Rücksicht auf ihre Gesundheitsverhältnisse waren 0,73 pCt. von der Impfung für 
dieses Jahr dispensirt worden. Ungefähr 4 pCt. konnten nicht geimpft werden, 
weil die Angehörigen der Kinder verzogen, und deren Wohnort nicht ermittelt 
werden konnte. Im Ganzen blieben demnach nur 4 3 / 4 pCt. ungeimpfte Kinder 
übrig. Pies Verhältnis war so ziemlich dasselbe geblieben, wie in den voraus¬ 
gegangenen Jahren .von 1873 —1877. Ist hiernach die öffentliche Schutzpocken¬ 
impfung in England eine ziemlich geregelte, so macht doch gerade London eine 
Ausnahme. In den 6 Jahren von 1873—1878 sind daselbst 58,498 Kinder 
ungeimpft geblieben, und von competenter Seile (the Chairman of tho Metropo¬ 
litan Asylums Board) wurde kürzlich die Zahl der in London lebenden ange¬ 
impften Personen auf 200,000 geschätzt. 

Das National Impfinstitut setzte seine Thätigkeit das ganze Jahr hindurch 
fort. Alle von den einzelnen Lymphstationen abgegebene Lymphe war vor ihrer 
Ablieferung mikroskopisch untersucht worden. In keinem einzigen Falle war eine 
Ueberimpfung von Syphilis constatirt worden. 


Me FaekeunartalUat i» England in 17., 18. nd 19. Jahrkndert and der gün¬ 
stige Elnlnss der Inpfang nnd kevaccinatien. Von D em selben. 

Dr. J. W. Tripe veröffentlichte im Octoberheft 1881 des Sanitary Record 
ein Memorandum über die Wirksamkeit der Impfung und Revaccination, welches 
schon deshalb allgemeineres Interesse haben dürfte, weil dasselbe u. A. bisher 
nicht veröffentlichte Zahlenangaben über die Pockenmortalität im 17. und 
18. Jahrhundert enthält. 

Auf 100,000 Einw. starben in London jährlich an Pocken: 



In den Jahren 

■ 

Bemerkungen. 

Vor Einführung | 
der Schutzpocken- < 
irapfung. f 

1629—1635 

1660—1679 

1728—1757 

1771-1780 

189 

417 

426 

502 

Iq den Jahren 1681—1690 und 
1746 -1755 betrug die Sterblich¬ 
keit an Pocken V t * der Gesaramt- 
mortalität. 


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Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 





168 


Verschiedene Mittheilungen. 


Nach Einführung 
der Schutzpocken* 
impfung. 


In den Jahren 


Bemerkungen. 


1839—1872 

1853—1856 

1859—1860 

1861—1863 

1864—1867 

1868—1872 

1873-1878 

1871—1880 

1879-1880 

1881 


40 

24 

22 

29 

32 

71 

23 

46 

13 

62 


Ungefähr 95 pCt. der Bevölke¬ 
rung in England sind entweder ge¬ 
impft oder haben die Pocken über¬ 
standen. 

Von den 1877 in die englische 
Armee und Marine eingestellten Re¬ 
kruten waren nur 3,69 pCt. unge- 
impft. 


Lassen schon diese einfachen Mortalitätsziffern den günstigen Einfluss der 
Schutzpockenimpfung erkennen, so erhält man einen noch stricteren Beweis, wenn 
man das Mortalitätsverhältniss zwischen Geimpften und Nichtgeimpften gegen¬ 
überstellt. 

In den 8 Jahren von 1871 —1878 waren 6553 Pockenkranke in das 
Pockenhospital zu Homerton aufgenommen worden: 


Von diesen 6553 Pockenkranken 

• Mortalität 

in Proc. 

hatten gute Impfnarben .... 

1626 

3,32 

unvollkommene Impfnarben . . 

2657 

11,10 

zeigten keine Spur der angeblich 1 
stattgefundenen Impfung . . / 

793 

27,23 

waren ungeimpft. 

1477 

45,76 


Die Erfahrungen, welche bezüglich des günstigen Einflusses der Impfung 
auf die Pockenmortalität in dem Hospital zu Homerton gemacht wurden, fanden 
in anderen Pockenhospitälern vollkommene Bestätigung. 

Noch nach einer anderen Seite hin lieferten die in den Pockenhospitälem 
erhobenen Beobachtungen thatsächliche Beweise für die Scbutzkraft der Impfung. 
Diejenigen Krankenwärter, welche revaccinirt waren, wurden nie von den Pocken 
befallen, während ein Theil Derjenigen, welche die Revaccination verweigert 
hatten, an Pocken erkrankten. 

Die hierauf bezüglichen Erfahrungen des Dr. H. Tomkins, des ärztlichen 
Directors der Abtheilung für Infectionskrankheiten des Kgl. Krankenhauses in 
Manchester werden in dem Januarheft 1882 des Sanitary Record mitgetheilt. 
T. hat in einer 40jährigen Hospitalpraxis, in welcher er mehr als 1000 Pocken¬ 
fälle behandelt hatte, nie einen Pockenfall bei einem Krankenwärter oder irgend 
einem anderen Dienstboten beobachtet, obwohl diese täglich der Krankheit in 
der heftigsten und ansteckendsten Form ausgesetzt waren. Als stricte Regel galt, 
dass alle Wärter und Dienstboten bei dem Antritt ihrer Stelle sofort revaccinirt 
wurden. Eine Wäscherin, welche die Impfung verweigerte, starb. Eine Kranken¬ 
pflegerin , welche einige Jahre vorher von den Pocken befallen war und sich vor 
Ansteckung geschützt glaubte, bekam die Pocken nur in milder Form. Ein 


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Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 





Verschiedene Mittheilungen. 


169 


Handwerker, der nicht geimpft war und der das Hospital nur vorübergehend zur 
Ausführung kleiner Arbeiten besuchte, erkrankte sehr heftig an den Pocken. Und 
noch kürzlich erkrankte ein Dienstbote, welchen man aus Versehen erst 3 Tage 
nach seinem Dienstantritt revaccinirt hatte, an einer leichten Form von Pocken, 
noch ohe die Impfung ihre Wirkung entfalten konnte. Von den Studenten, welche 
während der letzten 2 Jahre das Krankenhaus freqnentirt hatten und vorher 
sämratlich revaccinirt worden waren, erkrankte keiner an den Pocken. 

Tripe kommt aufGrund dieser thatsächtichen Beobachtungen zu der Schluss¬ 
folgerung, dass eine so wirksame Schutzmassregel nicht dem Belieben des Ein¬ 
zelnen überlassen bleiben dürfe, dass vielmehr der Staat das Recht und die 
Pflicht habe, die Impfung allgemein durchzuführen. 

Tripe begegnet dem Einwurf der Impfgegner, dass der ziemlich hohe Pro¬ 
centsatz der Pockenerkrankungen unter den Geimpften der behaupteten Schutz¬ 
kraft der Impfung widerspreche, mit folgenden Argumenten: a) Die Methode der 
Impfung war früher eine weniger zuverlässige. Viele blieben dadurch, wenn sie 
auch geimpft waren, weniger vollkommen geschützt; b) die Zahl der Impfstiche 
oder Impfschnitte war durchschnittlich eine zu geringe; c) dieRevaccination wird 
nicht frühzeitig genug vorgenommen; d) sie wird überhaupt noch zh selten aus¬ 
geführt. Bezüglich des Erlöschens der Schutzkraft der Erstimpfung hat man in 
England die Erfahrung gemacht, dass eine grosse Zahl von geimpften Kindern 
zwischen dem 7. und 10., und eine noch grössere Zahl zwischen dem 10. und 
15. Lebensjahre an den Pocken erkrankten. Mehr als 30 pCt. aller Pockenfälle 
unter Geimpften kamen bei Kindern unter dem 15. Lebensjahre vor. Tripe em¬ 
pfiehlt daher die Vornahme der regelmässigen Revaccination spätestens im 
7. Lebensjahre. 

Die folgende Tabelle ergiebt die Zahl der Pockenfalle, welche unter Ge¬ 
impften während 8 Monate der Pockenepidemie von 1880—1881 beobachtet 
worden waren, sowie das Procentverhältniss der Pockenfälle in den verschiedenen 
Lebensaltern zur Population. 


Lebensalter: 





15—25 

25—45 

über 45 

Zahl der Pockenfalle. 

1 

37 J 

59 

98 

213 

164 

30 

Procentsatz der Bevöl- I 
rung. / 

Procentsatz der Pocken- \ 
fälle. / 

12,9 

6,3 

11,6 

9,8 

10.0 

16,3 

20.4 

35.4 

27,3 

27,2 

18,3 

5,0 


Es geht aus dieser Tabelle hervor, dass in dem Alter unter 5 Jahren die 
Verhältnisszahl der Bevölkerung mehr als doppelt so gross war, als die Verhält- 
nisszahl der Pockenfalle, dass zwischen dem 5. und 10. Lebensjahre das Ver¬ 
hältnis sich ziemlich gleich blieb, dass zwischen dem 10. und 15., und noch 
mehr aber zwischen dem 15. und 25. Lebensjahre die Verhältnisszahl der 
Pockenfälle eine höhere war, als diejenige der Bevölkerung, und dass zwischen 
dem 25. und 45. Lebensjahre das Verhältniss wieder ein gleiches war. Tripe 
folgert daraus, dass mit dem vorrückenden Lebensalter die Schutzkraft der Im- 


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Original frnm 

UNIVERSUM OF IOWA 





170 


Verschiedene Mittheilungen. 


pfung sich verringert, bis das 35.—40. Lebensjahr erreicht ist, von welchem 
Zeitpunkt an die Empfänglichkeit für die natürlichen Pocken abnimmt. 

Der prophylaktische Werth der Revacci nation ist nicht allein aus der 
Statistik der Pockenhospitäler nachgewiesen, sondern auch auf andere Weise con- 
statirt worden. Im Jahre 1878 kamen in der englischen Marine, die ungefähr 
46000 Mann stark war, nur 9 Pockenfälle vor, die sämmtlich einen milden Ver¬ 
lauf hatten und von denen keiner letal endigte. In der Marine wird aber die 
Vorschrift stricte durchgeführt, alle Eingestellten sofort zu revacciniren, gleich¬ 
viel, ob sie gute Impfnarben zeigen oder die Pocken bereits überstanden haben. 

Dr. Walter Lewis, der ärztliche Chef der gesammten Postverwaltung, 
constatirte, dass in den 10 Jahren von 1870—1879 unter 10.504 Postbeamten 
nicht ein einziger Sterbefall an Pocken vorgekommen war und nur 10 leichte 
Pockenerkrankungen beobachtet wurden. In der Telegraphenverwaltung kamen 
in derselben Zeit unter 1458 Angestellten 10 Pockenfälle zur Beobachtung. Alle 
Postbeamten waren bei ihrer Anstellung revaccinirt worden, ausgenommen hier¬ 
von waren nur diejenigen, welche während der letzten 7 Jahre bereits revaccinirt 
waren. Von Seiten der Telegraphenverwaltung war aber diese Bestimmung nicht 
mit derselben Strenge durchgeführt worden. 

Tripe macht bezüglich der Revaccination darauf aufmerksam, dass die 
Empfänglichkeit für die Wirkung der Pockenlymphe je nach dem Lebensalter 
eine verschiedene ist. War z. B. die Revaccination im 20. Lebensjahre erfolg¬ 
los, so folgt daraus nicht, dass der Erfolg auch im 30. und 40. Lebensjahre 
ausbleibt. 

Das Incubationsstadium der Pocken dauert durchschnittlich 12 Tage. Wird 
eine der Pockeninfection ausgesetzt gewesene nichtgeimpfte Person in den ersten 
Tagen der Incubation geimpft, so wird der Ausbruch der Krankheit verhindert. 
Wird die Impfung bis zum 4. Tage verschoben, so kann durch dieselbe immerhin 
noch ein milderer Verlauf der Krankheit erzielt werden. Vom 5. Tage der Incu¬ 
bation an bleibt dagegen die Impfung ohne allen Erfolg. Dasselbe gilt für die 
Revaccination. Die hieraus für die Prophylaxis zu ziehenden Consequenzen er¬ 
geben sich von selbst. 

Zum Schlosse theilt Tripe ein dem Registrar-General’s Report 1881 ent¬ 
nommenes Diagramm mit, welches die Mortalität an Pocken in London in den 
40 Jahren von 1840—1879 veranschaulicht. 


«Tan. Febr. Marz April Mai Juni Juli Aug. Sopt. öcf. Xov. Dec. 



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Original fro-m 

UNIVERSUM OF IOWA 

















































Verschiedene Miitheilongen. 


171 


Das Diagramm giebt nicht die absolute Zahl der Todesfälle für jede Woche 
an, sondern es veranschaulicht, wie die Pocken von der 2. Woche im December 
bis zur 2. Woche im Juli eine Mortalität über dem Durchschnitt und von der 

2. Woche im Juli bis zur 2. Woche im December eine Mortalität untec dem 
Durchschnitt verursachten. Die grösste Zahl der Sterbefälle kamen in der 

3. Woche des Januar und in der 1. Woche des Februar vor; von da an nahm 
die Zahl ab bis Ende März, um von jetzt wieder bis zum Ende der 3. Woche im 
April zu steigen, auf welcher Höhe sie sich mit zeitweisen Schwankungen bis 
Ende Mai erhielten. 

Die Aufnahmen von Pockenkranken in die Pockenhospitäler correspondirten 
in den 40 Jahren genau mit den Todesfällen, mit der alleinigen Ausnahme, dass 
die Curve bereits im November, anstatt im December die Mittellinie erreichte. 

Erwäbnenswerth ist auch, dass die Curve der Todesfälle an Pocken in New- 
York ziemlich genau mit der Londoner Curve übereinstimmt. 

Wenn die öffentliche Schutzpockenimpfung in England zur Zeit eine ge¬ 
regelte ist und die Zahl der Ungeimpften 5 pCt. der Gesammtbevölkerung nicht 
übersteigen wird, so liegen doch die Verhältnisse in London ungünstiger. In den 
6 Jahren von 1873—1878 betrug die Zahl der in England ungeimpft geblie¬ 
benen Kinder 236.602, von welchen 58,498 allein auf London kamen. Von 
dem Vorstände der Hauptstädtischen Pockenhospitäler wurdo die Zahl der in 
London lebenden ungeimpften Personen auf 200,000 geschätzt. Rechnet man 
hierzu die viel grössere Zahl der mangelhaft Vaccinirten und der Nicht-Revacoi- 
nirten, so wird man sich nicht wundern dürfen, dass von Zeit zu Zeit in London 
Pockenepidemien von der Heftigkeit derjenigen des Jahres 1881 zum Ausbruch 
kommen. 


iie lertalität in den 2§ englischen Gressstädten in Jahre 1881. Von Dem¬ 
selben. 

Das Januarheft 1882 des Sanitary Record enthält eine Uebersicht der Mor¬ 
talitätsstatistik der 20 englischen Grossstädte im Jahre 1881 naoh den Registrar- 
Generals Weekly Returns. 

Die Mortalitätsziffer betrug in den 20 Grossstädten im Jahre 1881 
21,7 auf 1000 Einwohner. Die Einwohnerzahl war in der Mitte des Jahres 
etwas über 7 , / 2 Millionen. Die Mortalitätsziffer war um 1,1 geringer als im 
Jahre 1880, der niedrigste Stand in den 16 Jahren von 1865—1880, inner¬ 
halb welchen Zeitraumes der Registrar-General die Mortalitätsstatistik dieser 
Städte überhaupt veröffentlichte. 

Die Mortalitätsziffer war in 1881 in London 21,2, in den übrigen 19Gross- 
städten im Mittel 22,2. Die geringste Sterbeziffer hatte von diesen 19 Städten 
Brighton mit 19,0 und Norwich und Plymouth mit je 19,5, die höchste Man¬ 
chester mit 25,5 und Liverpool mit 26,7. 

An Infectionskrankheiten waren im Jahre 1881 in den 20 Gross¬ 
städten 25,482 Todesfälle angemeldet worden, annähernd 16 pCt. der Todes¬ 
fälle überhaupt, und auf 10Q0 Einwohner gleich 3,4. In den letzten 10 Jahren 
hatte die Mortalitätsziffer an Infectionskrankheiten im Mittel 4,3 auf 100 Ein¬ 
wohner betragen. 


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Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 



172 


Verschiedene Mittheilungen. 


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Die Mortalitätsziffer der Infectionskrankheiten war in 1881 in London 3,6, 
während sie in den 19 übrigen Grossstädten im Durchschnitt nicht mehr als 3,1 
betrug. Am niedrigsten war sie mit 1,5 in Plymouth und mit 1,7 in Norwich, 
am höchsten mit 4.0 in Nottingham, 4,2 in Leicester, 4.5 in Liverpool und 6,1 
in Hüll. Die ausserordentliche hohe Mortalitätsziffer der Infectionskrankheiten in 
Hüll war durch eine äusserst ungünstig verlaufende Scharlachepidemie bedingt. 

An Diarrhoe waren 6023 Todesfälle in 1881 angemeldet worden, gleich 
einer Mortalität von 0,79 auf 1000 Einwohner und das Jahr. Obwohl diese 
Mortalitätsziffer höher war als in den Jahren 1877 und 1879, so blieb sie doch 
bedeutend unter dem Durchschnitt der 10 Jahre von 1871 —1880. 

Nach Diarrhoe verursachte Scharlach eine grössere Zahl von Todesfällen 
als irgend eine andere der Infectionskrankheiten. Die Mortalität an Scharlach 
betrug 0,66 auf 1000 Einwohner und war geringer als in den beiden letzten 
Jahren, dagegen um ein Geringes höher als der Durchschnitt der letzten 10 Jahre. 
In Sunderland, Nottingham und Hüll war die Mortalität an Scharlach im letzten 
Jahr am grössten. Sie war in Hüll mit 4.5 auf 1000 höher, als sie in einem 
der 12 vorausgegangenen Jahre in einer dieser 20 Städte je erreicht wurde. Die 
einzige Ausnahme bildete eine ausserordentlich heftige Epidemie in Oldham im 
Jahre 1872, in welcher die Mortalität an Scharlach 6,1 auf 1000 erreichte. 

Keuchhusten verursachte im Jahre 1881 in den 20Städten 4318Todes- 
fälle, gleich 0,57 auf 1000 und das Jahr. Diese Mortalität war geringer, als in 
jedem der vorausgegangenen 10 Jahre, in welchen sie im Mittel 0,76 betrug. 
Sheffield, Salford und Birmingham hatten die höchste Mortalität an Keuchhusten. 

Die Mortalität an Masern blieb etwas unter dem 10jährigen Durchschnitt. 
Sie betrug 0,55 auf 1000 und das Jahr. In London war sie höher als durch¬ 
schnittlich in den übrigen 19 Städten, und war am höchsten in Sheffield und 
Liverpool. 

Die Mortalität an Typhus (meist Abdominaltyphus) war in den 20 Städten 
dieselbe wie im Jahre 1880. Die Mortalitätsziffer hatte in den 10 Jahren von 
1870—1879 von 0,88 bis auf 0,29 stetig abgenommen, stieg aber in 1880 
wieder auf 0,38, und blieb dieselbe in 1881. Die Typhusmortalität in London 
differirte wenig von der Durchschnittszahl der 19 übrigen Grosstädte. Verglichen 
mit den letzten Jahren hat sie indess in London zugenommen, während sie in 
den übrigen Grossstädten geringer geworden ist. Die höchste Typhusmortalität 
wurde in Portsmouth und Liverpool registrirt. 

Die 1106 Todesfälle an Diphtherie überschritten beträchtlich die Zahl 
der letzten Jahre und waren gleich einer jährlichen Mortalität von 0,16 auf 
1000. In London wurden 654 Todesfälle, und in den übrigen Grossstädten zu¬ 
sammen 452 registrirt. Eine ausserordentlich heftige Diphtherie-Epidemie 
herrschte während des ganzen Jahres in Portsmouth, verursachte 206 Todesfälle, 
gleich einer Mortalität von 1,63 auf 1000 und das Jahr. Diese war mehr als 
10 mal grösser, als die durchschnittliche Mortalität an dieser Krankheit in den 
20 Städten. 

Die Todesfälle an Pocken, welche in den 20 Städten 1879 nur 461, und 
1880 nur 485 betragen hatten, erreichten im Jahre 1881 die Höhe von 2490, 
von welchen 2398 auf London und 92 auf die übrigen 19 Grossstädte kamen. 
Die folgende Tabelle erleichtert die Uebersicht: 


Gck igle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 




Verschiedene Mittheilungen. 


173 


Die absolute Zahl 
der Todesfälle an 
Pocken betrug 1881 

Januar. 

Februar. | 

März. 

April. 

*3 

* 

Juni. 

1 

#— 

9 

an 

9 

bfi 

9 

U 

•«-> 

o* 

<D 

CO 

October. | 

Novbr. 

Decbr. 

Summa. 

In London . . . 

154 

205 

258 

303 

357 

i 

385 

[ 204 

1 

163 

94 

73 

100 

102 

2398 

In den 19 übrigcnl 
' Grossstädten. / 

4 

2 

G 

4 

5 

22 

15 

1 

- 

7 

4 

4 

10 


92 

2490 


Von den 92 Todesfällen in den 19 Grossstädten kommen 34 auf Liverpool, 
9 auf Brighton, 9 auf Oldham, 9 auf Newcastle upon-Tyne und 7 auf Salford. 
In 6 von diesen Grossstädten kam kein Todesfall au Pocken vor. Die Pocken- 
mortalität in London erreichte im Monat Juni ihre grösste Höhe, nahm von da 
bis Ende October stetig ab, um in den Monaten November und December wieder 
etwas anzuwachsen. 

Ueber die Frequenz der Pockenhospitäler in London im Jahre 1881 giebt 
die folgende Tabelle Aufschluss: 


In den Londoner 
Pockenhospitälern 
wurden 1881 

Januar. 

Februar. 

März. 

April. 

*3 

Juni. 

*9 

August. 

Septbr. 

October. 

Novbr. 

Decbr. 

wöchentlich 1 
aufgenommen / 

115 

195 

210 

218 

262 

317 

i 

152 

144 

j 

82 

I 

1 73 

82 

78 

am Ende des Mo-1 
nats verpflegt / 

520 

752 

899 

942 

1552 

1408 

852 

557 

454 

i 

i 

| 453 

1 

1 

477 

485 


Die Zahlen im Monat April, welche sich auf die wöchentlichen Aufnahmen 
und die am Ende des Monates Behandelten beziehen, repräsentiren nicht voll¬ 
ständig die Zunahme der Pockenerkrankungen, da die Hospitäler bereits überfüllt 
waren, und die Aufnahmen beschränkt werden mussten. Im Monat Mai wurde 
das grosse Hospital in Darenth für die Aufnahme der Pocken-Reconvalescenten 
bestimmt, wodurch wieder eine grössere Aufnahme frischer Pockenfälle in die 
alten Pockenhospitäler ermöglicht wurde. 

Die Kindersterblichkeit, d. h. das Verhältuiss der Todesfälle von Kin¬ 
dern unter 1 Jahr zu den registrirten Geburten, betrug in den 20 Grossstädten 
im Mittel 152 auf 1000. Während sie in den übrigen 19 Grossstädten 156 
betrug, überschritt sie in London 148 nicht. Die geimpfte Kindersterblichkeit 
hatte Portsmouth mit 119, Bristol mit 125, Brighton mit 127; in den übrigen 
Städten stieg sie auf 167 in Leeds, 169 in Nottingham, 173 in Liverpool und 
202 in Leicester. Die ausserordentliche Höhe der Kindersterblichkeit in Lei¬ 
dester war nur zum Theil durch die gewöhnliche Mortalität an Sommerdiarrhoe 
bedingt. 

Die Todesursachen waren nicht registrirt bei 3862 Sterbefällen = 
2,3 pCt. In London betrug dies Verhältniss 1,3, in den übrigen 19 Gross¬ 
städten im Mittel 3,4 pCt. Es betrug nur 0,6 in Portsmouth und 1,1 in Not- 


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174 Verschiedene Mittheilungen. 

tingham, stieg dagegen auf 5,3 in Wolverhampton und Hüll, 5,4 in Salford und 
G,3 in Oldham. 

Zum Schluss soll nicht unerwähnt bleiben, dass, soviel sich aus den auch 
über die Mortalitätsverhältnisse in den ländlichen Bezirken erstatteten Berichten 
ersehen lässt, die Mortalität in ganz England und Wales im Jahre 1881 geringer 
war als in irgend einem der vorausgegangenen Jahre seit 1837. 


Ueber Rueklmpfaag auf Kälber Md die Cultur der animalen Lymphe auf 
grössere! Impflttcheu au Stelle der bisher äbliehea Stieb- aud Sehaitiuethede 

hat Geh. Med.-Rath Dr. L. Pfeiffer in Weimar eingehende Mittheilungen in der 
Section für Pädiatrik der Naturforscherversammlung zu Eisenach gemacht. Wir 
referiren über diesen Vortrag, der in dem Jahrbuch für Kinderheilkunde XIX. Bd., 
2. Heft zum Abdruck gelangte, ausführlicher, weil die geschilderte Technik einen 
Fortschritt in der Erlangung grösserer Quantitäten sowohl als auch bezüglich der 
Haltbarkeit des animalen Stoffes in Aussicht stellt, ein Fortschritt, der bei der 
immer mehr um sich greifenden Bevorzugung des animalen Stoffes sehr willkom¬ 
men sein muss. 

Das RückimpfungsTerfahren ist in Thüringen seit 1835 geübt, damals zu¬ 
erst in der Voraussetzung einer stattgehabten Abschwäohung des humanisirten 
Stoffes. — Jener alte Streit über die behauptete bessere Schulzkraft des ani¬ 
malen Stoffes ist in der Praxis ausgeglichen durch die obligatorische Einführung 
der Rückvaccination und wird der Streit, dass z. B. Beaugencylymphe (ächte 
Cowpoxlymphe) besser und länger schütze als humanisirter Stoff, nie experi¬ 
mentell festgestellt werden können. 

Die Mittheilungen des Hamburger Oberimpfarztes Dr. Voigt über eine statt¬ 
gehabte Degeneration der dort verordneten originären Beaugencylymphe legen 
es nahe, das Retrovaccinationsverfabren auf die allgemeine Einführbarkeit, event. 
Vortheile und Nachtheile hin zu prüfen. 

Bezüglich der Retrovaccine gesteht selbst Voigt, nachdem er sich eben 
erst einen neuen Cowpoxstamm durch direkte Variolisrrung eines Kalbes ge¬ 
züchtet hat: 

„Die Retrovaccine dürfte einer ursprünglichen animalen Vaccine höheren 
Alters (also z. B. des Beaugencystammes) in Rücksicht auf sichere und prompte 
Lieferung grösserer Lymphemengen mindestens gleich zu stellen sein 1 )“. 

Nach Pfeiffer’s Erfahrungen und Vergleichungen sollen die Retrovaccine 
und der gut gepflegte human isrrte Stoff denselben Verlauf des Impfprocesses 
bieten. Mit einer Einführung zahlreicherer Retroraccinationsstationen soll eine 
Fortzüchtung des Beaugency- oder eines noch jüngeren Cowpoxstammes nur 
an ein oder zwei Oentralstellen nöthig sein, um einen guten Ersatz zu haben, 
wenn in einzelnen Impfstationen der Impfstoff andauernd schlechte Resultate 
zeigt. An diesen Impfstationen soll die Ausbildung der Impfärzte statt haben; 
von da aus soll auch die Controle des Impfrerlaufes in den der Station zuzuthei- 
lenden Bezirken geschehen, sicher ein Feld der Thätigkeit, auf dem der Staat 
seine Fürsorge für das Impfgeschäft am besten bethätigen kann. 


') Deutsche Vierteljahrsscbrift für öffentl. Gesundheitspflege 1S82. S. 408. 


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Verschiedene Mittheilungen. 


175 


Ueber den Erfolg mit der ito Impfbezirke Weimar verwendeten Kelrovaccine 
ist in der Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Bd. XL, berichtet. 

Im Jahre 1878 waren von 546Erstimpfungen von Erfolg 543 = 99,4 pCt.; 
1877 = 99,8 pCt.; 1876 = 97,3 pCt. Die öffentlichen Impftermine wurden 
nur mit animaler Lymphe besorgt und von keinem der Kinder daselbst wurde 
abgeimpft. Die Resultate mit nach ausserhalb verschickter Lymphe sind ungün¬ 
stiger, aber nicht schlecht gewesen. Der Verlauf der Impfpocken war ein guter, 
von mittlerer Intensität begleiteter; Impfschädigungen sind nicht vorgekommen. 

Diese Bemerkungen zur sachlichen Begründung des Retrovaccinationsver- 
fabrens vorausschickend, betont Pfeiffer, dass der Schwerpunkt für eine Be¬ 
vorzugung des animalen Stoffes nicht in dessen grösserer Schutzkraft liegen kann. 
Vielmehr sprechen hier mit, einmal die Annehmlichkeit, nicht mehr mit den Müt¬ 
tern um Abnahme von Impfstoff streiten zu müssen; ferner die absolute Sicher¬ 
heit gegen Uebertragung von Impfsyphilis und weiter nooh die Möglichkeit, binnen 
4—5 Tagen eine fast unbegrenzte Menge des Impfstoffes zu beschaffen. Ob auch 
Tuberkulose und Skrofulöse durch humanisirten Stoff gelegentlich mit übergeimpft 
werden können, dafür fehlen die Thatsachen in der medicinischen Literatur und 
wollen Wir es heute dahin gestellt sein lassen, ob durch die Koch’sche Ent¬ 
deckung des bei der Tuberkulose, Skrofulöse und bei der Perlsuoht des Rindes 
gemeinschaftlich vorkommenden Tuberkelbaccillus die bumanisirte Lymphe unter 
Verbot gestellt werden kann. Man wird bei Kälbern übrigens die Disposition zu 
späterer Perlsuchterkrankung ebensowenig erkennen können wie bei Säuglingen 
die Möglichkeit einer späteren Skrofulöse oder Tuberkulose, ganz abgesehen da¬ 
von, dass das Erblichkeitsmoment der schwache Punkt für die klinische Ver¬ 
weisung der Koch’schen Entdeckung ist. 

W&sserhelle Kinderlymphe ist hier entschieden vorwurfs¬ 
freier als der breiige Pockenboden des Kalbes. Unserer Meinung nach 
ist die Unmöglichkeit der Syphilisübertragung allein Grund genug, für die Im¬ 
pfung von dem Impfarzt nicht genau bekannten Kindern die animale Vaccine zu 
bevorzugen. Die nächst der Syphilisverimpfung bedeutendste Ge¬ 
fahr, die Infection der Impfwunden mit Erysipelas, besteht für alle 
Lymphestämme gleichmässig, deshalb ist möglichst reinliche Impftechnik 
für alle Impfmelhoden gleicherweise vorausgesetzt. 

Die Technik der früher bei uns geübten Kuhimpfungen ist ebenfalls bereits 
beschrieben in der Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, Bd. XL, 
Heft 4 und in Gerhard’s Handbuch der Kinderkrankheiten, Bd. I. 1882. Das 
Resultat einer Kuhimpfung waren im Durchschnitt 63 Lympheportionen. Wegen 
der mit der Impfung von Kühon ausserdem verbundenen Unannehmlichkeiten hat 
die Prophezeibung, die an die im Jahre 1879 geschehene Veröffentlichung un¬ 
seres Verfahrens anknüpft: dass dasselbe keine Nachahmung finden werde, sich 
erfüllt. Der viel reichlichere Ertrag an Lymphe bei Kälberimpfungen bat auch 
uns bestimmt, diese ältere Methode nur noch unter besonders günstigen Umstän¬ 
den oder in Nothfällen durchzuführen. Erwähnt sei nur, dass in den 11 Jahren, 
in denen vorzugsweise Kühe benutzt wurden, gegen 15000 Impfungen im Impf- 
bezirke Weimar und gegen 18000 ausserhalb ausgeführt worden sind'). 


') Bis zur Einführung des neuen Impfgesetzes war das Impfinstitut in Weimar 


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176 


Verschiedene Mittheiiangen. 


Wenn ich Ihnen nun, m. H., schon davon gesprochen habe, dass einige 
Fortschritte in der Technik der animalen Impfung in der letzten Zeit erreicht 
sind, so muss ich zur Begründung auch hier zunächst an einige, Ihnen wahr¬ 
scheinlich schon bekannte Thatsachen anknüpfen. Bis zum Jahre 1873 waren 
bei uns viele Misserfolge die Regel, sowohl bei Einzelimpfungen, als auch bezüg¬ 
lich des ganzen von je einer Kuh gewonnenen Lymphevorrathes. Eine Besserung 
ist hauptsächlich durch drei mühsam gemachte Erfahrungen gekommen; 1) durch 
die Verwendung des Glycerins als Schutzdecke für die mit Lymphe bestriche¬ 
nen, hier gebräuchlichen Knochenstäbchen; 2) durch die Abnahme der Lymphe 
am 4.—5. statt am 6.—7. Tage und 3) durch die Mitverwendung des Pocken¬ 
bodens. Durch diese heute in allen Instituten für minimale Impfung berücksich¬ 
tigten Erfahrungen ist die Haltbarkeit des Stoffes entschieden verbessert worden, 
wenngleich nach dieser Richtung hin ein weiterer Fortschritt am dringendsten 
noch gewünscht werden muss; bei heissen gewitterschwülen Tagen ist ein grosser 
öffentlicher Impftermin auch heute kaum mit einer über 5 Tage alten animalen 
Lymphe zu riskiren, mag immerhin in einzelnen Fällen die Haltbarkeit der con- 
servirten Lymphe sich auf Wochen und Monate erstrecken. 

Dieser Uebelstand ist für die Impfinstitute, welche ihren originären Cowpax- 
stamm nur durch wöchentliche Fortpflanzung von Kalb zu Kalb sich erhalten 
können, mit grossen Unkosten verknüpft und bin ich nun zunächst in der ange¬ 
nehmen Lage, Ihnen, m. H., bezüglich der Schilderung der Vorzüge unseres Ver¬ 
fahrens mit den schwerwiegendsten, den finanziellen, beginnen zu können. 

Die grosse Haltbarkeit der mit Glycerin conservirten und von uns ge¬ 
brauchten Kinderlymphe macht die sehr kostspielige Unterhaltung eines ständig 
besetzten Impfstalles und des zugehörigen Wartepersonals unr.öthig. Wir impfen 
regelmässig nur während der Impfzeit, je nach dem vorhandenen Bedürfnis 
und ausserdem nur, aber jeder Zeit sofort, wenn dringliches Verlangen an uns 
herantritt. 

Ein weiterer finanzieller Vortheil liegt darin, dass Feblimpfungen mit frischer 
oder conservirter Kinderlymphe beim Kalbe fast nicht Vorkommen; werden, wie 
wir es der Sicherheit wegen immer thun, bei jeder Kalbimpfung gleichzeitig 
Haarröhrchen von 2—3 verschiedenen Stammimpflingen benutzt, so sind fast 
alle Möglichkeiten des Misserfolges ausgeschlossen. Auch Voigt-Hamburg be¬ 
stätigt das; er hatte mit seiner Beaugencylymphe einen guten Erfolg: 1) rein 
conservirt zwischen Platten in 48 pCt. der Kalbsimpfungen. 2) Von Kalb zu 
Kalb mit Lymphe des dritten Tages p. o. in 50 pCt.; des vierten Tages in 
83 pCt.; des fünften Tages in 70 pCt.; des sechsten Tages in 45 pCt. u. s. f. 
3) Bei Retrovaccinationen dagegen in 100 pCt. 

Diese Haftsicherheil bat uns hier weiter dazu geführt, die einzelnen Impf¬ 
stellen auf dem Kalbe nach und nach immer etwas grösser anzulegen. Die anfäng¬ 
lich 1 Qu.-Ctm. grossen gekritzelten Stellen sind angewachsen auf 4Qu.-Ctm., dann 


ein den Zwecken des ärztlichen Vereins von Thüringen dienendes Privatunter- 
nemen; seit 1876 ist es Staatsinstitut und hat sich im Januar 1882 ein dem 
Herrn Dr. Sigismund in Weimar nun eigenthümliohes Privatinstitut wieder da¬ 
von abgetrennt. 


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Verschiedene Mittheilungen. 


177 


zu ca. 20 Ctm. langen und 2 Ctm. breiten Impfstrichen 4 ) und in diesem Jahre 
zu den ausschliesslich noch gebrauchten grösseren Impfflächen, welche auf dem 
glatt geschorenen Bauche applicirt werden. — Der Verlauf der in dieser Zeit 
verimpften Vaccine ist bei den betreffenden Kindern in keiner Weise ein an¬ 
derer gewesen als in früheren Jahren; auch unparteiische Beobachter haben das 
oft bestätigt. 

Der gegen frühere Impfergebnisse erreichte Fortschritt ist nun folgender: 
Es wurden von einem z. B. am 13. August 1882 geimpften und am 17. und 
18. August abgeimpften Kalbe gewonnen: 320 grosse Impfstäbchen und 3 (je 

1 Grm. Flüssigkeit fassende) Gläschen Reissner’sches Impfpulver. Letztere 
3 Fläschchen liegen Ihnen hier in der ursprünglichen Versiegelung vor. — Von 
einem am 10. August 1882 abgeimpften Kalbe: 234 grosse Impfstäbchen und 

2 Grm. Glycerinimpfpaste; einen Rest dieser Paste, ungefähr l / 2 Grm. und zu 
100 Impfungen hinreichend, lege ich Ihnen ebenfalls vor. — Von einem am 
1. August 1882 abgeimpften Kalbe: 1 Grm. Impfpaste, 1 / 2 Grammgläschen 
Impfpulver und 148 Impfstäbchen. 

Von den englischen Wory-points, den kleinen Elfenbeinimpfspateln, wie sie 
z. B. auch Warlomont in Brüssel gebraucht, hätten von jedem Kalbe 1500 
bis 2000'(auf je 1 Grm. Paste 5 — 600) armirt werden können. 

Jedes dieser Kälber hat also ausreichenden Impfstoff für mindestens 600 Im¬ 
pfungen geliefert, das am 17. und 18. August abgeimpfte beträchtlich mehr. 
Durch weitere Benutzung der gesammten Bauchfläche, wie dies in Brüssel 
und Hamburg geschieht, ist die zu beschaffende Menge eine fast unbegrenzte. 

Die hier üblichen grossen Knochenstäbchen werden so reichlich mit Lymphe 
bestrichen, dass bei baldiger Verwendung je eine Seite desselben für 4 Impf¬ 
schnitte ausreicht. Wiederholt ist es vorgekommen, dass auswärtige Collegen 
mit 4 Portionen, zu je 2 Stäbchen berechnet, 12 und mehr Kinder erfolgreich 
geimpft haben. 

Ueber den Impferfolg erlauben Sie mir, m. H., das Urtheil eines unparteii¬ 
schen Beobachters anzuführen. Herr Amtsphysikus Dr. Becker in Gotha schreibt 
am 22. August folgenden Bericht über die ihm zugeschickte Lymphe und über 
damit ausgeführte 245 Impfungen: 



Das Kalb 
ist abge¬ 
impft wor¬ 
den (am 

4. Tage 

p. V.): 

Der Impf¬ 
termin ist 
abgehal- 
tcn wor¬ 
den am: 

Zahl der 
Erst¬ 
impfungen, 

davon 
ohne 
j Erfolg. 

Zahl 

Wie 

impfi 

[ der 
ider- 

jngen. 

davon 

ohne 

Erfolg. 


Bemerkungen. 

I. 

Stäb¬ 

chen¬ 

lymphe. 

1.8. 1882. 

3/8. 

13 


— 

— 

Bei je 8 Schnittchen: vollständiger Er¬ 
folg bei 10; 5 Pusteln bei 1; 4 bei 2; 
es wurden zusammen 16 armirtc Knochen¬ 
stäbchen verbraucht. 


l ) Eine dem Herrn Dr. Sigismund zukommende Verbesserung der Impftechnik. 
Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 1. 12 


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178 


Verschiedene Mittheilungen. 



Das Kalb 
ist abge¬ 
impft wor¬ 
den (am 
4. Tage 
p. v.): 

Der Impf¬ 
termin ist 
abgehal¬ 
ten wor¬ 
den am: 

Zah 

E 

impf 

1 der 

rst- 

ungen. 

davon 

ohne 

Erfolg. 

Zahl der 
Wieder¬ 
impfungen. 

1 davon 
ohne 
Erfolg. 

Bemerkungen. 


1.8. 1882. 

5./8 

31 

— 

27 

12 

Bei je 6 Schnittchen: 6 Pusteln bei 8; 

5 bei 5; 4 bei 3; 3 bei 3; 2 bei 6 und 

1 bei Kindern; bei den Schulkindern 4 
je 6; 12 ungenügenden Erfolg; es wurden 
zusammen 68 Stäbchen benutzt. 


10. 8. 
1882 

12. 8. 

75 




51 Kinder hatten je 6 Pusteln bei je 

6 Schnittchen; 8 mit 5: 3 mit 4; 8 mit 
3; 3 mit 2; 2 mit 1. Verbraucht wurden 
zusammen 152 Stäbchen. 

II. 

Impf¬ 

paste. 

(«a. V, 
Grm.) 

10. 8. 
1882. 

12../8. 



57 

1 

Bei je 6 Impfschnittchen hatten 42 je 
6; 2 je 5; 4 je 4; 5 je 3; 1 mit 2 und 

2 je 1 Pustel. Unter den Kindern waren 
5, die zum 3. Mal, 12 die zum 2. Mal ge¬ 
impft wurden wegen früheren Misserfolgs. 
Die erfolglose Impfung betraf eine zum 

1. Male wiederholte. 

III. 

Impf¬ 

pulver. 

1.8. 1882 

10./8. 



42 

29 

1 Schulkind hatte je 6; 1 je 5; 2 je 3; 

1 je 2 und 8 je \ Pustel. 




im 1 


126 1 




Für die auf dein Kalbe herzustellende Impffläche werden die weichsten 
Hautstellen ausgesucht und ist möglichst die Berührung gegonüberstehender 
Haarflächen vermieden. Hat man keinen Impftisch zur Verfügung, so kann man 
die beiden Hinterfüsse mit dem rechten Vorderfuss am Halse befestigen, wodurch 
allein die rechte Bauchseite zugänglich wird. 

Die Impfwunde wird hergestellt, entweder durch Tättowirung (in 2 Mm. 
Abstand) mittelst der in die Uöhrchenlymphe getauchten Paracentesennadel, 
welche möglichst flach in die Haut gestochen wird, um die Haarbälge und deren 
senkrecht zur Haut verlaufende Gefasse zu treffen und um taschenförmige Wun¬ 
den zur Aufnahme des Giftes zu bilden; oder sie wird hervorgebracht durch feine 
Schraffirung mittels einer sehr scharfen Lancette oder mittelst der Meynhoff- 
schen Impffeder. Sobald ungefähr 2 Qu.-Ctm. der zu impfenden Fläche scarrifi- 
cirt sind, wird mit einem Impfstäbchen oder einer stumpfkantigen Lancette 
(racloir) der Impfstoff nochmals gründlich eingerieben; dann wird mit der weite¬ 
ren Anlegung der Impffläche fortgefahren. Für das auf der Tafel abgebildete 
Kalb wurden bei der am 13. August stattgehabten Impfung 3 Haarröhrchen 
(No. 2) einer im Juli und 12 Haarröhrchen (No. 3) einer im Mai dieses Jahres 
gesammelten Glycerin-Kinderlymphe verbraucht. 

Der Verlauf der auf solchen Flächen cultivirten Vaccine ist ein ungemein 
regelmässiger. Schon nach 30 Stunden lässt sich abschätzen, ob die stattge- 
Jmbte Inoculation Erfolg haben wird; es findet sich alsdann schon eine leichte 


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Verschiedene Mittheilungen. 


179 


Rothung auf der Fläche angedeutet mit einzelnen energischen gefärbten Punkten 
innerhalb derselben; am 3. Tage ist die Fläche gleichartig mit Knötchen und 
deren concentrischer Randröthe besetzt. Die Reifung der Impffläche, durch das 
Erscheinen perlglänzender genabelter Bläschen charakterisirt, beginnt am 4. Tage, 
ist jedoch selten gleichmässig für die ganze Fläche. Einzelne Stellen, z. B. am 
Scrotum, vor oder hinter den Zitzen, kommen in unregelmässiger Folge zuweilen 
erst am 5. oder 6. Tage zur Abimpfung. 

Fiebererscheinungen (über 39,1° C.) und Diarrhoe treten vor Ablauf des 
5. Tages nicht auf; vom 6. Tage an ist das Aufstehen und Gehen den Thieren 
etwas beschwerlich. Gewichtsverlust tritt bis zum 5. Tage nur ausnahmsweise 
ein, falls es gelingt, den meist nur 2—3 Wochen alten Kälbern die nöthige 
Milchmenge (6—10 Liter und mehr im Tage) einzuflössen. 

Bezüglich der hier geschilderten Flächenimpfung kann von Ihnen, m. H., 
die Frage aufgeworfen werden, ob die durch den Vaccineprocess in der Haut 
hervorgerufenen histologischen Veränderungen überhaupt ein stärkeres Anein¬ 
anderdrängen der einzelnen Impfstellen gestatten und ob nicht das Ineinander- 
fliessen der Pocken eine gegenseitige Störung in der Mikrokokkenentwicklung 
oder eine sonstige nicht erwartete Veränderung derselben möglich ist. Diese 
sicher gerechtfertigten Bedenken erfahren eine Beleuchtung durch die jüngsten 
mikroskopischen Untersuchungen von J. Pohl-Pincus über die Wirkungsweise 
der Vaccination (Berlin, Hirschwald 1882). Nach den Ergebnissen dieser, für 
die wissenschaftliche Begründung der Vaccinationslehre ungemein wichtigen 
Untersuchungsreihen steht der Flächenimpfung ein Hinderniss nicht entgegen: 

Nach Pohl-Pincus hat, wenn die Impfung mit einem einfachen Stich ge¬ 
macht wurde, die ganze veränderte Hautpartie nach 40 Stunden eine Ausdeh¬ 
nung von 2 Mm. Die Verletzungsstelle im Centrum ist concentrisch von 3 un¬ 
gleich ausgedehnten Zonen umgeben. Zu innerst die specifische Impfzone; in 
dieser sind die Zellen des Rete mehr oder weniger zerstört und erfolgt hier die 
Vermehrung des Giftes. Daran schliesst sich die Zone der trüben Schwellung, 
welche, vom klinischen Standpunkte aus betrachtet, wegen der hier beobachteten 
Verhornung im Rete als ein Abschluss, ein Schutzwall nach der specifischen 
Impfzone hin zu betrachten ist. Diese zweite Zone scheint kein oder nur sehr 
wenig Material zur Vermehrung der Mikrokokken oder der specifisch giftigen 
Flüssigkeit zu liefern. Erst bei der weiteren Entwicklung der Impfpustel wird 
sie in den Erweichungsprocess (Eiterung) hineingezogen. Nach aussen wird die 
Impfstelle durch eine dritte Zone, die als Zone der activon Reizung bezeichnet 
wird, abgeschlossen. 

Am Ende des 5. Tages ist die ganze Impfstelle etwa 6 Mm. gross, also 
3 mal so gross als am 2. Tage. Die innerste specifische Impfzone misst nunmehr 
(bei der Impfung mittels Stich) allein 1,5—2 Mm.; hiervon kommt ungefähr ein 
Drittel auf den centralen Theil und zwei Drittel auf seitliche, ilügelartige Aus¬ 
breitungen. Im centralen Theil markiren sich 3 senkrecht übereinander gelegene 
Schichten, die sich bei Anwendung von Doppelfärbung mit Methylviolett und 
Pikrin mikroskopisch scharf differenziren. Die 2 oberen Schichten sind durch 
Aufquellen der Protoplasmareste an der Bläschenbildung betheiligt; die dritte 
Schicht enthält das in den Process hineingezogene Bindegewebsstroma; die Cutis 
ist bis in das Unterhautzellgewebe erkrankt. 

12 * 


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180 


Verschiedene Mittheilungen. 


Sticht man am 5. Tage ein Impfbläschen an, so tröpfelt zunächst diejenige 
Flüssigkeit aus, welche in der specifischen Impfzone vorhanden ist; nach Kurzem 
folgt beigemischte Flüssigkeit, welche in der als Reizungszone bezeichneten Um¬ 
grenzung enthalten ist. Die Hauptmengo der Mikrokokken findet sich in Haufen 
dicht unter dem Stratum corneum, wo oft die einzelnen Lagen desselben an¬ 
scheinend durch die Anhäufung der Mikrokokken auseinander gedrängt sind. Es 
’ finden sich ferner grössere Ansammlungen unter der oberen Grenze der Cutis; in 
den tieferen Schichten finden sich keine mehr; was sich daselbst gebildet hat, 
ist fortgeführt in die Lymphbahnen oder ist in der Flüssigkeit des Impfbläschens 
vertheilt enthalten. Die freien Mikrokokken in dem specifischen Impfraume sind 
von den vorhandenen grossen Haufen .abgelöst und die nachsickernde Lymphe 
bröckelt von diesen Ansammlungen immer neue Individuen ab. 

Am 8. Tage nach der Impfung (welcher ungefähr dem 10. Tage beim Men¬ 
schen entspricht) ist in der Regel eine Verschorfung der Impfpustel eingetreten. 
Der obere Rand der Verschorfung ist mit Mikrokokken erfüllt. Nach aussen von 
dem nekrotischen Schorf findet sich ein ringförmiger Streifen der Cutis im Zu¬ 
stand der trüben Schwellung, während der früher vorhandene engere Ring trüber 
Schwellung nun in das Bereich des nekrotischen Gebietes gezogen ist. So ist 
am 8. Tage der neue Ring erheblich nach aussen gezogen an die äussere Grenze 
des Bläschens, entsprechend dem inneren Rand des Entzündungshofes. 

In den Schlnssbetrachtungen seiner Arbeit erklärt es Pohl-Pincus für 
wahrscheinlich, dass die Immunität zu ihrer Entstehung des gewöhnlichen Impf¬ 
erysipels nicht bedarf; demgemäss sei anzustreben, die der Impfung folgende 
locale Röthe zu mässigen, um etwaige länger andauernde Kränklichkeit des Impf¬ 
lings, sowie die erhöhte Reizbarkeit der Cutis und der Respirationsschleimhaut 
zu umgehen. — 

Nach diesen Ergebnissen haben bis zum 5. Tage die ursprünglich vorhan¬ 
denen beiden äusseren Zonen bei einfacher Siicbimpfung nur eine locale Bedeu¬ 
tung; der Umfang aller drei Zonen beträgt beim Kalbe bis zu 6 Mm. Die speci- 
fische Impfzone hat am Tage der üblichen Abimpfung nur einen Durchmesser von 
1,5—2,0 Mm. Für die Impftechnik ist es demnach gestattet, die einzelnen 
Impfstellen bis auf 6 Mm. einander zu nähern, d. h. man kann eine gleich- 
massige Cultur auf einer grösseren Fläche vornehmen, ohne eine Störung der 
Mikrokokkenbildung in der specifischen Impfzone und in der Zone der trüben Rei¬ 
zung befürchten zu müssen. Ein aprioristisches Hinderniss für unser Ziel, eine 
Menge von Impfpusteln auf einmal abschaben und auswaschen zu können, gegen¬ 
über der bisher geübten detailirten Behandlung von 60—80 und mehr Einzel¬ 
pusteln besteht demnach nicht. Das praktisch bereits erzielte Resultat erhält da¬ 
durch eine wesentliche Stütze gegenüber den an sich berechtigten theoretischen 
Bedenken. 

In diesen Pincus’schen Untersuchungen ist aber auch noch die wissen¬ 
schaftliche Deutung für einige Praktiken der animalen Impfung gegeben. Nicht 
die ausquellende Lymphe ist der Hauptträger des Vaccinegiftes; die Mikrokokken 
sind am 5. Tage p. o. in Haufen vereint in den obersten Schichten der Cutis zu 
finden. Die freiwillig ausfliessende oder mittels der Pincette ausgequetschte 
Lymphe bröckelt von diesen Mikrokokkenhaufen ständig einzelne Individuen ab. 
Dadurch wird es verständlich, dass erst durch Mitbenutzung des Pockenbodens 


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Verschiedene Mittheilungen. 


181 


jener Eingangs erwähnte Fortschritt in der Haftsicherheit der animalen Impfung 
erreicht worden ist. Seitdem diese schon von Negri und den italienischen Impf¬ 
ärzten immer geübte Methode in Holland durch Bezeth im Jahre 1871 wieder 
eingeführt worden ist, sind die Impfresultate in den 5 Hauptstädten daselbst 
auffallend günstiger geworden; die Fohlimpfungen betrugen 1868 = 24,6 pCt.; 
1869 = 18,5; 1870 = 8,0; 1871 = 4,6; 1872 = 1,6; 1873 = 1,2; 
1874 = 1.3; 1875 = 1.1; 1876 = 0,8; 1877 = 0,2; 1878 = 1,1; 
im Mittel = 1,7 pCt. 

Weiter liegt in den Pincus’schen Untersuchungen der Beleg dafür, dass 
beim Kalbe die Abimpfung am besten nach 4—5 X 24 Stunden geschieht. Die 
eigentliche Borkenbildung und eitrige Necrose beginnt beim Kalbe nach dem 
5. Tage (beim Menschen nach dem 7., bei der Variola humana ebenfalls nach 
dem 4.—5. Tage), charakterisirt durch zunehmende Breitung der Reizungszone 
und des specifischen Impferysipels. Ausserdem beginnt vom Ende des 3. Tages 
an eine Steigerung des Saftstromes nach der Impfstelle hin, wodurch eine Ent¬ 
führung der giftigen Stoffe aus dem Impfbezirk eingeleitet und der weiteren In¬ 
ficirung der Umgegend eine Grenze gesetzt wird. Es wird demnach zulässig sein, 
einer nach 4 X 24 Stunden geschehenen Abimpfung event. noch eine zweite 
vor Ablauf von 5 X 24 Stunden nachfolgen zu lassen. — 

Die Art und Weise des Lymphesammelns ist etwas verschieden, je nach dem 
Impfstäbchen direkt armirt oder die gesammte Lymphe abgeschabt und ausge¬ 
waschen werden soll. Am 4., noch mehr am 5. Tage ist die Oberfläche der 
Impfstelle mit einer gelblichen Kruste bedeckt. Dieselbe lässt sich durch Ab¬ 
waschen mit warmem Salicylwasser zum Theil ablösen. Der Rest wird bei dem 
nunmehr folgenden Aufschaben und Auswaschen der Pocken in einem Uhrglase 
gesammelt. Sind die perlglänzenden und durchscheinenden Stellen sämmtlich 
geöffnet, so beginnt nun, ohne Anwendung jeder Quetschvorrichtung, das Aus¬ 
schwitzen von Lymphe auf der ganzen Impffläche, und hält, sich selbst über¬ 
lassen, mehrere Stunden an. Durch Benetzen mit Glycerin oder Wasser und 
energisches Schaben und Verreiben desselben auf der Impffläche mittels der 
stumpfen Lancette kann in Zeit von einer Stunde das Auswaschen der Impffläche 
beendet werden. Man erhält einen gelblichen, trüben, dünnflüssigen Brei und 
das Lymphesammeln ist beendet, sobald das Corium dunkelroth und trocken er¬ 
scheint. Der gesammte Brei, einschliesslich der Krusten und der klaren Lymphe, 
erfährt nun noch eine innige Mischung in einem Achatmörser *) zur möglichst 
gleichmässigen Vertheilung der Infectionsstoffe. 

Sollen Impfstäbchen armirt werden, so geschieht das Auswaschen des 
Pockenbodens direkt mit benetzten Stäbchen; die mit einem Stäbchen abge¬ 
schöpfte trübe Flüssigkeit wird dann, je nach der Reichlichkeit, auf 5—10 an¬ 
dere Stäbchen gleichmässig vertheilt und werden sämmtliche Stäbchen möglichst 
bald in den Schwefelsäureexsiccator gelegt. Wir benutzen hier gewöhnlich die 
6 Ctm. langen Knochenstäbchen mit abgerundeter Lymphestelle und sind je 
2 Stäbchen für die Herstellung von 6—8 Impfstellen bei je einem Kinde be¬ 
rechnet; bei der üblichen reichen Armirung ist jedoch meist ein Stäbchen hiu- 


') Nach dem Vorgänge von Reissner in Darmstadt. 


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Verschiedene Mittheilungen. 


reichend dazu und enthält je ein langes Knochenstäbchen mehr Lymphe, als 2 
der Warlomont’schen oder englischen Ivory points der grössten Sorte *). 

Das vom Ob.-Medic.-Rath Reissner in Darmstadt neuerdings in Deutsch¬ 
land eingeführte Impfpulver wird hergestellt aus dem mit Wasser abgeschabten 
Pockeninhalt. Derselbe wird auf Glasplatten dünn ausgestrichen, 24—36 Stun¬ 
den in einem Schwefelsäureexsiccator getrocknet und dann in einom Achatmörser 
zu Pulver verrieben. Für die Verimpfung wird die nöthige kleine Menge mit 
Wasser zu einem dünnen Brei angerührt und in die gemachten Impfschnitte 
kräftig eingerieben 2 ). Eine dünnflüssige, nicht trockenbare Paste erhält man 
durch das Ausschaben mit Glycerin (Glycerin 50, Wasser 50, Salicylsäure 0,5) 
und ausgiebiger Verreibung im Achatmörser. Diese Paste lässt sich zum Ar- 
miren von Knochenstäbchen sehr bequem verwenden, kommt aber auch direkt in 
kleinen Gläschen zur Conservirung. Zum Schutz gegen die Luft kommen in die 
Gläschen, gleichsam als Stöpsel, noch einige Tropfen Glycerin, welche den Kork¬ 
stöpsel berühren. Die Verimpfung dieser Paste ist eine sehr ökonomische; auch 
das Wiener Impfinstilut von Hag hat neuerdings diese Conservirungsmethode 
eingeführt. Unsere Erfahrungen mit dieser Impfpaste sind noch nicht alt genug, 
um ein Urtheil darüber abgeben zu können, wie lange man dieselbe conserviren 
darf, ohne Fäulniss befürchten zu müssen. Die Haltbarkeit ist anscheinend eine 
ganz besonders gute und dürfte diese Paste zukünftig eine Bedeutung für grös¬ 
sere Impftermine haben. 

Ueber die Aufbewahrung zwischen Platten haben wir wenig Erfahrung, 
nachdem die behauptete sichere Haltbarkeit bis zu 4 Wochen sich uns nicht be¬ 
stätigt hat. Diese Conservirungsmethode ist nicht ökonomisch und hat vor der 
auf Impfstäbchen kaum etwas voraus. 

Das Auffangen der ausquellenden Lymphe direkt in Haarröhrchen ist eine 
anerkannt schlechte Conservirungsmethode. Bessere Resultate ergab uns die von 
Warlamont in Brüssel und neuerdings auf Pissin’s Anregung vom Reichs¬ 
gesundheitsamt empfohlene Herstellung eines Glycerinextractes. Es wird der von 
einzelstehenden Pocken mittels der Quetschpincette abgeschabte Detritus nach 
unserer Methode portionenweise aus der gesammten Impffläche ausgewaschene 
Brei in ein Uhrglas mit Glycerin (Glycerin, Wasser und l / 2 pCt. Salicylsäure) 
gestrichen. Pissin rechnet auf je 8 —10 Pocken 8—10 Tropfen Glycerin. 
Durch gründliches Umrühren (nicht im Mörser!) versucht man die Pockenmasse 
auszulaugen und füllt nach einigen Stunden die oben stehende Flüssigkeit auf 
Haarröhrchen oder in kleine Sammelgläschen 3 ). Auch der Bodensatz ist noch ein 
sehr gutes Impfmaterial. 

Ein auf ausreichende Vergleiche gestütztes Urtheil über den Werth der hier 
geschilderten Conservirungsmethoden lässt sich heute nur bruchstücksweise geben. 


‘) Diese sind 5 Ctm. lang, 7 Mm. breit, papierdünn und stumpf, .schneidend 
an der zu armirenden Spitze. 

*) Dr. Margotta reibt nach Giandio (Du vaccinc de genisso, Paris 18S2) 
das Impfpulver direkt ein. 

*) Ueber eine von Dr. Schenk in Alzey geübte Conservirung des animalen 
Stoffes in Haarröhrchen sind zur Zeit noch keine eigenen Erfahrungen gemacht. 


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Jedenfalls ist Einfachheit der nöthigen Manipulationen eine Vorbedingung des 
Erfolges in ungeübteren Händen, deren es bei dem in ausgedehnten Theilen 
Deutschlands leider vorkommenden Submissionsverfahren immer mehr giebt, wird 
das Impfgeschäft, auf Grundlage des sehr empfindlichen animalen Stoffes, viele 
Misserfolge aufweisen. 

Impfstäbchen, mit Glycerinlymphe armirt, geben bis zu 5 Tagen einen 
fast absolut sicheren Erfolg. 

Haarröhrchen mit Glycerinextract geben gleich sicheren Erfolg und sind 
wochenlang haltbar. 

Glycerinimpfpaste ist für 2 Wochen, und wahrscheinlich noch länger, 
ein sicheres Impfmaterial. 

Impfpulver hat in einigen Fällen eine für animale Lymphe ungewöhnlich 
lange Hafisicherheit; die erzielten Pocken waren öfters sehr ungleichmässig ent¬ 
wickelt. Die Verwendung ist nicht eine einfache und leichte. 

Demnach ist eine Vervollkommnung gerade dieser Methode anzustreben, 
weil die Gefahr septischer Veränderungen für trockenes Pulver nicht besteht. 
Die Flächenimpfung gestattet ganz beträchtliche Mengen des Pulvers herzu¬ 
stellen und müssen, wenn eine weitere Vervollkommnung dieser Methode sich 
erreichen lässt, die Unbequemlichkeiten beim Gebrauche mit in den Kauf ge¬ 
nommen werden. 

Ohne vorsichtige und so zu sagen hingebende Behandlung versagt aber jede 
der hier geschilderten Vaccineconserven animalischen Ursprunges sehr rasch ihre 
Wirkung. 

Indem ich Ihnen, m. H., Proben von verschiedenartig conservirter Retro- 
vaccinelymphe hier zur Verfügung stelle, schliesse ich mit dem Wunsche, dass 
diese Mittheilungen über das seit 50 Jahren bei uns heimische Verfahren Ihnen 
eine Anregung gegeben hat, Controlversuche zu machen. Es wird alsdann sich 
die Erkenntniss Bahn brechen, dass dieses Verfahren sowohl die Vorzüge des gut 
gepflegten humanisirten Stoffes, das sind: Haltbarkeit und conslant schöner Impf¬ 
verlauf, als auch die geschätzten Eigenschaften des minimalen Stoffes: Sicherung 
vor Syphilisübertragung und ausgiebigste Beschaffungsmöglichkeit — in sich 
vereint. Der Wunsch ist in jetziger Zeit e in dringlicher. weil durch 
seine Erfüllung die Segnungen der in Deutschland am besten ge¬ 
ordneten Impfzustände uns erhalten bleiben können. 


Der Arst als Hebamme in „strafgeriehtlieher Beziehung“ (Vortrag, gehalten am 
11. Septbr. 1882 in dem allgemeinen ärztlichen Verein zu Cöln) von Sanitäts¬ 
rath Dr. Jacobs, Kreisphysikus in Cöln. 

Bekanntlich ist die Ausübung der Geburtshülfe vom Staate zweierlei Medi- 
cinalpersonen übergeben, don Aerzten und den Hebammen. Die Thätigkeit 
des Arztes ist eine unbeschränkte, die der Hebammen eine sehr beschränkte. 
Letztere soll ihre Thätigkeit vorzugsweise bei regelmässigen, d. h. in gewöhn¬ 
lichen Fällen; Ersterer vorzugsweise bei regelwidrigen, d. h. ungewöhnlichen 
Fällen entwickeln. 

In neuerer Zeit haben Aerzte auch die gewöhnlichen Fälle ohne Assistenz 
der Hebammen übernommen. Ob ein solches Verfahren der Würde des Arztes 


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Verschiedene Mittheilungen. 


und dem nicht hoch genug zu schätzenden und zu schonenden Zartgefühle des 
Weibes entspricht, lasse ich dahin gestellt sein; heute möchte ich blos auf die 
Gefahren hinweisen, denen solche Collegen sich in strafgerichtlicher Beziehung 
dabei aussetzen. 

Als Sachverständiger durch einen speciellen Fall veranlasst, den ich in der 
Eulenberg’schen „Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin etc.“ mitgetheilt, 
habe ich auf die Gefahren, die den Arzt nach den §§. 232 und 230 des Straf¬ 
gesetzbuches treffen können, hingewiesen und die Collegen davor gewarnt, „Ge¬ 
burten ohne Assistenz der Hebammen zu übernehmen.“ Thuen Sie dies dennoch, 
so müssen Sie auch allen Verpflichtungen der Hebammen nachkommen. Sie 
müssen also mit dem vollständigen, den Hebammen vorgeschriebenen Hiilfsapparat 
(Tampons, Irrigator, Carbolsäure u. s. w.) versehen sein. Sie müssen ferner dem 
Geburtsgeschäfte von Anfang bis zu Ende beiwohnen, dürfen also die Kreissende 
vom Beginn der Geburtsthätigkeit bis zur vollständigen Vollendung der Geburt 
nicht verlassen. Sie dürfen somit zwei Gebärende nicht zu gleicher Zeit behan¬ 
deln und von der einen zur anderen eilen, sondern müssen eine der beiden 
Kreissenden unbedingt an einen anderen Arzt oder an eine Hebamme verweisen. 
Während der Herrschaft von Scarlatina und Diphtheritis müssen Sie entweder auf 
die Behandlung dieser Krankheiten oder wegen der Gefahr der (Jcbertragur.g und 
Hervorrufung von Puerperalerkrankungen auf die Behandlung von Gebärenden 
und Wöchnerinnen verzichten. Herr Geheimrath Dr. Schwartz macht in seinem 
zweiten Generalbericht über das öffentliche Gesundheitswesen des Regierungs- 
Bezirks Cöln (S. 21) folgende Mittheilung: „Es kamen auch mehrere sehr rapide 
und tödtlich verlaufende Puerperal-Erkrankungen vor, bei welchen nur die Hälfte 
von Aerzien ohne Assistenz der Hebammen beansprucht war. Es ist sehr wahr¬ 
scheinlich, dass direkte oder indirekte Berührung mit sclarlatinösen oder diphthe- 
ritischen Ansteckungsstoffen auch viele Wöchnerinnen inficirt haben. “ Die Heb¬ 
ammen sind zur strengsten Beobachtung der im neuesten Hebammen-Lehrbuche 
vorgeschriebenen Antisepsis und Reinlichkeitsvorschriften, deren bekannte Details 
ich hier nicht auseinander setzen will, verpflichtet, und wenn sie nachweisbar 
diese Vorschriften nicht beachten und dadurch die Gesundheit der Wöchnerinnen 
und Neugeborenen benachtheiligen, so soll und wird gegen dieselben das straf¬ 
gerichtliche und eventuell auch das durch die Bestimmung der Gewerbe-Ordnung 
vorgeschriebene Verfahren auf Approbations-Entziehung einzuleiten sein. — Das¬ 
selbe gerichtliche Verfahren würde gegen die Aerzte bei nachweisbarer Ausser- 
achtlassung dieser Vorschriften nur mit dem Unterschiede statt finden, dass den 
Aerzten die Approbation von der Verwaltungsbehörde nicht entzogen werden 
kann, während gegen die Hebammen nach den §§. 30, 32, 33 und 36 der Ge¬ 
werbeordnung auch das Verfahren auf Approbations - Entziehung eingeleitet wer¬ 
den kann. 

Erfolgt in einem Falle der Tod der Wöchnerin oder des Neugeborenen oder 
erleidet die Erstere oder das Zweite eine Benachtheiligung der Gesundheit und 
ist es erwiesen, dass der Arzt ohne Assistenz einer Hebamme die Kreissende, 
wenn auch nur auf kurze Zeit verlassen oder die angeführten sonstigen Vor¬ 
schriften der Antisepsis und Reinlichkeit, zu deren Beachtung die Hebammen 
verpflichtet sind, nicht beobachtet hat, so macht der Arzt sich der „Fahrlässig- 


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keit“ schuldig und ist auch gegen ihn die Anklage' auf dessen Bestrafung nach 
den angeführten Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuches zulässig. Dass 
solche Anklagen im Ganzen bis jetzt noch selten vorgekommen, davon liegt wol 
theilweise der Grund theils in der Unkenntniss, Unwissenheit, theils in der Gut- 
müthigkeit des Publikums und der Schlauheit der Aerzte. Bisher konnte nach 
§.53 der Gewerbeordnung die Approbation den Aerzten von der Verwaltungs¬ 
behörde nur dann entzogen werden, wenn die Unrichtigkeit der Nachweise dar- 
gethan wurde, auf Grund deren die Approbation ertheilt worden war. Die Ab¬ 
änderung dieses Paragraphen steht im Reichstage in Berathung und soll diesem 
Paragraphen noch folgende Bestimmung hinzugefügt werden: 

„Die Approbation kann den Aerzten von der Verwaltungsbehörde auch ent¬ 
zogen werden, wenn aus Handlungen oder Unterlassungen des Inhabers der Mangel 
derjenigen Eigenschaften, welche bei der Ertheilung der Approbation vorausge¬ 
setzt werden mussten, erhellt.“ 

Hiernach würde also ohne richterliches Erkenntniss und Urtheil die Appro¬ 
bations-Entziehung durch die Verwaltungsbehörde bei den Aerzten, wie bei den 
Hebammen, den Unternehmern von Privatkrankenanstalten, Gast- und Schenk- 
wirthen erfolgen können. Der Geschäftsausschuss des deutschen Aerzteverein- 
bundes hat gegen diese Bestimmungen dem Reichstage eine Petition eingereicht 
und werden wir das Resultat derselben abwarten müssen. 

Viele Aerzte glauben statt der Assistenz der Hebammen sich der Assistenz 
der Wärterinnen bedienen zu dürfen. Eine noch so gut geschulte und geschickte 
Wärterin kann und darf aber die Hebamme nicht ersetzen. Ich erinnere nur an 
die Möglichkeit eines plötzlichen Eintritts von Blutung in den verschiedenen Ge- 
bnrtszeiträumen, die eine augenblicklich nothwendige Behandlung erfordert. Wie 
kann hier bei Abwesenheit des Arztes von einer Wärterin die nothwendige Hülfe 
geleistet werden, da eine Wärterin nicht einmal eine geburtshülfliche Unter¬ 
suchung, um die Quelle der Blutung aufzufinden, vornehmen kann. Sogar den 
Fall angenommen, dass sie es könne, so darf sie es nicht, indem ein Erkenntniss 
des Preussischen Obertribnnals vom 18. April 1877 ihr dies ausdrücklich ver¬ 
bietet. Dies Erkenntniss lautet: „Frauen, welche Hebammendienste verrichten, 
ohne im Besitze eines Prüfungszeugnisses zu sein, sind wegen unbefugter Aus¬ 
übung des Hebammengewerbes zu bestrafen, selbst dann, wenn in mehreren 
Fällen ein Nothstand und nur in einem einzigen Falle ein solcher nicht Vorge¬ 
legen hat.“ 

Die Aerzte sind daher genöthigt, den Hebammen die regelmässigen Ge¬ 
burten zu überlassen oder aber dieselben als ihre Gehülfinnen zu betrachten und 
überall heranzuziehen, auf eine strenge Antisepsis und Reinlichkeit von Seiten 
derselben zu achten. Sie mögen sich namentlich hüten , wie dies vorgekommen, 
alle Desinfection ofTen oder versteckt don Hebammen gegenüber für Unsinn zu 
erklären. 

Ich schliesse mit dom Wunsche, dass das Publikum bei Geburten von den 
Aerzten keine Hülfe ohne Assistenz der Hebammen beanspruchen und die Aerzte 
Geburten ohne die Letzteren nicht übernehmen mögen. 


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Reichsgcrichtliehe Entscheidungen als Beiträge sar gerichtliehen fflediein. Mit- 
getheilt vom Oberstabsarzt Dr. Frölich zu Möckern bei Leipzig. 

I. 

Der Hilfslehrer Heinrich M. in H. war aus §. 340 St.-G.-B. wegen vorsätz¬ 
licher Körperverletzung bei Ausübung seines Amtes angeklagt, vom 
Landgericht jedoch freigesprochen. Der Angeklagte hatte bei der Ausübung 
seines Lehramtes in dem Schulzimmer zu H. dem Johann G. mit der Hand einen 
Schlag an den Kopf, eine sogenannte Ohrfeige, gegeben und dem Joseph K. mit 
dem Schulstock einen Schlag auf den Rücken versetzt, welcher kurz darauf als 
rotlier Streifen sichtbar gewesen. Das Landgericht hatte nun bei der Frei¬ 
sprechung des Angeklagten ausgeführt, dass zwar derselbe mit diesen Strafen 
die Schulordnung verletzt hat, sofern er nach dieser zu einer solchen Züch¬ 
tigung nicht berechtigt ist. Da jedoch in diesen Handlungen an und für sich 
mehr als eine zur Strafe zugefügte körperliche Züchtigung nicht zu er¬ 
blicken , die Ueberschreitung der Schulordnung allein auch die Züchtigung noch 
nicht als eine strafbare Körperverletzung erscheinen lässt, eine solche im Sinne 
des §. 340 St.-G.-B. vielmehr, wo es sich um Anwendung einer an sich zulässi¬ 
gen Strafzüchtigung handelt, nur dann vorliegen würde, wenn durch dieselbe 
die Gesundheit gefährdet worden wäre, was in vorliegendem Falle in keiner Weise 
zutrifft, so sei der Angeklagte freizusprechen. 

In Folge der Revision des Staatsanwalts hat der I. Strafsenat des Reichs¬ 
gerichts am 29. September 1881 diese Entscheidung, soweit in ihr der Thatbe- 
stand des §. 340 St.-G.-B. verneint ist, aufgehoben. Es ist zunächst ausser 
Zweifel, dass diese Strafbostimmung nicht blos Falle der Gesundheitsbeschä¬ 
digung, sondern auch Fälle der körperlichen Misshandlung umfasst. Da 
ein Fall der ersteren nicht festgestellt ist, so kann nur der Thatbestand einer 
körperlichen Misshandlung in Frago kommen. Das Vergehen des §.340 ist durch 
die Widerrechtlichkeit der Handlung bedingt. Das Strafgesetz findet also 
keine Anwendung, wenn zur Vornahme einer an sich die Thatbestandsmerkmale 
des §. 340 enthaltenden Handlung eine Berechtigung vorlag. Hieher gehört ins¬ 
besondere der Fall des Schulzüchtigungsrechts. Nach der einschlagenden 
Ministerialverfügung sind die Lehrer, was die Art der Vollziehung der körper¬ 
lichen Züchtigung anbelangt, nur zu einer bestimmten Anzahl von Streichen auf 
die innere Handfläche, bez. auf das Gesäss befugt. Jede andere Art kör¬ 
perlicher Züchtigung ist untersagt, namentlich dürfen die Schüler nicht auf 
andere Körpertheile, z. B. nicht an und auf den Kopf, auf den Nacken oder 
Rücken geschlagen, nicht an den Haaren gerauft, oder sonst in irgend einerWeise 
körperlich misshandelt werden. 

Es ist zwar die Annahme nicht ausgeschlossen, dass Fehler und Missgriffe, 
welche bei der Ausübung der Schulzüchtigung begangen werden, so beschaffen 
sein können, dass, obwohl durch die Züchtigung ihrem Zwecke entsprechend 
eine Störung des körperlichen Wohlbefindens verursacht worden, die Anwendung 
der Bestimmungen des St.-G.-B. nicht in Frage kommen kann, dass vielmehr 
lediglich eine disciplinäre Ahndung einzutreten hat, allein Verfehlungen dieser 
Art würden in den vorliegenden Fällen, in welchen der Angeklagte eine ihm 
ausdrücklich verbotene Art der Züchtigung angewendet hat, nicht zu- 


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Verschiedene Mittheilungen. 


treffen, wenn die fraglichen Handlungen in wissentlicher Ueberschreitung der 
Züchtigungsbefugniss vorgenommen worden wären und die Thatbestandsraerk- 
male einer körperlichen Misshandlung im Sinne §. 340 St.-G.-B. als vorliegend 
angenommen werden sollten. Der Angeklagte konnte sich gegenüber dem Straf¬ 
gesetz nicht auf sein Züchtigungsrecht berufen, denn dasselbe steht ihm 
nur innerhalb der durch die betr. Ministerialverfügung festgesetzten Grenzen 
zu. Für den Thatbestand des unter jenen Voraussetzungen vorliegenden Ver¬ 
gehens im Sinne des §. 340 St.-G.-B. war auch der Beweggrund, welcher den 
Angeklagten leitete, insbesondere der Wille, den Zwecken der Schule zu dienen, 
nicht von Bedeutung. (Leipziger Tageblatt No. 331 vom 27. November 1881.) 

II. 

Der Lehrer Bernhard E. zu L. ist vom Landgericht aus §§. 223, 340 
St.-G.-B. wegen Körperverletzung verurtheilt, weil er am 7. Dechr. 1880 
den Schulknaben Carl S. vorsätzlich körperlich misshandelt hat und zwar wäh¬ 
rend er sich in Ausübung seines Amtes als Schullehrer befand', unter Ueber¬ 
schreitung des Züchtigungsrechts. Das Landgericht hat die bewusste 
Ueberschreitung der Grenzen einer blossen Züchtigung, sowie die Gesundheils¬ 
gefährlichkeit derselben darin gefunden, dass der Angeklagte, obwohl ihm die 
schwächliche, sich schon in der äusseren Erscheinung documentirende Gesund¬ 
heit des Knaben bekannt war und er sich somit sagen musste, dass eine derartige 
starke Züchtigung* wie die von ihm vorgenommene, der Gesundheit des Knaben 
schädlich werden konnte, den Knaben mit einem etwa einen kleinen Finger 
dicken Stock (Rohrstock) zuerst 2 bis 3, sodann aber eine grössere Anzahl Hiebe, 
etwa 10, mit voller Kraft, dergestalt über den Rücken gegeben hat, dass da¬ 
durch dicke, mit Sugillationen verbundene Striemen auf dem Rücken 
verursacht wurden. 

Die Revision des Angeklagten, welche Verkennung des Begriffs der Körper¬ 
verletzung rügt, ist vom II. Strafsenat des R.-G. am 4. November 1881 zurück¬ 
gewiesen, da dem Lehrer im Interesse der Schulzucht das Recht der Züchtigung 
der Schulkinder in einer, deren Gesundheit nicht gefährdenden Weise 
zusteht, also ein Lehrer, welcher einem Kinde in Ausübung dieses Züchtigungs¬ 
rechts Misshandlungen zufügt, wegen vorsätzlicher Körperverletzung nach 
dem St.-G.-B. dann strafbar ist, wenn die betreffende Behandlung eine, die Ge¬ 
sundheit des Kindes gefährdende war, und er bewusster Weise die Grenzen 
des Züchtigungsrechts überschritten hat. Das Vorliegen dieser Erfordernisse 
für die Strafbarkeit des Angeklagten, eines öffentlich angestellten Lehrers, ist 
aber ausdrücklich festgestellt, und genügen diese Anführungen über die Art der 
Züchtigung, um die gesetzlichen Merkmale des Vergehens darin zu finden, und 
war eine weitere Motivirung, weshalb die dicken, mit Sugillationen verbundenen 
Striemen für gesundheitsgefährdende zu erachten, nicht erforderlich, da in 
dieser Beziehung neben der schwächlichen Gesundheit des Knaben auch auf die 
mit der starken Züchtigung verbundenen heftigen Schmerzen und die psychische 
Aufregung hingewiesen ist. Wenn der Angeklagte die letzteren Momente für un¬ 
erheblich erklärt, weil sie der unumgängliche Erfolg jeder Züchtigung seien, so 
übersieht er, dass der Grad der Schmerzempfindung und die psychische Auf¬ 
regung von der Stärke der Züchtigung abhängt, hier aber gerade eine starke 


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Verschiedene Mittheilungen. 


Züchtigung festgestellt ist. Das Bewusstsein des Angeklagten von der Ueber- 
schreitung des Züchtigungsrechts beruht aber auf der Art der Ausübung 
der Züchtigung des ihm als schwächlich und hinfällig bekannten Knaben. 
(Leipz. Tageblatt vom 3. Januar 1882.) 

III. 

Der Schullehrer Martin St. zu 0. war aus §. 340 St.-G.-B. wegen Körper¬ 
verletzung in Ausübung seines Amtes angeklagt, weil er als Lehrer der 
Volksschule zu 0. zweien seiner Schulkinder unter Ueberschreitung des ihm zu¬ 
stehenden Züchtigungsrechts erhebliche Verletzungen zugefügt hatte. Er hatte 
die 13jährige Schülerin Elisabeth S., weil sie ihre Hausaufgabe nicht schön ge¬ 
nug geschrieben, mit einem etwa 60 Ctm. langen, einen kleinen Kinderfinger 
dicken Haselnussstecken etwa 10 mal über den Rücken und die rechte Hüfte ge¬ 
schlagen, so dass sie 8 blutunterlaufene Striemen davoDtrug, die sie hin¬ 
derten, 5—6 Tage auf dem Rücken zu liegen. Ebenso war der 7 '/ 2 Jahr alte 
Schulknabe Joseph St. vom Angeklagten wegen Faulheit im Rechnen mit einem 
Haselnussstocke etwa 15mal über den Rücken geschlagen worden, so dass er¬ 
hebliche Contusionon entstanden, in deren Folge das Kind längere Zeit 
Schmerzen bei jeder Bewegung empfand und mehrere Tage nicht auf dem Rücken 
zu liegen vermochte. 

Das Landgericht hat bei der Freisprechung des Angeklagten angenommen, 
dass bezüglich des ersteren Falles nicht erwiesen sei, dass der Angeklagte die 
für die Aufrechterhaltung des Schulzweckes nöthige Grenze der Züchtigung über¬ 
schritten habe, bezüglich des zweiten Falles aber wurde ausgesprochen, dass der 
Angeklagte zwar das ihm zustehende Züchtigungsrecht überschritten, dass er je¬ 
doch es nur auf eine dem Schulzwecke dienende Züchtigung hierbei abgesehen 
und das Züchtigungsrecht nur in fahrlässiger Weise missbraucht habe. 

Der 1. Strafsenat des R.-G. hat am 24. November v. J. in Folge der staats- 
anwaltschaftlichen Revision diese Entscheidung aufgehoben, da die ertheilten 
Züchtigungen nicht von dem Gesichtspunkte gewürdigt worden, ob die versetzten 
Schläge nach der Heftigkeit, mit der sie geführt worden sein müssen, um die 
1’estgestellten Folgen zu erzeugen, mit der Einhaltung eines massvollen und 
vernünftigen Züchtigungsrechts im Einklänge stehend in Betracht kom¬ 
men können. In dieser Hinsicht ist nur bemerkt, dass keine Züchtigung ohne 
Schmerzerregung gehandhabt werden könne, es ist aber nicht erwogen, ob durch 
den Grad der eine blutunterlaufene Geschwulst und erhebliche Contusionen ver¬ 
ursachenden Schläge Eingriffe in den körperlichen Zustand der Kinder 
stattfanden, welche als die Gesundheit derselben beeinträchtigend oder 
wenigstens möglicherweise benachtheiligend anzusehen seien. Hat nun ferner 
der Angeklagte bei Züchtigung des Joseph St. das ihm zustehende Recht der 
Züchtigung überschritten, so bleibt festzustellen, ob den Angeklagten eine Schuld 
fahrlässiger Körperverletzung — §. 320 St.-G.-B. — trifft und ob vermöge der 
Verpflichtung des Lehrers, die Grenzen eines massvollen und vernünftigen 
Züchtigungsrechts einzuhalten, sowie bei jeder Züchtigung mit Schonung 
und Vermeidung jedes Uebermasses zu verfahren, die Körperverletzung nach 
§. 232 Abs. 2 St.-G.-B. mit Uebertretung einer Amts- oder Berufspflicht began¬ 
gen und ohne Antrag auf Verfolgung zu bestrafen sei. Diese Strafe könnte durch 


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die Zulässigkeit einer disciplinären Einschreitung gegen den Angeklagten wegen 
der nämlichen Handlung nicht ausgeschlossen sein. (Leipz. Tageblatt No. 29 
vom 29. Januar 1882.) 

IV. 

Der Handelsmann Friedrich V. zu H. ist aus §. 223a St.-G.-B. wegen 
Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzouges vorurtheilt, 
weil er am 24. Juni 1881 seine 2jährige, nur mit einem Hemde bekleidet ge¬ 
wesene Tochter mit einem Riemen dergestalt vorsätzlich geschlagen hat, dass 
der Rücken und Hals des Kindes mit breiten blutunterlaufenen Schwielen bedeckt 
gewesen ist. 

Das Landgericht hat die Eigenschaft des Riemens als eines gefähr¬ 
lichen Werkzeugs darauf gestützt, dass derselbe seiner Beschaffenheit nach, 
wie insbesondere im Hinblick auf das zarte Alter des Kindes, welches mit 
demselben gemisshandelt worden ist, als einen Gegenstand sich kennzeichne, der, 
wenn zu Verletzungen verwendet, geeignet ist, solche in erhoblicliem 
Umfange zu bewirken. 

Die Revision des Angeklagten, welcher zu seiner Vertheidigung den §. 1805 
des Bürgerlichen Gesetzbuches für Sachsen anruft, ist vom III. Straf-Senate des 
R.-G. am 7. December 1881 verworfen, da der genannte §. 1805 den Eltern 
das Recht gewährt, gegenüber der Verweigerung des Gehorsams seitens der der 
Erziehung bedürftigen oder in der häuslichen Gemeinschaft stehenden Kindern 
angemessene Mittel häuslicher Zucht zur Anwendung zu bringen. Hält 
sich eine gesetzlich erlaubte Züchtigung innerhalb der vom Gesetze gezogenen 
Grenzen derselben, so würde, selbst wenn deren Ausübung objecliv Folgen haben 
würde, die an sich die Kriterien einer körperlichen Misshandlung an sich tragen, 
doch die objective. eine Bedingung der Strafbarkeit der Körperverletzung bil¬ 
dende Rechtswidrigkeit fehlen. Dass nun auch einem zweijährigen Kinde 
gegenüber Anlass zu einer körperlichen Züchtigung vorliegen kann, ist nicht zu 
bezweifeln, wenn aber das Gesetz als Norm der Ausübung des elterlichen Züch¬ 
tigungsrechts die Anwendung angemessener Mittel häuslicher Zucht hinstellt und 
damit namentlich die Berücksichtigung der Individualität des Kindes, des Grades 
geistiger und körperlicher Entwickelung desselben, wie die Schwere des Ver¬ 
gehens vorschreibt, so kann eben so wenig bezweifelt werden, dass gegenüber 
einem zweijährigen Kinde die Wahl eines Zuchtmittels, wie dessen der 
Angeklagte sich bedient und die aus der Schwere der verursachten Verletzungen 
erkennbare Art des Gebrauches desselben nicht innerhalb der erwähnten 
vom Gesetze vorgezeichnelen Grenze liegt. (Leipz. Tageblatt No. 40 vom 
9. Februar 1882.) 

V. 

Der Maurer Alois M. zu N. war wegen Körperverletzung aus §. 223a 
St.-G.-B. verurtheilt, weil er bei Gelegenheit einer Schlägerei dem auf dem Boden 
liegenden Arbeiter Johann A. mittels der Spitzen der seine Füsso bekleiden¬ 
den Stiefeln einige Verletzungen beigebracht hatte. Das Landgericht hat als 
erwiesen angenommen, dass der Angeklagte mit den Spitzen seiner ungenagelten, 
mit harten kantigen Ecken versehenen Stiefel an seinen Füssen dem zu Boden 
geworfenen A. einige Male wuchtige Stösse an den Kopf versetzt hat, so dass 
dieser an solchen drei Beulen nebst einigen Schürfungen erlitt und hierdurch 


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Verschiedene Mittheilungen. 


drei Tage arbeitsunfähig geworden ist, und stellt weiter fest, dass die Spitzen 
der Stiefel des Angeklagten vermöge ihrer harten kantigen Ecken an sich als 
Gegenslände erscheinen, mittels deren im Vereine mit der Wucht der Fussstösse 
einem zu Boden Liegenden eine, dessen Gesundheit gefährdende Verletzung zu¬ 
gefügt werden kann. Hiernach sind die benutzten Stiefel zufolge ihrer eigen- 
thümlichen Beschaffenheit im Zusammenhalte mit dem mittels der Fussstösse von 
ihnen gemachten Gebrauche als gefährliche Werkzeuge erklärt worden. 

Bei Verwerfung der Revision des Angeklagten hat der I. Strafsenat des 
Reichsgerichts am 1. December 1881 ausgeführt, dass es nicht darauf ankom¬ 
men kann, ob ungenagelte Stiefel zum Zuschlägen mittels der Hände ver¬ 
wendet, als Waffe in Betracht zu kommen haben und dass sich die mittels der 
Stösse mit den Füssen gegen den Verletzten zu dessen Misshandlung benutzten 
Werkzeuge, auch wenn sie als Stiefel einen üblichen Bekleidungsgegenstand eines 
Körporgliedes bilden, um nichts weniger nach Beschaffenheit und Art des Ge¬ 
brauchs, wie hiervorliegt, als gefährliche Werkzeuge darstellen können. 
Ebensowenig bedarf die Bemerkung des Angeklagten, dass er die Verletzungen 
nur durch das Körperglied des Fusses, welcher als gefährliches Werkzeug ebenso 
wenig wie eine grobknochige derbe Faust beurtheilt werden könne, zugefügt habe, 
gegenüber dem festgestellten Thatbestande einer weiteren Widerlegung. (Leipz. 
Tageblatt No. 33 vom 2. Februar 1882.) 


Vergiftung durch Heisch (Pökelfleisch, Wurst) und Fisch. — Prof. Her¬ 
mann Cohn aus Breslau berichtet über 4 Fälle dieser Vergiftung; eine Reiho 
anderer sind in dem statistischen Sanitätsbericht über die Armee für das Etats- 
jahr 1878/79 (S. 17 und 18) beschrieben. Wir heben daraus hervor: 

1. Vergiftung durch Wildpastete (Cohn, Knapp-Hirschberg’s Archiv 
für Augenheilkunde IX.): Eine 34jährige Frau erkrankte eine Stunde nach Ge¬ 
nuss eines Stücks einer 3 Mouate alten, unter Fett aufbewahrten Hasenpastete 
unter heftigstem Erbrechen und demnächst Durchfall. Am nächsten Tage konnte 
sie in der Nähe keine Schrift lesen, konnte nicht einfädeln u. s. w.; gleichzeitig 
bestanden starke Halsschinerzen und Schlingbeschwerden. Neun Tage nach Be¬ 
ginn der Krankheit findet Prof. Cohn Medien, Hintergrund, Pupille, Farbensinn 
normal, Accommodation sehr gestört, so dass beiderseits Snellen 1.5, allenfalls 
ein Buchstabe in 0.5 Meter Nahepunkt gelesen wird. Eingegossenes Eserin 
bessert sofort erheblich. Untersuchung des Rachens ergab: livide Röthung, auf¬ 
fallende Trockenheit der Gaumenschleimhaut, keine Muskellähmungen , Erschei¬ 
nungen, wie sie bei beginnender Bulbärparalyse beobachtet werden. Prof. Ber¬ 
ger führte die scheinbare Schlinglähmung auf die intensive Pharyngitis zurück. 
Nach 8 tägigem Gebrauch von Eserin ist die Accommodation normal, die Schling¬ 
beschwerden dagegen waren erst nach 4 Wochen beseitigt. 

2_4. Vergiftung durch Hechte (?) (Cohn, wie oben): Ein 40Jahre alter 

Mann consultirt Prof. Cohn, der bei dem Pat. vollkommene Accommodations- 
lähmung constatirt. Nach einem Tropfen Eserin ist 0,5 in 15 Ctm. Nahepunkt 
lesbar. Es bestehen starke Schlingbeschwerden, trotzdem keine Paralyse der 
Fauces, wol aber ist die Pharynxschleimhaut im Zustande chronischen Katarrhs. 
Prof. Cohn schloss nach diesem Befunde auf Vergiftung und es ergab die ange- 


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Verschiedene Mittheilnngen. 


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stellte Nachforschung, dass die Köchin und der Sohn des Hauses gleichzeitig mit 
dem Vater unter ganz ähnlichen Krankheitserscheinungen erkrankt waren und 
zwar nach dem Genuss von Hechten. Cohn fand demnächst bei dem Sohn fast 
totale Accommodationslähmung; Schlingbeschwerden hatte er ebenfalls gehabt. 
Bei der Köchin bestand völlige Accommodationslähmung; dabei waren Nerven, 
Medien etc. der Augen, wie bei dem Sohn, normal. Sie hatte nach dem Genuss 
des Hechts sofort erbrochen (Vater und Sohn nicht) und hatte starke Schlingbe¬ 
schwerden gehabt. Die Vergiftung durch Hecht liess sich mit grosser Wahr¬ 
scheinlichkeit nachweisen. Sechs Wochen nach der Vergiftung war der Sohn 
geheilt (die Köchin sah Cohn nicht wieder), bei dem Vater, der Eserin auf die 
Dauer nicht vertragen hatte, bestand noch völlige Accommodationsparalyse. 

Cohn schliesst eine Uebersicht der bekannten analogen Fälle aus der Lite¬ 
ratur an. 

(Stat. San.-Bericht über die preuss. Armee 1878/79.) Zwei Soldaten in 
Henfeld assen am 5. Januar 1879 verdorbene Blutwurst. Am 6. erkrankten 
Beide mit Erbrechen und klagte der eine u. a. über Trockenheit im Halse und 
erschwertes Schlingen. Mydriasis, Accommodationsparese, geringer Strabismus 
convergens ist vorhanden, ebenso Diplopie und unvollkommene Ptosis des rechten 
oberen Augenlides, später Sprachstörungen. Am 16. -Januar Tod. Der Zweite 
meldete sich am 13. Januar krank, weil auch er Sehstörungen bemerkte neben 
Schlingbeschwerden. Es bestand Mydriasis, Accommodationsparese. Am 8. Fe¬ 
bruar war er geheilt. 

Ganz verschieden hiervon verliefen 50 Fälle durch Vergiftung mit Pökel¬ 
fleisch bez. Pökellake in Mainz, von denen einer starb. Bei diesem waren nach 
Ansicht des Berichterstatters bei der Section constatirte Darmgeschwüre, die die 
Vermuthung erwecken konnten, es handele sich um einen Typhus ambulatorius, 
als Folgeerscheinungen der Fleischvergiftung aufzufassen. Bei einer solchen 
sollen nämlich durch Hämorrhagien in die Mucosa oder Submucosa oberflächliche 
partielle Schleimhautnekrosen entstehen. Bei den hier beobachteten Fällen , in 
denen die Giftigkeit der Pökellake — ohne die nähere Natur des Giftes selbst 
festzustellen — durch Versuche an 5 Thieren bewiesen wurde, ist von Sehstö¬ 
rungen und Schlingbeschwerden nicht die Rede. 49 Mann waren nach 6 bis 
8 Tagen geheilt, nachdem auch sie, wie die Patienten in den vorigen Fällen, 
kurz nach dem Genuss der giftigen Nahrung mit Erbrechen, Durchfall, Kopf- 
und Leibschmerz erkrankt waren. Villaret. 


Luft in den Langen tedtgeberener Kinder von Dr. Runge (Berl. klin. 
Wochenschr. No. 18, 1882). — Von Alters her gilt der Befund von Luft in den 
Lungen Neugeborener als ein sicherer Beweis dafür, dass das Kind intrauterin 
geathmet und gelebt habe. Diese von den Lehrbüchern der gerichtlichen Medicin 
ziemlich allgemeine acceptirte Annahme erfährt eine zweifache Einschränkung. 
1) Das Kind kann bereits in utero athmen; nicht blos in Gesichtslagen, son¬ 
dern in allen möglichen Kindeslagen kann Luft auch ohne operative Eingriffe in 
den Uterus eindringen. 2) Der Luftgehalt der Lungen kann von künstlichem 
Einblasen herrühren. Hierbei sind die Lungen gleichmässig zinnoberroth und 
daher von den marmorirten Lungen, die geathmet, zu unterscheiden. Auch 


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Verschiedene Mittheilungen. 


finden sich nach Lufteinblasungen Magen und Dann mit Luft erfüllt. Sicherer 
und vollkommener aber lässt sich Luft in die Lungen nicht athmender Neuge¬ 
borener durch die Schultze’schen Schwingungen bringen, die abwechselndes 
Comprimiren und Erweitern des Thorax erzielen, aspirirte Fremdkörper heraus¬ 
schleudern, in den Verdauungscanal aber wenig oder gar keine Luft bringen. 
Die Section zeigt selbst in Fällen, wo es nicht gelang, spontane Athembewogungen 
zu erzielen, ein gleiches Verhalten der Lungen, wie bei Kindern, die Stunden 
oder Tage gelebt haben und dann langsam asphyetisch zu Grunde gingen. Die 
Lungen sind ausgedehnt, zeigen lufthaltige Stellen, abwechselnd mit atelectati 
sehen und schwimmen stets. Manchmal zeigen sie auch inselartige Marmorirung 
und lassen auf die Schnittfläche schaumige Flüssigkeit ausircten. Subpleurale 
Ecchymosen und Dünnflüssigkeit des Blutes, sowie Blutreichthum der Lungen 
fehlten nie, so dass nie zu entscheiden ist, ob die Kinder lebend geboren und er¬ 
stickt oder todt geboren und die Lungen künstlich aufgebläht w f aron. Es fehlt 
z. Z. ein sicheres anatomisches Criterium für die extrauterine 
Athmung. Die künstliche Aufblähung der Lungen ist aber fortan häufig zu 
erwarten, da seit Einführung des neuen Hebammenlehrbuchs v. J. 1878 sämmt- 
liclie Hebammen in Preussen die Schultze’schen Schwingungen erlernen. 


Irrsinn nml Ehescheidung. — Blanche, von einer Commission der Depu- 
tirtenkammer zu einem Gutachten darüber aufgefordert, ob Irrsinn als Schei¬ 
dungsgrund angesehen werden müsse, hat die Frage entschieden verneint. Er 
sucht zu zeigen: 1) dass sehr oft das Unglück zu vermeiden wäre, wenn man bei 
Heirathsprojecten nicht so oft durch Rücksichten auf Name, Stellung, Ver¬ 
mögen etc. sich leiten und hierbei die Gesundheitsverhältnisse ausser Achtliesse; 
2) dass in zahlreichen Fällen die Unheilbarkeit nur während einer kurzen Krank- 
heitsperiode zu constatiren sei; 3) dass, wo das Unglück nicht vorliergesehen und 
vermieden werden konnte, die Pflichten der Gatten gegen einander nicht auf¬ 
gehoben, sondern nur um so grösser und heiliger würden. Vorherzusehen ist das 
Uebel bei den angeborenen Formen, wie Idiotie. Imbecillität, Schwachsinn, die 
wiederum erblich seien. Aeusserst vorsichtig aber müsse der Arzt sein bei der 
Prognose der Geistesstörungen und den gesetzlichen Massregelm die sie erheisch¬ 
ter.. Die gemeinhin für unheilbar gehaltenen Geisteskrankheiten sind es nicht 
ausnahmslos, andererseits werden sie cs erst nach zahlreichen Remissionen (wie 
die allgemeine Paralyse, die Epilepsie mit Geistesstörung). Für die mehrfach 
beobachteter, Fälle solcher später und unerwarteten Heilungen sei die Wieder¬ 
erlangung der Gesundheit, wenn inzwischen die Ehescheidung erfolgt ist, ein 
ebenso grosses Unglück, wie eine neue Erkrankung. 

Charcot und Magnan sprechen sich in gleichem Sinne aus und die mit 
der Prüfung des Gesetzentwurfs über die Ehescheidung beauftragte Commission 
der Deputirtenkammer zog das betr. Ammendement zurück. (Gaz. des höpit. 
No. 54. 1882.) Stern. 


Gedruckt bei L. Schumacher in Herlin. 


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I. Gerichtliche Mediein. 


1 . 

Sieben Gutachten 

über krankhafte Geisteszustände 

von 

Prof. Dr. ©. Liman. 

Von den nachstehenden Gutachten berühren sich sechs durch die be¬ 
gangenen strafbaren Handlungen, welche sämmtlich sich auf geschlecht¬ 
liche Verhältnisse beziehen. Es sind ganz verschiedene krankhafte 
Störungen, an welchen die Thäter litten. Hypochondrie, Epilepsie, 
Wahnvorstellungen und Schwachsinn. Obgleich nicht alle gleich inter¬ 
essant sind, so veröffentliche ich sie dennoch zusammen, weil ihnen 
die Handlungen gemeinsam sind, und weil man in dem Mechanismus 
der Thaten wol einen Unterschied finden wird, welcher bezeichnend ist 
für die demselben zu Grunde liegende psychische Störung. Angehängt 
ist noch ein Fall epileptischer Geistesstörung, der nicht gewöhnlich 
ist und zu einem schweren Verbrechen Veranlassung gegeben hatte. 
Ich theile ihn mit, weil er sehr gut sich dem zweiten Falle anreiht. 

I. 

Geschlechtliche Excesse. Hypochondrische Geistesstörung. 

Gesohichtserzählung. 

Der Gymnasiallehrer Dr. S. ist der Erregung eines öffentlichen 
Aergernisses beschuldigt. 

Die G.... giebt an: 

„Im Spätsommer des vorigen Jahres 1880 sass ich im Thiergarten auf 
einer Bank. Während ich nun von der Bank aus dem Spielen der Kinder zusah, 
kam ein Herr (Dr. S.) mit entblössten Geschlechtstheilen auf mich zu, verschwand 
indessen, als ein anderer Herr des Weges kam. Nach Entfernung dieses zuletzt 
erwähnten Herrn kehrte der S. in derselben Position zurück, um sich sodann 
nach einiger Zeit zu entfernen. 

„In den ersten Tagen des Februar wollte ich mit den oben erwähnten 
Kindern Schlittschuhlaufen gehen. Als wir uns auf einem Wege in der Nähe 

Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 3. 13 

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t)r. C. Li man. 


des Kinderpavillons befanden, kam uns der S. ebenfalls wieder mit entblössten 
Geschlechtstheilen entgegen. Als wir umkehrten und davonliefen, kam er uns 
— noch immer in derselben Position — bis an den Goldfischteich nach. Hier 
liess er von der Verfolgung ab. 

„Am 15. Februar sass ich auf einer Bank auf dem Floraplatz im Thier¬ 
garten, während die Kinder hinter mir schlitterten. Auch dieses Mal kam der S. 
an mich heran und blieb vor mir stehen. Dieses Mal hatte er indessen noch nicht 
seinen Geschlechtstheil entblösst, war aber eben damit beschäftigt, seinen Ueber- 
zieher aufzuknöpfen, als ich zu der Martha sagte, sie solle einen Wächter herbei¬ 
holen. Sobald S. dies hörte, ging er schnell davon, während ich zu einem Thier¬ 
gartenwächter lief.“ 

Bei seiner polizeilichen Vernehmung räumt S. ein, oftmals im Thiergarten 
gewesen zu sein und vorübergehenden Damen seine Geschlechtstheile gezeigt zu 
habon. Ob er der „heutigen“ Dame früher schon einmal im Thiergarten begegnet 
sei, vermag er nicht anzugeben. Er sei noch nie bei einem Frauenzimmer ge¬ 
wesen. Geschlechtliche Aufregung habe ihn zur That verleitet. 

Im gerichtlichen Verhör sagt er: 

„Ich erinnere mich allerdings, dass ich zu verschiedenen Malen, um mir 
bei meinerUeberreizung Erleichterung zu verschaffen, mit entblösstem Geschlechts¬ 
theil durch verschiedene Wege des Thiergartens schnell gelaufen bin. Ich er¬ 
innere mich aber nicht, dass irgend welche Menschen, seien es Erwachsene oder 
Kinder, dies wahrgenommen haben, und habe jedenfalls weder die Absicht, noch 
das Bewusstsein gehabt, durch meine Handlungsweise ein öffentliches Aergerniss 
zu geben. Nur beim letzten Mal, als ich in der Nähe des Floraplatzes hinter mir 
von einer weiblichen Stimme das Wort „Wächter“ rufen hörte, kam ich zum Be¬ 
wusstsein meines Zustandes, lief weg, und wurde in der Nähe der Unterbaum¬ 
brücke von einem Schutzmann eingeholt.“ 

Bemerkt soll hierzu werden, dass der ihn arretirende Schutzmann J. be¬ 
richtet, dass S. zunächst auf der Charlottenburger Chaussee nach dem Stern zu 
lief, so schnell er nur konnte, dann seinen Weg änderte und nach den Zelten 
zu lief, und da er sah. dass er ihn nicht einholen konnte, mittels einer Droschke 
hinter der Alsenbriicke in der Nähe des Lehrter Bahnhofs seiner habhaft wurde. 

Er räumte dem Schutzmann gegenüber sofort die That ein, bat ihn, er 
möge die Dame günstig für ihn stimmen, und wollte mit letzterer sprechen, was 
ihm aber nicht gestattet wurde. 

In dem gerichtlichen Verhör fügt er,dann noch hinzu, dass er noch jetzt 
an der Idee leide, dass die sinnliche Aufregung, welche ihn verfolge, durch eine 
derartige Handlungsweise, wie sie incriminirt ist — das Gehen im Freien mit 
entblössten Geschlechtstheilen — Linderung finden könne. 

Er beruft sich ferner dafür, dass er sich bei Begehung dieser verschiedenen 
Handlungen in einem Zustande krankhafter Störung der Geistesthätigkeit be¬ 
funden habe, auf das Gutachten des Prof. Westphal, der ihn bereits unter¬ 
sucht habe, und auf das des Unterzeichneten. 

Die Gutachten des Prof. Westphal vom 15. März 1881 und vom 19. Juni 
1881 führen aus, dass Dr. S. sich zur Zeit der Begehung der That in krankhafter 
Störung der Geistesthätigkeit befunden habe. 

Es wurden, veranlasst durch Angaben, welche der Angeschuldigte dem 


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Geschlechtliche Excesse. Hypochondrische Geistesstörung. 


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Prof. Westphal gemacht hatte, dahin gehend, dass sein Grossvater mütter¬ 
licherseits an Schwermuth gelitten und sich in einem Anfalle das Leben genom¬ 
men habo, dass seine Mutter ebenfalls in leichterem Grade schwermüthig und 
wie er selbst mondsüchtig sei, und dass er vor seinem Doclorexamen einen Anfall 
gehabt habe, in welchem er das Bewusstsein verloren gehabt habe, seine Mutter 
wie auch Dr. N. als Zeugen vernommen. 

Erstere weiss von sexuellen Verirrungen, die in der Jugend ihres Sohnes 
vorgekommen wären, nichts anzuführen. Ihr Sohn habe stets angestrengt ge¬ 
arbeitet und wol durch diese geistige Ueberanstrengung seine von Hause aus 
schwache Natur zerrüttet. Eigentliche Störungen des geistigen Bewusstseins 
habe sie niemals bemerkt, dagegen sei es im vergangenen Winter, wo er na¬ 
mentlich auch durch Ertheilen von Privatunterricht seine Kräfte übermässig an¬ 
gestrengt hat, öfters vorgekommen, dass er sich in einer gegen seine Umgebung 
höchst gleichgültigen Stimmung befand. Auf ihre, die er sonst lieb hatte, 
Fragen nach der Ursache seiner Verstimmung habe er entweder gar keine oder 
mürrische Antworten gegeben. Während er Nachts an Schlaflosigkeit litt, habe 
er Tags eine krankhafte Neigung zum Schlaf gehabt. Wenn man ihn weckte, 
riss er die Augen weit auf und sah verstört aus, schlief aber in der Regel gleich 
wieder ein. Während seiner Kindheit habe sie öfters beobachtet, dass er, wenn 
heller Mondschein war, des Nachts sein Bett verliess. Bei ihr selbst sei diese 
Neigung zum Nachtwandeln bis zum 30. Jahre vorhanden gewesen. Bei ihr 
selbst sei von Jugend auf eine starke Nervosität vorhanden, so dass sie bei 
jedem sie berührenden Unglück in hohem Grade verstimmt werde. Diese pessi¬ 
mistische Neigung rühre von ihrem Vater her, der etwa 40 Jahr alt, ohne jeden 
erkennbaren Grund, bei guten Vermögensverhältnissen sich das Leben genommen 
habe. Ihr Sohn habe ihr davon Mittheilung gemacht, dass er unmittelbar vor 
seinem Doclorexamen einen Anfall gehabt habe, bei welchem ihm „ganz flau“ 
geworden sei. 

Dr. N. giebt an, dass ihm bekannt sei, dass S. eine starke Abneigung 
gegen den geschlechtlichen Verkehr mit Frauenspersonen hatte, und soweit seine 
Kenntniss reicht, habe er solcher. Verkehr niemals gehabt. Jene Abneigung 
stamme, soweit ihm bekannt, aus religiösen Anschauungen, welche in seiner 
Familie zu herrschen schienen. Er habe zuweilen den Eindruck einer gewissen 
Zerstreutheit gemacht, aus der er sich gewaltsam herauszureissen schien. Von 
einem Anfall, bei dem er das Bewusstsein verloren hätte, weiss er nichts zu 
bekunden. 

Exploration. 

Dr. S. ist ein 28jähriger, blass aussehender Mensch, an dessen Organen 
Erkrankungen nicht wahrnehmbar sind. Er klagt über häufiges Kopfweh, wel¬ 
ches in einem Druck zwischen den Augen in der Gegend der Nasenwurzel und 
im Hinterkopf bestehe, ferner über Herzklopfen. 

Sein Benehmen hat etwas Scheues, wie auch schon der Untersuchungs¬ 
richter registrirt. Er spricht äusserst schnell und hastig, mich nicht ansehend, 
sondern den Blick zu Boden gesenkt, nur selten erhob er ihn. 

Aus seinen auf die inoriminirte That nicht bezüglichen Mittheilungen ent¬ 
nimmt man, dass er entsprechend den oben angeführten körperlichen, auf functio- 

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Dr. C. Liman, 


19G 

nellen Störungen der Nerven bestehenden Erscheinungen auch psychisch ein 
nervös — anscheinend hereditär — veranlagter Mensch ist. 

Er sei äusserst schreckhaft gegen unerwartete Geräusche, leicht verwirrt, 
z. B. wenn ihn Jemand auf der Strasse anrede, um nach dem Weg zu fragen; 
scheu und ängstlich, wenn er Jemand anreden müsse, z. B. einen Schaffner auf 
der Eisenbahn, um nach irgend etwas zu fragen; er sei leicht beängstigt und 
verwirrt, z. B. wenn er in einem Laden etwas kaufen wolle; er wähle Dinge, 
die ihm nachher nicht gefallen und schlechter sind als andere ihm vorgelegte, 
und sei froh, wenn er aus dem Laden wieder heraus sei. Er habe ein Grauen 
vor dem Monde, verhänge die Fenster, wenn der Mond scheine, und könne dann 
nicht schlafen, und wenn er schlafe, habe er beängstigende Träume. 

Er neigt zu Grübeleien und hypochondrischen Vorstellungen, dass er irgend 
ein körperliches Leiden habe, was ihn beunruhigt habe. 

Namentlich in sexueller Beziehung habe er viel gegrübelt, dass und wie er 
sich eine Erleichterung schaffen könne. 

Er habe als Knabe Onanie getrieben, was er später wieder unterlassen 
habe, nachdem er durch einen Arzt über die Gefährlichkeit derselben in Angst 
und Furcht versetzt worden sei. 

Die Befriedigung seines Geschlechtstriebes mit einem Frauenzimmer zu 
versuchen, habe ihm auf das Aeusserste widerstrebt; der Gedanke sei ihm 
„grauenhaft“ gewesen. Es sei in dem „Glauben“ erzogen, dass es verderblich 
sei, sich mit einem Frauenzimmer abzugeben. Wenn ihm dies jetzt gerathen 
würde, so würde ihm es sein, als ob er „Medizin einnehmen“ müsse. Wenn er 
sich verheirathete, würde das „vielleicht“ anders sein, weil er nicht den Ge¬ 
danken hätte, dass es seiner Gesundheit nachtheilig sei. Geliebt oder sich ver¬ 
liebt habe er nie, bis auf eine „Secundanerliebe“ vor 11 Jahren, die nicht er¬ 
widert wurde, eine platonische Schwärmerei. Er habe sich stets von Damen fern 
gehalten, weil er sich eingebildet habe, dass er keine Eigenschaft besässe, die 
ihn einem Mädchen hätte begehrenswerth machen können. Er habe niemals den 
Wunsch gehabt, sich einem Frauenzimmer geschlechtlich zu nähern, und nie von 
einem Mädchen den Eindruck erhalten, mit ihr cohabitiren zu wollen. Er habe 
nie heirathen wollen, wisse aber jetzt, dass es physische Zustände gebe, die dazu 
zwingen, „nachdem er von Aerzten gehört habe, dass es keine Sünde sei, den 
Geschlechtstrieb zu befriedigen.“ 

Die incriminirten Handlungen betreffend, in specie die letzte, bei der er 
ergriffen wurde, so giebt er hierüber Folgendes an. 

„Ich war von dem Gedanken, meine Sinnlichkeit zu befriedigen, stets voll¬ 
kommen erfüllt. Ich halte keine Ruhe und träumte davon des Nachts, wie auch 
jetzt noch. Es ist das stereotyp. Entweder ich befinde mich in derselben Lage, 
d. h. ich laufe mit entblösstem Gliede umher, oder ich glaube, ich bin im Hemde, 
hänge an einem Reck, den Kopf nach unten, so dass das Hemde zurückfallt und 
das erigirte Glied entblösst ist. Dabei habe ich Pollutionen und habe dann eine 
halbe bis ganze Woche Ruhe. 

Diese Träume geben mir Veranlassung zur Ausführung derselben, und zwar 
zur Ausführung des Umherlaufens im Thiergarten, denn ich bin kein Turner und 
kann nicht am Reck hängen, weil ich schwindlig werde, ebensowenig als ich 
Caroussel fahren oder schaukeln kann. 

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Geschlechtliche Excesse. Hypochondrische Geistesstörung. 19 7 

Der Trieb ist immer stärker zurückgekehrt. Mir wurde glühend heiss, 
wenn ich mir die Beinkleider öffnete, und wenn ich wieder zu mir kam, — denn 
ich weiss nicht, wie lange ich umhergelaufen bin und befand mich in einem 
anderen Theil des Thiergartens, als bei der Eröffnung meines Laufens, — sagte 
ich mir, dass es doch schrecklich sei, dass ich so umherlaufe; ich lief dann in 
die Stadt auf die Strassen, um auf andere Gedanken zu kommen. 

Ich machte mir die bittersten Vorwürfe, dass ich so unmoralisch sei, wie 
früher über die Onanie, hatte aber nicht die Kraft, es zu lassen, und machte mir 
nachher wieder neue Vorwürfe. Mein Glied wurde etwas feucht, aber eine Pollu¬ 
tion hatte ich nicht. Mit der Zeit erschlaffte das Glied und dann steckte ich es 
wieder ein. Ich war natürlich froh, wenn es Keiner gesehen hatte. So bin ich 
etwa wöchentlich 2 Mal gelaufen. Manchmal lagen Wochen dazwischen. 

Dass ich auf Personen losgelaufen bin, mit der Absicht, mein Glied ihnen 
zu zeigen, ist mir durchaus nicht bewusst, und dass ich das mehrmals gegen 
dieselbe Person gethan hätte, ist mir auch nicht bewusst. 

Als ich nach dem Gefängniss geführt wurde, kam mir traumartig der Ge¬ 
danke, dass ich mich in einer ähnlichen Lage schon einmal befunden haben 
müsse, ob es aber eine Thatsache war oder nur eine Erinnerung an einen 
Traum, vermochte ich nicht zu entscheiden. 

Ich weiss nicht, dass ich zu dem Mädchen etwas gesagt hätte; ich habe 
auch nicht gesehen, dass sie Kinder bei sich gehabt hat. Es war im Februar 
3—4 Uhr. 

Dass ich das Glied dem Frauenzimmer gezeigt hätte, um mich dadurch zu 
beruhigen, ist mir auch nicht klar bewusst. Ich bin erst nachträglich auf diese 
Erklärung gekommen, dass es wol so sein könnte, um mir den psychologischen 
Hergang zu erklären, denn der Arzt, der mich zuerst auf Veranlassung des 
Rechtsanwalts, Herrn Dr. U... untersuchte, Herr Dr. M..., fragte mich, ob 
ich es deshalb gethan hätte, und da meinte ich, dass das wol der Fall ge¬ 
wesen sein könnte. 

Bei dem Vorfall am 15. Februar hatte ich das Gefühl, als ob ich be¬ 
trunken wäre; ich hörte noch, aber ich konnte nicht deutlich unterscheiden. Ich 
habe in der Schule viel Anstrengung und Aergor gehabt mit den Schülern, 
dachte, es würde mir gut thun, wenn ich in die Luft käme, ging in den Thier¬ 
garten ohne die bestimmte Absicht, dies wieder zu thun, und weiss nur noch 
wieder, dass ich den lluf „Wächter“ hörte. Es war wie ein Traum. Von dem 
Moment, wo ich die Beinkleider öffnete, weiss ich nichts. Als ich den Ruf 
Wächter hörte, wandte ich mich instinctmässig fort. Die Beinkleider habe ich 
mir erst auf der Wache zugeknöpft. 

Der Gedanke, dass ich wieder mit geöffneten Beinkleidern und erigirtem 
Gliede in den Thiergarten gehen möchte, kommt mir noch sehr oft. Ich dränge 
den Wunsch mit aller Gewalt zurück, und gehe gar nicht in den Thiergarten. 
Wenn ich ihn wegen einer Privalstunde passiren muss, so gehe ich nur die 
Siegesallee und vermeide jeden anderen Weg, weil ich nicht weiss, was mir 
wieder passiren kann.“ 


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Dr. C. L i rn a n, 


Gutachten. 

Die Beurtheilung des Falles ist äusserst schwierig, weil wir fast 
einzig und allein auf die Angaben des Angeklagten angewiesen sind, 
denn dass er epileptisch sei und die incriminirten Handlungen in 
Bewusstlosigkeit ausgeführt seien, wie Westphal zunächst vermuthete, 
ist keineswegs erwiesen, es wäre höchstens ein traumartiger Zustand 
anzunehmen, der aber ebenfalls lediglich in den Aussagen des Ange¬ 
schuldigten seine Begründung finden würde, und durch andere Vor¬ 
kommnisse im Leben des Exploranden, in denen eine unvollkommene 
Bewusstseinslücke beobachtet wäre, keine Unterstützung findet. 

Auch dass ein Zustand von „allgemeiner Verwirrung“ höchst wahr¬ 
scheinlich Vorgelegen habe, in dem er die incriminirte Handlung be¬ 
gangen, der ihn „zu deutlichen und klaren Sinneswahrnehmungen so¬ 
wohl, als auch zu vernünftiger Ueberlegung vollkommen unfähig machte“, 
wie Westphal nach Kenntniss der Acten ausführt, ist vielleicht zu¬ 
treffend für die letzte Handlung des etc. S., dürfte aber schwer für die 
ganze Reihe von Handlungen anzunehmen sein, die doch in ihrer 
Genese nicht von der letzten zur Anklage geführt habenden getrennt 
werden können. 

Jch möchte vielmehr annehmen, dass eine Verirrung und zwar 
eine pathologische Verirrung des Angeschuldigten vorliege, welche be¬ 
dingt ist durch hereditäre Anlage zu Psychosen und durch hypo¬ 
chondrische Gemüthslage, in welcher Explorat zu der absonderlichen 
Procedur der Befriedigung oder vielmehr versuchten Unterdrückung 
seines Geschlechtstriebes gelangt ist. 

Denn es wird zugegeben werden können ünd müssen, dass hier 
nicht, wie Westphal ebenfalls m. E. sehr treffend hervorhebt, und 
übrigens auch schon der Untersuchungsrichter bemerkt, aus Frivolität, 
Cynismus oder Rohheit begangene Handlungen vorliegen. 

Dagegen spricht die selbstquälerische und grübelnde Gemüthslage 
des Exploranden und die ganze Entwicklung seiner geschlechtlichen 
Anschauungen, wenn man, wie Jeder, der den Exploranden sieht und 
spricht, empfinden wird, seine Angaben im Grossen und Ganzen als 
wahr betrachtet, selbst wenn man Einzelnes, was die Noth der Lage 
ihm vielleicht eingegebeu haben mag, abzieht. 

Das sind nicht die Angaben eines psychisch gesunden Menschen, 
es sind aber auch nicht die eines Heuchlers, und es haben dieselben 
eine innere Wahrheit, insofern sic an sich selbst Erlebtes und Erfah¬ 
renes schildern. 


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Geschlechtliche Excesse. Hypochondrische Geistesstörung. 


199 


Und hierzu kommt ein zweites, m. E. sehr wichtiges und bisher 
nicht hervorgehobenes Moment, ich meine den Mechanismus der Thaten, 
resp. der letzten That. 

Ist es denn nicht höchst auffallend, dass S. in keiner Weise, 
trotz seiner vielfachen abstrusen Wanderungen, Niemand haranguirt 
hat? Gelegenheit hierzu hätte er doch gewiss vielfach gehabt. 

Und wo ist denn erwiesen, dass er der G.... seinen Geschlechts- 
theil „gezeigt“ hat, d. h. die Absicht zu erkennen gegeben, dass sie 
ihn sehen solle. 

Sie hat das Glied gesehen und fasst dies selbstverständlich so 
auf, dass er damit die Absicht verbunden hat, dass sie es sehen 
solle, aber diese Absicht ist ja durch nichts an den Tag gelegt und 
wird durch das voraufgegangene einsame Uraherlaufen mit entblösstem 
Gliede unwahrscheinlich. 

Die beiden früheren Begegnungen mit der G.... bekunden nicht 
die Absicht, sie werden nur von ihr so gedeutet, und bei der letzten 
fehlt vor allen Dingen die That. Sie schliesst nur, dass er die Ab¬ 
sicht gehabt habe, weil er vor ihr stand, seinen Paletot aufknöpfen 
wollte, aber zur Ausführung seines Vorhabens noch nicht gelangt war, 
als sie „Wächter“ schrie. 

Und weiter, ist es denn nicht höchst auffallend, dass S., der 
dieses Mädchen, wie sie sagt, zum dritten Mal in genannter Weise 
attakirt, kein Wort spricht, oder Bewegungen oder Mienen macht, 
welche sie nicht missverstehen konnte? 

Das ist nicht das Benehmen eines gesunden Menschen, der ein 
Frauenzimmer zu unzüchtigen Zwecken erregen und verleiten will. 

Denn jene Angabe, dass er seinen Drang zur Befriedigung des 
Geschlechtstriebes dadurch habe beruhigen wollen, dass ein Frauen¬ 
zimmer denselben ansähe, ist ja, wie sehr glaublich, eine ihm sup- 
peditirte und von ihm acceptirto, weil er im Grunde keine psycholo¬ 
gische Erklärung für seine perverse Handlungsweise fand, und wäre 
in der That dieses Motiv für seine Handlungsweise vorhanden, nun, 
so würde m. E. dieses Motiv sicherlich viel eher für die pathologische 
Natur seines Benehmens, als dagegen sprechen. 

Es kommen ja, wie mir bekannt und ich vor dem Untersuchungs¬ 
richter zu beobachten Gelegenheit hatte, ähnliche unzüchtige Hand¬ 
lungen nicht zu selten vor, aber gerade wenn man den Mechanismus 
der That, das Benehmen der Thäter zur Zeit der That, wie nach der¬ 
selben mit dem vorliegenden Falle vergleicht, so wird man sehr bald 


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200 


Dr. C. Li man, 

erkennen, dass hier nicht Cynisraus, sondern ein krankhaftes Motiv 
den incriminirten Handlungen zu Grunde liegt. 

Will man dagegen geltend machen, dass S. ja seit einem Jahre 
nicht wieder seine Spaziergänge unternommen hat, so ist dagegen zu 
bemerken, dass der Wunsch dazu keineswegs unterdrückt zu sein 
scheint, und dass das Erlebte ihn ja selbstverständlich tief erschüttert 
hat. Die Möglichkeit, mit der in ihm durch die erlebten Vorgänge 
angeregten Energie seinen Trieb zu unterdrücken, beweist nichts gegen 
seine Existenz und gegen die Krankhaftigkeit desselben. Alle Disciplin 
in den Irrenhäusern beruht ja darauf, dass die Kranken oft noch im 
Stande sind, ihre krankhaften Impulse zu bemeistern. 

Eine klinische Erläuterung der psychopathischen Vorgänge bei S. 
vermag ich nicht zu geben, schliesse mich aber dahin meinem Collegen 
Westphal an, dass „S. zu einer Classe von Individuen mit eigen- 
thümlicher hypochondrischer Anlage gehört, deren Aufmerksamkeit 
von gewissen körperlichen Empfindungen und Vorgängen dauernd in 
abnormer Weise in Anspruch genommen wird, welche über solche 
grübeln, allerlei sonderbare Vorstellungen daran knüpfen und auf 
ebenso sonderbare Mittel zur Bekämpfung dieser körperlichen Empfin¬ 
dungen und Vorstellungen verfallen.“ 

Wird es aber als erwiesen acceptirt, dass das Empfinden und 
Vorstellen des S. in sexueller Beziehung ein krankhaftes ist und ge¬ 
wesen ist, und dieses ihn zu den abstrusen Proceduren getrieben hat, 
die damit endeten, dass er Frauenzimmern dadurch anstössig wurde, 
und eventuell auch — was ich, wie gesagt, für erwiesen nicht er¬ 
achte — activ gegen sie vorgegangen ist, so ist auch sein Wollen 
ein krankhaftes gewesen, und damit die Freiheit des Willens in so 
hohem Grade beeinträchtigt, dass dieselbe als ausgeschlossen zu 
erachten ist. 

Hiernach begutachte ich gemäss der Frage des Herrn Staats¬ 
anwalts : 

dass nach den ermittelten Umständen anzunehmen ist, dass 
S. sich überhaupt in einem Zustande krankhafter Störung der 
Geistesthätigkeit befunden hat, als er die unzüchtigen Hand¬ 
lungen beging. 


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Geschlechtliche Excesse. Epileptische Geistesstörung. 


201 


II. 

Geschlechtliche Excesse. Epileptische Geistesstörung. 

L. ist angeschuldigt, zu wiederholten Malen, 4—6 Mal in dem 
Hause Spandauerbrücke .. durch unzüchtige Handlungen öffentlich ein 
Aergerniss dadurch erregt zu haben, dass er auf der Treppe, am Flur- 
fcnster stehend, sein Glied aus den Beinkleidern hcrausgenommen und 
daran gespielt habe, so dass die im Seitenflügel des Hauses befind¬ 
lichen Mädchen dies sehen konnten, resp. ihnen das Glied gezeigt zu 
haben. Die Zeugin J. sagt ausserdem aus, dass er das steife Glied 
aus dem im Flurfenster befindlichen kleinen Luftfenster heraus¬ 
gesteckt habe. 

Der Angeschuldigte wurde nicht verhaftet, da er dem Polizeibeamten den 
Eindruck eines etwas blödsinnigen Menscheu machte. 

Der Untersuchungsrichter registrirt, dass das Benehmen und die Antworten 
des Angeschuldigten einen Zweifel daran aufkommen liessen, ob er zurech¬ 
nungsfähig sei. 

Er räumte bei seiner gerichtlichen Vernehmung ein, an zwei verschiedenen 
Tagen dieses Jahres an der Treppe des Hauses Spandauerstrasse . . sein Glied 
herausgeholt und dasselbe verschiedenen Dienstmädchen gezeigt zu haben, be¬ 
stritt jedoch, an dem Gliede gespielt zu haben. Einen Zweck, die Mädchen zu 
ärgern oder seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen, habe er nicht gehabt. 

Wegen wiederholten Desertirens vom Militär zu 5 Jahr Zuchthausstrafe 
verurtheilt. wurde er wegeu „Melancholie und Verfolgungsideen“ am 25. Novbr. 

1879 in die Irrenanstalt zu Waldheim versetzt und von dort am 26. Juni 1880 
abgeschrieben und in die hiesige Charite verlegt, woselbst er vom 26. Juni 

1880 bis 4. August ejusd. an „epileptischem Irrsein“ behandelt und „geheilt“ 
entlassen wurde. Ein näherer Bericht über das Verhalten des L. in der Charitd 
war nicht zu erhalten. 

Am 22. Sepibr. 1880 erbittet die Kgl. Staatsanwaltschaft von der Direction 
der Irrenanstalt Waldheim ein ärztliches Attest „in der Entmündigungssache c/a L.“ 
Ein solches befindet sich ebensowenig, als eine Notiz, ob ein Entmündigungs¬ 
verfahren eingeleitet und welches Resultat dasselbe eventuell gehabt hat, bei den 
mir vorliegenden Acten. 

L. ist ein 30 Jahre alter Mensch, etwas schwächlich aussehend, jedoch ohne 
bemerkbare Organkrankheiten. Sein Benehmen ist angemessen, aber sichtlich 
timide, er weint leicht. Seine Antworten erfolgen prompt. Er macht in seinen 
Angaben durchweg den Eindruck der Wahrheit, und nicht den, als ob er sich 
bemühte, etwas zu verschweigen. Es ist dies ausdrücklich hervorzuheben. 

Die mit ihm geführte Unterredung war folgende: 

Wie heissen Sie? — Gustav Adolf L. 

Wie alt? — 30 Jahr. 

Wann sind Sie geboren? — Am 15. Februar 1852. 

Welches Jahr schreiben wir? — 1882. 


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202 t)r. C. Li man. 

Wie viel ist 52 von 82 abgezogen? — 30. 

Was sind Sie? — Schneider. 

Was verdienen Sie die Woche? 

Verschieden. Jetzt geht das Geschäft schlecht. Sonst habe ich wol 
10 Thaler verdient, die Woche. 

Was macht dies das Jahr? 

500 und noch 2 Wochen zu 520. 

Sind Sie verheirathet? — Nein. 

Haben Sie Liebsten? — Nein. 

Sie sind in Berlin geboren? — Ja wol. 

Was war Ihr Vater? — Schneider. 

Leben Ihre Eltern? — Die Mutter lebt noch. 

Wann und woran starb Ihr Vater? — 1869 an Lungenentzündung. 

War er ein Säufer? — Er hat wol etwas getrunken. 

(NB. Der Bericht des Dr. K. giebt an, er habe dort ausgesagt, dass 
der Vater dem Trünke sehr ergeben gewesen sei.) 

Trinken Sie? — Nein, höchstens mal ein Glas Bier oder einen Schnaps. 
Sind Sie gesund? — Ja. 

Haben Sie Krämpfe? 

Ich habe noch nie so etwas gehabt, aber meine Brüder haben Krämpfe. 
Was für welche? 

Sie fallen um und wissen von nichts. Mein einer Bruder soll blödsinnig 
sein, soll in der Charite sein. 

(NB. Eine von mir gehaltene Nachfrage in der Charite bestätigt, 
dass sich ein Schlosser Carl L. seit Mai c. an Geisteskrankheit 
leidend in der Charitd befindet.) 

Wie viel Brüder haben Sie? — Drei. 

Und Alle sind sie krank? — Ja, Alle haben schon Krämpfe gehabt. 

Sie allein sind verschont? 

Ja. Ich habe noch keine gehabt. Ich bin zwar auch schon mal in der 
Irrenanstalt gewesen, aber Krämpfe habe ich noch nicht gehabt. 

Wo waren Sie in der Irrenanstalt? — In Waldheim in Sachsen. 

Wie kamen Sie dorthin? 

Ich war wegen Desertion zu 5 Jahr 2 Monat Zuchthaus verurtheilt und 
da habe ich nicht so gefolgt, wie ich sollte. 

Darum kommt man doch nicht in’s Irrenhaus? 

Ja, ich bin häufig bestraft worden, und dann bin ich auch grob gewesen. 
Waren Sie denn geisteskrank? 

Ich kann es nicht sagen, ich habe es nie gedacht. 

Wie lange waren Sie im Irrenhaus? 

Ein Jahr. Von dort aus bin ich hier nach der Charite geliefert worden 
und war hier vielleicht 6 Wochen. 

Wurden Sie als geheilt entlassen? — Ja. 

Da steht aber im Journal, Sie hätten Krämpfe gehabt? 

Das kann ich nicht sagen, ich weiss wol, dass ich öfter Schwindel ge¬ 
habt, so dass ich — so dumm im Kopf wurde. 

War der Schwindel ganz kurz? — Ja. 


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Geschlechtliche Excesse. Epileptische Geistesstörung. 


203 


Vergingen Ihnen dabei die Gedanken? 

Ja so — nnd dann habe ich so manchmal Zuckungen durch den ganzen 
Körper, so — ich bin noch nie umgefallen, ich kann gar nicht so — 
Schnalzen Sie vorher mit der Zunge? 

Es ist mir dann immer so komisch im Munde. 

Die Anfälle, wir wollen es mal so nennen, sind immer ganz kurz? — Ja. 
Sie wissen nachher, was sie vorher gesagt und gethan haben? — Ja. 

Seit wie lange haben Sie das? — Das ist ungefähr drei Jahre. 

Also auch schon in Waldheim? — Ja. 

Wann sind Sie aus der Charitö entlassen? — August vor 2 Jahren. 

Haben Sie das seitdem auch wieder gehabt? 

Das habe ich häufig mal, dass ich so’n bischen — 

Sind Sie hinterher gleich bei vollem Verstände? 

Manchmal nicht, da bin ich so unruhig, dass ich — so warm — so 
unbehaglich — 

Aber ist Ihnen nie gesagt worden, dass Sie etwas gethan hätten, wovon 
Sie nichts gewusst haben? 

In der Anstalt haben sie mir öfter gesagt, ich soll doch nicht solche 
Dummheiten machen, aber jetzt habe ich mich doch anständig ernährt. 
Weshalb sind Sie denn jetzt in Untersuchung? 

Ich soll auf der Treppe meinen Geschlechtstheil herausgelangt haben. 
Na und weiter? — Weiter nichts. 

Wo denn? — An der Spandauerbriicke, so — 

Wissen Sie das Haus nicht? — Die Nummer weiss ich nicht. 

Haben es denn Andere gesehen? — Ja. 

Wer denn? — Damen, die in anderen Fenstern das beobachtet haben. 
Haben Sie die Absicht gehabt, denen das zu zeigen? — Nein. 

Haben Sie es öfter gethan? — Zwei Mal. 

Und das wissen Sie? — Ja, es ist doch so in der Anklage. 

Ja, ja, aber ob Sio es auch wissen? — Ja, ich weiss es auch. 

Wozu haben Sie es denn gethan? — Das kann ich nicht sagen. 

Haben Sie denn nicht gesehen, dass die Mädchen da waren? — Nein. 

Sie müssen doch einen Grund gehabt haben zu Ihrer Handlung? 

Das kann ich nicht sagen. Ich bin den ganzen Tag fortgelaufen, ohne 
Essen, ich bin so umhergelaufen, ich weiss selbst nicht wie ich dazu 
gekommen bin, ich hatte keine böse Absicht, Jemand etwas zu Leide 
zu thun, ich weiss nicht. 

Haben Sie an dem Tage solchen Anfall, wie sie vorher beschrieben, gehabt? 
Nein. Ich hatte wol die Nacht schlecht geschlafen, ich kann nicht so 
sagen, dass ich hätte Zuckungen gehabt. 

Sollte es nicht möglich sein, dass sie durch solchen Anfall beduselt ge¬ 
wesen sind? — Nein. 

Warum sind Sie denn zwecklos umbergelaufen? 

Das weiss ich nicht. Ich hatte sogar meine Arbeit zu Haus. 

Dann sind Sie doch so umhergedämmert, ohne zu wissen, was sie wollten ? 
Ja, ich hatte keine Absicht weiter. 


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204 


Dr. C. Li man, 


Ist Ihre Erinnerung an diese Vorfälle eine scharfe oder nur eine so ungefähre? 

Nein, ich weiss es genau. 

Würden Sie das Haus wiederfinden? — Ja. 

Schildern Sie mir, wie Sie die ganze Geschichte gemacht haben. 
(Schweigt.) 

Mit welcher Absicht gingen Sie in das Haus? 

Erstens war ich wol etwas müde vom Umherlaufen und dann habe ich 
das gethan. 

Sind Sie in dieser Absicht in das Haus gegangen? — Nein. 

Was führte Sie in das Haus? — Nichts. 

Wie Sie im Hause waren, was thaten Sie da? 

Bann bin ich erst auf die Treppe gegangen, habe mich dahin gesetzt, 
dann bin ich aufgestanden und habe das gethan. 

Stand Ihnen Ihr Glied dabei? — Ja. 

Schon vorher, ehe Sie es herausholten? — Ja. 

Haben Sie sich an dem Gliede gerieben? — Nein. 

Wozu holten Sie denn das Ding heraus? (Schweigt.) 

Um es sich selbst anzusehen? — Ja. 

Also Sie waren nur mit sich beschäftigt? — Ja. 

Haben Sie nicht bemerkt, dass da andere Leute waren? — Nein. 

Haben Sie so etwas schon öfter gemacht, ohne dass es bemerkt worden ist? 
Nein. 

Auch nicht zu Haus? 

Nein. Ich hatte früher eine Braut, wo ich so etwas befriedigen konnte, 
wenn es nicht — 

Wo befriedigen Sie sich donn jetzt? 

Jetzt kann ich doch auch zu einem Frauenzimmer gehen. 

Wollten Sie denn das den Tag auch? 

Nein, ich bin so in meiner Dummheit hingelaufen. 

Sagten Sie sich denn nicht, dass das Unrecht ist und dass Sie gesehen 
werden könnten? — Nein. 

Die Mädchen sagen doch aus, Sie hätten ihnen Ihr Glied gezeigt? 

Sie fingen an zu lachen und da dachte ich, sie sähen es gern. 

Und da haben Sie ihnen den Genuss verschaffen wollen? — Ja. 

Und sich selbst darüber amüsirl? — Ja, weil sie gelacht haben. 

Das ist doch also keine krankhafte Handlung? — Nein. 

Also Uebermuth? 

Das kann ich auch nicht sagen. Ich hatte ja den ganzen Tag nichts 
gegessen, nicht mal Kaffee getrunken, obwohl ich Geld hatte, ich habe 
mir noch auf der Wache einen Thaler gewechselt, um mir etwas zu 
essen holen zu lassen, da bekam ich den Appetit. 

Wie kam es denn zur Anzeige? — Die Mädchen haben es wol gethan. 
Haben die Mädchen das nur ein Mal bemerkt oder beide Mal? — Beide Mal. 
Das zweite Mal sind Sie wol hingegangen, weil Sie geglaubt haben, Sie 
machen den Mädels ein Vergnügen? — Ja. 

Haben Sie denn das erste Mal auch den Tag verdämmert? 

Nein, da habe ich in der Gegend gekauft, und da habe ich es gethan. 


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Geschlechtliche Excesse. Epileptische Geistesstörung. 


205 


Warum thaten Sie es das erste Mal, wie kamen Sie darauf? 

Das kann ich nicht sagen. 

Waren Sie denn da auch müde? — Nein. 

Hatten Sie gegessen? — Ja. 

Hatten Sie sich geärgert? — Nein. 

Dann war es das erste Mal doch Uebermuth? — Nein. 

Na Kinderei? — Es muss wol so was sein. 

Soll denn aber ein 30jähriger Mensch kindisch sein? — Nein. 

Sind Sie denn sonst kindisch? — Nein, ich bin sonst immer sehr ruhig. 
Hatten Sie nicht, als Ihnen das Gelüste kam, den Gedanken, das schickt 
sich nicht? — Nein. 

Es kam und wurde ausgeführt? — Ja. 

Meinen Sie nicht, dass Sie das Gelüste hätten bezwingen können? 

Ja, wenn ich vorher daran gedacht hätte, dass ich könnte Anklage be¬ 
kommen, hätte ich es nicht gethan. 

Also dieser Gedanke ist Ihnen gar nicht gekommen? — Nein. 

Waren Ihre früheren Vergehen auch der Art? 

Wie ich 8 Tage bei’m Militär war, bin ich rüber gemacht nach Berlin 
und bin nach 3 Tagen zurückgekehrt, da bekam ich 4 Monat Festung. 
Sind Sie da ohne Ueberlegung fortgelaufen? 

Ich hatte von einem Unterofficier einen Katzenkopf bekommen, und da 
bin ich fortgelaufen. 

Warum sind Sie wieder zurückgegangen? 

Was sollte ich denn hier in Berlin. 

Sind Sie das zweite Mal auch weggelaufen? 

Ja, da bin ich nach der Schweiz gemacht. 

Warum liefen Sie das zweite Mal fort? 

Da hatte ich eigentlich keinen Grund. Es gefiel mir nicht, und da bin 
ich fortgelaufen. 

Dachten Sie nicht, dass Sie gekriegt würden? 

Nein. Ich bin selbst retour gemacht und hatte mir es überlegt, dass 
es doch besser wäre, im Vaterland zu sein. Ich habe mich freiwillig 
gemeldet und habe 1 Jahr und 3 Monat Festung bekommen. In der 
Festüngsstrafe habe ich dem Unterofficier eine Ohrfeige gegeben und 
habe 1 Jahr 8 Monat und 8 Tage Strafe zubekommen. 

Warum gaben Sie die Ohrfeige? — Ich war betrunken. 

Und dann? 

Dann bin ich von der Festung aus desertirt und bin wieder nach der 
Schweiz und Frankreich gemacht; ich bin fortwährend krank gewesen, 
und habe mich wieder gestellt, da habe ich Zuchthausstrafe bekommen, 
5 Jahr und 2 Monat. 

Da wurden Sie dann geisteskrank? 

Ja. Drei Jahre werde ich wol verbüsst haben. 

Sind Sie dann begnadigt? 

Ich weiss gar nichts davon. 

Das ist doch eine wunderbare Geschichte. 


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206 


Dr. C. Li in an, 


Darf ich Hm. Geh.-Rath bitten, dass ich nicht wieder in eine Anstalt 
komme? 

Na, wenn Sie nicht nach einer Anstalt kommen, werden Sie wieder be¬ 
straft werden. 

Ja, vielleicht kann man es mit Geldstrafe abmachen? 

Das glaube ich nicht. 

Ich habe doch Niemand etwas gethan dabei. 

Haben Sie denn so viel Geld? 

Ich würde es abarbeiten. Ich wollte nicht gern wieder in solche Häuser 
kommen. 

Das ist ganz gut, aber warum haben Sie sich denn das nicht vorher gesagt? 
(Zuckt die Achseln.) 

In der Wohnung des L. fand ich seine Braut, anscheinend ein ordent¬ 
liches Mädchen. 

Dieselbe giebt an, dass sie mit L. schon vor seiner Militärzeit bekannt sei 
und mit ihm lebe. Sie wollten sich heirathen, aber da er nicht wisse, ob er sei¬ 
ner Militärstrafe ledig sei, habe er die nothwendigen Schritte nicht tliun können. 

Dass er im Irrenhaus gewesen sei, wisse sie. Es sei richtig, dass seine 
Brüder an Krämpfen litten und einer sei in der Charite. 

Von der jetzigen Untersuchung wusste sie nichts und konnte mir keine 
Auskunft geben. Als ich ihr den Gegenstand derselben mittheilte, war sie voll¬ 
ständig verblüfft und konnte es gar nicht begreifen. 

Sie schildert den Exploranden als einen fleissigen, ordentlichen Menschen, 
der alles Geld nach Hause brächte, sehr gutmüthig sei und über den sie in keiner 
Beziehung zu klagen habe. 

Gefragt, ob sie irgend etwas Abnormes in geistiger Beziehung an ihm be¬ 
merkt habe, verneint sie dies. 

Als ich nunmehr sie darauf aufmerksam machte, dass Explorand angäbe, 
dass er mitunter eine Art Schwindel habe, bestätigt sie dies, indem sie sagt, er 
greife sich öfter an den Kopf und sage, er wisse nicht, wie ihm sei. 

Weiter gefragt, ob er denn öfter fortliefe, giebt sie an, dass es allerdings 
alle 4—6 Wochen vorgekommen sei, dass er, während er sonst sehr fleissig und 
arbeitsam sei, des Morgens fortginge und Abends wiederkomme, ohne zu wissen, 
wo er gewesen sei, aber etwas Absonderliches habe sie auch alsdann an ihm 
nicht bemerkt; das sei ihr allerdings aufgefallen. — 

Bei Gelegenheit einer weiteren Exploration notirte ich Folgendes: 

Sie sagten mir, Sie hätten zwei Mal die unzüchtige Handlung be¬ 
gangen? — Ja. 

Zwei Mal in demselben Hause? — Ja. 

Vor der Polizei sagten Sie in zwei verschiedenen Häusern. 

Ich kann mich ja auch irren, das kann ich ja so genau nicht wissen. 

Zu welchem Zweck sind Sie denn in die Häuser gegangen? 

Ich habe gar keinen Zweck da gehabt. 

Ist Ihnen denn der Gedanke, das zu thun, erst in dem Hause einge¬ 
fallen? — Ja. 


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Geschlechtliche Excesse. Epileptischo Geistesstörung. 

Als Sie öfter in ein und dasselbe Haus gingen, hatten Sie auch nicht die 
Absicht? — Nein. 

Die Mädchen sagen, Sie wären 4—6 Mal, so alle 14 Tage da gewesen. 

Das ist wol nicht andern, ich kann es mir gar nicht denken, so oft bin 
ich ja gar nicht von Haus fortgewesen. 

Die Mädchen sagen auch, Sie hätten sich am Gliede gespielt. 

Das habe ich nicht. 

Das eine Mädchen sagt, Sie hätten das Glied durch das Luftloch des Flur¬ 
fensters gesteckt. 

Davon weiss ich gar nichts. Ein Luftloch habe ich gar nicht gesehen, 
Darüber kann ich keine Auskunft geben. 

Thun Sie denn so etwas bei gesunden Sinnen? — Nein, nie. 

Waren Sie denn an dem Tage nicht bei gesunden Sinnen? 

Ich denke immer, dass ich ganz gesund bin, aber auf die Art, da kann 
ich nicht begreifen, wie das zugeht. 

In der Irrenanstalt haben Sie angegeben, Ihr Vater sei ein Säufer ge¬ 
wesen. — Ja. 

Mir sagten Sie neulich das Gegentheil. 

Ja, er ist immer betrunken gewesen, hat aber doch sein Geschäft ver¬ 
richtet; er hat kein Delirium gehabt. 

Wie viel Brüder sind Sie? — Vier. 

Und die andern Drei haben die Krämpfe? 

Ja. Von meinem ältesten Bruder kann ich das nicht behaupten; ich 
habe es nur von Muttern gehört. 

Wo lebt der? 

Der ist ja in der Charitö, ich weiss nur nicht, ob er die Krämpfe hat. 
Was ist der? — Schlosser. 

Von den andern Brüdern wissen Sie es bestimmt? — Ja. 

Sind die jünger als Sie? 

Der Buchbinder ist mein Zwillingsbruder, der andere ist jünger. 

Sie haben mir gesagt, Sie hätten keine Braut, und da ist doch eine zu 
Haus bei Ihnen. 

Das wollte ich verleugnen. Ich dachto, dass es sonst würde nachgefragt 
werden, und ich wollte nicht, dass es an die Oeffentlichkeit kommt. 
Leben Sie glücklich mit der? — Ja. 

Wollen Sie sie heirathen? — Ja. 

Haben Sie ihr von dieser Sache etwas gesagt? 

Nein. Sie ist schon mal fort gewesen, weil ich im Irrenhaus war; die 
Anverwandten wollten nicht, da habe ich ihr es verschwiegen. 

Haben Sie seit gestern mit ihr darüber gesprochen? — Nein. 

Sie hat nie Krämpfe an Ihnen bemerkt, sagt sie, wol aber, dass Sie öfter 
über Kopfschwindel klagen. — Ja. 

Sie hat mir auch gesagt, dass Sie so alle 4—6 Wochen fortlaufen und erst 
Abends wiederkommen, während Sie sonst sehr fleissig wären, und dass, wenn 
Sie nach Haus kämen, Sie dann sagten, Sie wären auf der Strasse herumgelaufen. 

Das thue ich auch öfter und habe mich schon darüber geärgert, furcht¬ 
bar, dass ich ohne jeden Grund fortlaufe. 


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208 


Dr. C. Li man, 


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Dann dämmern Sie auf der Strasse umher, ohne Zweck und Ziel, und 
kommen Abends nach Haus? 

Ja. Ich bin sogar schon mal die ganze Nacht fort gewesen, wo ich bin 
umhergelaufen und hatte gar keinen Grund dazu. 

Nur ein Mal? — Ja. 

Wissen Sie, wenn Sie nach Haus kommen, wo Sie gewesen sind? — Nein. 
Aber hier wussten Sie, dass Sie an der Spandauer-Brücke waren? 

Ja. Das ist mir ja auf dem Bureau gesagt worden. 

Sie wüssten es sonst nicht? 

Nein, ich wusste nicht einmal die Strasse. 

Aber Sie wussten doch, dass Sie die unzüchtige Handlung gethan hatten? 

Ja. Das habe ich auf dem Büreau gleich gesagt. 

Wussten Sie, als man Sie nach dem Büreau abführte, weshalb das geschah? 
Ja, aber dass ich das Alles gethan hätte, dass ich das Glied durch das 
Fenster gesteckt hätte, das weiss ich nicht. 

Ein anderes Mal notirte ich: 

Nun müssen Sie aber nicht wieder fortlaufen. 

Ich habe schon manchmal darum geweint (weint). Ich habe es ihr ver¬ 
schworen, dass ich es nicht wieder thue. wir haben uns darum gezankt, 
und doch kommt es wieder. Manchmal bin ich so ohne Geld fortge¬ 
laufen, und gar kein Grund. 

Am Ende sind Sie auch vom Militär so fortgelaufen? 

Das mag ja sein. Ich hatte sogar Lust zum Militär, ich weiss allein nicht. 
Das sagt Ihre Braut auch, dass Sie Vorliebe für das Militär haben. 

Ja. Sie sagt, ich hätte schon früher so was Ungeduldiges gehabt. 

Was heisst früher. Ehe Sie zum Militär kamen? 

Ja. Wir kennen uns schon sehr lange. 

Ist Ihre Braut aus anständiger Familie? 

Ja. Ihr Vater hatte ein Geschäft, die Geschwister, die Mädchen, sind 
alle verheirathet und der 16jährige Bruder arbeitet bei seinem Schwager 
in der Schleiferei. 

Gehen Sie mit alle denen um? 

Ja. Ich bin sogar heut mit meiner Braut meine Schwägerin besuchen 
gegangen. 

Gutachten. 

Obwohl der Fall für die Beurtheilung schwierig ist, und bei ober¬ 
flächlicher Erhebung der Thatsachen leicht hätte gemissdeutet werden 
können, so ist er doch meines Erachtens durch die vorstehenden 
Explorationen klar gestellt. 

Zunächst wird man aus denselben wol die Anschauung gewinnen, 
dass L. nach besten Kräften die Wahrheit sagt. Er exculpirt sich 
nicht, er beschönigt nicht seine Handlung, er giebt sie vollkommen 
und zwar als eine strafbare zu. 


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Geschlechtliche Excesse. Epileptische Geistesstörung. 209 

Es kann in dieser Beziehung nicht unbeachtet bleiben, dass trotz 
meiner Bemühungen, ihm ein krankhaftes Verhalten zu suppeditiren, 
er gar nicht darauf eingeht, sondern namentlich Anfangs fest dabei 
stehen bleibt, dass er eine vollkommen scharfe Erinnerung an seine 
That habe, und scheinbar ein von seinem Standpunkte aus auch voll¬ 
kommen begreifliches Motiv, Kinderei nämlich, zugiebt, nachdem ihm, 
wol gemerkt, dieses Motiv von mir namhaft gemacht ist. 

Und doch ist L. pathologisch, und die incriminirten Handlungen 
sind in krankhafter Störung der Geistesthätigkeit in Ausschluss der 
freien Willensbestimmung begangen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass 
er ein Hereditarier ist. 

Es ist eine durch meine Nachfrage in der Charite festgestellte 
Thatsache, dass der Bruder daselbst sich geisteskrank befindet, und 
es kann füglich auch nicht bezweifelt werden, dass seine beiden an¬ 
deren Brüder epileptisch sind, um so weniger, als er selbst diese 
Thatsache im Gegensatz zu sich selbst, der er gesund sei, anführt. 

. Nun ist er aber trotz seiner Behauptung nicht gesund, sondern 
er leidet evident an unvollkommenen epileptischen Anfällen und ist in 
Waldheim geisteskrank gewesen, in der Charite hier als „epileptisch 
irrsinnig“ erkannt worden. Wenn er aus letzterer Anstalt als „geheilt“ 
entlassen worden ist, so kann sich dies selbstverständlich nur auf 
den damaligen Zustand beziehen. Uebrigens ist auch L. zur Zeit 
nicht „irre“. 

Aber das wird nicht verkannt werden, dass seine Anfälle, die 
er ja selbst treffend schildert, mit psychischer Anomalie verbunden 
sind. Diese ist nicht, wie so häufig, eine dauernde Schwächung der 
Intelligenz, denn diese war in irgend erheblichem Masse in den langen 
und erschöpfenden Explorationen nicht eben zu bemerken, sondern 
äussert sich vorübergehend in jenem Wandertrieb, der schliesslich zu 
seiner eigenen Verwunderung, zu seinem Aerger ihn befällt,, und in 
welchem er ziel- und zwecklos in den Strassen umherdämraert, ohne 
zu wissen, wo er war, und welcher möglicherweise, das war nicht 
genau zu eruiren, die Anfälle substituirt. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser krankhafte Zustand 
bereits seine Desertionen und die daraus resultirenden Strafen bedingte, 
welch’ letztere zu ausgesprochener. Geisteskrankheit führten. . 

In solchem Zustande hat er die incriminirten Handlungen allem 
Anscheine nach begangen, denn sein ganzes übriges Thun und Treiben 

Vlertcljahraschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. ]4 


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2lÖ t)r. C. Limätl, 

zeigt, dass hier nicht Uebermuth und Cynismus die Triebfedern seines 
Handelns gewesen sind. 

Es scheint dieser Auffassung zu widersprechen, dass keine Ge¬ 
dächtnislücke oder wenigstens nur trauraartige Erinnerung an seine 
That vorhanden ist, sondern dass er behauptet, sich derselben scharf, 
voll und ganz zu erinnern. Aber, sieht man genauer nach, so weiss 
er überhaupt nur angeblich von zweien Malen, während doch die 
Mädchen ihn 4—6 Mal beobachtet haben wollen. Er weiss nicht, dass 
er sein erigirtes Glied durch das Flurfenster gesteckt hat, und es 
muss überhaupt fraglich bleiben, ob er das, was er zu wissen be¬ 
hauptet, nicht erst nachher erfahren und als Selbsterlebtes repro- 
ducirt, was mir bei der Schüchternheit seines Auftretens nicht unmög¬ 
lich erscheint. Jedenfalls weiss er auch von den von ihm angeblich 
gewussten Handlungen nur einen Theil und erklärt sich und Anderen 
hinterher die Sache so gut er kann, dass er den Mädchen habe einen 
Spass machen wollen. 

Hierzu kommt nun, dass sein Verhalten an dem Tage seiner 
Verhaftung, also der incriminirten That, höchst wahrscheinlich ein 
anderes gewesen ist, als zur Zeit der Explorationen, denn die Polizei, 
welche in dieser Beziehung selbstverständlich etwas harthörig ist und 
mitunter Paralytiker und Epileptiker als Trunkenbolde und andere 
Geisteskranke als Simulanten betrachtet, nimmt keinen Anstand, den 
Exploranden nicht zu verhaften, weil er „den Eindruck eines etwas 
blödsinnigen Menschen machte“, also doch wol eine Benommenheit 
zur Schau trug, welche einerseits nicht gemacht erschien, andererseits 
der Art war, dass sie auch dem Criminalbeamten auffiel. 

Hiernach begutachte ich: 

dass L. an unvollkommener Epilepsie leidet, und dass er die 
incriroinirte Handlung in krankhafter Störung der Geistesthätig- 
keit (Bewusstlosigkeit) begangen hat, welche seine freie Willens¬ 
bestimmung ausschloss. 


IH. 

Geschlechtliche Excesse. Schwachsinn (chron. Wasserkopf). 

Sc. ist angeschuldigt, mit zwei Knaben unsittliche Handlungen 
begangen zu haben, dadurch dass er mit ihnen in einer Zelle badete, 
sie abseifte und abrieb, sich selbst von ihnen abreiben liess, u. A. auch 
zwischen den Beinen und an den Gcschlcchtsthcilcn. 


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Geschlechtliche Excesse. Schwachsinn. 


211 


Der Knabe Ludwig, 11 Jahr alt, erklärt am 4. Januar 1882, dass vor 
etwa 2 Jahren ihn Sc. unter der Angabe, dass er sich nicht selbst abreiben 
könne, gegen 50 Pf. veranlasst habe, mit in eine Badeanstalt zu kommen. Hier 
habe er sich mit ihm in eine Wanne gelegt, und ihn aufgefordert, ihm den 
Körper mit einer Matte abzureiben, was er an Rücken, Brust und Hals auch 
gethan, und auf besondere Aufforderung auch zwischen den Beinen, sowohl mit 
der Matte, als auch mit der blossen Hand. Nachdem er mit Abreiben fertig war, 
habe Sc. ihn abgerieben, aber nicht zwischen den Beinen. Er weiss sich nicht 
zu entsinnen, ob das Glied des Sc. hart war. Herausgekommen sei nichts. 

Der zweite Knabe, 14 Jahr alt, giebt an, dass am 28. Decbr. p. ihn 
Sc. aufgefordert habe, ihn abzuseifen, ebenfalls unter dem Vorgeben, eine 
schlimme Hand zu haben. Er habe sich in die Badewanne gelegt und Sc., 
draussen stehend, ihn abgeseift, Rücken und Hals, und als er ihn aufgefordert 
sich umzudrehen, habe er bemerkt, dass sein Glied steif war. Er sei dann aus 
dem Bade gestiegen und habe den Angeschuldigten abgerieben, dieser habe zwar 
verlangt, dass er ihn zwischen den Beinen reibe, er habe es aber nicht gethan 
und der Angeschuldigte habe sich dann selbst abgeseift. 

Der Angeschuldigte erklärte, dass er die Knaben überhaupt nicht aufge¬ 
fordert habe, an seinen Geschlechtstheilen zu spielen, dass es möglich sei, dass 
er sich von dem Knaben Ludwig die Geschlechtstheile habe abwaschen lassen, 
aber nicht, um sich einen wollüstigen Reiz zu verschaffen, sondern nur, um sich 
reinigen zu lassen. Im Gebrauche seiner linken Hand sei er nicht behindert, sie 
schmerze ihn nur zuweilen. 

Dr. L., über den Gemüthszustand des Angeschuldigten befragt, erklärt, 
dass „derselbe fähig ist, eine bestimmte Beschäftigung zu treiben, auch intelli¬ 
gent genug ist, um im Grossen und Ganzen Recht von Unrecht zu unterscheiden 
und eine gewisse Willenskraft ausüben könne.“ 

Dass dieses Gutachten dem Richter nicht genügen konnte, ist sehr erklärlich. 

Auf Antrag der Vertheidigung wurde Dr. M. zu einem Gutachten aufge¬ 
fordert, welches derselbe unter dem 1. März 1882 motivirt erstattete, und dahin 
urtheilte, „dass Sc. an einer chronischen Krankheit des Gehirnes leidet, die an¬ 
geboren oder in den ersten Lebensjahren entstanden, ausser einer Reihe von 
krankhaften körperlichen Symptomen, eine krankhafte Störung der Geistesthätig- 
keit hervorgebracht hat, die im medicinischen Sinne als ein niederer Grad von 
Idiotismus mit Imbecillität bezeichnet wird.“ 

Diesem Urtheile kann ich mich nach meiner Untersuchung nur lediglich 
anschliessen. 

Was die Erhebung der Antecedentien, sowie die Beschreibung des körper¬ 
lichen Zustandes des Exploranden betrifft, so bin ich bei der ausführlichen Dar¬ 
legung derselben in dem beregten Gutachten überhoben, sie zu wiederholen. 

Die mit ihm geführte Unterredung ergab Folgendes: 


Wie heissen Sie? — Georg S.... 

Wie alt? — 28 Jahr. 

Wann geboren? — 15. August 1854. 
Welches Jahr schreiben wir? — 82. 
Wo sind Sie geboren? — Berlin, 


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Ö1Ö 


t)r. 0. liiman, 


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Wo gingen Sie in die Schule? — In die Louisenstädt. Gewerbesohule. 

Wie weit kamen Sie? — Bis Oberquarta. 

Das ist aber sehr wenig weit. — Meine Mutter wollte nicht langer. 
Warum nicht? — Ich konnte so schwer begreifen. 

Was machten Sie dann? — Ich kam in ein Geschäft bei Martinicken- 
felde bei Dr. C... 

Was für ein Geschäft? — Knochenmehlfabrik. 

Und dann? — Besuchte ich die kaufmännische Unterrichtsanstalt von 
Siegmund Salomon. 

Wie lange? — Vielleicht ein Jahr. 

Und dann? — Kam ich in ein Droguengeschäft. 

Wie lange? — IV 4 Jahr. 

Warum verliessen Sie das? 

Auf Wunsch meiner Mutter, ich sollte nach Amerika. 

Wie kommt Ihre Mutter dazu? — Weil mein Vater drüben war. 

Was that der da? — Er war Wollmakler. 

Was wollten Sie da? — Es sollte Jemand um ihn sein. 

Warum sind Sie nicht noch da? 

Die Mutter hat mich zurückgerufen, weil es da traurig ging. 

Blieb Ihr Vater drüben? — Ja. 

Ist er nqch dort? — Er ist gestorben. 

Wo waren Sie in Amerika? 

Meistentheils in New-York, kurze Zeit im Staate Vermont. 

Wie lange im Ganzen? 

1871—1873. Dann versuchte ich es in einem Speditionsgeschäft, 
nachher in einem Getreidegeschäft; die konnten mich nicht behalten, 
meiner Meinung nach, weil ich zu alt war. 

Sie waren dort überall als Lehrling? — Ja. 

Wie alt waren Sie damals? 

19 Jahr. In Amerika habe ich Cigarren gemacht. 

Und dann? — Gab mich meine Mutter auf das Land, bis jetzt. 

Was machen Sie da? — Landwirtschaftliche Beschäftigung. 

Als was sind Sie da? — Als Volontär. 

Was machen Sie? -— Ich besorge Gänge, helfe bei dem Heu, alles Mögliche. 
Thun Sie das gern? — Nein, eigentlich mit Abneigung. 

Was möchten Sie denn thun? 

Lieblingsbeschäftigung wäre mir Buchbinder. 

Warum sind Sie es nicht geworden? 

Ich habe in den letzten Jahren mich damit beschäftigt, wenn ich freie 
Zeit hatte. 

Was haben Sie gemacht? 

Wie die Sedanfeier kam, habe ich Stocklaternen für die Kinder ge¬ 
macht, Schilder geschrieben und auf Pappe geklebt. 

Wie lange sind Sie jetzt in Berlin? 

Seit die Geschichte gestört ist, seit 24. December. 

Womit haben Sie sich hier beschäftigt? 

Mit gar nichts. Ich habe mir verschiedene Sachen angesehen, spazieren 

gegangen. 

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Geschlechtliche Excesse. Schwachsinn. 


213 


Haben Sie Beobachtungen gemacht ? — Nein. 

Was haben Sie sich angesehen? 

Ich bin durch verschiedene Strassen gegangen, jeden Tag eine 
andere Tour. 

Also zwecklos? 

Ja, für mich hatte ich nicht Zwecke, ich wollte mir nur dies und 
das ansehen. 

Was denn? — Neue Pferdebahnlinien, Stadtbahnhöfe. 

Warum haben Sie die Closets auf den Bahnhöfen gezählt? 

Aus langer Weile. 

Wissen Sie nun noch, wie viel Closets einer der Bahnhöfe enthält? 

Ich kann mich nicht mehr erinnern. 

Was ist das für eine Geschichte, die Sie erwähnten? 

Ja, man wirft mir unsittliche Handlungen zur Last. 

Inwiefern? — Ich soll einen Jungen verführt haben. 

Wie so? — Ich soll mit ihm nach der Badeanstalt gegangen sein und mit 
ihm unsittliche Handlungen getrieben haben. 

Waren Sie in einer Badeanstalt? — Ja. 

Mit dem Jungen? — Ja. 

Zu welchem Zweck? — Ich litt an Brustschmerzen zu der Zeit. 

Zu welchem Zweck nahmen Sie den Jungen mit? 

Ich hatte solche Schmerzen und konnte mich nioht ordentlich bewegen. 
Er sollte mich abreiben. 

Haben Sie ihm das vorher gesagt? — Ja. 

Was hat er dafür gefordert? 

Ich habe ihm 50 Pf. versprochen. Ich hatte aber den Augenblick keine 
Ahnung, dass es strafbar wäre. Nachher kommt erst die Ueberlegung. 
Haben Sie nichts weiter gemacht, als sich abreiben lassen? 

Ich habe ihn auch abgeseift. 

Wie sind Sie dazu gekommen? 

Ich dachte, wenn er mir die Gefälligkeit thut, kann er auch gleich 
baden, es kostet ja nichts. 

Worin bestehen nun die unsittlichen Handlungen? 

Es wird mir vorgoworfen, dass er mir am Gliede gespielt hat. 

Ist denn das geschehen? 

Es kann möglich sein, dass er mir zum Zweck der Reinigung hinge¬ 
fasst hat, gespielt hat er nicht daran. 

Haben Sie ihm gesagt, er solle Sie dort reinigen? 

Nein. Es kann aber möglich sein. Das ist eben, weshalb ich mir so 
viel Unannehmlichkeiten gemacht habe. Ich handle immer, wenn mir 
was einfällt, die Ueberlegung kommt später, und dann thut es mir leid. 
Dann wussten Sie also, dass Sie etwas Strafbares thaten? 

Nein. Ich wurde erst durch den Schutzmann darauf aufmerksam ge¬ 
macht, dem ich freundschaftlich guten Abend sagte, und der mir die 
Hand auf die Schulter legte. 

Von selbst wussten Sie es nicht? 

Nein, das konnte ich mir nicht denken. 


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214 


Dr. C. Liman, 


Haben Sie es denn nicht in sinnlicher Absicht'gethan? — Nein. 

Dann haben Sie ja auch nichts Strafbares, höchstens etwas Unanstän¬ 
diges gethan? 

Nein. Es ist doch aber immer strafbar, wenn man sich einen Jungen 
in die Zelle nimmt. Es wird auch so ausgelegt. 

Haben Sie dem Jungen am Gliede gespielt? 

Nein. Wenn ich es in sinnlicher Absicht gethan halte, dann müssten 
doch Folgen gekommen sein. Das müsslen doch die Jungen sagen 
können. Ich möchte doch bitten, dass sie danach gefragt werden. 
Das war nur der Junge von vor zwei Jahren. Bei dem letzten wird 
mir gar nichts zur Last gelegt, denke ich mir. 

Wie ist es denn aber jetzt zur Sprache gekommen? 

Ich glaube, der Junge hat es zu Haus gesagt, der Vater hat Skandal 
gemacht, der Bademeister hat mich wieder erkannt und den Schutz¬ 
mann geholt. 

Warum haben Sie vor zwei Jahren einen Jungen mitgenommen? 

Auch wegen der Schmerzen und dann bin ich ein bischen faul, und 
habe ausserdem zwei schlimme Finger, wie ich auch dem Jungen ge¬ 
zeigt habe. 

Aber zu solchem Geschäft nimmt man sich doch den Bademeister. 

Ja, wenn ich das in dem Augenblick bedacht hätte. 

Sehen Sie nicht ein, wenn Leute angestellt sind zu Handreichungen, wie 
Sie sie verlangten, und Sie dazu einen Jungen mitbringen, dass der Verdacht 
erweckt werden muss, dass Sie andere Zwecke verfolgt haben? 

Nachher habe ich es eingesehen, aber in dem Augenblick nicht. 

Sind Sie denn mit den Jungen zusammen im Bade gewesen? 

Mit dem ersten ja, mit dem zweiten nicht. Es ist ein schrecklicher 
Blödsinn. Da hätte ich doch so leicht darauf kommen können, dass 
der Bademeister es auch besorgt. Und ich habe noch eine Stunde lang 
auf der Strasse nach einem Jungen gesucht und nicht an den Bade¬ 
meister gedacht. 

Aus Vorstehendem, in Verbindung mit dem im M.’schen Gut¬ 
achten an thatsächlichem Material Enthaltenen, geht nun hervor: 

1. dass Sc. aus einer Familie stammt, in welcher wiederholt 
Geisteskrankheiten vorgekommen sind, ein Umstand, welcher bei ab¬ 
normen Handlungen zu beachten ist und bei dem anderweiten Nach¬ 
weis psychischer Abnormität wol in Rechnung zu setzen ist. 

2. Explorand hat bis zum 12. Jahre an Krämpfen gelitten, welche 
begründet waren in einer organischen Krankheit des Gehirnes, als deren 
Ausdruck die eigenthümliche Configuration des Schädels, sowie die 
noch vorhandenen krankhaften Erscheinungen im Gebiet der Kopf- und 
Augennerven sich ergeben (chronischer Wasserkopf). 

3. Durch diese Krankheit ist die normale Entwickelung des 


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Geschlecht)iclie Excesse. Schwachsinn. 


215 


Gehirnes und damit auch seiner psychischen Functionen hintan¬ 
gehalten worden. 

Hieraus erklärt sich, dass er in der Schule wenig gelernt hat 
und später zu einer nützlichen Verwendung seines Lebens nicht zu 
gebrauchen war. Er konnte eben nichts leisten und kann es bis auf 
den heutigen Tag nicht, denn seine Unterbringung auf dem Lande, 
als „Volontär“, wo für ihn eine seinen Lebensunterhalt deckende 
Pension bezahlt wird, wird man eine nützliche und productive Be¬ 
schäftigung nicht nennen wollen. Diese Thatsachen beweisen seinen 
Schwachsinn, und mehr noch als diese Thatsachen die Abhängigkeit, 
in welcher er sich von seiner Mutter befindet. „Meine Mutter wollte 
mich nicht länger in der Schule behalten, meine Mutter schickte mich 
nach Amerika, meine Mutter hat mich zurückgerufen, meine Mutter 
gab mich auf das Land.“ Das etwa sind seine Aeusserungen, welche 
zeigen, dass er, ein erwachsener Mann, vollständig dem ihn bevor¬ 
mundenden Willen seiner Mutter untergeordnet ist, die offenbar ledig¬ 
lich seiner Schwäche und Unanstelligkeit wegen ihn bevormundet. 

Dem entspricht nun auch sein ganzes Verhalten seit Weihnachten 
1881, seitdem er in Berlin ist, wie es theils aus dem Gutachten des 
Dr. M. ersichtlich ist, theils aus meiner Exploration hervorgeht. 

Es ist das zwecklose Treiben eines schwachsinnigen Menschen, 
der keine Initiative hat, in den Tag hineinlebt, nicht aus Faulheit 
und Trägheit, sondern aus geistiger Armuth und Indolenz. 

Von diesem Gesichtspunkt aus angesehen erscheinen die incrimi- 
nirten Handlungen nicht als Ausfluss verbrecherischer Motive. 

Es ist nicht meines Amtes zu untersuchen, ob thatsächlich un¬ 
sittliche Motive, Befriedigung der Geilheit seinen Handlungen zu Grunde 
gelegen hat, was ich zu bezweifeln geneigt bin, oder ob nicht vielmehr 
eine Unanständigkeit vorliegt, welche den Gedanken an ein Verbrechen 
gegen die Sittlichkeit hat suppeditiren lassen. 

Aber selbst, wenn in der That eine unsittliche Handlung bei dem 
gemeinschaftlichen Baden und Abseifen vorgekommen ist, so haben 
doch diese Handlungen selbst, wie sie geschehen sind, den Charakter 
schwachsinnigen Gebahrens. 

Explorand selbst ist ausser Stande zu unterscheiden, zwischen 
unanständig und unsittlich. Er hat es erst gelernt, dass es „strafbar“ 
ist, einen Jungen mit in das Bad zu nehmen; er selbst konnte nicht 
denken, dass es mindestens eine zweideutige Handlung ist, die er be¬ 
gangen hat, und welche ihm den Verdacht der Unsittlichkeit zuziehen 


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216 


Dr. C. Liman, 


musste, während man ihm Zutrauen kann, dass er gewusst hat, dass 
es strafbar ist, unsittliche Handlungen, wie sie ihm zur Last gelegt 
werden, zu begehen. 

Er ist einer solchen Combination nicht fähig, und er hat voll¬ 
kommen die Wahrheit gesagt, wenn er sich ausdrückt: „Ich handle 
immer, wenn mir was einfällt, die Ueberlegung kommt später“, denn 
es ist charakteristisch für den Schwachsinnigen, dass nicht so prompt 
die contrastirenden sittlichen Vorstellungen der Befriedigung eines 
selbstsüchtigen Gelüstes sich widersetzen, wie bei den Vollsinnigen, 
und nicht die nöthige Zugkraft haben, ihn daran zu verhindern, wie 
bei dem willenskräftigen Menschen. Sie sind in ihrer Verstandes- und 
Willensschwäche nicht fähig, dem Andrängen egoistischer Gelüste 
Widerstand zu leisten, während der leichtsinnige, aber vollsinnige 
Mensch hierzu wol fähig ist, aber die angeübten, sich prompt ein¬ 
stellenden contrastirenden sittlichen Vorstellungen leichten Sinnes 
überhüpft oder sie absichtlich zurückdrängt. 

Hiernach ist Sc., wohin.ich gutachte, ein erblich veranlagter, 
gehirnkranker Mensch, bei welchem diese Krankheit sich durch eine 
Reihe krankhafter körperlicher Erscheinungen, wie durch eine krank¬ 
hafte Störung der Geistesthätigkeit äussert, durch welche seine freie 
Willensbestimraung jetzt und zur Zeit der That ausgeschlossen war. 

Er dürfte, da er offenbar ausser Stande ist, selbständig seine 
Angelegenheiten zu besorgen, zu entmündigen sein, was ich nach Vor¬ 
stehendem richterlichem Ermessen anheimgebe. 


IV. 

Beischlaf and Schwängerung der Tochter. Wahnvorstellungen. 

Geschichtliches. 

M. ist der Blutschande angeschuldigt, indem er seit länger als 
einem Jahre mit der Tochter den Beischlaf ausgeübt und sie ge¬ 
schwängert habe, so dass sie sich etwa im 7. Monat der Schwanger¬ 
schaft befindet. 

Er ist, mit seiner Frau in einem Bett schlafend, des Nachts aufgestanden, 
nach der Küche gegangen, wo seine Tochter schlief, und hat sich daselbst 
Stunden lang nach Aussage der Frau aufgehalten. Grösstentheils bei dieser Ge¬ 
legenheit hat er die Tochter beschlafen. Es soll dies wöchentlich etwa drei Mal 
stattgefunden haben. 

Die Frau giebt an, dass ihr Mann nicht richtig im Kopf zu sein scheine. 
Er habe in letzter Zeit namentlich viel in der Bibel gelesen, Nachts vor einem 


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Blutschande. Wahnvorstellungen. 


217 


Schemel, den er vor sich gesetzt, gepredigt, sie ohne Veranlassung, als sie 
Nachts schlief, geschlagen, mit einem Stahle verfolgt, um ihr den Teufel aus¬ 
zutreiben. Auch mit ihr habe er wöchentlich drei Mal den Beischlaf ausgeübt; 
sie habe 18 Kinder von ihm und glaube jetzt wieder im 2. Monat schwanger 
zu sein. 

Er selbst habe ihr von der Schwangerschaft seiner Tochter Mittheilung ge¬ 
macht, ihr gesagt, dass der heilige Geist es so gewollt habe, sie solle das Kind 
in Ehren halten, es sei nicht so, als ob sie von irgend einem Ändern ge¬ 
schwängert sei. 

Sie selbst hat denuncirt, nachdem sie die Schwangerschaft der Tochter 
bemerkt und diese ihr die Thatsache eingeräumt habe. 

Die Tochter sei ein hinter ihrem Alter zurückgebliebenes Mädchen. 

Vor längerer Zeit — vor 1 % Jahren nach Aussage des Dr. S. — hat 
letzterer den M. ärztlich behandelt an „religiösem Tiefsinn“, er sprach wirres 
Zeug, dass ihn der Geist Gottes treibe, er müsse Missionen abhalten, sehe Pro- 
cessionen und den Untergang der Welt etc. 

Diese Angaben, wie auch der Eindruck, den der Angeschuldigte auf den 
Untersuchungsrichter machte, wie ich aus persönlicher Mittheilung weiss, veran- 
lassten dessen Exploration durch den Unterzeichneten. 

Exploration. 

M. ist ein 49 Jahr alter, untersetzter Mann ohne Körperverbildung, noch 
Organkrankheiten. Sein Gesichtsausdruck ist ziemlich lebhaft. Er spricht viel 
und breit, bat ein besonderes Interesse daran, dass seine Aeusserungen richtig 
von mir aufgezeichnet werden und dictirt sie zum Theil. Er bringt dieselben 
im Tone behaglicher Gemüthlichkeit, ohne jeden Anflug von Affect hervor, und 
spricht über die angeschuldigte That und ihre schmutzigen Details mit einer 
auffallenden Ruhe und Gleichgültigkeit, als ob sich das Alles von selbst ver¬ 
stände. Ueber erbliche Anlage ist nichts ermittelt. 

Aus den mit ihm geführten Unterredungen wird sich am besten ein Urtheil 
über seinen Gemüthszustand gewinnen lassen: 

Wie heissen Sie? — Georg Gottlob M.... 

Wie alt? — Diesen Monat werde ich 49. 

Welchen Monat haben wir? — Juni. 

Welches Jahr? — 82. 

Was sind Sie? — Cigarrenmacher, ich muss doch angeben, was ich gegen¬ 
wärtig betreibe, nicht was ich eigentlich bin. 

Was sind Sie eigentlich? — Kaufmann. 

Was machten Sie für Geschäfte? — Materialgeschäft. 

Sind Sie gesund? — Nun ja. 

Das Essen schmeckt Ihnen? — Ja. 

Haben Sie regelmässigen Stuhlgang? — Ja, auch. 

Haben Sie irgend eine Klage in Bezug auf Ihren Gesundheitszustand? 
Nein. 

Wie ist Ihr Schlaf? — Nun, den habe ich allerdings weniger. 

Warum nicht? — Nun, ich wüsste eigentlich keinen Grund. Ich nehme 
an, ich befinde mich wohl dabei, und wenn es hierher passt, so würde 


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Dr. C. Liman, 


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ich erwähnen, meine Frau schläft gern ein bischen viel und ich sollte 
Ersatz bieten, wenn sie schlief musste ich wachen. Die Schwäche, die 
meine Frau hat, scheine ich ersetzen zu müssen. Ich hörte mal eine 
Rede, da wurde mir gesagt, Tag und Nacht gehörte mir, und Sonne, 
Mond und Sterne die hatte ich, als wenn ich eine gewisse Kraft zu 
hätte, die Sonne erscheint den Mond, ich will nicht sagen ein gewisses 
Uebergewicht, aber es schien so, als ob ich die Kräfte dazu hätte. 

Wozu? — Als wenn die Sterne die Kinder bedeuteten, der Mond die 
Frau, die Sonne ich, denn ich finde, dass ich gegenwärtig, dass ich 
bis 12 Uhr, wenn ich mich um 7 Uhr hinlege, schlafe und dann 
wache ich. 

Wer hat die Rede gehalten? — Es offenbart sich zu Zeiten etwas in mir. 
Ich erkenne das als eine göttliche Kraft. 

Stehen Sie in besonderer Beziehung zu Gott, mehr als andere Menschen? 
Nun, ich unterhalte mich mit Gott, und dass ich Gottes Wort verfolge 
und dadurch mehr Kräfte mich anziehe. Die Offenbarung war eben, 
dass ich das göttliche Wort, das Evangelium verkünden sollte, als wenn 
ich das Predigeramt anführen sollte. 

Ist Ihnen sonst noch etwas offenbart? 

Ja, dazu würden wir lange sitzen müssen, das ist gar sehr viel, z. B. 
wurde mir gesagt früher, dass ich, da meine Frau eine gewisse 
Schwäche an sich hat, sollte ich bei meiner ältesten Tochter Vertreter 
eines Beischlafes sein, nicht blos eines, sondern so lange mir die Kraft 
zuertheilt würde. Nachdem ich die Erneuerung des Taufbundes im 
heiligen Geiste empfing, erhielt ich die Offenbarung und führte die¬ 
selbe aus, obgleich ich weniger Neigung zu meiner Tochter, als zu mei¬ 
ner Frau hatte, und mir die Kräfte erst durch Gebet und Gottes Wort 
verliehen wurden, weil ich sonst nicht zukommen konnte. Einige Mal, 
da ich es vergass, da ging es nicht, und musste ich erst beten, da 
bekam ich die Kräfte, weil mir gewöhnlich Nachts vorher Zeichen ge¬ 
geben wurden im Geist oder im Bild, was mir nach meiner Ansicht 
erscheinen sollte meiner Tochter zu übergeben, in Hinsicht Verlornes 
wieder herzustellen. 

Was heisst das? — Mein Vafer ging an einer gewissen Schwäche zu 
Grunde, er war Trinker. Meine Mutter befand sich alttestamentlich 
unter dem geistigen Schutz, der vielleicht zu schwach gewesen ist. 
Mein Bruder hatte nämlich ein Predigeramt und ich wurde öfter ver¬ 
sucht, zu ihm unter seinem Schutz in die Kirche zu kommen der 
apostolischen Gemeinde. Meine Verhältnisse waren aber der Art, dass 
es mir immer nicht klar erschien, zu der Kirche zu gehen, weil ich 
vom Vater aus als Christ getauft war, und mich streng zu der Landes¬ 
kirche hielt, weil dies die richtigste Kirche ist. In der apostolischen 
kamen mir Unsittlichkeiten vor. 

Wie so, was war das? 

Meine Mutter empfahl mir einen Herrn, der mich im Glauben belehren 
sollte, der sagte, es käme Alles von Gott und könne nicht anders als 
durch den Glauben gewirkt werden. Wir beteten und knieten und — 


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Blutschande. Wahnvorstellungen. 


219 


es kann ja einem Jeden ankommen — und ich hatte keine Anziehungs¬ 
kraft, er führte sich unhöflich auf. 

Meinen Sie, er liess einen Pup? 

Ja, und da schien mir, dass der Teufel sein Spiel zwischen hätte. 
Später war das von einem Andern wieder so, ich hörte den Pup, ich 
wollte aber der Mutter folgen, das war ja zu entschuldigen, und ich 
überwand meine Mutter und meinen Bruder in Wort und Schrift, dass 
ich bei der Landeskirche bleiben könne. 

Was haben Sie in der Landeskirche gemacht, sind Sie viel hingegangen? 
Ich bin ein Jahr lang zur Busse gegangen und zum Sacrament des 
Altars, Sonntags. 

Kamen Ihnen da auch Offenbarungen? — Ja. 

Was für Offenbarungen? 

Die erste war, dass ich mich gerufen fühlte nach der Kirche, dass die 
Kraft Wort und Namen berührte. 

Noch andere? 

Ja, zu viel. Dass meine Angehörigen, Frau und Kinder, mir verloren 
zu gehen schienen in Hinsicht der religiösen Ansicht. Dann wurde mir 
gesagt, es ist eine ganze Kornähre. Das war eine Angabe, dass das 
Kind, welches meine Tochter bekommt, eine volle Aehre sein soll. 
Haben Sie fleissig gearbeitet, und was haben Sie verdient? 

Nun, ich habe meinen Hausstand besorgt, so dass ich Keinem zur 
Last fiel. 

Was Sie getrieben haben, ist Blutschande. Wissen Sie nicht, dass das 
strafbar ist? 

Ja. In der Weise, wo ich aber durch göttliches Wort offenbart wurde, 
war es als ob der Befehl an der Seite war, hielt ich es als meine 
Pflicht, die ich vorziehen musste. 

Vor was? — Vor anderen Voraussetzungen, die ich mich machte. 

Haben Sie sich nicht gesagt, dass es Unrecht ist, wenn Sie mit Ihrer 
Tochter den Beischlaf ausübten? 

Nein, ich habe mir im Gegentheil gesagt, dass es für das Wohl ist. 

Für wessen Wohl? 

Zum allgemeinen Wohl. Es wurde mir die Offenbarung, dass ich mich 
zu meiner Tochter, zu der ewigen Sonne kehren sollte, zu der 18 jähri¬ 
gen, und dann entstände ein Mensch von Fleisch und Blut durch mei¬ 
nen Glauben, der 18 Jahrhunderte alt sei, dieser Mensch, also so zu 
sagen eine Brücke in das ewige Leben, zwischen altem und neuem 
Testament. 

Es sollte also eine Art Heiland sein? 

Ja, weil er eben dienen sollte als Vergebung der Sünden. Die erste 
Offenbarung kann ich Ihnen wol nicht eröffnen? 

0 ja. 

Im Anfang befand ich mich unter lauter Schlangen, so dass ich mich 
das Leben kaum erhalten konnte, und ich fand im Gesangbuch Linde¬ 
rung. Dann sah ich Drachenköpfe, die sich geistig bildeten, die Angst 


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220 


Dr. C. Liman, 


wurde zu gross, da betete ich inbrünstig, da kam eine Gestalt von 
oben mit einer Krone, die ich für den heiligen Geist nahm. 

Haben Sie auch etwas gehört? — Ja, ja, ja. 

Stimmen? — Ja, Stimmen. 

Was sagten die denn? 

Es wurden mir Gesangverse angedeutet und Psalmen. 

Hörten Sie auch etwas in Bezug auf den Beischlaf mit Ihrer Tochter? 

Worte. Als es geschehen war, sagte die Stimme: sei artig, so ist es 
gut, so sollte ich es fortsetzen. 

Was sagte aber Ihre Frau dazu? 

Na, die hatte ihre Befriedigung nebenbei bekommen, und es schien ihr 
nicht zu berühren, so dass ihr Herz nicht darunter litt, im Gegentheil 
freute sie sich sogar, dass sie Hoffnungen auf einen Stammhalter 
bekam, meinerseits. 

Also die Frau wusste das? — Ja, ja. 

IJabert Sie es ihr gesagt? 

Als es geschehen war, habe ich in freundlicher Weise ihre Gesinnung 
darüber wahrgenommen. Sie hatte mir u. A. geäussert, wenn die mal 
vermiethet wäre, würde sie doch was zu Haus bringen. 

Und Ihre Tochter? 

Na, die sagte bei einer Frage, ob sie einen Mann wolle: gerade so 
einen Mann wie der Vater. Ich erfuhr aus dem göttlichen Wort, dass 
meine Tochter nicht mehr fruchtbar sei, und durch den heiligen Geist 
eine Stütze hierdurch mit erhielte. 

Warum sind Sie denn hier im Gefängniss? 

Eben in dieser Angelegenheit, eben um meine Tochter. 

Sie wissen doch auch, dass das Gesetz und der Richter Ihre Handlungs¬ 
weise bestraft? 

Ja das sagen Sie mir wol. Ich habe, als ich den Taufbund bekam, 
zahllose Leiden durchgemacht, wo ich die Erkenntniss Gottes erst er¬ 
sehen sollte, dass ich oft bis an den Todesrand geführt wurde. Ich 
sollte die Furcht vor Gottes Wort in dem Masse haben, dass ich 
danach gehen sollte, unter allen Umständen. Das vor jedem Andern 
thun, dass es den Sinn hatte, ein guter Hirt lässt sein Leben für 
seine Schafe. 

Sie haben also in Gottes Auftrag gehandelt? — Ja. 

Haben Sie Ihrer Tochter auch gesagt, dass Gott es so wolle? 

Auch. Sie hat gesehen, dass ich vorher gebetet habe, hat sogar ge¬ 
sehen, dass es mir Mühe machte, dass es öfter war, als ob es mir an- 
wachsen wollte (scilic. das Glied) und abstarb, nach dem Gebet näm¬ 
lich wieder anwuchs, und dass es dann verloren ging. 

Was denn? 

Dass der Samen aus meiner Tochter wieder ablief, so dass ich immer 
die Ueberzeugung hatte, dass ich von der Hand Gottes geführt würde, 
dass nichts Unreines dahin kam. 

Hat sich Ihre Tochter Ihnen nicht widersetzt? 

(wie selbstverständlich) Nein, nicht. 


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ßlutschande. Wahnvorstellungen. 


221 


Sonst pflegt doch ein junges Mädchen mindestens das erste Mal sich zu 
widersetzen, zumal wenn ihr eigener Vater sie beschlafen will? 

Es ist ja meine Tochter, die viel von mir hält. Und sie freute sich 
auch wol, da sie keinen Mann bekommen hätte, und sie sehr simpel ist. 
Wie alt ist Ihre Tochter? — 19 Jahr. 

War sie simpel von Jugend auf? 

Ja, still, sanft; sie ist unzurechnungsfähig, weil sie denkt, was der 
Vater macht, ist gut. 

Hat sie niemals zu Ihnen gesagt, dass das Unrecht sei gegen ihre Mutter 
und gegen sie selbst? 

Hein, da hatte sie wol nicht die Ueberlegung zu. 

Haben Sie hier auch noch Offenbarungen? 

Auch noch. Diese Nacht wurde mir z. B. gesagt, dass zwei starke, es 
war so in Reimen eingefasst, zwei grosse Lenden und ejn Herr dazu — 
Haben Sie es gesehen oder wurde es Ihnen, gesagt? 

Gesagt. Ich habe es mir ausgedeutet, als ob es das Kind wäre, wel¬ 
ches meine Tochter bekommt, als ob die Lenden stärker wären und 
grösser, als ich mir selbst vorkomme. Dann wurde mir mal gesagt: 
der alte König ist klein, der neue ist grösser und — 

Was bedeutet das? — Das weiss ich nicht. 

Dann ist es doch keine Offenbarung? — Ja, es wurde mir aber gesagt. 

Sie sind doch ein frommer Mann, kennen Sie nicht das Gebot: „du sollst 
nicht ehebrechen!“ 

Fromm, oh, dazu gehört viel (demüthig). 

Was heisst das Gebot? 

Na, ich sollte mich zu meiner Frau halten und soll es überhaupt, dass 
ich ihr treu bleibe in den ehelichen Beziehungen. 

Das Gebot haben Sie aber gebrochen. 

Na, was soll ich machen, wenn ich solchen Befehl bekomme und 
vertraue meiner Frau selbst, dass es so geschehen ist, und die hat 
nichts dagegen. 

Sie haben es doch aber der Frau erst nachher gesagt, nachdem die Tochter 
bereits schwanger war? 

(sinnt lange nach) Das ist richtig, doch sie hat die Annäherung 
bemerkt. 

Dann haben Sie sich den höheren Befehl erst zurecht gelegt? 

Na — das ist doch nicht in der Möglichkeit, das wäre ja eine Frech¬ 
heit, die in das Weite ginge. So gut ich den Befehl bekommen habe, 
so glaube ich auch, dass Gott sich offenbart in der Wahrheit, dass ich 
mich nichts zurecht gelegt habe, sondern dass mich der Geist Gottes 
getrieben hat. 

Gott kann Sie doch Dicht dazu treiben, seine Gebote zu verletzen? 

(ergeben) Ja, es ist doch so an mir geschehen, und die Furcht vor 
Gottes Wort hat mich jede andere Voraussetzung fallen lassen. 

Das kann aber nachher Jeder sagen. 

Ich sollte meinen, ich habe seine Wunder das ganze Jahr gesehen, und 
ich baue auf Gott, dass er wird — sich erkennt — und es weiter zur 

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t)r. C. Liman, 


Mi 


Erkenntniss kommt. Ich hatte mir vorgenommen, durch die Busse bei 
meiner Frau stehen zu bleiben, da bekam ich die Bestimmung, und 
habe das Wort gehalten nach der ersten Busse, bis ich die Erneuerung 
des Taufbundes im heiligen Geist hatte, und da bekam ich die Offen¬ 
barung hinzu. 

Also Sie wussten doch, dass Sie etwas Unrechtes vorhatten? 

Dass es Unrecht war, nein. Ich hatte sogar die Ueberzeugung, dass es 
im Allgemeinen und auch gegen meine Frau und den ganzen Familien¬ 
kreis und die letzt Verstorbenen löblich sei. 

Nun soll sie also einen zweiten Christus gebären, einen Heliand? 

Ja. Das ist der eigentliche Sinn der Sache. Dass wir eine Erlösung 
finden in der neuen Geburt und — nicht blos im Allgemeinen, son¬ 
dern die ganze Welt. 

Wenn man Sie nun aber deswegen in das Tollhaus steckt? 

Ja, (lächelt) was soll ich machen. Ich halte mir doch nicht so, da 
muss ich doch erst untersucht werden, ich habe mir auf Alles gefasst 
gemacht, dass ich zuerst Gottes Wort ausführen muss. Ich habe so 
lange meiner Tochter meine Kraft fortgegeben, bis es alle war. 

Nun können Sie also nichts mehr machen? 

Na, das will ich nicht sagen. Der liebe Gott sorgt schon weiter, er 
schafft mir neue Kraft. 

Wollen Sie noch mehr Heilande erzeugen ? 

Na — (lächelt verschämt) nun habe ich genug. Es ist mir gesagt 
worden, dass ich die Kräfte meines Lebens zum Dienste Gottes zum 
Opfer bringen solle, damit ich nicht länger — d. h. zum Opfer, dass 
ich in Gottseligkeit wirken soll. 

Wollen Sie noch weiter Ihrer Tochter beischlafen? 

Nein. Ich bin zufrieden, dass es so weit ist. Glauben Sie, wenn ich 
den Befehl nicht gehabt hätte, mir ist es recht schwer manchmal 
geworden. 

Wenn nun aber das Kind Ihrer Tochter ein Mädchen wird? 

Dann wird der liobe Gott seine Bestimmung haben, dass es ebenso ist. 
Es war so, als ob der alte Heiland wieder auferstehen wird. Das Kind 
ist 1800 Jahr alt. 

Das ist doch aber Alles confus. 

Das thut mir sehr leid, wenn Sie es so annehmen, das wüsste ich 
nicht. Ich habe meine Angelegenheiten in der Kirche so zu sagen 
geistlich niedergelegt, und denke, dass ich es zu keinem schlechten 
getragen habe, dass ich die Gnade Gottes durch das Kind mir zu¬ 
fallen soll, dass es der Segen meines Vaters sein soll, der mir kurz 
vor seinem Tode für alle anderen Geschwister Gottes Segen in die 
Hand legte. Verzeihen Sie, sind Sie Prediger, ich weiss nicht, wen 
ich die Ehre habe. Ich habe schon darüber simulirt. 

Nun, ich bin so was Aehnliches. War Ihr Vater geisteskrank? 

I Gott bewahre. 


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Blutschande. Wahnvorstellungert. 


223 


Gutachten. 

Nach Vorstehendem kann ich mich in Bezug auf die Beuithei- 
lung des Geisteszustandes des M. kurz fassen. Derselbe leidet an 
Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen, welche sich vorzugsweise 
auf religiösem Gebiete bewegen, und hat von diesen Wahnvorstellungen 
aus die incrirainirte Handlung begangen. Es konnte nur das Bedenken 
entstehen, ob er nicht etwa simulirt. 

Dieses Bedenken aber ist vollständig zurückzuweisen, weil, abge¬ 
sehen von dem ganzen Gebahren des Angeschuldigten, nachweisbar 
die psychische Affection längere Zeit vor der incriminirten Handlung 
bestanden hat. 

Dr. S. hat ihn bereits an „religiösem Wahnsinn“ behandelt, er 
befand sich damals anscheinend in der mehr activen Periode der 
Krankheit, hatte Beängstigungen und war durch die Sinnestäuschungen 
in Aufregung versetzt, während jetzt die Periode der Systematisirung 
derselben eingetreten ist, der Kranke beruhigt ist und verrückt zu 
nennen ist. 

Ich begutachte demgemäss: 

dass M. zur Zeit der incriminirten Handlung sich in Störung 
der Geistesthätigkeit befand, welche seine freie Willens¬ 
bestimmung ausschloss, und sich jetzt noch in diesem Zu¬ 
stand befindet. 


V. 

Erduldeter Beischlaf. Schwachsinn. (Willenlosigkeit §. 176. Abs. 2.) 

Das 19jährige Mädchen, welches sich von ihrem Vater im 7. Monat 
der Schwangerschaft befindet, ist nach der Aussage ihrer Mutter von 
jeher geistig sehr zurückgeblieben, und da dieselbe auch dem Herrn 
Untersuchungsrichter den Eindruck eines schwachsinnigen Individuums 
machte, so wurde ich mit der Exploration der Angeschuldigten 
beauftragt. 

Ich kann mich dieser Ansicht nur anschliessen. 

Explorata ist körperlich für ein 19jähriges Mädchen sehr unentwickelt, 
klein und in ihrer Erscheinung weit hinter ihren Jahren zurück. Ihre Physio¬ 
gnomie ist stupid. Sie antwortet mit leiser Stimme, weint fast während der 
ganzen Exploration, spielt mit der Hand an den Lippen und am Munde, begreift 
sehr häufig die ihr vorgelegten Fragen nicht, die ihr wiederholt werden und auf 
verschiedene Weise deutlich gemacht und ihrem Verständnis näher gerückt 


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t)r. C. Lim an, 


werden müssen. Die Antworten erfolgen mit leiser Stimme, äusserst langsam 
und zeigt Explorata selbst da, wo man meinen sollte, ihr Ehrgefühl oder ihr 
Affect würde erregt werden, sich äusserst indolent und stumpf. 

Aus meiner Exploration führe ich Folgendes an: 

Wie heissen Sie? — AlmaM.... 

Wie alt sind Sie? — 10. October werde ich 19. 

Wann sind Sie geboren? — 10. October 1863. 

Welches Jahr schreiben wir? — 1882. 

Wie viel ist 63 von 82 abgezogen? — — 

Haben Sie die Schule besucht? — Ja. 

Bis zu welcher Classe? — 4ten. 

Was haben Sie da gelernt? — Schreiben, Rechnen, Lesen. 

Wie viel ist 6X6? — 36. 

3X36?- 

3X3? — 9. 

3X9? — 27. 

3X27? - 

Was arbeiten Sie? — Wickels. 

Was bekommen Sie für 100 Wickels? — 3 Groschen. 

Wie viel für 1000? — 3 Mark. 

Wie viel für 10000?- 

Für 50? — Für 40 kriege ich 60 Pf. 

Und für 50? — Einen Sechser'mehr, 5% nein 4 l / 2 . 

Haben Sie auch Erdkunde gehabt? — Heimathskunde. 

Was heisst das? — — 

In welcher Stadt leben wir? — Berlin. 

Wovon ist das die Hauptstadt? — — 

In welchem Lande liegt Berlin? — Deutschland. 

Wie heisst der König? — Kaiser Wilhelm. 

Wovon ist der König? — — 

An welchem Fluss liegt Berlin? — — 

Wie heisst der Fluss, der durchgeht? — — 

Sind Sie allein hergekommen? — Mutter is hier. 

Wo wohnen Sie? — Schönhauser Allee 70c glaube ich, oder e. 

Wie lange wohnen Sie dort? — Sehr lange ist es noch nicht her. 

Wie lange? — 2 oder 3 Monat glaube ich. 

Können Sie von hier aus allein nach Haus finden? — Ja. 

Wie gehen Sie? — Invalidenstrasse — Brücke — Brunnenstrasse vorbei, 
Veteranenstrasse, Kastanienallee. 

Haben Sie die Gebote gelernt? — Ja. 

Nennen Sie sie. (Nennt sie bis auf das 2te und 9te.) 

Was heisst das, du sollst nicht ehebrechen? — — 

Haben Sie die Ehe gebrochen? — 

Nun, so antworten Sie doch. — Ich weiss nicht, was ich sagen soll. 

Sie sollen mir sagen, was Sie denken. — Nein. 

Hat Ihr Vater die Ehe gebrochen? (Versteht meine Frage offenbar nicht.) 


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Erduldeter Beischlaf. Schwachsinn. 


225 


Hat Ihr Vater mit Jemand anders den Beischlaf ausgeübt, als mit Ihrer 
Mutter? — — Ja. 

Mit wem denn? — — Ich weiss nicht, was ich sagen soll. 

Hat er mit Ihnen geschlafen? — Ja. 

Wie ist er dazu gekommen? — — 

Haben Sie es ihm gesagt, dass er es thun soll? — Nein. 

Wie ist es gekommen? — — 

Er hat sich zu Ihnen gelegt? — Ja. 

Hat er denn Ihnen gesagt, er würde kommen, ist er vorher zärtlich zu Ihnen 
gewesen? — Nein. 

Er ist so gekommen des Nachts? — Ja. 

Haben Sie geschlafen? — Ja. 

Hat er Sie aufgeweckt? — Ja. 

Was hat er dann gesagt? — Nichts. 

Hat er sich auf Sie gelegt? — Ja. 

Hat er Sie geküsst? — Nein. 

Haben Sie nicht gemerkt, was er wollte, als er sich das erste Mal zu Ihnen 
legte? — Nein. 

Haben Sie sich nicht gewehrt? 

Ich konnte ja nicht, er kam ja gleich zu mir. 

War Ihnen das nicht sehr überraschend? — Er kam ja gleich zu mir. 
Haben Sie nicht nachher darüber nachgedacht? 

Er kam ja gleich zu mir, ich hatte ja noch nicht gewusst. 

Was wussten Sie denn nicht? — Dass die Regel weg blieb. 

War es Recht, dass der Vater sich zu Ihnen legte? — Nein. 

Haben Sie nicht gesagt, Vater lass das sein? — Nein. 

Warum nicht? — Weil ich so’ne Angst hatte vor ihm. 

Er ist doch aber öfter gekommen? — Ich hatte so’ne Furcht vor ihm. 
Haben Sie es der Mutter nicht gesagt? — Nein. 

Warum nicht? — — 

Hat er Ihnen verboten, der Mutter etwas zu sagen? — Noin. 

Warum haben Sie denn nichts gesagt? 

Ich dachte, er wird mir schlagen oder so — 

Wissen Sie, dass Sie Ihre Ehre weggegeben haben? — — Ja. 

Haben Sie das nicht schon das erste Mal gewusst? — Nein. 

Seit wann wissen Sie es denn jetzt? — Jetzt erst. 

Dadurch, dass Sie vor Gericht stehen? — (Nickt.) 

Haben Sie sich nichts Unrechtes gedacht, als der Vater zu Ihnen kam? — Nein. 
Dachten Sie, dass jeder Vater es so mit seiner Tochter macht? — Nein. 
Was hat er Ihnen denn gesagt? — — 

Hat er denn nichts vom heiligen Geist gesprochen? 

Jetzt erst, die letzte Zeit. 

Was sagt er da? — Der heilige Geist will es so haben. 

Hat er denn gesagt, es soll ein Ghristuskind werden? — Nein. 

Hat er vorher gebetet? — Ja, da hat er gelesen in’s Gesangbuch. 

Des Nachts? — Nein, am Tage. 

Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. 15 


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t>r. C. Li man, 


m 

Des Nachts niemals? 

Nein, einmal blos. da hat er was gesehen, ich glaube ein Thier war’s. 

Ist er aufgestanden? — Ja. 

Hat gebetet? — Ja. 

Und sich dann wieder zu Ihnen gelegt? — Ja. 

Wussten Sie nicht, dass man davon ein Kind bekommen kann? — Nein. 

Wovon dachten Sie, dass die Kinder kommen? — — 

Was soll mit dem Kinde werden? — (Weint.) 

Wer soll es ernähren? — Ich. 

W'omit? — Wenn ich fleissig arbeite. 

Haben Sie nicht daran gedacht, sich mal zu verheirathen? — Nein. 

Haben Sie es für Recht gehalten, dass der Vater mit Ihnen schlief? — Nein. 

Warum nicht? — — 

Haben Sie denn das geglaubt mit dem heiligen Geist? — Nein. 

Haben Sie Ihren Vater für verrückt gehalten? 

Nein, blos weil er immer in der Bibel gelesen hat. 

Haben Sie sich nicht gesagt, entweder der Vater lügt, oder er ist verrückt? 

._ v 

Das Vorstehende zeigt, dass Explorata körperlich wie geistig in 
hohem Grade unentwickelt, weil entwicklungsunfahig, geblieben ist. 
Die gewöhnlichsten Schulkenntnisse hat sie nicht erworben oder ver¬ 
gessen, und ist sie intellectuell wie gomüthlich und sittlich nicht 
ihrem Alter, vielmehr dem eines Kindes entsprechend. Trotz ihres 
bereits zurückgelegten 18ten Jahres fehlt ihr das Unterscheidungs- 
Vermögen in Bezug auf die von ihr begangene Strafthat, und war sie 
nicht fähig, die Folgen derselben zu übersehen, noch fähig, sich dem 
Drucke eines anderen Willens zu widersetzen, der hier unglücklicher 
Weise der ihres sie in Furcht haltenden geisteskranken Vaters ge¬ 
wesen ist. Wäre sie intelligenter gewesen, es hätte ihr die Verrückt¬ 
heit ihres Vaters nicht entgehen können, so aber ist sie stumpf und 
indolent ein Werkzeug in den Händen eines Geisteskranken gewesen. 

Ich begutachte: 

dass die etc. M. schwachsinnig ist, so zwar, dass ihre freie 
Willensbestimmung zur Zeit der That ausgeschlossen war. 

VI. 

Geschlechtliche Excesse. Schwachsinn. 

Der etc. U. ist unsittlicher Handlungen angeschuldigt, indem er 
dem Knaben S. die Beinkleider aufgeknöpft, denselben an die Erde 
geworfen habe, so dass er auf den Bauch zu liegen kam, und mit 
seinem Gcschlcchtstheil gegen den After des Knaben gestossen habe. 

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Geschlechtliche Excesse. Schwachsinn. 


227 


Die Vertheidignng erhob den Einwand der Unzurechnungsfähigkeit aus 
§.51 St.-G.-B. 

Was die vernommenen Zeugenaussagen betrifft, so ist namentlich auffallend 
das Zeugniss des Schuldirectors E., welcher in dem Abgangszeugniss, nach ein¬ 
jährigem Schulbesuch, attestirt: „der Knabe ist kopfschwach und darum zurück¬ 
geblieben“, und vor dem Untersuchungsrichter aussagt: „schwachsinnig ist der 
U. meiner Ansicht nach keineswegs.“ 

Es bedarf aber nur einer einigermassen eingehenden Exploration, um zur 
Evidenz klar zu legen, dass Explorand ein idiotischer, in hohem Grade schwach¬ 
sinniger und entwicklungsunfähiger Mensch ist. 

Er weiss seinen Namen und Alter anzugeben, aber die weitere Unterredung 
wird das obige Urtheil bestätigen. 

Was zunächst seine körperlichen Verhältnisse betrifft, so ist er ein für das 
Alter von 17 Jahren höchst unentwickeltes Individuum. Er macht den Eindruck 
eines 12jährigen Knaben. Sein Gesicht mit dicker Nase und gewulsteter Ober¬ 
lippe zeigt, dass er an Scrofelsucht leidet. Der Kopf ist relativ gross. Seine 
Geschlechtstheile relativ entwickelt. Sein Gesichtsausdruck ist nichtssagend. Er 
schweift bei der Unterredung mit den Blicken umher. Seine Sprache ist schwer¬ 
fällig, undeutlich, oft unarticulirt. Seine Mutter giebt glaubhaft an, dass er erst 
spät gehen und sprechen gelernt, in der Schule nichts gelernt habe und von 
Jugend auf schwach, auch in geistiger Beziehung, gewesen sei. Seine ältere 
Schwester ist taubstumm. 

Aus meiner Unterredung hebe ich Folgendes hervor: 

Wie alt bist Du? — 17 Jahr. 

Wie alt wirst Du nächstes Jahr? — 18. 

Wie viel ist 18 mehr als 17? — — 

Bist Du in die Schule gegangen? — Ja. 

Wie hiess der Director? — E — Ep — Ed 

Weisst Du den Namen eines Lehrers, der Dich unterrichtet hat?- 

Wann bist Du geboren? — 1864. 

Wie viel ist 64 von 82 abgezogen? — — 

Wo bist Du geboren? — Jacobi, Jacobikirche. 

Wo Du geboren bist. — Alterinstrasse (Alexandrinenstrassc). 

In welcher Stadt liegt diese Strasse? — Oranienstrasse. 

In welcher Stadt liegt die Oranienstrasse? — — 

In welcher Stadt lebst Du? — Berlin. 

In welchem Lande liegt Berlin? — Deutschland. 

In welchem Welttheil liegt Deutschland? — — 

Wie viel Welttheile giebt es? — Süden, Osten, Nord-Westen, Süd-Westen. 

Kennst Du noch Länder ausser Deutschland? — Amerika. 

Du bist wol immer hinter die Schule gegangen? 

Ich habe mir geschämt, dass ich so alt bin, gleich zu Haus gegangen. 
(Die Mutter giebt an, er habe auf dem Hausflur gestanden, als die 
anderen Knaben wieder herauskamen.) 

Warum hast Du nichts gelernt? — Kopfschwach bin. 

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m 


Dr. C. Limari, 

Woher hist Du kopfschwach? 

Mein Vater ist in Passe gewesen und da hat ein Mann mir eine Cigarre 
gegeben, da habe ich gebrochen, mein Vater war Gasauslöscher, da 
wurde ich krank. 

Was hast Du denn gemacht, warum bist Du in Untersuchung? 

Ich soll mit den was gemacht haben. 

Mit wem? — Carl S.... 

Was denn? — Ich soll ihn in die Stube gelockt haben und soll das ge¬ 
macht haben. 

Was denn? — Die Hosen aufgeknöpft. 

Hast Du es gethan ? — Nein. 

Du lügst ja. — Nein, ich lüge nicht. 

Was ist lügen? — — 

Kennst Du die 10 Gebote? — Ja. 

Wie viel giebt es? — Sieben. 

Nenne eines. — Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere Götter 
neben mir. 

(Bei öfterem Wiederholen lässt er regelmässig das Verbum „haben“ aus.) 
Kennst Du noch eins? — Du sollst nicht tödten. 

Was ist tödten? — — 

Weisst Du nicht, was tödten ist? — Nein. 

Hast Du eine Schwester? — Die ist taubstumm. 

Ist die älter? — Ja 23. 

Wie alt ist sie? — 21, sie wird 23. 

Was ist mehr, 23 oder 22? — — 

Wie viel ist 23 mehr als 22? — — 

Aus dieser Exploration geht hervor, dass U. ein unentwickelter, 
weil entwieklungsunfahiger Mensch ist. 

Schon körperlich ist er defect und nicht minder geistig. Er ist 
unfähig, Begriffe zu bilden, und hat nothdürftig Einiges, was ihn ge¬ 
lehrt worden ist, behalten. 

Was er geistig leistet, ist nicht das Product eigener Arbeit, 
sondern erborgt und das Resultat der Dressur. Er besitzt kein Unter- 
scheidungsvermögeD weder im Allgemeinen, noch in Bezug auf die 
incriminirte Handlung. 

Ich erachte demnach: 

dass er zur Zeit der That an einer krankhaften Störung der 
Geistesthätigkeit litt und noch jetzt daran leidet. 


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Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 


22 0 


VII. 

Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 

Geschichtliches. 

Ottilie N., aus Dessau, seit kurzer Zeit in Berlin, vermiethete 
sich am 2. Januar 1882 als Kindermädchen und flösste dem ihr an¬ 
vertrauten Kinde am 6. Januar Nachmittags Schwefelsäure (Oleum), 
welche sie zum Putzen der Schlösser brauchte, ein. Das 1 Jahr 2 Monat 
alte Kind war schwer verletzt, ist aber mit dem Leben davon ge¬ 
kommen. 

Anfangs leugnete sie die That. Aus der richterlichen Vernehmung vom 
17. Januar c. ist hervorzuheben, dass sie zugiebt, den Tischler, welcher kurz 
vor der That zugegen war, gefragt zu haben, ob Oleum Gift sei, und nach der 
Bejahung dieser Frage gesagt haben will: „dann braucht man es doch nicht 
zum Putzen“, denn, sagt sie, ich hatte noch niemals mit Oleum, sondern immer 
mit Zuckersäure geputzt. Sie habe nun, während die Köchin hinausgegangen 
war, das Thürschloss des Esszimmers geputzt, das Kind auf den Teppich gesetzt, 
habe das Putzzeug geholt. Während sie putzte, habe das Kind angefangen zu 
weinen. Um es zu beruhigen, habe sie die Puppe geholt. „Diese in der rechten, 
die Oleumflasche in der linken Hand hockte ich vor dem auf dem Teppich lie¬ 
genden Kinde nieder. In diesem Augenblick wurde ich wirr im Kopf. Der 
häusliche Jammer, meine Lage, die täglich sich unglücklich gestalten konnte, 
ging mir durch die Seele; ich verlor das Bewusstsein und weiss nicht mehr 
recht, was geschehen ist. Ich kann mir nicht denken, dass ich dem Kinde das 
Oleum eingeflösst habe; ich hatte ja gar keinen Grund dazu, weil ich dem Kinde 
gut war, wenn mich auch sein Schreien manchmal gereizt hatte. Ich kann nur 
annehmen, dass das Kind während meiner augenblicklichen Bewusstlosigkeit 
oder Stumpfheit meine Hand, in der ich die Flasche hielt und die nicht weit von 
seinem Munde sein musste, sich selbst an den Mund geführt hat. 

Aufmerksam gemacht, wie unwahrscheinlich diese Angabe, und wie un¬ 
glaublich, dass das Kind die Flasche umkippen könnte, um so mehr als nur noch 
ein kleiner Rest in der Flasche gewesen sein solle, erklärte die Angeschuldigte: 

„Ich weiss nicht, was ich gethan habe, möglicherweise habe ich auch die 
Flasche umgekippt; ich war vollständig stumpf. Ich habe das Kind nicht ver¬ 
giften, auch nicht verletzen wollen. 

Als ich wieder Herr meiner Sinne wurde, stand ich auf, ging nach der 
Küche und trug dorthin den Putzkasten mit dom Oleum. Ob ich mit dem Putzen 
fertig war, oder weshalb ich das Weiterputzen aufgab, und warum ich nach der 
Küche ging, weiss ich nicht. Erinnerlich ist mir jedoch, dass ich das Bedürfniss 
fühlte, Wasser zu trinken, und dass ich in der Küche Wasser aus einem Tassen¬ 
kopf trank. Die Köchin war noch immer in der Speisekammer. Ich ging un¬ 
mittelbar darauf wieder nach dem Esszimmer, wo das Kind immer noch in der 
früheren Stellung an der Erde sass, aber plötzlich zu schreien anfing. Ich wusste 
nicht warum, da ich mir nicht bewusst war, es verletzt zu haben, glaubte aber 


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230 


Dr. C. Li man, 


es schreie, weil die Köchin nicht da sei. Als diese schliesslich durch das Schreien 
veranlasst hereintrat und mich nach dem Grunde des Schreiens fragte, antwortete 
ich: ich weiss es nicht. Darauf trat sie näher an das Kind heran und rief, 
nachdem sie dasselbe besichtigt: das Kind ist ja mit Oleum verbrannt. Auch 
darauf erwiderte ich ihr, dass ich nichts wisse. Erst allmälig dämmerte in mir 
der Gedanke auf, das Kind könne, während ich bei ihm niederhockte, um ihm 
die Puppe zu gehen, aus der Oleumflasche getrunken haben. Es befiel mich eine 
entsetzliche Angst etc. 

Als ich dem Kind zu essen gab, hatte es, so viel mir erinnerlich, einen 
Pichel um; wo dieser geblieben ist, weiss ich nicht. Nach meinem besten Wissen 
habe ich denselben dem Kinde nicht abgebunden.“ 

Wenn ich, sagt sie weiter, bei meiner ersten gerichtlichen Vernehmung 
eingeräumt habe, dem Kinde Oleum absichtlich eingeflösst zu haben, so ist dies 
nur in der Verwirrung geschehen. Ich bin seit der That überhaupt sehr wirr 
im Kopfe. 

Im ersten Verhör sagt sie nämlich: 

„Plötzlich kam mir der Gedanke, dem Kinde Oleum einzuflössen. Ich be¬ 
fand mich ausserhalb der Essstube, wo sich das Kind befand, im Gange, da das 
Schloss, welches ich putzen wollte, das äussere Schloss der zur Essstube führenden 
Thür war. Ich öffnete nun diese Thür und gab dem Kinde, welches ohne Sträuben 
trank, die Flüssigkeit aus der Flasche. Auf diesen Gedanken bin ich gekommen, 
weil das Kind sich nicht an mich gewöhnen wollte, stets weinte, wenn es die 
Köchin verliess oder ich es auf dem Arm hatte.“ 

Das Elternhaus will sie verlassen haben, weil der Vater die starke aus 
8 Kindern bestehende Familie nicht ernähren konnte, und weil er dem Bankerott 
nahe war. Dieser Gedanke habe sie sehr niedergedrückt und beschäftigt. 

Die Köchin erklärt, dass die N. Abends gar kein Schloss geputzt habe, 
dies auch nicht nöthig gehabt habe, da sie bereits Vormittags die Schlösser ge¬ 
putzt gehabt habe. 

Weshalb die N. das Kind habe umbringen sollen, dafür habe sie einen 
Grund nicht finden können. Sie war zum Kinde, ebenso wie zu allen anderen 
sehr freundlich, obgleich das Kind nicht gern zu ihr wollte, sondern lieber bei 
ihr, der Köchin, war. 

Der Tischler E., welcher kurz zuvor in dem Zimmer, in welchem die That 
geschah, arbeitete, sagt aus, dass die N. ganz unvermittelt und ohne vorher mit 
ihm gesprochen zu haben, an ihn die Frage richtete: „kann man sich mit Oleum 
vergiften?“ was er bejahte, worauf sie erwiderte: „das Mädchen sagt, mit Oleum 
kann man sich nicht vergiften“, worauf er verwundert sie fragt: „Sie wollen 
sich doch nicht etwa vergiften?“ und sie: „i bewahre, fällt mir gar nicht ein.“ 

Frau D., ihre frühere Herrschaft, giebt ihr das Zeugniss der Lügenhaftig¬ 
keit, und habe diese Eigenschaft den Bruch des Dienstverhältnisses herbeigeführt. 

Frau R., ihre Tante, kennt die Angeschuldigte nur wenig; sie besuchte sie 
während der Dienstzeit bei der D. Sie machte auf mich, sagt sie, den Eindruck 
zwar eines ordentlichen, aber doch geistig beschränkten Mädchens. Sie ersann 
sich mitunter die unglaublichsten Fabeln und trug sie vor, und wenn wir sie auf 
die Lächerlichkeit dieser Erfindungen aufmerksam machten, sagte sie, man hätte 
es ihr so gesagt. 


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Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 


231 


Nach dein Vorfälle war die N. noch bei ihr. Trotz eindringlicher Mahnung 
an sie, ein Geständniss abzulegen, wenn etwa durch ihre Unvorsichtigkeit das 
Unglück herbeigeführt worden sei, denn einer absichtlichen Giftbeibringung halte 
sie sie nicht für fähig, betheuerte sie dennoch bis zum letzten Augenblick ihre 
völlige Unschuld. 

Die Zeugin hat an dem Morgen, als der Polizeibeamte die N. aus ihrer 
Wohnung abholte, einen Krampfanfall an derselben beobachtet. Sie hörte im 
Nebenzimmer einen Fall, und als sie hinzukam, lag die N. wie im Starrkrampf 
bewusstlos an der Erde. Nach 10 Minuten kam sie wieder zu sich. 

Frau S. giebt der N. über die 5 Tage, welche sie bei ihr diente, kein 
schlechtes Zeugniss. Sie habe sich sehr freundlich gegen sie und die Kinder be¬ 
nommen, so dass sie mit ihr sehr zufrieden gewesen sei. Nach dem Unfälle 
habe sie sie aus der Lennöstrasse, woselbst sie zum Besuch gewesen sei, geholt 
und ihr mitgelheilt, es sei Besuch aus Hamburg gekommen, der nur bis Abends 
bleiben wolle, sie müsse deshalb sofort nach Haus kommen. Sio sagte dies ganz 
ruhig und blieb dabei, selbst als ihr Frau S. sagte, dass sie ihrer Angabe 
nicht glaube. 

Der Vater der N. sagt aus, dass seine Tochter in ihrem 12.—13. Jahre 
Krampfanfälle gehabt habe, die sich in den darauf folgenden Jahren sehr häufig 
wiederholten, oft täglich zweimal; später wurden sie seltener. Sie sei plötzlich 
umgefallen, habe mit den Händen um sich gegriffen, wie leblos dagelegen. Wäh¬ 
rend der Zeit, wo sie von solchen Anfällen nicht geplagt war, war sie öfter ver¬ 
stört und wie nicht bei Sinnen, so dass er öfter gegen sie heftig geworden sei 
und sie deshalb gestraft habe, bis er einsah, dass ihr körperlicher Zustand die 
Ursache sein möchte und dann von diesem Verfahren abliess. — Auch in der 
letzten Zeit hat sie ein absonderliches Benehmen gezeigt, blieb nie beständig 
bei der ihr übertragenen Arbeit, sprang z. B. von der Nähmaschine auf und 
rief: „ich steche mich todt“, wechselte häufig die Kleider, putzte sich gern, lief 
auf die Strasse, oder sie erklärte ihren Vater für einen reichen Mann. 

Dr. M. giebt an, dass er die N. wegen der beregten Krampfanfälle, die er 
selbst nie gesehen, behandelt habe, dass er eine Einwirkung derselben auf ihre 
geistige Thätigkeit nicht beobachtet habe. 

Die H. giebt an, dass sie bei den Eltern geplättet habe, einen Krampf¬ 
anfall selbst beobachtet habe, und dass sie bemerkt habe, dass an dem Morgen, 
bevor sie den Krampfanfall bekam, ihre an sie gerichteten Fragen entweder gar 
nicht oder verkehrt beantwortet habe. 

Die Gefängnisswärterin E. berichtet, dass sie innerhalb der sechs Wochen, 
die sie die N. beaufsichtigt, 2 Mal am Morgen beim Oeffnen der Zelle gesehen, 
dass die N. in Krämpfen gelegen habe. Vor dem letzten Anfall und auch sonst 
hat sie bemerkt, dass die N. äusserst zerstreut war, auf Fragen gar keine oder 
falsche Antworten gab, überhaupt ein eigenartiges Wesen hat, das sie nicht 
qualificiren kann. Für geistesgestört halte sie sie nicht; aber sie glaube, sio 
habe Heimweh und sie sei trübsinnig. In der Zelle weint sie sehr viel. Ueber 
ihre That und die Motive vermag sie keinen Aufschluss zu geben; sie will sich 
nichts dabei gedacht haben. Wenn der vorbeschriebene Zustand eintritt, habo 
sie einen ganz rothen Kopf und klage über Kopfschmerzen. 

Mir sagte dieselbe Wärterin gelegentlich einer Exploration, sie sei ihre 


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232 


Dr. C. Liman, 


fleissigste Arbeiterin. Wenn sie krank werde, lasse sie ihre Arbeit liegen und 
sei zerstreut, verlege die Sachen u. dgl. 

Exploration. 

Die N. ist ein 20 jähriges, bleiches, schwächliches Mädchen, an der Körper¬ 
oder Schädelverbildungen nicht auffallen. Ueber erbliche Anlage zu Geisteskrank¬ 
heiten ist nichts eruirt. Ihr Benehmen ist schüchtern, sanft, bescheiden. Sie 
weint leicht, spricht leise. Ihre Antworten erfolgen prompt, aber sind häufig 
nicht zutreffend. Sie versteht offenbar die Frage nicht, und ist deshalb eine 
Unterredung schwer mit ihr zu führen. Eine Frage muss oft mehrmals wieder¬ 
holt und ihr deutlich gemacht werden, ehe sie den Sinn erfasst. Auf die incri- 
minirte Handlung gebracht, vermag sie keine Auskunft zu geben, und ist nicht 
mit Sicherheit zu ermitteln, was sie in Bezug auf dieselbe aus wirklich eigener 
Erinnerung anführt, oder als Ergebniss des ihr nachträglich und durch die 
Verhöre Mitgetheilten. Man kommt in dieser Beziehung selbst nach den viel¬ 
fachsten Bemühungen immer nicht weiter. „Ich weiss nicht“, „ich habe das 
Kind ja nicht vergiften wollen“, „ich habe mir nichts dabei gedacht“ sind ihre 
Aeusserungen von Anfang bis zu Ende, und wenn man ihr vorhält, dass sie in 
den verschiedenen Verhören Verschiedenes als eventuellen Beweggrund angegeben 
habe, so erhält man zur Antwort, „das ist mir so gesagt worden“, oder „ich bin 
so gefragt worden“, oder „ach Gott, wie ist das nur so gekommen.“ 

Aus mehrfachen Explorationen führe ich Folgendes an: 

Wie lange sind Sie in Berlin? 

Ich bin im September hergekommen; ich habe mich nach ein Paar 
Tagen annonciren lassen und bin bei Frau D... gewesen. Ich hatte 
Heimweh, auch war mir die Sache nicht so anständig. Ich bin zu 
Haus gereist und war 4 Wochen zu Haus. Dann bin ich 31. December 
hergereist; ich hatte schon eine Stelle bei S... und bin angezogen 
am 2. Januar. 

Wie lange waren Sie da? 

Bis 6. Januar, am Freitag wurde ich verhaftet. 

Warum wurden Sie verhaftet? 

(weint) Weil ich das Kind habe von Oleum trinken lassen. Ich habe 
es in der Hand gehabt. 

Wie sind Sie darauf gekommen? 

Ich weiss es selber nicht. Es ist mir bei’m Putzen passirt; ich hatte 
solche Sehnsucht nach Haus; der Vater hatte mir gesagt, ich weiss 
nicht, wie es mit uns noch werden wird, er sollte zahlen und hatte 
das Geld nicht beisammen. Ich bin nun schon 5 Monat hier. 

Ihre Handlung hätte doch dem Kinde das Leben kosten können. 

Es ist wieder gesund geworden. Ich habe mich so darüber gefreut. 
Ich habe es ja nicht mit Absicht gethan. 

Womit denn? — Ich habe das Kind nicht umbringen wollen. Ich habe 
gar keine Absicht gehabt. Ich habe auch gar nichts weiter bei gedacht. 

Wussten Sie nicht, dass Oleum giftig ist? 

Nein, ich habe noch gar kein Oleum gekannt, ich habe damit putzen 


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Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 


wollen, und habe den Tischler gefragt, ob es Gift ist, er hat gesagt, 
es ist Gift, ich habe es aber nicht gedacht, denn mit Gift putzt man 
doch nicht. 

Haben Sie hier Krämpfe gehabt? — Ich soll sie neulich gehabt haben. 
Wenn Sie die Krämpfe bekommen, wie ist es da? — Manchmal fühle ich 
es, manchmal nicht. 

Wissen Sie dann, was Sie thun? — Das weiss ich so genau nicht. 

Wenn sie vorüber sind, wie ist es dann? — Bin ich matt und wirr im Kopf. 
Wie lange? — Das weiss ich nicht. 

Haben Sie den Tag, wo Sie das thaten, Krämpfe gehabt? 

Ich bin unwohl gewesen. Ich sagte, ich habe Kopfschmerzen; sie 
sagten, Ottilie du bist krank. Ich sagte, ich habe blos Kopfschmerzen. 
Haben Sie an dem Tage oder vorher die Krämpfe gehabt? 

Das kann ich nicht sagen, das weiss ich nicht, den andern Tag habe 
ich sie bei der Tante gekriegt. 

Wissen Sie denn gar nicht, was in Ihnen vorgegangen ist, als Sie dem 
Kinde Oleum gaben. Was wollten Sie denn? 

Mich war Nachmittag so angst, ich weiss selbst nicht, was ich war, so 
gelähmt, ich dachte immer zu Haus. 

Na und? — Ich weiss weiter nichts. Die Tante sagte Donnerstag, dass 
ich so schlecht aussehe. 

In welchem Zusammenhang stellt denn das nach Haus Denken mit dem 
Eingeben von Oleum? 

Ich hatte solche Angst den Tag. Ich habe noch genäht. Der Vater 
sagte, als ich abreiste, na Ottilie, den 3. Januar muss ich das Geld 
zahlen, ich weiss nicht, wie es wird. Ich dachte, ach Gott, die Eltern, 
die Geschwister. Da ist gewiss Alles zugemacht worden. So ist es 
schon am Tage gewesen. 

In welcher Verbindung steht das aber mit der Vergiftung des Kindes? 

Ich habe das Kind ja nicht vergiften wollen (weint). 

In welcher Verbindung steht das mit Ihrer That? 

Ich habe mich nichts dabei gedacht. 

Was hatten Sie denn für einen Zweck? 

Ein Zweck habe ich nicht gehabt, ich reichte ihm eine Puppe, weil 
es weinte, und da habe ich die Flasche in der Hand gehabt und 
ihm gegeben. 

Haben Sie es beruhigen wollen? 

Nein, ich habe mich gar nichts bei gedacht. 

Sie haben ja aber vorher noch gefragt, ob Oleum Gift ist. 

Ja, weil ich putzen wollte. 

Es ist Ihnen ja aber gesagt worden, dass es Gift ist. 

Da habe ich gar nicht dran gedacht. 

Es war ja aber kurz vorher? — Eine Stunde sagt der Rath. 

Wissen Sie denn nicht selbst, dass und wann Sie gefragt haben? 

Ich habe es erst nicht gewusst, habe aber ja gesagt, als man es mir sagte. 
Sie wissen doch sonst, was Sie um diese Zeit gethan haben? 

Das ist mir so gesagt worden. Es ist so verhört worden. 


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234 


Dr. C. Li man. 


Es liat aber Niemand bemerkt, dass sie abwesend, ich meine von Sinnen 
gewesen sind? 

Es war ja Niemand da, als die Köchin. 

Nun, sehen Sie wol, Sie wissen doch also, dass Niemand da war. Sie 
waren also nicht ohne Bewusstsein. 

Ja, das weiss ich. 

Ihre Handlung war also ganz zwecklos. 

(weinend) Ich habe mich nichts bei gedacht. Ich habe Kinder so gern. 
Ich könnte auch heut wieder zu den Leuten gehen und mich nach dem 
Kinde erkundigen. 

Glauben Sie, dass sie Sie annehmen? 

Das weiss ich nicht, ich habe geschrieben. 

Was denn? — Wie es geht, und dass es meine Absicht nicht gewesen. 
Was haben Sie denn da gesagt, warum Sie es gethan haben? 

Ich weiss nicht mehr, was ich alles geschrieben habe. 

Wollen Sie wieder zu Kindern gehen? — Ja. 

Was meinen Sie denn, dass aus Ihnen wird? 

Ich denke, ich bekomme eine Strafe. 

Haben Sie die nicht verdient? 

Ich habe es nicht mit Muthwillen gethan, aber darum, weil das Kind 
hat so viel leiden müssen, denn es ist mir gesagt, dass es so brennt. 
Ich lernte hier bei Einer Handschuhe häkeln und die hat mir gesagt, 
ach Jott, Oleum das brennt, da hat das Kind viel Schmerzen gehabt, 
und da habe ich gehört, dass es brennt. 

Wussten Sie nicht vorher, dass es brennt? 

Nein, ich habe es ja nicht vorher gekannt. Bei uns wird damit nicht 
geputzt, da nehmen wir trocknes Pulver und Wasser und Spiritus. 
Spiritus brennt doch auch? — Ja, wenn man es ansteckt. 

Was haben Sie gelernt? 

Ich kann Maschine nähen und zu Haus habe ich helfen die Wirthschaft 
besorgen und bunt gestickt. 

Haben Sie Schulkenntnisse? 

Nein, ich habe drei Jahre nicht die Schule besuchen dürfen, blos 
Religionsstunden habe ich mitnehmen dürfen. 

Warum haben Sie die Schule nicht besuchen dürfen? 

Wegen Krämpfe und Bleichsucht. Das Lernen hat mich so angegriffen. 
Sie haben ja Schreiben gelernt? 

Ja, so viel, dass ich selbst mich geübt habe. 

Auch Lesen und Rechnen? 

Rechnen kann ich nicht, ich vergesse immer. 

3X7? — 21. 

3X21? — 63. 

3X63? — (langes Besinnen) 174. 

3X65? — 120. 

Wenn Sie für ein Hemde zu nähen 2 Mark 50 Pf. erhalten, was erhalten 
Sic für 6 Hemden? — — Darf ich mir das nicht aufschreiben? 

Hier ist Papier. — (rechnet lange) 12 Mark. 


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Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 


2ob 


Wovon ist Berlin die Hauptstadt? — Weiss ich nicht. 

Wie heisst der König? — Weiss ich nicht. 

Ist er alt oder jung? — Ich kenne ihn nicht, ich kenne blos unsern Herzog. 

Wie heisst Ihr Herzog? — Friedrich. 

Wovon ist der Herzog? — Der ist bei uns in Dessau. 

Zu welchem Lande gehört Dessau? — (Schüttelt den Kopf.) 

An welchem Fluss liegt Dessau? — An der Mulde. 

Und Berlin? — Weiss ich nicht. Ich weiss hier noch gar keinen Bescheid 
weiter. 

Also von Ihrer That wussten Sie nachher nichts? 

Nein. Ich habe es erst nacher erfahren, als es mir zugesagt wurde, 
und ich sah, dass meine Schürze schmutzig war. Ich erklärte es mir 
durch die Krämpfe, weil man mir zu Haus gesagt hatte, dass ich das 
und das hätte thun wollen. Ich weiss nur, dass mir so angst war; 
ich sollte Nachricht von Haus haben und habe keine gekriegt. Ich habe 
so oft gedacht: ach Jott, wie ist das nur so gekommen. 

Gutachten. 

Abgesehen von der ganzen Erscheinung der N., ihrem sanften 
und bescheidenen Wesen, sind es zwei Momente, welche dem Richter 
Bedenken einflössen müssen und auch eingeflösst haben gegen die 
Zurechenbarkeit der ihr incriminirten Handlung, das untadelhafte Vor¬ 
leben und die anscheinende Motivlosigkeit der That. 

In ersterer Beziehung ist Nachtheiliges gegen sie nicht eruirt; 
sogar Frau S. giebt ihr ein günstiges Zeugniss, ebenso die Gefängniss- 
wärterin, und was das Motiv betrifft, so ist nichts zu Tage gekommen 
trotz der vielfachen Bemühungen des Herrn Untersuchungsrichters, wie 
meinerseits, was einigermassen, auch vom Standpunkte der Angeschul¬ 
digten aus, als plausibel erachtet werden könnte. 

Denn die Ueberzeugung der hiesigen Criminal-Commission, dass 
die N. sich selbst habe vergiften und mit dem Kinde zunächst einen 
Versuch über dessen Wirkung habe anstellen wollen, hat sich durch 
die weiteren Erhebungen wie durch die Exploration als hinfällig er¬ 
wiesen, und ebenso ist das Motiv der Rache oder der Eifersucht, weil 
das Kind sich nicht habe an sie gewöhnen wollen und stets geweint 
habe, wenn die Köchin fortgegangen sei, ein anscheinend suppeditirtes, 
wenigstens durch die Zeugenaussagen nicht bestätigtes, da von einer 
anderweiten schlechten Behandlung des Kindes durch die Angeschul¬ 
digte nichts bekannt geworden ist; auch ist sie bereits im zweiten 
Verhör gar nicht mehr auf dieses Motiv zurückgekomrnen, sondern 
führt an, dass ihr unter dem Drucke wchmüthiger Vorstellungen und 
Gedanken über die traurige Lage ihrer Eltern und Geschwister wirr 


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Dr. C. Li man, 


23(5 

ira Kopf geworden sei, so dass sie keine volle Erinnerung an die 
That habe und keine genügende Aufklärung über die sie leitenden 
Beweggründe geben konnte. 

Dieser Umstand, sowie die Anzeige des Vaters der N., dass seine 
Tochter seit ihrem 13. Jahre an Epilepsie leide, und dessen gericht¬ 
liche Aussage, dass dieselbe auch während der Zeit, wo sie von den 
Anfällen nicht geplagt war, öfter verstört und wie nicht bei Sinnen 
gewesen, veranlassten ihre Exploration. 

Es ist nun als festgestellt zu erachten, dass die N. in der Tha| 
epileptisch ist, denn derartige Anfälle sind vier, von der sie jetzt 
unter Aufsicht habenden Wärterin zwei beobachtet worden. 

Die Anfälle selbst sind nicht ohne gleichzeitige psychische Affection. 
Auch dies bekundet die Wärterin, welche angiebt, dass die Explorata 
vor den Anfällen „äusserst zerstreut“ sei, gar keine oder confuse Ant¬ 
worten gäbe. 

Aber auch in der intervallären Zeit ist die N. offenbar patholo¬ 
gisch und auch zur Zeit der That krankhaft afficirt gewesen. 

Es haben, wie so überaus häufig, die epileptischen Anfälle einen 
schwächenden Einfluss auf die Hirnenergieen gehabt. Sie ist zurück¬ 
geblieben in der Schule, sie leidet Noth an Gedächtniss und Urtheil. 

Es ist in dieser Beziehung besonders hervorzuheben, dass sie gar 
kein Verständnis von der Schwere der von ihr begangenen That hat, 
vielmehr meint, dass, da dem Kinde nichts geschehen, es auch nun 
wieder gut sei. Als ich sie eines Tages weinend in ihrer Zelle fand 
und nach dem Grunde fragte, antwortete sie mir: „ich will nun wieder 
nach Haus, ich bin ja nun schon fünf Monat hier.“ Es kann dagegen 
nicht geltend gemacht werden, dass sie ja ein andermal gesagt hat, 
„sie denke, sie werde Strafe bekommen, weil das Kind so viel habe 
leiden müssen“, denn auch dies ist ihr wieder von einer Genossin 
suppeditirt. Aus eigenem Urtheil hat sie es nicht, wie sie ja gleich¬ 
zeitig anführte. 

Abgesehen von dieser Verstandesschwäche ist aber auch eine 
Gemüthsschwäche jetzt und zur Zeit der That vorhanden gewesen. 

Sie ist trübsinnig und deprimirt, weint viel, und die Wärterin 
sagt, dass sie glaube, dass sie Heimweh habe. 

Auch zur Zeit der That trug sie sich mit trüben Gedanken an 
ihre Familie. „Ach Gott, was wird aus den Eltern und Geschwistern. 
Es ist gewiss Alles geschlossen worden.“ 

Es ist nicht constatirt, ob wirklich der Vater so in Schulden 


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Schwere Körperverletzung. Epilepsie. 


23? 


steckte, dass eine Katastrophe über der Familie in Aussicht stand; 
aber selbst wenn dies der Fall war, so ist nicht zu verkennen, dass 
Explorata abnorm auf die damit verbundenen psychischen Eindrücke 
reagirte. Dies beweisen die nach dieser Richtung hin vor dem Unter¬ 
suchungsrichter gemachten Aeusserungen, wie die mir gegenüber ge¬ 
gebenen Antworten. 

Eine Erklärung nun für die incriminirte That aus den bekannt 
gewordenen Thatsachen zu finden, ist mir nicht möglich gewesen. 

Dass Explorata zur Zeit der That bewusstlos gewesen, ist nicht 
festzustellen, namentlich weil nicht festzustellen, was sie wirklich aus 
eigener Erinnerung reproducirt und was von ihren Angaben ihr von 
Anderen mitgetheilt ist. Sie ist zu wenig geistig entwickelt, um dies 
auseinander zu halten. 

Es wäre möglich, dass ein sog. epileptischer Shock Vorgelegen 
hat, wie in der Literatur Fälle ähnlicher Art bekannt gemacht sind. 
Ein epileptischer Richter erhebt sich von seinem Stuhl in der Audienz, 
schlägt an der Wand des Saales sein Wasser ab, setzt sich wieder, 
präsidirt weiter, und weiss nicht, was er gethan hat. Ein epileptischer 
Arbeiter geht, ein Messer in der Hand, ein Butterbrod essend, über 
die Strasse, sticht mit dem Messer einen Vorübergehenden in den Bauch, 
schneidet sein Butterbrod weiter, weiss nicht, was er gethan hat, u. s. w. 

Es würde dieser Fall den genannten ohne Weiteres anzureihen 
sein, wenn — nicht eine incriminirte, sondern eine harmlosere Hand¬ 
lung vorläge, welche in solchen Schlussfolgerungen zu doppelter Vor¬ 
sicht mahnte. 

Aber wenn auch diese Erklärung nicht angenommen wird, so 
bleibt doch das bestehen, dass die Exploranda sich jetzt und zur Zeit 
der That in krankhafter Störung der Geistesthätigkeit befand, welche 
nicht zu lange einem epileptischen Anfalle voraufging, der bei ihrer 
Tante zum Ausbruch kam, ein Zustand, welcher dem durch die Wärterin 
bekundeten analog gewesen ist und als Verwirrung bezeichnet werden 
kann. Ein solcher Zustand aber schliesst die freie Willensbestim¬ 
mung aus. 

Ich begutachte demnach: 

dass die N. sich zur Zeit der That in krankhafter Störung 
der Geistesthätigkeit befand, durch welche die freie Willens¬ 
bestimmung ausgeschlossen war, und dass sie auch jetzt noch 
sich in krankhafter Störung der Geistesthätigkeit befindet. 


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2 . 

Eifersucht oder Geisteskrankheit? 

Motivirtes Gutachten 


von 

Dr. v. Ludwiger, 

Director der Prov.-Irrenanstalt zu Plagwitz. 


Geschichtliches. 

Der am 18. Juni 1881 der hiesigen Anstalt zngeführte Hausbesitzer G. Jn. 
ist ein 42 Jahre alter Mann von über mittelgrosser, 1,72 Meter messender, pro¬ 
portionaler Statur, kräftiger Musculatur und nur massigem Fettansatz. Sein mit 
schwarzen Haaren besetzter Schädel ist regelmässig gebaut, die Gesichtsbildung 
ohne besondere £igenthümlichkeiten. Die blaugrauen Augen haben einen etwas 
umflorten, die Gesichtszüge häufig einen etwas stupiden, argwöhnisch spähenden, 
missmüthigen Ausdruck, welcher zu Zeiten jedoch dem einer fröhlichen Heiterkeit 
weicht. Das Minenspiel ist ziemlich lebhaft und macht sich dabei häufig, zumal 
wenn die Unterhaltung lebhafter wird und Affecte anregt, ein deutlich sichtbares 
und starkes Zucken der Gesichtsmuskeln bemerkbar, welches auch der Sprache 
sich mittheilt und ihr einen vibrirenden und häsitirenden Charakter verleihen 
kann. In ruhigeren Zeiten wurde indessen die Zunge gerade und prompt hervor¬ 
gestreckt und ist ein auffälliges Zittern dann an ihr nicht wahrzunehmen. Die 
Pupillen sind andauernd bis zur Stecknadelkopfgrösse verengert und nur wenig 
beweglich. Die Sinnesfunctionen sollen im Allgemeinen ungestört sein. Die 
Gesichtsfarbe hat einen bräunlichen Ton. Die Schleimhäute sind etwas blass. 
Der Hals ist in seiner unteren Hälfte durch mässige Kropfbildung etwas ver¬ 
breitert. Der Brustkasten ist ziemlich gut gebaut, nur springen die kräftigen 
Schlüsselbeine etwas stark hervor. Die Athmungsgeräusche und die Herztöne 
sind nur leise zu hören; indessen lassen sich weder an den Organen der Brust, 
noch an denen des gut gebauten Leibes auffälligere Abweichungen von der Norm 
nachweisen. Die Musculatur an den Extremitäten ist kräftig entwickelt und 
von straffer Spannung; am linken Oberschenkel ist eine Hautnarbe, von einem 
früheren Abscess herrührend, und in der Gegend der rechten Kniescheibe eine 
längere, streifenförmige Narbe sichtbar, welche von einer vor langen Jahren 
beim Grasmähen erhaltenen Verletzung durch einen Sensenhieb zurückgeblieben 
sein soll. Die körperlichen Verrichtungen gehen im Ganzen regelmässig von 
Statten; nur ist der Stuhlgang zuweilen etwas träge und der Schlaf, indessen 
nur selten, gestört. 

Dagegen klagt Jn. auf Befragen über andauerndes Schwächegefühl, über 
öfteres Zittern und Kälte in den Beinen, welche Empfindungen sich vornehmlich 
beim Arbeiten im Freien einstellen sollen, sowie über häufige ziehende Schmerzen 
im Leibe und in den Gelenken der Glieder, und giebt an, dass er daran schon 
seit Jahren leide, insbesondere seit dem französischen Feldzuge, wennschon er 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


239 


während desselben niemals krank gewesen sei, dass er früher ausserdem an Urin¬ 
beschwerden gelitten habe, seit jener Zeit fortwährend eine Leibbinde trage, 
Leib und Beine immer möglichst warm halten müsse und zu schweren Arbeiten 
nicht mehr brauchbar sei. Grössere Krankheiten habe er, soweit er sich erinnern 
könne, nicht durchgemacht, und seien die genannten Beschwerden wol nur als 
Folgen von Erkältungen anzusehen, denen er in seinem früheren Berufe als 
Müller häufig ausgesetzt gewesen sei. Er hat hier gegen diese Beschwerden Ein¬ 
reibungen und eine Zeitlang warme Bäder gebraucht; später wurden dieselben 
eingestellt, da ihm dadurch nur vorübergehend einige Erleichterung, aber keine 
dauernde Heilung gebracht werden könne. — In geistiger Beziehung hält er sich 
für vollkommen gesund, bestreitet entschieden überhaupt jemals geisteskrank ge¬ 
wesen zu sein, und ist der Ansicht, dass an seiner Unterbringung in hiesiger 
Anstalt nur seine Frau und seine Brüder Schuld seien. 

Jn. stammt aus einer Familie, in welcher Nerven- oder Geisteskrankheiten 
bisher nicht vorgekommen sein sollen. Sein Vater, Müllermeister zu H., ist todt, 
seine Mutter lebt bei dem ältesten Bruder. Ausserdem hat er noch drei Brüder 
und zwei Schwestern. 

Ueber seine geistige und körperliche Entwicklung und über seinen Lebens¬ 
gang ist in den Acten nur wenig mitgetheilt. Danach wie nach den Berichten 
seiner Frau und nach seinen eigenen Mittheilungen, welche letzteren, insbe¬ 
sondere bezüglich der zeitlichen Fixirung, zwar etwas unsicher, im Ganzen je¬ 
doch Vertrauen erweckend sind, ist Jn. am 6. December 1839 in H. geboren, 
evangelischer Religion, hat die dortige Dorfschule mit gutem Erfolge besucht' 
und dann bei seinem Vater die Müllerei erlernt. In den Jahren 1860—1863 
hat er der Militärpflicht genügt und später sowohl an dem Feldzuge gegen 
Oesterreich, als auch an dem gegen Frankreich Theil genommen. Bald nach 
dem österreichischen Feldzuge kaufte er unweit H. die Mühle in N., heirathete 
im Jahre 1867 seine noch lebende Frau, eine Schwester seines Schwagers K., 
und lebte dortselbst bis zum Jahre 1879, in welchem er die Mühle verkaufte, 
nach H. zog und dort ein Haus mit etwas Gartenland erwarb, von dessen Miethe 
und Erträgnissen er seinen Lebensunterhalt bestritt. Er hat in der Ehe 7 Kinder 
erzeugt, von denen zur Zeit anscheinend noch 4, 2 Knaben im Alter von je 12 
und 3, und 2 Mädchen im Alter von je 10 und l 3 / 4 Jahren am Leben sind. 

Seine Geisteskrankheit scheint sich ganz allmälig als krankhafte Eifersucht 
entwickelt und schliesslich in dem fast isolirt für sich dastehenden Wahne der 
Treulosigkeit seiner Frau concentrirt zu haben. Die Frau, deren Ruf in dieser 
Hinsicht von Niemandem angegriffen oder verdächtigt worden ist, berichtet, dass 
Jn. schon von Anbeginn ihrer Bekanntschaft an sehr eifersüchtig gewesen sei, 
sie zur Rede gestellt und ihr Vorhaltungen und Vorwürfe gemacht habe, wenn 
sie mit anderen Männern nur ein Paar Worte wechselte oder zufällig ihnen nach¬ 
sah, dass sie sich jedoch immer in ihn zu schicken gewusst, und dass ihre Ehe 
in den ersten 10 Jahren doch eine ganz glückliche gewesen sei. Er habe damals 
— weit mehr wie in den letzten Jahren — an Unterleibsbeschwerden und häufig 
an Nasenbluten gelitten, sei schon bei geringfügigen Verletzungen ohnmächtig 
geworden und habe somit öfters ihrer Sorge bedurft, die sie ihm auch jeder Zeit 
gern gewidmet. Erst seit Ende 1877 sei es schlimmer geworden. Er habe sie 
seitdem, damit sie mit den Käufern nicht mehr zusammen kommen könne, ganz 


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240 


t)r. v. Ludwiger, 


aus dem Geschäft genommen, sie auf Schritt und Tritt begleitet, sie, sobald sie 
auch nur kurze Zeit nicht in seiner Nähe gewesen, sofort im Verdacht der Treu¬ 
losigkeit gehabt, habe in seinen Anfällen von Eifersucht sich bis zu Handgreif¬ 
lichkeiten hinreissen lassen, damals oft den in S. wohnenden Pastor R. mit 
Besuchen und Scheidungsanträgen belästigt und sie so schlecht behandelt, dass 
schon im Jahre 1878 sein Geisteszustand von dem dortigen Kreisphysikus Dr.R. 
untersucht und seine Aufnahme in die Irren-Heilanstalt zu L. beantragt wurde. 
Da man indessen seine Geisteskrankheit für unheilbar hielt, so wurde dieser An¬ 
trag abgelehnt und die Sache vor der Hand vertagt, zumal er bald darauf die 
Mühle verkaufte und seinen Aufenthalt nach H. verlegte. 

Sein Verhalten gegen die Frau blieb sich indessen im Wesentlichen gleich; 
nur nahm seine geschlechtliche Erregtheit und seine Eifersucht noch mehr und 
mehr zu; er liess die Frau fast keinen Augenblick mehr allein, quälte und 
peinigte sie so sehr und gerieth alle 2 bis 3 Wochen immer nur aus diesem, ihn 
mehr und mehr beherrschenden Wahne der Treulosigkeit in stundenlange Anfälle 
von solcher Wuth und Tobsucht, dass er sie dann mit den heftigsten Schimpf¬ 
reden überhäufte, sie schlug, mit gehobener Axt auf sie eindrang und seine 
ganze Umgebung in Angst und Schrecken setzte und somit seines gemeingefähr¬ 
lichen Gebahrens wegen schliesslich der hiesigen Anstalt übergeben werden 
musste. Hervorgehoben wurde übrigens in dieser Beziehung in einem späteren 
Briefe der Frau, dass er sich fast nur ihr gegenüber so widersinnig, so reizbar 
und so gemeingefährlich benahm, in Gesellschaft Fremder dagegen meist nach 
wie vor ganz bescheiden und verständig auftrat. 

Eine besondere Ursache für die Entstehung dieser krankhaften Vorstellungen 
konnte nicht ermittelt werden, und Herr Kreisphysikus Dr. R. wiederholte noch 
erst bei seiner Vernehmung vor dem Amtsgerichte zu G. am 21. August d. J. 
von Neuem, wie er genau habe constatiren können, dass die Frau keinen Anlass 
zu der Eifersucht gegeben hätte. 

Hier betrug sich Jn. von Anfang an bescheiden, äusserlich ruhig und im 
Allgemeinen den Umständen angemessen, insofern er, trotzdem er sich selbst für 
vollkommen geistesgesund erachtete, doch ohne Widerstreben dem Oberwärter 
nach der Krankenabtheilung folgte, sich den Vorschriften der Hausordnung willig 
unterwarf und schon bald nach seiner Aufnahme an den hiesigen Gartenarbeiten 
sich betheiligte, eine Beschäftigung, welcher er seitdem bis Anfang December v. J. 
zwar etwas langsam, aber regelmässig und zweckentsprechend oblag. Er klagte 
damals wieder mehr über die oben erwähnten körperlichen Beschwerden, ge¬ 
brauchte täglich warme Bäder, erschien auch etwas reizbarer und missmüthiger, 
äusserte endlich wiederholt hinter dem Rücken, dass das Vorhandensein seiner 
geistigen Gesundheit schon lange hätte festgestellt werden müssen, dass nicht er, 
wol aber seine Begleiter, die ihn hierher gebracht, seine Frau und seine Brüder 
geisteskrank seien, dass diese an seiner Statt hier eingesperrt werden müssten, 
stellte mehrmals dahin gehende, allem Anschein nach nicht etwa ironisch, son¬ 
dern ganz ernsthaft gemeinte Anträge, verlangte von den Aussenarbeiten fernerhin 
verschont bleiben zu dürfen — und hat sich seitdem nicht blos im Winter, son¬ 
dern auch diesen ganzen Sommer hindurch davon ferngehalten und lieber in 
Gesellschaft mehr stumpfsinniger Pfleglinge beim Federnschieissen gemächlich in 
der Stube verweilt. Seine Körperpflege besorgte er selbständig und sah immer 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


241 


sauber und ordentlich aus. Mit seiner Umgebung verkohrte er möglichst wenig 
und promenirte während der Erholungsstunden im Garten auch meist für sich 
allein, etwas geneigten Hauptes und anscheinend eigenen Gedanken nachhängend, 
langsam auf und ab gehend. Komischen Scenen, die sich in seiner Nähe ab¬ 
spielten, schenkte er jedoch seine Aufmerksamkeit, konnte von Herzen in das 
Lachen der Anderen einstimmen, und nahm auch gern an den täglichen Spazier¬ 
gängen einiger Pfleglinge in die schöne Umgegend, wie an den Festlichkeiten 
der Anstalt, wenn auch an letzteren mehr passiv, Theil. 

Auffallend erschien an ihm von Anfang an und zumal in der ersten Zeit 
seines hiesigen Aufenthalts, abgesehen von dem schon erwähnten starken Zucken 
der Gesichtsmuskeln, der zitternden Sprache und einer anscheinenden Befangen¬ 
heit bei den ärztlichen Unterredungen, vor Allem die Langsamkeit und Peinlich¬ 
keit seiner Antworten ur.d die argwöhnische Zurückhaltung und grosse Indolenz, 
welche sich überall und gerade dem Unterzeichneten Director gegenüber geltend 
machte. Er trat nie aus eigener Initiative mit einem Wunsche hervor, sondern 
überliess es ganz dem Arzte, ob er ihm bei den täglichen Besuchen seine Auf¬ 
merksamkeit zuwenden wollte oder nicht, und gab auf Fragen, welche sein ehe¬ 
liches Leben betrafen, immer nur so oberflächliche und unbestimmte Antworten, 
dass man für lange Zeit daraus nur auf das Fortbestehen seines Misstrauens 
gegen die eheliche Treue seiner Frau schliessen, nicht aber Aufschluss über die 
Gründe dieses Misstrauens erhalten konnte. Streitigkeiten seien wol zuweilen, 
vornehmlich in letzter Zeit, zwischen ihm und seiner Frau vorgekommen, doch 
seien dies solche gewesen, wie sie in jeder Ehe vorkämen; auch hätte sich die 
Einigkeit leicht wieder herstellen lassen, wenn nicht andere Leute, namentlich 
seine Brüder und insbesondere der Bruder R., sich hineingemengt und seiner 
Frau den Kopf verdreht hätten. Er habe bald gemerkt, dass sie mehr dessen 
als seinen Wünschen gehorsam, dass ihr Verhältniss zu einander intimer ge¬ 
wesen, als es zwischen Schwager und Schwägerin sein solle; er habe daher ver¬ 
langt, dass sie nicht mehr mit einander verkehren sollten, und seien hauptsäch¬ 
lich nur dadurch, dass seine Frau dies nicht beachtet, immer wieder Aergernisse 
und Verdriesslichkeiten entstanden. Er habe ihr kein Leid zugefügt und von 
ihr nur das verlangt, was jeder Mann von seiner Frau fordern könne. Man möge 
nur seine Brüder und die Leute aus N. und H., womöglich gerichtlich, vernehmen 
lassen, dann werde man schon die Wahrheit und auch erfahren, ob er jemals 
etwas Irrsinniges gesprochen oder gethan habe. Wenn also Jemand in ein Irren¬ 
haus gehöre, so seien vor allen Anderen diejenigen dazu geeignet, welche ihm 
dazu verholfen hätten, die Frau und die Brüder und seine Begleiter. 

Auf die Frage, worin denn nun aber der intime Verkehr zwischen dem 
Bruder R. und seiner Frau bestanden, oder ob er je gesehen oder erfahren, dass 
letztere unerlaubten Umgang mit irgend einem Manne gehabt habe, antwortete 
er immer nur ausweichend oder in der Weise, dass er selbst sie zwar nicht dabei 
betroffen habe, dass für eine solche Annahme aber aller Grund vorhanden sei, 
dass er darüber nichts weiter sagen könne, dass aber die Frau und die Brüder 
und andere Leute bessere Auskunft würden darüber geben können, — und auf 
den Vorhalt, wie alle Welt ja eben behauptete, dass er ganz ohne jeden Grund 
Misstrauen gegen seine Frau gehegt, dass letztere sich Nichts habe zu Schulden 

Vierteljahrssehr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. iß 


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Dr. v. Ludwiger, 


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kommen lassen und dass man seine darauf bezüglichen Vorstellungen daher nur 
für krankhafte Einbildungen, für Wahnideen und ihn selbst für geisteskrank halten 
könne, — dass er darauf Nichts zu erwidern habe und alles Weitere der Ent¬ 
scheidung des Directors überlassen müsse. Dass er seiner Frau gerechten Anlass 
zu Beschwerden gegeben hätte, bestritt er zwar mit aller Entschiedenheit, be¬ 
hauptete in gespannter Erregtheit vielmehr, dass im Gegentheil er selbst gemiss- 
handelt worden sei, indessen dauerte es doch längere Zeit, bis er endlich einmal 
zur Bestätigung dieser Behauptung eine Begebenheit erzählte, die ihn im höch¬ 
sten Grade erbittert hat, und auf die er seitdem bei jeder Gelegenheit und so 
auch in dem Provokationstermine, in welchem er sie indessen theilweise mit 
einer anderen ärgerlichen Affaire vermischte, stets in gleichem Affecte zurück¬ 
gekommen ist. 

Einige Zeit nach seiner Uebersiedelung nach H., im Frühjahr 1880 näm¬ 
lich, sei er eines Prozesses wegen von einem Rechtsanwalt nach G. geladen wor¬ 
den, und an dem Tage mit seiner Frau, die er vergeblich aufgefordert, ihn dort¬ 
hin zu begleiten, in Streit gerathen, so dass die Zeit sich verzögerte, und die 
Frau in der Besorgniss, dass der Prozess deshalb verloren gehen könne, sich 
endlich selbst aufmachte und nach G. voranging. Da er jedoch inzwischen über¬ 
legt, dass dieselbe allein dort nichts ausrichten könnte, so sei er ihr nach¬ 
gegangen , habe sie an einer Brücke kurz vor G. eingeholt, sie nach heftigem 
Wortwechsel ihres Ungehorsams wegen nach Hause geschickt und dann selbst 
den Termin in G. abgemacht. Als er nach Hause zurückgekehrt, habe er seine 
Frau auf dem Acker seines Bruders R., welcher dem seinigen ganz nahe gelegen 
sei, mit seiner Schwägerin bei ländlichen Arbeiten beschäftigt an ge troffen und 
ihr befohlen, sofort nach Hause zu kommen, damit sie das Essen besorge; denn 
da er beim Fortgange die Schlüssel der Wohnung mitgenommen, habe er wol 
gewusst, dass Nichts bereitet war. Trotzdem habe es jedoch lange gedauert, 
bis sie endlich gekommen, und alsbald hätten sich auch seine Brüder D. und R. 
eingefunden. Er habe nun der Frau Vorhaltungen darüber gemacht, dass sie 
wieder beim Bruder R. sich verweilt und ihn habe warten lassen. Sie habe da¬ 
gegen sich vertheidigt und sei dabei sogleich von beiden Brüdern, welche ihm 
vorwarfen, dass er sie von der Wohnung ausgeschlossen gehabt hätte, eitrigst 
unterstützt worden. Dies habe ihn um so mehr verdrossen, als ihm das vertraute 
Verhältniss seiner Frau zum Bruder R. schon lange aufgefallen wäre; ein heftiges 
Wort hätte das andere hervorgelockt und so sei es endlich zu Thätlichkeiten 
zwischen ihm und seinem Bruder R. gekommen, wobei D. und seine Frau 
R.’s Partei genommen und so es ermöglicht, dass letzterer ihn anspie, ihn am 
Barte riss, misshandelte und aus der eigenen Wohnung hinauswarf. Dieser Auf¬ 
tritt habe selbstverständlich ihn aufs Tiefste erbittert und seinen Verdacht um 
so mehr gesteigert und zu voller Ueberzeugung erhoben, zumal seine Frau auch 
nach diesem Vorfälle noch und trotz seiner strengen Verbote mit R. und D. ver¬ 
kehrte. Für ihn sei es daher eine ausgemachte Thatsache, wie er dies auch im 
Provokationstermine wiederholt hat, dass sein Bruder R. und seine Frau uner¬ 
laubten geschlechtlichen Umgang miteinander unterhalten hätten. Denn wie hätte 
sie sonst auf R.’s Seite sich stellen und selbst dazu beitragen können, dass er 
von ilim misshandelt wurde, und wie wäre es sonst zu erklären , dass sie auch 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


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später noch und in direktem Gegensätze zu seinen Wünschen und Befehlen den¬ 
selben aufgesucht. 

Dieser Geschichte, welche in ihren hauptsächlichen Bestandtheilen nach 
den uns gewordenen Mittheilungen wahr zu sein scheint und bis dahin allein 
von ihm zum Beweise für die Richtigkeit seiner ehelichen Zweifel angeführt 
wurde, hat er in dem gerichtlichen Termine noch zwei andere in gleicher Ab¬ 
sicht angefügt, die hier auch noch besprochen werden sollen. Indessen seien 
doch vorher noch einige Verhältnisse erwähnt, welche eben schon vorher beob¬ 
achtet worden waren und für die Beurtheilung seines Geisteszustandes nicht 
unwichtig sind. Es beziehen sich dieselben auf sein Verhalten theils gewissen 
Aeusserungen seiner Umgebung gegenüber, theils in Bezug auf brieflichen und 
persönlichen Verkehr seinen Angehörigen gegenüber. 

So war es in ersterer Hinsicht recht auffallend, dass Jn., der ja über seine 
persönlichen Verhältnisse so gute Auskunft zu ertheilen wusste und im Ganzen 
so verständig sich benahm, mehrere Male gewisse harmlos gemeinte Scherze eines 
Spassvogels, welche ungefähr dahin gingen, dass er nur deshalb in das Irrenhaus 
gesteckt worden, damit seine Frau nun ungehindert mit anderen Männern sich 
amüsiren könne, ebenso wie die auf lockere Frauenzimmer gemünzten, durchaus 
verworrenen Schimpfereien eines andern Mitkranken, dessen geistige Störung von 
seiner übrigen Umgebung im Ganzen richtig beurtheilt wurde, ganz ernsthaft 
aufnahm, daraus ganz thörichte Schlüsse zog, wie dass jene Leute ihm vor 
Gericht als Zeugen dienen könnten, und endlich so darüber sich aufregte, dass 
er nach einer anderen Abtheilung versetzt und von jenen Beiden möglichst fern¬ 
gehalten werden musste. — Auch hatte es den Anschein, als ob er einzelne Per¬ 
sonen in seiner Umgebung verkannte, insofern er in ihnen mit mehr oder minder 
Bestimmtheit Leute wiederfinden wollte, bei denen er während des österreichi¬ 
schen Feldzugos im Quartier gelegen hätte, wiewohl nach Lage der Umstände 
diese Behauptungen entweder keineswegs zutreffend oder höchst unwahrschein¬ 
lich erschienen. 

Briefe an seine Angehörigen, einen an den Bruder D. vom 20. Juli v. J., 
etwa ein Monat nach seiner Aufnahme, und zwei an die Frau Ende Januar und 
Anfang Juni d. J., hat er . nie aus freiem Antriebe, sondern immer erst auf ge¬ 
gebenen Anlass und wiederholte Aufforderung und nach längerem Zögern ge¬ 
schrieben: „er wisse nicht, was er schreiben solle, wenn es aber befohlen 
würde, so werde er es thun.“ Die Briefe waren dann jedes Mal sehr kurz abge¬ 
fasst und nahmen fast nur auf den gerade gegebenen Anlass Bezug, wobei in¬ 
dessen in jedem Briefe an die Frau ein sonderbares Missverständniss sich kund¬ 
gab, das er auch hinterher noch ganz ernsthaft aufrecht zu erhalten suchte. So 
behauptete er also das eine Mal, als er seine Frau mit Bezugnahme auf das mit 
dem Director gehabte Gespräch zu seiner sofortigen Abholung aufgefordert, dass 
er darin ganz im Recht gewesen, weil ihm auf die Frage, was er schreiben 
solle* geantwortet worden, „er könne ja schreiben, was er wolle“, — und das 
andere Mal, als er sich darauf berufen, dass er nunmehr für geistesgesund er¬ 
achtet worden: es sei dies geschehen, weil ihm ja gesagt worden, „dass wir hier 
nichts an ihm auszusetzen hätten“, obwohl doch dabei zugleich stets hinzu¬ 
gefügt worden war, dass er sich zu Hause müsste ganz anders benommen haben, 

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t>r. v. Ludwiger, 


und dass dort seinen Reden zufolge wol bald wieder der alte Streit und Zank 
von Neuem aufgenommen werden würde. 

Besuche hat er erhalten, den ersten von seinem Bruder D. bald nach sei¬ 
nem ersten Briefe am 4. August v. J., ferner von den beiden mehrerwähnten 
Brüdern am 16. März d. J. und endlich am 19. Juni von seiner Frau. Bei dem 
ersten dieser Besuche soll er sich nach R.’s Mittheilungen ganz verständig be¬ 
tragen und dessen Mithülfe zu seiner Entlassung aus der Anstalt inständigst in 
Anspruch genommen haben, so dass derselbe am 8. August bei dem Amtsvor- 
stande zu A. den protokollarischen Antrag stellte, dass Jn. sofort in seine Hei- 
math entlassen würde — falls nicht das Bestehen einer Geisteskrankheit bei ihm 
constatirt sein sollte, was er nicht annehmen könne. Da der nicht angenommene 
Fall indessen diesseits als wirklich vorhanden hingestellt wurde, so blieb der 
Kranke vor der Hand hier. — Der zweite, am 16. März d. J. stattgehabte Besuch 
der beiden Brüder war wesentlich zu dem Zwecke unternommen worden, um noch¬ 
mals Erkundigungen über seinen Krankheitszustand einzuziehen und zugleich mit 
ihm persönlich darüber zu verhandeln, ob er etwa geneigt sein möchte, im Falle 
seiner versuchsweisen Entlassung zunächst bei dem Bruder D. in Z. zu bleiben. 
Bei diesem Besuche hat er sich nun so erregt betragen und wieder mit solcher 
Bestimmtheit von der Treulosigkeit seiner Frau gesprochen, ohne doch bewei¬ 
sende Thatsachen dafür anführen zu können, dass D. unterm 20. März der 
Direction brieflich mittheilte, wie er auf Grund seiner eigenen, bei dem Besuche 
gemachten Wahrnehmungen von seinem Anträge auf Entlassung des Bruders 
abstehen müsse, da er zu befürchten hätte, dass ihm sonst daraus die grössten 
Unannehmlichkeiten erwachsen könnten. — Der zuletzt erwähnte Besuch der 
Frau fand statt auf specielle Anregung des Unterzeichneten Directors, um zu 
sehen, ob Jn., welcher in letzterer Zeit dringender seine Entlassung aus der An¬ 
stalt verlangt hatte, der Frau gegenüber zu irgend welchen Concessionen bereit 
sein werde, sowie auch, um mit ihr über ihres Mannes Vergangenheit und Zu¬ 
kunft einmal gründlicher berathen zu können. Leider fiel jedoch dieser Besuch 
in eine Zeit, in weicher der Unterzeichnete verreist war; da indessen der Haus¬ 
verwalter und der Oberwärter für diesen Fall genügend vorbereitet waren, so 
sind doch darüber von den beiden Beamten hinreichend genaue Aufzeichnungen 
gemacht wordon. Es ergiebt sich daraus wesentlich, dass er sich beim Wieder¬ 
sehen äusserst kalt und theilnahmlos benahm, die Frau, während sich seine 
Brust stark hob und senkte, mit weit geöffneten Augen lange fixirte, ihre Fragen 
kurz und barsch beantwortete, bei Erwähnung der Kinder in so auffallender 
Weise des zuletzt gebornen gedachte, als ob dasselbe nicht ihm sein Leben zu 
verdanken hätte, dass er für seinen hiesigen Aufenthalt nur die Frau und seine 
Brüder verantwortlich machte, von ersterer geradezu verlangte, dass sie die ihm 
etwa noch zugemessene Zeit für ihn hier absitzen solle, und überhaupt deutlich 
zu erkennen gab, dass er noch unverändert an dem Gedanken ihrer Schuld fest¬ 
hielt. Die Frau fuhr dann auch mit der Erklärung ab, dass sie ihren Mann noch 
für ebenso krank halte wie früher, und sich nicht getraue, mit ihm zusammen zu 
leben. Ihre Mittheilungen über die früheren Gesundheits- und Lebensverhältnisse 
ihres Mannes und über jenen Zwist mit den Brüdern lauteten wesentlich so, wie 
darüber oben berichtet worden, und bleibt nur noch nachzutragen, dass seiner 
Mutter ein ähnlicher Grad von Eifersucht eigen gewesen sein soll. 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


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ln dem gerichtlichen Termine, welcher am 16. September d. J. hier abge¬ 
halten wurde, zeigte Jn. trotz der nicht zu verkennenden inneren Erregtheit 
ausserlich doch ein ähnlich ruhiges Verhalten wie sonst. Er beantwortete die an 
ihn gerichteten Fragen langsam und bedächtig, und bewies auch bei dieser 
Gelegenheit eine auffallende Peinlichkeit in seinen Angaben, wie beispielsweise 
aus jenen Zeitbestimmungen, wie lange seine Frau das eine oder andere Mal von 
Hause ferngeblieben sei, und aus der ängstlichen Unterscheidung, wonach er ihr 
ein Paar ausgewischt, aber keine Ohrfeigen gegeben habe, ersichtlich ist, so dass 
er sich dadurch selbst mehr oder minder verwirrte und der Aufnahme des Pro¬ 
tokolls nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitete. Selbstverständlich kam es 
auch hier hauptsächlich darauf an, za erfahren, wie und wodurch er seine Eifer¬ 
sucht und die behauptete Treulosigkeit seiner Frau zu begründen vermöchte. 
Abweichend von seinen bisherigen Mittheilungen hat er sich in dieser Beziehung 
nun nicht nur auf jenen Prozess in G. und jene Misshandlungen seitens seiner 
Brüder, sondern ausserdem noch auf einen Conflict mit dem Bauergutsbesitzer G. 
und auf jene nächtliche Scene in N. berufen, deren am Schlüsse der protokolla¬ 
rischen Unterredung gedacht ist. 

Der Conflict mit G. habe sich in N. abgespielt, als er noch die dortige 
Mühle besass, und datire sich von dorther sein erster Verdacht. Da „er ein sehr 
scharfes Auge für dergleichen Dinge besitze“, so sei ihm bald der freundliche 
Verkehr aufgefallen, welcher zwischen seiner Frau and dem Bauergutsbesitzer G. 
in N. stattgefunden hätte, und habe er vermuthet, dass „beide miteinander etwas 
zu thun gehabt hätten.“ Da er nun mit G. durch geschäftliche Beziehungen ver¬ 
bunden gewesen, so habe er dieselben lösen wollen und deshalb G. zu sich be- 
schieden. Letzterer sei dabei sehr heftig geworden, habe gemeint, dass statt der 
vorgegebenen Ordnung der geschäftlichen Beziehungen ganz andere Dinge damit 
bezweckt würden, und seien sie deshalb hart aneinander gerathen. Auch schon 
in diesem Streite habe nun seine Frau für G. und gegen ihn Partei ergriffen und 
somit die Richtigkeit seiner Vermuthung, dass sie mit Jenem etwas zu thun ge¬ 
habt, durch ihr parteiisches Benehmen lediglich bestätigt. Ihm seien daraus 
übrigens noch mancherlei Nachtheile erwachsen; viele Leute, die es mit G. ge¬ 
halten, hätten seit jenem Streite nicht mehr bei ihm mahlen lassen. Andere wären 
ihm das Geld dafür schuldig geblieben und hätten darum wiederholt gemahnt 
werden müssen; seine Frau habe sich dazu nicht hergeben wollen, und so sei er 
endlich in Folge fortwährenden Aergers krank geworden und aus Aerger und 
Krankheit zum Verkauf der Mühle bestimmt worden. 

Auf jene Krankheit könne er sich nicht mehr genau besinnen, jedoch wisse 
er noch mit Bestimmtheit, dass der Gemeinde-Vorsteher auf Wunsch seiner Frau 
einige Nächte bei ihm gewacht, und dass sich damals eben jene Scene abgespielt 
habe, welche ebenfalls ihre Lieblosigkeit und Kälte gegen ihn genügend beweise. 
Sie sei nämlich in der Nacht aufgestanden, in eine Nebenkammer gegangen, in 
die Stube zurückgekehrt und habe sich dann, nur mit einem Hemde bekleidet, 
und zwar mit einem Hemde, das in seiner unteren Hälfte mit alten Blutflecken 
bedeckt gewesen und das sie sich erst aus der Kammer geholt haben müsste, 
vom Scheine einer Lampe beleuchtet und so auch den Blicken des im Neben¬ 
zimmer befindlichen Gemeinde-Vorstehers erreichbar, unmittelbar vor sein Bett 


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Dr. v. Ludwiger, 


aufgestellt uud habe erst, nachdem sie eine Zeitlang so gestanden, das ihrige 
wieder aufgesucht. 

Die an ihn gerichtete Frage, ob er sich für fähig halte, mit seiner Frau in 
Frieden leben zu können, beantwortete er zwar zunächst bejahend, fügte aber 
doch sofort selbst einschränkend hinzu: „es wäre denn höchstens nicht wegen 
seines Bruders.“ 

Seitdem hat sich nichts Wesentliches geändert; nur hat er mit Rücksicht 
auf den stattgehabten Termin inzwischen gelegentlich erklärt, dass er jetzt 
bereit sei, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, wie auch, dass er bereit sei, 
zunächst bei dem Bruder D. zu leben, wenn er eben nur unter der Bedingung 
seine Freiheit wieder erlangen könne. Die darauf bezüglichen Unterhandlungen 
stelle er der Direction anheim. 

Wir haben hiermit die Anführung und Schilderung aller derjenigen 
Thatsachen, Mittheilungen und Beobachtungen, welche über seine Ver¬ 
gangenheit und Gegenwart und namentlich über sein eheliches Verhält¬ 
nis Licht verbreiten können, beendigt, und es fragt sich jetzt zu¬ 
nächst: ob Jn. danach für geisteskrank zu erachten sei? 

Wir behaupten nun in dieser Beziehung zuerst, dass die in sei¬ 
nem Bewusstsein einen ganz bevorzugten Platz einnehmende Idee von 
der Treulosigkeit seiner Frau, eine Idee, welche ihn schon von der 
ersten Bekanntschaft mit derselben an beschäftigt und seit dem Jahre 
1877 in seinem ganzen Denken und Handeln beherrscht hat, alle 
wesentlichen Charaktere einer Wahnidee besitzt und demnach auch 
nur als solche aufgefasst werden kann. 

Wahnideen und Irrthüraer haben, wie dies v. Krafft-Ebing in 
seinem Lehrbuche der gerichtlichen Psychopathologie trefflich darlegt, 
das mit einander gemein, dass sie unrichtige, unwahre Behauptungen 
enthalten; sie unterscheiden sich aber darin wesentlich von einander, 
dass der Irrthum eines Geistesgesunden immer in einem Fehler im 
logischen Schliessen oder auf einer aus Unwissenheit oder Unauf¬ 
merksamkeit entstandenen falschen Prämisse beruht, und daher auch 
durch Raisonnement und Logik widerlegt werden kann, während der 
Wahn des Geisteskranken als Product einer Gehirnerkrankung er¬ 
scheint und deshalb immer einen subjectiven Charakter besitzt, auch 
durch keinerlei Gründe der Vernunft zu rectificiren ist. 

Jn. ist von je an, wie dies auch schon an seiner Mutter beob¬ 
achtet sein soll, in hohem Grade eifersüchtig gewesen, indessen ist es 
doch in den ersten 10 Jahren seiner Ehe noch mit ihm gegangen; 
erst seit 1877, und zwar ohne dass ein besonderer äusserer Anlass 
dafür aufgefunden werden konnte, ist es mit ihm schlimmer und so 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


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schlimm geworden, dass schon damals seine Aufnahme in die Irren- 
Heilanstalt zu L. beantragt und davon nur deshalb Abstand genom¬ 
men wurde, weil man ihn für unheilbar erachtete. Der Verkauf der 
Mühle in N. und die Uebersiedclung nach H. brachten keine Besserung, 
und die zunehmenden Ausschreitungen gegen die Frau führten endlich 
doch zu seiner Aufnahme in eine Irrenanstalt. Die auffälligen Erschei¬ 
nungen in seinem geistigen Verhalten gingen einher mit mancherlei 
nervösen Symptomen. Von der Frau hat Niemand, selbst seine Brüder 
nicht, obwohl sich dieselben in unmittelbarer Nähe befanden und zu¬ 
nächst an seine Geisteskrankheit nicht glauben wollten, behaupten 
können, dass sie Anlass zur Eifersucht gegeben oder gar wirklich 
treulos gehandelt habe. Jn. allein behauptet es und hält daran un¬ 
erschütterlich fest. Wie aber vermag er seine Behauptung zu be¬ 
gründen? Er hat direkte Beweise nicht in der Hand; er beruft sich 
indessen auf jenen Conflict mit G., auf jene nächtliche Scene in N., 
als er krank gewesen, und auf die Misshandlung seiner Brüder in H. 
Betrachtet man aber diese Vorgänge etwas genauer, so ergiebt sich 
sofort, dass die Schlüsse, welche er daraus zieht, auch wenn man, 
wie wir es gethan haben, sich seiner Vorstellung vollkommen an- 
schliesst, keineswegs beweisende Kraft besitzen. War seine Ver- 
muthung, trotz „seines scharfen Auges für dergleichen Dinge“, wie 
es allen Anschein hat, falsch, war seine Frau also unschuldig, so war 
es auch ganz natürlich, dass dieselbe die Partei seiner Gegner ergriff 
— und seine sich darauf gründenden Behauptungen schweben also 
völlig in der Luft! Wir haben dies ihm gegenüber auch besonders 
und wiederholt betont und in gleicher Weise hervorgehoben, dass seine 
Brüder nach den uns gewordenen Mittheilungen auch gerade deshalb 
so energisch gegen ihn vorgegangen seien, weil sie, davon überzeugt, 
dass seine Frau in dieser Hinsicht sich nichts habe zu Schulden kom¬ 
men lassen, den Versuch hätten machen wollen, ob er nicht durch ein 
so energisches Einschreiten von seinem Wahne sich würde kuriren 
lassen. — Die nächtliche Vorstellung seiner Frau in dem mit altem 
Menstrualblute befleckten Hemde erscheint vollends in ganz phantasti¬ 
schem Lichte, und somit kommen wir immer nur zu dem Resultate, 
dass Jn. nicht nur seine Behauptungen nicht bewiesen hat, sondern 
dass diese Behauptungen, insofern er an denselben trotz aller dagegen 
vorgebrachten und dagegen in der That sprechenden Vernunftgründe 
unerschütterlich festhält und danach handelt, für ihn die Bedeutung 
von Wahnideen besitzen. 


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Dr. v. Ludwiger, 


Sind nun aber diese aus seiner Leidenschaftlichkeit hervorgegange¬ 
nen Vorstellungen nicht eben widerlegbare Irrthümer, sondern wirk¬ 
lich krankhafte Vorstellungen, welche in seinem Bewusstsein so feste 
Wurzeln geschlagen haben, dass sie daraus nicht mehr vertilgt werden 
können und durch Alles, was nur in einige Beziehungen mit ihnen zu 
bringen ist, immer neue Kraft und Stärke erhalten, sind es veritabele 
Wahnideen, so ist damit zugleich erwiesen, dass Jn. als an Wahn¬ 
ideen leidend und in seinem Denken, Fühlen und Handeln von ihnen 
bald mehr, bald minder in Anspruch genommen und beherrscht für 
geisteskrank und deshalb, wenn auch nicht des Gebrauchs seiner Ver¬ 
nunft für völlig beraubt, so doch für unfähig erachtet werden muss, 
die Folgen seiner Handlungen überall verständig überlegen zu können, 
mithin im Sinne des Allgemeinen Landrechts als blödsinnig zu be¬ 
zeichnen ist. 

Vor dem Forum des Richters könnte damit die uns gestellte Auf¬ 
gabe als wesentlich erledigt angesehen werden. Die Wissenschaft kann 
sich jedoch mit dem blossen Nachweise von dem Vorhandensein be¬ 
stimmter Wahnvorstellungen im einzelnen Falle noch nicht befriedigt 
erklären, sie verlangt vielmehr den Nachweis einer bestimmten Krank¬ 
heit. Welche Krankheit liegt also hier vor? 

Wir antworten darauf, dass es sich hier wie in ähnlichen Fällen, 
in denen nur eine beschränkte Zahl fixer Wahnvorstellungen vor Allem 
auffällig erscheint, hauptsächlich um einen Zustand von Geistes¬ 
schwäche handelt. Der Grad der geistigen Schwäche ist in diesen 
Fällen der sogenannten Monomanie meist nur ein massiger, das Ge¬ 
dächtnis oft wohlerhalten; es wird nicht selten sogar eine gewisse 
dialektische Gewandtheit in der Verteidigung der jedesmaligen Hand¬ 
lungsweise, wie einseitige Klugheit und Schlauheit für manche egoisti¬ 
sche Bestrebungen angetroffen; bei näherer Prüfung aber ergiebt sich 
doch zur Evidenz, dass solche Individuen nach anderen Richtungen hin 
in ihren Auffassungen, ihren Urteilen und Schlüssen beschränkt sind, 
dass ihr Gemüthsleben mehr oder minder abgestumpft ist, und dass 
sie immer wieder Handlungen begehen, wodurch sie ihre Interessen 
schädigen. In ähnlicher Weise verhält es sich auch mit Jn., und es 
ist sehr wahrscheinlich, dass die auch bei ihm trotz seines äusserlich 
so verständigen Benehmens nachweisbare geistige Schwäche zugleich 
den fruchtbarsten Boden abgegeben hat für das Entstehen oder wenig¬ 
stens für das üppige Emporwachsen seiner eifersüchtigen Vorstellungen 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


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und deren endliche Entfaltung und Umgestaltung in jenen fixen 
Treulosigkeitswahn. 

Jn. war wol von je an etwas beschränkt und, wie seine Mutter, 
in hohem Grade eifersüchtig; er betrachtete die Frau überall mit 
argwöhnischen Blicken, und weil er sich das, was er auf Schritt und 
Tritt befürchtete und bald hier bald da wirklich wahrzunehmen wähnte, 
nicht gleich klar machen konnte, so wurde die ängstlich umherspähende 
Eifersucht immer von Neuem angefacht und erlangte, je mehr die 
Schärfe des Urtheils abnahm, um so mehr und endlich so weit die 
Oberherrschaft, dass seitdem blosse Einbildungen für Thatsachen und 
schlecht gestützte Schlussfolgerungen für ganz unumstössliche, über¬ 
zeugende Beweise angesehen wurden. Weil die Frau Partei nimmt für 
die heftig angegriffenen Gegner, mit denen sie geschlechtlich verkehrt 
haben soll, deshalb muss sie in der That solche Beziehungen mit 
ihnen — und noch dazu mit seinem eigenen Bruder — gehabt haben. 
Sein Verstand reicht nicht aus, um die Unzulänglichkeit solcher Schluss¬ 
folgerungen einzusehen, oder sein leidenschaftlicher Argwohn gellt so 
weit, dass ihm seine Einbildungen mehr gelten als verständige Ueber- 
legungen und handgreifliche Zurechtweisungen; er hat nicht genug 
Verstand oder er gebraucht ihn nur in einseitiger Richtung, und ist 
so in dem einen wie in dem anderen Falle mehr nur der Willkür des 
Zufalls und seiner Einbildungen unterworfen. 

Indessen nicht blos in der Mangelhaftigkeit der Begründung sei¬ 
nes Wahnes und in der Unmöglichkeit, diese Unzulänglichkeit zu be¬ 
greifen, sondern auch in manchen absonderlich schiefen Auffassungen 
und Beurtheilungen seiner hiesigen Situation und in seinem Gesammt- 
verhalten in hiesiger Anstalt hat sich die ihm eigenthümliche geistige 
Schwäche im Gebiete der Intelligenz, des Gemüths und der Bethätigung 
hinreichend kundgegeben. Er behauptete zwar von Anfang an, dass 
er immer vollkommen geistesgesund gewesen und nur durch die Um¬ 
triebe seiner Frau und seiner Brüder hierher geschafft worden sei, 
aber er blieb fortwährend argwöhnisch und zurückhaltend, gab selbst 
auf specielle Vorhaltung aller derjenigen Momente, auf die man eben 
die Annahme von dem Vorhandensein seiner Geisteskrankheit ge¬ 
gründet hatte, immer nur möglichst ausweichende und oberflächliche 
Antworten, und trug somit seinerseits nicht nur nichts dazu bei, die 
Beurtheilung seines Zustandes, wie er es doch verständiger Weise hätte 
thun müssen, zu erleichtern, sondern benahm sich vielmehr so, als 


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Dr. v. Ludwiger, 


ob er sie möglichst erschweren wollte. — Erst nach längerer Zeit 
wurde er etwas zugänglicher, und brachte erst dann und stückweise 
jene, in ihrem Werthe bereits genügend beleuchteten Erzählungen vor, 
auf welche er seinen Wahn zu stützen suchte. — Seine Antworten 
erfolgen auch jetzt noch immer erst nach einigem Besinnen, und macht 
sich in ihnen noch häufig und selbst bei Wiedergabe ganz gleich¬ 
gültiger Verhältnisse, wie gewöhnlich bei schwachsinnigen Personen, 
eine ermüdende Weitschweifigkeit und ängstliche Peinlichkeit bemerk¬ 
bar. — Er hört, dass die ihn umgebenden Personen aus ähnlichen 
Gründen wie er hierher gebracht worden, aber er beachtet sie kaum 
und schliesst sich an Niemand an; ihr Geschick ist ihm gleichgültig. 
Er hört und kann sich auch durch eigene Wahrnehmungen davon 
überzeugen, dass sie wirklich geisteskrank seien, und doch will er 
ihren scherzhaften, seine Eifersucht geisselnden Neckereien oder ge¬ 
wissen, seine Verhältnisse gar nicht einmal berührenden, verworrenen 
Schimpfreden eine Bedeutung beilegen, die ihnen gar nicht zukommt, 
lässt sich dadurch in hochgradige Aufregung versetzen und will jene 
Geisteskranken in seiner Sache als Zeugen vor Gericht benutzen. — 
Weil ihm einmal gesagt wird, er könne schreiben, was er wolle, so 
meint er damit das Recht erhalten zu haben, der Frau raitzutheilen, 
dass sie ihn nun abholen könne; und weil ihm einmal unter gehöriger 
Einschränkung gesagt worden, dass wir hier Nichts an ihm auszu¬ 
setzen hätten: dass er jetzt für gesund erklärt worden. — Obwohl 
ihm wiederholt vorgehalten wird, dass er hauptsächlich deshalb für 
geisteskrank erachtet worden, weil er seine Frau der Treulosigkeit 
beschuldigt und sie schlecht behandelt, ohne dass er selbst, noch sonst 
Jemand den Beweis dafür bei bringen könne, — stellt er doch wieder¬ 
holt und allen Ernstes Anträge, die Frau, die Brüder und seine Be¬ 
gleiter an seiner Statt hier einzusperren, weil sie ihn, den Gesunden, 
hierher geschafft. — Er fügt sich in die Hausordnung, aber diese 
Fügsamkeit grenzt nahezu an Theilnahmlosigkeit und Trägheit. Er 
möchte wol entlassen werden, aber er muss zu jedem Briefe besonders 
aufgefordert werden, und bei den Besuchen benimmt er sich so, dass 
weder die Brüder, noch die Frau den Muth haben, einen Versuch mit 
seiner Entlassung zu wagen. — Endlich hat er sich nun zwar zur 
Scheidung von der Frau, wie zur vorläufigen Annahme der ihm seitens 
der Brüder derzeit gemachten Vorschläge bereit erklärt, aber er selbst 
will dazu keinen Finger rühren, er giebt Alles dem Ermessen der 


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Eifersucht oder Geisteskrankheit? 


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Direction anheim. — Ein lebhafteres Interesse für seine Kinder, für 
sein Haus, für seine eigensten Angelegenheiten konnte nie an ihm 
wahrgenommen werden, und so ist es denn auch nicht besonders 
erstaunlich, dass er hier bald seine Theilnahme an den mehr Kraft 
und Aufmerksamkeit beanspruchenden Gartenarbeiten einstellte und 
es vorzieht, lieber gemächlich unter mehr Stumpfsinnigen beim Federn¬ 
schieissen zu verweilen. 

Was endlich noch die mehr körperlichen Beschwerden anlangt, 
an denen er schon seit Jahren leidet, so beschränken wir uns hier 
darauf, zu betonen, dass einige derselben, wie die constante Ver¬ 
engerung der Pupillen, die starken zuckenden Bewegungen der mi¬ 
mischen Muskeln und der vibrirende und stockende Charakter der 
Sprache in irgend affectvollen Zuständen, die früher an ihm beob¬ 
achtete Geneigtheit zu Ohnmächten bei geringfügigen Verletzungen 
und das damals häufige Nasenbluten auf anomale Zustände einiger 
Gehirnnerven und des Gehirns selbst zu beziehen sind, und jedenfalls 
auch ihrerseits, zumal mehrere derselben bereits in einer Zeit beob¬ 
achtet wurden, in welcher sein Geisteszustand noch im Allgemeinen 
gesund erschien, auf die höchst wahrscheinlich materielle Begründung 
seines krankhaften Geisteszustandes hinweisen. 

Nach alledem kommen wir also zu folgendem Endresultat: 

„Der frühere Müller und jetzige Hausbesitzer G. Jn. aus H., von 
jeher in hohem Grade eifersüchtig und wahrscheinlich zugleich 
etwas geistig beschränkt, leidet bereits seit Jahren an einem 
mit mannigfachen, nervösen Beschwerden und dem fast isolirt 
für sich dastehenden Wahne der Treulosigkeit seiner Frau 
einhergehenden Zustande allgemeiner Geistesschwäche mässigen 
Grades und ist, da er unter dem Einflüsse seines Schwachsinns 
und seiner Wahnideen denkt und handelt, nicht im Stande, 
die Folgen seiner Handlungen überall verständig zu überlegen, 
mithin im Sinne des Allgemeinen Landrechts für blödsinnig 
zu erachten.“ 

Plagwitz, den 3. November 1882. 

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3. 


Zum 200jährigen Jubiläum 

der Longenprobe. 

Von 

Prof. Dr. Mdraenstok in Krakau. 


luterdum negligunt vlri experimenta, quidmn 
Jurarunt in verba MagUtri, caeteri snae inhaercnt 
opinioni et Neotericos non evolvunt. 

ßchreyer. 

Es giebt Jahre, welche verdienen in der Culturgeschichte des 
Menschen mit goldenen Lettern verzeichnet zu werden; so z. B. das 
Jahr 1543, in welchem an entfernten Stätten der damaligen civilisirten 
Welt zwei epochemachende Werke erschienen, jene des Copernicus 
und des Vesal. Und da wir eben am Eingänge eines Gedenkjahres 
stehen, welches die Welt an eine hochwichtige historische Thatsache 
erinnert, möge es dem Arzte gestattet sein daran zu erinnern, dass 
dieses Jahr auch durch die Einführung der Lungenprobe in die Praxis 
denkwürdig ist. 

Wir halten es für überflüssig, die Bedeutung dieser Probe für die 
forense Praxis zu erörtern; dass sie aber in der gerichtlichen Medicin 
als Wissenschaft gleichsam als Markstein dasteht, welcher einerseits 
auf die Vergangenheit zurückblickt und andererseits auf die Zukunft 
der Disciplin hinweist, dieses wurde unseres Wissens noch nicht hervor¬ 
gehoben, und wir halten es daher nicht für überflüssig, die Gelegen¬ 
heit, welche das Jubeljahr uns darbietet, zu benutzen, um die Trag¬ 
weite und die Bedeutung dieser Probe für die Wissenschaft selbst 
zu erörtern. — 

Das goldene Zeitalter der Renaissance, das Cinquecento der 
Italiener, an dessen Horizont die Namen der unsterblichen Reforma¬ 
toren der Anatomie und Chirurgie, Vesal’s und Parö’s, in nie er¬ 
blassender Pracht glänzen, war vorüber. Nicht minder schön beginnt 
das XVII. Jahrhundert, dessen Aufgabe es war, — wie Haeser 
treffend bemerkt — die Kämpfe zur Entscheidung zu bringen, welche 
das XVIte geboren hatte: im Staate, in der Kirche, in der Wissen¬ 
schaft, und in letzterer den Sieg der Freiheit über die Satzung, der 
Philosophie über die Scholastik, der Naturbeobachtung über die 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


253 


Autorität, zu verschaffen. Diesmal war das nebelumhüllte Albion 
der Spender des Lichtes, welches sich bald über ganz Europa ver¬ 
breitete. An der Schwelle des Jahrhunderts stand der Schwan von 
Avon und schuf sein Meisterwerk, den König Lear; gleichzeitig ver¬ 
öffentlichte Baco sein Buch „De dignitate et augmento scientiarum“ 
und wenige Jahre darauf sein Hauptwerk, welches die Wissenschaft 
erneuern sollte; im Jahre 1628 endlich erscheint William Harvey’s 
ewig denkwürdige Arbeit über die Bewegung des Herzens und des 
Blutes bei den Thieren. Unter dem gewaltigen Eindrücke dieser Ent¬ 
deckung schreiten Physiologie und sämmtliche medicinischen Disciplinen 
rasch vorwärts, und wir sehen, wie gleichzeitig oder wenigstens kurz 
nacheinander treffliche Forscher und Denker auftreten, welche durch 
ihre Untersuchungen und Entdeckungen die verschiedenen Zweige der 
Wissenschaft fordern. In dieser Plejade der am ärztlichen Horizonte 
leuchtenden Sterne zeichnen sich Sylvius, Wharton, Willis, Graaf, 
Glisson, Rolfink, Bellini, Schneider, Swammerdam, High¬ 
more, Stenson, Sydenham, Malpighi, Lower, Leuwenhoek, 
Rivinus, Vieussens, Brunner, Peyer, Pacchioni, Verheyen, 
Ruysch und viele Andere besonders aus; es genügt, ihre Namen zu 
nennen, um an ihre speciellon Verdienste erinnert zu werden. — 
Während man ernstlich bestrebt war, die Medicin auf physiolo¬ 
gischer Basis zu begründen und einzelne Wissenszweige die Ent¬ 
deckungen der genannten Forscher zu verwerthen suchten, blieb die 
gerichtliche Medicin zurück und kam über ihren primitiven Zustand 
nicht hinaus. Vor 200 Jahren waren erst Pare’s und Codronchi’s 
gerichtsärztliche Tractate vorhanden, welche, als erste Proben wol 
ehrwürdig, doch jeden praktischen Werthes baar waren und daher 
auch bei den praktischen Aerzten keinen Eingang fanden; es waren 
ferner die Werke Fedeli’s und Zacchias’ bereits veröffentlicht. 
Das erste dieser Werke, unserer Ansicht nach, wissenschaftlich von 
grösserer Bedeutung als letzteres, erschien im Jahre 1602 und erlebte 
noch drei Auflagen, es fand sogar einen Plagiator in der Person des 
Thomas Reinesius, welcher, mit Recht oder Unrecht, als Protoplast 
der gerichtlich-medicinischen Plagiatoren gilt'), — erlangte aber dessen- 


*) In Leipzig erschien 1649 ein Werk unter der Aufschrift: Schola jure 
consultorum medica autore D. Thoma Reinesio. lieber diesen Autor sagt 
Albrecht v. Haller in seiner Bibliotbeca Chirurg. (Bernae et Basileae, 1774. 
Vol. I. p. 332): Ejus schola J. G. medica, Lips. 1649 est novus titulus fraude 
typographi praemissus Fortunati Fidelis operi. Auch Ortolan (Debüts de la 


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254 


% 

Dr. Blumenstok, 

ungeachtet bei Weitem nicht jene Verbreitung, welche dem Werke 
Zacchias’ zu Theil geworden ist. Fedeli war bescheidener Practicus 
in Palermo, während Paul Zacchias weit und breit als Protomedicus 
des Kirchenstaates und päpstlicher Leibarzt berühmt war; schon diese 
hervorragende amtliche Stellung Zacchias’ brachte es mit sich, dass 
sein umfangreiches Werk während des ganzen XVII. Jahrhunderts 
und darüber hinaus als Fundgrube alles gerichtsärztlichen Wissens an¬ 
gesehen und gesucht ward. Allein in dieser Fundgrube begegnen wir 
neben einem wahren Schatze wissenswerther und wichtiger Fragen 
auch Problemen, welche zwar ein vortheilhaftes Licht auf die um¬ 
fassende Bildung des Verfassers werfen, welche ihm auch später 
seitens Zacutus Lusitanus den Beinamen „omniscius“ einbrachte, 
für den Arzt jedoch ganz überflüssig erscheinen; überdies huldigt 
Zacchias in vollem Masse den Vorurtheilen seiner Zeit und schwört 
blindlings auf jede Autorität, sie mag eine ärztliche oder nicht¬ 
ärztliche gewesen sein. Er wusste wol durch seine überraschende 
allgemeine Bildung bei der gelehrten Welt Aufsehen zu erregen und 
durch seine reiche Erfahrung die praktischen Aerzte in Staunen zu 
versetzen, daher kam es auch, dass erst nach Ablauf von 70 Jahren 
die deutsche gerichtsärztliche Schule sich mit ihm, dem Hauptreprä¬ 
sentanten der italienischen, zu messen wagte, dass es erst dem 
Leipziger Physiologen Bohn gelang, durch seine zwei schätzbaren 
gerichtlich-medicinischen Werke, wenigstens zum Theil, die allgemeine 
Aufmerksamkeit von Zacchias abzulenken. In dem Zeiträume, wel¬ 
cher Zacchias von Bohn trennt (1621 —1689), waren in Deutsch¬ 
land kaum wenige, unbedeutende, einschlägige Schriften erschienen, 
aber einige Jahre vor dem Auftreten Bohn’s ereignete sich ein Fall, 
welcher in der forensen Praxis eine Umwälzung hervorrief und der 
Wissenschaft neue Bahnen erschloss. Die Anwendung der hydrosta¬ 
tischen Lungenprobe in der forensen Praxis war jenes Ereigniss, und 
der Mann, von welchem der Impuls zu dieser neuen und folgen- 

medecine legale en Europe, Annalcs d’byg. publ. Vol. 38, 1872 Jaillet, p. 358—384) 
giebt zu, dass der Verleger die Hauptschuld an dem Plagiate trug. Noch ent¬ 
schiedener tritt Georg Frank in seiner Vorrede zu der von ihm veranstalteten 
Ausgabe des grossen Werkes Paul Zacchias* (Frankfurt a. M. 1688) für die 
Ehrenrettung Reinesius’ ein, indem er sagt: Quis veterator ausus fuerit optima 
Fortunato Fideli labores suos sufFurari et sub nomine D. Thomae Reinesii in 
lucem edere; letzterer — meint Frank — ne per somnium quidem cogitaverat, 
einen solchen Unfug sich zu Schulden kommen zu lassen. 

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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


255 


reichen Umwälzung ausging, war der bescheidene Stadtarzt in Zeitz, 
Dr. Johann Schreyer. 

Es sei uns nun gestattet, dieses, nach jetzigen Begriffen, so 
simple und dennoch sowohl für die Wissenschaft, als für die Mensch¬ 
heit hochwichtige Ereigniss zu erörtern; zu diesem Behufe wollen wir 
Schreyer selbst als Erzähler einführen 1 ): 

„Es sind ohngefehr neun Jahre 2 ), als ich gleich auf der Reise 
nach Leipzig begriffen, von dem damahligen Fürstl. Sächsischen Amts- 
Verwalter zu Pegau, Herrn Abraham Walthern, requiriret worden, ein 
im Dorfe Greitzsch ausgegrabenes und in das Amt gebrachtes Kind 
zu besichtigen, auch mein judicium medicum, nebenst dem Pegauischen 
Physico, Herrn George Weckern, darüber zu ertheilen. 

„Ich muss gestehen, selbiges Kind hatte viel Wunden am Leibe, 
sonderlich aber zwo, die tödtlich waren, derowegen freylich, dem An¬ 
sehen nach, man sagen sollen, das Kind wäre ermordet worden. 

„Allein, nachdem kein Geblüt in dem ganzen Cörper, noch in 
denen Wunden zu finden, hierüber auch die aus dem Leibe des Kindes 
genommene und auf das Wasser geworffene Lunge untertauchete, wel¬ 
ches, wie ich mich erinnerte, die Curiosi, und andere hochgelehrte 
Medici, vor ein Zeichen eines im Mutter-Leibe gestorbenen Kindes an- 


*) Dr. Johann Sehreyers, Stadt- und Land-Physici in Zeitz, Erörterung 
und Erläuterung der Frage: Ob es ein gewiss Zeichen, wenn eines todten Kindes 
Lunge im Wasser untersincket, dass solches in Mutter-Leibe gestorben sey ? Zeitz 
1691 (2te Aufl. Halle 1725, 3te Aufl. Halle 1745). 

*) Schreyer giebt kein weiteres Datum an; aus seinen Worten: „Es sind 
ohngefehr neun Jahre“, wäre zu schliessen, dass der Fall im Jahre 1682 sich zu¬ 
getragen habe. Nach dem Vorgänge Mende’s stimmen Böcker und die nicht¬ 
deutschen Autoren (Orfila, Ryan, Filippi) für die Jahreszahl 1682; Letztere 
nennen Schreyer consequent Schreger und verrathen dadurch, dass sie seine 
Schrift nicht selbst gesehen haben. Für das Jahr 1683 treten Henke, Bernt, 
Most, Fabrice, Krahmer, Hofmann ein. Wir schliessen uns Letzteren an, 
weil die Lungenprobe erst in diesem Jahre an die Tagesordnung gelangte; that- 
sächlich ward sie aber schon 2 Jahre früher von Schreyer ausgeführt. Aus den 
von Thomasius excerpirten Acten des Leipziger Schöffengerichtes ist es ersicht¬ 
lich, dass das Kind, welches Gegenstand der Untersuchung war, am 8. October 
1681 aufgefunden und am 11. October 1681 von Schreyer, Wecker und 
einem Amts-Barbier besichtigt wurde, dass jedoch Ersterer das Resultat der neuen 
Probe dazumal in dem Obductionsberichte anzuführen unterliess und dasselbe erst 
1683 niederschrieb und später unter seinem Eide zu Protokoll bestätigte, weshalb 
Thomasius — wie er selbst angiebt — seine Defension erst im Februar 1684 
einreichen konnte. 


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256 


t)r. Blumenstok. 


geben, als habe ich mich nicht gescheuet, nach reiflicher Ueberlegung 
anderer Umstände, zu sagen, jedoch alles denen Gollegiis Medicis zum 
Decret überlassend, dass diss ausgegrabene Kind, da es schon todt 
gewesen, massen dieses alles, durch die von denen Mägden, und in 
denen bey dem Churfürstl. Sächsischen Amte zu Leipzig befindlichen 
Inquisition-Acten gethanen Aussagen confirrairt, mit einem Bratspiesse 
im Tode sey verwundet, als mit welchem Bratspiesse das Kind in der 
Erde gesuchet worden: Und ob zwar vorgegeben werden wolte, es 
wären in den Windeln des Kindes keine Wunden oder Stiche gewesen, 
so ist zu wissen, dass weder ich, noch ein anderer einige Windeln bey 
dem todten Cörper gesehen, desswegen auch jener nicht gedacht, noch 
in Augenschein genommen werden können. Inmassen wenn diese vor¬ 
handen, würden sie ohne Zweifel blutig oder nicht blutig gewesen 
seyn, und jenes ein unfehlbahres Zeugniss, dass das Kind lebendig 
gebohren und umbracht worden, dieses aber ein mehres Licht, dass 
das Kind todt auf die Welt kommen, gegeben haben — — 

„Darüber bekäme ich vieles Widersprechen, als ob meine Meynung 
mit den Grund-Regeln der Natur-Kunst nicht überein kommen solte, 
ja es wurde mir zugemuthet, mich hierinne zu ändern. — 

„Aber, indem ich mich gnugsam fundiret zu seyn erachtete, und 
zu Behauptung meines gegebenen judicii die Beweiss-Gründe aus- 
stellete, geschähe es, dass der Satan mit seinem Verleurabden mir 
widerstünde, und, als ob ich um schnöden Geldes willen, wider Ge¬ 
wissen, zum Vortheil einer delinquentin, die das Leben verbühret, 
mein attestat von mir gegeben: ich wurde hierdurch bey denen Grossen 
im Lande traduciret, und ist es, wie ich schraertzlich nun erfahren, 
dahin kommen, dass man in meine bisher von mir pflichtmässig er- 
thcilete Zeugnisse bis dato eine diffidentz gesetzet. — 

„Ich weiss mich aber in meinem Gewissen eines bessern versichert, 
und geschieht mir hierinne vor GOtt und der Welt unrecht. — 

„Zu Rettung aber meiner Unschuld, bin ich genöthiget, diese 
Sache, wie sie an sich selbst gelaufen, durch öffentlichen Druck, 
jedermann bekannt zu machen, und zu erweisen, wie ich gnugsam 
fundiret, auch noch viele Medici meyner Meynung beygepflichtet, und 
selbige bekräftiget haben. — 

„Es war die Frage: Ob die Lunge, wenn solche im Wasser unter- 
sincket, ein gewiss Zeichen, dass dasjenige Kind, daraus die Lunge 
genommen, niemahls ausser Mutterleibe gelebet, sondern vor der Ge¬ 
burt in der Mutter gestorben sey? — 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


257 


„Hierauf habe ich mit ja geantwortet, weil aber damahls ich 
meinen Beweissthum in lateinischer Sprache überschrieben, will ich 
solchen von Wort zu Wort hieher setzen:“ 

Darauf folgt die Motivirung der bejahenden Antwort; sie besteht 
aus zwei Theilen: 

Der erste enthält sieben Thesen, welche im lateinischen Texte 
lauten wie folgt: 

I. Embryo tum deraum vere vivere creditur, quando in lucem 
cditus respirat, in utero autem respiratione caret. (Als Gewährsmänner 
werden Galenus und Swammerdam citirt.) 

II. Per respirationem aer in pulmones ingreditur, vocisque rao- 
dulationem regressu efficit. Ejulatus enim et vagitus in utero extra 
ordinem fiunt. (Mit Berufung auf Bartholinus.) 

III. Aer in pulmones receptus non totus exsufflatur, sed in vesi- 
culas receptus istos, alias in se subsidentes, coarctatos et graviores qui 
sunt, dilatat, leviores reddit, ut aquae, quod lanionibus notum, super- 
natent. (Hier werden Sentenzen von Swammerdam und Harvey 
angeführt.) 

IV. Contrariorum eadem est ratio. Si propter aeris ingressum 
pulmo alleviatur, ut aquae innatet, sequitur, quod in defectu aeris 
etiam pulmonem, qui in utero est compactior et gravior, in aqua sub- 
sidere oporteat, proinde. 

V. Posita respiratione et foetu extra utcrum, ponitur vita et 
contra, respiratio enim et vita pari passu ambulant. (Aristoteles, 
Galenus.) 

VI. Data respiratione, datur pulmonum levitas, negata hac, 
negatur aeris ingressus et respiratio, manetque pulmonum gravitas; 
adeoque positis bis sequitur 

VII. Quod pulmonum cadaveris cujuscunque gravitas, coarctatio 
et subraersio excludat respirationem et vitam in utero, praebeatque 
indicium, animal tale extra uterum nunquam vixisse. — 

Im zweiten Theile citirt Schreyer nachfolgenden Abschnitt aus 
dem im Jahre 1677 erschienenen Buche Dr. Carl Rayger’s, den er 
Physicus in Posen 1 ) nennt: 


*) Ray ge r war Physicus in Pressburg (Posonium); Thomasius nennt ihn 
auch richtig: „Med Dr. et Physicus Posoniensis“, wahrend Schreyer Posoniensis 
offenbar mit Posnaniensis verwechselt und daher im Deutschen Posen statt Press¬ 
burg schreibt. 

Vtertelj.ihr*8cUr. f. ger. Ued. N. F. XXXV11I. 2. 17 


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258 


Dr. Blumenstok, 


Pulmoncs parvi, exigui non admodum rubicundi, instar parenchy- 
raatis hepatis, vel portiunculae carnis ex utroque latere cordis jace- 
bant, in aquara mersi subito fundum petebant, unde constitit, infantera 
in utero non respirare (alias aere distensi fuissent) illumque fuisse 
ante exclusionem mortuum, nam si semel tantum extra uterum respi- 
rasset, aer in pulmonibus detentus, submersionera impedivisset. Ut 
autem de experimento certi essemus, iramisiraus pulmones agninos in 
aquam, qui supernatarunt utcumque incisi sint, et aer omni vi ex- 
pressus fuerit. Foetus autem pulmones fundum petierunt. Deinde 
cum uterque foetus post mortem exclusus sit, et utriusque pulmones 
toties, quoties immersi fuissent, fundum petiissent, unum sumsimus 
perque asperam arteriam inflavimus, unde lobi statim distenti sunt, 
mox omni conamine expresso iterum flatu natarunt nihilominus, nec 
mergi potuerunt. Argumentum credo indubitatum ad convincendas 
infanticidas et indagandam veritatera, an infans in utero mortuus, vel 
demum post partum quocunque modo strangulatus vel occisus? 

Also lautet das motivirtc Gutachten Schreyer’s, welches be¬ 
stimmt war, seinem Verfasser das Leben zu vergällen. — 

Bald tritt aber neben Schreyer eine zweite Persönlichkeit, die 
eines berühmten Juristen, welcher die Vertheidigung der Angeklagten 
übernimmt, auf den Schauplatz. Es ist dies Dr. Christian Thomas, 
in der Culturgeschichte unter dem Namen Thomasius rühmlichst 
bekannt. Wenn wir über den Lebenslauf des bescheidenen Arztes 
Schreyer nichts Näheres wissen, als was er selbst später im Ver¬ 
laufe des Prozesses vor dem Leipziger Untersuchungsrichter angiebt, 
»dass er vor 23 Jahren zu Jena den Doctorgrad erhalten und in sei¬ 
ner 22jährigen Praxis viele Sectiones Cadaverum gehabt und darüber 
Attestata ausgestellet, die jederzeit plenariam fidem gehabt und dass 
er zu Zeitz zum Land- und Stadt-Physico bestellet worden“, — so ist 
uns dafür bekannt, dass Christian Thomas im Jahre 1655 in Leipzig 
geboren wurde, dass er also dazumal ein zwar noch junger, aber schon 
berühmter Vertheidiger war, dass er einige Jahre später der Erste in 
Deutschland den Muth hatte, in Leipzig juristische Collegien in deut¬ 
scher Sprache zu lesen, dass er gegen jedweden Aberglauben, be¬ 
sonders aber gegen den Hexen wahn ankämpfte, dann von Pietisten 
verfolgt, im Jahre 1690 nach Halle zog, die Gründung der dortigen 
Universität betrieb und als Professor und Rector Magnificus derselben 
hochbetagt im Jahre 1728 starb. »Sein ganzes Leben“ — sagt über 
ihn Schlosser (Weltgeschichte für das deutsche Volk, XVI. S. 176) — 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


259 


„war dem Kampfe mit der Barbarei der Schulen, der Gesetze und der 
Gerichte gewidmet; — als Organ seiner Zeit und als Herold und 
Vertheidiger der Forderungen seines Jahrhunderts muss er zu den 
bedeutendsten Männern der neueren Zeit gezählt werden.“ Solch ein 
Mann konnte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, um gegen 
die „Barbarei der Gerichtshöfe“ in die Schranken zu treten; nach 
einigem, wie wir weiter sehen werden, nicht unberechtigtem Zögern 
nahm er auch den Kampf auf, focht ihn siegreich durch und machte 
sich dadurch neuerdings um Humanität und Wissenschaft verdient. — 

Bevor wir aber die Schritte, welche Thomasius in dieser An¬ 
gelegenheit zu machen für gut fand, verfolgen, sind wir eine Erklä¬ 
rung schuldig, weshalb wir die Barbarei der Gerichtshöfe, deren der 
Geschichtsschreiber erwähnt, mit dem vorliegenden Falle in Zusammen¬ 
hang bringen. — 

In der Halsgerichtsordnung Kaiser Karl V., auf Grund welcher 
dazumal in Strafsachen Recht gesprochen wurde, waren wahrhaft 
draconische Bestimmungen nicht nur in Bezug auf Kindesmörderinnen, 
sondern überhaupt auf Verheimlichung der Geburt enthalten. §. 131 
dieser Gerichtsordnung nämlich lauteto dahin, dass jedes Weib, wel¬ 
ches ihr lebendes und gliedraässiges Kind heimlicher und boshafter 
Weise ertödtet, lebendig zu begraben, oder zu pfählen sei; zwar ge¬ 
stattet der Gesetzgeber, dass diese grausame Strafe, um Verzweiflung 
zu verhüten, in die Todesstrafe durch Ertränken umgewandelt werden 
könne; allein bald darauf wird hinzugefügt, dass man dort, wo das 
Verbrechen noch oft begangen werde, denn doch zur Abschreckung 
das Eingraben und Pfählen auch benützen, oder die Uebelthäterin vor 
dem Ertränken mit glühenden Zangen reissen möge, freilich alles nach 
Rath der Rechtsverständigen. Diese Vorschriften erfüllen uns mit 
Grausen, zumal wenn wir daran denken, auf welch’ brutale Weise die 
Beschuldigten gezwungen wurden, sich zur That zu bekennen, welche 
sie vielleicht gar nicht verübt hatten. Freilich konnte diese Gerichts¬ 
ordnung nicht ausser Acht lassen, dass ein uneheliches Kind todt ge¬ 
boren worden, und dass bei einem solchen von Tödtung nicht die 
Rede sein konnte; aber sie war inhuman genug, diejenigen Frauen, 
welche sich auf diese Weise zu entschuldigen trachteten, zur Herbei¬ 
schaffung glaubwürdiger Beweise ihrer Unschuld zu verhalten; ver¬ 
mochten sie dies nicht, so wurde ihnen kein Glaube geschenkt, 
„denn sonst könnte sich jede Verbrecherin mit solchen Lügen aus- 
reden.“ Damit begnügte sich jedoch die Gerichtsordnung nicht. Eine 

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260 


t)r. Blumenstok, 


heimlich durchgemachte Schwangerschaft und Entbindung erregte den 
dringenden Verdacht, dass das Weib durch Tödtung des lebenden und 
gliedmassigen Kindes vor oder nach der Geburt ihre Leichtfertigkeit 
verbergen wollte. Leugnete sie hartnäckig und war ausser Stande 
Vertrauen erregende Beweise zu liefern, dann sollte sie mittels der 
Tortur zum Bekenntniss der Wahrheit gezwungen und darauf mit dem 
Tode bestraft werden. Frauenzimmern gegenüber also, welche unehe¬ 
lich geboren hatten und dabei behaupteten, dass das Kind todt zur 
Welt gekommen sei, wurde von vornherein präsumirt, dass sie Kindes¬ 
mörderinnen seien, wenn sie nicht das Gegentheil glaubwürdig zu be¬ 
weisen vermochten. Wie sollten sie aber diese Beweise herbeischaffen, 
wenn die Geburt eine heimliche gewesen? Wenn wir uns vergegen¬ 
wärtigen, dass heutzutage die Angeklagte sich gar nicht zu recht- 
fertigen braucht, weil es Sache des Anklägers ist, den Beweis der 
Schuld zu liefern, so muss uns die traurige Lage, in welcher die 
armen Frauenzimmer der peinlichen Halsgerichtsordnung gegenüber 
sich befanden, in um so grellerem Lichte erscheinen. 

Angesichts dieser Sachlage musste der junge talentvolle Verthei- 
diger sofort begriffen haben, dass das Gutachten Schreyer’s geeignet 
sei, das Verfahren gegen der Kindestödtung verdächtige Frauen in neue 
Bahnen zu lenken, wenn es richtig wäre, dass der stumme und todte 
Körper des Neugeborenen im Stande sei, jene glaubwürdigen Beweise 
zu liefern, deren Herbeischaffung das Gesetz verlangte. Nichtsdesto¬ 
weniger ging er, als der Vater der Angeschuldigten im October 1681 ihn 
um die Uebernahme der Vertheidigung ersuchte, vorsichtig zu Werke'). 
Mutter und Tochter hatten sofort nach Auffindung des todten Kindes 
das Weite gesucht, und schon dieser Umstand schien darauf hinzudeuten, 
dass sie sich nicht ganz unschuldig erachteten, wenngleich die Furcht 
vor Haft und Tortur die Flucht hinlänglich erklärte. Nachdem er je¬ 
doch in dem Pegauer Amte Einsicht in die Untersuchungsacten genom¬ 
men, darauf die beiden Frauen in ihrem Verstecke aufgesucht und 
Rücksprache mit ihnen gepflogen, endlich auch mit Dr. Schreyer 
conferirt und sich die Ueberzeugung verschafft hatte, dass die Beschul- 


! ) Ernsthafte, aber doch Muntere und Vernünfftige Thomasische Gedanken 
und Errinnerungen überall erhand auserlesene Juristische Händel. (2te Aufl., Halle 
1723, I. Theil, I. Handel, pag. 1—104), — so lautet der Titel des Werkes von 
Christian Thomas, welchem wir, nebst der Abhandlung von Schreyer, die 
einzelnen Daten entnommen haben. 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


261 


digten denn doch nicht ganz verdammenswerth erscheinen, entschloss 
er sich, für dieselben einzutreten. Wir übergehen die etwas weitläufige 
Auseinandersetzung der Rechtsmittel, zu denen Thomasius seine Zu¬ 
flucht nahm, um den flüchtigen Frauen „salvum conductum“ zu ver¬ 
schaffen; darüber verstrich eine geraume Zeit, und so erklärt es sich, 
dass mit der erst im Jahre 1683 gegen Cautionserlag und nach erlangtem 
Geleitsbriefe erfolgten Heimkehr der Mutter und Tochter die Verhand¬ 
lung und mit ihr die eigentliche gerichtsärztliche Expertise, welche 
uns ausschliesslich interessirt, in Gang kam. 

Bei seiner ersten Zusammenkunft mit Dr. Schreyer erfuhr 
Thomasius, dass erstcrer die neue Probe wol angestellt, aber das 
Resultat derselben nicht in den Bericht gesetzt hat, weil dies »noch 
eine neue Meinung wäre, die bei wenigen einen applausum fände, und 
weil er nicht glaubte, dass sein damaliger College, der Stadtphysicus 
zu Pegau, die Sache würde approbirt, noch den Bericht mit unter¬ 
schrieben haben, jedoch wäre er erböthig, nicht alleine veritatera facti 
zu bezeugen, sondern auch seine Meinung von dem Nutzen dieser Probe 
auffrichtig zu entdecken.“ Wenngleich Thomasius in dieser Relation 
»eine sonderliche Schickung Gottes sah, dass die Regierung zu Zeitz 
Herrn Dr. Schreyern, der ohne dem auf die leipziger Messe gehen 
wollen, anbefohlen, in transitu zu Pegau der Besichtigung des todt 
gefundenen Kindes mit beyzuwohnen, weil, da dieses nicht geschehen, 
auch diese Probe mit der Lunge unstreitig würde seyn 
unterwegs blieben“, so minderte sich doch das Vergnügen, das 
ihm die Entdeckung dieses Umstandes anfangs verursacht hatte, in¬ 
dem er bald zur Einsicht gelangte, dass auch diese Sache behutsam 
und geduldig behandelt werden müsse. Er begriff nämlich, dass es 
angesichts dieser neuen Frage auf ein Fakultätsgutachten ankommen 
werde, und er hatte zur Leipziger medicinischen Fakultät kein rechtes 
Vertrauen, „weil die von klugen Aerzten angesteckten Lichter der 
Wahrheit anno 1681 auch in der medicinischen Fakultät zu Leipzig 
selbst noch keine grosse und merkliche Approbation gefunden hatten.“ 
Er sondirte daher zwei Altersgenossen und Jugendfreunde, die nach¬ 
malig berühmten Professoren Rivinus und Lange, welche sich zwar 
bereit erboten, für die Ansicht Schreyer’s einzutreten, aber ihm be¬ 
züglich der Möglichkeit, von der medicinischen Fakultät ein favorables 
Responsum zu erlangen, schlechte Aussicht machten. Thomasius 
setzte noch einige Hoffnung in die damals schon sehr berühmten 
Professoren Bohn und Ettmüller, weil sie »die Renoramöe hatten, 


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262 


Dr. Blumenslok, 


dass sie sich an das Präjudicium autoritatis nicht bänden, sondern 
viel gute und nützliche Wahrheiten, die von denen neuern Medicis in 
und ausser Deutschland vorgetragen worden, in Leipzig fortpflanzten, 
auch selbst neue Wahrheiten zu erfinden sich bemülieten.“ Er ver¬ 
suchte es also bei diesen beiden, „von denen einer hauptsächlich der 
alten, der andere aber in Etwas der neuen Doctrin ergeben war“, ge¬ 
wann aber bald die Ueberzeugung, dass sein Bemühen aussichtslos sei. 

Inzwischen war das Jahr 1682 verflossen; die gerichtsärztliche 
Frage wurde einstweilen fallen gelassen, da es sich vorerst darum 
handelte, den Flüchtigen die Heimkehr zu ermöglichen. Nachdem 
dies geschehen, ging der Vertheidiger ernstlich an seine Aufgabe und 
sammelte das gerichtsärztliche Material für seine Defension. Er begann 
mit der Einforderung eines Privat-responsum von Dr. Schreyer; 
in der Abhandlung Thomasius’ ist das oben ausführlich wieder¬ 
gegebene Gutachten Schreyer’s wörtlich angeführt und eben als 
Privat-responsum bezeichnet; es trägt das Datum: „Cizae, 4 Februarii 
1683“, und die Unterschrift: „Johann Schreyer D., Physicus Cizen- 
sium Juratus“; es ist daher unbegreiflich, warum Mende (Ausf. Handb. 
d. ger. Med., Leipzig 1819, I. p. 178), welcher ganz correct Thoma¬ 
sius citirt, in dessen Angabe Zweifel setzt, da doch dieselbe eine 
actenmässige ist und gewissenhaft Volum und Pagina des Acten- 
fascikels namhaft macht. Da somit unzweifelhaft feststeht, dass die 
erste schriftliche Aeusserung Schreyer’s vom 4. Februar 1683 her¬ 
rührt, so sind wir vollständig berechtigt, dieses Jahr als dasjenige 
zu bezeichnen, in welchem die Lungenprobe zum ersten Male auf der 
gerichtlichen Tagesordnung erscheint. Dieses auf Veranlassung des 
Vertheidigers verfasste Gutachten bestätigte Schreyer gegen Ende 
1683 unter seinem Eide vor dem Untersuchungsrichter in Leipzig; es 
war daher ein gerichtliches Actenstück, und als solches wurde es von 
Thomasius bald darauf der medicinischen Fakultät in Frankfurt a./'O 
unterbreitet, welche sich daher in ihrem 1684 abgegebenen Gutachten 
auf dasselbe, als ein in den Acten enthaltenes Document, stützen konnte. 

Zuvor hatte Thomasius von seinen beiden Leipziger Freunden, 
Augustus Quirinus Rivinus (damals 31 Jahre alt und durch die 
4 Jahre zuvor gemachte Entdeckung des Ausführungsganges der Sub¬ 
lingualdrüsen schon berühmt) und Johann Lange, ein Gutachten 
abverlangt. Dasselbe (erstattet am 10. November 1683) stimmt mit 
jenem Schreyer’s vollständig überein, wenngleich die beiden Gelehrten 
nichts aus eigener Erfahrung über die angeregte, neue Frage auszu- 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


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sagen wissen und daher vorzüglich Rayger als Gewährsmann citiren 
und im Uebrigen mit folgendem teleologischem Raisonnement sich be¬ 
helfen: „Hätte sich die Natur vergeblich bemühet, und sowohl das 
foramen ovale, als auch anastomosin artcriosara in embryono formiret, 
damit das Geblüte die Lungen vorbey gehen könne, und durch selbige 
nicht dürfte circuliret werden, wenn die Lungen durch die respiration 
expandiret, die ordentliche circulationera sanguinis zuliessen.“ 

Als ihnen 8 Monate später Thomasius die specielle Frage ver¬ 
legte, ob die Lunge stückweise in’s Wasser geworfen, zumal wenn 
etliche Tage nach der Geburt verflossen, gleichfalls untersinke und 
auch dafür spreche, dass das Kind im Mutterleibe gestorben, — traten 
diese beiden Gelehrten schon selbständiger auf, indem sie am 18. Juli 
1684 erklärten, dass sie zu diesem Behufe „unterschiedene experiraente 
angestellet, und die Lunge von einem Kalbe, so lebendig gebohren 
worden, so lange in die Erde vergraben, eine andre ins Wasser ge¬ 
leget, eine andre in die Lufft gehencket, biss sie ins gesamrat ziem¬ 
lich zu faulen und zu stincken angefangen, — es ist aber eine so wol 
als die andere gantz und Stückweise oben geschwommen, eben wie 
zuvor, da sie noch frisch gewesen.“ Auf Grund dieser Versuche glaubten 
sie die ihnen gestellte Frage bejahen zu können. 

Unmittelbar nach Erhalt des ersten Gutachtens von Rivinus und 
Lange wandte sich Thomasius an die medicinische Fakultät in 
Frankfurt a/O mit der Bitte um ein Obergutachten. Da, wie er er¬ 
zählt, der Gerichtscommissarius in Leipzig zur Uebersendung der Acten 
an diese Fakultät nicht zu bewegen war, sendete er selbst einen Acten- 
auszug 1 ) und folgende kurze Geschichte des Falles: 

„Eines wohlbenahmtcn Mannes unweit Pegau wohnend, älteste 
Tochter 2 ), etwa 15 Jahre alt, wurde von dem Haussknechte ge¬ 
schwängert, diese unwissend, wie sie vorgiebt, ihrer Schwängerung, 


l ) Schreyer giebt an, dass Thomasius der Frankfurter Fakultät auch das 
zweite Gutachten von Rivinus und Lange vorgelegt habe. Diese Angabe be¬ 
ruht offenbar auf einem Irrthuro, da dieses Gutachten ein halbes Jahr später er¬ 
stattet wurde, als jenes der Fakultät. 

*) Bei Schreyer finden wir nirgends den Namen der Angeklagten; auch 
Thomasius verschweigt anfangs den Namen, fallt aber später aus der Rolle und 
veriäth sowohl Tauf- als Familiennamen; auch Bohn unterlässt es in seinen 
beiden spätem Werken (De renunciatione vulnerum, Lipsiae 1701, pag. 177 und 
De officio medici duplici, Lipsiae 1704, pag. 670) nicht, von der Angeklagten als 
Anna Voigtin zu sprechen. 


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Dr. Blumenstok, 


verschweiget solches ihrer Mutter, saget auch sonst niemand nichts 
davon, in der Einbildung, weil sie sonst offt obstructione mensium 
lahoriret, könte vor dissmahl auch desswegen der Fluss aussen blieben 
seyn, in massen sie der Knecht beredet, es würde ihr nichts schaden, 
und hätte er sonst mit vielen Mägden zu thun gehabt. 

„Zu der Zeit nun, da die Geburts-Stunde sich nahet, und die 
Mutter nicht einheimisch, leget sie sich zeitig zu Bette, schleust die 
Kammerthür aber nicht zu, bey Enstehung der Geburts-Schraertzen, 
welche sie nicht verstanden, und das Winseln die Köchin höret, gehet 
solche nnerfordert in die Kammer, und auch geschwinde wieder heraus, 
auf Begehren aber der Gebährenden muss die Käse-Mutter zu ihr kom¬ 
men, von welcher sie verlanget ihr von denen Mutterbeschwerungen, 
wofür sie die Schmertzen gehalten, zu helffen, läst sich auch auf den 
Leib fühlen, allein die Käse-Mutter gehet auch davon, und bleibet das 
Gänse-Mägdgen von etwan 14 Jahren, von Anfang ihrer Niederlegung, 
bis so lange die Mutter Nachts um 12 Uhr wieder nach Hause kömmt, 
bey ihr, nach der Mutter Anheimkunfft aber gehet das Gänse-Mägdgen 
von ihr. Die Mutter weiss von der Tochter Kranckheit anfangs nichts, 
und bleibet eine gute Weile in der Unter-Stube, ziehet sich aus, gehet 
aber hernach, als sie sich zu Bette legen will, und bey der Tochter 
Kammer vorbey gehet, auch selbige winseln höret, zu ihr in die 
Kammer, da denn die Tochter alsobald, ehe die Mutter sich ihr bcy- 
zustehen praepariren kan, ein Kind zur Welt bringet, welches beyde 
vorgeben, es sey todt auf die Welt kommen. Die Mutter löset das 
todte Kind und begräbet es in ein an dem Hause gelegenes Gärtgen, 
das Gesinde kriegt Muthmassung davon, und nach etlichen wenigen 
Tagen nimmt die Köchin einen Bratspiess, und suchet in der Erde 
mit selbigem nach dem Kinde, grabet es aus, und wird solcher Gestalt 
das factum nach Zeitz an die Regierung denunciret, von dar auf Befehl 
das Kind aufgehoben und seciret wird. Bey der section beGuden die 
anwesenden Medici über 11 Wunden an dem Kinde, deren theils 
etzliche durchgegangen, theils aber nicht, und unter andern die drey 
gefährlichste durch die Gurgel, den Magen, und Leber gangen. Hierauf 
wird nun wider die Tochter und Mutter de infanticidio inquiriret, und 
ob wohl in denen Acten keine Zeugen abgehöret worden, die sie beyde 
graviren, so bestehen doch die hauptsächlichen indicia wieder sie kürtz- 
lich darinne, dass das todte Kind so viel Stiche gehabt, auch in ordi- 
natione criminali Caroli V enthalten, dass, so eine Dirne heimlich ein 
Kind zur Welt bringet, selbige aber vorgibt, dass das Kind todt zur 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 205 

Welt kommen sey, wieder sie die Dirne zu praesumiren wäre, sie habe 
das Kind umbracht, wenn sie nicht durch rechtmässige Urkunden, dass 
das Kind todt zur Welt kommen sey, beweisen könne.“ 

Thomasius beruft sich ferner auf die Aussagen der Zeugen, auf 
die Angabe „der Medici, die bei der Section gewesen, welche nicht 
glaubten, dass das Kind bey Leben mit denen Stichen verwundet 
worden, weil in denen Wunden, unerachtet die Leber unter anderen 
laediret gewesen, nicht das geringste Tröpflein geronnen Geblüte ge- 
spüret werden können“, — ferner auf die von Sehreyer vorgenom¬ 
mene Lungenprobe, endlich auf die Aussage der Zoffe, dass die Ge¬ 
schwängerte einige Tage vor der Niederkunft über die Schwelle hart 
darniedergefallen sei. 

Das Gutachten der Frankfurter medicinischen Fakultät ist vom 
4. Januar 1684 datirt, und an „den Wohl-Edlen, Vesten und Hoch¬ 
gelahrten Hm. Christian Thomasio, J. U. Dr. und vornehmen 
Practico zu Leipzig“ gerichtet. Der Eingang desselben lautet: „Als 
uns derselbe einen Casum, betreffend Annen und Ihre Mutter, welche 
eines infanticidii beschuldiget worden, nebst einigen Beylagen (so unter 
unser Facultät Insiegel mit den Casu wieder zurück kommen), zu- 
gefertiget, und unser Responsum über die beyde darinnen proponirte 
Fragen, cum rationibus decidendi et dubitandi bittlich begehret, dem¬ 
nach haben wir Decanus, Senior, Doctores und Professores der Medi¬ 
cinischen Facultät der Churfürstl. Brandenburgischen Universität zu 
Frankfurt an der Oder sothane Quaestiones fleissig erwogen und geben 
Ihm unsere Meynung davon wohl bedächtig dergestalt zu vernehmen. 

„Wenn gefraget wird: an indicium ccrtum aut valde probabile 
sit, partum ante exitum ex utero materno fuisse extinctum, si ejus 
pulmones submergantur in aqua? antworten wir affirmative, also, dass 
wir sagen: Est valde imo maxime probabile indicium“ u. s. w. 

In der Begründung dieser Antwort stützt sich die Fakultät auf 
die von Schreyer citirten Autoritäten, sowie auf ihre „eigne An- 
merckungen“ und weist die gegentheiligen Ansichten als unstatthaft 
zurück, weil „experimentum experimento nicht entgegengesetzt wird.“ 
Auch die zweite, specielle Frage des Vertheidigers wird affirmativ 
beantwortet, und zwar die Frage: „Annon in praesenti casu propter 
reliquas circumstantias huic adjunctas praesumendum sit, infantem 
inquisitae in utero jam extinctum fuisse?“ und diess aus dem Grunde, 
„weil über dem, dass ex Actis erhellet, es sey die Lunge des todten 
Kindes, als sie Herr Dr. Schreyer, Stadt-Physicus zu Zeitz, bei der 


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Dr. Blumenstok, 


266 

section separiret, und ins Wasser (dessen er Zweiffels ohne eine satt- 
same Quantität wird adhibiret haben')) geworffen, untergcsuncken, 
machen den Untergang des Kindes im Mutter-Leibe folgende Umstände 
sehr probabel“, — als solche werden aufgezählt: das Niederfallen 
der Inquisitin ante partum, die Regungslosigkeit der Frucht im Leibe 
der Gebärenden beim Antasten desselben durch die Käsemutter und 
die mühsame Geburt selbst. 

So günstig auch dieses Gutachten für die Angeklagten ausgefallen 
war, Thomasius hatte seinen Zweck nicht erreicht. Die Leipziger 
Schöffen wollten noch darüber vergewissert sein, „ob, wenn ein Stück 
von der Lunge eines todten Kindes, zumahle etliche Tage nach der 
Geburt, in Wasser untersincket, daraus abzunehmen, dass das Kind 
bereits in Mutter-Leibe, und noch vor der Geburt todt gewesen“, — 
und obgleich Thomasius sich beeilte, auch über diesen Punkt ein 
affirmatives Gutachten von Rivinus und Lange (das zweite, bereits 
früher raitgetheilte) herbeizuschaffen, konnte er dennoch den Beschluss 
des Schöffengerichtes nicht mehr rückgängig machen, demzufolge der 
Leipziger Amtmann Roht beauftragt wurde, ein Responsum seitens 
der medicinischen Fakultät zu Wittenberg einzuholen. 

Das am 30. August 1684 an den erwähnten Amtmann eingelangte 
Gutachten dieser Fakultät, das letzte in dieser Angelegenheit, nimmt 
in der Geschichte der Lungenprobe und der gerichtlichen Medicin über¬ 
haupt einen so hervorragenden Platz ein, dass wir dasselbe wörtlich 
anzuführen nicht umhin können: 

„Als haben wir die Acta collegialiter fleissig durchlesen, alles 
genau erwogen und geben Ihme zur verlangten Antwort dieses: Dass 
wir zwar die von denen Herren Medicis angeführte experimenta in 


') Schreyer bemerkt hierzu in seiner Abhandlung: „Ego in vasculum, quo 
pro pabulo vaccarum utuntur villici, — eine Kuhgelte —, aqua repletum oon- 
jeci exsectum ex cadavere pulmouem, ipsumque hiscc meis oculis subsidere con- 
spexi.“ Schreyer scheint, als er dies im Jahre 1691 niederschrieb, vergessen 
zu haben, was er gegen Ende 1683 vor dem Leipziger Untersuchungsrichter unter 
seinem Eide ausgesagt hatte. Art. 2 der Eidesformel lautete nämlich: „Wahr, dass 
Herr Zeuge bei der Besichtigung und Section die Lunge des todten Kindes von 
denen anderen partibus corporis abgelöset und in kalt Wasser geworffen?“ Darauf 
antwortete Schreyer: „Der Barbierer hätte in seinen Bciseyn die Section ver¬ 
richtet, und die Lunge in das Wasser geworffen.“ Berücksichtigen wir jedoch, 
dass dazumal die Verrichtung einer Section als „niedere“ Leistung, daher eines 
Med. Dr. unwürdig galt und dem Barbier überlassen blieb, so dürfte in diesen 
nicht ganz identischen Angaben eigentlich kein Widerspruoh zu finden sein. 


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Zum 200jährigen Jubiläum der Lungenprobe. 


267 


Zweiffel zu ziehen nicht Ursache haben, indem wir theils selbst vor 
vielen Jahren experimentiret, dass die Lunge eines abortus von 4 Monat, 
eines von 6 Monat, und eines Kindes, so in der Geburth gestorben, 
im Wasser alsobald untergesuncken, welches gleichfalls in denen brutis 
wir vielfältig hernach observiret. So lassen wir auch die angeführten 
rationes in ihren Würden, und könnte vielleicht die gravitas pulmo¬ 
num in utero auch daher deduciret werden, weil die vesiculae pul¬ 
monum tempore formationis, wie in allen anderen excavatis partibus 
zu geschehen pfleget, mit einem muco angefüllet, damit die membranae 
nicht coalesciren, sondern ihre richtige cavitatem erhalten, welchen 
mucum hernach die Lufft, wie Borellus redet, abradiret. 

„Wir halten auch nicht dafür, dass propter putredinem eine Lunge 
so einmahl Lufft geschöpffet, also disponiret werden könne, dass sie 
raüste untersincken, weil unmöglich alle vesiculae so gar corrumpiret 
werden können, dass alle Lufft heraus gehe, es geschehe denn eine 
totalis resolutio mixti, dahero die angeführte experimenta wir leicht 
glauben können. Wir können aber nicht dafür achten, dass dieses 
ein indubitatum und universale argument sey, wodurch so gar gewiss 
bewiesen werden könne, es müsse ante partum in Mutter-Leibe das 
Kind gestorben seyn. 

„Man könte endlich wohl ex praesuppositis schliessen: Wann 
eine Lunge im Wasser sincket, so hat dieselbe noch keine Lufft in 
der Welt geschöpffet, aber es folget nicht alsobald, dass es müsse 
in Mutter-Leibe gestorben seyn, sintemal so wohl in als nach der 
Geburt ein lebendig Kind kan ertödtet werden, ehe es Athem holet. 

„Diss zu behaupten, muss vor allen Dingen praesupponiret wer¬ 
den, dass ein Kind eine Zeitlang ausser Mutter-Leibe, ehe es Athem 
holet, wie in utero leben könne, welches geschieht in folgenden 
casibus: 

„1) Müssen alle Weh-Mütter gestehen, dass öffters Kinder zur 
Welt kommen, die sich zwar bewegen, und pulsum haben, aber nicht 
Athem holen, und sie genöthiget werden Athem einzublasen, wenn 
nemlich das Geblüte oder das Wasser zu starck aus der Mutter nach- 
schiesset, Nase und Maul verstopffet, dass es nicht Athem holen kann: 
Ingleichen, wenn die pulmones so gar viel muci bey sich haben, 
Nasen und Maul davon angefüllet, dass so bald die Lufft nicht 
hinein dringen kan. 

„2) Wenn die Nabelschnüre sich etliche mahl um das Hälsgen 
umschlungen, und verhindert, dass das Kind nicht respiriren kau, 


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Dr. Blumenstok, 


wie denn bekant, dass, wenn nicht balde Hülffe geschieht, viel Kinder 
also verderben müssen. 

„3) Wenn das Kind inverso modo, mit den pedibus erst ge- 
bohren wird, da öffters sich zuträgt, dass, wenn die Geburth za balde 
sich um das Hälsgen schleust, das Kind lebend und zapplend stran- 
guliret wird. 

,4) Ist ausser allen Zweiffel, dass öfters Kinder zur Welt kom¬ 
men, mit denen involucris oder secundinis, welche partus Harvejus 
recht naturales nennet, da instar ovi der gantze conceptus excludiret 
wird. In diesem Casu ist ausser allen Zweiffel, es besagen es auch 
die Wehmütter, dass das Kind eine gute Weile, ehe die secundinae 
geöffnet werden, sine respiratione, wie im utero, leben könne, sinte- 
mahl der aer athmosphaericus hier so wenig als in der Mutter durch 
dio dicken raembranas eindringen kan, über dieses das Kind noch in 
seinem liquore schwimmet, welche rationes sonst contra respirationem 
foetus in utero angefuhret werden. 

„Wenn nun dieses also richtig, dass ein lebendig Kind eine Zeit¬ 
lang bald nach der Geburt ausser der Mutter-Leibe leben könne, sine 
respiratione, so folget hieraus gar leichte ex concessis, dass wenn ein 
solches Kind, in denen gedachten casibus erblasset, oder ertödtet wird, 
ehe die Lufft in die pulmones kommen kan, dass desselben Lunge 
nicht schwimmet, sondern untersincken müsse, und wir daher nicht 
apodictice Schlüssen können, es müsse im Mutter-Leibe das Kind ge¬ 
storben seyn, welches Lunge in der Besichtigung untergesuncken. 

„Wir halten auch vor unnöthig, weitläufftig zu erweisen, dass 
ein lebendig Kind in solchen casibus ertödtet werden könne, ehe es 
respiriret, weil im letzten casu viel media können erdacht werden, in 
involucris haerentem foetum zu eneciren. Im andern casu darf die 
Nabelschnüre nur feste angezogen werden, so wird der Tod bald er¬ 
folgen, wie man solches Öffters von unvorsichtigen Wehe-Müttern er¬ 
fahren, zu geschweigen, wenn also bald in der Geburt das Köpffgen 
eingedrückt, oder das Genick gebrochen wird, das Kind ertödtet wer¬ 
den kan, ehe es dazu gelanget, dass es Athem holen kan. 

„Wolte man darwider einwenden, dass solches nur praesupposita, 
und durch experimenta nicht confirmiret worden, so müssen wir zwar 
gestehen, dass in dergleichen casibus verstorbene oder ertödtete wir 
nicht geöffnet, dahero weil sie rar, nicht experimentiren können, ob 
dergleichen Lungen untersincken oder nicht, es ist aber das Gegen- 
theil auch nicht per experimenta confirmiret, und weil die angeführten 


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rationes praegnantes, so folget zum wenigsten dieses daraus, dass diese 
quaestio noch nicht vollkommen per experimenta confirmiret, und man 
ex hoc fundaraento nicht infallibiter concludiren kan, inraassen denn 
auch allerdings darauf zu sehen, dass diese opinio noch nicht cora- 
muni eruditorum consensu confirmata et recepta sey, dahero in Sachen 
so Leib und Leben antreffen, so blosser Dinge auf solche problemata 
sich nicht zu gründen, und so viel von dieser quaestion in genere. 

„Anlangende praesentem casura, so können wir zwar aus oban- 
gefiihrten Ursachen einig und alleine darum, dass, weil der Inquisitin 
Kindes Lunge untersuncken, solches ante partum in utero müsse ge¬ 
storben seyn, firmiter nicht schliessen, gleichwol aber weiln andere 
circumstantiae zu consideriren, als: 

„1) Dass Inquisitin über eine Schwelle kurtz vor der Geburt in 
dem Backhause auf den Leib gefallen, und dabey sehr erschrocken. 

,2) Die Medici bey der Besichtigung keine andere laesion ge¬ 
funden, als die Wunden, so erst nach dem Tod mit einem Bratspiesse 
sollen von der Köchin sein gemachet worden. 

„3) Die Käse-Mutter eydlich ausgesaget, dass kurtz vor der Ge¬ 
burt sie Inquisitin auf den Leib gefiihlet, und keine Bewegung eines 
Kindes gewahr worden. 

„4) Bey einer ersten Geburt es ohne dem schwer zugehet, dass 
also ein vom Fall und Schrecken vorhero geschwächetes Kind leicht 
in der Geburt ersticken kan, und 

„5) Hierzu kömmt, dass die pulmones untergesuucken, als er¬ 
achten wir sehr probabel zu seyn, dass das Kind entweder vor oder 
in der harten Geburt gestorben sey, sonderlich, wenn auf rechtlichen 
Ausspruch derer J. Ctorum der Inquisitin Mutter mit einem cörperlichen 
Eyde erhalten solte, dass, wie sie ausgesaget, das Kind gantz gründ¬ 
lich wie verweset ausgesehen, und kein Bissgen Blut bey der Nabel¬ 
schnüre zu sehen gewesen.“ 

(8chlu88 folgt.) 


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4. 


Hedicuisch - forensische Erfahrungen 

von 

Medicinalrath Professor Dr. II* Fischer in Breslau. 


(Schluss.) 

II. 

Das Mitglied und das Gutachten des Medicinal-Collegiums 
bei dem mündlichen Gerichtsverfahren. 

Das mündliche Verfahren verlangt die Anwesenheit eines Mit¬ 
gliedes des Medicinal-Collegiums vor Gericht zu der Verhandlung 
solcher Sachen, bei welchen ein Obergutachten vom Medicinal-Colle¬ 
gium erfordert und abgegeben wurde, da dasselbe nicht mehr, wie 
früher, in seinen wesentlichsten Punkten mit der Anklage zur Ver¬ 
lesung kommt, sondern dem Gerichtshöfe mündlich vorgetragen wer¬ 
den muss. Zu dem Zwecke wird der Referent, also der Verfasser des 
in den Acten befindlichen Obergutachtens oder im Behinderungsfalle 
desselben der Correferent, welcher auch eine genaue Kenntniss der 
Acten und des vom Collegium beschlossenen Gutachtens hat, zu dem 
Termine vom Gericht vorgeladen. Der Medicinalrath hat nun der 
ganzen Verhandlung beizuwohnen, er kann zu seiner Information 
Fragen an die Zeugen durch den Präsidenten des Gerichtshofes richten 
lassen und kommt schliesslich nach dem Expose der Gerichtsärzte zum 
Worte, nachdem ihm vorher der Sachverständigeneid, in welchem er 
bekanntlich schwören muss, dass er das von ihm erforderte Gut¬ 
achten seiner Kenntniss und Erfahrung gemäss gewissen¬ 
haft abgeben werde etc., abgenommen worden ist. 

Bei seinen Aussagen ist es ihm nun ganz überlassen, ob er sich 
an den Wortlaut und die Disposition des Obergutachtens, wie es in 
den Acten liegt, halten oder ganz frei und ungebunden über den Inhalt 
desselben referiren will. Die Lage, in welcher sich der Medieinalrath 
dabei befindet, erscheint bei oberflächlicher Betrachtung einfach und 
gesichert, und doch kann sie durch die besondere Fassung des vorauf¬ 
gegangenen Sachverständigeneides sehr peinlich werden. Auch will es 
uns Vorkommen, dass durch die zeitige Praxis die Bedeutung und der 
Werth des schriftlichen Obergutachtens sehr in Frage gestellt ist. 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


271 


Man wird mich leichter verstehen, wenn ich die verschiedenen Even¬ 
tualitäten, welche für das Mitglied des Medicinal-Collegiums in foro 
eintreten können, kurz vorführe. 

1. Das Gutachten des Medicinal-Collegiums deckt genau 
die Anschauungen des Medicinalraths, und die Gerichts¬ 
verhandlungen, denen erbeiwohnt, bestätigen ihm dasselbe 
in allen Punkten. In diesem glücklichen Falle kann er dasselbe 
auch mit freudiger Ueberzeugung als mit den Anforderungen des von 
ihm geleisteten Eides übereinstimmend, also als seiner Erkenntniss 
und Erfahrung entsprechend, vortragen und motiviren. In einem sol¬ 
chen Falle bleibt aber immer die Frage offen, was brachte die Be¬ 
fragung des Medicinal-Collegiums und das von demselben abgegebene 
schriftliche Gutachten für einen Nutzen? Das Gutachten ist von 
einem Mitgliede desselben verfasst, von dem Collegium so angenom¬ 
men, wie es vorgetragen wurde, und dieses Mitglied trägt allein laut 
seines Eides die Verantwortung für dasselbe in foro. Das Collegium 
hatte also mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun, als dass es 
das Gutachten des Referenten anhörte und billigte. Wäre es unter 
derartigen Umständen nicht einfacher, wenn sich das Gericht, sobald 
ein Dissens unter den Sachverständigen entsteht oder ein Zweifel an 
ihrer Competenz auftaucht, ein Gutachten nur von einem solchen 
Mann einholte, zu dessen Kenntnissen und Erfahrungen, Zuverlässig¬ 
keit und Tüchtigkeit es nach der Lebensstellung, dem Leumund und 
Alter desselben volles Veitrauen haben kann und hat? Demselben 
müssten die Acten vor dem Termine auf einige Tage zugeschickt wer¬ 
den, damit er gut unterrichtet im Termine auftreten könne. Sein Gut¬ 
achten hätte er dann blos mündlich abzugeben. Die Universiläten mit 
ihren erprobten Lehrkräften, welche im Dienste und Solde des Staates 
und unter der Zucht eines Amtseides stehen, würden für diese Zwecke 
den Gerichten eine reiche Auswahl an tüchtigen Männern bieten und 
den Richtern noch den Vorzug gewähren, dass sie für jeden besonderen 
Fall auch besondere Kenntnisse, specielle Studien und hervorragende 
Erfahrungen verwenden könnten. Wir wissen, dass eine nicht geringe 
Zahl von Gerichten diese Praxis bereits verfolgt und gefunden haben, 
dass dieselbe viel Zeit erspart, — (ein Vorzug, der bei Haftsachen 
sehr in’s Gewicht fallt) —, welche durch die Vorbereitung des Gut¬ 
achtens, die Berathung desselben im Collegium, die Unter- und Rein¬ 
schriften bei der Einholung eines Obergutachtens von dem Medicinal- 
Collegium absorbirt wird, und dabei in der Sache selbst nicht minder 


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272 


Dr. tt. Fischer, 


wirksam und zuverlässig ist. Den Sachverständigen würde dabei aber 
auch die mühevolle, zeitraubende schriftliche Ausarbeitung eines Gut¬ 
achtens erspart, welches doch zur Zeit nur in den Acten unbenutzt 
begraben wird. Es ist kaum anzunehmen, dass durch eine collegiale 
Bcrathung noch ein besonderes Licht in eine wissenschaftlich-foren¬ 
sische Streitfrage gebracht oder dass durch dieselbe ein Sachverstän¬ 
diger von einer durch ein ernstes Studium der Acten gewonnenen, in 
seiner Kenntniss und Erfahrung begründeten Ansicht zurückgebracht 
wird. Bedarf derselbe zur richtigen Auffassung eines solchen Falles 
und zur sicheren Abgabe eines wissenschaftlich motivirten Gutachtens 
noch der Beihülfe und der Correction durch andere Fachmänner, so 
wohnt ihm eben nicht die Autorität inne, die er haben soll. Einem 
tüchtigen Maiine, der es mit jeder Aufgabe seines Amtes ernst meint, 
wird es aber immer peinlich bleiben, seine wohlerwogene Ansicht in 
einem zweifelhaften forensischen Falle erst einem Collegium vortragen 
und von demselben, als durch ein läuterndes Fegefeuer, kritisiren und 
approbiren lassen zu müssen. Die Mitbetheiligung von Laien bei der 
Berathung solcher Obergutachten in den Medicinal-Collegien trägt 
wenig oder nichts zur Klärung der schwebenden Fragen bei, kann 
vielmehr leicht zu ihrer Verwirrung fuhren, da denselben eine grosse 
Autorität durch ihr Amt und ihre Stellung als Vorgesetzten der Mit¬ 
glieder des Collegiums innewohnt und da ferner besonders energische 
Naturen unter ihnen wol einmal bestimmter und entscheidender ein- 
greifen könnten, als cs bei der Berathung derartiger Fragen ge- 
rathen erscheint. 

2. Das Medicinal-Collegium hat, wie es doch wol bei der 
Einsetzung desselben als seine wesentlichste Aufgabe betrachtet wurde, 
das Urtheil und die Meinung des Referenten in wesentlichen 
Punkten per majora modificirt, der Referent wider seine 
Ueberzeugung das Gutachten nach dem Beschlüsse des Col¬ 
legiums ausgearbeitet und auch während der Verhandlung 
der Sache im Termine durch Zeugenaussagen und Fragen 
an die Zeugen nur Bestätigungen seiner Auffassung ge¬ 
wonnen. Was soll er nun thun, wenn er im Termine zum Worte 
aufgerufen wird? Der von ihm vorher geleistete Eid zwingt ihn, das 
von ihm geforderte Gutachten seiner Kenntniss und Erfahrung gemäss 
gewissenhaft abzugeben und nicht die Ansicht des Medicinal- Colle¬ 
giums getreu darzustellen. Der Eid setzt voraus, dass der Referent 
auch stets die Anschauungen des Collegiums theilt, was doch nicht 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


273 


immer der Pall zu sein braucht. Wollte das Gericht nur einen 
genauen Bericht über das Gutachten des Collegiums haben, so müsste 
der Eid geändert oder nicht der Referent, sondern der Canzlei-Chef 
des Medicinal-Collegiums vorgeladen werden. Letzterer hätte dann 
keine eigene Meinung in der Sache und brauchte nur zu bekunden, 
dass das in den Acten befindliche Gutachten von dem Medicinal- 
Collegium herrühre und darauf die wesentlichsten Punkte, auf die 
dasselbe hinausläuft, nach einer ihm vom Collegium gegebenen schrift¬ 
lichen Instruction vorzutragen. Der Medicinalrath muss dagegen ge¬ 
wissenhaft ausführen, zu welchen Anschauungen das Collegium gekom¬ 
men ist, dabei aber auch seinem Eide gemäss erklären, in welchen 
Punkten ihn seine Erkenntniss und Erfahrung zwingen, von denselben 
abzüweichen. Damit aber kommt eine neue Verlegenheit über den 
Gerichtshof. Er muss sich nun entscheiden, welchem Gutachten er 
folgen oder ob er nun noch an eine höhere Instanz appelliren und 
ein neues Gutachten extrahiren solle. Stimmt dann bei einer erneuten 
Verhandlung das Obergutachten der wissenschaftlichen Deputation mit 
dem des Medicinal-Collegiums oder mit dem des Referenten im Medi- 
cinal-Collegiura überein, — so ist die Sache für den Gerichtshof ent¬ 
schieden; tritt aber hier wieder, wie es ja bei so zweifelhaften und 
oft kaum sicher zu entscheidenden Fragen, welche in foro Obergut¬ 
achten provociren, so leicht Vorkommen kann, eine neue Anschauung 
hervor, so ist die Verlegenheit nur noch grösser geworden, denn der 
Referent des Medicinal-Collegiums wird immer seinem Eide entspre¬ 
chend bei seiner Meinung bleiben, wenn er «nicht, was doch recht 
selten der Fall sein dürfte, von dem Obergutachten noch zu einer 
anderen Ansicht umgestimmt wird. Die vielen schriftlichen Gutachten 
haben also zur Klärung der verhandelten Sache nichts beigetragen. 
Der Gerichtshof muss doch entscheiden, welcher Ansicht er folgt. 
Die Geschworenen werden aber durch ärztliche Streitereien meistens 
so irritirt und verwirrt, dass sie lieber die ganze Sache fallen lassen, 
um ihr Gewissen nicht zu belasten, oder den Anschauungen der Aerztc 
folgen, welche sie persönlich kennen oder die sie in Krankheiten zu 
Rathe ziehen. Besonders leicht kann eine solche Divergenz der An¬ 
schauungen in foro hervortreten, wenn statt des verhinderten Referenten 
der Correferent in der Sache vorgeladen werden musste, dessen Auf¬ 
fassung während der entscheidenden Sitzung in der Minorität geblieben 
war. Ich spreche hierbei aus peinlicher Erfahrung. Das Obergut- 

ViertoljolirsHehr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. 1S 

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Dr. H. Fischer, 


achten, welches unter den sub 1 erörterten Bedingungen überflüssig 
erschien, wirkt unter den eben beschriebenen verwirrend. Es kommt 
weder zur Verlesung, noch zur Geltung; es wird blos angeführt in 
seinen Hauptsätzen, um auch gleich widerlegt zu werden. Die Ab¬ 
fassung desselben war daher verlorene Mühe und vergebliche Arbeit. 

3. Das Mitglied des Medicinal - Collegiums gewinnt, 
nachdem seine Anschauungen von dem Collegium ange¬ 
nommen und das Gutachten danach abgefasst worden ist, 
während der Verhandlung durch besondere Fragen, die es 
an die Zeugen gerichtet hat, oder durch wichtige Mitthei¬ 
lungen nachträglich von der Verthoidigung laudirter Zeu¬ 
gen eine ganz andere Anschauung von der Sachlage, als es 
und das Collegium aus dem zur Verfügung gestellten Acten- 
material gehabt und in dem Gutachten vertreten haben. 
Auch solche Fälle sind dagewesen, da es für den Untersuchungs¬ 
richter kaum möglich ist, alle medicinisch wichtigen Fragen bei der 
Voruntersuchung richtig zu präcisiren und zu stellen. Der Arzt weiss 
am besten, oft auch allein, auf welche Funkte es bei der Beurtei¬ 
lung medicinisch-forensischer Fragen ankommt und die Zeugen bringen 
auf richtig formulirte und gut begründete Fragen oft noch überraschende 
neue Thatsachen bei, welche die in Verhandlung stehende Sache in ein 
ganz anderes Licht stellen, als sie nach Lage der Acten sich befand. 
Dieser Fall tritt besonders leicht ein, wenn es sich um die Zurech¬ 
nungsfähigkeit eines Angeklagten handelt. Wenn man dabei den An¬ 
geklagten sehen, ihn fragen, seine Vergangenheit klarstellen, nach 
Epilepsie, hereditären Belastungen forschen kann, so wird man im 
Termine oft ganz anders zu urtheilen vermögen, als nach dem meist 
sehr dürftigen und unvollständigen Actenmaterial. Aber auch unter 
anderen Umständen kann ein solcher Fall sich ereignen, wie ich in 
einem Termine erlebt habe. Ein junger Mann war geschlagen und 
8 Tage nach der Verletzung gestorben. Es fand sich neben einer 
Fissur an der Basis cranii, einem beträchtlicheren Blutextravasate da¬ 
selbst, eine eitrige Basalmeningitis, zu gleicher Zeit aber auch eine 
alte Otitis interna mit Caries des Felsenbeins. War hier die Menin¬ 
gitis eine Folge der Verletzung oder der Otitis interna? Eine genaue 
Ergründung der Anamnese, ob Denatus vor der Verletzung sich ganz 
wohl befunden, ob er an Kopfschmerzen, Vomitus matutinus, Schwindel 
ctc. gelitten, kann darüber allein einen sicheren Aufschluss gewähren, 
wenn die Fragen vom Arzte sorgfältig und bestimmt gestellt werden. 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


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Die Acten bringen oft über die wesentlichsten Punkte nur spärlichen 
Anhalt oder auch trügerische Angaben. Wie leicht wird hier durch 
ärztlicherseits provocirte Zeugenaussagen die ganze Anklage verschoben 
oder aufgehoben! Das vom Medicinal-Collegium deputirte Mitglied 
kann dann nur erklären, welche Anschauung das Collegium bei Ab¬ 
stattung des Gutachtens, als es die im Termine neu cruirten That- 
sachen noch nicht kannte, hatte, um dann seinem Eide gemäss das 
Gutachten abzugeben, welches es nun für das richtige hält. Es tritt 
dabei ganz aus dem Rahmen der collegialen Verhandlung heraus und 
handelt ganz selbständig auf eigene Verantwortung, wie jeder vom 
Gerichte vorgeladene Sachverständige. Es wäre ja immerhin möglich, 
dass das Collegium trotz der eruirten Thatsachen bei seinem Gut¬ 
achten verharrte — das Mitglied desselben kann sich aber im Ter¬ 
mine bewogen finden, dasselbe zu verlassen. Die Abfassung des Gut¬ 
achtens war also wiederum verlorene Mühe und vergebliche Arbeit. 
Es ist aber auch denkbar, dass sich das Mitglied des Medicinal- 
Coilegiums durch das Votum desselben trotz wankender eigener Ueber- 
zeugung gebunden erachtet oder unter seinem Drucke und Einflüsse 
bei dem vom Medicinal-Collegium aufgestellten Schlussgutachten be- 
harrt. Dann läge in dem Obergutachten eine entschiedene Gefähr¬ 
dung der Rechtsprechung und des Gewissens des Medicinalrathes. 

4. Nach Abgabe des Gutachtens, sei es, dass dasselbe von 
dem Beschlüsse des Collegiums abwich, sei es, dass es mit demselben 
übereinstimmte, werden dem Mitgliede des Medicinal-Colle- 
giums nicht selten noch im Termine Fragen von den Ge¬ 
richtsärzten, welche bei einer anderen Auffassung beharren, oder 
von den Mitgliedern des Gerichtshofes vorgelegt, von denen 
im Gutachten des Medicinal-Collegiums nichts steht. Soll¬ 
ten dieselben im Medicinal-Collegium erörtert sein, so wird es auch 
dem Medicinalrathe leicht werden, sie im Sinne desselben zu beant¬ 
worten, wenn nicht, so müsste er erklären, dass er dieselben nicht 
als Mitglied des Medicinal-Collegiums, sondern als Sachverständiger, 
seiner Erkenntniss und Erfahrung gemäss, beantworten werde. Er 
wird also auch unter diesen Umständen oft gezwungen sein, seine 
Mission zu erweitern und über seinen Auftrag hinauszugreifen. Ich 
bin wiederholt in der Lage gewesen, dies vor dem Gerichtshöfe zu 
bekennen, ehe ich antwortete. — 

Aus diesen kurzen Auseinandersetzungen wird, glaube ich, leicht 
zu sehliessen sein, dass das Mitglied des Medicinal-Collegiums trotz 


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Dr. H. Fischer, 


des schriftlichen Obergutachtens zur Zeit nur als einfacher Sach¬ 
verständiger in foro zu betrachten ist und dass dem Gutachten, 
das er zu erstatten hat, daher auch keine andere autoritative Kraft 
innewohnen kann, als die in seiner Person, seiner Stellung, Erfah¬ 
rung und Erkenntniss liegende. Das Mandat des Medicinal-Collegiums 
spielt dabei keine wesentliche oder entscheidende Rolle; die persön¬ 
liche Auffassung des Medicinalrathes entscheidet. Er steht auf einer 
Linie mit den anderen Sachverständigen, wenn ihn nicht Form und 
Inhalt seiner Aussage vor ihnen auszeichnet. In dieser Weise habe 
ich auch schon öfter von Seiten der Verteidigung die zeitige Stellung 
und Bedeutung des Mitgliedes des Medicinal-Collegiums vor dem Ge¬ 
richtshöfe präcisiren hören. Es giebt nur zwei Wege, die aus diesem 
Dilemma führen: entweder muss der Eid, den das Mitglied des Medi¬ 
cinal-Collegiums in foro zu leisten hat, so geändert werden, dass er 
dasselbe nur verpflichtet, das zu sagen, was im Obergutachten des 
Collegiums steht (und dann müsste es auch jede Frage ablehnen, die 
nicht im Obergutachten beantwortet ist), oder man sieht von der Ein¬ 
holung eines Obergutachtens des Medicinal-Collegiums überhaupt ab 
und begnügt sich damit, einen Sachverständigen vorzuladen, dem man 
vorher Einblick in die Acten eröffnet und von dem man ein einsichts¬ 
volles, gewissenhaftes Gutachten erwarten kann, wie es oben kurz 
präcisirt worden ist. Bei Einhaltung des letzteren Modus würden die 
Medicinal-Collegicn nichts von ihrem Ansehen und ihrem Wirkungs¬ 
kreise verlieren, wenn man ihnen dafür mehr sanitätspolizeiliche Auf¬ 
gaben im Interesse der Provinz, als bisher geschehen, zuertheilte. — 
Um Missverständnissen oder Einwürfen zu begegnen, will ich 
schliesslich ausdrücklich hervorheben, dass ich die Aufgabe der medi- 
cinischen Obergutachten, den Staatsanwalt und die Richter zu infor- 
rairen, in ihrer Wichtigkeit nicht verkenne. Dennoch will es mir 
scheinen, dass durch die Abhörung eines besonders geeigneten, von 
den Gerichten aus freier Wahl laudirten Sachverständigen schon wäh¬ 
rend der Voruntersuchung dieser Zweck leichter, schneller und ebenso 
forderlich erreicht werden kann. Wir haben in den vorhergehenden 
Zeilen gezeigt, wie auch die schriftlichen medicinischen Obergutachten 
bei der mündlichen Verhandlung in’s Schwanken gerathen können, und 
daher müssen wir ihnen auch für die Informirung der Richter nur 
einen relativen Werth beimessen. 


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Medicinisch-forensiscbe Erfahrungen. 


277 


III. 

Dio Fragestellung des Richters in medicinischen Dingen. 

Die Gründlichkeit, Einsicht und das hervorragende Geschick unserer 
Richter in der rückhaltlosen Aufdeckung und völligen Klarstellung aller 
für die richtige Beurtheilung eines forensischen Falles wichtigen Mo¬ 
mente erfreut sich mit Recht einer hohen Anerkennung durch alle 
Lande. Die Acten sind daher oft, besonders bei criminellen Unter¬ 
suchungen, wahre Kunstwerke, deren genaues Studium einen grossen 
Genuss bereitet: wie die Untersuchung sich an leichten Fällen an¬ 
spinnt, und an diesen dann immer gravirendere Momente herangezogen 
werden, bis schliesslich der ganze Vorgang beim Verbrechen, seine 
Vorbereitung und Motive lichtvoll zu Tage treten. So sicher und um¬ 
sichtig aber die Untersuchung auf dem juristischen Felde vorwärts 
schreitet, so umständlich und zögernd wird sie, wenn es sich um die 
Ergründung medicinischer Fragen handelt. Hier geräth der Unter¬ 
suchungsrichter leicht auf Um- und Abwege, verfrägt sich in Neben¬ 
dingen, welche wol die Neugierde befriedigen, auch die Sinne kitzeln, 
und übergeht wichtige und entscheidende Momente völlig, oder berührt 
sie nur ganz flüchtig. Es kommen bei diesem Verfahren oft sehr 
ergötzliche, auch wissenschaftlich interessante Dinge heraus, die aber 
den Prozess weder fördern, noch klären. Nicht selten sind auch die 
Fragen, welche über medicinische Dinge an die Zeugen und Ange¬ 
klagten vom Richter gestellt werden, nach Inhalt und Form so schwer 
verständlich, dass sie Männer aus dem Volke, selbst wenn sie den 
zahllosen, populär-geistreichen Vorträgen über medicinische Dinge, mit 
denen inan heut zu Tage in den Vereinen das Volk mit heiligem Eifer 
über Natur- und Menschenkunde zu belehren sich bemüht, fleissig ge¬ 
folgt sind, kaum richtig verstehen und erschöpfend beantworten kön¬ 
nen. Es kommt daher oft genug vor, dass man vor der Abgabe eines 
medicinischen Gutachtens die Acten zur nachträglichen Aufklärung 
wichtiger Momente remittiren oder dass man sich für die mündliche 
Verhandlung die Stellung einer Reihe von Fragen an die Zeugen und 
Angeklagten Vorbehalten muss. Da gewiss jedem Gerichtsarzte der¬ 
artige Verlegenheiten vorgekommen sind, so glaube ich mich der An¬ 
führung vieler Beispiele, die ich wol zur Verfügung habe, entschlagen 
zu können. Es kann, um ein solches Beispiel anzuführen, von grossem 
Interesse sein, actenmässig festzustellen, ob ein Verbrecher epileptisch 
ist. Wie soll der Richter aus sich die richtigen Fragen zur Klar- 


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Dr. H. Fischer, 


Stellung dieses Punktes finden? Oder es ist von Wichtigkeit zu er¬ 
gründen, ob ein Mann vor der Verletzung schon schwindsüchtig war 
oder aus einer tuberkulösen Familie stammte. Es wurde nämlich ein 
Mann auf dem Tanzboden von einem Soldaten aus Eifersucht in den 
Hals gestochen, wobei die Carotis communis verletzt war. Patient 
starb nach langdauernder Eiterung mehrere Monate nach der Ver¬ 
letzung im Hospitale an Lungenschwindsucht. Bei der Section fand 
sich die Gefässwunde geschlossen, die Eitersenkungen am Halse in 
der Heilung, die wichtigsten Organe aber von Tuberkeln durchsetzt. 
Die Vertheidigung behauptete im Termine, die Schwindsucht habe 
keinen Zusammenhang mit der Verletzung. In den Acten war die 
Frage garnicht berührt, wir konnten sie aber im Termine bald er¬ 
ledigen, als wir an die Zeugen bestimmte Fragen von entscheidender 
Bedeutung gerichtet hatten. Der Richter aus sich hätte es schwer¬ 
lich zu Stande gebracht. 

Ist der Mangel wichtigen oder die Fülle unwichtigen Actenmate- 
rials schon ein grosser Uebelstand bei der medicinischen Beurtheilung 
forensischer Fälle, so tritt noch öfter in der unbestimmten und un¬ 
sicheren, zu weit gegriffenen oder zu eng bemessenen Fassung der 
von Seiten des Richters oder Staatsanwaltes an den medicinischen 
Sachverständigen zur Begutachtung gerichteten Fragen ein neues und 
erschwerendes Moment hinzu. Es ist zuweilen ganz unmöglich, die¬ 
selben so zu beantworten, wie sie gestellt sind. Bei einigen müssen 
erst unrichtige medicinische Auffassungen und Voraussetzungen recti- 
ficirt, bei anderen unwesentliche Dinge bei Seite geschoben und wichtige 
hervorgehoben werden, wenn das medicinische Gutachten den Kern der 
Sache treffen soll. Ich unterlasse hier ausdrücklich die Anführung 
von Beispielen, damit ich nicht an Stellen verletze, die wir sonst so 
hoch zu schätzen wissen. 

Diese Thatsachen, die ich hier nur in flüchtigen Umrissen 
andeuten wollte, haben es mich immer als einen schlimmen 
Fehler vorfinden lassen, dass der Richter nicht stets von 
seinem guten Rechte Gebrauch macht und überall da schon 
bei den Voruntersuchungen die Gerichtsärzte mit vorladet, 
wo er medicinische Fragen zu ergründen oder an Laien zu 
richten hat. Der Gerichtsarzt wird ihm dabei am evidentesten zur 
Seite stehen, er kann ihm sagen, worauf es besonders ankommt, 
welche Dinge von Werth für die Beurtheilung des Falles sind und 
wie er zu fragen hat. Der Arzt kennt die im Volke üblichen Aus- 


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Medicinisch-forensische Erfahrungen. 


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drücke für medicinische Dinge, und kann daher am besten ausfragen 
und am richtigsten verstehen, was die Leute sagen wollen. Auch bei 
einer Divergenz in den Anschauungen der verschiedenen Sachverstän¬ 
digen wird der Gerichtsarzt dem Richter oder Staatsanwalt am klar¬ 
sten und bestimmtesten die präcise und erschöpfende Fragestellung 
an das Medicinal-Collegium oder an andere, noch abzuhörende Sach¬ 
verständige an die Hand geben. Die Kosten, welche durch diese 
Massregel erwachsen würden, können nicht in Frage kommen, wenn 
nur dadurch die Sache wesentlich gefördert wird. Wenn nur erst 
die Richter an diese Maxime gewöhnt sind, so werden sie sicherlich 
dieselbe nicht wieder entbehren wollen und kaum begreifen, wie es 
früher ohne dieselbe gegangen ist. 


5. 

Zar Casiistik des Straagulatioas-Tedes. 

Yom 

Kreisphysikus Dr. Falk in Berlin. 


Dass beim Strangulations-Tode im Allgemeinen und besonders 
beim Erwürgen ausser der Haut-Verletzung auch tiefere Laesionen 
am Halse beobachtet werden, ist hinlänglich bekannt; u. a. sind dies 
Suffusionen in die Scheide der Kehlkopf-Muskeln oder auch Brüche 
von Kehlkopf und Zungenbein. 

Die Eigenartigkeit oder jedenfalls Seltenheit eines von mir jüngst 
beobachteten Obductions-Befundes veranlasst mich zur Mittheilung 
folgenden Falles: 

Am 19. Januar d. J. wurde auf der Landstrasse bei S. an der 
Böschung der Chaussee der Zimmermann K. röchelnd vorgefunden und 
starb alsbald, allem Anscheine nach erwürgt; er lag ausgestreckt auf 
den Knieen, die Füsse der Strasse zugekehrt. Tags darauf gelang es, 
als Thäter den Arbeiter L., einen etwa 50 Jahr alten, nicht allzu 
kräftigen Menschen, zu ermitteln und dingfest zu machen. Dieser L. 
hatte am 19. Januar einen Einbruch bei K. versucht, war hierbei 
ertappt und von der Polizei-Behörde dem K. zum Transporte nach 
dem benachbarten Gerichts-Orte S. übergeben worden. K. war bald 


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Dr. Falk, 


darauf eine Leiche, und zwar gab L. gloich nach der Verhaftung an, 
auf dem Transporte mit K. in Streit gerathen, von diesem geschlagen 
zu sein und schliesslich von ihm die Drohung: „ich oder du musst 
sterben“ vernommen zu haben; da hätte er, L., zur Abwehr blos 
einmal den K. mit der Hand gefasst. Späterhin fügte er noch hinzu, 
dass er in der Verzweiflung das Halstuch des auf ihm liegenden K. 
mit der linken Hand gefasst und, als K. sich losreissen wollte, ihn 
festgehalten habe, bis K. nach Verlauf von 4—5 Minuten todt 
neben ihn hingesunken. Das Gesicht des L. war in der That blut¬ 
unterlaufen. 

Die zuerst Hinzugekommenen hatten bemerkt, dass das Gesicht 
und die Nacken-Parthien des K. blau gefärbt und der an seinem 
Halse befindliche wollene Shawl fest zugezogen und mit einem Knoten 
vorn geschürzt war; der Shawl wurde mit Mühe gelöst. Im Uebrigen 
wurden auch Kratz-Spuren am Kinn und Blut an der linken Hand 
des Leichnams vorgefunden. Am 22. Januar constatirte die richter¬ 
liche Leichen-Besichtigung „mehrere, anscheinend frische Verletzungen 
an Kinn, Gesicht, Schläfe und Händen sowie oberhalb des Kehlkopfes 
eine schmale Strangulations-Marke.“ 

In der That ergab die, hier nur in kurzen Zügen zu skizzirende 
Section des etwa 40 Jahr alten, stämmigen Mannes (am 24. Januar) 
zuvörderst vielfache deutliche Kratz-Spuren an der linken Gesichts- 
Hälfte, von der Höhe des unteren Augenlides an bis zur Kinnfurche 
und einige wenige rechts vom Kinn. Ausserdem verliefen um den 
„vollen“ Hals und Nacken, ziemlich circulär, oberhalb und in der 
Höhe des Schildknorpels mehrere einander parallele, nicht blutunter¬ 
laufene, seichte Strangulations-Furchen (in ihren Abständen von ein¬ 
ander entsprachen sie den einander parallel verlaufenden „Reifen“ 
des Shawls). Bei weiterer Dissection der Halstheile fand man nun, 
bei Intacthcit von Zungenbein und Kehlkopf-Knorpeln, die linke 
Tonsille von aussen dunkelblau, ebenso deren Schnittfläche, die von 
Blut durchsetzt war, welches nicht ausgedrückt werden konnte; dazu 
kam im linken Muscul. genio-hyoideus, nahe seinem Ansätze an das 
Zungenbein, ein die ganze Dicke des Muskels durchsetzendes Blut- 
Extravasat im Flächen-Umfange eines 5 Pfennig-Stückes, welches dem 
Muskelgewebe zum grossen Theil fest anhaftete. In den inneren Or¬ 
ganen waren die sogenannten Zeichen des Erstickungs-Todes deutlich 
ausgeprägt. — 


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Zur Casuistik des Strangulations-Todes. 


•281 


Es hatte danach sowohl ein Würgen als auch ein Erdrosseln 
stattgefunden; zudem sprach der Sections-Bcfund für ein activeres 
Vorgehen seitens des angeschuldigten L., als es dieser Wort haben 
wollte; die Verletzungen so tief belegener Hals-Gebilde, wie Mandel 
und Kinn-Zungenbeinmuskel, im Vereine mit Excoriationen an Gesicht 
und Hals sind nicht auf ein einmaliges Zugreifen zurückzuführen und 
setzen eine Kraft-Anstrengung voraus, wie sie der L., etwa gar am 
Boden unter dem K. liegend, kaum hätte entfalten können. — Immer¬ 
hin erscheint es selten, dass eine Tonsille durch die würgende Hand 
so ernstlich laedirt wird.'). 

Das Schwurgericht erkannte übrigens den L. für schuldig des Diebstahls 
und der Körper-Verletzung mit tödtlichem Ausgange und es erfolgte Verurtei¬ 
lung zu 2 Jahr Zuchthaus. 


6 . 

Zwei Fälle von strafrechtlicher Unzurechnungsfähigkeit 

der Epileptiker. 

Mitgetheilt von 

Dr. T. Freyer in Massow, 

stellvertretendem Kreis-Physikus des Kreises Naugard. 

Das Studium der vortrefflichen Abhandlung Wilhelm Sommer’s 
über „postepileptisches Irresein“ (Archiv für Psychiatrie. XI. Bd. 3.Hft.) 
veranlasst mich zur Veröffentlichung der beiden folgenden Fälle, welche 
eine Illustration bilden zu Sommer’s Worten: __ der Kranke er¬ 

wacht meistens in dem grössten Erstaunen über die eigenthümliehe 
Situation, in der er sich gerade befindet. Er hat gar keine Ahnung, 
was mit ihm vorgegangen, und sein ungeheucheltes Erstaunen wird 
zur peinlichsten Ueberraschung, wenn er die gegen ihn erhobenen 
Anklagen hört. Er ist sich nicht der geringsten Schuld bewusst und 
soll doch dieses oder jenes unglaubliche Verbrechen begangen haben, 
zu welchem sich ausserdem auch nicht das entfernteste Motiv auffinden 


*) In Friedreich’s Blättern ist jüngst (1882, Heft VI. pag. 460) ein Fall 
von Pharyngeal-Abscess nach Würgen am Halse ohne tödtlichen Ausgang mit¬ 
getheilt. 


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282 


Dr. T. Frey er, 


lässt, welches gewöhnlich sogar durch den gänzlichen Mangel an Vor¬ 
sich tsraassregeln, um einer etwaigen Entdeckung oder Bestrafung zu 
entgehen, in charakteristischer Weise ausgezeichnet ist.“ 

I. 

Franz J., 21 Jahre alt, 1,69 Meter gross, von schwächlichem Körperbau, 
Sohn von Arbeitsleuten, welche ausser ihm noch einen Sohn und vier Töchter 
haben, ist erblich belastet: der Grossvater mütterlicherseits ist Potator gewesen, 
eine Tochter seines Grossonkels väterlicherseits soll an epileptischem Blödsinne 
leiden. Seine Geschwister sind gesund, die Eltern dem Trünke nicht ergeben. 
Seine Kindheit ist in gewöhnlicher Weise verlaufen; besondere geistige Veran¬ 
lagungen hat er nicht gezeigt, hat aber als guter Schüler (der Dorfschule) und 
als folgsames Kind gegolten. Erhebliche Krankheiten hat er nicht durchgemacht, 
Kopfverletzungen nicht erlitten. Von seinem 10. Jahre an hat er als Vieh-Hirt 
gedient; nach seiner Confirmation im 14. Lebensjahre ist er zu Hause gewesen 
und endlich mit dem 18. Jahre bei einem Schneider in die Lehre getreten. Am 
Ostermorgen 1876 (er war noch nicht volle 17 Jahre alt) wälzte er sich nackt 
auf der thaufeuchten grünen Saat und wusch die Füsse in einem Bache, beides, 
um sich auf diesem, sympathischen Wege von „rauher Haut“ zu heilen, an wel¬ 
cher er litt. (Es ist nicht genauer zu eruiren, welche Hautkrankheit mit dieser 
Bezeichnung gemeint ist). Zu Pfingsten desselben Jahres traten zum ersten 
Male epileptische Krämpfe ein, welche sich dann etwa alle Vierteljahre wieder¬ 
holten, ohne jedoch wirkliche geistige Störungen zu hinterlassen. Im Herbst 
1879 zeigte sich nach einem heftigen Krampfanfalle Tobsucht mit Grössenwahn 
(„ich bin Gott selbst“ etc.), und seitdem blieb sein Gemüth gestört: er war 
melancholisch, aber auch jähzornig und zu Thätlichkeiten geneigt. Den Winter 
hindurch traten dann die epileptischen Krämpfe in jeder fünften Nacht (Angabe 
der Mutter), manchmal sogar zweimal des Nachts ein, ohne dass erhebliche Tob¬ 
suchts-Anfälle nachfolgten. Im Frühjahr 1880 schienen die Krämpfe zu cessiren, 
bald aber zeigte es sich, dass sie nur einen veränderten Turnus nahmen; sie 
traten nämlich genau alle vier Wochen auf, währten den ganzen Tag hindurch 
und gingen in Ruhe, wol auch in Sopor über, die während des folgenden Tages 
bestand und dann schroff in ein Exaltations-Stadium überging. Er sang und 
betete laut, war Gott, Jesus, der König, dabei war er zorninüthig, vergriff sich 
thätlich an den Eltern (aber nicht an den jüngeren Geschwistern) und zerstörte 
Hausgeräth. Diese Expansivität dauerte mit geringen Unterbrechungen 14 Tage 
lang, dann trat längerer Schlaf ein, aus welchem der Kranke ruhig erwaohte und 
nun 14 Tage lang keine Tobsucht zeigte, vielmehr seine Schneiderarbeit wieder 
aufnahm, jedoch je länger desto mehr seine früheren guten Charakter-Eigen¬ 
schaften verlor, heftig und unehrerbietig gegen die Eltern wurde und zu über¬ 
triebener Frömmigkeit neigte. Nach Ablauf dieser 14 tägigen Pause trat (nach 
Aussage der Mutter „pünktlich auf die Stunde“) der epileptische Paroxysmus in 
derselben Weise wieder ein: Krämpfe, Sopor, Tobsucht, Ruhe; und so ging es 
den ganzen Sommer hindurch bis zum Spätherbst. Er ist vielfach in ärztlicher 
Behandlung gewesen, hat sogar Mittel von einer mecklenburgischen Gräfin oder 
Prinzessin (vielleicht die berüchtigten gebratenen Elstern) erhalten, aber völlig 


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Fälle von strafrechtlicher Unzurechnungsfähigkeit der Epileptiker. 283 


vergeblich. Am 7. November 1880 ging er zur Communion; nach derselben 
betete er viel und zeigte sich äusserst religiös gestimmt. Am 10. November 
traten (wie von der Mutter vorausgesehen) die Krämpfe in grosser Heftigkeit ein 
und dauerten von Morgens 5'/ 2 Uhr bis zum Abend; am 11. war er ziemlich 
ruhig, am 12. brach die Tobsucht in solcher Heftigkeit bei ihm aus, „dass 
Niemand bei ihm aushalten konnte“; er bedrohte Jeden, der ihm nahe kam, 
schlug mit ihm zur Hand liegenden Geräthschaftcn darauf los, dann wieder legte 
er sich zu Bette, redete laut unter dem Einflüsse seiner gewöhnlichen Grössen¬ 
wahn-Ideen und betete mit lauter Stimme. Dazwischen nahm er Nahrung zu 
sich, verrichtete seine Nothdurft in gehöriger Weise und schlief auch. 

Als dieser Zustand bis zum 17. gedauert hatte, begab sich die Mutter mit 
dem Ortsvorsteher zum, 10 Kilom. entfernt wohnenden Arzte und ersuchte diesen, 
schleunigst die Ueberführung des Kranken in eine Irren-Anstalt zu bewirken. 
Dies war natürlich unmöglich, und der Arzt beschränkte sich auf den Rath, 
Jenen in ein leeres, nur mit Stroh belegtes Zimmer des Gemeindehauses bringen 
und von zuverlässigen Leuten bewachen zu lassen. Dieser Rath wurde jedoch 
nicht befolgt, vielmehr verblieb der Kranke in der elterlichen Wohnstube. 

Am 18., nach einer ziemlich ruhigen Nacht, tobte der Kranke mehr denn 
je; er zertrümmerte den Hausrath und die Fensterscheiben, ging auf die Mutter 
mit einem Messer, auf den Vater mit einem Beile los und biss wüthend um sich; 
endlich wurde er überwältigt und gefesselt. Am 19. erschien er ruhiger, so 
dass man ihn seiner Bande wieder entledigte; er legte sich auf das Bett und 
schien gegen Abend ruhig zu schlafen. Sein Vater sass nebst einem Bekannten 
als Wächter am Kamine, und letzterer glaubte, sich nun ohne Gefahr auf kurze 
Zeit entfernen zu können. Kaum ist der Vater allein, so erhebt sich der Kranke 
plötzlich vom Bette, reisst von dem über dem Kamine befindlichen Gesimse die 
Streichholzschachtel herunter, bläst die Lampe aus und ehe der überraschte 
Vater es hindern kann, läuft er aus der Thüre, springt die dioht daran befind¬ 
liche Bodentreppe hinauf und zündet das Strohdach des Hauses an. Gegen den 
Vater, der ihm folgen will, schleudert er Alles, was er bei dem Scheine des 
schnell auflodernden Feuere in seiner Nähe findet, so dass dieser flüchtet und 
das Dorf allarmirt. Durch einen heftigen Wind angefacht steht bald der ganze 
Hausboden in Flammen, welche auch schnell die unteren Räume ergreifen. Jetzt 
sehen die herbeieilenden Dorfbewohner den Tobenden mitten in der bereits bren¬ 
nenden Wohnstube, von den Flammen bedroht; mit einem Beile bricht er die 
Ziegelsteine aus dem Kamine los und schleudert diese, sowie Möbeltrümmer 
gegen diejenigen, welche versuchen ihn zu retten, dabei mit lauter Stimme 
rufend: „hier steht Gott Vater; jetzt ist das Welt-Gericht; Ihr sollt sehen, was 
Gott kann; Ihr Alle seid Ungläubige und sollt npit Feuer verderbet werden etc.“ 
Endlich gelingt es, den Unglücklichen mit einem Feuerhaken von hinten her in 
den Kragen zu fassen und herauszuziehen; wiederum gefesselt wird er ruhig 
und schläft bald ein. Nach seinem Erwachen weiss er von dem geschehenen 
Unglücke nichts; erst als ihm seine Untbat mit Sicherheit vorgehalten wird, 
giebt er die Möglichkeit zu und glaubt schliesslich selbst, dass er wirklich der 
Brandstifter gewesen ist, ohne jedoch eine wahre Erinnerung an das Geschehene 
zu haben. Am 22. ist er bei Bewusstsein, ohne Spur von Tobsucht; er lässt 
sich, behufs seiner Ueberführung in eine Irren-Anstalt, ruhig untersuchen, beant- 


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284 


Dr. T. Freyer, 


wortet die an ihn gerichteten Fragen zweckmässig, aber auf die Brandstiftung 
gebracht weint er und ringt die Hände verzweiflungsvoll: „er wisse nicht, dass 
er das Haus angezündet und dadurch seine Eltern um all das Ihrige gebracht 
habe; Andere sagen es, und da müsse es wol wahr sein.“ 

Franz J. wurde nun, unter möglichster Beschleunigung des Verfahrens, am 
29. November der Provinzial-Irrenanstalt U. überwiesen. Dort hat er, dem von 
dem Director der Anstalt, Herrn Dr. v. Gellborn, mir freundlichst zur Einsicht 
bewilligten Kranken-Journale zufolge, am 29. und 30. December epileptische 
Anfälle mit nachfolgenden Delirien, am 22. Januar 1881 maniakalisohe Anfälle 
mit Stupor bis zum 5. Februar gehabt, der am 10. Februar wieder von Exalta¬ 
tion gefolgt war; am 20. Februar beschäftigt er sich mit Schneiderarbeit, be¬ 
kommt am 27. und 28. Februar wieder Krampfanfälle, delirirt (singt und betet), 
giebt keine vernünftigen Antworten und verharrt in diesem Zustande bis zum 
26. März, wo er todt im Seegrase gefunden wird, auf welchem er in Bauchlage 
zu liegen pflegte. 

Die Obduction hat, ausser den Symptomen des Erstickungstodes, nur grosse 
Dünne der Schädelknochen mit fast völligem Mangel an Diploe, Erweiterung der 
hinteren Hörner der Seitenventrikel und auffallende Schärfe der Kanten und Vor¬ 
sprünge der Knochen an der Schädelbasis ergeben; ausserdem starke Schwellung 
der Solilärfollikel des Darmes und der Mesenterialdrüsen, sowie statt einer 
Arteria coronar. cordis dextr. deren drei. — 

In diesem Falle war der Nachweis, dass die Brandstiftung des Franz J. 
eine im Wahnsinne verübte war, er also, falls die gerichtliche Untersuchung ein¬ 
geleitet wäre, für jene strafrechtlich nicht verantwortlich zu machen sei, nicht 
schwer zu führen, da sein Verhalten während des Feuers ihn unzweifelhaft als 
Wahnsinnigen kennzeichnete, und die Annahme, dass er erst nach Anzündung 
des Hauses wahnsinnig geworden sei, auszuschliessen ist; die Tobsucht stellte 
sich vielmehr als unmittelbare Fortsetzung des epileptischen Anfalles dar und 
war deshalb als zu demselben gehörend zu beurtheilen. 


II. 

Gutachten 

betreffend die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit des wegen Strassenraubes 
zur Untersuchung zu ziehenden Eigenthümer-Sohnes Herrmann W. 

Der Eigenthümer-Sohn Hermann W. aus H. hat am Vormittage des 27. Mai 
dem W'ilhelm D. aus St. einen Handkorb und einen Regenschirm auf offener 
Landstrasse im Walde fortgenominen und sich mit diesen Gegenständen am 
hellen Tage auf den Heimweg begeben. Den Handkorb hat er sich von dem 
Gastwirlh S., vor dessen Hause er Vorbeigehen musste, abnehmen lassen; über 
den Verbleib des Regenschirmes weiss er keine Auskunft zu geben. Er ist darauf 
von dem Gensdarm II. verhaftet und in das Amts-Gefängniss eingesperrt worden, 
aus demselben jedoch, nachdem er einen Entweichungs-Versuch gemacht haben 
soll, am Spätnachmittage entlassen worden, ist nun sogleich in grösster Eile in 
der Richtung auf P. zu davongelaufen und hat dann dem, ihm auf dem Wege 
zwischen W. und P. begegnenden Carl G. mehrere, dem Pastor B. gehörige 


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Fälle von strafrechtlicher Unzurechnungsfähigkeit der Epileptiker. 285 


Kleidungsstücke fortgenommen und mit diesem Raube das Weite gesucht; er ist 
jedoch sehr bald wieder ergriffen, an die Polizeibehörde abgeliefert und, als orts¬ 
bekannt, in seine elterliche Wohnung gebracht worden. 

Hermann W. ist, nach Aussage seiner Mutter und seiner Geschwister, bis 
zu seinem 19.' Lebensjahre im Allgemeinen stets gesund gewesen; er hät den 
gewöhnlichen Schulunterricht genossen, so dass er des Lesens und Schreibens 
kundig ist; er ist dann confirmirt worden und in Dienste getreten. 18 Jahre alt 
hat er sich bei einem Bauer in einem benachbarten Dorfe als Knecht vermiethet 
und ist drei Jahre lang in dieser Stellung geblieben, welche er aufgeben musste, 
da er anfing an Krämpfen zu leiden, die der Beschreibung nach als epileptische 
zu bezeichnen sind und für deren Entstehung eine bestimmte Ursache nicht ge¬ 
funden worden ist. Vorher soll er nie mit Krämpfen behaftet gewesen sein. Die¬ 
selben traten nach und nach mit zunehmender Häufigkeit und in immer stärkerer 
Intensität auf, so dass die Eltern ihn nicht mehr in Dienste gehen Hessen, son¬ 
dern ihn zu Hause behielten. Hier sollen nun die epileptischen Krämpfe der Art 
aufgetreten sein, dass nach Pausen von mehreren Wochen an einem Tage einer 
oder auch mehrere Anfälle, aber auch an mehreren aufeinander folgenden Tagen 
eine fast ununterbrochene Reihe von Anfällen auftraten. Im ersteren Falle ist er 
bald nach Beendigung des Anfalles im Stande, seiner Arbeit nachzugehen; wenn 
jedoch die Krämpfe mehrere Tage lang angedauert haben, dann „weiss er gar 
nicht, was er thut, er läuft fort“; auf Zureden seiner Mutter kehrt er wol 
zurück, läuft aber bald wieder fort; er ist dabei manchmal in sehr heiterer Stim¬ 
mung, singt und springt; aber „wenn er wieder zu sich kommt“, schläft er viel. 

Zerstörungs- und zanksüchtig ist er, nach Aussage der Mutter, nicht, viel¬ 
mehr friedlich und willig zu der ihm aufgetragenen Arbeit. An fremdem Eigen¬ 
thum soll er sich früher nie vergriffen haben, wol aber ist er wegen Forstdieb¬ 
stahls mit Gefängniss bestraft worden. Geschlechtliche Excesse und Trunksucht 
werden sowohl von seinen Angehörigen, als auch von ihm selbst entschieden in 
Abrede gestellt, während von anderer Seite seine Mässigkeit namentlich in ersterer 
Hinsicht angezweifelt erscheint. 

An den Tagen vor dem 27. Mai sollen die Krämpfo in sehr heftiger Weise 
wieder aufgetreten sein, am 27. ist er den Seinigen entlaufen und hat die incri- 
minirten Handlungen begangen. Als er an diesem Tage Nachts 12 Uhr nach 
Hause gebracht worden ist, soll er bis zum folgenden Tage Mittags geschlafen, 
dann wieder Versuche zum Fortlaufen gemacht haben, am 30. Mai auch wirk¬ 
lich wieder fortgelaufen sein: er sei jedoch sogleich wieder gegriffen und nun 
geschlossen worden, worauf er sich beruhigt habe und zu seinem gewohnten 
Verhalten zurückgekehrt sei. Nach dieser Zeit soll er die Krämpfe noch zu 
wiederholten Malen gehabt haben. Zur Heilung des Leidens sind immer wieder 
neue, aber stets vergebliche Versuche gemacht worden. 

Hermann W. ist 31 Jahre alt, von mittlerer Körpergrösse und ziemlich 
guter allgemeiner Körper-Ernährung; seine Gesichtsfarbe ist gebräunt, sein 
Gesichts-Ausdruck dumm, auch gemein-pfiffig; die Augen sind etwas hervor¬ 
stehend, die Augenbindehäute leicht mit Blut unterlaufen, die Pupillen nicht 
ungleich, von mittlerer Weite, reactionsfahig. Die Untersuchung seiner Respira- 
tions- und Circulations-, sowie seiner Unterleibs-Organe lässt dieselben gesund 
erscheinen. Die ihm vorgelegten Fragen über sein Vorleben beantwortet er im 


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286 


t)r. T. tfreyer, 


Allgemeinen richtig; er weiss seinen Geburtstag, meint aber, das Jahr seiner 
Geburt, sowie die gegenwärtige Jahreszahl vergessen zu haben. Gr weiss, dass 
er seit seinem 18. Lebensjahre an Krämpfen leidet; er merkt den bevorstehenden 
Ausbruch derselben an Kopfschmerzen, von denen er überhaupt häufig zu leiden 
habe und zu deren Linderung er gern im nahen Flusse bade. Bisweilen sei ihm 
auch der Gedanke gekommen, sich zu ertränken; einen wirklichen Selbstmord- 
Versuch scheint er aber noch nicht gemacht zu haben, obwohl er seiner Uutter 
mit solchen einige Male gedroht hat. An die Zeit, wo er von den Krämpfen be¬ 
fallen sei, habe er keine Rückerinnerung; er schliesst nur aus den heftigen, Tage 
lang andauernden Kopfschmerzen darauf, dass er die Krämpfe wieder gehabt 
haben müsse. Er will sich nicht erinnern, dass er öfters fortgelaufen sei; fort¬ 
gegangen sei er wol, dann aber habe er sich nach einem neuen Dienst umthun 
wollen. So sei es auch möglich, dass er zu demselben Zwecke am 27. Mai aus¬ 
gegangen sei: „es wurde mir aber leid, und ich kam gleich wieder nach Hause.“ 
Die gesetzwidrigen Handlungen, welche er an diesem Tage begangen hat, stellt 
er gänzlich in Abrede: „er wisse davon nichts“, ebensowenig von seiner Ver¬ 
haftung. — 

Es kann als constatirt angenommen werden, dass W. seit Jahren an Epi¬ 
lepsie leidet und zwar an einer heftigen Form dieser Krankheit, da sie Anfälle 
von Tage langer Dauer bei ihm macht. Allerdings sind ärztlicherseits keine 
epileptischen Anfälle an ihm beobachtet worden, jedoch können der Gesichtsans- 
druck und die hervorstehenden Augen, sowie die Röthung der Augenbindehäute 
als die Angaben der Angehörigen unterstützende Momente angesehen werden. 

Die Epilepsie bewirkt bei den von ihr Befallenen häufig Geisteskrankheit, 
namentlich Blödsinn. Wenn nun W.’s Geisteszustand auch nicht mehr als ein 
ganz intacter zu bezeichnen ist, so kann doch bei ihm von wirklichem Blödsinn 
bis jetzt noch keine Rede sein, und ebensowenig kann er jetzt für wahnsinnig 
erachtet werden, denn in den anfallsfreien Zeiten vermag er sehr wol die Folgen 
seiner Handlungen zu übersehen und zeigt sich des Gebrauches seiner Vernunft 
nicht gänzlich beraubt: er ist in der Ackerwirthschaft seiner Mutter thätig und 
hat, abgesehen von Forst Defraudationen (von deren Immoralität er vielleicht 
ebensowenig wie mancher völlig Geistesgesunde zu überzeugen ist), keine straf¬ 
baren gesetzwidrigen Handlungen begangen. Es kann jedoch keinem Zweifel 
unterworfen sein, dass er während des epileptischen Anfalles des Gebrauches 
seiner Vernunft gänzlich beraubt ist, denn ein solcher setzt sich aus krampfhaften 
Zuckungen und Bewusstlosigkeit zusammen; letztere überdauert die Krämpfe in 
der Regel längere oder kürzere Zeit; sie braucht nicht immer in tiefem Schlafe 
zu bestehen, sondern äussert sich oft in den auffallendsten Störungen der psychi¬ 
schen Thätigkeit (cfr. Griesinger, Lehrbuch, II. Aufl. S. 412): Die Kranken 
sprechen zuweilen längere Zeit unzusammenhängend, wie Blödsinnige, und es 
kann sich die Intelligenz erst nach einigen Tagen bis zu ihrem früheren Ver¬ 
halten wieder herstellen. Dio Krampfanfälle können auch unmittelbar in Paroxys- 
men von Tobsucht übergehen, die sich oft durch einen hohen Grad von Wuth und 
Wildheit auszeichnen, in denen also der Kranke Handlungen begeht, von welchen 
er kein Bewusstsein hat, für die er also auch nicht verantwortlich gemacht wer¬ 
den kann. Die Tobsucht braucht sich aber nicht immer als blinde Zerstörungswuth 
zu zeigen; sie kann sich auch nur in dem unaufhaltsamen Triebe zu dauernder 


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Fälle von strafrechtlicher Unzurechnungsfähigkeit der Epileptiker. 287 


starker Bewegung, zn Handlungen äussern, „in der Nothwendigkeit, allen Inhalt 
der psychischen Vorgänge augenblicklich und hastig nach aussen zu werfen“ 
(Griesinger S. 283). Es macht also keinen wesentlichen Unterschied aus, ob 
der Kranke mit grossem Kraftaufwande gegen Personen und Sachen zerstörend 
vorgeht, oder ob er davonrennt und gewaltsame Handlungen begeht: es ist das 
nur ein gradueller Unterschied. Auch diese Anfalle gehen in Ermattung, tiefen 
Schlaf und endlich in den früheren Zustand von Zurechnungsfähigkeit des Kranken 
über, und derselbe hat dann, nach dem Erwachen, entweder eine nur undeutliche 
oder gar keine Vorstellung von dem, was er während des Anfalles gethan hat. 

W. hat in den Tagen vor dem 27. Mai an häufigen und heftigen epilepti¬ 
schen Anfällen gelitten; am 27. Mai läuft er plötzlich fort, raubt einen Korb und 
einen Regenschirm, Dinge, welche er wol kaum eben gebrauchen konnte, wird 
eingesperrt, läuft sofort wieder weg und begeht sogleich einen zweiten Strassen- 
raub, schläft dann etwa 12 Stunden, kann nach dem Erwachen nur auf energische 
Weise am abermaligen Davonlaufen verhindert werden und erlangt erst am 30. Mai 
sein früheres Verhalten wieder. Er hat nun vielleicht eine Erinnerung an die Vor¬ 
gänge des 27. Mai, aber augenscheinlich in ganz unklarer Form: er giebt die 
Möglichkeit zu, dass er fortgewesen sei, aber seine Beweggründe hierzu sucht er, 
wie früher, nur in dem Wunsche, einen neuen Dienst antreten zu können. 

Dieses Davonlaufen und diese Raubanfälle tragen wenig das Gepräge der 
Ueberlegung und der Zweckmässigkeit an sich, sie sind vielmehr lediglich als 
Aeusserungen von Tobsucht in Fortsetzung des epileptischen Anfalles und somit 
als ein Theil des ganzen epileptischen Insultes anzusehen, in welchem dem W. 
das Selbstbewusstsein und somit das Vermögen mangelte, das Strafbare seiner 
Handlungen einzusehen und die Folgen dieser seiner Handlungen zu übersehen. 

Hiernach gebe ich mein Gutachten dahin ab: 

dass ich den Hermann W. für seine am 27. Mai begangenen ungesetz¬ 
lichen Handlungen als strafrechtlich zurechnungsfähig nicht erachte. 

Die Königl. Staatsanwaltschaft hatte die Frage nach der „strafrechtlichen 
Unzurechnungsfähigkeit“ gestellt. Die Anklage gegen W. wurde nicht erhoben. 

Wenn es sich in den beiden vorstehenden Fällen um Landstreicher ge¬ 
handelt hätte, welche vielleicht in einem Winkel des ihnen zum Nachtquartier 
angewiesenen Stalles ihre epileptischen Krämpfe unbeobachtet durchgemacht, 
darauf maniakalisch, der eine sich Sachbeschädigung und Personenverletzung 
hätte zu Schulden kommen lassen,, darauf gefesselt dennoch Gelegenheit ge¬ 
funden hätte, eine Feuersbrunst zu erregen, der andere sich wiederholten 
Strassenraubes und Fluchtversuches schuldig gemacht hätte, so würde, bei dem 
gänzlichen Mangel einer genauen Anamnese, die Beurtheilung der strafrechtlichen 
Zurechnungsfähigkeit ohne Zweifel grössere Schwierigkeiten bereitet haben. 


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II. Oeffentliches Sanitätswesen. 


1 . 

Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gote zu Hohburg (Reg.-Bez. 
Leipzig) währeud der Jahre 1874—1879. 

Ein Beitrag zur Aetiologie des Abdorainaltyphus 

von 

Mcdicinalrath Dr. Butter, 

irxtl. Mitglied der Kgl. Kreish. xu Zwickau i. 8. 

(Mit einer Skizze.) 

Zu der im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vielfach ventilirten Frage 
über die Aetiologie und Weiterverbreitung des abdominalen Typhus 
dürfte eine im Jahre 1874 im A.’schen Gute zu Hohburg aufgetretene 
und bis zum Frühjahr 1879 andauernde Hausepidemie — mit 20 nach¬ 
weisbaren Erkrankungen, darunter 4 Todesfällen —, welche ich zu 
beobachten Gelegenheit hatte, einen in verschiedener Beziehung nicht 
uninteressanten Beitrag liefern. 

Dieselbe ist reproducirt nach den von mir in dieser Angelegen¬ 
heit in meiner Eigenschaft als damaliger Bezirksarzt meiner Vorge¬ 
setzten Behörde erstatteten Berichten 1 ) und nach den mir zur Be¬ 
nutzung überlassenen Gutachten der mit der mikroskopischen und 
chemischen Untersuchung des Trinkwassers und verschiedener Erd¬ 
proben vom Kgl. Landes-Med.-Collegium betrauten Herren Med.-Rath 
Dr. Birch-Hirschfeld und Hofrath Prof. Dr. Fleck zu Dresden 2 ). 

Unterscheidet sich gedachte Endemie von ähnlichen in der Fach¬ 
literatur veröffentlichten Fällen allein schon durch ihre lange Dauer, 
die verhältnissraässig grosse Zahl ihrer Opfer, sowie durch ihren ganzen 
übrigen Charakter, so verdient noch besondere Beachtung die Art und 

*) XI. Jahresbericht des Kgl. Sachs. Landes-Med.-Collegiums auf das Jahr 
1879. S. 41. 

*) Das Ergebniss der bezüglichen mikroskopischen und chemischen Unter¬ 
suchungen des Trinkwassers aus zwei Brunnen und des dieselben umgebenden 
Erdreichs, sowie des Wohnhaus-Untergrundes befindet sich im Anhänge. 

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Die Typhus-Epidemie im A.'sehen Gute zu Hohburg. 


289 


Weise, wie es gelang, den Infectionsherd za ermitteln and damit die 
Krankheit zam Erlöschen za bringen. 

Das Dorf Hohburg, dessen (300) Bewohner nur Landwirthschaft betreiben, 
liegt in einem engen, nach Ost und West offenen, mit bewaldeten Höhen nach 
Nord und Süd umgebenen Thalkessel, durch welchen ein kleiner Bach in 
mäandrischem Laufe fliesst. Der für gewöhnlich hohe Grundwasserstand des 
sandigen Lehmbodens, auf welchen das Dorf erbaut ist, war durch die schon 
eine Reihe von Jahren andauernde Trockenheit ein sehr niedriger geworden 
und demzufolge im Sommer des Jahres 1874 die Mehrzahl der Brunnen des 
Dorfes versiegt. 

Schon im Jahre 1872 waren, wie in einigen anderen nahe gelegenen 
Dörfern, so auch hier, mehrfache Erkrankungen an abdominalem Typhus vorge¬ 
kommen. Das am nördlichen Ende des Dorfes liegende A.’sche Gut war hierbei 
verschont geblieben. 

Im Juli 1874 erkrankte nun auch hier, wie ärztlicherseits zweifellos fest¬ 
gestellt wurde, eine Magd an typischem abdominalem Typhus. Dieselbe genas 
nach mehrwöchenllichem Krankenlager. Einschleppung war zwar nicht nachzu¬ 
weisen, aber auch nicht absolut ausgeschlossen. 

Es folgten hierauf nach einander: 

im October: die 20jährige Tochter des Hauses, welche genas, und der 
25jährige Sohn, welcher starb; 

im November: der zweite Sohn, 22 Jahre alt, welcher nach langem 
Siechthum wieder genas; 

im December: ein Knecht, welcher genas; 

im Januar 1875: die Besitzerin des Gutes, welche nach langem Siech¬ 
thum starb; 

im Februar: ein Knecht und eine Magd, 

im März: ein Knecht, sämmtlich erst im Januar 1875 in Dienst getreten 
mit folgender Genesung; 

im Juli: der nur während der Schulferien im elterlichen Hause verweilende 
jüngste Sohn, welcher genas; 

somit im Ganzen binnen 13 Monaten nicht weniger als zehn Personen. 

Ungeachtet der ausgedehntesten Desinfections- und sonstigen Vorsichts- 
massregeln, welche unverzüglich angeordnet waren, wurden nach 5monat- 
licher Pause und nachdem sämmtliche Gutsbewohner, mit alleiniger Aus¬ 
nahme einer 75jährigen Frau, durchseucht waren: 

im Januar 1876: gleichzeitig ein Knecht und eine Magd, kurze Zeit 
nach ihrem Dienstantritt daselbst, von Neuem von der Krankheit be¬ 
fallen. Diesen folgte: 

im Mai: eine gleichfalls im Januar in Dienst getretene Magd. Alle drei 
genasen. 

Trotz versuchter Geheimhaltung erhielt ich Kenntniss und beschloss zu¬ 
nächst eine eingehende Localbesichtigung. 

Dieselbe fand Ende Mai im Beisein des vom Kgl. Landes-Med.-Collegium 
delegirten Herrn Med.-Rath Dr. Birch-Hirschfeld statt und führte zu nach¬ 
stehendem Ergebniss. 

Vl«rtelJ*hr»«chr. f. ger. Med. N. F. XXXVJU1. 2. 

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290 


Dr. Butter, 


Das höher als die anderen Wirtschaften des Dorfes, am Abhange eines 
auf seiner Höhe mit Nadelholz dicht bestandenen, an seinem unteren Ende je¬ 
doch abgeholzten und zum Feldbau benutzten Hügels liegende A.’sche Gut bildet 
mit seinen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden ein ziemlich regelmässiges Viereck *). 
Die Wirtschaftsgebäude sind neu, das Wohnhaus alt und nicht unterkellert. 
Letzteres, mit seiner Hauptfront nach Norden und nach der Hofseite liegend, ent¬ 
hält im Erdgeschoss die vierfenstrige, mit je zwei Fenstern nach Norden und 
Osten versehene geräumige Wohnstube, an welche südlich eine zweifenstrige 
kleinere Schlafstube grenzt. Die Wände beider Zimmer sind frisch getüncht; es 
zeigen jedoch die nördliche nach dem Hofe und weltlich nach der Hausflur ge¬ 
richtete Wand bis zu einer Höhe von ungefähr 0,75 M., vom Fussboden aus ge¬ 
rechnet, feuchte Stellen. 

Die Wohnstube dient sowohl der Familie wie sämmtlichem Gesinde als Auf¬ 
enthalt während der gemeinschaftlichen Früh-, Mittags- und Abendmahlzeiten. 

Im Hofe, dicht vor den Fenstern des Wohnzimmers und nur durch einen 
etwa 1.5 M. breiten, gepflasterten Fussweg von demselben getrennt, befindet sich 
die zur Aufnahme des Stalldüngers und der sonstigen Abfälle bestimmte, etwa 
den vierten Theil des Hofraums einnehmende Dungstätte. Von ihr aus führt eine 
kleine Schleuse mit nur geringem Falle unter dem westlich liegenden Stall¬ 
gebäude hin nach dem Obstgarten und mündet daselbst in einen von Ost nach 
Südwest verlaufenden offenen Graben, welcher zur Aufnahme der in der Dung¬ 
stätte bei starken Niederschlägen sich sammelnden Wässer bestimmt ist. 

Hinter diesem Graben und nur 3,5 M. von demselben entfernt befindet 
sich ein offener Schöpfbrunnen, dessen Wasser von den Gutsbewohnern vorzugs¬ 
weise getrunken wird. 

Die verdächtige Nähe des mit Jaucheflüssigkeit reichlich gefüllten Grabens 
Hess nun eine eingehende Prüfung sowohl des Trink wassers, wie des zwischen 
Jauchegraben und Schöpfbrunnen liegenden Erdreichs geboten erscheinen. Zu 
diesem Zwecke wurden Erdproben an gedachter Stelle bis zu einer Tiefe von 
1,0 M. ausgegraben und in reinen, wohlverschlossenen Gefässen aufbewahrt. 
Sodann wurden zwei verschiedene Proben Wasser, die eine oberflächlich, die 
andere aus der tiefsten Wasserschicht des neben dem Jauchegraben liegenden 
Schöpfbrunnens (I) unter den üblichen Cautelen geschöpft und die Gefässe ent¬ 
sprechend verschlossen. In gleicher Weise wurde späterhin mit Wasserproben 
verfahren, welche einem an der östlichen Giebelseite des Wohnhauses gelegenen, 
jedoch vorzugsweise nur zum Tränken des Viehes benutzten Pumpbrunnen (II) 
entnommen waren. 2 ) 

Auch aus dem Jauchegraben wurde behufs Prüfung seines Inhalts eine be¬ 
stimmte Menge geschöpft. 

Aus den mir gewordenen Mittheilungen über das Ergebniss der diesbezüg¬ 
lichen mikroskopischen Untersuchung ging nun hervor, dass das Wasser aus dem 

*) Vgl. die Skizze im Anhänge. 

*) Hierbei ist zu erwähnen, dass der Wasserspiegel des Brunnens I ungefähr 
1,27 M. unter der Oberfläche stand, der Wasserstand selbst aber 1,19 M. Tiefe 
batte; die Sohle des mit stagnirender Jauche etwa 0,15 M. hoch gefüllten Grabens 
lag 0,85 M. unter der Oberfläche. 


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Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gute zu Hohburg. 


291 


Brunnen I unter Watteverschluss nach rierwöchentlichem Stehen, mit 
Pasteur’scher Flüssigkeit aber schon nach fünf Tagen milchige Trübung, 
bedingt durch Bacterienentwicklung, zeigte; es handelte sich dabei hauptsäch¬ 
lich um Stäbchen- und Fadenbacterien, sowie Vibrionen. 

Somit war es zweifellos, dass dieses Wasser durch putride Stoffe erheblich 
verunreinigt sei und dass, wie aus der Identität gewisser Formen der im Wasser, 
wie in dem Grabeninhalle aufgefundenen Organismen, sowie aus dem Vorhanden¬ 
sein von Gallen- und Harnstoffen zu schliessen war, zwischen diesem Brunnen 
und dem mehrerwähnten Jauchegraben eine Communication bestehen müsse. 

Aehnliche Verhältnisse, wenn auch in geringerem Grade, stellten sich bei 
Untersuchung des Wassers aus dem Pumpbrunner. II heraus. 

Die Durchlässigkeit des Bodens der ungepflasterlen Dqngstätte, welche 
thierische und menschliche Excremente seit Jahrzehnten aufnahm, und die Vor¬ 
gefundene Feuchtigkeit der Wände der Wohnstube machten es in hohem Grade 
wahrscheinlich, dass von eisterer aus der Untergrund des ganzen Gehöftes und 
auch des Wohnhauses verunreinigt und Jaucheflüssigkeit auoh zu dem Pump¬ 
brunnen II gelangt sei. 

In den Erdproben hatten sich ausser sehr feinen Quarzkörachen und 
amorphen Massen auch drüsige gelbbraune und braunrothe Massen gefunden, 
welche in ihrem optischen und chemischen Verhalten sich wie Gallenfarbstoff 
verhielten. Pasteur’sche Lösung, mit einigen Tropfen der mit destillirtem Wasser 
geschüttelten Erdemulsion versetzt, bewirkte in der völlig reinen Controlflüssig¬ 
keit die Entwicklung von Stäbchenbacterien und Vibrionen. 

Auch die chemische Untersuchung führte zu dem Ergebniss, dass der zwi¬ 
schen Graben und Schöpfbrunnen (I) gelegene Erdboden mit Jauche reichlich 
infiltrirt sei. 

Nach diesen Erhebungen musste das Nächstliegende sein, die Brunnen zu 
schliessen. Dies geschah sofort von Amtswegen und bezogen die Gutsbewohner 
nun ihr Trinkwasser aus dem auch von anderen Wirtschaften benutzten Brunnen 
des Gemeindevorstehers.') 

Aber schon im Juli des laufenden Jahres, also nach nur zweimonat¬ 
licher Pause, wurden drei neue Erkrankungen gemeldet. Sie betrafen: 

1) den etwa 52 Jahr alten Onkel des Besitzers; derselbe, in einem eine 
halbe Stunde entfernten und nachgewiesenermassen zur Zeit typhusfreien Dorfe 
ansässig, hatte seinen Neffen im Monat Juni einige Male besucht und sich 
hierbei ausschliesslich in der Wohnstube des Gutes einige Stunden 
aufgehalten. Er erkrankte nach kurzem Prodromalstadium Mitte Juli und 
starb Anfang August. 


*) Es mag hier darauf hingewiesen werden, dass man keineswegs a priori das 
Trinkwasser allein als die muthmassliche Ursache der Epidemie betrachtete, son¬ 
dern erst dann zur Untersuchung der in verdächtiger Nahe von Jauchereservoirs 
liegenden Brunnen und ihres Inhalts Vorschrift, nachdem man sich, den Grund¬ 
regeln epidemiologischer Forschung folgend, zunächst über die Lage des Ortes 
und Gutes, über die Bodenverhältnisse, den Grundwasserstand und über die 
Gesundheits- und Nahrungsverbältnisse der Ortsbewohner informirt hatte und 
demnach jedwede andere Gelegenheitsursache ausgeschlossen erschien. . 

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Dr. Butter, 


2) und 3) Zwei in verschiedenen, gleichfalls typhusfreien Ortschaften woh¬ 
nende Zimmerleute, welche etwa drei Wochen lang hauptsächlich in der 
Scheune und dem Garten des Gutes gearbeitet hatten, Abends aber in ihre 
Heimath zurückgekehrt waren. 

DerAeltere, 42 Jahr alt, erkrankte im Juli und genas. Längeren 
Widerstand leistete der Jüngere, 19 Jahr alt, welcher nach langdauerndem Pro¬ 
dromalstadium Anfang August zum Liegen kam und Mitte August starb. 

Beide hatten ihr Mittags- und Abendbrod während der ganzen Zeit 
ihrer Thätigkeit in der Wohnstube des Hauses eingenommen. — 

Während der Jahre 1877 und 1878 wurden nun Erkrankungen nicht ge¬ 
meldet. Als jedoch im Februar 1879 die gleichzeitige Erkrankung der 
Ende November 1878 in das Gut gezogenen jungen Frau des Besitzers und 
einer im Januar 1879 in Dienst getretenen Magd, welche letztere einen sehr 
schweren Typhus mit protrahirter Reconvalescenz zu überstehen hatte, Veran¬ 
lassung zur Anstellung erneuter Erörterungen gaben, gelang es festzustellen, dass 
auch das Jahr 1878 ohne Erkrankungsfälle nicht vorübergegangen war. Eis 
gab nämlich ein im Januar 1878 zugleich mit einem Kameraden in Dienst ge¬ 
tretener Knecht freiwillig au, dass Beide im Februar gedachten Jahres mehrere 
Wochen lang sehr matt und appetitlos gewesen seien, an heftigem Kopfschmerz 
und abendlichen Frostanfällen gelitten hätten, ohne jedoch bettlägerig geworden 
zu sein. Mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit konnte nun auch hier 
angenommen werden, dass Beide einen leichten Typhus überstanden hatten. 

Ebenso war auf Grund weiterhin angestellter Erörterungen die Möglichkeit 
ähnlicher Erkrankungsfälle unter dem übrigen Gesinde in dem vorhergegangenen 
Jahre nicht ausgeschlossen. 

Nunmehr erschien die dem Besitzer des Gutes schon im Jahre 1877 an¬ 
empfohlene Sanirungsmassregel, nämlich: Abhebung der Dielen in der 
nicht unterkellerten Wohn- und Schlafstube, Ausschachtung und 
Beseitigung des darunter befindlichen verunreinigten Bodens bis 
zu 1 Meter Tiefe, Ersatz desselben durch rein es Material, Cemen- 
tirung der Innenfläche der nach der Dungstätte zu liegenden Um¬ 
fassungsmauer bis zu gleicher Tiefe und Ersetzung des entfernten 
Materials durch eine die Bodenluft abschliessende Isolirschicht, 
nicht länger aufschiebbar. 

Indolenz und Sparsamkeitsrücksichten von Seiten des Besitzers waren an¬ 
fangs der Ausführung dieser Massregeln hinderlich. Endlich erklärte sich der¬ 
selbe dazu bereit, wenn ihm nachgewiesen würde, dass der Untergrund seines 
Wohnhauses in ähnlicher Weise jaucheinfiltrirt sei wie das zwischen dem Jauche¬ 
graben und Schöpfbrunnen am Obstgarten gelegene Erdreich, und mit der Aus¬ 
führung der in Vorschlag gebrachten baulichen Veränderungen gleichzeitig auch 
die Möglichkeit des Wiederauftretens von Typhuserkrankungen in seinem Hause 
ausgeschlossen sei. 

Konnten in letztgenannter Richtung bestimmte Zusicherungen nun nicht ge¬ 
geben werden, so durfte man doch dem erstgeäusserten Wunsche um so lieber 
nachkommen, als es von nicht geringem Interesse allein schon in wissenschaft¬ 
licher Beziehung sein musste, die Beschaffenheit des Hausuntergrundes kennen 
zu lernen. 


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Die Typbas-Epidemie im A.’schen Gate za Hohbarg. 


293 


Zu diesem Behufe wurden Ende Mai in Gegenwart des vom Kgl. Landes- 
Med.-Collegium aaf bezügliches Ansuchen delegirten Herrn Med.-Rath Birch- 
Hirschfeld dem Untergründe des Wohnhauses drei Erdproben entnommen, 
und zwar: 

No. I aas der Wohnstube, 

- II - - Schlafstabe, und 

- III - - Hausflur. 

Eine vierte Probe entnahm man dem zwischen Wohnhaus und Dungstätte 
liegenden Gange. 

In der Wohnstube fand man nach Abhebung der Dielen und Wegräumung 
einer etwa 0,15 M. starken Lage groben Sandes eine bis zu der bestimmten 
Tiefe von 1,0 M. reichende Schicht feuchter, fettig sich anfühlender Thonerde 
von grauweisser, hin und wieder mit gelben Streifen abwechselnder Farbe. 
Zwischen dieser Schicht wurden grössere Geröllstücke und einzelne Steine ein¬ 
gebettet gefunden. 

In der Schlafstube bestand der Boden aus grobem Sand und enthielt 
einzelne grössere Steine und nur Spuren von Thon. 

Der Untergrund in der Hausflur zeigte dieselbe Beschaffenheit wie der 
der Wohnstube. 

Bei Aushebung des Erdreichs zwischen Wohnhaus und Dungstätte, welches 
theils von thoniger, theils sandiger Beschaffenheit war, bemerkte man eine auf¬ 
fallend schwärzliche, dem Anscheine nach durch versickerte Jauche bewirkte 
Färbung desselben. 

Das Ergebniss der mikroskopischen Untersuchung entspraoh nun den schon 
makroskopisch gemachten Beobachtungen. 

In der mit destillirtem Wasser geschüttelten, unter Watte verschloss stehen 
gelassenen Erdprobe I entwickelten sich Bacterien in ziemlicher Anzahl; es 
traten kurze, in lebhafter Bewegung begriffene Stäbchen und kurzgliedrige Fäden 
auf und bildeten letztere über dem Sedimente ein förmliches Netz. Mit Cultur- 
flüssigkeit behandelt fand eine noch reichlichere Bacterienentwicklung statt. 

Die Erdprobe II ergab in Bezug auf Bacterienentwicklung ein nega¬ 
tives Resultat. 

Erdprobe III verhielt sich ähnlich wie Probe I. 

Erd probe IV liess organischen Farbstoff erkennen. Die Trübung der 
Schüttelflüssigkeit war nur mässig, die Cultur ergab eine nur langsame Entwick¬ 
lung kurzer Stäbchenbacterien. 

Die chemische Untersuchung 1 ) lieferte das im Anhänge unter B. ver- 
zeichnete quantitativ-analytische Resultat. 

Damit war nun auf das Evidenteste nachgewiesen, dass der Untergrund 
des A.’schen Wohnhauses durch organische Stoffe, beziehentlich duroh niedere 


*) Fleck vergleicht hierbei die Zahlenwerthe der Tabelle (Anhang sub B.) 
mit denjenigen, welche früher bei Untersuchung von Bodenproben verschiedener 
Strassen der See-Vorstadt und Pirnaischen Vorstadt zu Dresden erzielt wurden 
(IV. u. V. Jahresber. der chem. Centralstelle für öff. Gesundheitspflege zu Dresden, 
S 30 ff), und bezeichnet die vorgenannten vier Bodenproben in Bezug auf Glüh¬ 
verlust und Stickstoffgehalt als denselben nahestehend. 


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294 


Dr. Butter, 


Organismen, welche mit specifischen Zersetzungen auf das Engste in Zusammen¬ 
hang gebracht werden mussten, kaum weniger als das Erdreich in der Nachbar¬ 
schaft des Grabens verunreinigt, sei ! ). Dies musste aber als ausschlaggebend 
betrachtet werden, da den gegenwärtig herrschenden Anschauungen zufolge das 
Contagium des abdominalen Typhus als ein körperliches betrachtet wird (Klebs, 
Eberth) und demnach den bei Zersetzungsvorgängen jedweder Art (welche spe- 
ciell.in diesem Falle coincidirten mit dem schon längere Zeit andauernden, un- 
verhältnissmässig niedrigen Grundwasserstande) eine Rolle spielenden Mikroorga¬ 
nismen an die Seite zu stellen, beziehentlich als an dieselbe gebunden zu be¬ 
trachten ist. 

Wenn nun aber die Möglichkeit nicht ausgeschlossen erschien, dass die 
ersten Erkrankungen durch den Genuss des unter dem Einflüsse von jauche- 
verunreinigtem Boden stehenden Trinkwassers erzeugt, oder doch wenigstens be¬ 
günstigt worden seien, so musste doch der Hauptherd für die Infection in dem 
siechhaften Untergründe des Hauses, beziehentlich in der demselben entströ¬ 
menden, die Infection fortdauernd vermittelnden Luft gesucht werden. 

Nachdem von diesem Gesichtspunkte aus dem Eigenthümer die nöthigen 
Vorstellungen gemacht worden waren, gelangten nunmehr die vorerwähnten 
Sanirungsmassregeln zur Ausführung und zwar derart, dass Wohn- und Schlaf¬ 
stube nach Aushebung und Entfernung des verunreinigten Unter¬ 
grundes und Ersetzung desselben durch reines Material mit einom 
festen Tennenboden mittels Lehmstrichs und neuer Dielung, die 
innere Seite der Umfassungsmauern aber bis zu 1,0 M. Tiefe mit 
einer starken Cementschicht versehen wurden. 

Seit jener Zeit, also seit zwei Jahren sind, wie amtlich 
bestätigt wird, weder Typhus, noch sonstige Erkrankungen 
in gedachtem Gute vorgekommen. 

Darin liegt nun der beste Beweis, dass die Infection lediglich 
von dem betreffenden Zimmer ausgehen musste, da trotzdem, dass 
dieselben Massregeln in dem gleichfalls als verunreinigt erkannten 
Hausflur unterblieben, doch keinerlei Erkrankung mehr vorkam. 

Die in Vorstehendem ausgesprochene Ansicht entspricht aber auch 
den Anschauungen namhafter Autoren über das Entstehen und die Ver¬ 
breitung gewisser epidemischer Krankheiten und deren Abhängigkeit 
von örtlichen und zeitlichen Verhältnissen. 

Von nicht geringem wissenschaftlichen Interesse wäre hierbei noch 


*) Dass es sieb hierbei nicht um einen aussergcwöhnlich hohen Grad von Ver¬ 
unreinigung des Bodens handelte, geht schon aus dem vorerwähnten Vergleiche 
hervor, welchen Fleck mit der Bodenbeschaffenheit gewisser Strassen der Stadt 
Dresden gezogen hat; es ist jedoch als bekannt vorauszusetzen, dass das Vor¬ 
kommen des Typhus und die Intensität seines Auftretens nicht immer in geradem 
Verhältniss zu dem mehr oder weniger hoben Grade der Verunreinigung eines an 
und für sich als siechhaft erkannten Bodens steht. 


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Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gute zu Hohburg. 


295 


der weitere Nachweis gewesen, ob sich in dem siechhaften Untergründe 
der Wohnstube die specifischen Stoffe aus den durch Faulnisszorsetzung 
entstandenen Prozessen selbst herausgebildet, also hierbei etwa im 
Sinne von Büchner und Grawitz eine direkte Transformation statt¬ 
gefunden, oder ob andererseits nur das von Aussen her übertragene 
Contagium hier einen günstigen Nährboden gefunden habe, eine Frage,, 
die sich jedoch bei der in den Verhältnissen gelegenen Unmöglichkeit 
exakterer Erhebungen hierüber mit Sicherheit nach der einen oder 
anderen Richtung hin nicht beantworten lässt. — 

Nicht minder wichtig sind die Lehren, welche in praktischer 
Beziehung hieraus resultiren, und von Neuem auf eine energische 
und allseitige Handhabung der Sanitätspolizei in derartigen Fällen 
hinweisen. 

Inwieweit es möglich sein wird, auf dem Wege der Gesetzgebung 
das vorgezeichnete Ziel zu erreichen, muss die Zeit lehren'). 

Es wird aber Aufgabe der Medicinalbeamten sein, schon 
bei Neubauten, beziehentlich bei Aufstellung von Plänen 
für die Bebauung noch unbebauten Terrains auf die Noth- 


*) Ucber die Beteiligung der Medicinal-Polizeibehörden bei der Handhabung 
der Baupolizei bestimmt schon die Verordnung des Kgl. Sachs. Ministeriums des 
Innern vom 28. Decbr. 1871 (Gesetz- u. Verordnungsblatt, 1871. S. 360) Folgendes: 

„Um das Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege bei der Handhabung der 
Baupolizei mit thunlichster Sicherheit zu wahren, ist es für zweckmässig zu er¬ 
achten gewesen, in gewissen Fällen den Medicinal-Polizeibehörden den erforder¬ 
lichen Einfluss hierbei zu gewähren und wird daher mit Allerhöchster Genehmi¬ 
gung u. s. w. — verordnet wie folgt: In allen Fällen, wo eine Lokalbauordnung 
neu errichtet, oder eine schon bestehende einer vollständigen oder theilweisen 
Revision unterzogen oder durch Nachträge ergänzt werden soll, ist der Entwurf 
der neu zu treffenden statutarischen Bestimmungen vor deren Feststellung behufs 
der einzuholenden Ministeriellen Genehmigung unter Zuziehung des Bezirks- 
arztes mit Rücksicht darauf zu prüfen, ob den Forderungen, welche in gesund- 
heitspolizeilichera Interesse an das Bauwesen des Ortes zur Sicherung der öffent¬ 
lichen Wohlfahrt gestellt werden müssen, unter Berücksichtigung der örtlichen 
Verhältnisse Genüge geleistet worden ist. Bei Aufstellung von Plänen für die 
Anlage neuer Ortstheile oder Strassen, sowie überhaupt für die Bebauung noch un¬ 
bebauten Terrains ist in gleicher Weise wie in §. 1 vorgeschrieben ist, zu verfahren. 

„Gesuche um Dispensation von einer der Vorschriften, welche in den unter 
dem 27. Februar 1869 erlassenen Baupolizeiordnungen für Städte und Dörfer ent¬ 
halten sind, sind vor der Berichterstattung dem Bezirksarzte zur Begutachtung 
darüber, ob und welche gesundheitspolizeiliche Bedenken der Genehmigung des 
betr. Dispensationsgesuches entgegenstehen, vorzulegen u. s. w. M 


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296 


Dr. Butter, 


wendigkeit einer geeigneten Bodenbehandlung 1 ) hinzawei- 
sen, bei dem Auftreten begrenzter Epidemien aber zunächst 
der Beschaffenheit des Bodens, sei es eines ganzen Hauses 
oder auch nur einzelner Zimmer 3 ) in demselben, besondere 
Aufmerksamkeit zu widmen. 


*) Port sagt am Schlüsse seines am 7. April 1880 im Aerztl. Verein za München 
über die Actiologie des Abdominaltyphus gehaltenen Vortrags*): „Ich resumire 
meine Betrachtungen in dem Satze, dass ich als die erste hygieinische Rücksicht, 
als die oberste prophylactische Massregel gegen Infectionskrankheiten eine geeignete 
Behandlung des Bodens betrachte. Dadurch machen wir unsere Häuser, unsere 
Baracken, unsere Zelte zu seuchefreien Wohnsitzen. Aus solchen brauchen wir 
bei dem Auftreten von Epidemien nicht zu fliehen, wir können darin einer Seuchen¬ 
belagerung Trotz bieten. Von solchen Wohnsitzen können wir in Wahrheit sagen: 
Mein Haus meine Burg!“ 

*) Im Kgl. Seminar zu Schneeberg war während einer in den Jahren 1880 
und 1881 im Orte wiederholt aufgetretenen Typhus-Epidemie in beiden Jahren in 
einem und demselben Zimmer (No. 6) der erste Typbusfall, wie überhaupt die 
meisten Erkrankungen, vorgekommen. Auf hierüber erstatteten Vortrag genehmigte 
das Kgl. Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts die Evacuirung ge¬ 
dachten Zimmers, Beseitigung der Dielung und des darunter liegenden Füllungs¬ 
materials, beziehentlich Erneuerung und Isolirung desselben durch eine bis an 
die Umfassungswände reichende Cementschicht. Dies geschah sofort und ist, ob¬ 
wohl im October 1882 wiederum zwei Erkrankungen gemeldet wurden, das Zimmer 
No. 6 frei geblieben. — Emmerich weist in seiner soeben erschienenen treff¬ 
lichen Arbeit: „Die Verunreinigung der Zwischendecken unserer Wohnräume in 
ihrer Beziehung zu den ektogenen Infectionskrankheiten“ (Zeitschrift für Biologie, 
Bd. XVIII. Heft 2. S. 253 ff.), auf den fast unglaublich hohen Grad der Verunrei¬ 
nigung des zur Ausfüllung des sogenannten Fehlbodcns in einigen Neubauten 
Leipzigs benutzten Materials hin, welches meistentheils aus Bauschutt alter Ge¬ 
bäude bestehend, in 1000 Grm. Füllmaterial mehr als noch einmal so viel Stick¬ 
stoff enthält als die von Fleck untersuchten Erdproben gewisser Strassen Dresdens, 
und stellt auf Grund eingehender Untersuchungen fest, dass die Gesammtquan- 
tität des im Innern der Wohnhäuser befindlichen fäulnissfähigen Materials so gross 
ist, dass unter Umständen die Fäulniss- und Zersetzungsgase allein schon das 
Befinden der Bewohner alteriren können. 

*) „Zur Aetiologie der Infectionskrankheiten mit besonderer Berücksichtigung 
der Pilztheorie.“ Vorträge gehalten in den Sitzungen des Aerztlichen Vereins zu 
München im Jahre 1880. 1. Hälfte, S. 111 ff. München 1881. Bei J. A. Finsterlin. 


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Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gute zu Hohburg. 


297 


Anhang. 


A. 


In 1 Liter Wasser waren enthalten 1 ): 


Brunnen I. 

(6 Ellen westlich vom Graben ) 
Halbgebundene Kohlensäure 

25,8 Raumgrm. 
Freie Kohlensäure . . 18,5 
Feste Stoffe. 0,3095 Grm. 


Brunnen II. 

(östlich vom Wohnhause.) 
Halbgebundene Kohlensäure 

37,3 Raumgrm. 
Freie Kohlensäure . . 5,8 

Feste Stoffe. 0,1693 Grm. 


Letztere enthielten: 
Organische Substanz . 0,0137 Grm. 
Schwefelsäure .... 0,1000 • 

Chlor. 0.0457 - 

Salpetersäure .... 0,0012 - 

Kalk. 0.0838 - 

Magnesia.0.0128 - 

Natron . 0,0357 - 

Ammoniak. Spuren 

welche sich vertheilen auf: 
Kohlensaurer Kalk . . 0,0586 Grm. 
Schwefelsaurer Kalk . 0,1238 - 

Schwefelsäure Magnesia 0,0408 - 

Salpetersaurer Kalk . . 0.0018 - 

Chlornatrium .... 0.0674 - 

Organische Substanz . 0,0137 - 


Organisohe Substanz . 0,0121 Grm 
Schwefelsäure .... 0,0277 - 

Chlor.0,0142 - 

Salpetersäure .... 0.0016 - 

Kalk . .. 0,0580 - 

Magnesia. 0,0090 - 

Natron. 0,0084 - 

Ammoniak. Spuren 


Kohlensaurer Kalk . . 
Schwefelsaurer Kalk . 
Schwefelsäure Magnesia 
Salpetersaurer Kalk . . 
Chlornatrium . . . . 
Organisohe Substanz . 


0.0847 Grm 
0.0257 - 
0.0189 - 
0,0024 - 
0,0158 - 
0,0121 - 


Chemische Untersuchung von Erdpreben aus der. Nähe 
des Jauchegrabens. 1 ) 

Erde I. Erde II. 

168 Om. tief (östt.-vom Jauchegraben). • 103 Cm. tmf (westl. vom Jauebegraben) 

Feuchtigkeit .... 15,48 pCt. Feuchtigkeit .... 15,94 pCt. 

100 Grm. bei 100° getröckneter Bodenprobe lieferten: 
Glühverlust .... 2.251 pCt. Glühverlust .... 2,556 pCt. 

Stickstoff ;. . . . . 0.0265 - Stickstoff. 0,0294 - 

Alkoholisches Extract 0,0240 - Alkoholisches Extract 0,220 - 


‘) In dem spärlich vertretenen alkoholischen Extracte des wässrigen Verdara- 
pfungsrückstandes konnten Reactionen auf Gallen- und Harnfarbstoffe erzielt wer¬ 
den, auch trat eine auf vorhandene Moderstoffe deutende starke Silberreductiou ein. 

*) Die Erdproben bildeten graue Thonmassen, welche nahezu aus 50 pCt. 
feinerem Sand und 50 pCt. fettem Thon zusammengesetzt waren. 


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298 


Dr. Butter, 


In dem wässrigen Auszuge von 100 Grm. trockner Erde wur¬ 


den gefunden: 

Chlor. 0,0049 Grm. Chlor. 0,0049 Grm. 

Schwefelsäure . . . 0,0288 - Schwefelsäure . . . 0,0301 - 

Kalk.0,0199 - Kalk. 0,0201 - 

Magnesia .... 0,0084 - Magnesia .... 0,0111 - 


Organische Substanz 0,5420 - Organische Substanz 0,5170 - 

Chemische Untersuchung der Jauche aus dem Jauche¬ 
graben. 

1 Kilogrm. Jauche lieferte: 

3,490 Grm. Verdampfungsrückstand; 
in diesen waren vertreten: 

Mineralbestandtheile .... 2,5625 Grm., 

hauptsächlich bestehend aus Chlornatrium und pbosphorsauren Salzen. 

100 Grm. Jauche enthielten: 

Stickstoff. 0,0267 Grm., 

darunter: 

Ammoniak. 0,2380 Grm., 

organische Verbindungen . . 0,0029 

Das alkoholische Extract von 100 Grm. Jauche betrug 0,020 Grm. und 
bestand in der Hauptsache aus fettsauren Ammoniakverbindungen. Hippursäure 
konnte mit Sicherheit nicht nachgewiesen werden. 


B. 

Chemische Untersuchung von Erdproben aus dem Untergründe 

des A.’schen Gutes. 


In 100 Grm. Boden: 

Feuchtig¬ 

keit. 

Glüh¬ 

verlust. 

Lösliche 

Stoffe. 

Chlor¬ 

gehalt. 

Stickstoff. 

Probe I (Wohnst.) 

13,60Grm. 

2,29 Grm. 

0,020 Grm. 

0,009 Grm. 

0,0417 Grm. 

- II (Schlaf) 

11,40 - 

2,60 - 

0,055 - 

0,016 - 

0,0453 - 

III (Hausflur) 

12,92 - 

2,00 - 

0,025 - 

0,016 - 

0,0355 - 

- IV (zwischen 
Wohnhaus u. Dung¬ 
stätte) 

13,00 - 

2,44 - 

0,060 - 

0,005 - 

0,0840 - 


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Die Typhus-Epidemie im A.’schen Gute zu Hohburg. 


299 


Berechnung der Werthe aus den bei 100°C. getrockneten 

Bodenproben. 


In 100 Grm. Boden: 

Glüh¬ 

verlust. 

Lösliche 

Stoffe. 

Chlor. 

Stickstoff. 

Probe I (Wohnstube) 

2,59 Grm. 

0,023 Grm, 

0,011 Grm. 

0,0483 Grm. 

11 (Schlafstube) 

2,93 - 

0,062 - 

0,018 - 

0,0512 - 

III (Hausflur) 

2,29 - 

0,028 - 

0,018 - 

0,0409 - 

IV (zwischen Wohn¬ 
haus u. Dungstätte) 

2,79 - 

0,069 - 

0,0095 - 

0,0966 - 


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freier Platt. 


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2 . 


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Statistischer Bericht Aber die Wirksamkeit nad die Erfolge 
des Impf-Iastitats für animale Vaccinatioa im Jahre 1882 

(18. Jahrgaag). 

Von 

Dr. med. Pliflin, 

1 pr. Arzte zu Berlin. 


Es wurden im Ganzen 18 Kälber zum Zwecke der Lymphgewinnung ge¬ 
impft, über deren Ertrag folgende Tabelle Aufschluss giebt. 


Imp ftag. 



Anzahl der 
zur Abnahme 
gekommenen 
Pocken. 

Röhrchen 
zu Einzel¬ 
impfungen. 

Röhrchen 
zu 5 Im¬ 
pfungen. 

Röhrchen 
zu 10 Im¬ 
pfungen. 

Summe 
der Im¬ 
pfungen. 

4. Febr. 

1. 

Kalb 

52 

433 

6 

6 

523 

25. - 

2. 

- 

100 

692 

— 

21 

902 

15. April 

3. 

- 

64 

324 

— 

38 

704 

29. - 

4. 

- 

88 

590 

— 

35 

940 

7. Mai 

5. 

- 

64 

142 

21 

39 

637 

10. - 

6. 

- 

78 

310 

32 

— 

470 

20. - 

7. 

- 

80 

431 

42 

24 

881 

26. - 

8. 

- 

77 

301 

52 

26 

821 

2. Juni 

9. 

- 

88 

459 

54 

45 

1179 

9. - 

10. 

- 

95 

887 

18 

19 

1167 

8. Juli 

11. 

- 

75 

525 

35 

47 

1170 

5. Aug. 

12. 

- 

33 

103 

21 

6 

268 

12. - 

13. 

- 

58 

168 

21 

31 

583 

27. - 

14. 

- 

82 

462 

27 

9 

687 

1. Sept. 

15. 

- 

74 

390 

16 

6 

530 

28. Oct. 

16. 

- 

24 

93 

6 

— 

123 

8. Nov. 

17. 

- 

70 

297 

18 

23 

617 

3. Dec. 

18. 

- 

64 

344 

9 

9 

479 

Summa 

18 


1266 

6951 

378 

384 

12679 


Es haben also 18 Kälber genügt, um Stoff zu 12679 Impfungen zu liefern, 
was einem Durchschnittsertrage von 704 für jedes Thier entspricht. Es ergiebt 
sich ferner hieraus, dass aus jeder Pocke durchschnittlich 10 Impfungen hier 
wie ausserhalb vermittelt werden konnten. Ich bemerke hierbei, dass ich die 
Lymphe nur in flüssiger Form, nach meiner neuen Conservirungs-Methode, wie 
ich sie in der Berliner Klinischen Wochenschrift, 1881. No. 44. darstellte, zum 


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Statistischer Bericht. 


301 


Gebrauch brachte. Spatel, Platten und Pulver verwende ich nicht, weil sie theils 
unsicher im Erfolge, theils umständlich in der Anwendung, theils auch, wie die 
Platten, bei heisser Jahreszeit leicht zersetzt ich sind und daher von gefährlicher 
Wirkung werden können; alle drei aber auch nicht entfernt an die Ergiebigkeit 
meiner Methode heranreichen. Der grosse Vortbeil der letzteren ist für Jeden 
sofort in die Augen springend, wenn man bedenkt, dass ich selbst früher jedes 
Thier im Durchschnitt höchstens auf 100 Impfungen verwerthen konnte, eine 
Zahl, die in vielen anderen Instituten, nach deren statistischem Ausweis, noch 
nicht einmal erreicht wurde. Hierzu kommt die ausserordentliche Wirk¬ 
samkeit der von mir präparirten Lymphe und die grosse Haltbarkeit 
derselben auf viele Wochen hin. 

Was die Differenz der Pockenzahl betrifft, welche bei den verschiedenen 
Tbieren zur Abnahme kamen, so erklärt sich dieselbe daraus, dass viele Pocken, 
trotz ihrer guten Entwicklung, unbrauchbar wurden. Manche Thiere sind näm¬ 
lich so reizbar uqd empfindlich, dass sie das ihnen lästige Jucken durch Reiben 
mit dem Schenket oder durch Scheuern mit dem Bauche bei dem Liegen zu ver¬ 
scheuchen suchen. Beides lässt sich absolut nicht verhindern, während man dem 
Ablecken allerdings Vorbeugen kann. Leider aber werden die Pocken dadurch 
ihrer Epidermis beraubt, die Lymphe sickert aus und es ist aus solcher kein 
brauchbarer Stoff zu gewinnen. 

In der Regel entwickelten sich alle gesetzten Schnitte; nur von den Stichen 
blieben zuweilen einige aus oder entwickelten sich nicht hinreichend. Eine Aus¬ 
nahme von der Regel machten nur das Kalb No. 12 und 16, bei welchen eine 
geringere Disposition zu bestehen schien. Nichtsdestoweniger erwies sich 
die Lymphe derselben ebenso wirksam als die der anderen. 

In Bezug auf das Kalb No. 1. bemerke ich, dass dasselbe eines der Kälber 
ist, welche in dem Berichte des Kaiserlich Deutschen Gesundheitsamtes erwähnt 
wurden. Dieser Bericht, welcher die Erfolge der nach meiner Methode 
präparirten Lymphe in der hiesigen Königlichen Impfanstalt be¬ 
handelt, wurde in einem Referate der Deutschen medicinischen Wochenschrift 
(1882. No. 26 und 27) veröffentlicht. 

Ausser den aufgeführten 18 Kälbern wurde noch am 25. März eines mit 
60 Kreuzschnitten geimpft, die sich alle, wie gewöhnlich, sehr gut entwickelten, 
aber nicht abgenommen wurden, da das Thier zum Zweck der Hygiene-Aus¬ 
stellung dienen sollte. Zu diesem Behufe wurde dasselbe am 31. März durch 
Entleerung des Blutes aus der linken Carotis gelödtet und unmittelbar darauf 
von Herrn Wickersheiuier mit seiner bekannten Conservirangsflüssigkeit inji- 
cirt. Alles gelang vortrefflich und das Thier hat lange Zeit in der Königlichen 
Tluerarzneischule zur Schau gelegen. Leider kam es, wegen des Brandes der 
Hygiene-Ausstellung, nicht zur Verwendung, und habe ich daher für die dies- 
jährige Ausstellung ein neues Präparat anfertigen müssen. 

Wenn ich nunmehr zu den Erfolgen der in meinem Institute von mir selbst 
gemachten Vaccinationen und Revaccinationen übergehe, so giebt: darüber fol¬ 
gende Tabelle zunächst im Einzelnen Aufschluss. 


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302 


Dr. Pissin, 


Frische Lymphe. 

1 

Woche alt. 


Kreuz- 

Längs- 


Kreuz* 

Längs 


sebn. 

sehn. 


sehn. 

sehn. 


• - + 

• -1 


• - + 

• - + 


27mal 1 

Packen 


ftSmal 1 

Pocken 

lOmal 

— 

6—6 

71mal 

3—3 

3-3 

9 • 

3-3 

3-3 

4 - 

- - 

6-6 

8 - 

6—6 

— 

16 - 

6-6 

- .— 




2 - 

2—2 

4-4 




2 - 

4-4 

2—2 





25mal 5 Perke« 1 




19mal 

3—3 

3-2 




i - 

3-2 

3-3 




2 - 

— 

6-5 




l - 

6—5 

— 




1 - 

5—5 

- r 




1 - 

4-4 

2—1 





I0o»al 4 Perke« 1 




Smal 

3-3 

3-1 




i - 

2-2 

2-2 




i - 

4-4 

— 





6mal 3 Perke« 1 




2mal 

— 

6-3 




1 - 

— 

4-3 




1 - 

2—2 

4- 1 




1 - 

3-2 

3-1 




1 - 

3-3 

3-0 





lmal 1 Perke 1 




1 mal 

4-1 | 

-- 





linalekue Erfolg] 




lmal 

3-0 

3—0 j 


Smal ft Packen 1 


2lmal ft Packen 1 

4 mal 

3—3 

3-3 

5mal 

3-3 

3-3 

1 • 

5-5 

1 — 1 

16 - 

6-6 

— 


Smal i Perke« 


6tual S Perke« 1 

2mal 

6-5 

- - 

Smal 

3—3 

3-2 

1 - 

— 

6-5 

3 - 

6-5 

— 


lmal 4 Packe« 


8wal 4 Perke« 1 

lmal 

CO 

1 

CO 

3—1 

4 mal 

3-3 

3-1 




2 - 

3—2 

3—2 




2 - 

6—4 

— 


' 3 Wochen alt. 


Kreuz* 

Längs- 


sehn. 

sehn. 


* - t 

* -1 


2 Wochen alt. 


Kreuz- 

schn. 


Längs 

sehn. 


* - + 


• - t 


V a c c i n a- 


1 lmal 
16 - 

5tnal 
1 - 

2 - 

8mal 
3 - 
1 - 

2inal 
1 - 
2 - 
1 - 
2 - 
1 - 


3mal 
1 - 


Sinai 


2mal 


4 mal 
6 - 


3mal 
1 - 

3mal 


27hmI ft Parken 

3-3 | 3-3 
6-6 

binal 5 Packen 


3-3 

5- 5 

6- 5 


3-2 


12mal 4 Packen 


3-1 

3-2 


3-3 
3-2 
6-4 

ttmal 3 Packen 


3—1 

6-3 

3—0 

3-2 

1-0 


3—2 

3-3 
3-1 
6—3 
5—3 

4uial 2 Packen 

3-2 I 3-0 
3-0 | 3—2 

3mal 1 Parke 

3-1 | 3-0 

2inal ahne Erfolg 

3-0 I 3—0 


4 mal 
6 - 


lmal 
1 - 
1 - 


3ma! 
I - 


3mal 
I - 
1 - 


3inal 
1 • 

1 - 


4mal 
I - 


lmal 
1 - 


Iftmal ft Packen 

3-3 3-3 

6—6- 

3mal 5 Packen 

-6-5 

3—3 3-2 

5-5- 

4ma! 4 Packen 


3-3 

6-4 


3-1 


Smal 3 Packen 


3-2 

6-3 

3—3 


3-1 


3—0 

5mal 2 Packen 


3-0 

3—1 


3-2 
3-1 
6-2 

5mal 1 Packe 

3-1 3-0 

6—1 - 

2mal ahne Erfolg 

6-0 


3-0 


3-0 


Revaccina- 


lOmal ft Packen 

3-3 I 3-3 
6-6 |- 

4nial 5 Packen 

3—3 I 3-2 
6—5 I- 

3mal 4 Packen 


3—3 


3-1 


3mal 
lmal 
lmal 
2 mal 


3mal ft Packen 

6—6 |- 

lmal 5 Packen 

6-5 | — - 

laut 4 Packen 

6-4 | — — 

2mal 3 Packen 

6-3 I- 


• = gemacht; f = entwickelt. 


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Original from 

UMIVERSITY OF IOWA 



Statistischer Bericht. 


303 


4 A 

Nochen 

alt. 

5 Wochen 

alt. 


Kreuz- 

schn. 

Längs* 

sehn. 


Kr.-S. 

M 









7 Wochen alt. 

8 Wochen alt. 


Kr.-S. 

CO 


Kr.-S. 

L.S. 



2mal 6 Packen 

2 mal 6 — 6 |- 

liual 2 Parken 

1 mal 6 —2 |- 

liual ohne Erfalg 

1 mal 3—0 I 3—0 



linal 6 P. 

6—61 - 

lmal 5 P. 

6—51- 


□ igitized by Gougle 


Original frnm 

UMIVERSITY OF IOWA 










304 


Dr. Pissin, 


Frische Lymphe. 

1 Woche 

alt. 


Kreuz 

Längs- 


Kreuz- 

Längs- 


sehn 

sehn. 


sehn. 

sehn. 


•- t 

- t 


• - t 

- t 


Imal 2 Pocken 


6mal 3 Pocken 1 

Imal 

3-2 

3-0 

3 mal 

3—3 

3-0 




2 - 

6—3 

— 




1 - 

3-2 

3—1 





Imal 2 Pocken 1 




1 mal 

3-2 

3-0 





2mal 1 Pocke 1 




Imal 

3-1 

3-0 




1 - 

6-1 

— 





Imal obue Erfolg! 




Imal 

6-0 



2 Wochen 

alt. 

3 Wochen alt. 



Kreuz- 

Längs- 


Kreuz- 

Längs- 



sehn. 

sehn. 


sehn. 

sehn. 



‘ - t 

*- + 


• - + 

! * - + 



Imal 3 Pocken 


2mal 2 Pocken 


1 mal 

3—3 

I 3—0 

Imal , 

3-2 

3—0 



Imal 2 Pocken 

1 - 

6-2 

— 


Imal 

3—0 | 3-2 


Imal 1 Pocke 



3mal 1 Pocke 

Imal 

3—1 

1 3-0 


3 mal 

3—1 

1 3-0 


4mal ohne Erfolg 



4tnal ohne Erfolg 

1 mal 

3-0 

3-0 


3mal I 

3—0 

3-0 

3 - 

6—0 

- - 


1 - 

6—0 







Man ersieht hieraus, dass die selbst über 4 Wochen hinaus conser- 
virte Lymphe noch recht günstige Resultate gegeben hat. In einer ganzen 
Anzahl von Fällen habe ich die einfachen Längsschnitte, wie sie bei der humani- 
sirten Lymphe den Aerzten geläufig sind, mit den Kreuzschnitten combinirt, um die 
Durchführbarkeit derselben im Grossen festzustellen. Es herrschen nämlich hin¬ 
sichtlich der Kreuzschnittchen immer noch vielfach Vorurtheile, wie ich aus einem 
Aufsaize des kürzlich verstorbenen Collegen Meyer in dieser Zeitschrift ent¬ 
nommen habe. Dieselben sind aber weder schmerzhafter, noch blutiger, als die 
Längsschnitte und nehmen auch bei einiger Uebung nicht längere Zeit zur Aus¬ 
führung in Anspruch, wovon sich Jeder, der sie versucht, bald selbst überzeugen 
wird. Dennoch wollte ich. um der Gewohnheit Rechnung zu tragen, die Resultate 
der Längsschnitte mit animaler Vaccine feststellen. 

Die Tabelle ergiebt nun, dass bei der frischen Lymphe und bei Vaccina- 
tionen gar kein Unterschied in der Entwicklung wahrnehmbar ist. Unter frischer 
Lymphe verstehe ich auch solche, welche am Tage der Abnahme schon einige 
Stunden verschlossen in Haarröhrchen gelegen hat. Bei den Revaccinationen 
aber ist bereits ein kleiner Nachlass des Erfolges auch bei der frischen Lymphe 
zu bemerken. Betrachten wir nun die beiden ersten Wochen, so sind die Resultate 
der Längsschnitte bei den Vaccinationen im Ganzen noch recht günstige zu nennen. 
Erst von der dritten Woche an lassen dieselben zu wünschen übrig. Bei den 
Revaccinationen dagegen wurden die Erfolge mit jedem Tage schlechter, je länger 
die Lymphe conservirt war, namentlich schon von der zweiten Woche an. 

Bemerken muss ich hier, dass ich stets nur auf einem Arm impfe und höch¬ 
stens 6 Impfstellen anlege; in einigen Fällen sogar nur 5 oder 4, wie es in der 
Tabelle angegeben ist. 

Ueber den procentualen Erfolg giobt folgende Tabelle eine Uebersicht: 


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Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



Statistischer Bericht. 


305 


4 Wochen 

alt. 

5 Wochen 

alt. 

6 Wochen 

alt. 

7 Wochen 

alt. 


Kreuz- 

schn. 

Längs- 

schn. 


Kr-S. 

L.-S 


Kr.-S. 

L.-S. 


h'r.-S. 

L.-S 



• - t * - + 


*-+*-+ 




*-t *-+ 


•-tr-t 


Vacciuation 
Personeller Erfolg: 

Summa der Vaccinationen. 

davon ohne Erfolg. 

Schnittorfolg im Ganzen: 
Summa der gemachten Schnitte . . 

- entwickelten Pocken . . 
Kreuzschnitt -Erfolg: 

Summa der gemachten Kreuzschnitte 
entwickelten Pocken . . 
Längsschnitt-Erfolg: 

Summa der gemachten Längsschnitte 

- entwickelten Pocken . . 


Revaccinationen. 
Personeller Erfolg: 

Summa der Revaccinationen .... 114 

davon ohne Erfolg . 10 

Schnitterfolg im Ganzen: 

Summa der gemachten Schnitte . . 684 

- entwickelten Pocken . . 492 

Kreuzschnitt-Erfolg: 

Siilnma der gemachten Kreuzschnitte 533 

- entwickelten Pocken . . 418 

Längsschnitt-Erfolg: 

Summa der gemachten Längsschnitte 151 

- entwickelten Pocken . . 74 

Vierteljahrsschr. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. 


= 98.1 pCt. Erfolg. 


1860 \ 
1549 / 

1150 \ 
1029 J 


= 91,3 pCt. Erfolg. 


151 \ 

74 / - 


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49,0 - 


Original from 

UNiVERSITY OF IOWA 














306 


Dr. Pissin, 


Diese Uebersicht spricht gewissermassen schon für sicli allein and bedarf 
kaum noch eines Commentars. Hervorheben will ich jedoch, dass, wenn es mir 
gelungen ist, mit zum Theil mehrere Wochen lang conservirter Lymphe einen 
Erfolg von 98 pCt. bei Vaccinationen und von 91 pCt. bei Revaccinationen za 
erzielen, dieses Resultat gewiss ein in jeder Beziehung befriedigendes zu nennen 
ist. Besonders zu bemerken ist hierbei noch, dass dieser Erfolg, mit Ausnahme 
von 8 Vaccinationen, die am Revisionstage noch einmal geimpft werden mussten, 
im ersten Impfgange erzielt worden ist. Von den Revaccinationen habe 
ich keine zweimal geimpft und doch einen so hohen Procentsatz erhalten, 
wie er im Grossen und Ganzen selbst mit humanisirter Lymphe bis jetzt kaum 
erreicht worden ist. 

Von den nach Ausweis meines Impf-Journals im Ganzen gemachten 437 Im¬ 
pfungen habe ich 11 ausser Berechnung gelassen. Diese betrafen 2 Vaccina¬ 
tionen , welche nicht zur Revision kamen und von denen ich auch kein Resultat 
erfuhr. Die anderen waren Revaccinationen älterer Personen, die entweder für 
den Erfolg keinen Massstab geben konnten, oder aber nach ausserhalb gingen und 
sich der Controle entzogen. 

Wenn ich nunmehr zu der Wirksamkeit meines Instituts übergehe, wie sie 
sich darstellt in der Lieferung von Röhrchen, hier in Berlin und nach ausserhalb, 
so giebt darüber folgende Tabelle Aufschluss. 



Berlin. 

A usserhalb. 




Röhrchen 
zu Einzel- 

Röhrchen 
zu Einzel¬ 

Röhrchen 
zu 5 Im¬ 

Röhrchen 
zu 10 Im¬ 

Summa 
der Im¬ 

Ersatz- 

röhrchen 

Januar 

impfungeu. 

55 

impfungen. 

69 

pfungen. 

impfungen. 

pfungen. 

124 

Februar 

52 

492 

— 

— 

544 

— 

März 

70 

198 

— 

— 

268 

1 

April 

155 

340 

— 

— 

495 

2 

Mai 

184 

788 

56 

33 

1582 

5 

Juni 

253 

842 

27 

94 

2170 

7 

Juli 

104 

286 

61 

61 

1305 

32 

August 

94 

234 

23 

29 

733 

36 

September 

208 

189 

4 

2 

437 

37 

October 

110 

106 

4 

3 

266 

7 

November 

62 

113 

7 

5 

260 

10 

December 

126 

54 

1 

1 

195 

1 

Sa. 

1473 

3711 

183 

228 

8379 

138 


In Bezug auf die Ersatzröhrchen bemerke ich, dass ich jeder Reclamation 
geiecht wurde. Auf jedem Bestellbrief mache ich sofort die betreffenden Notizen 
und habe alle Briefe vor Anfertigung dieser Liste zweimal durchgesehen, so dass 
ein Irrthum fast als ausgeschlossen zu betrachten ist. Trotzdem in den Bfegleit- 
formularen meiner Lymphsendungen keine Aufforderung enthalten ist. mir Bericht 
zu erstatten, so sind mir doch, gewissermassen spontan, in so ausserordentlich 
zahlreichen Fällen die guten Resultate mitgetheilt worden, dass ich 
keinen Grund habe, anzunehmen, es wäre mir die Mittheilung der negativen 
Erfolge erspart geblieben. 


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Statistischer Bericht. 


307 


Dies voraasgeschickt, so stellt sich der Procentsatz des Erfolges der ver¬ 
sandten und hier in Berlin gebrauchten Röhrchen auf 98,4. Mau sieht hieraus, 
dass ich selbst bei meinen Impfungen hier kein besseres Resultat habe erzielen 
können. Es könnte dies fast auffallend erscheinen, erklärt sich aber ganz natur- 
gemäss daraus, dass ich selbst hier dieselbe, woohenlang conservirte 
Lymphe benutzte, wie ich sie nach ausserhalb verschickte. Denn die 
wenigen Impfungen, die ich mit frischer Lymphe ausführte, spielen insofern 
keine Rolle, als die einige Tage aufgehobenen Röhrchen noch ebenso vollkommen 
wie ganz frische Lymphe wirken. Hierzu kommt ausserdem, dass in neuerer 
Zeit die Herren Collegen immer mehr und mehr die von mir seit Langem ver¬ 
tretene Ueberzeugung theilen, dass von der animalen Vaccine mehr als von der 
humanisirten zu einem guten Erfolge genommen werden muss. Demnach be¬ 
nutzen sie jetzt, häufiger als früher, ein zu einer Einzelimpfung be¬ 
stimmtes Röhrchen auch nur für einen Impfling. Nicht ohne Einfluss 
auf die Erfolge mag ferner sein, dass es meinen fortgesetzten Bestrebungen 
und Ermahnungen gelungen ist, die Stiche von der animalen Lymphe ganz zu 
verdrängen, und, wenn nicht durch Kreuzschnitte, so doch wenigstens durch 
schwach scarificirte Längsschnitte zu ersetzen. 

Wenn ich nun die Productionskraft meines Instituts mit dem wirklichen 
Verbrauche der Lymphe vergleiche, so ergiebt sich, da ich 

für 12679 Impfungen producirte 

und nur für 8816 - verbrauchte, 

eine Differenz von 3863 Impfungen. 

Ich habe hierbei die 437 von mir in Berlin gemachten Impfungen mit je 
1 Röhrchen angesetzt. 

Ich hätte also, jedes Kalb, wie berechnet, im Durchschnitt zu rund 
700 Impfungen angenommen, noch fast 6 Kälber sparen können, um die an 
mein Institut gestellten Ansprüche zu bewältigen, wenn ich nicht immer auf 
einen grösseren Cocsnm eingerichtet sein müsste. 

Hieraus wird Jedem, der sich für die öffentliche Einführung der animalen 
Vaccination im Deutschen Reiche interessirt, klar sein, dass es nicht mehr so 
sehr, wie es früher schien, zu den Unmöglichkeiten gehört, dieses „pium desi- 
derium“ Vieler wirklich zur Thatsache werden zu lassen. 


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20 * 


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3. 


Die Aetielogie der crovpösen Pneuneiie. 

Von 

Dr. med. Albert Rfesell, 

prakt. Arit in Echte. 


Obgleich die croupöse Pneumonie zu den häufigsten acuten Er¬ 
krankungen gehört, und obschon sie schon von Hippocrates erkannt 
wurde, sind ihre Ursachen doch noch dunkel. Jahrhunderte lang hielt 
man es für zweifellos, dass die meisten Pneumonien durch die Ein¬ 
wirkung der Kälte auf den Körper und durch das Einathmen von 
kalter Luft hervorgerufen würden. Die Forschungen der neueren Zeit 
haben diese Anschauung wesentlich erschüttert. Man ist darüber einig, 
dass leichte alltäglich vorkoramende Erkältungen, wie die Berührung 
durch einen kalten Luftzug, der Eintritt einer einfachen, mit Abküh¬ 
lung verbundenen Durchnässung, wenn sie einer croupösen Pneumonie 
vorausgehen, in keinem causalen Verhältniss zu derselben stehen, und 
es ist selbst zweifelhaft geworden, ob in den Fällen eine Pneumonie 
sich entwickelt, in welchen ein Körper, der sich im Zustande einer 
starken Erhitzung befindet, und dessen Lungen in Folge übermässiger 
Anstrengung hochgradig mit Blut angefült sind, plötzlich der Ein¬ 
wirkung einer kalten eisigen Luft ausgesetzt wird. Wenigstens haben 
die Versuche Heidenhain’s'), auf experimentellem Wege durch Ein¬ 
führung von kalter Luft in die Lungen von Hunden und Kaninchen, 
eine croupöse Pneumonie hervorzurufen, ein negatives Resultat er¬ 
geben. Auch zeigen mehrfache Zusammenstellungen von Pneumonien, 
dass der Erkrankung nur selten eine starke Erkältung vorhergeht. 
So vermochte Grisolle 2 ) unter 205 Lungenentzündungen nur 45, 
v. Ziemssen 2 ) unter 186 Fällen nur 10, Griesinger 2 ) unter 212 
Fällen sogar nur 4 Fälle zu constatiren, in denen die Pneumonie nach 
einer ungewöhnlich heftigen Erkältung aufgetreten war. Diese Zu¬ 
sammenstellungen sind allerdings der Hospitalstatistik entnommen; 


') Virchow’s Archiv Bd. 70. Heft 4. 

*) J ürgensen im Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie. Ileraus- 
gegeben von v. Ziemssen. S. 34. 


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Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


309 


sie beziehen sich daher nur auf die ärmeren Volksclassen, auf Indivi¬ 
duen, welche an anstrengende körperliche Thätigkeit gewöhnt sind, 
und einer nachtheiligen Einwirkung durch die Kälte weniger zugäng¬ 
lich erscheinen. Es wäre deshalb wol möglich, dass innerhalb der 
besser situirten Volkskreise, welche an und für sich verwöhnter und 
gegen schädliche Witterungseinflüsse empfindlicher sind, eine weit 
grössere Reihe von Lungenentzündungen auf eine Erkältungsursache 
zurückgeführt werden müsste. 

Wenn man der kalten Luft die Fähigkeit zuschreibt, unter ge¬ 
wissen Verhältnissen bei Menschen und Thieren eine Pneumonie her¬ 
vorzurufen, wie dies von manchen Seiten noch festgehalten wird 
(Lebert 1 ), Schneider 2 )), so liegt es nahe, weiterhin überhaupt in 
atmosphärischen Einflüssen die Quelle zu zahlreichen Pneumo¬ 
nien zu suchen. In der That hat man dies in reichem Masse gethan. 
Bald ist es der kalte Ostwind oder die scharfe Nordluft, bald ein 
hoher Grad von Luftfeuchtigkeit, bald eine ungewöhnliche Trockenheit 
der Luft, denen man eine wichtige Rolle in Bezug auf das Auftreten 
von Pneumonien zugeschrieben hat. Vor Allem hat man einem 
schroffen Wechsel sowohl der Temperatur, wie der Luftbewegung und 
Luftfeuchtigkeit die Eigenschaft vindicirt, Lungenentzündungen hervor¬ 
zurufen. Bergmann 8 ) hat aus einer vergleichenden Zusammenstellung 
von Pneumonien, welche 1871—1872 in den Maelarprovinzen Schwe¬ 
dens vorkamen, und den meteorologischen Verhältnissen Upsalas gefol¬ 
gert, dass mit der Abnahme der mittleren Temperatur und der ab¬ 
soluten Luftfeuchtigkeit die Erkrankungen an Pneumonie zunähmen, 
ebenso, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit am meisten wechselten, 
oder der Luftdruck sich rasch verminderte oder endlich die Stärke 
der Luftströmung sich plötzlich steigerte. Abgesehen davon, dass 
dieser Beobachtung nicht sämmtliche Lungenentzündungen zu Grunde 
liegen, welche in den genannten schwedischen Provinzen thatsächlich 
ausbrachen, dass ferner die statistischen Angaben über die Pneumo¬ 
nien nicht überall genau sind, und dass die meteorologischen Ver¬ 
hältnisse einer Stadt doch wol nicht ohne Weiteres auf ganze Pro¬ 
vinzen übertragen werden können, ist die Beobachtungszeit eine zu 
kurze, um allgemein gültige Schlüsse ziehen zu können, um so mehr, 

') Klinik der Brustkrankheiten Bd. I. 

*) Berliner klinische Wochenschrift 1877. No. 16. 

*) Schmidt’s Jahrbücher No. 3. 1875. 


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310 


Dr. C. Riesell, 


als Bergmann eine ganze Reihe von besonderen atmosphärischen 
Zuständen als Ursachen der Pneumoniefrequenz aufführt. 

Die Ansicht, dass die Pneumonie unter der Einwirkung ungün¬ 
stiger Witterungsverhältnisse steht, stützt sich hauptsächlich auf die 
Thatsache, dass die Erkrankungen an Lungenentzündung sich nicht 
selten zeitweise anzuhäufen pflegen, und dass dies epidemische Ver¬ 
halten der Pneumonien vorzugsweise in den Winter- und Frühjahrs¬ 
monaten stattfindet, somit in denjenigen Jahreszeiten, in denen die 
Witterungsverhältnisse im Allgemeinen am ungünstigsten sind. Allein 
da ein epidemisches Verhalten der Pneumonien auch bei günstiger 
Witterungslage, an warmen, wie an kalten Tagen beobachtet ist, so 
erscheint es fraglich, ob bei den epidemischen Pneumonien gleichzeitig 
herrschende ungünstige atmosphärische Zustände ein wesentliches ätio¬ 
logisches Moment bilden. 

Neben der kalten Luft und ungünstigen Witterungsverhältnissen 
hat man auch dem Einathmen von Staub- und Sandpartikelchen die 
Qualität zugeschrieben, eine croupöse Pneumonie hervorzurufen (Hirt ’)). 
Aus dieser Anschauung hat man ferner gefolgert, dass nicht nur ein 
mechanischer, sondern überhaupt ein jeder entzündungserregender Reiz, 
welcher auf die Lungen einwirkt, eine Pneumonie nach sich ziehen 
könne, und dass daher die letztere eine rein örtliche Entzündungs¬ 
krankheit Sei. Während einerseits die Unschädlichkeit der Staubinha¬ 
lationen in Bezug auf die Erkrankung an der croupösen Pneumonie 
durch Merkel 2 ) nachgewiesen wurde, ist andererseits nur für einen 
geringen Theil von Pneumonien, von denen es überdies zweifelhaft 
erscheint, ob sie als croupöse Erkrankungen anzusehen sind, der Be¬ 
weis geführt, dass sie lediglich örtliche Entzündungen sind. So ver¬ 
mochte Jürgensen 3 ) wol, nach dem Vorgänge von Sommerbrodt 4 ), 
durch Einführung von Eisenchlorid in die Lungen, eine Pneumonie 
hervorzurufen, aber das pathologisch-anatomische Verhalten dieser Lun¬ 
genentzündung war ein wesentlich anderes als das der croupösen 
Pneumonie. 

Neuerdings ist man geneigt, die croupöse Pneumonie den acuten 
Infectionskrankheiten zuzuzählen. Die theoretischen Erwägungen, 
welche diese Auffassung rechtfertigen, finden sich ausführlich ange- 


') Hirt, Staubinbalationskrankheiten. Breslau, 1871. 

*) Merkel im Handb. der spec. Path. u. Ther. Herausg. von v. Ziemssen. 
*) Jürgensen 1. c. p. 55—67; p. 31; p. 59. 

4 ) Sommerbrodt, Virohow’s Archiv Bd. 55. 


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I 



Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


311 


geben bei Jürgensen 1 ) und bei Köhnhorn 8 ). Die Aehnlichkeit 
des Gesaramtverhaltens der croupösen Pneumonie zu dem von un¬ 
zweifelhaften Infectionskrankheiten ist in der That eine höchst auf¬ 
fallende. Vor Allem ist es das vielfach beobachtete epidemische Auf¬ 
treten, welches die Pneumonie in gleicher Weise, wie die Infections¬ 
krankheiten, auszeichnet, sowie ferner der contagiöse Charakter, 
welcher manchen Epidemien von typhoiden Lungenentzündungen in 
derselben Weise anhaftet, wie den Masern, den Pocken, der Ruhr. 
Derartige typhoide Pneumonien sind bekanntlich vielfach beobachtet, 
(ßaronius, Sydenhara, Griesinger, Leichtenstern, Wynter 
Blyth u. A.). Wir wissen indess nicht, ob diese Epidemien in der 
That nur eigenthümlich auftretende Krankheitsformen der croupösen 
Pneumonie darstellen oder bösartige Erkrankungen an Typhus waren, 
welche mit Pneumonie einhergingen. In der jüngsten Zeit hat Kühn 3 ) 
aus der Strafanstalt in Moringen eine eigenthümliche Epidemie von 
contagiösen Lungenentzündungen veröffentlicht, von denen er der An¬ 
sicht ist, dass sie weder zu den reinen Typhus-Erkrankungen, noch 
zu den genuinen Pneumonien zu rechnen seien, sondern dass sie viel¬ 
mehr eine besondere contagiöse Krankheitsform darstellen (primär 
asthenische Pneumonie Leichtenstern), welche vielleicht in 
Folge des Uebergangs einer Infectionskrankheit in eine andere ent¬ 
standen sei. 

Aber gesetzt auch, dass diese contagiösen typhösen Pneumonien 
in der That nur besondere Typhus-Erkrankungen wären [Jürgen¬ 
sen 1 ) u. A.], so beweisen sie doch immerhin, dass ein bestimmtes 
infectiöses Miasma oder Contagium im Stande ist, unter Umständen 
neben anderen Störungen im Organismus auch eine oroupöse Pneumo¬ 
nie hervorzurufen. Wenn es nun feststeht, dass die letztere, auch 
ohne dass ihr ein typhöser Charakter anhaftet, häufig herdweise und 
epidemisch auftritt, dass ferner ihr Symptomencomplex vielfache Ana¬ 
logien mit dem der Infectionskrankheiten bietet, und wenn wir end¬ 
lich eine anderweitige bestimmte Ursache für ihre Entstehung nicht 
nachzuweisen vermögen, so ist der Schluss gerechtfertigt, dass wir 
auch in ihr eine Infectionskrankheit vor uns haben. Allerdings harren, 
um diese Auffassung beweisen zu können, noch manche wichtige 


*) Jürgensen 1. c. 

*) Köhnhorn, diese Zeitschrift Bd. 35. Heft 1. 

*) Kühn, Die contagiöse Pneumonie. Deutsches Archiv für klinische Medicin, 
Bd. 21. Heft 4. 


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312 


Dr. A. Riesell, 


Fragen der Lösung. Zunächst ist von dem epidemischen Auftreten 
der Pneumonie nur constatirt, dass dasselbe zu gewissen Zeiten statt¬ 
findet. Wir sehen aber von den meisten Infectionskrankheiten, dass 
sie sich nur ausnahmsweise in einzelnen Erkrankungen zeigen, dass 
sie zu allen Zeiten geneigt sind, sich zu kleineren und grösseren Epi¬ 
demien auszubreiten. Gilt diese Erscheinung auch für die croupöse 
Pneumonie? Muss man in derselben Weise, wie die Masern oder die 
Typhen contagiös sind, auch der genuinen Pneumonie eine Contagio- 
sität zuschreiben? Oder gleicht sie in dieser Beziehung dem Inter- 
mittens? Weiter haben die meisten uns bekannten infectiösen Stoffe 
die Eigenheit, einen schon durchseuchten Organismus nur ausnahms¬ 
weise nochmals zu inficiren, während bei der Pneumonie die frühzei¬ 
tige einmalige Erkrankung eine fast sichere Aussicht auf eine wieder¬ 
holte Erkrankung gewährt. Endlich ergreifen das Contagium der 
Masern oder der Pocken, wie das Miasma des Typhus oder des Inter- 
mittens den Menschen, wenn er die geeignete Disposition in sich trägt, 
wo sie mit ihm in Berührung kommen. Wie aber kommt es, dass 
sich die Pneumonien in manchen Familien im Verlaufe von Jahren 
so anhäufen, dass nur wenig Mitglieder verschont bleiben, während 
sich in anderen Familien oft im Laufe von Generationen keine Pneu¬ 
monie auffinden lässt? Ist bei der croupösen Pneumonie noch eine 
bestimmte Causa interna, vielleicht eine hereditäre Disposition erfor¬ 
derlich, um sie horvorzurufen, oder handelt es sich bei ihr um die 
Infection mit einem wesentlich anders gestalteten Stoffe, als derjenige 
ist, welcher den Masern oder dem Typhus, oder der Malaria u. s. w. 
zu Grunde liegt? 

Zur Lösung dieser und anderer für die Aetiologie der Pneumonie 
wichtigen Fragen erscheint es erforderlich, so lange wir nicht experi¬ 
mentell den Infectionsstoff nachweisen können, nicht nur die Pneu¬ 
monien genauer zu verfolgen, welche ein epidemisches Verhalten 
zeigen, sondern überhaupt die sämmtlichen Lungenentzündungen, welche 
während eihes längeren Zeitraums innerhalb einer bestimmten sess¬ 
haften Bevölkerung vorkamen, in Bezug auf ihre Ursachen zu prüfen. 
Die meisten bisherigen Zusammenstellungen von Pneumonien (Gri- 
solle, Hirsch, v. Ziemssen, Jurasz, Köhnhorn u. A.) sind, 
soweit sie nicht auf Grund der Mortalitätsstatistik gesammelt wur¬ 
den, der Hospitalpraxis entnommen, sie erstrecken sich daher nur 
auf bestimmte Bevölkerungsclassen (Arbeiter, Handwerker, Soldaten), 
deren Bestand nicht immer derselbe ist, und innerhalb welcher die 


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Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


313 


einzelnen Individuen einem fortwährenden Wechsel unterworfen sind. 
Wenn schon diese Fluctuation im Stande ist, das Ergebniss der Zu¬ 
sammenstellungen zu modificiren, so vermögen dies noch viel mehr 
sowohl die Pneumonien zu thun, welche gleichzeitig in anderen Be¬ 
völkerungskreisen herrschen, als auch jene, welche früher oder später 
unter den Angehörigen, namentlich den Kindern und Geschwistern, 
der Arbeiter und Handwerker ausbrachen, und welche dem Lazarett 
zur Behandlung nicht überwiesen wurden. 



Aus Anlass einiger croupösen Pneumonien, welche mir im Anfänge des 
Jahres 1880 zur Behandlung kamen, und denen ein unzweifelhaft contagiöser 
Charakter anhing, habe ich nun sämmtliche Pneumonien, welche im Laufe von 
2 l / 2 Jahren in meinem hiesigen Wirkungskreise zu meiner Kenntniss gelangten, 
in Bezug auf ihre Ursachen genauer verfolgt und angesammelt. Es sind im Gan¬ 
zen 257 Pneumonien, welche in 15 ausschliesslich ländlichen Ortschaften von 
mir behandelt wurden. Von den 257 Pn. kommen nur 25 Pn. auf 3 Orte, in 
denen mir nicht alle Erkrankungen zur Verfügung standen. 232 Pn. dagegen, 
welche sich auf 12 Ortschaften vertheilen, umfassen ohne Aus¬ 
nahme die sämmtlichen Lungenentzündüngen, wolche thatsäch- 
lich in dem genannten Zeiträume vorgekommen sind. Die einzigen 
Fehlerquellen, welche in dieser Beziehung möglich wären, sind die, dass ich 
einige Erkrankungen, welche mir diagnostisch nicht ganz gesichert schienen, aus¬ 
gelassen habe, und dass vielleicht einige sehr alte Personen, welchen keine ärzt- 


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314 


Dr. A. Riesell, 


liehe Behandlung zu Theil wurde, an einer Pneumonie verstorben sein möchten. 
Die Behandlung einer Lungenentzündung von Seiten eines anderen benachbarten 
Collegen hat in den 12 Orten nach den von mir eingezogenen sorgfältigen Er* 
Kündigungen in den 2'/ 2 Jahren nicht stattgefunden; ebenso hat sich meines 
Wissens unter der hierorts gut geordneten Armenpflege kein Pneumoniker aus 
den niederen Volksclassen der ärztlichen Behandlung entzogen. 

Der hiesige Bezirk, die alte Voigtei Westerhof, ist am Westabhange 
des Harzes gelegen, und stellt ein wellenförmiges hügeliges Hochland dar, welohes 
sich, ringsum von Bergen und Höhenzügen eingefasst, und von einzelnen Berg¬ 
kegeln durchschnitten, in einer bogenförmigen Richtung von Nordost nach Nord¬ 
west hinzieht. Es liegt 700—1100 Fuss über dem Meere, ist ca. 15 Km. lang, 
und hat eine wechselnde Breite von 3 — 8 Km. Die Berge haben überall auf 
ihrer Höhe einen dichten Wiildbestand, aus Buchen-, Eichen- und Tannenhölzern 
gemischt; weiter abwärts gehen sie allmälig in ein wellenförmiges Terrain über, 
das ein fruchtbares, von zahlreichen kleinen Bächen durchzogenes Ackerland dar¬ 
stellt. Die Bäche vereinigen sich in der Mitte der breiten thalförmigen Einsen¬ 
kung zu einem kleinen Flusse, welcher in der Nähe von Kreiensen in die Leine 
mündet. 

Das Klima ist ein Gebirgsklima. Die Temperatur ist eine gemässigte und 
gehören übermässige Hitze- und Kältegrade zu den Ausnahmen; jedoch finden 
häufig, und zwar vorzugsweise im Frühjahr, ziemlich schroffe Temperaturwechsel 
statt; auch ist die Temperaturdifferenz zwischen dem Maximnm des Tages und 
dem Minimum der Nacht öfters, und zwar zu allen Jahreszeiten, eine nicht uner¬ 
hebliche. Die Luft ist in Folge der bedeutenden Waldbestände eine reine, ozon¬ 
reiche, sie ist aber häufig von einer rauhen, scharfen Beschaffenheit, namentlich 
im Frühjahr und Herbst. Die häufigsten Winde sind die West-, Südwest- und 
Nord west-Winde, welche in Folge der Lage der Bergzüge die ganze Hochebene 
bestreichen können, und sehr oft einen stürmischen Charakter tragen. Die Ge¬ 
walt der Nord- und Ost-Winde wird durch die bedeutenden, meist von Ost nach 
West und von Nord nach Süd ziehenden Bergzüge sehr gemässigt, dagegen finden 
die Nordost-Windo ungehindert Eingang in das Thal. Die einzelnen Dörfer sind 
je nach ihrer Lage zu den Bergen gegen verschiedene Luftströmungen mehr oder 
weniger geschützt. Die jährliche Regenmenge ist eine nicht unbedeutende, die 
Feuchtigkeit der Luft ist daher eine ziemlich grosse. Nebel sind häufig. 

Die ziemlich dichte Bevölkerung ist eine durchschnittlich wohlhabende, 
und beschäftigt sich vorwiegend mit dem Ackerbau, welcher auf einer hohen 
Stufe der Entwicklung steht. Industrielle Etablissements sind ausser einer grös¬ 
seren Bierbrauerei, einigen Ziegelbrennereien, und 14 Mahl- und Holzschneide- 
Mühlen, welche fast ausschliesslich durch Wasserkraft getrieben werden, nicht 
vorhanden. In einigen Orten wird im Winter eine sehr lebhafte Handweberei von 
Leinen, Drell, sowie Jute-Geweben getrieben. 

Die 12 Ortschaften, aus denen sämmtliche Lungenentzündungen zu meiner 
Beobachtung gelangten, werden von 5957 Einwohnern (1881) bewohnt; die 
drei anderen Orte haben 1157Seelen. In der Tiefe des Thaies liegen die Dörfer 
Calefeld (1041 Einw.), Sebexen (637Einw.), Oldershausen (324Einw.), 
Eboldshausen (260 Einw.), Lagershausen (257 Einw.), Denkersliausen 
(285 Einw.). Etwas höher, meistens am Abhange von Bergen, liegen die Orte 


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Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


315 


Echte (843 Einw.), Westerhof (532 Einw.), Oldenrode (472 Einw.), 
Düderode (750 Einw.), Willershausen (490 Einw.). Am höchsten endlich 
sind die Dörfer Wiershausen (275 Einw.), Sievershausen (103 Einw.), 
Doegerode (230 Einw.), Imbshausen (615 Einw.) gelegen. In sämmtlichen 
Orten sind ungefähr 1450 Haushaltungen oder selbständige Familien vorhanden, 
davon gehören ca. 75 dein höheren Berufs- und Kaufmannsstande, 3<5 dem 
eigentlichen Bauernstände, 280 dem Gewerbe- und Handwerkerstande an; 720 
Familien endlich sind Arbeiterfamilien. Unter den letzteren sind etwa 120, 
welche, in den Dörfern Calefeld, Sebexen, Doegerode wohnend, sich mit Lohn¬ 
weberei beschäftigen. 

Was die in der Gegend vorherrschenden Krankheiten anbetrifft, so 
ist die häufigste schwere acute Erkrankung die croupöse Pneumonie. Demnächst 
fordert die Tuberculose alljährlich nicht unbedeutende Opfer. Katarrhalische 
Affectionen der Respirationsorgane sind namentlich in den kühleren Jahreszeiten 
sehr häufig. Der Abdominaltyphus tritt in einigen Orten, wo die Bodenverhält¬ 
nisse ungünstiger sind, fast alljährlich endemisch auf; in den anderen Orten ist 
er verhältnissmässig selten und geht dann nur von kleineren Infectionsherden aus. 
Masern, Scharlach, Diphtheritis, Stiokhusten zeigen sich häufig in kleineren und 
grösseren Epidemien. Der acute Gelenkrheumatismus kommt nicht ganz selten, 
und dann beinahe stets in einigen rasch auf einanderfolgenden Erkrankungen, 
vor. Der chronische Rheumatismus ist häufig. Der Typhus exant. hat sich seit 
Jahren hier nicht gezeigt, ebenso wenig der Recurrens. Von Intermittens, welcher 
vor 20—30 Jahren hier sehr stark geherrscht haben soll, ist mir in den letzten 
5 Jahren ein einziger Fall zur Beobachtung gekommen. 

Die gesammten 257 Pneumonien vertheilen sich in der Weise, wie in fol¬ 
gender Tabelle angegeben. 

Hiernach kamen in den 12 Orten, aus denen mir sämmtliche Erkrankungen 
an Pneumonie zur Verfügung standen, nach Abzug von 5 Pneumonien, welche 
die erkrankten Individuen an auswärtigen Orten befielen, in den 2y 3 Jahren 
227 Pneumonien vor. Dieselben vertheilen sich sehr ungleich. Das Jahr 1880 
zeigte 50 Pn , das Jahr 1881 brachte mehr als die doppelte Zahl, 119 Pn.; 
in dem ersten Halbjahr 1882 ist schon die Summe von 58 Pn. erreicht. Es 
scheint hiernach das Jahr 1881 ein für die Entwicklung der croupösen Pneumo¬ 
nie besonders günstiges Jahr gewesen zu sein. Während in dem Dorfe Calefeld 

1880 nur 3 Pn. vorkamen, stieg ihre Zahl 1881 auf 17 Pn.; in Doegerode stieg 
sie von 3 Pn. auf 14 Pn., in Oldenrode von 4 Pn. auf 12 Pn., in Sebexen von 
7 Pn. auf 24 Pn., in Sievershausen von 0 Pn. auf 4 Pn., in Düderode sogar von 
1 Pn. auf die enorme Höhe von 27 Pn. Aber nicht alle Orte zeigen dieses Ver- 
hältniss. Der Ort Westerhof hatte 1881 8 Pn., 1880 7Pn., Oldershausen hatte 

1881 nur 2 Pn., 1880 6 Pn., Eboldshausen hatte 1881 gleichfalls nur 2 Pn., 
1880 aber 8 Pn. Aehnliche Differenzen ergeben sich bei einem Vergleiche der 
Jahre 1881 und 1882. Während im ersten Halbjahr 1881 in Calefeld 14 Pn. 
ausbrachen, betrug ihre Anzahl in der gleichen Zeit 1882 21 Pn., in Olders¬ 
hausen in beiden Zeiträumen je 2 Pn., in Willershausen dagegen stieg die Zahl 
von 3 Pn. auf 5 Pn., in Echte sogar von 5 Pn. auf 12 Pn., während sie an¬ 
dererseits in Düderode von 24 Pn. auf 2 Pn., uud in Sebexen von 22 Pn. auf 
1 Pn. fiel. 


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316' Dr. A. Kieseil, 

4 



Ortschaften. 

Ein¬ 

wohner. 

1880. 

■ 

1 

Januar. 

Februar. 

März. 

April. 

to— 

Ä 

Juni. 

Juli. 

August. 

September. 

October. 

November. 

December. 

Summa. 


/ 

— f 

1. 

Calcfeld 

1041 

_ 


_ 

- 

_ 

_ 

_ 

_ 


_ 

__ 

3 



a> 

o 

2. 

Doegerode 

230 

— 

_ 

— 

— 

1 

— 

— 

— 


— 

— 

2 


II 

C 

o 

3. 

Düderode 

750 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

i 

— 

— 

— 

1 


B 

3 

4 

Oldenrode 

472 

— 

— 

— 

i* 

1 

i 

— 

— 

— 

— 

i 

— 

4 


<D 

a 

r o 

5 

Willershausen 

490 

— 

— 

— 

7 

1 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

8 


— -4-» / 

co/ 

6. 

Westerhof 

532 

— 

i 

— 


— 

5 

i 

— 

— 

— 

— 

— 

7 


<v \ 

JZ U \ 

7. 

Adershausen 

324 

2 

i 

1 


1 

— 

— 

— 

— 

— 

i 

— 

6 


^ 1 

-*-» 1 

8. 

Echte 

843 

— 

2 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

3 


B 1 
E I 

9. 

Sebexen 

637 

— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

— 


3 

3 

7 


:rt 1 

ir. V 

10. 

Eboldshausen 

260 

1 

1 

_ 

— 

5* 

— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

8 


.2 f 

11. 

Wiershausen 

275 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 


w 

\ 

12. 

Sievershausen 

103 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 




5957 

3 

5 

1 

3 

14 

4 


— 

i 

— 

6 

8 

50 


■ Ö3 O l 

iS i . \ 

13. 

Imbshausen 

615 


— 

_ 

_ 

— 

— 

— 

1 

_ 



— 

1 


•all 

14. 

Lagershausen 

257 


— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

! 

1 

— 

1 


ESI 

15 

Denkershausen 

2S5 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 


— 

— 

— 



Summa 

1157 

— 

— 

— 


— 

— 


— 

— 

1 

— 

2 


Gesamratsumma 

7114 













52 



Aus diesen Vergleichen geht hervor, dass sich die Lungenen tzündun- 
gen sehr ungleich auf die einzelnen Orte vertheilen, dass zu der¬ 
selben Zeit, wo in dem einen Orte zahlreiche Erkrankungen Vor¬ 
kommen, an einem anderen Orte, welcher in unmittelbarer Nähe 
liegt, und welcher denselben atmosphärischen Einflüssen ausge¬ 
setzt ist, keine oder nur sehr wenige Krankheitsfälle auftreten, 
dass ferner lange Zeit hindurch, ja mitunter selbst ein ganzes Jahr lang, in einem 
Orte kaum eine Lungenentzündung vorkommt, während in einer dann folgenden 
Zeit sich plötzlich mehrfache rasch auf einander folgendo Erkrankungen zeigen. 
Nicht ein einziger Ort, oder einige wenige weisen diese Erscheinung auf, sondern 
alle ohne Ausnahme. 

Wenn man die Gesammterkrankungen, welche innerhalb der einzelnen Ort¬ 
schaften in den 2 1 2 Jahren vorkamen, mit einander vergleicht, so ergiebt sich, 
dass trolz dem derZeit nach so verschiedenen Auftreten einzelner wie mehrfacher 
Erkrankungen in der Mehrzahl der Fälle die Anzahl der Lungenentzündungen in 
einem zur Einwohnerzahl proportionalen Verhältnisse steht. Bei einer Bevölko- 


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Februar. 


Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


317 




Bemer¬ 

kungen. 


* Ausserdem 
die Pneu¬ 
monie eines 
auswärts er¬ 
krankten u. 
in seine Hei- 
math trans- 
portirten In¬ 
dividuum ; 
ins^csammt 
5 Pneum. 


rung von 5927 Mensclien und einer Gesammtzahl von 227 Pn. stellt sich das 
Verhältniss der letzteren zu der ersteren wie 3,8 : 100; auf die Seelenzahl der 
einzelnen Orte berechnet, würden nach diesem Verhältniss kommen auf 


1. Calefeld = 40 Pn., während thatsächlich vorkamen = 41 Pn 

2. Doegerode = 9- - - - =18 - 

3. Düderode = 29 - - - = 30 - 

4. Oldenrode =18- - - ' - = 21 - 

5. Willershausen = 19- - - - =17- 

6. Westerhof = 20 - - - = 20 - 

7. Oldershausen =12- - - - =10- 

8. Echte = 32 - - - = 20 - 

9. Sebexen = 24 - - - = 32 - 

10. Eboldshausen =10- - - - =12- 

11. Wiershausen =10- - - - = 2 - 

12. Sievershausen = 4- - - = 5 - 


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318 


Dr. A. Rieselt, 


Diese Zusammenstellung ergiebt, dass in den meisten Orten die Zahl der 
Erkrankungen beinahe die gleiche war. dass somit auch die ätiologischen Ver¬ 
hältnisse der Pneumonie in den Orten dieselben waren. Hieraus folgt, dass bei 
gleichen klimatischen Verhältnissen die höhere oder tiefere Lage 
der Ortschaften auf die Aetiologie der Pneumonie nicht von we¬ 
sentlichem Gewicht ist, in gleicher Weise, wie sich auch ihre durch 
Höhen und Bergzüge gegen starke Windströmungen mehr oder 
weniger geschützte Lage nicht als einflussreich erweist. 

In zwei Orten (Doegerode 18:9. Sebexen 32 : 24) sind mehr, in zwei an¬ 
deren Orten (Echte 20 : 32, Wiershausen 2:10) weniger Lungenentzündungen 
aufgetreten, als ihnen ihrer Einwohnerzahl nach zufallen würde. Indess ist auf 
diese Differenzen um deswillen kein Gewicht zu legen, weil anzunehmen ist, dass 
sich dieselben in einer längeren Beobachtungszeit ausgleichen werden. Hat doch 
z. B. der Ort Sebexen 1880 7Pn., 1881 24 Pn., bis zum 1. Juli 1882 aber nur 
1 Pn., Echte dagegen 1880 nur 3 Pn., 1881 nur 4 Pn., im ersten Halbjahr 
1882 aber schon 12 Pn. Ebenso ist das auffallend günstige Verbältniss des 
Ortes Wiershausen etwas zufälliges, denn 1879 hatte ich daselbst innerhalb kur¬ 
zer Zeit 5 Lungenentzündungen zu behandeln. Dass jedenfalls nicht die hohe 
Lage des Ortes die Ursache der geringen Anzahl der Pneumonien ist, ist daraus 
zu ersehen, dass der Ort Doegerode, welcher in beinahe gleicher Höhe liegt, die 
allermeisten Pneumonien hat. Auch das Dorf Sievershausen hat trotz seiner hohen 
Lage verhältnissmässig viel Pneumonien. Gleiche Schwankungen in der Anzahl 
der Lungenentzündungen zeigen die in der Tiefe des Thaies gelegenen Orte Ol¬ 
dershausen, Eboldshausen, Calefeld, Sebexen; besonders der letztere Ort ist durch 
zahlreiche Erkrankungen ausgezeichnet. — Wenn die verschiedenen Dörfer durch 
ihre Lage an und zwischen Bergen gegen bestimmte Windströmungen mehr oder 
weniger geschützt sind (vgl. die Karte S. 313), so ist dieser Schutz für die Anzahl 
der Pneumonien von keinem Belang. So sind die Orte Westerhof und Willers¬ 
hausen gegen Ostwinde gut geschützt, sie haben indess durchaus nicht weniger 
Lungenentzündungen, als die Dörfer Calefeld und Oldershausen, welche dem Ost¬ 
winde exponirt sind. Doegerode und Sebexen sind gegen Nordwinde geschützt, 
und doch haben sie mehr Pneumonien, als Echte und Willershausen, welche gegen 
Norden vollkommen frei liegen. Der Ort Sievershausen ist gegen Nord und Ost 
von naben und ziemlich hohen Bergen umgeben, und doch hat er mehr Erkran¬ 
kungen, als zahlreiche andere Dörfer. 

Betrachtet man die Anzahl der Pneumonien nicht nach den Orten, sondern 
nach den Monaten und Jahreszeiten, so ersieht man, dass die grösste Anzahl auf 
die Monate Januar bis Mai fällt. Die drei Januar-Monate haben 40 Pn., die Fe¬ 
bruar-Monate 40 Pn., die März-Monate 38 Pn., die April-Monate 26 Pn., die 
Mai-Monate 39 Pn., während die Juni-Monate nur 12 Pn., die Juli-Monate gar 
keine Pneumonien aufweisen. Auch die Monate August bis December stellen nur 
ein geringes Contingent. Diese Zahlen vermögen die Angaben von Hirsch'), 
v. Ziemssen 3 ) und Jürgensen 3 ), dass die Pneumoniefrequenz in die Monate 


') Hirsch, Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. 
*) Jürgensen 1. c. p. 13. 


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Die Aetiologie der croupösen Pneumonie. 


319 


Januar bis Mai fällt, zu bestätigen. Auch Köhnhorn') hatte in einer 8jährigen 
Beobachtung unter 321 Pneumonien die häufigsten Erkrankungen in den genann¬ 
ten Monaten. Man kann daher wol behaupten, dass sich die Pneumonien in un¬ 
serem continentalen Klima stets in den Winter- und Frühjahrsmonaten anhäufen. 
Die Frequenz der Lungenentzündungen fällt somit in der That zusammen mit der 
ungünstigsten Witterung des Jahres, mit dem plötzlichen, oft sehr schroffen 
Wechsel der Temperatur, der Windströmung, wie der Luftfeuchtigkeit, sie vereint 
sich mit den Zeiten, in denen der Mensch gezwungen ist, bald übermässig er¬ 
hitzte Stubenluft, bald kalte eisige Luft seinen Lungen zuzuführen, wo er nur in 
sehr wenig Fällen im Stande ist, seine Bekleidung genau den gerade bestehenden 
Temperatur- und Witterungsverhältnissen so anzupassen, dass sie seinem körper¬ 
lichen Befinden, wie seiner Gewohnheit genau entspricht. Nichts liegt daher 
näher, als beide Erscheinungen, die Pneumoniefrequenz und ungünstige atmo¬ 
sphärische Zustände mit einander in ursächliche Verbindung zu bringen. Findet 
ein solcher Causalneius nun in der That statt? und welches meteorologische 
Phänomen ist es in erster Linie, unter dessen Einwirkung sich die Pneumonien 
an häufen? 

(Schluss folgt. 1 ) 


4. 

Aphorismen znr Reform des prenssisehen Hebammenwesens, ein¬ 
schliesslich einer Kritik des von Herrn Geheimrath Professor 
Dr. Litimann in Kiel 1878 bearbeiteten ofüciellen Lehrbuchs. 

Von 

Dr. Wachs, 

Director der Provinzial-Hebammen-Lehranstalt au Wittenberg, 

Kreisphyslkus und Geh. 8anitatsrath. 


(öchluss.) 

e) Die Wendung des Kindes. 

Unter der Ueberschrift „die Wendung im neuen und alten Heb- 
ammen-Lehrbuche“ ist in dieser Vierteljahrsschrift, N. F. Bd. 32 Heft 1 
S. 169, eine so vortreffliche und fast erschöpfende Recension vom 
Herrn Sanitätsrath Dr. Lindner veröffentlicht, dass wir uns hier auf 
folgende Beurtheilung des in Rede stehenden Kapitels beschränken. 

§. 297 lehrt, dass die Hebamme ausnahmsweise und (soll wol „näm¬ 
lich“ heissen, da nur die beiden nachstehenden Gründe entscheiden), wenn 
ärztliche Hülfe entweder gar nicht oder nicht rechtzeitig zu erlangen, zum Besten 
der Mutter und des Kindes es wagen dürfe, selbst zu wenden, setzt aber ausdrück- 


') Köhnhorn l. c. p. 91. 


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320 


Dr. Wachs, 


lieh zwei zeitliche Bestimmungen fest, welche sich auf das Abwarten des Geburts¬ 
helfers beziehen. Es heisst nämlich ad 1: „wenn vom Blasensprunge bis zur An¬ 
kunft des Arztes mindestens noch zwei Stunden vergehen sollten, so ist bei den 
angegebenen sonstigen günstigen Wendungsumständen die sofortige Wendung ge¬ 
stattet.“ Und ad 2 (nach Erkenntniss der falschen Lage): „wenn noch zwölf 
Stunden vergehen sollten, ehe ein Arzt zur Stelle sein kann, ist auch die Wen¬ 
dung gestattet.“ Solche positive Zeitbestimmungen sind durchaus zu verwerfen. 
Zunächst wird die Hebamme dadurch jedes Denkens überhoben, zum exquisitesten 
schablonenmässigen Handeln bestimmt und in Folge derartiger Anweisung die 
Hände ruhig in den Schoss legen, wenn sie weiss. dass beispielsweise im ersten 
Falle der Arzt doch in anderthalb, im letzteren nach 9 bis 10 Stunden zur 
Stelle sein kann. Nachdenken seitens der Hebamme, sagt Lindner sehr richtig 
(1. c. S. 175), ist eine nothwendige Voraussetzung, über welche man schlechter¬ 
dings nicht wegkommt. Was aber ereignet sich nicht Alles bald nach dem 
Wasserabfluss? Kann sich nicht die bisher spärliche Wehenwirkung öfters 
binnen einer Viertel- oder halben Stunde in einem Grade entwickeln, dass in 
verhältnissmässig kürzester Frist jede Aussicht auf die Lebensreltung des später 
zu wendenden Kindes rein illusorisch geworden ist? Derartige, die oigene Beur¬ 
teilung der concreten Geburtsstörung ausschliessende Zeitbestimmungen müssen 
in einem Lehrbuche für Hebammen wegbleiben, soll deren Ausbildungsgang nicht 
statt Fortschritte Rückschritte machen, denn die Hebammen sind dann nur ab¬ 
gerichtet, nimmermehr unterrichtet. Ausserdem ist das ganze Kapitel, welches 
die Lehre von der gesetzlich unter bestimmten Prämissen den Hebammen zu- 
stehenden Wendung abhandelt, äusserst dürftig ausgefallen, namentlich gebricht 
es an einer genauen Angabe der Indicationen für die durch die Hebamme zu 
vollziehende Operation (wann sie die Wendung ausführen darf oder muss). 
Sodann findet sich §. 297, wo gelehrt wird, dass bei zeitlich zu spät zu 
erhoffender Hülfe des Geburtshelfers der günstige Augenblick sofort benutzt 
werden soll, zu Ende des nämlichen Paragraphen die Mahnung, die Hebamme 
möge ja, wenn ihr der Muth zur Vornahme der Wendung fehlt, dieselbe gar 
nicht versuchen. Wie passen solche entgegengesetzte Vorschriften und Rath¬ 
schläge zu einander, wo erst gedruckt zu lesen ist, sie solle sogleich oder 
im günstigsten Augenblick wenden und gleich darauf wird von der Vor¬ 
nahme der Operation abgerathen? Dies sind ebenso unklare als zu tadelnde 
Bestimmungen, deren entschiedener Nachthei) nur zu beseitigen ist, wenn die 
Lehre von der Wendung in der Weise eingehend vorgetragen wird, dass stets 
die fragliche Operation Sache des Geburtshelfers ist, jedoch in gewissen, streng 
bezeichneten Ausnahmefällen die Hebamme behufs Rettung von Mutter oder Kind 
selbst wenden darf und unter Umständen muss. Sache des Nachdenkens bleibt 
es immer für die Hebamme, ob ein Fall der einen oder der anderen Art in con¬ 
creto vorliegt. 

Die Encheiresen der Wendung: Wahl der einzuführenden Hand, Modus 
des Eingehens durch die Scheide in die Gebärmutterhöhle, das Ergreifen eines 
oder beider Füsse, die Drehung des Kindes und das Herableiten der Füsse sind 
überdies unvollständig beschrieben. Sie sollten aber gerade mit grösster Genauig: 
keit geschildert sein. Die Hebamme muss sie wiederholt aufs Sorgfältigste am 
Phantom einüben, damit sie im Augenblicke der drohenden Gefahr, um auf das 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuchs. 


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oben citirte prägnante Beispiel zurückzukommen, gerade wie der einexercirte 
Soldat, wenn er zum ersten Male im Feuer steht, die vorschriftsmässigen Griffe 
und Evolutionen auszuführen hat, trotz der gemüthlichen Erregung und Sorge 
die Wendung in allen ihren einzelnen Abschnitten kunstgemäss vollzieht. Es 
steht daher die Art und Weise, wie im jetzigen Lehrbuche diese wichtige Ope¬ 
ration vorgetragen ist, gegen die lichtvollen Darstellungen derselben in den Lehr¬ 
büchern von Naegele, Schmidt, Birnbaum, Lange, Balocchi u. A. 
ganz auffallend zurück. 

f) Die fehlerhaften Becken und der von ihnen abhängige 

Geburtsmechanisraus. 

Dieser die §§. 236 bis 249 umfassende Abschnitt dürfte ebenfalls 
den Anforderungen nicht entsprechen. Schon §. 236 theilt die fehler¬ 
haften Becken ein in zu weite und zu enge. Dieses zu ist über¬ 
flüssig, da dem regelmässigen lediglich nach der einen Seite hin das 
weite und nach der anderen das enge Becken gegenübersteht, eine 
Ansicht, welche übrigens auch in §. 338 vertreten ist. Meist wird 
die Schülerin über das zu enge und das blos als eng bezeichnete 
Becken insofern im Unklaren bleiben, als sie darunter zwei ver¬ 
schiedene Beckenformen verstehen zu müssen meint. Dieses Dilemma 
ist aber ein eclatanter Beweis, wie umsichtig in Elementarbüchern 
auch jeder einzelne Ausdruck abgewogen und dann ctmsequent fest¬ 
gehalten werden muss. : 

Eingetheilt sind ferner die Becken nach der in den wissenschaftlichen ge- 
burtshülflichen Werken der Neuzeit üblichen Weise, was aber den Schülerinnen 
kein sicheres Bild der abweichenden Gestaltung des für den Kindeskopfdurch¬ 
tritt so bedeutungsvollen Knochonrings ermöglicht, zumal da Ausdrücke von 
„platten“ und „allgemein verengt platten Becken“ Vorkommen, welche trotz 
umständlicher Beschreibung Verwechselungen erfahrungsgemäss nicht vermeiden 
lassen. 

Wir glauben bei der nur mangelhaften Vorbildung der Lernenden folgender 
einfacheren und passenderen Gruppirung der regelwidrigen Becken den Vorzug 
geben zu müssen und zwar in erster Linie festzuhalten, dass die fragliche Fehler¬ 
haftigkeit des Beckens in dreifacher Richtung vorkommt und zwar bezüglich 
der Grösse, der Gestalt und der Neigung. 

Da zunächst die regelwidrige Grösse für sich allein nach zwei Seiten ab¬ 
weichen kann, indem nämlich alle Durchmesser zu gross oder alle zu klein sind, 
so erhält man ungezwungen das weite und das enge Becken. Weicht ferner 
die Gestalt von dor Norm dadurch ab, dass der gerade Durchmesser des Becken¬ 
eingangs verkürzt, der quere hingegen vergrössert ist, so handelt es sich um das 
in der Breite ausgedehnte Becken; stellt sich das Grössenverhältniss der 
beiden genannten Durchmesser aber umgekehrt heraus, so bekommt man das 
schmale Becken, während sich das schräg verengte ans der überwiegenden 

Vierleljalirasclir. f. ger. Med. N. F. XXXVIII. 2. 21 

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t>r. Wachs. 


Vergrösserung eines schrägen Durchmessers auf Kosten des anderen gebildet 
hat. Fügt man nun noch das durch Knochenerhabenheiten difforme Becken, das 
sogenannte örtlich erhabene, und schliesslich das trichterförmige Becken 
hinzu, so sind dies Bezeichnungen für die fehlerhaften Beckengestalten, welche 
von jeder Schülerin richtig und schnell erfasst werden können. Einen gleichen 
Erfolg stellt die Unterscheidung vom stark und schwach geneigten Becken, 
den beiden nicht eben seltenen Anomalien der Beckenneigung, in Aussicht. 

Hinsichtlich der ätiologischen Verhältnisse wird auf früher über- 
standcne Wirbelentzündungen oder Entzündungen der Kreuz-Darmbein¬ 
fuge verwiesen. Es erscheint jedoch hierbei die Frage gerechtfertigt, 
ob überhaupt die Hebamme von Entzündungen, welche Verwachsungen 
der Gelenke bedingen, auch nur eine entfernte Vorstellung besitzt. 
Es ist viel rationeller, solche unklaren genetischen Excurse wegzulassen 
und sich eben blos auf die Erkenntniss der Thatsache zu beschränken, 
dass an der einen oder anderen Stelle des Beckens eine Beengung 
oder eine grössere Räumlichkeit besteht. 

Es erscheint ebensowenig nothwendig, hier die Spondylolisthesis 
(§. 239) zu erwähnen, da diese ganz ausserordentlich seltene Verbil¬ 
dung für die Hebamme lediglich die Bedeutung einer im oberen 
geraden Beckendurchmesser vorhandenen Verkürzung hat 

Den Versuch, den Schülerinnen das Verständniss des Geburts¬ 
mechanismus, zumal des Durchtritts des Kindskopfes bei verengtem 
Beckenraume, zu erläutern, kann man nicht als einen glücklichen be¬ 
zeichnen. Diese Lehre ist insbesondere in §. 248 nicdergelegt, wo sich 
auch der lange, sechszehnzeilige Satz (der Eintritt des Kopfes etc. 
bis oft überraschend schnell verläuft) vorfindet, welchen nur hinter¬ 
einander zu lesen bereits grosse Schwierigkeiten verursacht, dessen 
Inhalt aber mit seinen Bedingungen und Nebenbedingungen schlechter¬ 
dings von keiner Schülerin erfasst wird. Ganz abgesehen davon, dass 
bei dem in Rede stehenden Geburtsmechanismus auch wissenschaft¬ 
lich gar verschiedene Ansichten zur Geltung kommen, werden noch 
Detaillehren etc. mitgetheilt, welche die Schülerin leicht verwirren 
können. 

Für die Handlungsweise der Hebamme bleibt bei Beckenbeschrän- 
kuug lediglich die Beobachtung massgebend, ob der Kopf allmälig 
heruntertritt oder nicht, und ob sie sich im ersteren Falle sagen kann, 
dass die Natur die Geburt beenden wird, oder für den letzteren der 
Beistand des Geburtshelfers in Anspruch genommen werden muss. Die 
Bedeutung der ursächlichen Entstehung der Raumbeengung ist 
übrigens iür die Hebamme durchgehends eine mehr als untergeordnete. 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuchs. 


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g) Kritische Randglossen. 

An die Beurtheilung der vorstehenden Kapitel reihen wir in mög¬ 
lichst kurzer Form noch eine kritische Besprechung verschiedener, 
anscheinend untergeordneterer Punkte, welche indessen, zumal für die 
Methode des Hebammen-Unterrichts, Beachtung verdienen. 

Das Hüftbein, lehrt §. 17, besteht in der Kindheit ans drei getrennten 
Stücken. Logisch sollte man nun erwarten, dass als diese drei Stücke genannt 
würden: Darmstück, Sitzstück und Schossstück. Statt dessen erfahren die 
Schülerinnen, dass das Hüftbein in der Kindheit aus einem Darmbeine, einem 
Sitzbeine und einem Schoss bei ne besteht, was ja insofern ganz richtig ist, als 
bei der Geburt und auch noch in den früheren Kindeijahren genannte drei selbst¬ 
ständige Knochen (und nicht Stücke!) vorhanden sind. Wie aber die Stirn des 
Neugeborenen zwei Stirnbeine besitzt, so besteht auch die seitliche Beckenwand 
des Kindes nicht aus einem, sondern drei einzelnen Knochen. Es hätte nun des 
richtigen Verständnisses halber noch ausdrücklich die Erklärung hinzugefügt 
werden müssen, dass diese drei in der Jugend selbständigen Knochen mit der 
Zeit (gerade so wie die zwei Stirnbeine zu einem Stirnbeine) zu einem Hüft¬ 
beine verwachsen, und nunmehr an diesem letztgenannten mit Rücksichtnahme 
auf seine frühere Trennung drei Stücke: Darmstück, Sitzstück nnd Schoss¬ 
stück Vorkommen. Ohne diesen Hinweis werden die Begriffe von Knochen und 
Stücken bei der anfänglich noch so wenig geübten Denkweise der Schülerin zu 
leicht entweder mit einander verwechselt oder selbst für identisch genommen, 
so dass sie schliesslich wol meint, im Becken der Frau wären eigentlich nicht 
vier, sondern acht oder gar zehn Knochen vorhanden. 

Wir heben diesen für den nicht Sachkundigen anscheinend unbedeutenden 
and doch in der That nicht unwesentlichen pädagogischen Verstoss als Belag 
hervor, wie frühere Leistungen unbeachtet geblieben sind. Denn gerade die 
Möglichkeit dieser Verwechselung ist bereits vor langer Zeit durch folgende 
erschöpfende Notiz in den Bemerkungen von Joseph Hermann Schmidt zu 
seinem Hebammen-Lohrbuche erledigt worden ( ): 

„Sagt man den Frauen, das Becken besteht aus vier Knochen: zwei Seiten¬ 
beckenbeinen, einem Kreuzbeine und einem Steissbeine, das Seitenbeckenbein 
(das Hüftbein des Lehrbuchs) wiederum aus drei Knochen: einem Hüftbeine, 
einem Schossbeine und einem Sitzbeine, so haben dies Manche in zwei Tagen 
nicht begriffen. Sagt man ihnen aber, das Becken besteht aus vier Knochen: 
zwei Seitenbeckenbeinen, einem Kreuzbeine und einem Steissbeine; am Seiten¬ 
beckenbeine unterscheidet man aber drei Stücke (oder vielleicht noch besser drei 
Theile: einen Hüfitheil, Schosstheil und Sitztheil), so haben dieses Alle 
in zwei Minuten gefasst. Dass ein Bein aus drei Beinen bestehen sollte, bleibt 
ihnen (weil sie die Sache rein arithmetisch nehmen) unbegreiflich, bis man viel¬ 
leicht hundert Mal an den Unterschied von klein und gross erinnert hat; dass 
aber ein Bein aus drei Stücken oder Theilen bestehen kann, ist augenblicklich 


') Neue Zeitschrift für Geburtskunde, 1839. Bd. 7. S. 224. 

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Dr. W ächs. 


einleuchtend. Es hat eine eigentümliche Bewandlniss mit der Ilebammen- 
Grammatik, und da die Grammatik nichts anderes als eine Vorschule der Logik 
ist, mit der Hebammen-Logik, welche nur durch jahrelange Unterweisung höchst 
allmälig heraussludirt wird.“ 

§. 22 wird der Beckeneingang als ein (querliegendes) Oval bezeichnet. 
Warum ist aber dieser für die meisten Schülerinnen fremde Ausdruck in Anwen¬ 
dung gebracht, der ihnen erst verdeutscht werden muss und sehr wol durch das 
Wort „Eiform“ ersetzt wird? Ganz den nämlichen Tadel verdienen die in das Lehr¬ 
buch aufgenommenen Fremdwörter wie Eklampsie (§. 257). Epilepsie (§. 259) 
und hysterische Krämpfe (§.260), welche doch, da griechische Etymologie im 
Hebammenunterricht nicht angebrächt ist, durch die entsprechenden deutschen 
Ausdrücke wiederzugeben waren. Bei diesen Fremdwörtern sei auch noch des 
Umstandes gedacht, dass der Name arrow-root. der nun einmal im §.401 mit 
lateinischen Lettern zu lesen ist, wenigstens in Parenthese die Angabe seiner 
Aussprache verdient hätte. 

Bezüglich des Gebrauchs von Fremdwörtern in einem Lehrbuche ist über¬ 
haupt die grösste Vorsicht geboten, indem nur solche, welche im alltäglichen 
Leben üblich sind, oder einzelne im Umgänge mit dem Geburtshelfer nicht zu 
umgehende, z. B. Diarrhoe, Operation, Fontanelle etc., angewendet werden 
dürfen. Gleich unnütz erweisen sich Synonyme. Wenn z. B. im §. 34 und 38 
von Mutterröhre oder Eileiter und von der Siebhaut, die auch hin¬ 
fällige Haut genannt wird, die Rede ist, so kann diese Doppelbezeichnung 
nur als eine leicht zu Irrungen Anlass gebende Gedächlnisslast angesehen wer¬ 
den. Sehr treffend hat schon J. H. Schmidt in seinen vorstehend erwähnten 
Bemerkungen gesagt, dass man für jeden Namen, womit man das Gedächtniss 
verschont, dem Verstände schon einige Sätze mehr aufbürden dürfe. 

Im §. 23 wird des so wichtigen Untersuchungsdurchmessers (Conjugata 
diagonalis) nicht gedacht. Solche Angabe wäre aber gerade verdienstlich ge¬ 
wesen, da dieser Durchmesser auch in den vorausgegangenen Bearbeitungen des 
preussischen Hebammen-Lehrbuchs auffallender Weise stets mit vollstem Still¬ 
schweigen übergangen worden ist. 

Im §. 25 ist für die Beckenachse der Name Mittellinie gewählt. Der 
frühere „Führungslinie“ verdient aber entschieden den Vorzug, da die 
Schülerin diesen Namen weit besser behält, denn in ihm liegt ja gleich, was der 
Name „Mittellinie“ nicht bietot, die Andeutung, dass in dieser Richtung der 
untersuchende Finger, unter Umständen die ganze Hand und selbst die Instru¬ 
mente des Geburtshelfers, eingeführt und das auszuziehende Kind durchgeleitet 
werden. 

Für die namentlich zur vorsichtigen Einführung dos Katheters so notbwen- 
dige genaue locale Kenntniss der Harnröhrenmündung wird im §. 30 gesagt, 
dass sie sich etwa l 3 / 4 Ctm. hinter der Eichel des Kitzlers befinde. Auch ab¬ 
gesehen von dem modificirenden Begriff „etwa“ möchte es bei der nicht zweck¬ 
mässigen Bruchangabe den Anschein gewinnen, als wenn von einer Abmessung 
mittels des Cirkels das alleinige Heil abhinge. „Zwei Centimeter hinter dem 
Kitzler“ ist für eine Hebamme die vollkommen ausreichende Belehrung. 

Die im §.37 gegebene Erklärung, dass Empfängniss der Vorgang bei 
einem fruchtbaren Beischlaf sei, durch welchen die Frau schwanger wird, hält 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuchs. 


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den so wesentlichen Unterschied von Befruchtung, d. h. Belebung eines Eies, 
und von Empfängniss, d. h. Aufnahme des belebten Eies an einer bestimmten 
Stelle behufs seiner Weiterentwicklung, nicht scharf genug auseinander und er¬ 
schwert mindestens das Verständniss. Es kann ja sicher auch Befruchtung 
erfolgen, ohne dass sich das belebte Eichen anhaftet, indem es im Gegentheil 
auf seiner Wanderung abstirbt. 

In den vorausgegangenen Paragraphen haben viele schwankende Adverbien, 
z. B. „gewöhnlich“, „durchschnittlich“ etc., und ausserdem recht störende minu¬ 
tiöse Mass- und Gewichtsangaben für die Fruchtentwlfcklung Platz gefunden. 
Aber ebenso kommen in den §§. 54 und 55 bei Schilderung der die Schwangeren 
heimsuchenden Beschwerden die Pleonasmen „öfters“, „fast immer“, „beson¬ 
ders“, „vorzugsweise“, „häufig“, „meistens“, „nicht selten“, „seltener“ und 
„bisweilen“ zu oft vor. 

Die in den §§. 63 und 64 gegebene Uebersicht der Schwangerscbafts- 
zeichen erweist sich zumal hinsichtlich der wahrscheinlichen und unsicheren als 
nicht gründlich, sieht gegen die Bearbeitung dieses ungemein wichtigen Kapitels 
in den früheren Ausgaben ausserordentlich zurück und fordert eine gründliche 
Verbesserung. 

Gleiche Bedenken ruft die Unterweisung in der geburtshülflichen Unter¬ 
suchung im §. 58 wach, welche doch die Grundlage alles geburtshülflichen 
Handelns ausmacht. Es fehlt z. B. der zu beachtende Befund an den Füssen. 
Form derselben, Oedem, Varicositäten etc. Ebenso vermisst man eine Belehrung 
über das Verhalten einer Frau während ihrer Schwangerschaft und im regel¬ 
mässigen Wochenbett, wo die tüchtige Hebamme dadurch schon viel Gutes stiftet, 
dass sie eine Menge von Schädlichkeiten und Missbräuchen, über welche sie doch 
eingehend unterrichtet sein muss, fern zu halten versteht. 

Eigenthiimlich klingt die im §. 69 ertheilte Vorschrift, dass sich eine 
Schwangere in den letzten Monaten hüten müsse, namentlich des Abends zu viel 
zu essen. Hierbei liegt gewissermassen die Vermuthung nahe, dass das Zuviel¬ 
aufeinmalessen zu anderen Tageszeiten eher gestattet sein möchte. 

Auffallend ist die in der ersten Zeile des §.70 enthaltene Erklärung, dass 
die Geburt ein Vorgang bei ein er Schwangeren sei. Während sich jeder 
Hebammen-Lehrer alle nur mögliche Mühe giebt, den Schülerinnen die Schwanger¬ 
schaft, die Geburt und das Wochenbett als streng von einander abgegrenzte 
Ereignisse im geschlechtlichen Leben der Frau zu erläutern, werden hier die 
Begriffe von Geburt und Schwangerschaft zusammengewürfelt. Im preussischen 
Hebammenbuche von J. H. Schmidt (Ausgabe von 1850) wurde die regel¬ 
mässige Geburt (§. 147) ganz richtig als ein Vorgang definirt, welcher erst 
nach vollständig abgelaufener Schwangerschaft beginnt. Statt nun diese Inter¬ 
pretation beizubehalten, führt der Herr Verfasser jene, in seinem 1873 neu 
bearbeiteten Mi chaelis’schen Unterrichte für Hebammen §. 55 aufgenommeno, 
nicht zutreffende Erklärung in das preussische Lehrbuch ein, welche übrigens aus 
dem 1842 herausgekommenen Unterrichte für Hebammen von G. A. Michaelis 
§. 145 ohne jegliche Prüfung abgedruckt ist. 

Auch die §.72 ertheilte Belehrung über die regelmässige und regelwidrige 
Geburt ist insofern eine ungenügende, als z. B. dio erstere auf die Weise vor 
sich gehen soll, wie sie der Erfahrung gemäss am häufigsten verläuft. Wäre es 


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Dr. Wachs, 


nicht vorzuzieben gewesen, wie es bereits in den früheren Lehrbüchern geschah, 
genau diejenigen Bedingungen der Reihe nach zu verzeichnen, welche vorhanden 
sein müssen, wenn es sich um eine regelmässige Geburt handeln soll? 

Der in den §§. 78 bis 87 geschilderte Geburtsverlauf wird zunächst 
(§. 78) in eine Eröffnungszeit und Austreibungszeit getbeilt, und bei der letzte¬ 
ren wiederum die Austreibung des Kindes und die der Nachgeburt unterschieden. 
Die beiläufige Notiz, dass dieser letztere Vorgang auch Nachgeburtszeit 
genannt werde, verführt aber sehr leicht die Schülerin zu einer unklaren Auffas¬ 
sung, so dass für HebaJhmen die strikte Eintheilung des ganzen Geburtsactes in 
eine Eröffnungs-, Austreibungs- und Nachgeburtsperiode weit an¬ 
gemessener erscheint. 

Wenn ferner der Name „Vorwehen“, welche sich zuweilen in den letzten 
Wochen der Schwangerschaft einstellen, als identisch mit dem Namen der vorher¬ 
sagenden Wehen (§. 79) angeführt wird, so dürfte dies schwerlich allgemeine Zu¬ 
stimmung finden, da die vorhersagenden Wehen, die Dolores praesagientes 
der früheren Geburtshelfer'), stets der ersten Zeit der Geburt angehören und 
keine Vorwehen (oder Schwangerscbaftswehen) sind. 

Hinsichtlich des vom regelmässigen Geburtsverlaufe zu entwerfenden Bildes 
wäre es zu empfehlen gewesen, wenn vor Allem der Geburtsvorgang bei der Erst¬ 
gebärenden als annähernd ideales Geburtsschema obenan gestellt worden wäre. 
Erst im Anschlüsse an dieses dürften diejenigen kleineren Abweichungen ange¬ 
führt werden, welche bei der wiederholten Geburt zum Vorschein zu kom¬ 
men pflegen. 

Die Beimengung von Erscheinungen bei Mehrgebärenden, wie sie z. B. 
§.79 vom Gebärmutterhalscanale aufgezählt werden, gleich mitten in der Be¬ 
sprechung der Erstgeburt, dient nur dazu, die Schülerinnen zu verwirren. 

Das skizzirteBild des regelmässigen Geburtsacts enthält gleichfalls viele ein¬ 
schränkende Wiederholungen, wie „in der Regel“, „höchstens“, „gewöhnlich“, 
„mehr oder weniger“, „etwas“, „sollte“, „bisweilen“, „grösser oder geringer“, 
„grösstentheils“, „keineswegs immer“, „häufig“, „oft“, „öfters“, „pflegt“ etc. 

Ausdrücklich müssen wir erwähnen, dass in das Tableau von der regel¬ 
mässigen Geburt durchaus nioht die Angabe (§. 80) gehört: die Eihäute würden 
bei grosser Festigkeit und Dehnbarkeit selbst durch die Schamspalte hervorge¬ 
trieben und müssten in der Regel künstlich gesprengt werden. Denn dieses 
Ereigniss darf erst viel später unter den von dem regelwidrigen Verhalten der 
Eiblase abhängigen Geburtsanomalien Platz finden. Aus dem nämlichen Grunde 
erscheint der im §. 95, wo von der Leitung der regelmässigen Geburt durch die 
Hebamme die Rede ist, gegebene Hinweis, dass nicht jede Geburt regelmässig 
verläuft, dass für Mutter und Kind öfters gefahrbringende Störungen eintreten, 
und dass die Hebamme dann rechtzeitig den Arzt zuziehen müsse, geradezu 
tadelnswerth. Denn es ist ja hier nur von der regelmässigen Geburt die Rede, 
so dass von Rechtswegen all’ die gedachten anomalen Ereignisse nicht früher 
als in dem weit später an die Reihe kommenden Abschnitte über den regel¬ 
widrigen Geburtsverlauf zur Erörterung gelangen können. 

Bei der Behandlung der regelwidrigen Beschaffenheit der Wehen im §. 205 

*) Vergl. Geburtslehre von Kilian, 2. Aufl. 1847. Bd. 1. S. 251. 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lebrbuchs. 327 

und den ihm folgenden Paragraphen wird leider eine strenge Scheidung der den 
Hebammen zustehenden Mittel in quantitativ wehenverstärkende und qualitativ 
wehenverbessernde unter genauer Angabe der Form und der Geburtsperiode, in 
denen sie anzuwenden sind, vermisst. 

Endlich gedenken wir der nicht genügenden Erörterung, resp. Behandlung 
mancher Regelwidrigkeiten, welche das Lehrbuch grundsätzlich festhält. In 
ersterer Beziehung hätte das Kapitel über die Missbildungen der Neugeborenen 
eine eingehendere Beachtung verdient. Denn in den häufigsten Fällen findet sich 
die Hebamme allein am Gebartsbette und spielt eine klägliche Rolle, wenn sie 
nicht wenigstens über die Art der Bildungsanomalie den erschreckten Angehörigen 
einigen Aufschluss zu geben vermag. Eine Schilderung der wichtigeren Miss¬ 
bildungen, wie sie recht übersichtlich das Späth’sohe Lehrbuch bietot, gereicht 
gewiss keiner Hebamme zum Nachtheile. 

Hierher gehört auch noch die sparsam gewährte Kenntniss von den Erschei¬ 
nungen und der Behandlungsweise gewisser Gesundheitsstörungen bei Entbun¬ 
denen und Wochenkindern. Wir sind durchaus der Ansicht, dass eine Heb¬ 
amme nie bei ernsten Krankheiten pfnschermässig eingreift, sondern dem Arzte 
die Behandlung anheimgiebt, aber gewisse Grenzen müssen gezogen sein, da 
in allen Lebensverhältnissen denn doch die vom grünen Tische ausgehende 
Theorie in praxi keineswegs den erhofften Erfolg garantirt, vielmehr stets auch 
mit anderweitigen, nun einmal gegebenen Factoren gerechnet werden muss, 
sollen nicht sehr beklagenswertbe Consequenzen zu Tage treten. Gerade die 
reiche Erfahrung, welche der beschäftigte Geburtshelfer in der Landpraxis 
macht, lehrt, dass die im Lehrbuche bei gewissen Störungen gestattete kümmer¬ 
liche Einsicht in die Form einzelner Erkrankungen und deren Behandlung die 
Hebammen der Charlatanerie fast direkt in die Arme führt. 

Als Beweis, welche missliche Folgen zumal für junge Hebammen diese un¬ 
zureichende Unterweisung veranlasst, mag folgendes häufige Vorkommniss dienen. 
Gegen Obstruction der Schwangeren und Wöchnerinnen empfiehlt das Lehrbuch 
als alleiniges Hülfsmittel das Lavement und fordert, falls dieses ohne Erfolg 
bleibt, unbedingt die Herbeirufung des Arztes, welche doch, wenn die Patientin 
stundenweit von der Stadt wohnt, nicht ohne erhebliche Geldopfer zu ermög¬ 
lichen ist. Im concreten Falle soll also die Hebamme aus obigem Grunde die 
ärztliche Hülfe verlangen. Was ist aber meistens der Ausgang? Verwundert 
opponirt ihr die Mutter, Schwiegermutter oder sonst eine erfahrene Frau in der 
Umgebung, da sie mit einem Esslöffel voll Ricinusöl oder einer Portion Sennamuss 
die ganze Sachlage zum Besseren zu wenden weiss. Man darf noch von Glück 
sagen, wenn nur solche milde Abführmittel in Gebrauch gezogen werden. In 
anderen Fällen empfiehlt die unberufene Rathgeberin Kaisertropfen, mit Brannt¬ 
wein aufgesetzte Aloe und selbst stärkere Drastika. Oefters fühlt sich durch solche 
Mittel die Kranke momentan auch erleichtert. Für die Hebamme liegt leider dann 
die Verführung nahe, bei später in ihrer Praxis vorkommenden ähnlichen Belästi¬ 
gungen derartige eingreifende Mittel mitunter zum grössten Nachtheile für die 
Leidende in Anwendung zu bringen, um dadurch der mehr oder weniger umständ¬ 
lichen Zuziehung des Arztes überhoben zu sein. Nur zu leicht wird ausserdem die 
Hebamme verleitet werden, auch bei anderen Vorkommnissen, in denen der ärzt¬ 
liche Beistand bestimmt vorgeschrieben und selbst'unvermeidlich ist, denselben 


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Dr. Wachs, 


nicht in Anspruch zu nehmen, indem sie sich mit ihren Erfahrungen bezüglich 
der günstigen Wirkung jener milden Abführmittel damit zu beruhigen weiss, dass 
auch diese Forderung am Ende wol nicht so streng gemeint sein könne. 

Um derartige Verirrungen nicht aufkommen zu lassen, scheint es doch weit 
empfehlenswerther zu sein, die Anwendung einzelner milder Abführmittel und 
deren Dosen zu lehren. Mit um so grösserer Zuversicht kann dann die Vermeidung 
eingreifender Mittel und wiederum die gewissenhafte Anrufung ärztlicher Hülfe 
um so bestimmter erhofft werden. — 

Dass mehrere, theilweise einflussreiche Abschnitte eine ungleichmässige 
Bearbeitung erfahren haben, wie dies einerseits die sachlich nicht genügenden 
Paragraphen von den Schwangerschaftszeichen, sowie von der geburtshülflichen 
Erkundigung und Untersuchung, und andererseits die für die Schülerinnen nur 
schwer begreifliche, detaillirte Schilderung der Möglichkeit des Geburtsmecba- 
nismus bei gewissen verengten Beckenformen beweisen, dürfte ebenfalls dem 
Lehrbuche nicht zur Empfehlung gereichen. Diese verschiedenen, der Aufklärung 
bedürftigen, oft recht complicirten Lehren, welche theils für Hebammen überhaupt 
nicht nöthig, theils geradezu unfassbar sind, treten ganz besonders bei dem 
Gebrauche des Lehrbuchs in den Unterrichtsstunden in unangenehmer Weise 
zu Tage. 

Endlich können wir unsere Missbilligung nicht zurückhalten, dass anderen 
Autoren und Fachgenossen auf dem Gebiete des Hebammen-Unterricbts im In- 
und Auslande, welche vielfach doch volle Anerkennung verdienen, nur äusserst 
geringe Beachtung geschenkt worden ist. 


Wenn sonach viele Mängel dem gegenwärtigen Lehrbuche an¬ 
haften, so dürfte kaum noch ein Zweifel an der Nothwendigkeit eines 
geeigneteren Hebammen-Lehrbuchs aufkommen, und zwar im Anschluss 
an die neuerdings in den Vordergrund getretenen Reformbestrebungen 
des Hebammenwesens, namentlich nach dessen administrativer Seite 
hin, wodurch gleichzeitig dem physischen Wohle der nachfolgenden 
Generationen ausreichende Rechnung getragen wird. 

Die Abfassung eines derartigen, ebensowohl den Fortschritten der 
Wissenschaft, als dem praktischen Bedürfnisse der Gegenwart allseitig 
genügenden Hebammen-Lehrbuches halten wir aber nach unserer Er¬ 
fahrung für eine keineswegs zu unterschätzende Aufgabe. Muss man 
sich doch von vornherein zugestehen, dass wie überhaupt für jede 
Branche des elementaren Unterrichts, so auch für die Ausbildung einer 
Hebamme erst das Beste gut genug ist, selbst abgesehen von 
der allgemein gültigen Ansicht, dass sich die Schwierigkeit, ein gutes 
Elementarbuch zu schreiben, ungleich bedeutender herausstellt, als 
dies bei einem Handbuche der Fall zu sein pflegt, welches ganz den 
nämlichen Stoff in wissenschaftlicher Form abhandelt. — 


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Kritik des preussischen Hebammen-Lehrbuehs :t29 

Schliesslich sei noch die Bemerkung gestattet, dass wir in Folge 
unserer fast drei Jahrzehnte hindurch geübten Lehrthätigkeit und zu¬ 
mal der an Ort und Stelle gewonnenen Einsicht der Ausdehnung 
und Methode des Hebammen-Unterrichts in zahlreichen, zum Theil 
ausländischen Lehranstalten für den in Rede stehenden Zweig des 
elementaren Unterrichts das wärmste Interesse gewonnen haben und 
ihm dasselbe trotz mancher bei allem ernsten Streben, wie ja offen 
zugestanden werden muss, hinter den Erwartungen zurückgebliebenen 
Erfolgen auch dauernd bewahren. 

Gerade dieser rege Antheil an der Förderung und Hebung des Heb¬ 
ammenfachs hat uns aber, gleichzeitig wohlbewusst des Diesterwcg- 
schcn Ausspruchs: „Kritisiren ist gut und nöthig, es gehört 
aber nicht immer zu den angenehmsten Geschäften“, zu vor¬ 
stehender Kritik des jetzigen prcussischen Hebammen-Lehrbuehs die 
Veranlassung gegeben, da überdies anderweitige sachkundige und ein¬ 
gehende Beurtheilungen auf Grund der Erfahrung bisher nicht in die 
Oeflfentlichkeit gelangten, und wir doch eine derartige offene und 
möglichst unparteiische Begutachtung für eine nicht zu „umgehende 
Pflicht der Lehrstellung zu halten geneigt sind. 


5. 

Das Kreiskraakenhaus, eine hiaaie Nethweidigkeit. 

Von 

Sanitätsrath Dr. Rupprecht in Hettstädt. 


Die Krankenhäuser gehören zu den grössten, sanitären Wohlthaten, be¬ 
sonders für jene Classen der Bevölkerung, welche in Krankheitsfällen 
keine oder eine nicht ausreichende Fatnilienpflege haben. Es bestehen 
daher in vielen Kreisen, längst nicht in den meisten oder gar in allen, Kreis- 
krank enhäuser, resp. Communal-, Städtische oder Privatinstituie, 
wo pflegelose oder schwer Kranke Unterkunft und erfolgreiche Behandlung fin¬ 
den. Ich werde nachstehend die Bedürfnissfrage zu besprechen mir erlauben 
und hoffe zu beweisen, dass die Votirung eines den localen und hygienischen 
Anforderungen entsprechenden Kreiskrankenhauses eine humane Noth- 
wendigkeit sei. Die dauernde Erhal tung desselben dürfte grössere Sub¬ 
ventionen aus Kreismitteln kaum beanspruchen. Ich wende mich besonders 
an die Aerzte, in der Hoffnung, dass diese das humane Ferment sein wer- 


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330 


Dr. Rapprecht, 


den, da sie das dringende Bedürfniss am besten kennen, welches dem Votam im 
Gehirne nicht nur, sondern aach im Herzen and in der Hand der Kreisver- 
tretnngen, zur Gestalt verhilft. Meine Collegen werden es sich hoffentlich im 
humanen Interesse gefallen lassen, dass ich längst Bekanntes zur 
Sprache bringe. 

Das Kreiskrankenhaus will vor allem dem familienlosen Kranken 
ein Asyl sein, aber auch solchen, denen private Pflege aus irgend einem Grande 
nicht die Gewähr baldiger und sicherer Genesung oder der möglichsten Er¬ 
leichterung bis zum Tode bietet: den kranken Armen, Dienstboten, 
Lehrlingen. Gesellen, Fabrikarbeitern, Feldarbeitern, Handwerks¬ 
burschen, wandernden Gewerbetreibenden und den sonstigen Pas¬ 
santen and Vagabonden. Nur die Geisteskranken and Unheilbaren 
schliesst es aus und überlässt dieselben dem Irreuhaase, resp. Siechen- 
banse. 

Das Loos der Armen ist schon in gesunden Tagen höchst verbesserungs¬ 
bedürftig, geschweige in Zeiten der Krankheit, besonders der scBweren, 
langwierigen, abscheuerregenden oder ansteckenden Krankheit. 
Unsere Armen leben einzeln, familienweise oder in Gruppen, je nach Wahl, 
oder sie sind von den Verpflichteten bei Verwandten, Freunden, in irgend einer 
Miethswohnung oder im Armenbause der Gemeinde, resp. der Gutsherrschaft 
antergebracht. Für den nothbedürftigsten Lebensunterhalt reicht dort die ge¬ 
setzliche Unterstützung gewöhnlich kaum hin. Das Betteln muss aushelfen. 
Auskömmlichkeit neben freier Wohnung, in Arbeit oder ausreichender Bekösti¬ 
gung wurzelnd, in freundlicher, gesunder Umgebung bildet die Ausnahme; be¬ 
gehrlicher Müssiggang in überfüllten, ungesunden Wohnungen, mit meist demora- 
lisirender, physischer Atmosphäre: die Regel. Krankheitsfälle verschlimmern 
die Lage bis zum Unerträglichen. Was der Zufall spendet oder Andere für 
den Kranken erbetteln, ist die Speise; was Genossen aus Mitleid thun oder 
gegen kargen Lohn hartherzig, widerwillig und zögernd gewähren: die Pflege. 
Volksmittel, Streichfrau, Barbier, Schäfer, Sympathie, homöopathische Guren von 
bergeversetzenden Predigern, Lehrern etc., weise Frauen, Schinder, kaum jemals 
ein Heildiener, sind die Helfer. Und tritt in S tädten, wo Armenärzte 
zu fungiren pflegen, oder ausnahmsweise auch einmal auf dem Lande, bei an¬ 
steckenden, langwierigen oder ungewöhnliches Aufsehen erregenden Krankheiten 
und Verletzungen ein Arzt an das Krankenlager, so scheitern oft dessen beste 
Intentionen an der Unmöglichkeit, geschulte Pflege, Reinlichkeit, Ven¬ 
tilation u. s. w., in erfolgreicher Weise zu schaffen und durchzuführen. Dazu 
kommt bei Landkranken die Unausführbarkeit täglicher oder gar täglich 
wiederholter ärztlicher Besuche, die doch für die glückliche Behandlung 
so vieler Krankbeitszustände durchaus nothwendig sind. Die Folge von allem 
ist, dass der drohenden Arbeitsunfähigkeit oder dem unter günstigeren Verhält¬ 
nissen recht wol zu verhütenden tödtlicben Ausgange oft genug nicht zu be¬ 
gegnen ist, dass Schmerz und Qual sich nur unvollkommen erleichtern und 
Krüppelhaftigkeit, Erblindung, Taubheit und lebenslängliches Siechthum u. s. w. 
nicht abwenden lassen. 

Die kranken Dienstboten pflegt man in der Mehrzahl der Fälle, wenig¬ 
stens in den kleineren Haushaltungen, möglichst bald nach der Heimath 


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Das Kreiskrankenhaus, eine humane Nothwendigkeit. 


331 


zu schaffen, unter dem Vorwände, dass sie sich, gleichviel welche Verhältnisse 
dort bestehen mögen, „zu Hause“ besser abwarten könnten, im Grunde aber, 
weil man keinen Platz für sie hat, Mühe und Kosten der Pflege scheut, An¬ 
steckung fürchtet u. s. w. Und werden Dienstboten ausnahmsweise einmal in 
der Behausung ihrer Herrschaft zurückbebalten, wie jämmerlich sind dann 
oft die Krankenstuben, die Verpflegung u. s. w.! Auch den ferneren 
Verpflichtungen hält man sich in der Regel für überhoben, weil man die 
Krankheit für selbstverschuldet, für Verstellung, für das Product von 
Faulheit, des eigenen Ungeschicks u. s. w. ansieht. Auf der grössern 
Gütern sucht man sich meist nur der ansteckenden Kranken zu entledigen. 
Für andere Kranke müssen Krankenstuben und Betten gewöhnlich erst ex- 
temporirt werden, die dann primitiv genug auszufallen pflegen, wenn man 
nicht vorzieht, sie ebenfalls zur Pflege in die Heimath überzuführen und die 
Krankheit dadurch möglicherweise in’s Unberechenbare zu verschleppen. 
An geübten menschenfreundlichen Wärtern und Wärterinnen, die Tag und 
Nacht bei der Hand sind, für gewissenhafte Anwendung der vom Arzte verord- 
neten Mittel und Massnahmen sorgen, das Quacksalbern hinter seinem Rücken 
nicht zulassen u. s. w., fehlt es fast überall; ebenso an Verbandmitteln und 
dem nötbigen Material, für bequeme Lagerung und menschenwürdige 
Bequemlichkeit. Und erst die Diät. Der Arzt mag verordnen, was er will, 
die Mitdienstboten, Freunde, Freundinnen des Kranken wissen es 
besser. Sie denken stets zunächst an Verhungern und stecken ihm fortwäh¬ 
rend zu, nach dem Grundsatz: „Kranke dürfen alles essen, worauf sie 
Appetit haben und vor allen Dingen muss erst der Schwäche durch 
kräftige Nahrung abgoholfen werden, weil sie sich bei der Arbeit 
haben übernehmen müssen.* 4 

Die Lehrlinge und Gesellen theiler. in der Regel das Loos der Dienst¬ 
boten, soweit sie in den Behausungen der Meister bleiben. In den Herber¬ 
gen, denn diese sind meist der Zufluchtsort auch der kranken Handwerker, 
fehlt es fast durchweg an isolirten Krankenstuben, sowie an gehöriger 
Wartung, Diät, Reinlichkeit u. s. w., daher, da die Herbergen gewöhnlich in den 
Häusern von Krämern, Gastwirthen, Bäckern, Fleischern u. s. w, sich 
befinden, kommen die in den resp. Localitäten verkehrenden Kunden und Gäste 
und namentlich die einkehrenden Handwerksbursohen, fortwährend mit 
den Kranken in Berührung. Dem Kranken fehlt es an Ruhe; das Publi¬ 
kum setzt sich der Ansteckung aus und der Arzt ist ausser Stande, 
dem Kranken den möglichsten Comfort zu schaffen und thunlichst 
schnell und sicher seine Genesung herbeizuführen. 

Die Fabrik- und Feldarbeiter der grösseren Güter sind meist in 
Kasernen untergebracht, oder sie lagern auf Böden, in Schuppen u. s. w. 
An gehörig isolirten und zweckmässig eingerichteten Krankenstuben pflegt es 
auch hier zu fehlen. Die Kranken sind den Störungen, resp. Amendements und 
Einflüsterungen bezüglich „ungerechtfertigter Gefahr, Gefahrlosig¬ 
keit u. s. w.“ seitens der zahlreichen überklugen, neugierigen, ziemlich rohen, 
rücksichtslosen und zanksüchtigen Kasernenbevölkerung ausgesetzt.* Geschulte 
und theilnehmende Wärter und Wärterinnen fehlen meist und Reinlich? 
keit, Ventilation, Desinfection, geordnete Diät u. s, w. sind unbe? 


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L>r. Ru pp recht, 


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kannte, nicht zu realisironde Dinge. Wo Casernements nicht bestehen, transpor- 
tirt man die Kranken gewöhnlich möglichst schnell nach der Heimath. wenigstens 
bei langwierigen. lebensgefährlichen oder ansteckenden Krankheiten, gleichviel, 
wie weit die Entfernung ist, ob die heimischen Verhältnisse günstig oder un¬ 
günstig für die Pflege sind und ob Krankheitsverschleppungen erfolgen 
mögen oder nicht. Leichtere Kranke und Verletzte behält man zwar in 
der Regel zurück. Wartung, Diät, Bequemlichkeit u. s. w. sind dann 
aber ebenfalls meist höchst mangelhaft und noch überdies pflegt es nicht an 
Aufmunterungen zu fehlen, „doch nun endlich die Arbeit wieder aufzu¬ 
nehmen.“ Im grossen Ganzen ist das Loos der kranken Eichsfelder, Har¬ 
zer, Oderbrucher, Schlesier, Polen, Schweden u. s. w. „im Lande “ 
nicht beneidenswerth und der Curerfolg subjectiv und objectiv im Durchschnitt 
sehr wenig befriedigend. 

Erkrankt ein umherziehender Benneckensteiner, Rastelbinder, 
Lumpensammler, Leierkastenmann, Bärenführer, Vagabondu. s. w., 
noch dazu an einer ansteckenden Krankheit (Typhus. Ruhr, Pocken, Cho¬ 
lera, Krätze u. s. w.), so muss er im Allgemeinen fast hilflos und wie ausge- 
stossen aus der menschlichen Gesellschaft in irgend einer Schänke liegen, bis er 
durch die Vermittelung der Polizei Verwaltung in dem bereits überfüllten Armen¬ 
hause oder bei einer in der Regel übel beleumundeten Person der Gemeinde 
Unterkunft findet. Aber wie ist es denn um Zimmer, Bett, Wäsche, Pflege, 
Theilnabme u. s. w. bestellt? Man muss es selbst erlebt haben, wenn solche 
mit Schmutz und Ungeziefer bedeckten, schmerzgefolterten, todesmatten Kranken 
gebadet und gereinigt in das frischbezogene, bequeme Bett des rein¬ 
lichen, luftigen Krankenzimmers gelangen, wo ihnen nun sorgliche 
Pflege und gute, regelmässige Kost u. s. w. zu Theil wird. Man muss 
den Druck der Hand gefühlt, den thränenfeuchten Dankesblick gesehen haben, 
um den Abstand ermessen zu können, der zwischen der alltäglichen Wirk¬ 
lichkeit und der humanen Möglichkeit besteht. 

Höchst traurig und oft ganz unmenschlich ist endlich das Schicksal 
alleinstehender Personen, wenn sie von Krankheiten befallen wer¬ 
den: der Auszügler und geistesschwachen, gebrechlichen, krüppel¬ 
haften oder mit offenen Schäden behafteten Männer, Wittwen und 
Waisen. Zu ihrem Leiden fügt man nicht selten noch Vorwürfe über nicht 
fleckenlose Vergangenheit, über durchgebrachtes, ungerecht vertheiltes, weil an 
unwürdige, oder entferntere Verwandte ausgesetztes Vermögen, über den zu 
geringen Betrag der Entschädigung, über Weichlichkeit, Verstellung, Widerspen¬ 
stigkeit. Ungeduld u.s. w., über zu lange Dauer der „doch nun einmal nicht 
zu heilenden Krankheit etc.“ Hingebende Pflege und gewissenhafte 
opferwillige Ausführung der ärztlichen Anord nun gen wird nur den 
wenigsten jener Unglücklichen zu Theil und der immer und immer wieder aus¬ 
gesprochene Wunsch: „es möge ihnen etwas gegeben werden, damit sie 
bald stürben“, ist die Signatur eines socialen Elends, von dem man in den 
glücklicher, situirten Gesellschaftskreisen keine Ahnung hat. 

Alle diese Bilder sind nach dem Leben gezeichnet. Ich könnte sie noch 
durch viele Beispiele illustriren, begnüge mich aber damit, nur einen selbst¬ 
erlebten, eclatanten Fall anzuführen. Als ich eines Tages in einer Schmiede zu 


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Das Kreiskrankenhaus, eine hamane Nothwendigkeit. 


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thun hatte. fiel mir an der russigen Decke des Hausflurs ein gelblich-feuchter 
Fleck auf. Auf meine Frage, woher derselbe komme, wurde mir von dem 
Schmiedemeister die Antwort, „seine kranke Schwester liege oben.“ Ich 
wusste nichts von einer Schwester, trotzdem ich vielfach im Laufe der Jahre 
in der Familie zu thun gehabt hatte. Ich begab mich deshalb sofort zu der 
Kranken. Sie hatte wegen eines grossen Mastdarmvorfalls achtzehn 
Jahre lang in einer fast dunklen Estrichkammer einsam auf ihrem 
Lager verbracht und fand ich den tütenartigen Vorfall, der die Grösse und 
den Umfang eines halben Zuckerhutes hatte, mit Bettstroh, Blut und 
allerlei Schmutz bedeckt. Eine angelegte T-Binde liess die Aerinste bis 
an ihr Ende wieder in ihrer Familie und damit wieder in der Welt verkehren. 
Wie ganz anders würde ein Krankenhaus auf die Unglückliche gewirkt haben, 
wenn darin gleich zu Anfang des Leidens durch Keilexcision oder durch 
das Glüheisen der Vorfall geheilt worden wäre. 

Der rühmenden Ausnahmen giebt es allerdings nicht wenige. Manche 
Kranken finden zum Theil bei ganz Fremden erbarmende Aufnahme und erfolg¬ 
reiche Behandlung. Anderen öffnet die Klinik oder irgend ein Kranken¬ 
haus die Pforten, wo die Menschenliebe, im Bunde mit Kunst und 
Wissenschaft nun auch an ihnen Samariterdienst verrichten kann. Doch 
der verbesserungsbedürftigen Fälle sind leider die Mehrzahl! Hier 
kann nur ein nahes Krankenhaus Abhilfe schaffen , vorausgesetzt, 
dass die bewährten, hygienischen Grundsätze das Fundament bil¬ 
den und echtes Christenthum und Humanität das Institut durch¬ 
wärmen. 

Ist die Errichtung des Kreiskankenhauses votirt, so fragt es sich, wo das 
Haus seine Stelle finden soll. Ich glaube, dass aus naheliegenden Gründen nur 
eine der Städte des Kreises in Frage kommen kann: die Kroisstadt oder eine 
der grösseren Städte im Centrum. Mehrere kleine Krankenhäuser 
machen die Bau- und Erhaltungskosten grösser. Der Einwurf, dass 
eine Stadt im Centrum des Kreises von dessen Peripherie zu weit entfernt 
liegt, ist hinfällig. Die Erfahrungen der Sanitätszüge, auf denen unsere kranken 
und verwundeten Soldaten von Lemans, Orleans, Paris u. s. w., zum Theil bis 
Königsberg ohne Nachtheil geschafft worden sind, sowie die täglich in die 
Universitätskliniken, nicht selten aus sehr entlegenen Gegenden ein¬ 
gelieferten Schwerkranken bezeugen es. Es darf daher als Erfahrungssatz 
gelten, dass jeder Kranke, mit alleiniger Ausnahme der an Starr¬ 
krampf leidenden, auf weite Entfernungen hin transportabel sei. 
Man sorge nur dafür, dass die Kranken unterwegs gut gelagert und beaufsich¬ 
tigt, resp. mit zweckmässigen Nothverbänden versehen sind. Uebrigens 
ermässigen sich grössere Kosten für die entfernter gelegenen Ortschaften da¬ 
durch, dass die verpflichteten Gemeinden in der Hegel den Kranken nur einmal 
bei dessen Ueberführung in’s Krankenhaus fahren zu lassen haben. 

Am zweckmässigsten wird das Haus in einem parkartigen, etwa 50 Ar. 
(2 Morgen) grossen Garten erbaut. Der Garten muss nicht zu klein sein, um 
das Promeniren den Reconvalescenten zu gestatten, sowie etwaige Erweiterungs¬ 
bauten des Hauses, die Aufstellung von Baracken, eines Eisberges, des Trocken¬ 
platzes u. s. w. Das Haus liege darin ausserhalb und zugleich unterhalb 


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Dr. Rapprecht, 


der Stadt, unweit eines Flusses, der die meisten Abfallstoffe aufneh¬ 
men kann. (?) Der Grund und Boden befinde sich möglichst auf einem Lehm¬ 
hügel und sei die Front des Hauses nach Süden, südöstlich oder-süd¬ 
westlich gerichtet. Als Baustyl empfiehlt sich ein zweistöckiger Mittelbau 
mit Seitenflügeln. Ich nehme an, dass der Anfang gemacht wird mit einem 
kleineren Hause, etwa zu 25 Betten. Bei grösserem Bedürfniss (50 Betten) 
würde dann auf den Flügeln leicht eine obere Etage aufzusetzen sein und diese 
vielleicht den Frauen und Kindern angewiesen werden. Die Wirthschafts- 
räume, Badezimmer, Leichenkammer u. s. w. sind im Nebengebäude 
untergebracht. Das ganze Haus ist unterkellert und befindet sich im Sou¬ 
terrain u. a. eine Brennkammer zum Desinficiren. Die Krankenzimmer 
werden zu 2—4 Betten eingerichtet, von denen ein jedes, sofern es einen Er¬ 
wachsenen aufnimmt, mindestens 20 Cbm. Luftcubus hat. Der Bau selbst werde 
massiv ausgeführt (Barnsteine). In je einem Giebel der oberen Etage be¬ 
findet sich das Zimmer für Krätzkranke und Syphilitische. Iin Mittelbau 
oben ist die Wohnung des Hausmeisters. Nach hinten liegt die Isolir- 
zelle, worin u. a. gemeingefährliche Kreiskranke bis zu deren Ueber- 
führung in die Provinzial-Irrenanstalt sicher untergebracht wer¬ 
den können. Der Isblirzelle gegenüber ist das Zimmer je für Syphilitische 
und Krätzige weiblichen Geschlechts. Die Krankenzimmer des Erdge¬ 
schosses haben Flügelthüren, Doppelfenster mit Shawlgardinen aus Segel¬ 
leinwand, Centralfeuerung (z. B. die sehr praktische und billige, patentirte 
von Liebau in Sudenburg bei Magdeburg). Die Ventilation, überhaupt alle 
Einrichtungen der neueren Hygiene, ist möglichst einfach, da der orthodoxe 
Listerverband die raffinirten und deshalb sehr kostspieligen, hygienischen 
Massnahmen so gut als überflüssig macht. Die Fussböden, besonders der 
Krankenzimmer, sind gefirnisst. Die mindestens 3,5 Mtr. hohen Wände 
darin werden bis 2 Mtr. Höhe mit Oelfarbe gestrichen. Erleuchtung durch 
Hängelampen, durchlaufende Veranda an der Vorderfront des Hauses, 
um die geeigneten Kranken in die frische Luft bringen zu können, mit direk¬ 
tem Eingänge vom Corridor aus, ausser den Eingängen vom Garten aus, 
je an einer Seite und vorn, an der Mitte der Veranda. Eiserne Bettstellen 
für die Kranken, daneben Tischchen und Stuhl und in jedem Krankenzimmer 
ausserdem noch ein grösserer Tisch zum gemeinsamen Essen etc. Das 
Arztzimmer, hinten im Erdgeschoss des Mittelbaues, neben dem Eingänge 
und gegenüber das Zimmer des Portiers und die Kleiderkammer. Hin¬ 
ter den Krankenstuben verlaufen Corridors, je mit einem besonderen Eingänge 
zu jedem Krankenzimmer. Die Corridors sind breit genug, um nöthigenfalls 
noch Krankenbetten aufnehmen zu können, daher durch die Centralfeuerung mit 
zu heizen. Der Brunnen mit gesundem Wasser neben den Wirthschafts- 
räumen. Am Ende jedes Seitenflügels die Aborte (am besten mit dem 
Heidelberger Tonnensystem). Badezelle, vom Corridor aus zu erreichen, 
im Seitengebäude neben der Waschküche, am Fussböden und an den 
Wänden mit Fliessen ausgelegt und mit Knetbank und Douche ver¬ 
sehen. Der Fussböden der Badezelle nach der Mitte und zugleich nach 
dem Abflussrohre zu, etwas geneigt. Die Krankenzimmer für Männer sind 
von denen für Frauen und Kinder durch Corridorabschlüsse streng 


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Bas Kreiskrankenhaus, eine humane Nothwendigkeit. 


335 


getrennt. In die obere Etage führen mehrere, bequeme (Feuersgefahr) 
steinerne Treppen. Das Hans selbst hat einen, resp. mehrere Blitzableite r. 
Die Dächer sind überall platt und bestehen aus Dachpappe oder Schiefer, 
wenn Spitzdächer unerlässlich sind. 

Eine fernere, wichtige Frage ist: für wieviel Betten soll das Kreis¬ 
krankenhaus eingerichtet werden? Ich schätze die Bettenzahl, da der 
Kreis durchschnittlich zu 50000Einw. anzunehmen sein wird, auf fünfzig (25 
für Männer, 15 für Frauen, 10 für Kinder). In Kreisen nahe an Universi¬ 
tätsstädten oder in der Nachbarschaft anderer Krankenanstalten, 
welche jeden beliebigen Kranken aufnehmen, kann sich die Zahl der Zim¬ 
mer entsprechend ermässigen. 

Die Kosten eines Krankenhauses mit 50 Betten würden sich auf etwa 
50000 Mark belaufen. Vorausgesetzt, dass ein Kreis von durchschnittlich 
50000 Einw. jene 50000 Mark zu leihen und innerhalb zehn Jahren zu 
amortisiren hätte, so würde der Antheil nur 10 Pfennige pro Kopf und 
Jahr betragen. Eine so geringe Ausgabe wird gewiss auch der 
Aermste aufbringen können und wieviel Unglück würde dadurch 
verhütet, oder doch erträglicher gemacht werden! 

Das Kreiskrankeuhaus muss über soviel Geldmittel gebieten können, dass 
es seinen Kranken den nöthigen Comfort (Lehnstuhl, Rollstuhl u. s. w.) 
und den Entlassenen die nöthigen Erleichterungsmittel und die un¬ 
entbehrlichsten, orthopädischen Apparate (Brillen, Bruchbänder, Stelz- 
füsse u. s. w.) unentgeltlich gewähren kann. Dies wird sich leicht erzielen 
lassen, wenn das Haus bezüglich der Erhaltungskosten die folgenden Bedingun¬ 
gen der Aufnahme und Behandlung seinen Kranken auferlegt. 

1) Obligatorisches Abonnement seitens aller Gemeinden des Kreises, 
für jeden ihrer notorisch Armen, mit 3 Mark pro Kopf und Jahr. 

2) Facultatives Abonnement für jeden Dienstboten, Lehrling, 
Gesellen, Fabrikarbeiter u. s. w., nach denselben Sätzen unter der Bedin¬ 
gung, dass jede Herrschaft für ihre sämmtlichen Dienstboten, Feld-und 
Fabrikarbeiter u. s. w., jeder Meister, resp. jede der bestehenden Kranken¬ 
kassen, für ihre sämmtlichen Mitglieder (Lehrlinge, Gesellen u. s. w.) 
abonnirt. 

3) Für jeden nicht abonnirten Kranken werden pro Kopf und Tag 
1,50 Mark gezahlt und zwar im Voraus, je für einen Monat. 

4) Beim Abonnement ist das Kalenderjahr zu Grunde zu legen. 

5) Auch Nichtkreiseingesessene können zu etwas erhöhten Prei¬ 
sen abonniren, resp. jeden Kranken zu erhöhten Tagespreisen in das Kreis¬ 
krankenhaus aufnehmen und darin behandeln lassen. 

6) Dauert eine Krankheit über drei Monate, so ist für die fernere 
freie Cur event. ein Beschluss des Vorstandes erforderlich, dessen Vor¬ 
sitzender stet s der Kreislandrath ist. Der dirigirendo Krankenhausarzt ist jedes¬ 
mal Vorstandsmitglied. 

Bei der im Volke bestehenden Abneigung gegen Krankenhausbehand¬ 
lung wird man nicht zu fürchten haben, das mit vielen Opfern geschaffene Kreis¬ 
krankenhaus werde unbenutzt bleiben. Gute Pflege und glückliche 
Heilerfolge werden von selbst die Frequenz desselben steigern. 


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Dr. Rupprecht, 


Alle Vorurtlieile werden und müssen schwinden, wenn nur das Haus 
nach den bewährtesten, hygieuischen Principien eingerichtet und 
verwaltet wird und wenn der Vorstand den Grundsatz befolgt: 
unter allen Umständen und ohne Ansehen der Person an den Kran¬ 
ken Elternstelle zu vertreten und alles zu leisten, was Kunst und 
Wissenschaft vermögen. Man wird also darauf gefasst sein müssen, dass 
die Kranken fast überall sich erst allmälig an dio Krankenhausbehand¬ 
lung gewöhnen. Welche Wohlthat ist dann aber das Krankenhaus zu¬ 
nächst für Männer, die doch bei ihrer anstrengenderen und complicir- 
teren Arbeit gefährlicheren Verletzungen und Krankheiten am meisten 
ausgesetzl sind. Wie viele gehen jetzt an hochfieberhaften Krankheiten zu 
Grunde, die das Krankenhaus, unter Beihilfe kalter Uebergiessungen in 
kühlem Unterbade, fast ausnahmslos geheilt haben würde. Ich habe einst bei 
einem herkulischen Polen (Eisenbahnarbeiter} mit schwerem Typhus binnen 
3 Wochen, im Durchschnitt dreistündlich durch Tag und Nacht, 145 
kalte Uebergiessungeu, jedesmal von 4 Eimern, zusammen also von 
580 Eimern machen lassen müssen, ehe die fluctuirende Temperatur hinter 
der lebensgefährlichen Grenze dauernd zurückblieb und Genesung ein¬ 
trat. Wie will man Gleiches in den beschränkten Wohnungen der 
Armen ermöglichen, wo es an allem zu fehlen pflegt, namentlich 
auch an geschultem Wartepersonal, und wo man noch ausserdem 
die Vorurtheile der Umgebung zu bekämpfen hat! 

Die complicirten Fracturen und schweren Verletzungen bilden 
ferner eine wahre Crux für die private Behandlung, besonders der Armen und 
Arbeiter. 

Wieviel besser würden sich die Curerfolge bei diesen so häufig vorkom¬ 
menden Uebeln unter dem allgemeinen Einflüsse der Krankenhausbe¬ 
handlung gestalten! Ich gedenke hierbei statt vieler Fälle nur einiger, 
besonders eclatanter. Ein Mann war bei einer Fractur des Oberschenkels 
last ohne jede sachverständige Behandlung geblieben. Laien hatten 
ihm gerathen, mit dem gebrochenen Gliede nur immer recht fest gegen 
das untere Bettbrett zu treten. Die Folge war, dass die Heilung sich mit 
einer drei und einen halben Zoll betragenden Verkürzung vollzog und 
dass der Aermste an Krücke und Stock, fast arbeitsunfähig, durch sein fer¬ 
neres Leben hinken musste, weil er jeden Eingriff ablehnte, der ihn zur Arbeit 
wieder einigermassen geschickt zu machen geeignet gewesen wäre. Ein anderer 
Arbeiter hatte durch Auffallen eines 10 Centner schweren Maschinentheils einen 
complicirten Unterschenkelbruch erlitten. Nach vielen martervollen Wochen war 
endlich Heilung erfolgt; doch fand sich die Fussspitze nach dem inneren 
Knöchel des gesunden Fusses gerichtet, das Kniegelenk zeigte eine stumpf¬ 
winklige Ankylose und aus der offen gebliebenen Bruchstelle stiessen sich noch 
Jahr und Tag nekrotische Knochenfragmento ab. Ein Dritter hatte, ebenfalls in 
der vorantiseplischen Zeit, eine complicirte Fractur des Oberschenkels davon ge¬ 
tragen dadurch, dass er bei Gelegenheit des Einlassens eines grossen, steinernen 
Tränktrogs in eine Grube des Viehrings 35 Fuss hoch auf ein nahes Dach ge¬ 
schleudert (gewippt) und dann auf das Steinpflaster des Hofes herabgefallen war. 
Das eine Bruchende hatte die Haut durchbohrt. Es war zwar gelungen. die 


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Das Kreiskrankenbaus, eine humane Nothwendigkeit. 


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Ampatation zu verhüten, doch zeigte nach der sich durch fast 6 Monate hin¬ 
schleppenden Heilung der Fuss eine Verkürzung von beinahe drei Zoll, da 
sich während der Consolidation grosse Knochenstücke wiederholt abgestossen 
hatten. Nach einigen Jahren starb der Unglückliche an Amyloidniere. Und für 
wie viele andere Leiden kann nur das Krankenhaus möglichst erfolgreiche 
Heilung herbeiführen, gegenüber der Misere, in der sich so viele Kranken rings 
um uns her befinden! 

Aber auch für die kranken Frauen ist das Krankenhaus die grösste Wohl- 
that. Wie traurig ist oft ihr Schicksal, wenn arme Frauen in das Puerperium 
treten! Es ist ein Wunder, dass dann nicht alle septicämisch zu Grunde gehen, 
da die moderne Antiseptik des Wochenbetts ihnen die humane Rettungshand 
verschlossen zu haben scheint. Und die Aermsten, welche Jahre hindurch 
wegen eines offenen Fusses, der die Arbeitsfähigkeit behindert, oder auf¬ 
hebt, auf ihrem kalten Lager, unter unsäglichen Schmerzen zu vertrauern haben! 
Und gar die, welche mit Vorfällen, Krebs, Fisteln, Dammriss u. s. w. 
behaftet sind, denen allen doch eine meist leichte Operation Hilfe bringen 
könnte. Ach, und wie vielen anderen unglücklichen Dulderinnen wäre im 
Krankenhause zu helfen gewesen! 

Endlich auch den kranken Kindern der Armen bringt das Krankenhaus 
unendlichen Segen. Wie viele von ihnen verdammt unser jetziger, socialer 
Missstand zum Tode oder zum lebenslänglichen Siechthum, ja zu der 
unglaublichsten Krüppelhaftigkeit! Die Fälle von Hüftgelenk- und 
Wirbelentzündung, von Kltimpfuss, Winkelstellung der Gliedmassen 
u. s. w. wären fast alle mit leichter Mühe durch Extension, Filz-Corsett, Kno- 
chenresection, Brisement u. s. w. zu heilen gewesen. Und erst die Kinder mit 
Knochenfrass, Nekrose, scrophulöser Augenentzündung, Mittel¬ 
ohrkatarrh, fressender Flechte u. s. w.! Weil sie nicht rechtzeitig der 
Krankenhaus-Behandlung unterworfen werden konnten, müssen sie im 
Elend der Privatpflege verkümmern und oft noch im späten Alter die 
Consequenzen der früheren Krankheit sich entwickeln sehen: der Tuberku¬ 
lose, Amyloidentartung u. s. w., um daran entweder unbarmherzig zu 
Grunde zu gehen oder jahrelang arbeitsunfähig ihren Gemeinden 
zur Last zu fallen. 


6 . 

Studie zur Bevölkerungs-Statistik. 

Von 

W. Zuelzer in Berlin. 


Durch eine äussere Veranlassung bin ich zur Publication dieser 
Studie veranlasst, die schon vor längerer Zeit abgeschlossen ist. Sie 
soll dazu dienen, den Weg zu zeigen, auf dem die Angaben der Be¬ 
völkerungsstatistik für die Hygiene nutzbar gemacht werden können. 

Vierteljahrasehr. f. ger. Med. K. F. XXXVIII. 2. 22 


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W. Zuelzer, 


Obgleich ich schon früher wiederholt kleinere Abschnitte der 
Medicinalstatistik in ähnlicher Weise bearbeitet habe, — ich verweise 
hierbei auf die Abhandlungen in meiner Zeitschrift: Wochenblatt 
für raed. Statistik und Epidemiologie (1868—1870) und in 
den „Beiträgen zur Medicinalstatistik von Schweig, Schwarz 
und mir (Stuttgart 1875—1878) —, so ist doch die Methode bisher 
noch nicht in grösserem Massstabe zur Anwendung gelangt. 

Es kommt hierbei darauf an, aus den gegebenen Zahlen der 
Volkszählungen und der Mortalität dasjenige Moment zu entwickeln, 
welches die wirkliche Lebensintensität des Individuums unter ver¬ 
schiedenen Lebensbedingungen am schärfsten erkennen lässt. 

Dieser Zweck scheint mir dadurch am sichersten erreichbar, dass 
die natürlichen Differenzen in der Widerstandsfähigkeit des Organis¬ 
mus gegen äussere Schädlichkeiten, — die uns im Einzelnen unbe¬ 
kannt sind und die wir daher nur summarisch in Betracht ziehen 
können, — soweit als möglich eliminirt werden. Dies ist thunlich 
bezüglich der absoluten Energie de